Zusammenfassung
Ziel der Studie: Das Thema Organallokation gewinnt auch im öffentlichen Diskurs zunehmend an Brisanz.
Der Hauptgrund hierfür liegt in der fehlenden Spendebereitschaft – gerade auch in
der deutschen Bevölkerung – und damit dem Fehlen von Organen. Nach welchen Kriterien
das knappe Gut Organ verteilt werden soll, möchte dieser Beitrag aus alltagsweltlicher
Sicht untersuchen.
Methodik: Mittels Vignettenanalyse wurden studentische Probanden dazu aufgefordert, fiktiven
Organaspiranten mit variierenden Merkmalen einen Platz auf einer Warteliste für Organempfänger
zuzuweisen.
Ergebnisse: Mehrebenenanalysen zeigen, dass Personen mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit und
hoher Dringlichkeit einer Transplantation bevorzugt werden, ebenso wie jüngere Personen
und Organempfänger, die für Kinder im gleichen Haushalt verantwortlich sind. Keinen
Einfluss bewirken das Geschlecht, der Familienstand und Kinder der Organempfänger,
die nicht im gleichen Haushalt wohnen. Neben Vignettenmerkmalen wurden auch die Einflüsse
von Befragtenmerkmalen untersucht. Ältere Probanden vergeben eher vordere Wartelistenplätze.
Es wurden allerdings keine fiktiven Personen bevorzugt, die hinsichtlich Alter, Geschlecht
und Gesundheitsstatus den Befragten ähnlich sind (Homophiliethese).
Schlussfolgerungen: Auch wenn die als legitim anerkannten Verteilungskriterien von Spenderorganen ausschließlich
medizinische oder als weitgehend medizinisch indizierte Kriterien umfassen, so konnte
gezeigt werden, dass medizinische Laien bei der Vergabe von Warteplätzen für Spenderorgane
dennoch über diese Kriterien deutlich hinausgehende Aspekte berücksichtigen. Insgesamt
agieren die Probanden nach erstaunlich rationalem Kalkül. Sie optimieren nicht nur
die Chance auf einen erfolgreichen Eingriff, sondern auch die vermutete Überlebensdauer
der fiktiven Patienten.
Abstract
Objective: Organ donation is widely discussed due to the lack of willingness among the public
to be an organ donor and the resulting lack of organs destined for organ procurement.
Criteria for the allocation of organs are analysed here from the view of laypersons.
Methodology: In a factorial survey, graduate students have been challenged to waitlist a fictive
population of organ recipients.
Results: The results of the multi-level analysis show that recipients with a high chance of
survival and a high level of acuteness are favoured together with young recipients
and people with children living in the same household. The attributes gender, marital
status and children living outside the household of the organ recipients have no effect.
In addition to factorial attributes, characteristics of the respondents have been
analysed as well. Older respondents distribute more favourable places on the waiting
list. Fictive recipients similar to the respondents (due to relative same age, gender
and health status) were not preferred by the interviewees.
Conclusions: Even if official criteria for the allocation of organs account for medical or predominantly
medical aspects, the results of the survey show that laypersons have further considerations
in mind. In general, laypersons adjudicate organ procurement in a completely rational
way. They maximise successful interventions and the survival time of the fictive patients.
Schlüsselwörter
Organallokation - Warteliste - Verteilungsgerechtigkeit - Vignettenanalyse
Key words
organ allocation - waiting list - distributive justice - factorial survey