B & G 2008; 24: S18-S19
DOI: 10.1055/s-2008-1076916
B & G SUPPLEMENT

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Adipositas – zurück in die Zukunft

A. Berg1
  • 1Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Universitätsklinik, Abt. Rehabilitative und Präventive Sportmedizin
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Publication Date:
17 September 2008 (online)

Um für die Zukunft gesund und normalgewichtig bleiben zu wollen, gibt es nur einen Weg: Wir müssen zurück! Zurück zu mehr Bewegung und natürlichem Verhalten, zu mehr sozialer und ökologischer Verantwortung. Wie uns allen bewusst ist, haben unsere aktuellen Lebensumstände und Verhaltensweisen ehemals erfolgreiche biologische Grundprinzipien weitgehend außer Kraft gesetzt. Unaufhaltsam sind wir dabei auf dem Weg zu einer übergewichtigen und chronisch kranken Gesellschaft. Die Notwendigkeit, sich für das Erreichen alltäglicher Dinge bewegen zu müssen, ist weitgehend verloren gegangen. Wir leben in einer automatisierten Welt, in der selbst die kleinste Anforderung durch Knopfdruck erledigt werden kann.

Die Folge der veränderten Lebenssituation ist nicht nur der zunehmende Mangel an körperlicher und motorischer Fertigkeit, sondern auch ein Verlust an Gesundheitsverantwortung. Jeder lebt v. a. für sich und in seiner auf wirtschaftliche Interessen ausgerichteten Umwelt. Auf die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Lebensumstände brauchen wir nicht mehr bis ins späte Erwachsenenalter zu warten. So finden wir in allen Altersgruppen eine dramatische Zunahme der Adipositas und ihrer Folgeerkrankungen, v. a. des Diabetes-Typ-2 und des Metabolischen Syndroms. Eingebettet in eine Lebenswelt mit hohem Lebensmittelangebot und mit einer hohen Verfügbarkeit von energiesparenden Verhaltensweisen ist die körperliche Inaktivität heute nicht nur ein Beispiel für unsere Konsumgewohnheiten, sondern auch einer der bedeutendsten gesundheitlichen Risikofaktoren.

Bewegung tut also gut – besonders bei bereits bestehendem Übergewicht! Eine Nachricht, die eigentlich keinen mehr wundert, die aber jedes Mal für viele neu ist und alle aufs Neue fasziniert. Nachdem die Arbeitsgruppe von J. E. Manson der Harvard-Universität am Kollektiv der Women's Health Study (WHS) schon zuvor auf die Beziehung zwischen Freizeitaktivität, Body-Mass-Index (BMI) und die Neigung zum Diabetes-Typ-2 hingewiesen hatte [1], ist jetzt aktuell im „Archives of Internal Medicine” eine weitere Originalarbeit zur Wirkung und Bedeutung des Lebensstilfaktors „Körperliche Aktivität” erschienen. In die Studie einbezogen waren fast 39 000 zu Beginn herzgesunde Frauen mit einem durchschnittlichen Alter von 55 Jahren; der Beobachtungszeitraum betrug 10,9 Jahre [2].

Die Daten der Studie belegen, dass übergewichtige und adipöse Frauen neben ihrem metabolischen Risiko auch ein deutlich erhöhtes Risiko für die koronare Herzkrankheit und den Herzinfarkt haben und dass dieses erhöhte Risiko durch die regelmäßige Freizeitaktivität signifikant gesenkt werden kann. Während für Normalgewichtige der Lebensstilfaktor Bewegung bezüglich des koronaren Risikos kaum eine Rolle spielt, macht sich die Schutzwirkung der Freizeitaktivität bei Übergewicht und Adipositas deutlich bemerkbar. So sinkt das KHK-Risiko für die aktiven Übergewichtigen um 22 %, das KHK-Risiko für die aktiven Adipösen sogar um 35 %. Adipöse profitieren also im besonderen Maße von ihrer Freizeitaktivität. Dabei gelten BMI und Freizeitaktivität als voneinander unabhängige Faktoren; allerdings lässt sich das durch Übergewicht und Adipositas entstehende Mehrrisiko durch den Bewegungsfaktor nicht eliminieren. Beide Faktoren bleiben also wichtig, um das KHK-Risiko zu minimieren (vgl. [Abb. 1]).

Abb. 1 Kalkuliertes KHK-Risiko im BMI-Aktivitätsmodell. Berechnet wurde das KHK-Risiko im Bezug zu aktiven Normalgewichtigen (Risiko 1,0). Zugrunde gelegt wurden 948 Fälle von KHK-Neudiagnosen bzw. eines Infarktereignisses im Beobachtungszeitraum (zit. n. [2]).

Als aktiv gilt nicht nur in dieser Studie, wer pro Woche wenigstens 1 000 kcal durch körperliche Aktivität in der Freizeit verbraucht. Verteilt auf 5 Tage in der Woche bedeutet das 200 kcal pro Bewegungseinheit. Das ist bereits durch ein flottes Spazierengehen („Walking”) über ca. 30 Minuten zu erreichen; Beispiele für den Energieumsatz bei einer Gehgeschwindigkeit von 6 km / h sind in [Tabelle 1] gegeben:

Tab. 1 Energiemehrumsatz bei einer Walking-Geschwindigkeit von 6 km / h (Intensität 5 MET) in Abhängigkeit des Körpergewichts. Körpergewicht in kg  60  70  80  90 100 110 120 130 140 O2-Verbrauch (l / min)  1,05  1,23  1,40  1,58  1,75  1,93  2,10  2,28  2,45 Energieverbrauch pro Minute (kcal / min)  5,25  6,15  7,00  7,90  8,75  9,65  10,50  11,40  12,25 Energieverbrauch pro Stunde (kcal / h) 315 370 420 475 535 580 630 685 735

Es versteht sich von selbst, dass mit zunehmendem Körpergewicht die gleiche Arbeitsintensität nicht nur mehr Energie verbraucht, sondern auch als schwerer und körperlich belastender empfunden wird. Für die Anleitung zur Bewegung hat das nicht nur theoretische Bedeutung. Für die Bewegungspraxis folgt daraus die Konsequenz, dass Übergewichtige wie auch Untrainierte eine niedrigere Arbeitsintensität wählen müssen, um nicht vorzeitig zu ermüden und um nicht frustriert ihren Aktivitätsversuch abzubrechen. Es ist also nicht sinnvoll, sich am physiologisch möglichen zu orientieren, sondern eine individuelle Belastungsintensität zu wählen, die möglichst lange ein- und durchgehalten werden kann. Trotzdem ist es für den Sportanfänger nicht motivierend, wenn man das physiologisch Mögliche, also den Energieverbrauch eines Ausdauer-Trainierten, mit dem individuell Machbaren, also dem Energieverbrauch eines untrainierten Übergewichtigen, vergleicht und die Unterschiede im Kalorieninhalt gegenüberstellt. Besonders dramatisch fällt der Vergleich v. a. dann aus, wenn der Trainierte seine Aktivitätseinheit zwei Stunden durchhält und damit über 2 000 Kalorien umsetzt, der Untrainierte dagegen nur 30 Minuten durchhält und so nur die 200 Kalorienbilanz erreicht hat.

Deshalb muss gerade für Übergewichtige und Adipöse betont werden, dass körperliche Aktivität nicht nur Sport im eigentlichen Sinne beinhaltet. Zwischen sportlichem Trainieren und der allgemeinen körperlichen Aktivität in der Freizeit besteht für die Beurteilung der Eigenschaft „aktiv” und der Abschätzung der aktivitätsinduzierten Energieausgabe kein Unterschied. Gerade beim „unsportlichen” und älteren Menschen tragen Aktivitäten, z. B. Garten- oder Hausarbeit, Treppensteigen, Wandern, Spazierengehen oder Einkaufen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, ganz erheblich zum Aktivitätsumsatz bei. Freiburger Daten zur Aktivitätsanamnese von Erwachsenen zeigen, dass durch Alltagsaktivitäten therapeutisch und präventiv wirksame Energieumsätze problemlos erreicht werden. Eigentlich gibt es also für Inaktivität keine Ausrede.

Angesprochen sind nicht nur die Inaktiven, Untrainierten und Übergewichtigen, sondern wir als Experten, die aus gesundheitspolitischer wie auch sportwissenschaftlicher und sportmedizinischer Sicht unsere Lebenswelt zu mehr Verantwortung und einem höherem Gesundheitsbewusstsein verändern wollen. Angesprochen sind alle, die sich um das „Gesundheitsproblem Nummer 1” in unserem Land kümmern: Ärzte und Ernährungswissenschaftler, Ernährungsberater und Sporttherapeuten, Psychologen und Pädagogen, Vereinsmanager und Politiker. Beim Wissen um die nachhaltige Wirkung des Lebensstils auf die Entwicklung von Übergewicht und Begleiterkrankungen stehen Ernährung und Bewegung dabei so stark wie noch nie im Fokus des Gesundheitsbewusstseins. Wir kommen nicht umhin, Übergewicht und Adipositas als Anpassung an eine nicht normale Umwelt zu sehen. Und es bedarf erheblicher Anstrengungen außerhalb der medizinischen Versorgungssysteme, diese Umwelt wieder zu normalisieren.

Wir hätten nicht die Hoffnung auf einen Erfolg ohne das Wissen darum, dass Gesundheit lernbar und Verhalten korrigierbar ist. Gesunde Ernährung und vermehrte körperliche Freizeitaktivität können dazu beitragen, Übergewicht zu verhindern und krankmachende Risikofaktoren zu reduzieren. Als interdisziplinäre Fachgesellschaft muss sich der DVGS zusammen mit Partnern wie Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG) und Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) dafür einsetzen, Gesundheitsziele verhaltensorientiert und praxisnah anzugehen. „Gesunde Ernährung und mehr Bewegung” als Schlüssel für eine bessere Lebensqualität und Gesundheitsprognose in der Zukunft ist deshalb eine Strategie, auf die sich alle Fachgesellschaften mit präventivmedizinischem Interesse gemeinsam einigen können. Der vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMVEL) aktuell formulierte Aktionsplan gegen Übergewicht und Diabetes ist mit seinen Forderungen ein wichtiger Schritt in eine gesundere und hoffentlich normalgewichtige Zukunft.

In diesem Sinne möchte ich alle B & G-Leser wie auch alle DVGS-Mitglieder bei dieser Gelegenheit im Namen der DAG und als Tagungspräsident der 25. DAG-Jahrestagung für den Herbst 2008 ins Konzerthaus nach Freiburg einladen (www.ctw-congress.de/adipositas/ ). In der Zeit vom 16.–18.10.2008 werden sich Experten und Therapeuten in Sachen Prävention und Therapie von Übergewicht und Adipositas einbringen und zum Veranstaltungsmotto „Adipositas als Krankheit” aktuell informieren und Wege aufzeigen, um in Prävention und Therapie der Adipositas erfolgreicher als bisher zu sein. Kein Zweifel, dass hierzu auch die Bewegung gehört. 

Literatur

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. A. Berg

Med. Universitätsklinik · Abt. Rehabilitative und Präventive Sportmedizin

Hugstetter Str. 55

79106 Freiburg