Psychiatr Prax 2008; 35(3): 149
DOI: 10.1055/s-2008-1074814
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Wilhelm Griesinger (1817-1868)

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Publikationsdatum:
10. April 2008 (online)

 

Das Lebenswerk des Württembergers Wilhelm Griesinger wurde in einem an Beliebigkeit grenzenden Maße interpretiert. Unter deutschen Universitätspsychiatern des 19. Jahrhunderts, die sich mit der Versorgung psychisch Kranker beschäftigten, war er der prominenteste. Er studierte Medizin in Tübingen, war fasziniert von Frankreich und engagierte sich politisch. Nach Paris und Friedrichshafen wurde er in Winnenthal Assistent bei Albert Zeller, einem Vertreter der "Einheitspsychose". Hier entstand sein Lehrbuch (1845/1861). Er entwarf ein der Psychologie gegenüber offenes Krankheitssystem und suchte physiologische und pathologisch-anatomische Befunde mit klinischer Beobachtung zu verbinden. Nach Tätigkeiten in Tübingen, Kiel, Kairo u.a. wechselte er 1860 nach Zürich, wo er die dortige Anstalt zur Universitätsklinik umgestaltete. Als Autor ("Über Irrenanstalten und deren Weiterentwicklung in Deutschland", 1868) war er geachtet und geächtet zugleich. Seine "physiologische" Sicht auf die Nervenheilkunde ohne strenge Abgrenzung zwischen Neurologie und Psychiatrie schloss eine soziale Sicht auf die Psychiatrie nicht aus. Er engagierte sich für freie Verpflegungsformen wie agrikole Kolonie oder Familienpflege, spät auch für den no-restraint. Das Fehlen eines umfassenden psychiatrischen Konzepts erklären die divergierenden Meinungen über Griesinger nur zum Teil. 1864 folgte Griesinger einem Ruf nach Berlin, etablierte eine Fachgesellschaft sowie eine verbundene "Psychiatrische und Nervenklinik". In den Auseinandersetzungen um sein Reformprogramm unterlag er und verstarb 1868 an einer Blinddarmentzündung. Im gleichen Jahr wurden seine stark von den Gegebenheiten der Charité geprägten Reformvorschläge abgelehnt, fanden sich jedoch in vielfältigen Innovationen der nachfolgenden Jahrzehnte wieder.

Dr. Thomas Müller

eMail: th.mueller@zfp-weissenau.de

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