Schlüsselwörter
Colitis ulcerosa - Chronisch-entzündliche Darmerkrankung - Diagnose - Therapie - Remission
- Remissionserhaltung
Key words
ulcerative colitis - IBD - diagnosis - treatment - remission - maintenance
1. Informationen zu dieser Leitlinie
1. Informationen zu dieser Leitlinie
Herausgeber
Federführende Fachgesellschaft
Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankrankheiten
(DGVS)
Geltungsbereich und Zweck
In Deutschland sind etwa 150 000 Einwohner an einer Colitis ulcerosa erkrankt. Für
die meisten Patienten beginnt die Erkrankung während der Schulzeit oder der Berufsausbildung
und dauert während des gesamten Lebens an. Neben dem persönlichen Leiden verursacht
die Erkrankung beträchtliche Kosten für die Gesellschaft. Viele Patienten erhalten
jedoch nach wie vor keine adäquate Therapie. Die Aktualisierung der zuletzt 2011 aktualisierten
Leitlinie wird von den beteiligten Fachgesellschaften daher als besonders wichtig
erachtet.
Zielorientierung der Leitlinie
Ziel der Leitlinie soll es sein, in der hausärztlichen, internistischen, chirurgischen,
pädiatrischen und gastroenterologischen Praxis einfach anwendbar zu sein. Die Behandlung
besonders schwerer oder komplizierter Fälle, wie sie in Spezialambulanzen und spezialisierten
Praxen erfolgt, kann durch diese Leitlinie nicht vollständig abgebildet werden.
Die Themen „Extraintestinale Manifestationen“ und „CED-assoziierte Erkrankungen“ sowie
„Schmerzen“ wurden in der letzten Morbus-Crohn-Leitlinie von 2014 abgehandelt und
sollten daher in der Colitis-ulcerosa-Leitlinie nicht erneut aufgegriffen werden.
„Infektiologische Probleme“ sowie das Thema „Ernährung“ wurden in der letzten Morbus-Crohn-Leitlinie
nicht fokussiert und sollten daher in dieser Leitlinie gezielt aufgearbeitet werden.
Patientenzielgruppe sind Patienten jeden Alters mit Colitis ulcerosa.
Versorgungsbereich
Ambulant und stationär, hausärztlich, pädiatrisch, internistisch, chirurgisch und
gastroenterologisch.
Anwenderzielgruppe/Adressaten
Die Leitlinie richtet sich an alle an der Diagnostik und Therapie beteiligten Berufsgruppen
(Allgemeinmediziner, Internisten, Kinder- und Jugendmediziner, Chirurgen, Gastroenterologen,
Pathologen, Fachassistenz CED) sowie Betroffene und Angehörige und Leistungserbringer
(Krankenkassen, Rentenversicherungsträger).
Zusammensetzung der Leitliniengruppe: Beteiligung von Interessengruppen
Die Leitung der Leitlinienüberarbeitung erfolgte durch zwei Hauptkoordinatoren (Axel
Dignass, Frankfurt, und Torsten Kucharzik, Lüneburg) in enger Abstimmung mit einer
Steuergruppe ([Tab. 1]).
Tab. 1
Steuergruppe.
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Name
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Ort
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Zuständigkeit
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B. Bokemeyer
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Minden
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Vertreter der Niedergelassenen Gastroenterologen, Kompetenznetz KN-CED
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A. Dignass
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Frankfurt
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Koordinator, ALGK, DGVS
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B. Kaltz
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Berlin
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DCCV
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T. Kucharzik
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Lüneburg
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Koordinator, ALGK, ECCO
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S. Schreiber
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Kiel
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Kompetenznetz KN-CED, universitäre Gastroenterologie
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B. Siegmund
|
Berlin
|
ECCO, universitäre Gastroenterologie, DGVS
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Neben diesen Leitungsgremien wurden fünf Arbeitsgruppen (AGs) gebildet, die jeweils
von zwei Leitern geleitet wurden ([Tab. 2]). Aufgrund des Umfangs der zu bearbeitenden Themen wurde die AG Diagnostik von drei
AG-Leitern geleitet. In den AGs wurden universitäre und nichtuniversitäre Ärzte, Klinikärzte
und niedergelassene Ärzte in einem ausgewogenen Verhältnis eingesetzt. In den AGs
haben neben Gastroenterologen und Chirurgen Pädiater, Pathologen, Komplementärmediziner,
Ernährungsmediziner, Fachassistenzen CED (FACED) und Patienten (DCCV) mitgearbeitet.
Tab. 2
Mitglieder der Leitliniengruppe.
|
AG 1: Diagnostik
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Leiter
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R. Atreya, Erlangen (DGVS)
B. Bokemeyer, Minden (KN-CED, DGVS)
K. Herrlinger, Hamburg (DGVS)
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KK-Teilnehmer
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D. Bettenworth, Münster (DGVS)
M. Götz, Tübingen (DGVS)
U. Helwig, Oldenburg (DGVS)
L. Leifeld, Hildesheim (DGVS)
G. Moog, Kassel (DGVS)[1]
E. Rijcken, Münster (DGAV/DGK)
F. Autschbach, Heilbronn (DGP)
G. Baretton, Dresden (DGP)
I. Kanbach, Berlin (DCCV)
S. Buderus, Bonn (GPGE)1
P. Hartmann, Minden (FACED)
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AG 2: Schub
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Leiter
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T. Kucharzik, Lüneburg (DGVS, KN-CED)
B. Siegmund, Berlin (DGVS, KN-CED)1
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KK-Teilnehmer
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J. Büning, Lübeck (DGVS)
R. Ehehalt, Heidelberg (DGVS)
W. Häuser, Saarbrücken (DGVS)
F. Hartmann, Frankfurt (DGVS)
K. Kannengießer, Lüneburg (DGVS)
K.-M. Keller, Wiesbaden (GPGE)
A. Lügering, Münster (DGVS)
S. In der Smitten, Berlin (DCCV)
J. Zemke, Herne (FACED)
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AG 3: Remissionserhaltung
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Leiter
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A. Dignass, Frankfurt (DGVS)
S. Schreiber, Kiel (KN-CED, DGVS)
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KK-Teilnehmer
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C. Maaser, Lüneburg (DGVS)
G. Rogler, Zürich (DGVS)1
S. Koletzko, München (GPGE)1
T. Kühbacher, Hamburg (DGVS)
W. Kruis, Köln (DGVS)
P. Esters, Frankfurt (DGVS)
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AG 4: Therapie- und CED-assoziierte Infektionen
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Leiter
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A. Stallmach, Jena (DGVS)1
N. Teich, Leipzig (DGVS)1
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KK-Teilnehmer
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M. Reinshagen, Braunschweig (DGVS)
T. Andus, Stuttgart (DGVS)
O. Bachmann, Hannover (DGVS)
M. Bläker, Hamburg (DGVS)
C. Veltkamp, Heidelberg (DGVS)
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AG 5: Chirurgie/Pouchitis
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Leiter
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P. Kienle, Heidelberg (DGAV/DGK)
A. Sturm, Berlin (DGVS)
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KK-Teilnehmer
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S. Fichtner-Feigl, Freiburg (DGAV/DGCH/DGK)1
K. Fellermann, Lübeck (DGVS)
E. Stange, Stuttgart (DGVS)
A. Kroesen, Köln (DGAV/DGCH/DGK)
A. Pace, Neumünster (DGVS)
B. Kaltz, Berlin (DCCV)
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AG 6: Komplementärmedizin und Ernährung
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Leiter
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J. Langhorst, Essen (DGVS)
J. Stein, Frankfurt (DGVS)
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KK-Teilnehmer
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H. Matthes, Berlin (DGVS)
D. C. Baumgart, Berlin (DGVS)1
J. Ockenga, Bremen (DGEM, DGVS)
J. Klaus, Ulm (DGVS)
C. Gross, Berlin (DCCV)
|
|
Koordinatoren
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A. Dignass, Frankfurt (DGVS)
T. Kucharzik, Lüneburg (DGVS)
|
1 entschuldigte Mitglieder.
Aus jeder AG haben alle Mitglieder an der Onlinebefragung und fast alle Mitglieder
an der Konsensuskonferenz teilgenommen.
Repräsentativität der Leitliniengruppe: Beteiligte Fachgesellschaften
-
DGVS (Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten)
-
DGAV (Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie)
-
DGCH (Deutsche Gesellschaft für Chirurgie)
-
GPGE (Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie und Ernährungsmedizin)
-
KN-CED (Kompetenznetz Darmerkrankungen)
-
DCCV e. V. (Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung)
-
FACED (Fachangestellte für chronisch entzündliche Darmerkrankungen)
-
DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin)
-
DGP (Deutsche Gesellschaft für Pathologie)
-
DGK (Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie)
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) wurde zur
Mitarbeit an der Leitlinie eingeladen, konnte das Leitlinienvorhaben aber aufgrund
personeller Engpässe nicht unterstützen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Innere
Medizin e. V. DGIM) wurde zur Mitarbeit an der Leitlinie eingeladen, hat sich aber
nicht beteiligen können.
Repräsentativität der Leitliniengruppe: Beteiligung von Patienten
Direkte Mitarbeit von mehreren Vertretern der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa
Vereinigung (DCCV) e. V.
Methodologische Exaktheit
Recherche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Belege (Evidenzbasierung)
Vorgängerversionen dieser Leitlinie sind die S3-Leitlinien Colitis ulcerosa von 2011
und 2008. Aufgrund neuer methodischer Anforderungen wurde vor Beginn der Überarbeitung
die anzuwendende Methodik am 05.07.2016 im Rahmen einer Telefonkonferenz innerhalb
der Steuergruppe diskutiert und anschließend konsentiert.
Die Suchstrategie der letzten Colitis-Leitlinie wurde von den Koordinatoren zusammen
mit den AG-Leitern überarbeitet. Mit der systematischen Literaturrecherche dieser
Aktualisierung wurde die clinical guideline services usergroup (CGS) beauftragt; die
Literaturrecherche wurde durchgeführt durch Frau Maria Kallenbach. Zunächst wurde
eine systematische Suche nach Leitlinien und eine Bewertung nach dem Deutschen Instrument
zur methodischen Leitlinienbewertung (DELBI) durchgeführt und eine Leitliniensynopse
erstellt.
Für Themengebiete von besonderer klinischer Wichtigkeit, besonderer Strittigkeit oder
besonders häufiger fehlerhafter Anwendung wurden von den AG-Leitern Schlüsselfragen
definiert, eine systematische Literaturrecherche wurde de novo durchgeführt und Evidenztabellen
wurden erstellt. Die Literatur konnte bis zum Zeitpunkt der Konsensuskonferenz ergänzt
werden durch Arbeiten, die den AG-Mitgliedern bekannt waren, die aber nicht durch
die systematische Suche erfasst wurden. Empfehlungen, für die keine neue Evidenz vorlag,
wurden unverändert aus der alten Leitlinie übernommen.
Die Literaturbewertung wurde nach der Evidenzklassifizierung des Oxford Centre for
Evidence-based Medicine 2011 ([Abb. 1]) durchgeführt.
Abb. 1 CEBM Levels of Evidence 2011.
Die Details zur Suche und zu Auswahl und Bewertung der Evidenz sind im Leitlinienreport
dargestellt.
Formulierung der Empfehlungen und strukturierte Konsensfindung
Auf der Grundlage der Recherche, Auswahl und Bewertung der Evidenz wurden die Empfehlungen
und Hintergrundtexte durch die AGs erarbeitet und zunächst im E-Mail-Umlaufverfahren
innerhalb der einzelnen AGs abgestimmt. Bei der Überführung der Evidenzstärke in die
Empfehlungsstärke konnte der Empfehlungsgrad gegenüber dem Evidenzgrad aus den in
[Abb. 2] angegebenen Gründen auf- oder abgewertet werden. Die Graduierung der Empfehlungen
erfolgte außerdem über die Formulierung soll, sollte, kann ([Tab. 3]).
Abb. 2 Schema der Empfehlungsgraduierung.
Tab. 3
Schema zur Graduierung von Empfehlungen.
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Empfehlungsgrad (nur S3)
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Beschreibung
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Syntax
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A
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starke Empfehlung
|
soll
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B
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Empfehlung
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sollte
|
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C
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offen
|
kann
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Alle Empfehlungen wurden in einem zweistufigen Konsensverfahren abgestimmt:
-
onlinebasiertes Delphiverfahren
-
abschließende Konsensuskonferenz unter Moderation
Die Konsensusstärke wurde gemäß [Tab. 4] festgelegt. Im Anschluss an die Konsensuskonferenz erfolgte die finale Überarbeitung
durch die AG-Leiter und die redaktionelle Zusammenstellung der Leitlinie durch die
Koordinatoren.
Tab. 4
Einteilung der Konsensstärke.
|
Konsens
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% Zustimmung
|
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Starker Konsens
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> 95
|
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Konsens
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> 75 – 95
|
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Mehrheitliche Zustimmung
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> 50 – 75
|
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Kein Konsens
|
< 50
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Statements
Als Statements werden Darlegungen oder Erläuterungen von spezifischen Sachverhalten
oder Fragestellungen ohne unmittelbare Handlungsaufforderung bezeichnet. Sie werden
entsprechend der Vorgehensweise bei den Empfehlungen im Rahmen eines formalen Konsensusverfahrens
verabschiedet und können entweder auf Studienergebnissen oder auf Expertenmeinungen
beruhen.
Expertenkonsens
Als Expertenkonsens werden Empfehlungen bezeichnet, zu denen keine systematische Recherche
nach Literatur durchgeführt wurde. Teilweise wurde der Expertenkonsens auch angewandt,
wenn nach ausführlicher Recherche keine Literatur vorlag. Diese Empfehlungen adressieren
z. T. Vorgehensweisen der guten klinischen Praxis, zu denen keine wissenschaftlichen
Studien notwendig sind bzw. erwartet werden können. Für die Graduierung des Expertenkonsenses
wurden keine Symbole verwendet; die Stärke der Empfehlung ergibt sich aus der verwendeten
Formulierung (soll/sollte/kann) entsprechend der Abstufung in [Tab. 3].
Details zur Formulierung der Empfehlungen und zur strukturierten Konsensfindung sind
im Leitlinienreport dargestellt.
Externe Begutachtung und Verabschiedung
Verabschiedung durch die Vorstände der herausgebenden Fachgesellschaften/Organisationen
Im Anschluss an den Peer-Review-Prozess wurde die vollständige Leitlinie von allen
beteiligten Fachgesellschaften begutachtet und konsentiert.
Redaktionelle Unabhängigkeit und Finanzierung der Leitlinie
Literaturrecherche, Konferenzen und Reisekosten wurden von der DGVS finanziert. Eine
finanzielle Beteiligung Dritter erfolgte nicht. Mandatsträger und Experten arbeiteten
ausschließlich ehrenamtlich.
Darlegung von und Umgang mit Interessenkonflikten
Im Einklang mit dem AWMF-Regelwerk zum Umgang mit Interessenskonflikten haben alle
Teilnehmer Erklärungen auf dem entsprechenden AWMF-Formular vor Beginn der Konsensuskonferenz
abgegeben. Die Interessenkonflikte wurden von den Koordinatoren der Leitlinie und
Frau Lynen gesichtet und der Leitliniengruppe vor Beginn der Konsensuskonferenz präsentiert.
Die Mandatsträger der Leitlinie gaben eine Vielzahl von Interessenkonflikten an. Nach
Einschätzung der Leitliniengruppe stellen die interdisziplinäre Besetzung der Leitliniengruppe
(einschließlich stimmberechtigter Patientenvertreter) und die systematische, extern
durchgeführte Literaturrecherche und Bewertung eine wichtige Maßnahme zum Ausgleich
dieser Interessenkonflikte dar. Mandatsträger mit personenbezogenen Zuwendungen (Zugehörigkeit
zu Advisory Boards, Gutachter- und Vortragstätigkeit) wurden daher nach kritischer
Bewertung durch die Leitliniengruppe nicht von den Abstimmungen ausgeschlossen, wenn
die Art der Zuwendungen nicht einseitig (z. B. Zugehörigkeit zu mehreren Advisory
Boards) und die wissenschaftliche Expertise nicht verzichtbar war. Finanzielle Zuwendungen,
die ausschließlich wissenschaftlichen Institutionen zugeordnet werden konnten, führten
nicht zu einer Stimmenthaltung (Drittmittel, Studienbeteiligung). Mandatsträger, deren
Interessenkonflikte nicht vorlagen, oder Mandatsträger mit Eigentümerinteressen (z. B.
Patente, Aktienbesitz, Firmenzugehörigkeit) erhielten kein Stimmrecht. Nach Überprüfung
aller Interessenkonflikte wurden keine Mandatsträger ausgeschlossen. Die Interessenkonflikte
sind im Leitlinienreport veröffentlicht.
Verbreitung und Implementierung
Konzept zur Verbreitung und Implementierung
Die Leitlinie wird neben der Zeitschrift für Gastroenterologie im AWMF-Leitlinienportal
(www.awmf.de) und auf der Homepage der DGVS (www.dgvs.de) veröffentlicht. Eine englische Übersetzung, ein Patientenleitfaden durch die Gastroliga
sowie die DCCV (www.dccv.de) und ggfs. eine Kurzfassung sollen ebenfalls zur Verfügung gestellt werden.
Gültigkeitsdauer und Aktualisierungsverfahren
Die letzte Überarbeitung dieser Leitlinienaktualisierung erfolgte im Mai 2018. Die
Gültigkeit wird auf vier Jahre geschätzt. Die Überarbeitung wird durch den Leitlinienbeauftragten
der DGVS initiiert werden.
Sollte es zwischenzeitlich wichtige Neuerungen in der Diagnostik und Therapie der
Colitis ulcerosa geben, die eine kurzfristige Aktualisierung notwendig erscheinen
lassen, entscheiden die Leitlinienkoordinatoren (A. Dignass, T. Kucharzik) gemeinsam
mit einer Aktualisierungsgruppe (B. Bokemeyer, P. Kienle, B. Siegmund, A. Stallmach)
über die Notwendigkeit und die evtl. Inhalte einer Aktualisierung. Diese sollen dann
online im Leitlinienportal der AWMF und auf der Homepage der DGVS veröffentlicht werden.
Redaktioneller Hinweis
Geschlechtsneutrale Formulierung
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wird auf die geschlechtsspezifische
Schreibweise verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen in diesem Dokument sind
somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Partizipative Entscheidungsfindung
Alle Empfehlungen der Leitlinie sind als Empfehlungen zu verstehen, die im Sinne einer
partizipativen Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient und ggf. den Angehörigen
getroffen werden und umzusetzen sind.
Besonderer Hinweis
Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben,
insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand
zur Zeit der Drucklegung der Leitlinie entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen
Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die
größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die
Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und
im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollen
bitte im allgemeinen Interesse der OL-Redaktion mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst
bleibt verantwortlich für jede diagnostische und therapeutische Applikation, Medikation
und Dosierung.
In dieser Leitlinie sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders
kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht
geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb
der Bestimmung des Urhebergesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der DGVS unzulässig
und strafbar. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung
reproduziert werden. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
Mikroverfilmungen und die Einspeicherung, Nutzung und Verwertung in elektronischen
Systemen, Intranets und dem Internet.
2. Diagnostik
Klassifikation
Eine Klassifikation bezüglich der Ausdehnung der Erkrankung soll erfolgen. Es soll
eine endoskopische Einteilung in die Proktitis (begrenzt auf das Rektum), die Linksseitencolitis
(Ausdehnung bis zur linken Flexur) und die ausgedehnte Colitis erfolgen.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Eine Klassifikation der Colitis ulcerosa (CU) nach der Ausdehnung der Erkrankung ist
aus zwei wesentlichen Gründen sinnvoll. Einerseits entscheidet die Lokalisation der
Erkrankung über den Einsatz von topischer und/oder systemischer Applikation der Medikation,
insbesondere der 5-ASA-Präparate. Bei einer Proktitis werden bevorzugt Suppositorien
eingesetzt, bei der Linksseitencolitis können Einläufe oder Schaumpräparate zum Einsatz
kommen. Bei ausgedehnter Colitis ulcerosa sollten oral verabreichte Substanzen verwendet
werden, nach der Studie von Marteau allerdings idealerweise kombiniert mit einer zusätzlichen
topischen 5-ASA-Therapie [1]. Weiterhin hat die Ausdehnung Einfluss auf den Beginn des Karzinomüberwachungsprogramms.
Aus diesem Grund wird die Empfehlung zur Vorsorgekoloskopie entsprechend der Ausdehnung
der Erkrankung differenziert ausgesprochen (siehe 2.28 – 2.31). Die bevorzugte Einteilung
der Colitis ulcerosa unterscheidet die Proktitis, die Linksseitencolitis sowie die
ausgedehnte Colitis mit Ausdehnung über die linke Flexur hinaus (Montreal-Klassifikation)
[2] ([Tab. 5]).
Tab. 5
Ausdehnung der Colitis ulcerosa (nach Silverberg et al. [2])
|
Einteilung
|
Ausdehnung
|
Beschreibung
|
|
E1
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Proktitis
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Limitiert auf das Rektum (distal des rektosigmoidalen Übergangs)
|
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E2
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Linksseitencolitis
|
Befall bis zur linken Flexur
|
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E3
|
Ausgedehnte Colitis
|
Ausdehnung über die linke Flexur hinaus bis zur Pancolitis
|
Das gleichzeitige Vorliegen einer PSC soll dokumentiert werden, da dies die endoskopische
Überwachungsstrategie beeinflusst.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Die Dokumentation einer primär sklerosierenden Cholangitis (PSC) ist von Bedeutung,
da ihr Vorliegen mit einem deutlich erhöhten Risiko für die Entwicklung eines kolorektalen
Karzinoms vergesellschaftet ist [3]
[4]. Diese Tatsache hat Einfluss auf die Empfehlungen für das Kolonkarzinomüberwachungsprogramm
bei gleichzeitigem Vorliegen von Colitis ulcerosa und PSC (siehe 2.32).
Krankengeschichte
Die Anamnese sollte eine detaillierte Erfragung über Art und Beginn der Symptome,
eine kürzliche Reiseanamnese, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Kontakte mit infektiösen
Durchfallerkrankungen, Impfstatus, Raucheranamnese, Familienanamnese und die Medikamentenanamnese
(insbesondere auch bezüglich Antibiotika und nichtsteroidaler Antirheumatika) beinhalten.
Weiterhin sollte die Anamnese Fragen bezüglich extraintestinaler Manifestationen (Mund,
Haut, Augen und/oder Gelenke) sowie nach perianalen Abszessen, Fisteln und Analfissuren
beinhalten.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Selbstverständlich gehört eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung
zur täglichen Routine in der Inneren Medizin und ist nicht spezifisch für Patienten
mit Colitis ulcerosa. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Aspekte, die bei der Colitis
ulcerosa (bzw. den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen) eine besondere Rolle
spielen und eine besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Die Unterscheidung zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa kann manchmal schwierig
bzw. unmöglich sein. Das Fehlen von rektalem Blutabgang oder Symptomen bei aktiven
Rauchern sollte eher an einen Morbus Crohn denken lassen. Eine infektiöse oder medikamenteninduzierte
Colitis sollte anamnestisch, soweit möglich, abgegrenzt werden. Die Einnahme von nichtsteroidalen
Antirheumatika (NSAR) scheint ein signifikantes Risiko zu beinhalten, eine bestehende
Colitis ulcerosa zu verschlechtern [5]
[6]
[7]
[8].
Knapp die Hälfte der Patienten mit Colitis ulcerosa erlebt einen Verlauf der Erkrankung,
der eine immunsuppressive Therapie mit Steroiden, Thiopurinen oder TNF-Antikörpern
erfordert [9]
[10]. Das Risiko für opportunistische Infektionen unter immunsuppressiver Therapie, insbesondere
unter Mehrfachimmunsuppression, ist signifikant erhöht [11]. Daher wird sowohl in einem Konsensuspapier der ECCO als auch im vorliegenden Konsensuspapier
der DGVS die Erhebung und ggf. Vervollständigung des Impfstatus gefordert.
Aktives Rauchen hat einen protektiven Effekt auf die Entwicklung und den Schweregrad
einer Colitis ulcerosa [12]
[13]. Ex-Raucher hingegen haben ein 70 % höheres Risiko, eine Colitis ulcerosa zu entwickeln;
diese weist häufiger einen refraktären und ausgedehnten Verlauf auf, interessanterweise
auch im Vergleich zu Patienten, die nie geraucht haben. Krankenhausaufenthalte und
Kolektomieraten sind bei Ex-Rauchern ebenfalls höher als bei Patienten, die nie geraucht
haben [14]
[15]. Ex-Raucher, die wieder beginnen zu rauchen, scheinen einen milderen Verlauf der
Erkrankung zu erleben [16]
[17]. Umstritten ist die Frage, ob Rauchen auch das Auftreten einer PSC oder das Auftreten
einer Pouchitis nach Kolektomie und ileoanaler Pouchanlage verhindern kann [18]
[19]. Ein weiterer Zusammenhang scheint zwischen Appendektomie und der Entwicklung einer
Colitis ulcerosa zu bestehen. Kohortenstudien und eine Metaanalyse weisen darauf hin,
dass eine Appendektomie in der Kindheit (wegen „echter“ Appendizitis) einen protektiven
Effekt (69 % Risikoreduktion) bezüglich des Auftretens und des Schweregrads einer
späteren Colitis ulcerosa hat. Auch diese Daten sind nicht in allen Folgestudien bestätigt
worden [16]
[20]
[21]
[22]
[23]
[24]
[25]. Dabei scheint der protektive Effekt der Appendektomie zusätzlich zum Effekt des
Rauchens zu bestehen, während die Appendektomie nicht vor der Entwicklung einer PSC
schützt. Eine Appendektomie nach dem Auftreten einer Colitis ulcerosa scheint keinen
wesentlichen positiven Effekt mehr zu haben. Die Daten zur Appendektomie sind epidemiologisch
und pathophysiologisch interessant, sie haben im klinischen Alltag allerdings keine
therapeutische Konsequenz und werden daher in den Empfehlungen nicht berücksichtigt.
Die Familienanamnese hat einen besonderen Stellenwert in der Anamnese. Erstgradige
Verwandte von Patienten mit Colitis ulcerosa haben ein 10- bis 15-fach erhöhtes Risiko,
ebenfalls an einer Colitis ulcerosa zu erkranken [17]. Allerdings beträgt das lebenslange Risiko für erstgradige Verwandte, eine Colitis
ulcerosa zu entwickeln, nur ungefähr 5 % (oder umgekehrt 95 %, nicht an einer Colitis
ulcerosa zu erkranken). Dieses ist eine wichtige Information für Patienten bei der
Familienplanung. Familiäre Fälle von Colitis ulcerosa scheinen eher das weibliche
Geschlecht zu betreffen, weiterhin scheint das Erkrankungsalter niedriger zu liegen
im Vergleich zu sporadischen Fällen [26].
Bei Erstdiagnose und bei Auftreten spezifischer Symptome sollen eine komplette körperliche
Untersuchung inklusive einer oralen und perianalen Inspektion und die Beachtung eventuell
vorliegender extraintestinaler Manifestationen erfolgen. Eine rektale Untersuchung
soll spätestens im Rahmen der Koloskopie durchgeführt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Die körperliche Untersuchung ist bei Patienten mit Colitis ulcerosa in Abwesenheit
extraintestinaler Manifestationen wenig spezifisch. Die klinische Symptomatik insbesondere
mit Durchfällen, Tenesmen und rektalem Blutabgang ist häufig wegweisend. Bei schwerem
Schub können Tachykardie, Gewichtsverlust, abdominelle Abwehrspannung und/oder abgeschwächte
Darmgeräusche auftreten. Viel diskutiert, sowohl in der Arbeitsgruppe als auch im
Plenum, wurde die Notwendigkeit einer perianalen Inspektion sowie der rektalen Untersuchung.
Selbstverständlich ist sie nicht bei jeder Vorstellung des Patienten notwendig, sie
wird in der Regel im Rahmen einer Koloskopie erfolgen. Allerdings soll hier nochmals
auf das erhöhte Risiko (kolo)rektaler Karzinome bei Colitis ulcerosa hingewiesen werden,
sodass die Dokumentation der rektalen Untersuchung gerechtfertigt scheint. Explizit
sollte nach extraintestinalen Manifestationen insbesondere an Augen, Mund, Gelenken
und Haut sowie nach perianalen Manifestationen gefragt werden [27].
Bei Kindern und Jugendlichen sollen zusätzlich die Entwicklung von Gewicht, Länge
und das Pubertätsstadium bei Erstdiagnose und regelmäßig im Krankheitsverlauf erfasst
werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Bei Kindern und Jugendlichen ist zur Diagnose von Wachstumsverzögerungen bei jeder
Visite der z-Score oder das Längensollgewicht im Vergleich zu nationalen geschlechtsspezifischen
Referenzwerten zu erheben. Bei Wachstumsretardierung ist durch eine Röntgenaufnahme
der nicht dominanten Hand das Knochenalter zu bestimmen. Weiterhin sollte das Pubertätsstadium
nach Tanner bestimmt werden [28].
Die Diagnose einer Colitis ulcerosa soll auf dem Boden einer Kombination von Anamnese,
klinischer Untersuchung und typischen laborchemischen, sonografischen, endoskopischen
und histologischen Befunden gestellt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, Konsens
Bei Zweifel bezüglich der Diagnose sollte die Endoskopie inklusive Histologiegewinnung
im Intervall (z. B. nach 3 – 6 Monaten) wiederholt werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Der natürliche Verlauf der Colitis ulcerosa ist charakterisiert durch Episoden von
Krankheitsschüben, die sich mit Phasen der Remission abwechseln. Zu Beginn der Diagnose
kann die Abgrenzung zu einer infektiösen Colitis schwierig sein und erst der Verlauf
zeigt den chronischen Charakter der Erkrankung (siehe unten). Selten (nur ca. 5 %
der Patienten) kann der Krankheitsverlauf auch kontinuierlich ohne intermittierende
Remissionsphasen verlaufen. Ebenso häufig kann sich die Colitis ulcerosa auch als
einzelner Schub mit anschließender prolongierter andauernder Remission präsentieren
[29]. Eine zügige Etablierung der Diagnose inklusive Ausdehnung und Schweregrad des Schubs
ermöglicht eine optimale Therapiestrategie. Ein Goldstandard für die Diagnosestellung
der Colitis ulcerosa existiert allerdings nicht. Die Diagnose beruht auf der Kombination
typischer Befunde in der Anamnese, Endoskopie, aus sonografisch/radiologischen Techniken
und der Histopathologie. Die pathomorphologischen Kriterien ergeben sich aus der Biopsieentnahme
bei der Endoskopie oder aus der Aufarbeitung von Operationspräparaten. Normalbefunde
in der Histopathologie der Schleimhautbiopsien schließen eine aktive Colitis ulcerosa
aus. Nach Etablierung der Diagnose ändert sich bei ca. 10 % der Patienten innerhalb
der ersten 5 Jahre nach Diagnosestellung die Diagnose zu einem Morbus Crohn, oder
die Diagnose einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung wird insgesamt verworfen.
Daher ist, insbesondere bei Zweifeln an der Diagnose, die endoskopische und histopathologische
Bestätigung durch eine erneute Endoskopie mit Histologiegewinnung geboten [30]. Bei einer Minderheit der Patienten wird es auch im Verlauf nicht möglich sein,
die exakte Zuordnung zu den Entitäten Colitis ulcerosa und Morbus Crohn vorzunehmen,
dann spricht man von der sogenannten „indeterminierten Colitis“ (oder nach der Montreal
Working Party 2005: Inflammatory Bowel Disease unclassified (IBDu) [2]
[31].
Diagnosestellung
Die initiale Labordiagnostik sollte neben dem Blutbild mindestens folgende Parameter
enthalten: Entzündungsstatus, Eisenhaushalt, Nierenfunktion, Transaminasen und Cholestaseparameter.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Für die begleitende laborchemische Diagnostik eines Ansprechens auf die Therapie können
CRP und/oder fäkale Neutrophilenmarker als laborchemische Verlaufsparameter herangezogen
werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, mehrheitliche Zustimmung
Hintergrund
Bei jedem Patienten mit aktiver Colitis ulcerosa sollten als minimale Labordiagnostik
ein Blutbild, inflammatorische Marker (CRP), Parameter des Eisenhaushalts, Nierenretentionsparameter,
Transaminasen und Cholestaseparameter erhoben werden. Dabei können die Laborwerte,
insbesondere bei milder bis moderater Colitis ulcerosa und/oder distalem Befallsmuster,
durchaus normal ausfallen. Ausgenommen bei der Proktitis, bei der in der Regel keine
auffälligen Laborwerte zu erwarten sind, korreliert das C-reaktive Protein mit der
Ausdehnung der Erkrankung sowie schwach mit der klinischen Aktivität [32]
[33]. Der CRP-Anstieg fällt bei Patienten mit Colitis ulcerosa in der Regel geringer
aus als bei Patienten mit Morbus Crohn, kann jedoch bei CRP-positiven Patienten durchaus
auch als Marker für die klinische und endoskopische Krankheitsaktivität herangezogen
werden [34]. Bei Patienten mit schwerer Krankheitsaktivität ist in der Regel auch die BSG erhöht,
und es besteht eine Anämie. Die Wertigkeit fäkaler Stuhlmarker und insbesondere von
Calprotectin als Marker für die klinische und endoskopische Entzündungsaktivität bei
Colitis ulcerosa konnte in mehreren Studien herausgestellt werden [35]
[36]
[37]
[38]. Allerdings können naturgemäß weder serologische Marker wie das CRP noch fäkale
Entzündungsmarker die Colitis ulcerosa von einer infektiösen Ursache differenzieren.
Zwei kleine Studien berichten über einen Stellenwert von Procalcitonin zur Abgrenzung
selbstlimitierender Kolitiden [39]
[40]. Insbesondere bei der Erstdiagnostik sind zur Abgrenzung und zur Diagnostik von
selbstlimitierenden infektiösen Kolitiden Stuhlkulturen hilfreich [41]
[42] (siehe Empfehlung 2.10).
Bezüglich des Eisenhaushalts ist das Ferritin nur bedingt hilfreich, da es im Schub
als Akutphaseprotein erhöht sein kann und damit keinen Rückschluss auf die Eisenspeicher
zulässt. Daher sollte im Zweifel die Bestimmung der Transferrinsättigung bzw. des
löslichen Transferrinrezeptors hinzugezogen werden [43]
[44]
[45]
[46].
Die routinemäßige Bestimmung von perinukleären antineutrophilen cytoplasmatischen
Antikörpern (pANCA) für die Colitis ulcerosa und Anti-Saccharomyces-cerevisiae-Antikörpern
(ASCA) für den Morbus Crohn zur Differenzierung der beiden Krankheitsentitäten wird
wegen der niedrigen Sensitivität nicht empfohlen [47], kann allerdings im Einzelfall hilfreich sein. In den meisten Publikationen werden
pANCA bei maximal 65 % der Patienten mit Colitis ulcerosa und in weniger als 10 %
der Patienten mit Morbus Crohn beschrieben [48]
[49]. Eine große Metaanalyse mit Berücksichtigung von 60 Studien konnte zeigen, dass
die Sensitivität für die Detektion eines Morbus Crohn bei der Konstellation ASCA+/pANCA–
bei 55 % liegt (Spezifität 93 %), während die Sensitivität für die Detektion einer
Colitis ulcerosa bei der Konstellation pANCA+ bei 55 % (Spezifität 89 %) und bei pädiatrischen
Patienten sogar noch höher liegt (70 % bzw. 93 %) [50].
Eine intestinale Infektion sollte bei Erstdiagnostik und bei einer Schubsymptomatik
im Verlauf ausgeschlossen werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Bei der Erstdiagnostik sollte eine mikrobiologische Stuhldiagnostik auf bakteriell
infektiöse Erreger inklusive Clostridium-difficile-Toxin erfolgen.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, Konsens
Bei Patienten mit entsprechender Reiseanamnese sollte eine ergänzende Diagnostik bezüglich
landestypischer Erreger durchgeführt werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
In der initialen Diagnostik ist die Abgrenzung gegenüber infektiösen, in der Regel
selbst limitierten Ursachen wichtig. Stuhlproben sollten untersucht werden auf die
häufigen Erreger inklusive Campylobacter spp, Escherichia coli 0157:H7 und Clostridium
difficile toxin A und B. Bei entsprechender Anamnese können spezielle Stuhluntersuchungen
sinnvoll sein, wie die Stuhlmikroskopie und Stuhlantigendiagnostik auf Amöben oder
andere Parasiten. Auf die spezifische Diagnostik wird ausführlich im Infektionskapitel
eingegangen.
Bei etablierter Colitis ulcerosa soll bei schwerem Schub und bei therapierefraktärem
Verlauf bzw. vor Intensivierung einer immunsuppressiven Therapie eine mikrobiologische
Diagnostik inklusive Untersuchungen auf Clostridium-difficileToxin und Cytomegalievirus
erfolgen.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Im weiteren Verlauf muss nicht bei jedem Schub die Stuhldiagnostik wiederholt werden
[42]
[51]; allerdings sollte insbesondere die Diagnostik auf C. difficile [52]
[53]
[54] und Cytomegalievirus(CMV)-(Re-)Infektionen [55]
[56]
[57]
[58] bei schweren oder refraktären Verläufen erfolgen oder falls anamnestisch dem Schub
eine Einnahme von Antibiotika vorausgegangen ist (siehe auch Kapitel 4: Infektionen).
Die quantitative Bestimmung von fäkalen Neutrophilenmarkern (z. B. Calprotectin) sollte
in der klinischen Differenzialdiagnostik zur Abgrenzung der Beschwerden gegenüber
einer (funktionellen) Reizdarmsymptomatik genutzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, Konsens
Zur Verlaufsdiagnostik bei etablierter Colitis ulcerosa sollte die quantitative Bestimmung
von fäkalen Neutrophilenmarkern im Stuhl herangezogen werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Verschiedene fäkale Entzündungsmarker wie Calprotectin, Lysozym, PMN-Elastase, Lactoferrin
und S100A12 sind bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen untersucht worden [59]
[60]
[61]
[62]. Calprotectin und Lactoferrin scheinen dabei die höchste Sensitivität für eine intestinale
Entzündung aufzuweisen und korrelieren mit dem klinischen und endoskopischen Entzündungsgrad
der Colitis ulcerosa [63]
[64]. Fäkale Marker sind nicht in der Lage, zwischen verschiedenen Ursachen einer intestinalen
Entzündung zu unterscheiden. Aus diesem Grund ist der diagnostische Nutzen in der
Primärdiagnostik der Colitis ulcerosa limitiert. Allerdings können fäkale Marker zur
Abgrenzung funktioneller Beschwerden und insbesondere in der pädiatrischen Diagnostik
hilfreich sein. In mehreren Untersuchungen konnte belegt werden, dass sowohl pädiatrische
als auch erwachsene Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen signifikant
höhere fäkale Calprotectinwerte aufweisen als die Normalbevölkerung und als Patienten
mit Reizdarmsyndrom. Die Marker können daher sehr gut als Differenzierungsmarker zum
Reizdarmsyndrom bzw. zu nichtentzündlichen Ursachen intestinaler Beschwerden eingesetzt
werden, insbesondere in der Pädiatrie [65]
[66]
[67]
[68].
Darüber hinaus konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass u. a. Calprotectin
als Marker für die Früherkennung von Rezidiven bei Colitis ulcerosa herangezogen werden
kann, da endoskopische Rezidive mit hoher Sensitivität und Spezifität vor Auftreten
einer klinischen Symptomatik erkannt werden [37]
[38]
[69]
[70]. Im klinischen Alltag können die fäkalen Neutrophilenmarker daher hilfreich sein,
um Beschwerden der Patienten besser einordnen zu können. Aus dem individuellen longitudinalen
Profil der Neutrophilenmarker können Rückschlüsse auf die Aktivität der Erkrankung
gezogen werden.
Endoskopische Diagnostik
Bei Verdacht auf Colitis ulcerosa sollte eine Ileokoloskopie mit Biopsien aus dem
term. Ileum und allen Kolonsegmenten unter Einschluss des Rektums (zumindest zwei
Biopsien/Segment; Einsendung in getrennten Probengefäßen) erfolgen, um die Diagnose
zu stellen und die Ausdehnung der Erkrankung festzustellen.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Die komplette Koloskopie mit Intubation des terminalen Ileums und segmentaler Entnahme
von Darmbiopsien wird bei Patienten mit Verdacht auf Colitis ulcerosa in der Erstdiagnostik
einer Sigmoidoskopie vorgezogen, um einerseits das Befallsmuster klassifizieren zu
können und andererseits eine Ileitis terminalis Crohn weitgehend auszuschließen [71]
[72]. Dieses Vorgehen erscheint kosteneffektiver zu sein als eine Indexsigmoidoskopie
[73]
[74].
Im Rahmen der Erstdiagnostik sollten zumindest jeweils 2 Stufenbiopsien aus dem Ileum
und aus allen Kolonabschnitten unter Einbeziehung des Rektums gewonnen werden und
die bioptischen Proben bezüglich ihrer Lokalisation getrennt gekennzeichnet sein.
Eine wiederholte endoskopische Diagnostik mit entsprechender histopathologischer Begutachtung
im Intervall kann bei unklaren Fällen notwendig sein. Bei ca. 10 % der Patienten wurde
eine Rücknahme der Diagnosestellung einer Colitis ulcerosa bzw. eine Änderung in einen
Morbus Crohn innerhalb der ersten fünf Jahre beschrieben [75]. Bei Patienten mit akuter, schwerer Colitis wird die Durchführung einer kompletten
Koloskopie nicht empfohlen und sollte zunächst durch eine Sigmoidoskopie ersetzt werden.
Eine routinemäßige Koloskopie sollte bei Patienten mit Colitis ulcerosa in der Remission
bis zum Beginn der Karzinomüberwachung nicht erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Eine erneute endoskopische Diagnostik in der klinischen Remission kann zur Beurteilung
des Therapieansprechens und unter Immunsuppression oder biologischer Therapie unter
dem Aspekt einer Therapiedeeskalation erwogen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, starker Konsens
Eine endoskopische Evaluation kann bei therapierefraktären Verläufen zur Bestätigung
der Aktivität der Erkrankung und zum Ausschluss von infektiösen oder anderen Komplikationen
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, Konsens
Hintergrund
Trotz der Wichtigkeit zur Beurteilung der Krankheitsausdehnung bei der Festlegung
der Prognose, der Notwendigkeit zur Überwachung und der Wahl der Therapie wurde bisher
noch nicht die Angemessenheit regelmäßiger Wiederholungsuntersuchungen nach einer
Indexkoloskopie untersucht. Eine medikamentös induzierte klinische Remission muss
nicht zwingend mit einer endoskopisch oder histologisch erfassten Remission einhergehen
[76]. Es gibt andererseits zahlreiche Hinweise, dass eine sogenannte Mukosaheilung mit
einem günstigeren klinischen Ausgang assoziiert ist [77]. In systematischen Reviews konnte eine Assoziation zwischen der Mukosaheilung und
der Vermeidung einer Kolektomie, dem Erreichen einer steroidfreien und klinischen
Remission nachgewiesen werden [78]
[79], daher kann eine endoskopische Kontrolle nach einer medikamentösen Remissionsinduktion
erwogen werden.
Gleichsam kann der Mukosaaspekt auch in den Entscheidungsprozess einer Therapiedeeskalation
bei stabiler klinischer Remission unter Immunsuppression/ Biologika-Therapie herangezogen
werden. Auch wenn die Datenlage bei der Colitis ulcerosa diesbezüglich unzureichend
ist, sind die Ergebnisse bei Morbus Crohn vielversprechend [80].
Zur Bestimmung der klinischen oder endoskopischen Entzündungsaktivität stehen zahlreiche
Indizes zur Verfügung. In der täglichen Routine werden diese Indizes selten eingesetzt,
finden ihre Anwendung aber im Rahmen von klinischen Studien. Zur Evaluation der endoskopischen
Inflammation wird oftmals der endoskopische Mayo Score verwendet [81]. Den einzig validierten endoskopischen Aktivitätsindex stellt der Ulcerative Colitis
Endoscopic Index of Severity (UCEIS) dar [82].
Klinisch wird vor allem die Klassifikation einer schweren Colitis ulcerosa nach Truelove
und Witts aus dem Jahr 1955 [83] bis heute weitgehend verwendet, da sie einfach zu merken und anzuwenden ist. Diese
Klassifikation wird immer noch als das Verfahren der Wahl angesehen, um Patienten
zu identifizieren, die eine sofortige Krankenhauseinweisung und eine intensive Therapie
benötigen [84]. Für pädiatrische Patienten hat sich der PUCAI nach Turner etabliert [85].
Differenzialdiagnostische Abgrenzung zum Morbus Crohn
Bei nicht eindeutig zu klassifizierender Colitis sollte eine Diagnostik des oberen
Gastrointestinaltrakts mittels Ösophagogastroduodenoskopie (mit Biopsien) und des
mittleren Gastrointestinaltrakts mittels MRT des Dünndarms und/oder abdomineller Sonografie
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Bei diagnostischen Unklarheiten (z. B. Aussparung des Rektums, ungewöhnliche Symptome,
endoskopische Hinweise für eine Backwash-Ileitis) sollte differenzialdiagnostisch
das Vorliegen eines Morbus Crohn bedacht werden und in Abhängigkeit vom klinischen
Kontext eine entsprechende Diagnostik des oberen und mittleren Verdauungstrakts durchgeführt
werden. Dabei sollte analog zu den bestehenden DGVS-Leitlinien zur Diagnostik und
Therapie des Morbus Crohn verfahren werden [86].
Ultraschall
Die hochauflösende abdominelle Sonografie sollte Bestandteil der Diagnostik bei der
Erstdiagnose und in der Verlaufsdiagnostik sowie beim schweren akuten Schub zur Erfassung
von Komplikationen sein.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Der transabdominelle Ultraschall kann mit einer Sensitivität von bis zu 90 % Entzündungen
im Bereich des Dickdarms detektieren. Die Sonografie hat den Vorteil, preiswert und
nicht invasiv zu sein. Wie alle anderen diagnostischen Erfahren auch ist die Genauigkeit
des Verfahrens abhängig von der Erfahrung des Untersuchers. Darüber hinaus besteht
eine geringe Spezifität zur Differenzierung einer Colitis ulcerosa von anderen Ursachen
einer Dickdarmentzündung [87]
[88]
[89]. In der Hand des geübten Untersuchers kann sowohl die Aktivität der Erkrankung als
auch die Krankheitsausdehnung zuverlässig bestimmt werden [90]
[91]
[92]
[93]
[94]
[95]
[96]. Es besteht eine gute Korrelation der Sonografie mit der endoskopischen Aktivität
und durch die gute Korrelation mit dem Therapieansprechen kann die Methode auch als
prognostisches Verfahren angewandt werden [97]. Die Dopplersonografie der Arteria mesenterica superior und inferior wurde angewandt,
um die Krankheitsaktivität und das Risiko eines Rezidivs zu evaluieren. Sie sollte
jedoch aufgrund der unzureichenden Datenlage und der geringen flächendeckenden Nutzung
zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht als Standardverfahren verstanden werden [98]
[99]. Für die kontrastverstärkte Ultraschalluntersuchung (CEUS) wurde eine Korrelation
mit der histologischen Entzündungsaktivität nachgewiesen, aufgrund der zum gegenwärtigen
Zeitpunkt unzureichenden Datenlage kann allerdings keine Empfehlung zur Anwendung
als Standardverfahren gegeben werden [100].
Kolonstenose bei Colitis ulcerosa
Da das Vorliegen einer Kolonstenose bei Colitis ulcerosa malignitätsverdächtig ist,
sollte eine ausgiebige Biopsieentnahme aus dem Bereich der Stenose und zusätzlich
eine bildgebende Diagnostik (z. B. CT, MRT) erfolgen. Bei unklarer Dignität einer
Kolonstenose sollte die Entscheidung zur Operation großzügig gestellt werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Bei langjähriger Colitis ulcerosa ist eine Kolonstriktur bzw. -stenose als ein Hinweis
auf das Vorliegen eines kolorektalen Karzinoms zu interpretieren; dies erfordert daher
eine histologische Abklärung [101]. Eine definitive endoskopisch-histologische Klärung ist wegen des submukösen Wachstums
des mit Colitis ulcerosa assoziierten Karzinoms häufig schwierig [102]
[103]. Aus dem Grund wird eine entsprechende Empfehlung zur großzügigen Stellung einer
OP-Indikation als gerechtfertigt angesehen. Wenn eine Koloskopie aufgrund einer Stenose
bzw. Striktur inkomplett ist, sollte eine CT- oder MR-Kolonografie durchgeführt werden.
Eine CT-Kolonografie oder eine MR-Kolonografie kann die Schleimhautbeschaffenheit
und Ausdehnung der Colitis proximal der Striktur identifizieren, möglicherweise jedoch
nicht alle Läsionen, die im Rahmen einer Koloskopie sichtbar sind, zur Darstellung
bringen [104]
[105]. In einer retrospektiven Kohortenanalyse bei Patienten mit einer Kolonstenose bei
Morbus Crohn und bei Colitis ulcerosa, die präoperativ keine Malignitätszeichen aufwiesen,
wurde in 7,8 % der Fälle postoperativ bei den Colitis-ulcerosa-Patienten ein Kolonkarzinom
diagnostiziert [106]. Bei unklaren Befunden sollte daher die chirurgische Resektion erfolgen. Trotz der
reduzierten Evidenzlage wurde hier diese Empfehlung ausgesprochen, um jede Verzögerung
einer Operation angesichts eines möglichen Kolonkarzinoms zu vermeiden [106].
Pädiatrie
Die Diagnose einer Colitis ulcerosa sollte bei Kindern bei Vorliegen von chronischen
(> 4 Wochen) oder rezidivierenden (> 2 Episoden innerhalb von 6 Monaten) blutigen
Durchfällen nach Ausschluss einer infektiösen Genese in Betracht gezogen werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Kinder mit einer Colitis ulcerosa weisen in der Regel typische Symptome wie Anämie
(84 %), chronische Diarrhö (74 %) und abdominelle Schmerzen, vorwiegend in Form von
Tenesmen (62 %), auf [107]. Bei chronischen (> 2 Wochen) oder rezidivierenden Durchfällen sollte auch ohne
Blutbeimengungen eine Abklärung erfolgen. Gewichtsverlust ist weniger typisch bei
der Colitis ulcerosa (35 %) als beim Morbus Crohn (58 %). Das häufigste extraintestinale
Symptom stellen Arthropathien dar (10 %). Hautmanifestationen sind selten. Gegenüber
erwachsenen Patienten liegt in drei Vierteln der Fälle eine ausgedehnte Colitis ulcerosa
vor, während ein distaler Befall die Ausnahme darstellt. Über 50 % der Patienten mit
Colitis ulcerosa weisen jährlich mindestens ein Rezidiv auf. Die Diagnose einer chronisch-entzündlichen
Darmerkrankung wird bestätigt durch klinische Evaluation und eine Kombination von
biochemischen, endoskopischen, histologischen und bei Verdacht auf Morbus Crohn auch
radiologischen (MRT-Enterografie oder -Enteroklysma) Untersuchungen. Die diagnostischen
Kriterien entsprechen denen bei erwachsenen Patienten [108].
Die initiale Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen mit Verdacht auf eine chronisch-entzündliche
Darmerkrankung soll eine Ileokoloskopie mit Entnahme von Stufenbiopsien aus dem term.
Ileum und allen Kolonsegmenten beinhalten.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Im gleichen Untersuchungsgang sollte eine Ösophagogastroduodenoskopie mit Entnahme
von Stufenbiopsien erfolgen.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Für das diagnostische Vorgehen wurden von einer Arbeitsgruppe der European Society
of Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) Empfehlungen festgelegt
[109]. Kinder mit Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung sollen eine
komplette Koloskopie mit Intubation des terminalen Ileums und Entnahme von Stufenbiopsien
(terminales Ileum, Coecum, Colon ascendens, Colon transversum, Colon descendens, Sigma
und Rektum) sowie eine Ösophagogastroduodenoskopie mit Stufenbiopsien aus Ösophagus,
Magen und Duodenum erhalten [109]. Nur bei eindeutiger Zuordnung zur Colitis ulcerosa kann auf eine Bildgebung des
Dünndarms (in der Regel eine MRT-Enterografie) verzichtet werden. Im Unterschied zu
erwachsenen Patienten haben drei Viertel der pädiatrischen Patienten eine ausgedehnte
Colitis, sodass eine komplette Koloskopie obligat ist. Eine alleinige Sigmoidoskopie
ist in der Regel nicht indiziert, mit Ausnahme einer schweren Colitis ulcerosa, bei
der das Risiko einer Darmperforation erhöht ist. Die Endoskopie sollte bei pädiatrischen
Patienten in Vollnarkose oder tiefer Analgosedierung durchgeführt werden. Bei Beginn
der Colitis in den ersten 3 Lebensjahren, bei perianalen Läsionen, einer auffälligen
Anamnese für häufige oder ungewöhnliche Infektionen unabhängig vom Alter und Konsanguinität
der Eltern sind angeborene Immundefektzustände als Ursache der Colitis durch entsprechende
immunologische Untersuchungen auszuschließen. Eine allergische Colitis oder eine Nahrungsmittelallergie
als modulierender Faktor der entzündlichen Aktivität ist besonders bei jüngeren Kindern
mit Colitis differenzialdiagnostisch zu bedenken.
Histopathologische Diagnostik – Entzündungsdiagnostik
Histopathologische Kriterien, die bei der Beurteilung von Biopsien zur Diagnose einer
Colitis ulcerosa herangezogen werden sollten, sind:
-
diffuse panmukosale chronische Entzündung (Lymphozyten und Plasmazellen) in Kombination
mit einer Störung der Kryptenarchitektur/Kryptenatrophie,
-
Plasmozytose im basalen Schleimhautstroma
-
Panethzell-Metaplasien distal der rechten Kolonflexur
-
Reduktion der Zahl von Becherzellen bzw. des Muzingehalts der Einzelzellen, kontinuierliche
Verteilung der entzündlichen und strukturellen Schleimhautveränderungen, abnehmender
Gradient von distal nach proximal
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Abweichende morphologische Befundmuster können bei der Colitis ulcerosa vorkommen
und sollen speziell bei pädiatrischen Patienten berücksichtigt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, Konsens
Der Pathologiebefund sollte eine Aussage zur histologischen Entzündungsaktivität enthalten.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Die Diagnose einer Colitis ulcerosa basiert auf dem Nachweis einer charakteristischen
Kombination von klinischen, laborchemischen, endoskopischen, radiologischen und pathomorphologischen
Befunden. Einen Goldstandard für die Diagnose gibt es nicht. Auch die pathohistologische
Diagnostik beruht auf der synoptischen Beurteilung einer Kombination von Charakteristika,
die schwerpunktmäßig die Art und Verteilung der Entzündungsinfiltrate sowie Veränderungen
der Mukosaarchitektur betreffen [110]
[111]
[112]
[113]
[114]
[115]
[116]
[117]
[118]
[119]
[120]
[121]
[122]
[123]. Die histologischen Einzelbefunde sind dabei für sich genommen nicht spezifisch
und können z. T. auch bei anderen Formen entzündlicher Darmerkrankungen auftreten.
Veränderungen der Mukosaarchitektur bei Colitis ulcerosa beinhalten Irregularitäten
in Form, Orientierung und Größe der Krypten (> 10 % der Krypten; mehr als 2 verzweigte,
nicht parallel orientierte Krypten in einer Biopsie) [117]
[119]
[121]
[123]. Der Begriff Kryptenatrophie bezeichnet den Befund einer verminderten Kryptendichte
(Distanz von mehr als einem Kryptenquerschnitt zwischen 2 benachbarten Krypten) und/oder
einer Distanzbildung zwischen Kryptenbasis und der Lamina muscularis mucosae, zumeist
verbunden mit einem basal vermehrten mononukleären, plasmazellreichen Infiltrat [115]
[116]
[119]
[121]. Der Terminus „transmukosale Entzündung“ beinhaltet einen diffus gesteigerten Gehalt
an mononukleären Zellen in der Lamina propria unter Einbeziehung der mittleren und
basalen Schleimhautabschnitte [115]
[119]. Eine basale Plasmozytose ist definiert als Nachweis von Plasmazellen in den basalen
Bezirken (1/5) der Lamina propria oder zwischen der Kryptenbasis und der Lamina muscularis
mucosae (subkryptal) [116]
[117].
Die bioptische Diagnose einer Colitis ulcerosa in Abgrenzung zum Morbus Crohn und
anderen entzündlichen Darmerkrankungen stützt sich insbesondere auf die Beurteilung
des Ausmaßes (ausgeprägt, diffus) und der topografischen Verteilung (kontinuierliche
Verteilung, abnehmender Gradient von distal nach proximal) der in der Empfehlung 2.22
genannten histopathologischen Kriterien. Daher sollen im Rahmen der Erstdiagnostik
Stufenbiopsien aus dem terminalen Ileum und aus allen Kolonabschnitten unter Einbeziehung
des Rektums gewonnen werden und die bioptischen Proben bezüglich ihrer Lokalisation
gekennzeichnet sein. Die diagnostische Aussagekraft kann so im Vergleich zu singulären
bzw. nicht systematischen Biopsien deutlich gesteigert werden [111]
[112]
[124]
[125]
[126]
[127]. Zum Ausschluss differenzialdiagnostisch relevanter Befunde (z. B. epitheloidzellige
Granulome) ist eine Aufarbeitung der Proben in Stufen- oder Serienschnitten zu empfehlen
[128]
[129].
Unter diesen Voraussetzungen kann die histopathologische Diagnose einer Colitis ulcerosa
an Mukosabiopsien mit einer Sensitivität und Spezifität von mehr als 70 % [111]
[112]
[113]
[118]
[123], in einigen Studien von bis über 90 % gestellt werden [120]
[121]
[122], zumindest bei aktiver Erkrankung. Einige Autoren propagieren die Beurteilung anhand
von standardisierten Score-Schemata mit numerischen Koeffizienten [120]
[121]
[122]. Die Diagnose erfordert den Nachweis von zwei bis drei der genannten histomorphologischen
Kriterien.
Im Initialstadium der Erkrankung (Krankheitsdauer < 4 – 6 Wochen) kann eine Störung
der Mukosaarchitektur fehlen; eine spezifische Diagnose ist dann gegebenenfalls nicht
möglich. Der Befund einer basalen Plasmozytose ist in diesem Kontext von prädiktiver
Relevanz und kann als Frühzeichen einer potenziellen chronisch-entzündlichen Darmerkrankung
gewertet werden [116]
[117]
[130]
[131].
In diagnostischer Hinsicht ist zu berücksichtigen, dass das morphologische Erscheinungsbild
chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen biologischen Variationen unterliegt (phasenhafter
Verlauf) und zudem durch die Therapie beeinflusst wird [132]
[133]. So kann es im Verlauf einer Colitis ulcerosa durchaus zur diskontinuierlichen Ausprägung
des Entzündungsbildes, auch mit Aussparung des Rektums, kommen [134]. Insbesondere bei pädiatrischen CED-Patienten (jünger als 10 Jahre) ist auch ohne
vorangegangene Therapie mit abweichenden Mustern zu rechnen [135]
[136]
[137]
[138]. Informationen zum klinischen Bild (Anamnese, Erkrankungsdauer, Art und Dauer der
Therapie, Endoskopiebefund) sind daher für eine effiziente Beurteilung erforderlich
und verbessern die Validität der histologischen Befundeinordnung [112]. Dies gilt insbesondere auch im Hinblick auf die differenzialdiagnostische Abgrenzung
der Colitis ulcerosa von anderweitigen, ätiologisch oder phänotypisch definierten
Entzündungsformen (infektiöse Colitiden, medikamentös induzierte Colitiden, Diversionscolitis,
mit Divertikelkrankheit assoziierte Colitis, allergieassoziierte Colitis u. a.) [139]
[140]
[141].
Die histopathologische Einordnung der Entzündungsaktivität bei der Colitis ulcerosa
orientiert sich am Ausmaß der Gewebeinfiltration durch segmentkernige neutrophile
Granulozyten und der damit assoziierten Schädigung des Darmepithels mit neutrophiler
Epithelinvasion, Ausbildung von Kryptitisherden und Kryptenabszessen bis hin zu erosiven
und ulzerösen Läsionen [115]
[118]
[119]
[121]. Histologischer Befund und klinische Krankheitsaktivität korrelieren beim individuellen
Patienten nur bedingt miteinander [142]. Aus Therapiestudien gibt es allerdings Hinweise auf die Assoziation zwischen klinischer
Besserung und Rückgang aktiver histologischer Veränderungen [143]. Ein aktives morphologisches Bild ist mit dem Auftreten rezidivierender Erkrankungsschübe
assoziiert [144]
[145]
[146]. Eine Aussage zur histologischen Entzündungsaktivität im Pathologiebefund ist daher
besonders im Hinblick auf die Verlaufsbeurteilung von Interesse. Zahlreiche Graduierungsschemata
sind etabliert (z. B. Riley-Score). Die einzig bisher validierten Scores sind der
Nancy histological index und der Robarts histopathology index [147]
[148]. Aufgrund der Heterogenität der zahlreichen verfügbaren Scores gibt es jedoch derzeit
keine Empfehlung für einen spezifischen histologischen Entzündungsscore. Der potenzielle
Nutzen der Histopathologie für die Vorhersage eines Rezidivs und die Beurteilung der
adäquaten Kontrolle der Entzündung hat Implikationen für das therapeutische Management
und die Verringerung des Neoplasierisikos.
Intraepitheliale Neoplasien (IEN)
Die Diagnose von intraepithelialen Neoplasien/Dysplasien bei der Colitis ulcerosa
soll nach den jeweils gültigen Kriterien der WHO erfolgen; IEN/Dysplasien sollen histopathologisch
graduiert werden in niedriggradig, hochgradig oder unklar (indefinite).
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Bei histologischer Diagnose jeder IEN/Dysplasie sollte der Prozess einer kompetenten
(dokumentierten) pathologischen Zweitmeinung im Sinne eines Vier-Augen-Prinzips sichergestellt
sein.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Intraepitheliale Neoplasien/Dysplasien werden definiert als eindeutig neoplastische
Läsionen des Epitheliums, die auf die Basalmembran begrenzt sind und keine Invasion
in die Lamina propria aufweisen [149]. Dysplasien sind der zuverlässigste Marker für ein erhöhtes intestinales Malignomrisiko
[150]. Intraepitheliale Neoplasien/Dysplasien werden gemäß dem Grad ihrer neoplastischen
Transformation histopathologisch graduiert in niedriggradig, hochgradig oder unklar
(indefinite) [149]. Erschwert wird der Nachweis von IEN durch die hohe Untersuchervariabilität der
Pathologen [151]
[152]
[153] mit einem ĸ-Wert von 0,4 [154], wobei die Variabilität bei niedriggradigen und fraglichen IEN besonders hoch ist.
Wegen der erheblichen therapeutischen Konsequenzen sollte jede histopathologische
„IEN/Dysplasie“-Diagnose von einem erfahrenen weiteren Pathologen durch eine Zweitbeurteilung
bestätigt werden.
Im Fall einer sichtbaren Läsion mit IEN/Dysplasie sollte eine Differenzierung durch
den Endoskopiker der CED-assoziierten Neoplasien in polypoide oder nicht polypoide
Läsionen, jeweils mit Angabe des IEN/Dysplasiegrads (LGIEN oder HGIEN), erfolgen,
da diese Aussage von therapeutischer Bedeutung ist.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
In Übereinstimmung mit den Empfehlungen der ECCO [155]
[156] und der internationalen SCENIC-Konsensuskonferenz sollen zukünftig die makroskopischen
Beschreibungen von IEN/Dysplasien als DALM (dysplasieassoziierte Läsion oder Masse),
ALM (adenomassoziierte Läsion oder Masse), adenomartig, nicht adenomartig und flach
nicht mehr verwendet werden, da diese makroskopischen Kriterien oftmals zur Beschreibung
verschiedenartig imponierender Läsionen verwendet wurden. Sichtbare Läsionen sollen
daher als polypoid oder nicht polypoid klassifiziert werden [157].
Eine polypoide Läsion beinhaltet gestielte (Paris-Klassifikation Typ 1 p) oder sessile
(Paris-Klassifikation Typ 1 s) Läsionen, die von der Mukosa ausgehend in das Lumen
hervorragen (> 2,5 mm) [157]. Diese Läsionen sind normalerweise mittels endoskopischer Resektion entfernbar [158].
Nicht polypoide Läsionen beschreiben Läsionen der Paris-Klassifikation Typ IIa (flat-elevated),
Paris-Klassifikation Typ IIb (flat-flat) und Paris-Klassifikation Typ IIc (flat-depressed).
Weiterhin umfassen diese samtartige Flecken, Plaques, irreguläre Unebenheiten und
Knötchen, Verdickungen, strikturierende Läsionen und breitbasierte Massen. Diese Läsionen
sind nicht immer durch eine endoskopische Resektion entfernbar [159]
[160]
[161]
[162]. Die Differenzierung der Läsion erfolgt aufgrund ihrer endoskopischen Erscheinung.
Eine endoskopisch unsichtbare dysplastische Läsion bezeichnet eine histologisch festgestellte
IEN/Dysplasie, die während der Koloskopie nicht sichtbar war.
Überwachungskoloskopie
Da die colitisassoziierte Kolonkarzinommortalität durch eine endoskopische Überwachung
gesenkt werden kann, sollten angepasst an eine Risikostratifizierung Überwachungskoloskopien
erfolgen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Die Effektivität der Überwachungskoloskopie-Programme ist bis heute nicht in randomisiert
kontrollierten Studien untersucht worden. Es gibt aber eine große Zahl von Untersuchungen
als Fall-Kontroll-Studien und auch als Fallserien, die für eine Effektivität der Vorsorgekoloskopie
bei der Colitis ulcerosa sprechen [163]
[164]
[165]
[166]
[167]. Drei Fall-Kontroll-Studien untersuchten die Effektivität der Überwachungskoloskopie
bei der Colitis ulcerosa [168]
[169]
[170]. Diese drei Studien und zwei weitere Studien wurden kürzlich in einer Metaanalyse
zusammengefaßt [171]. Hierbei ergibt sich eine verminderte Mortalität durch eine Überwachungskoloskopie
bei Colitis ulcerosa [171]. Die Evidenzqualität der zugrunde liegenden Studien wird jedoch als gering eingestuft.
Zur Festlegung der Überwachungsstrategie sollte bei allen CU-Patienten unabhängig
von der Krankheitsaktivität eine Kontrollkoloskopie mit Entnahme von zumindest zwei
Biopsien aus jedem Kolonsegment, zusätzlich zu gezielten Biopsien zur Erfassung des
Befallsmusters, 6 – 8 Jahre nach Beginn der Symptomatik/Diagnosestellung erfolgen.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Gegenüber der früheren Auffassung, dass kolorektale Karzinome relativ selten vor einer
Krankheitsdauer von acht Jahren auftreten, gibt es auch Untersuchungen, die zeigen,
dass ein signifikanter Anteil von kolorektalen Karzinomen auch schon vor dem 8. Krankheitsjahr
auftreten kann [172]
[173]. Eine holländische Studie konnte zeigen, dass 22 % der CU-Patienten, die ein Karzinom
entwickelten, dies schon vor dem Beginn der regulären Überwachungskoloskopien zeigten
[174]. Aus diesen Daten folgt die Empfehlung, zwischen dem 6. und dem 8. Erkrankungsjahr
eine Kontrollkoloskopie unabhängig von der Krankheitsaktivität durchzuführen, um die
Krankheitsausdehnung auch histologisch zu erheben und so das Überwachungsprogramm
im Hinblick auf den zeitlichen Ablauf festlegen zu können.
Wenn die Krankheitsaktivität auf das Rektum ohne Nachweis einer vorherigen oder aktuellen
endoskopischen und/oder mikroskopischen Entzündung proximal zum Rektum beschränkt
ist, sollte die Einbeziehung in ein regelmäßiges Überwachungskoloskopie-Programm nicht
erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Zur Kontrolle und um eine Ausdehnung der Colitis ulcerosa nicht zu übersehen, kann
alle 5 Jahre eine Koloskopiekontrolle sinnvoll sein.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, starker Konsens
Bei Patienten mit Befall über das Rektum hinaus sollen regelmäßige Überwachungskoloskopien
ab dem 8. Erkrankungsjahr durchgeführt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, Konsens
Die Überwachungsstrategie sollte individuell abgestimmt werden, und dabei sollte sich
das Intervall nach einer Risikostratifizierung richten. Nach dieser Risikostratifizierung
sollte bei Patienten mit einem hohen Risiko (Stenose, IEN innerhalb der letzten 5
Jahre, ausgedehnte Colitis mit ausgeprägter Entzündung oder erstgradigem Verwandten
mit KRK < 50 J.) jährlich, bei Patienten mit einem intermediären Risiko (Colitis mit
milder oder mäßiger Entzündung, viele Pseudopolypen, erstgradiger Verwandter mit KRK
≥ 50 J.) alle 2 – 3 Jahre und bei Patienten mit einem niedrigen Risiko (es liegen
keine der genannten Faktoren vor) alle 4 Jahre eine Überwachungskoloskopie durchgeführt
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Das Kolonkarzinomrisiko ist bei Patienten mit einer Colitis ulcerosa im Vergleich
zur Normalbevölkerung erhöht. Dabei hängt das Risiko von der Ausdehnung der Erkrankung
ab. Nach verschiedenen Untersuchungen ist das Risiko deutlich erhöht bei einer ausgedehnten
Colitis und immer noch relevant erhöht bei der Linksseitencolitis, aber nicht eindeutig
erhöht bei der Proktitis ulcerosa [175].
Patienten mit Colitis ulcerosa zeigen in zahlreichen Studien ein erhöhtes Risiko für
ein kolorektales Karzinom, wobei unterschiedliche Angaben über die Höhe des Risikos
zu finden sind. Während frühere Studien aus Zentren – zusammengefasst in einer Metaanalyse
– deutlich höhere Zahlen (KRK-Risiko bei CU-Patienten nach 10 Jahren 2 %, nach 20 J.
8 % und nach 30 J. 18 %) aufwiesen [175], zeigten populationsbasierte Studien der letzten Jahre nur gering erhöhte Karzinomraten
(KRK-Risiko nach 10 Jahren 0,6 – 1,2 %, nach 20 Jahren 2,1 – 5,4 % und nach 30 Jahren
4,7 – 7,5 %) [176]
[177]. Lediglich in Dänemark fand sich keine erhöhte Inzidenz für das KRK bei den CU-Patienten,
möglicherweise wegen einer höheren Kolektomierate in Dänemark in den Jahren der Untersuchung
[172]. Die Häufigkeit korreliert mit der Erkrankungsdauer, der Ausdehnung und der entzündlichen
Aktivität/Pseudopolypen [3]
[175]
[178]
[179]
[180]
[181].
Im Jahr 2001 publizierte Eaden eine Metaanalyse aus 116 Studien und berechnete daraus
ein kumulatives Risiko für ein Colitiskarzinom nach 30 Jahren mit 18 % [175]. In einer weiteren Metaanalyse wurde ein 2,4-fach erhöhtes Risiko für ein rektales
Karzinom bei CU-Patienten beschrieben [182]. In weiteren Arbeiten finden sich aber jetzt im Verlauf Hinweise, dass das kolorektale
Karzinomrisiko eher abzunehmen scheint. Jess fand in ihrer Arbeit von 2013 aus Dänemark
weiter kein erhöhtes KRK-Risiko für CU-Patienten mit einem Faktor von 1,12 (0,97 – 1,28)
und Choi beschrieb 2015 in seiner Fallserie ein nur geringer erhöhtes KRK-Risiko (10 J.:
0,1 %, 20 J.: 2,9 % und nach 30 J. 6,7 %) [183]
[184].
Eine neuere australische Untersuchung [185] beschrieb ein kumulatives kolorektales Karzinomrisiko bei Colitis ulcerosa von 1 %
bei 10 Jahren, 3 % bei 20 Jahren und 7 % bei 30 Jahren. Möglicherweise spiegeln sich
darin die ansteigenden Implementierungen der Überwachungsprogramme wider, ebenso wie
eine effektivere entzündungskontrollierende medikamentöse Therapie [186].
Überwachungskoloskopien zielen auf die Detektion von Neoplasien mit hoher Sensitivität
und Spezifität ab. Dazu gehört, dass der Darm keine wesentliche Entzündung aufweist,
die als intraepitheliale Neoplasien histologisch fehlgedeutet werden könnte. In Analogie
zu Vorsorgekoloskopien in der Normalbevölkerung ist davon auszugehen, dass die Qualität
der Koloskopievorbereitung die Detektionsrate von Läsionen deutlich erhöht [187]. Ebenso besteht eine Korrelation zwischen der Rückzugszeit und der Detektionsrate
von Neoplasien [188]. Als Neuerung in dieser Leitlinie soll das Überwachungsintervall der Vorsorgekoloskopien
an eine Risikostratifizierung angepasst werden. Dafür wurden verschiedene evidenzbasierte
Risikokonstellationen definiert ([Tab. 6]). Angepasst an diese Risikokonstellationen liegt das Überwachungsintervall danach
bei 1 Jahr, 2 – 3 Jahren oder 4 Jahren, je nach beschriebenen Risikokonstellationen
[4]
[152]
[159]
[178]
[180]
[186]
[189]
[190]
[191]
[192]
[193]
[194]
[195]
[196]
[197]
[198]. In manchen Studien wird auch berichtet, dass als zusätzliche Risikofaktoren ein
Kolonkarzinom in der Familienanamnese, das Vorhandensein einer Backwash-Ileitis und
eine Colitis-Erstmanifestation im Kindes- und Jugendalter zum Tragen kommen [175]
[181]
[199]. Die Datenlage diesbezüglich ist jedoch uneinheitlich.
Tab. 6
Untersuchungsintervall der Überwachungskoloskopie nach Risikostratifizierung.
|
Untersuchungsintervall ab dem 8. Erkrankungsjahr zur Überwachungskoloskopie nach Risikostratifizierung
bei Colitis ulcerosa (bei Erfüllung eines Kriteriums gilt das jeweils höchste Risiko)
nach Statement 2.31 und 2.32
|
|
jedes Jahr (hohes Risiko)
|
alle 2 – 3 Jahre (intermediäres Risiko)
|
alle 4 Jahre (geringes Risiko)
|
|
ausgedehnte Colitis mit hochgradiger Entzündung
|
Colitis mit milder bis mäßiggradiger Colitis
|
Es liegt keines der Kriterien für ein hohes oder intermediäres Risiko vor.
|
|
erstgradiger Verwandter mit KRK < 50 Jahre
|
erstgradiger Verwandter mit KRK > 50 Jahre
|
|
|
IEN in den letzten 5 Jahren
|
viele Pseudopolypen
|
|
|
PSC (jährlich ab Diagnosestellung)
|
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|
|
Stenose
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|
|
Wenn gleichzeitig eine PSC besteht, sollten die Überwachungskoloskopien unabhängig
von der Krankheitsaktivität und der Ausdehnung der CU ab dem Zeitpunkt der PSCDiagnosestellung
jährlich erfolgen.
Evidenzlevel 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Eine besondere Risikogruppe sind Patienten, die gleichzeitig eine primär sklerosierende
Cholangitis (PSC) haben. Eine Metaanalyse ergab ein fünffach erhöhtes Karzinomrisiko
[4]
[191]. Deshalb sollten diese Patienten auch schon ab der Diagnosestellung jährlich in
ein Überwachungskoloskopie-Programm einbezogen werden. In verschiedenen weiteren Untersuchungen
zeigte sich, dass das Risiko eines kolorektalen Karzinoms bei CU-Patienten mit PSC
nicht nur 5-mal höher [4] ist, sondern dass es auch früher auftritt [152] und häufiger im rechtsseitigen Kolon zu finden ist [191].
Die Überwachungskoloskopie mit Biopsieentnahme sollte möglichst in der Remissionsphase
durchgeführt werden, da die histomorphologische Abgrenzung von entzündlichen gegenüber
neoplastischen Veränderungen sonst schwierig sein kann.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Befindet sich das Colon nicht in einem weitgehend entzündungsfreien Zustand, können
entzündliche Veränderungen Ähnlichkeiten zu IEN haben. Da es für den Pathologen schwierig
sein kann, in entzündlichen Arealen eine IEN sicher zu beurteilen, kann es bei einer
vom Pathologen als fragliche IEN eingestuften Läsion Sinn machen, innerhalb von 3
Monaten (ggf. nach einer Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie) eine endoskopische
Kontrolle durchzuführen.
Gezielte Biopsien sollten aus allen endoskopisch suspekten Läsionen entnommen werden.
Die Überwachungskoloskopie sollte in einem sauberen Darm mit ausreichender Rückzugszeit
erfolgen.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, Konsens
Die Überwachungskoloskopie sollte als Chromoendoskopie mit gezielten Biopsien ohne
zusätzliche zufällige Biopsien als Überwachungsverfahren der Wahl durchgeführt werden.
Alternativ kann eine hochauflösende Weißlicht-Endoskopie (HDWLE) mit gezielten Biopsien
jeder sichtbaren Läsion ohne zusätzliche zufällige Biopsien mit besonderer Sorgfalt
und entsprechender Rückzugszeit durchgeführt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, Konsens
Falls die HDWLE Endoskopie nicht zur Verfügung steht, sollen zusätzlich ungezielte
Stufenbiopsien entnommen werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, Konsens
Hintergrund
Zur Durchführung der Überwachungskoloskopie gibt es seit vielen Jahren Diskussionen
um die Rahmenbedingungen bezüglich zusätzlicher Zufallsbiopsien und/oder einer Durchführung
einer Chromoendoskopie. Die Chromoendoskopie ist bei der Durchführung der Überwachungskoloskopie
etabliert und zeigt gute Ergebnisse auch ohne die zusätzlichen Zufallsbiopsien. Darum
wird in der Empfehlung auch die Chromoendoskopie mit gezielter Biopsie ohne Zufallsbiopsien
als Überwachungsverfahren der Wahl angeführt. Dazu gibt es zahlreiche Studien [200]
[201]
[202]
[203]
[204]
[205]
[206]. Vergleiche der Chromoendoskopie zur Dysplasiedetektion mit hoch auflösenden Endoskopen
ohne Chromoendoskopie finden sich aber erst in den neueren Untersuchungen [206]
[207]
[208]
[209]
[210]. Die Entwicklung in den letzten Jahren mit „High-Resolution“-Endoskopen hat die
Detektionsrate von Dysplasien deutlich gesteigert [211].
Eine kürzlich publizierte Studie aus Japan [209] konnte zeigen, dass alleinige gezielte Biopsien bei der Durchführung einer „High-Resolution“-Koloskopie
der zusätzlichen Durchführung von Zufallsbiopsien nicht unterlegen sind. Es gibt weitere
Untersuchungen zur Dysplasiediagnostik, die zeigen, dass die Zufallsbiopsien bei einem
Setting mit einem hochauflösenden Koloskopiesystem keinen höheren Gewinn als die Untersuchungen
mit nur gezielten Biopsien erbringen. In einem systematischen Review von randomisierten
Studien aus Italien [207] fanden sich bei der gemeinsamen Betrachtung von drei Studien mit 190 Patienten keine
Unterschiede bezüglich der Dysplasie-Erkennungsraten bei der Chromoendoskopie versus
„High-Resolution“-Weißlichtendoskopie (HDWLE). Der Unterschied bezüglich der Dysplasiefindung
war allerdings bei dem Vergleich zwischen Chromoendoskopie und nicht hochauflösender
Weißlichtendoskopie (WLE) signifikant. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine unizentrische
Studie aus Kanada [208], die 454 IBD-Patienten in einem Surveillance-Programm untersuchte. Danach war das
Ergebnis zur Erkennung von Dysplasien bei gezielten Biopsien besser als bei Zufallsbiopsien
in der HDWLE und in der Chromoendoskopie. Dieses Ergebnis fand sich aber nicht bei
der normalen Weißlichtendoskopie (WLE). Eine randomisierte Multicenterstudie aus Japan
bei 246 CU-Patienten verglich die gefundenen Dysplasieraten bei den Zufallsbiopsien
und bei gezielten Biopsien, ganz überwiegend bei durchgeführten „High-Resolution“-Endoskopien
(HDWLE). In beiden Gruppen, Zufallsbiopsien und gezielte Biopsien, fanden sich gleich
viele intraepitheliale Neoplasien (IEN)/Dysplasien. Diese neuen Studienergebnisse
bei der HDWLE begründen auch die alternative Aufnahme der HDWLE mit gezielten Biopsien
ohne Zufallsbiopsien als mögliche Option bei der Überwachungskoloskopie [206]
[207]
[208]
[209]
[210]
[212].
Der Stellenwert der hochauflösenden virtuellen Chromoendoskopie (NBI, FICE, iScan)
in Kombination mit gezielten Biopsien ohne zufällige Biopsien ist nicht ausreichend
definiert, und sie sollte deshalb nicht als alleinige Strategie verfolgt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Der Stellenwert der virtuellen Chromoendoskopie (NBI, FICE, iScan) als zusätzliches
Tool für die Verbesserung der Effektivität der Überwachungskoloskopie bei der Colitis
ulcerosa ist aufgrund der vorliegenden Studien nicht klar definiert, und sie sollte
deshalb nicht als alleinige Strategie verfolgt werden [213]
[214]
[215]
[216]
[217]
[218]
[219]
[220].
Bei Vorliegen einer fraglichen IEN/Dysplasie sollte eine endoskopische Kontrolle ggf.
nach Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie innerhalb von 3 – 6 Monaten
durchgeführt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, Konsens
Bei dem Nachweis einer endoskopisch nicht resektablen Läsion mit IEN/Dysplasie oder
eines Adenokarzinoms soll wegen der hohen Assoziation mit einem metachronen oder synchronen
Karzinom eine Proktokolektomie erfolgen.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Bei endoskopisch komplett resezierten polypoiden Läsionen mit Dysplasie/IEN ohne weitere
Dysplasien im übrigen Kolon kann als Überwachungsstrategie die Koloskopie in jährlichen
Abständen empfohlen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, Konsens
Nach der kompletten endoskopischen Resektion von nicht polypoiden Läsionen mit Dysplasie/IEN
ohne weitere Dysplasien im übrigen Kolon sollte die endoskopische Überwachung in jährlichen
Abständen durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Falls durch Zweitbefundung histologisch bestätigte IEN/Dysplasien aus endoskopisch
unauffälligen Arealen detektiert werden, sollte eine erneute endoskopische Abklärung
primär durch Chromoendoskopie mit hochauflösender Weißlichtendoskopie (HDWLE) durch
einen in der Überwachungskoloskopie erfahrenen Untersucher erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Falls IEN/Dysplasien aus endoskopisch unauffälligen Arealen detektiert werden, sollte
in Abhängigkeit von der Graduierung der Dysplasie eine endoskopische und bioptische
Kontrolle durchgeführt werden. Bei bestätigten niedriggradigen IEN sollte eine erneute
endoskopische/bioptische Kontrolle innerhalb von 3 – 6 Monaten durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Alternativ kann auch eine Proktokolektomie mit dem Patienten diskutiert werden. Bei
bestätigten hochgradigen IEN soll eine Empfehlung zur Proktokolektomie gegeben werden.
Expertenkonsens, offene Empfehlung, Konsens
Polypen mit Dysplasien, die sich proximal zu den Segmenten mit anamnestisch maximaler
makroskopischer oder histologischer CU Beteiligung ergeben, werden als sporadische
Adenome betrachtet und sollten bei endoskopischer Resektabilität entsprechend behandelt
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Der Nachweis einer intraepithelialen Neoplasie (IEN) sowie deren Gradeinteilung ist
für die Beurteilung des Kolonkarzinomrisikos bei Patienten mit CU von entscheidender
Bedeutung. Anhand von Kolektomiepräparaten mit nachgewiesenem Karzinom fanden sich
in postoperativ ungezielt entnommenen Quadrantenbiopsien IEN bei 74 % der Fälle, und
gleichzeitig enthielten Kolektomiepräparate ohne Karzinom in 26 % der Fälle IEN in
ungezielten Quadrantenbiopsien [221]. Eine Metaanalyse zeigte, dass sogar bei niedriggradigen IEN das Karzinomrisiko
9-fach erhöht ist [197].
Kolonkarzinome sind bei Patienten mit Colitis ulcerosa und Nachweis von IEN gehäuft.
Grundsätzlich ist zwischen flachen und polypoiden Läsionen zu unterscheiden. Befindet
sich das Kolon nicht in einem weitgehend entzündungsfreien Zustand, können entzündliche
Veränderungen Ähnlichkeiten zu IEN haben. Diese werden dann i. d. R. als fragliche
IEN bezeichnet, und eine Intensivierung der antiinflammatorischen Therapie mit kurzfristiger
Kontrolle erscheint sinnvoll. Zeigt sich dagegen eine flache, hochgradige IEN in endoskopisch
unauffälligen Arealen, liegt das Risiko, dass gleichzeitig ein Karzinom besteht, zwischen
42 und 45 % und es sollte deshalb eine Proktokolektomie durchgeführt werden [180]
[193].
Aus flachen, niedriggradigen IEN können einerseits hochgradige IEN oder Karzinome
hervorgehen, andererseits können niedriggradige IEN ein Indikator für synchrone Karzinome
sein. Eine Metaanalyse errechnete ein 9-fach erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines
Karzinoms, wenn eine niedriggradige IEN nachgewiesen wird. Andererseits zeigen einzelne
Studien, dass das Risiko für die Entwicklung eines colitisassoziierten KRK bei Patienten
mit niedriggradigen IEN nicht oder nicht signifikant erhöht ist [194]
[197]
[198]. Eine populationsbasierte Studie konnte auch keinen vermehrten Übergang zu Karzinomen
finden [196].
Der Nachweis einer IEN unabhängig vom Grad, korreliert mit einer Sensitivität und
Spezifität von 74 % mit einer KRK-Entstehung, während in der gleichen Studie eine
hochgradige IEN zwar eine geringere Sensitivität (34 %), aber mit 98 % eine höhere
Spezifität für einen KRK-Nachweis zeigte [221]. In einer Metaanalyse war eine niedriggradige IEN mit einem 9-fach erhöhten KRK-Risiko
und mit einem 12-fach erhöhten Risiko für eine fortgeschrittene Neoplasie korreliert
[197]. In einer kürzlich veröffentlichten systematischen Metaanalyse von Kohortenstudien
war eine niedriggradige IEN mit einem jährlichen Risiko der Inzidenz eines KRK von
0,8 % und einer fortgeschrittenen Neoplasie von 1,8 % assoziiert. Faktoren, die signifikant
mit einer Progression der Dysplasie assoziiert waren, umfassten das Vorliegen einer
PSC (OR 3,4), eine nicht sichtbare Dysplasie (OR 1,9), eine distale Lokalisation (OR
2,0) und multifokale Dysplasien (OR 3,5). Weiterhin wurde bei 17 % der bei niedriggradiger
IEN kolektomierten Patienten ein synchrones KRK nachgewiesen [222]. Einzelstudien, in denen kein erhöhtes Malignomrisiko bei niedriggradiger IEN gefunden
wurde, sollten im Kontext der Metaanalysen betrachtet werden [196]. Die Diagnose einer niedriggradigen IEN ist daher mit einem substantiellen Karzinomrisiko
assoziiert und hat erhebliche prognostische Implikationen [194]
[198]
[223].
Die Datenlage ist somit bei den niedriggradigen IEN kontrovers und eine engmaschige
Überwachung mit bioptischer Kontrolle nach 3 – 6 Monaten wird als Alternative zur
Kolektomie für vertretbar gehalten.
Erhabene Läsionen mit IEN wurden ursprünglich als dysplasieassoziierte Läsionen oder
Massen (DALM) klassifiziert [160]. Das Risiko eines Kolonkarzinoms beim Vorliegen einer DALM wurde als sehr hoch eingeschätzt
[193]. Die Einordnung als DALM ist aber nicht ganz einfach und wurde uneinheitlich vorgenommen.
Wegen der schwierigen und uneinheitlichen Zuordnung wurde der Begriff DALM schon bei
der ECCO-UC-Leitlinie 2012 verlassen und durch den Begriff „Raised Lesions with Dysplasia
(RLD)“ ersetzt [189].
Solche Läsionen können auch sporadischen Adenomen ähneln und dann endoskopisch reseziert
werden. Wenn die Resektion histologisch komplett ist, in der Umgebung keine IEN zu
finden sind und wenn sich im Restkolon keine IEN findet, kann auf eine Kolektomie
verzichtet werden. Allerdings sollten diese Patienten kurzfristig kontrolliert werden,
weil sie zur Entwicklung erhabener Läsionen neigen (RLD) [224]
[225]
[226]. In einer Metaanalyse, in die 10 Studien mit 376 Patienten eingeschlossen wurden,
zeigte sich nach Resektion der Polypen ein geringes Risiko für die Entwicklung eines
kolorektalen Karzinoms. Da diese Patienten jedoch ein etwa 10-fach erhöhtes Risiko
für die Entwicklung weiterer Dysplasien haben, sind engmaschige Verlaufskontrollen
auch nach endoskopischer Resektion indiziert [227].
Bei dem Nachweis einer nicht resektablen Läsion mit IEN/Dysplasie oder bei einem Adenokarzinom
sollte wegen der hohen Assoziation mit einem metachronen oder synchronen Karzinom
eine Proktokolektomie erfolgen. Bei endoskopisch komplett resezierbaren polypoiden
Läsionen mit Dysplasie/IEN ohne weitere Dysplasien im übrigen Kolon sollte als Überwachungsstrategie
die Koloskopie in jährlichen Abständen empfohlen werden [157]. Das gleiche Vorgehen gilt auch bei einer kompletten Resektion von nicht polypoiden
Läsionen mit Dysplasie/IEN. Falls sich als Zufallsbefund aus endoskopisch unauffälligen
Arealen eine durch Zweitbefundung histologisch bestätigte IEN/Dysplasie zeigt, sollte
eine erneute endoskopische Abklärung primär durch eine Chromoendoskopie mit hoch auflösender
Weißlichtendoskopie (HDWLE) durch einen in der Überwachungskoloskopie erfahrenen Untersucher
erfolgen.
Finden sich aus endoskopisch unauffälligen Arealen bestätigte niedriggradige intraepitheliale
Neoplasien, sollte erneut eine endoskopisch-bioptische Kontrolle innerhalb von 3 – 6
Monaten durchgeführt werden. Alternativ kann auch bei diesen Patienten eine Proktokolektomie
diskutiert werden. Bei einer bestätigten hochgradigen intraepithelialen Neoplasie
aus endoskopisch unauffälligen Arealen soll eine Empfehlung zur Proktokolektomie gegeben
werden [157].
Polypen mit Dysplasien, die sich proximal zu den Segmenten mit Colitisbefall ergeben,
werden als sporadische Adenome betrachtet und sollten bei endoskopischer Resektabilität
entsprechend abgetragen werden.
Beim zusätzlichen Nachweis einer PSC kann zur Prophylaxe eines colitisassoziierten
Karzinoms Ursodesoxycholsäure eingesetzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Eine Langzeittherapie mit 5-ASA sollte den CU-Patienten unter dem Aspekt der Karzinomprävention
angeboten werden (siehe dazu auch 3.18). Bei zusätzlichem PSC-Nachweis konnte in einer
Follow-up-Studie einer prospektiven, plazebokontrollierten Studie (PSC-UDCA-Studie)
gezeigt werden, dass Ursodesoxycholsäure das Kolonkarzinomrisiko bei Patienten mit
PSC und Colitis ulcerosa um 74 % vermindert [228]. Eine Querschnittsuntersuchung aus einer prospektiven Überwachungsstudie hatte zuvor
eine deutliche Risikoreduktion gezeigt [229]. Einschränkend ist zu erwähnen, dass eine prospektiv-randomisierte Studie aus dem
Jahr 2009 insgesamt eine leicht erhöhte Mortalität bei Patienten mit PSC unter einer
Ursodesoxycholsäure-Hochdosistherapie (28 – 30 mg/kg KG/Tag) gefunden hat [230]. Vor diesem Hintergrund wird eine Behandlung mit 13 – 20 mg/kg KG pro Tag empfohlen.
3. Behandlung der aktiven Erkrankung und remissionserhaltende Therapie
3. Behandlung der aktiven Erkrankung und remissionserhaltende Therapie
Allgemeine Therapieziele
Der akute Schub einer Colitis ulcerosa ist gekennzeichnet durch typische Beschwerden
(blutige Diarrhoen, Tenesmen, imperativer Stuhldrang). Für die Therapieentscheidung
spielen neben der Intensität der Symptome das endoskopische Befallsmuster (Proktitis,
Linksseitencolitis, Pancolitis), der Krankheitsverlauf, das Ansprechen auf die vorangehende
Therapie, die Krankheitsdauer, extraintestinale Manifestationen wie auch Begleiterkrankungen
und Patientenpräferenzen eine wichtige Rolle. Die möglichen Therapieoptionen sollten
mit dem Patienten individuell abgestimmt werden. So sind insbesondere bei der Abwägung
zwischen ambulanter und stationärer Therapie die Möglichkeiten von Arzt und Patienten
besonders zu beachten.
Das primäre Ziel der Colitis ulcerosa-Therapie sind das rasche Erreichen einer klinischen
Remission und die Bewahrung einer langfristigen steroidfreien klinischen und endoskopischen
Remission.
Expertenkonsens, starker Konsens
Vor Einleitung einer antientzündlichen Therapie sollte eine Entzündungsaktivität objektiv
nachgewiesen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Alle verfügbaren antientzündlichen Therapien zielen auf die Beeinflussung entzündlicher
Aktivität ab, diese stellt somit die Conditio sine qua non in der pharmakologischen
Therapie der Colitis ulcerosa dar. Das Ausmaß der seitens der Patienten beklagten
Beschwerden stimmt nicht selten ungenügend mit dem Ausmaß der objektiv mittels Biomarker,
Endoskopie oder Sonografie überprüfbaren Inflammation überein, insbesondere bei langem
Krankheitsverlauf, bei dem eine Überlappung zum Reizdarmsyndrom beschrieben ist. Eine
erhöhte klinische Aktivität ist somit nicht unbedingt durch Entzündung verursacht.
Bei allen Patienten sollte nach erfolgreicher Schubtherapie eine langfristige Remissionserhaltungstherapie
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Betrachtet man die Remissionsraten in Plazebogruppen umfangreicher Studien, die den
spontanen Verlauf der Colitis ulcerosa widerspiegeln, so erfahren die meisten Patienten
nach einem Schub innerhalb von 12 Monaten einen erneuten Schub, sodass die Remissionsraten
nach 12 Monaten oftmals < 50 % liegen. Eine dauerhafte Therapie mit Aminosalizylaten,
Thiopurinen oder Biologika erhöht die Raten anhaltender Remission [231]
[232]
[233]. Tritt eine tiefe klinische und endoskopische Remission ein, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit
für eine länger anhaltende Remission, wie nachträgliche Analysen der ACT-1- und ACT-2-Studiendaten
bei Patienten mit Colitis ulcerosa unter Infliximab-Therapie zeigen konnten [78]
[234]. Es konnte ein positiver Zusammenhang zwischen tiefer Remission in Form einer Mukosaheilung
und dem klinischen Verlauf gezeigt werden [78]
[79]. Nichtsdestotrotz bleibt weiterhin unklar, ob eine medikamentös induzierte Mukosaheilung
im Sinne einer „Treat-to-target“-Strategie den weiteren Verlauf beeinflusst oder ob
die Patienten, die eine Mukosaheilung erfahren, nicht eine Subgruppe mit milderem
Verlauf darstellen.
Die Wahl und die Dauer der geeigneten Schub- und Erhaltungstherapie hängen von der
Erkrankungsausbreitung, dem Erkrankungsverlauf (Häufigkeit und Schweregrad der Erkrankungsschübe),
Ansprechen auf und Nebenwirkungen durch vorangegangene Therapien, Schweregrad des
letzten Erkrankungsschubs, der remissionsinduzierenden Medikation, der Sicherheit
der remissionserhaltenden Therapie und dem Potenzial einer Dysplasie- und Krebsprävention
ab.
Expertenkonsens, starker Konsens
Die medikamentösen Therapiemöglichkeiten und -risiken sollten gegen eine operative
Therapie abgewogen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Therapie der unkomplizierten Colitis ulcerosa
Proktitis
Eine leichte bis mäßig aktive Proktitis soll zunächst mit Mesalazin ≥ 1000 mg/d als
Suppositorium einmal täglich behandelt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Mesalazinschaum und Mesalazineinläufe stellen eine äquivalente therapeutische Alternative
dar.
Evidenzgrad 2, starker Konsens
Hintergrund
Bei einer auf das Rektum beschränkten Aktivität der Colitis ulcerosa ist eine topische
Therapie mit 5-ASA indiziert, deren Wirksamkeit im Hinblick auf symptomatisches, endoskopisches
und histologisches Ansprechen durch zahlreiche Studien belegt ist [235]
[236]
[237]. Die Dosis sollte dabei mindestens 1 g/Tag betragen; ein Vorteil für höhere Dosen
ist nicht belegt [238]. Dabei sollen vorzugsweise Suppositorien eingesetzt werden, da sie eine günstigere
Freisetzung aufweisen und seitens der Patienten besser toleriert werden [239]. Die zusätzliche orale Gabe von 5-ASA kann erwogen werden [240], wobei keine Studien mit dem spezifischen Befallsmuster der Proktitis vorhanden
sind. In einer einzelnen Studie zur Therapie der Proktitis war die rektale Gabe von
5-ASA der oralen Therapie überlegen [241].
Bei Versagen der Monotherapie sollte die rektale Mesalazinanwendung entweder mit topischen
Steroiden oder mit einer oralen Gabe von Mesalazin freisetzenden Präparaten kombiniert
werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Bei fehlendem Ansprechen sollte eine Kombination mit topischen Steroiden erfolgen,
wobei zwei Metaanalysen zeigen konnten, dass rektale 5-ASA-Präparationen effektiver
sind als topische Steroide [242]
[243]. Die Gabe von Beclomethasondipropionat (3 mg) in Kombination mit 2 g 5-ASA-Einläufen
war in einer Studie den jeweils einzelnen Therapien überlegen [244]. Ebenso hat eine randomisierte Studie zeigen können, dass 2 g Budesonid-Rektalschaum
bei leicht- bis mäßiggradiger Proktosigmoiditis effektiver sind als Plazebo [245], sowohl mit als auch ohne Kombination mit einem 5-ASA-Präparat [246]. Ein direkter Vergleich zu 5-ASA liegt jedoch nicht vor. Für dieses Befallsmuster
scheint die Einnahme eines 5-ASA-Granulats günstig [247].
Erzielen die o. g. Therapien nicht den gewünschten Erfolg, sollten zunächst die Therapieadhärenz
sowie die endoskopische Ausprägung bestätigt werden und ggf. die Therapieprinzipien
der schweren Colitis ulcerosa mit beliebiger Ausdehnung angewendet werden. Zu diesen
Therapieprinzipien ergänzend war in kleinen Studien die rektale Gabe von Tacrolimus
erfolgreich [248]
[249]. Eine solche Therapie sollte jedoch in entsprechend erfahrenen Zentren durchgeführt
werden.
Linksseitencolitis
Eine leichte bis mäßig schwere linksseitige CU sollte initial mit rektalem Mesalazin
in Form von Einläufen oder Schäumen (≥ 1 g/d) in Kombination mit oralen, Mesalazin
freisetzenden Präparaten (≥ 3 g/d) behandelt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Die rektale Anwendung von Mesalazineinläufen oder -schäumen (≥ 1 g/d) soll der topischen
Steroidtherapie vorgezogen werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Bei oraler Gabe von Mesalazin freisetzenden Präparaten sollte die einmal tägliche
Gabe vorgezogen werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Erstlinientherapie einer leicht- bis mäßiggradigen Linksseitencolitis ulcerosa
sollte aus einer Kombinationstherapie von oraler und rektaler Therapie mit 5-ASA bestehen,
da sowohl höhere Ansprechraten als auch ein schnellerer Wirkungseintritt im Vergleich
zur alleinigen oralen Therapie bestehen [250]. Sowohl die orale als auch die rektale 5-ASA-Gabe ist effektiver als Plazebo [235]
[237]
[250], sodass bei Intoleranz der rektalen Applikation eine alleinige orale Therapie erwogen
werden kann; die Wirksamkeit wurde in verschiedenen Studien beschrieben. Die lokale
Applikation erzielt höhere rektale Wirkstoffkonzentrationen [251]. Für die Gabe von Einläufen bzw. Schäumen sind keine signifikant divergenten Ansprechraten
beschrieben [252]. Orales 5-ASA ist nicht effektiver als orales Sulfasalazin, ist aber mit weniger
Nebenwirkungen behaftet [253]. Ein signifikanter Wirkungsunterschied der einzelnen 5-ASA-Präparationen scheint
nicht zu bestehen [253]
[254]. Die optimale tägliche Dosierung ist vermutlich von der Wahl des Präparats abhängig,
auf eine ausreichend hohe Dosierung (≥ 3 g/d) sollte geachtet werden [253]. Die rektale Gabe von Beclomethasondipropionat scheint der lokalen Applikation von
5-ASA bei der Linksseitencolitis gleichwertig zu sein, was durch eine Metaanalyse
bestätigt werden konnte [255]. Ebenso war die rektale Gabe von 2 g Budesonidschaum erfolgreich in der Remissionsinduktion
[245]. Ein wichtiger Aspekt ist die Therapieadhärenz insbesondere der 5-ASA-Präparationen,
da ein signifikanter Anteil fehlender Therapieeffekte auf eine mangelnde Einnahme
zurückzuführen ist [256]. Unterschiedliche Dosierungsoptionen und Galenik (einmal tägliche Gabe; Tabletten
bzw. Pellets) sollten bei der Verordnung berücksichtigt werden; die einmal hochdosierte
tägliche Gabe ist der mehrfachen täglichen Einnahme nicht unterlegen [257]
[258]. Die Bedeutung lokaler Therapien sollte mit dem Patienten erörtert werden.
Eine systemische Steroidtherapie (0,5 – 1 mg/kg KG/d Prednisolonäquivalent) soll begonnen
werden, wenn die Symptome der CU nicht auf die unter 3.5.–3.9. genannte Therapie ansprechen.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Budesonid MMX 9 mg/d sollte bei leichter bis mäßig aktiver linksseitiger CU bei unzureichendem
Ansprechen oder einer Unverträglichkeit von 5-Aminosalizylaten freisetzenden Präparaten
eingesetzt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Notwendigkeit einer oralen Steroidtherapie bei gering- bis mäßiggradig aktiver
Colitis ulcerosa ist abhängig vom klinischen Ansprechen und der Toleranz einer 5-ASA-Therapie,
ebenso von dem Patientenwunsch, wie auch von der Einschätzung des Arztes; eine klare
Grenzlinie existiert nicht. In einer Studie war die mediane Zeit bis zum Sistieren
der rektalen Blutungen 9 Tage bei 4,8 g 5-ASA/d, wobei eine anhaltende Remission erst
nach 37 – 45 d auftrat [259]. Daher sollte eine Steroidtherapie bei Verschlechterung der klinischen Symptomatik
unter Therapie oder bei Persistieren der Blutungen über mehr als 14 d erfolgen.
Orales Budesonid ohne MMX-Galenik ist in der Therapie der Colitis ulcerosa nicht wirksam
[260], wohingegen Budesonid MMX sich in Studien als wirksam gezeigt hat. In der Core-I-Studie
zeigte Budesonid MMX keinen Unterschied in der Effektivität zu 2,4 g Asacol [261]. In der Core-II-Studie waren 9 mg Budesonid der Gabe von Plazebo signifikant überlegen
[262]. In einer gepoolten Analyse der Core-I- und Core-II-Studie konnte gezeigt werden,
dass v. a. Patienten mit einer milden und moderat aktiven Erkrankung von der Gabe
von 9 mg Budesonid MMX profitieren, ebenso wie Patienten mit Linksseitencolitis [263]. Die zusätzliche Gabe von Budesonid MMX bei inadäquatem Ansprechen von 5-ASA war
in einer weiteren Studie wirksam, sodass die zusätzliche Gabe in entsprechender Situation
erfolgen kann; ein direkter Vergleich zu konventionellen Steroiden liegt nicht vor
[264]. Das Sicherheitsprofil von Budesonid MMX hat sich in den Zulassungsstudien als günstig
erwiesen mit Langzeitsicherheitsdaten, die mit den Plazebogruppen vergleichbar waren.
Ausgedehnter Befall
Bei ausgedehntem Befall soll eine leichte bis mäßig schwere CU zunächst mit einem
oralen Mesalazin freisetzenden Präparat in einer Dosierung ≥ 3 g/d in Kombination
mit Mesalazineinläufen oder -schäumen behandelt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Eine systemische Steroidtherapie (0,5 – 1 mg/kg KG/d Prednisolonäquivalent) soll begonnen
werden, wenn die Symptome der CU nicht auf die unter 3.5 – 3.9 und 3.11 genannten
Therapien ansprechen oder bereits bei Diagnosestellung eine schwere Form der Colitis
vorliegt.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Die Therapieprinzipien bei ausgedehnter, gering- bis mäßiggradig aktiver Colitis ulcerosa
entsprechen im Wesentlichen denen der Linksseitencolitis; die meisten Studien beinhalten
beide Befallsmuster.
Die bessere Wirksamkeit der Kombination von oralem 5-ASA mit einer lokalen Therapie
im Gegensatz zu einer oralen Monotherapie konnte in einer randomisierten Studie nachgewiesen
werden [1]. Wie bei der Linksseitencolitis ist Sulfasalazin ebenso wirksam, jedoch mit mehr
Nebenwirkungen assoziiert [253]. Die einmal tägliche Gabe ist unabhängig von der Formulierung genauso wirksam [254]
[258]. Auf eine ausreichende Dosierung sollte geachtet werden (≥ 3 g) [253].
Bei unzureichendem Ansprechen einer 5-ASA-Erhaltungstherapie sollte eine Steroidtherapie
eingeleitet werden; eine eindeutige Indikationsstellung im Hinblick auf Ausprägung,
Ausdehnung oder zeitliches Ansprechen besteht nicht. Unter bereits laufender Immunsuppression
ist eine differenzierte Adaptation in Abhängigkeit von der Medikamentenhistorie notwendig.
Die zusätzliche Gabe von 9 mg Budesonid MMX war bei ausgedehntem Befall im Gegensatz
zur Linksseitencolitis in zwei Studien der Plazebogabe nicht überlegen [263].
Remissionserhaltung bei primär unkomplizierter Colitis ulcerosa
5-Aminosalizylate sollen primär als remissionserhaltende Therapie eingesetzt werden,
wenn ein Ansprechen auf Aminosalizylate oder Steroide besteht.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Die Evidenz für den Einsatz von 5-Aminosalizylaten zum Remissionserhalt bei Colitis
ulcerosa ist gut. Gemäß einer aktuellen Metaanalyse mit Auswertung von 42 Studien
und insgesamt 8928 Patienten ist orales 5-ASA Plazebo im Remissionserhalt nach klinischen
und endoskopischen Kriterien signifikant überlegen [253]. Für die rektale Anwendung von 5-ASA erbrachte eine weitere Metaanalyse vergleichbare
Ergebnisse, nach 12 Monaten war die Remissionsrate gegenüber Plazebo signifikant höher
[265]. Insbesondere bei der distalen Colitis ulcerosa erweisen sich rektale 5-Aminosalizylate
als effektiv, allerdings ist die Adhärenz bei rektaler Therapie sehr variabel [266].
Bisher gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine bessere Therapie als Aminosalizylate
zum Remissionserhalt nach Ansprechen auf Steroide oder 5-Aminosalizylate [267]. Studien, die Aminosalizylate gegen Thiopurine oder Biologika im Remissionserhalt
getestet haben, fehlen. Aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils empfehlen wir
daher den primären Einsatz von Aminosalizylaten in oben genannter Situation.
Obwohl mittlerweile in drei kontrollierten Studien als effizient belegt, findet der
primäre Einsatz von E. coli Nissle aufgrund der im Vergleich zu 5-ASA weniger umfangreichen Studienlage keine
einheitliche Bewertung. In einer Metaanalyse über 4 randomisierte, kontrollierte und
verblindete Studien zeigte sich kein Unterschied in der Remissionserhaltung zwischen
Mesalazin und E. coli Nissle [268]. Aufgrund der deutlich weniger umfangreichen Studienlage im Vergleich zu 5-ASA werden
weitere Studien gefordert, um die Stellung von E. coli Nissle im Therapiealgorithmus besser zu definieren [269].
Der Weg der Applikation von 5-Aminosalizylaten soll sich nach dem Befallsmuster der
Erkrankung richten. Die Proktitis und die linksseitige Colitis sollten primär rektal
therapiert werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Die orale Anwendung wurde für alle Präparate untersucht, die rektale Anwendung nur
in eingeschränkter Weise und in den verschiedenen Formulierungen (Suppositorien, Rektalschaum,
Klysma) nur für 5-ASA. Bei der distalen CU ist die rektale Applikation Plazebo [236]
[265] und insbesondere topischen Steroiden überlegen [242]. Die Kombination aus oraler und rektaler Therapie ist der oralen Monotherapie überlegen
[270]
[271]. In dieser Kombination kann die topische Therapie durchaus intermittierend angewandt
werden [272]. Eine Alternative zur rektalen Applikation bei distaler Colitis und geringer Therapieadhärenz
können 5-Aminosalizylat-Formulierungen der neueren Generation (bspw. Multimatrix-Formulierungen,
Granula) mit gutem Freisetzungsprofil im linksseitigen Colon sein; sie sind den Aminosalizylaten
älterer Generation mit ilealer Freisetzung in diesem Fall überlegen [247]
[273]
[274].
Eine Kombination von oralen und rektalen 5-Aminosalizylaten soll als Zweitlinien-
Erhaltungstherapie verwendet werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
In zwei kontrollierten Studien konnte eine Überlegenheit der Kombinationstherapie
(orales und rektales 5-ASA) gegenüber einer alleinigen oralen 5-Aminosalizylat-Therapie
hinsichtlich des Remissionserhalts dokumentiert werden [270]
[271]. Kommt es unter einer oralen oder rektalen 5-ASA-Monotherapie zu einem Schub, der
mittels oral-rektaler Kombinationstherapie erfolgreich behandelt wird, soll nachfolgend
die Kombinationstherapie zur Remissionserhaltung fortgeführt werden. In beiden oben
genannten Studien wurde die rektale Therapie jedoch lediglich zweimal wöchentlich
mit einer Wochendosis von 8 g [270] bzw. 2 g [271] gegeben; somit unterscheiden sich die Dosierungen und Applikationsintervalle von
den derzeit zur Remissionsinduktion empfohlenen Dosierungen.
Zur Remissionserhaltung sollen Dosierungen der 5-Aminosalizylate verwendet werden,
für die klinische Wirksamkeit nachgewiesen wurde ([Tab. 7]).
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Es soll bevorzugt eine tägliche Einmalgabe verabreicht werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Angesichts des Nebenwirkungsprofils bei vergleichbarer Effizienz sollte Mesalazin
der Vorzug gegenüber Sulfasalazin gegeben werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Tab. 7
Aminosalizylat-Dosierungen mit nachgewiesener Wirkung im Remissionserhalt.
|
Applikation
|
Dosis
|
Kommentar
|
|
Orale Monotherapie
|
5-ASA ≥ 2 g/Tag [232]
|
Kein klarer Dosis-Wirkungs-Effekt in mehreren Studien nachweisbar; bevorzugt als Einmalgabe
[258]
[274]
[276]
[277]
[279]
[283]
|
|
Rektale Monotherapie
|
5-ASA Dosis ≥ 1 g/Tag [280]
[281]
[282]
|
Keine Studien zum Dosis-Wirkungs-Effekt
|
|
Oral-rektale Kombinationstherapie
|
Intermitt. rektale 5-ASA-Gabe 1 – 4 g jeweils 2 ×/Woche;
orales 5-ASA täglich 1,5 – 3 g/Tag [284]
|
|
Hintergrund
Für den Remissionserhalt mit 5-Aminosalizylaten konnte bisher keine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung
herausgearbeitet werden. In einer aktuellen Metaanalyse war die tägliche Einnahme
von 1,2 g 5-ASA statistisch nicht schlechter im Remissionserhalt nach 12 Monaten als
eine Tagesdosis von 2,4 g [253]. Allerdings fiel auf, dass Patienten mit der höheren Tagesdosis von 2,4 g deutlich
länger in Remission blieben (median 175 Tage) als Patienten mit einer Tagesdosis von
1,2 g (median 129 Tage); noch deutlicher wurde dies in der Subgruppenanalyse von Patienten
mit ausgedehntem Befall (2,4 g/Tag: mediane Remission 143 Tage vs. 47 Tage bei 1,2 g).
Dieser Unterschied war nach 12 Monaten jedoch nicht mehr signifikant. In einer Metaanalyse
aus 2011 erwies sich eine Tagesdosis 5-ASA ≥ 2 g einer Tagesdosis von < 2 g im Remissionserhalt
überlegen, allerdings wurden dazu Studien mit unterschiedlichen 5-ASA Präparaten ausgewertet
(Mesalazin, Olsalazin, Sulfasalazin und Balsalazid) [232]. Auch in einer Cochrane-Analyse aus 2016 zeichnete sich für eine 5-ASA-Dosis ≥ 2 g/Tag
ein Trend zum besseren Remissionserhalt ab [253]. Zusammengefasst sollte die 5-ASA-Dosis zum Remissionserhalt ≥ 2 g/Tag betragen.
Unklar ist jedoch weiterhin, ob Patienten, die zur Remissionsinduktion eine höhere
Dosis benötigten bzw. häufigere Schübe in der Vergangenheit hatten, auch in der Remissionserhaltung
höhere 5-ASA-Dosen benötigen. Hingegen scheinen höhere 5-ASA-Dosierungen nicht mit
vermehrten Nebenwirkungen einherzugehen [275].
Eine einmal tägliche Einnahme von 5-ASA-Präparaten erwies sich in mehreren Studien
der aufgeteilten Dosis als ebenbürtig hinsichtlich des Remissionserhalts [258]
[274]
[276]
[277]
[278]
[279] und sollte daher im Hinblick auf die Adhärenz bevorzugt werden. Bezüglich der rektalen
Applikation von 5-ASA existieren keine Daten, die eine Dosis-Wirkungs-Beziehung nahelegen.
Die meisten Studien, in denen 5-ASA rektal (Suppositorien, Schäume) als Monotherapie
bei Erwachsenen verabreicht wurde, setzten Dosierungen von 1 g/Tag ein [280]
[281]
[282] und konnten eine Überlegenheit gegenüber Plazebo zeigen. Im Fall einer oral-rektalen
5-ASA-Kombinationstherapie wurde eine Wirksamkeit von rektalem 5-ASA für die zweimal
wöchentliche Gabe von jeweils 4 g [270] bzw. jeweils 1 g [271] gezeigt.
Sulfasalazin erwies sich in einer Cochrane-Analyse im Vergleich zu anderen 5-ASA-Präparaten
im Remissionserhalt als überlegen [253], wobei der Unterschied gering war (Odds Ratio 1,1; 95 %-KI 1,03 – 1,27). Zudem lag
kein signifikanter Unterschied im Nebenwirkungsprofil zwischen Sulfasalazin und den
anderen 5-ASA-Präparaten vor, was im Kontrast zur klinischen Routine steht. Da in die
meisten Studien Patienten mit bestehender Sulfasalazin-Therapie eingeschlossen wurden,
ist jedoch nicht auszuschließen, dass ein Selektionsbias vorlag.
Eine remissionserhaltende Therapie mit 5-Aminosalizylaten sollte bei Effektivität
mindestens 2 Jahre durchgeführt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Zur Frage, ob und wann eine remissionserhaltende Dauertherapie einer nur beobachtenden
Haltung überlegen ist, gibt es nur einzelne wissenschaftliche Daten. Eine kontrollierte
Studie an 112 Patienten zeigte, dass bei Patienten mit einer Remissionsdauer von ein
bis zwei Jahren eine Fortführung der 5-Aminosalizylat-Therapie über 12 Monate das
Auftreten von Rezidiven im Vergleich zu Plazebo vermindern kann [285]. Bestand die Remission schon länger als 2 Jahre, profitierten die Patienten nicht
von einer weiteren 12-monatigen 5-ASA-Therapie. Aus methodischen und statistischen
Gründen (notwendige Gruppengrößen für volle statistische Aussagekraft) kann man die
Ergebnisse dieser Untersuchung jedoch nicht als definitive Aussage zum Stellenwert
einer remissionserhaltenden 5-ASA-Therapie bei Patienten mit über 2-jähriger Remission
werten; zudem wurde mit 1,2 g 5-ASA eine Tagesdosis verwendet, die nicht der aktuellen
Empfehlung entspricht.
In seltenen Fällen kann es unter 5-ASA zu Nephrotoxizität kommen. Eine Nachfrage bei
118 englischen und 45 internationalen CED-Zentren erbrachte 151 gesicherte Fälle mit
einer Nierenschädigung, die im Mittel nach 3 Jahren Therapie auftrat. Es wurde eine
genetische Disposition identifiziert [286]. Eine evidenzbasierte Empfehlung zu Zeitpunkt bzw. nachfolgenden Intervallen der
Überprüfung der Nierenwerte unter Langzeittherapie existiert nicht; diese kann alle
6 bis 12 Monate erfolgen [287].
Besonders zu beachten ist die schlechte Therapieadhärenz mit etwa 50 % bei einer Langzeittherapie
[288].
Eine Langzeittherapie mit 5-ASA sollte den CU-Patienten unter dem Aspekt der Karzinomprävention
angeboten werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
In mehreren Kohorten- sowie Fall-Kontroll-Studien konnte gezeigt werden, dass sowohl
Sulfasalazin als auch 5-ASA mit einem verminderten kolorektalen Karzinomrisiko bei
Patienten mit einer Colitis ulcerosa verbunden sind [181]
[289]. Eine Analyse der Risikofaktoren für ein KRK bei CU von Velayos [181] zeigte eine Effektivität für 5-ASA in der Chemoprävention im Hinblick auf die Entwicklung
von kolorektalen Karzinomen, wobei diese Reduktion auch statistisch signifikant war.
Der Effekt von 5-ASA zur Chemoprävention bei Colitis ulcerosa ist nicht nur begrenzt
auf High-Risk-Patienten [158]
[192]
[290], sodass die Empfehlung zu einer langjährigen Chemoprävention für alle Patienten
außer jenen mit einer isolierten Proktitis gilt [101]
[158]
[178]
[190]
[192]
[290]
[291]
[292]
[293]
[294]
[295]
[296]
[297]
[298].
Immunsuppressiva wie Azathioprin können theoretisch durch die Unterdrückung der Schleimhautentzündung
auch karzinompräventiv wirken. Das Gleiche gilt auch für MTX und Anti-TNF. Die Datenlage
dazu ist aber nicht eindeutig [178]
[181]
[190]
[229]
[291]
[299]
[300]
[301]
[302], auch wenn eine Observationskohortenstudie der CESAME-Gruppe zeigte, dass Patienten
mit einer langen Azathioprin-Therapie eher ein geringeres Risiko für ein kolorektales
Karzinom hatten [303]. Zusammenfassend ergibt sich keine ausreichend sichere Evidenz zur Empfehlung der
Thiopurine zur Chemoprävention bei Colitis-ulcerosa-Patienten.
Bei erneuten Schüben soll die remissionserhaltende Therapie eskaliert werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Möglichkeiten zur stufenweisen remissionserhaltenden Therapieeskalation sind eine
Dosiseskalation einer oralen/rektalen Kombinationstherapie mit Aminosalizylaten (Evidenzgrad
1, Empfehlungsgrad A), eine Anti-TNF-Therapie (Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A),
eine Therapie mit Vedolizumab (Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A) oder eine Therapie
mit Thiopurinen (Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B).
Starker Konsens
Hintergrund
Kommt es unter einer remissionserhaltenden Therapie zu einem erneuten Schub, sollen
die Möglichkeiten zur Therapieeskalation überprüft werden. Obwohl die Zahl verfügbarer
medikamentöser Therapien bei Colitis ulcerosa gestiegen ist und die Möglichkeit der
Kombinationstherapie für gewisse Präparate vorliegt, ist die Zahl der effektiven Therapien
weiterhin limitiert, sodass die verfügbaren Therapien in einer optimalen Dosierung
und in optimalen Dosierungsintervallen angewendet werden sollten. Neben einer Dosiseskalation
einer bestehenden Therapie mit Aminosalizylaten stellen Therapien mit Thiopurinen,
TNF-Antikörpern und Vedolizumab inkl. Dosis-Intervall-Anpassungen weitere Möglichkeiten
der Eskalation dar. Bei der Wahl der jeweiligen Eskalationsstrategie sollten die bisherigen
Therapien, eventuelle Unverträglichkeiten und Komorbiditäten berücksichtigt werden.
Es gibt jedoch weder Vergleichsstudien zwischen einer Immunsuppression und einer definierten
(optimierten) Basistherapie, noch zwischen den einzelnen Substanzgruppen, und es fehlen
formale Eskalationsstudien. Mangels direkter Vergleichsstudien ist die wirksamste
Therapiestrategie nicht klar. Bezüglich ausführlicher Informationen zum Einsatz von
Thiopurinen, TNF-Antikörpern und Vedolizumab sei auf das Kapitel Remissionserhalt
bei kompliziertem Verlauf der Colitis ulcerosa (Empfehlungen 3.33 – 3.34) verwiesen.
Kortikosteroide sollen zur Remissionserhaltung nicht eingesetzt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Für die Wirksamkeit einer Remissionserhaltungstherapie durch Kortikosteroide gibt
es sowohl in der lokalen Anwendung [304] als auch in der systemischen Applikation keine Evidenz [305]. Aufgrund des hormonellen Charakters der Steroide treten in der Langzeittherapie
regelmäßig schwere unerwünschte Wirkungen wie Osteoporose und Katarakt auf. Daneben
besteht unter Kortikosteroiden in der Monotherapie, besonders aber in der Kombinationstherapie
das Risiko schwerer infektiöser Komplikationen [306].
Komplizierte Verlaufsformen der Colitis ulcerosa/Schwere Colitis ulcerosa
Patienten mit einem schweren akuten Schub einer Colitis ulcerosa sollten stationär
behandelt werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Die Behandlung sollte in enger Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team inkl.
eines erfahrenen Abdominalchirurgen erfolgen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Eine mehr oder weniger einfach anwendbare und im klinischen Alltag bewährte Definition
der schweren Colitis ulcerosa kann anhand der Kriterien von Truelove und Witts erfolgen
[83]
[307]. Diese Kriterien beinhalten:
-
schwere Diarrhöen mit 6 oder mehr makroskopisch blutigen Stühlen pro Tag,
-
Fieber (mit einer mittleren Abendtemperatur von über 37,5° Celsius oder einer Temperatur
> 37,8° Celsius an wenigstens 2 von 4 Tagen,
-
Tachykardie mit einem Puls > 90/min,
Anämie mit einem Hb-Wert < 75 % der Norm und
-
eine BSG > 30 mm/h.
Diese Parameter bilden im Prinzip eine systemische Krankheitsaktivität ab, die sich
in der Regel auch direkt aus dem klinischen Bild ergibt. Es handelt sich dabei um
schwer kranke Patienten. Die Anwendung von Score-Systemen spielt bei ihnen im klinischen
Alltag eher eine bestätigende Rolle und ist nicht zwingend geboten. Allerdings ist
grundsätzlich auf Zeichen einer systemischen Krankheitsmanifestation zu achten. Bei
Kindern sollte der PUCAI zur Anwendung kommen [85]. In den PUCAI fließen ein: Bauchschmerzen, rektaler Blutabgang, Stuhlkonsistenz,
Stuhlfrequenz, nächtlicher Stuhlgang und die Aktivitätsbeeinträchtigung (Summenbildung
mit einem Wert zwischen 0 und 85). Ein PUCAI von > 65 Punkten zeigt einen schweren
Colitisschub an.
Entscheidend ist, bei den Patienten frühzeitig die richtige Diagnose zu stellen und
intestinale Infektionen auszuschließen [308]. Die schwere Colitis ulcerosa stellt nach wie vor ein bedrohliches Krankheitsbild
dar, obwohl die Mortalitätsrate in spezialisierten Zentren < 1 % liegt [84]. Daher ist die stationäre Behandlung dieser Patienten erforderlich. Eine Metaanalyse,
die das Ansprechen der schweren Colitis ulcerosa auf Kortikosteroide untersuchte,
zeigte eine mittlere Proktokolektomierate von 27 % und eine Mortalitätsrate von 1 %
[309]. Dies trifft insbesondere für Patienten mit einem Lebensalter > 60 Jahre zu, da
gezeigt werden konnte, dass die Mortalität in dieser Situation erhöht ist [310].
Konventionelle Therapie
Ein schwer verlaufender Schub einer Colitis ulcerosa soll mit einer systemischen Steroidtherapie
(z. B. 1 mg/kg KG Prednisolonäquivalent pro Tag) behandelt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Patienten mit einem schweren akuten Schub sollten eine Thromboseprophylaxe erhalten.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Zur Beurteilung des Ansprechens der systemischen Steroidtherapie sollten das klinische
Bild und objektivierbare Parameter herangezogen werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Steroide stellen in dieser Situation seit Mitte des letzten Jahrhunderts die Standardtherapie
dar [83]
[311]
[312]
[313]
[314]
[315]. Basierend auf mehreren Studien wird eine Dosis von 1 mg Prednisolon/kg KG/Tag empfohlen;
höhere Dosierungen bringen keinen zusätzlichen Nutzen [316]. Eine Therapiedauer unter drei Wochen ist mit einer erhöhten Rückfallquote assoziiert;
weiter gelten Dosierungen unter 15 mg Prednisolon/Tag als ineffektiv [311]. Grundsätzlich kann sowohl eine orale als auch eine intravenöse Gabe erfolgen; bei
erheblicher Motilitätsstörung sollte die intravenöse Gabe bevorzugt werden. Zu den
objektiven Parametern, die bezüglich des Ansprechens auf eine Therapie mit Steroiden
herangezogen werden sollten, gehören u. a. die Stuhlfrequenz, Blutbeimengungen im
Stuhl, Hb-Wert, Ultraschallbefund, Endoskopiebefund, CRP, Blutbild und fäkale Neutrophilenmarker.
Bei Kontraindikationen zur Steroidtherapie oder Intoleranz kommen Infliximab, Ciclosporin
A oder Tacrolimus infrage. Da die Mehrheit der Studien zu diesen Substanzen in der
steroidrefraktären Situation durchgeführt wurde, soll auf die Daten in diesem Abschnitt
eingegangen werden.
Es ist entscheidend, dass bei einem Nichtansprechen frühzeitig (nach etwa drei Tagen)
eine Therapieeskalation bzw. ein Wechsel der Therapiestrategie erwogen wird. Dies
ist von Bedeutung, da gezeigt werden konnte, dass Patienten, die mit einer nicht effektiven
Medikation inklusive Steroiden behandelt wurden, nicht nur eine erhöhte Morbidität
aufwiesen, sondern auch verzögert operiert wurden [317]
[318]
[319]
[320].
Die notwendige Therapie geht über die pharmakologische Therapie weit hinaus und kann
nur unter stationären Bedingungen gewährleistet werden, da neben der medikamentösen
Therapie bei diesen Patienten vorab generelle und spezifische Maßnahmen erforderlich
sein können. Dazu gehören engmaschige Laborwertkontrollen, mikrobiologische Untersuchungen
(Reiseanamnese erheben), physio- und ggf. psychotherapeutische Betreuung und Bluttransfusionen
[321]. Darüber hinaus gehören dazu:
-
parenteraler Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich. Insbesondere eine Hypokaliämie
sowie eine Hypomagnesiämie sollten vermieden werden, da beide Zustände eine intestinale
Hypomotilität und damit ein toxisches Megakolon begünstigen [322].
-
Alle motilitätshemmenden sowie sonstige potenziell Mukosa schädigende Medikamente
sollten abgesetzt werden, da sie ebenfalls ein toxisches Megakolon begünstigen [6]
[323]
[324]
[325].
-
eine Sigmoidoskopie, um die Diagnose zu bestätigen und gleichzeitig Biopsien abzunehmen,
die eine intestinale CMV-Reaktivierung ausschließen lassen (zusammen mit der systemischen
CMV-Viruslast). Dies spielt insbesondere in der steroidrefraktären Situation eine
Rolle; die CMV-Replikation sollte in dieser Situation behandelt werden [326]
[327]
[328]
[329]
[330]
[331].
-
Ausschluss einer Infektion mit Clostridium difficile, die gehäuft bei Patienten mit
einer schweren Colitis ulcerosa auftritt und mit einer erhöhten Mortalität und Morbidität
assoziiert ist [52]
[310]
[332]
[333]
[334]
[335]
[336]
[337]. Wenn ein positiver Clostridium-difficile-Nachweis erfolgt, sollte entsprechend
der DGVS-Leitlinie behandelt werden (s. Kapitel 4) [338]. Ob die immunsuppressive Therapie in dieser Situation gestoppt werden soll, ist
nicht klar, die Daten dazu sind kontrovers [339]
[340].
-
eine Thromboseprophylaxe mit einem niedermolekularen Heparin, da das Thromboserisiko
bei einem akuten Schub unabhängig von anderen Risikofaktoren deutlich erhöht ist [337]
[341]
[342]
[343]
[344].
-
eine Ernährungstherapie bei Patienten mit einer Malnutrition. Diese sollte vorzugsweise
enteral durchgeführt werden, da diese mit weniger Komplikationen (9 versus 35 %) assoziiert
ist [345] und die parenterale nicht mit einem besseren Endergebnis assoziiert ist [346].
Bei Kindern liegt das Risiko, wegen eines schweren Colitisschubs stationär aufgenommen
zu werden, bei 30 – 40 % bis zum 16. Lebensjahr und damit höher als bei Erwachsenen.
Bei Kindern und Jugendlichen sollte Methylprednisolon einmal täglich in einer Dosis
von 1 – 2 mg/kg/d i. v., maximal 40 – 60 mg/d gegeben werden [309]. Etwa 30 – 40 % der pädiatrischen Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa sprechen
nicht auf die initiale Therapie an und benötigen eine Therapieeskalation mit Infliximab
oder Cyclosporin. Bei einem PUCAI über 45 Punkten am Tag 3 der i. v. Steroidtherapie
sollten eine weitere Diagnostik (Sigmoidoskopie mit Ausschluss einer CMV-Colitis)
veranlasst und Vorbereitungen für eine erweiterte Therapie getroffen werden. Beträgt
der PUCAI > 65 Punkte am Tag 5, empfiehlt es sich, die Therapie zu erweitern, da ein
Ansprechen wenig wahrscheinlich ist. Alternativ ist stets eine Kolektomie mit Eltern
und Patient zu diskutieren. Für Kinder und Jugendliche wurde von der ECCO (European
Crohn’s and Colitis Organization) und der ESPGHAN (European Society of Pediatric Gastroenterology,
Hepatology, and Nutrition) eine separate Leitlinie zur Behandlung des schweren Schubs
herausgegeben [347].
Colitis ulcerosa refraktär auf systemische Steroidtherapie
Patienten mit einer Colitis ulcerosa mit mittelschwerer bis schwerer Krankheitsaktivität,
die unzureichend auf die Behandlung mit systemischen Steroiden ansprechen bzw. bei
denen Kontraindikationen oder Intoleranzen vorliegen, sollten mit TNF-Antikörpern
(Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B) oder mit Ciclosporin A (Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad
B) oder Tacrolimus (Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B) behandelt werden. Im Fall von
Infliximab sollte vorzugsweise eine Kombinationstherapie mit einem Thiopurin eingesetzt
werden (Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B). Bei der Therapieentscheidung sollte eine
Proktokolektomie mit in Erwägung gezogen werden (Evidenzgrad 5, Empfehlungsgrad B).
Starker Konsens
Patienten mit einer Colitis ulcerosa mit fulminanter Krankheitsaktivität, die refraktär
auf die Behandlung mit intravenösen Steroiden sind, sollten mit Infliximab (vorzugsweise
als Kombinationstherapie mit einem Thiopurin) (Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B) oder
mit Ciclosporin A (Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B) oder Tacrolimus (Evidenzgrad
2, Empfehlungsgrad B) behandelt werden. Eine Proktokolektomie sollte mit in Erwägung
gezogen werden (Evidenzgrad 5, Empfehlungsgrad B).
Starker Konsens
Tritt unter oben (3.27) genannter Therapie eine klinische Zustandsverschlechterung
ein, sollte eine Proktokolektomie durchgeführt werden (Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad
B). Die Proktokolektomie kann ebenso indiziert sein, wenn nach 4 – 7 Tagen keine Verbesserung
des klinischen Zustands eintritt.
Starker Konsens
Hintergrund
Bei einer Colitis ulcerosa mit steroidrefraktärem Verlauf sollten infektiöse Ursachen
wie C. difficile oder Cytomegalievirus ausgeschlossen werden (s. Kapitel 4). Eine intravenöse Steroidtherapie
hat sich u. a. in einer retrospektiven Studie mit 110 Patienten als effektiver bei
oral steroidrefraktärer, gesicherter Colitis ulcerosa gezeigt [348]
[349]. Allerdings zeigte fast die Hälfte der Patienten in dieser Studie später einen steroidabhängigen
Krankheitsverlauf. Für die TNF-Antikörper wurde ein klarer Nutzen bei jenen Patienten
mit steroidabhängigem Krankheitsverlauf mit dem Erreichen einer steroidfreien Remission
gezeigt, die zum Studienbeginn Steroide einnahmen (s. Kommentare zu Empfehlung 3.29)
[350]
[351]
[352]
[353]. In die genannten Studien wurden auch Patienten mit steroidrefraktärem Krankheitsverlauf
eingeschlossen, und es konnte eine Wirksamkeit an verschiedenen Endpunkten belegt
werden. Obwohl der Anteil von Patienten mit Steroidtherapie und Grenzwerten für die
Steroiddosis bei Studienbeginn jeweils erfasst wurde, sind möglicherweise die Steroiddosen
vor Studienbeginn suboptimal gewesen, und es ist nicht immer möglich, steroidrefraktäre
von steroidabhängigen Patienten zu differenzieren und die Studiendaten getrennt für
diese Gruppen zu analysieren. Verschiedene für die CU wirksame TNF-Antikörper können
daher auch in der steroidrefraktären Situation eingesetzt werden. Bei der Wahl der
TNF-Antikörper bei steroidrefraktären Verlaufsformen ist in der klinischen Situation
letztlich die Aktivität der Erkrankung von entscheidender Bedeutung. Während bei den
weniger aktiven Erkrankungsformen mit geringerem Remissionsdruck unterschiedliche
TNF-Antikörper, einschließlich Infliximab, Adalimumab oder Golimumab, eingesetzt werden
können, sind für die fulminante Manifestation nur Infliximab oder die Calcineurininhibitoren
kontrolliert untersucht worden. Für die Differenzierung der Aktivität der Erkrankung
gibt es keine einheitlichen Kriterien, sodass diese letztlich der individuellen klinischen
Einschätzung unterliegt. Die letzten Jahre haben zahlreiche kontrollierte Studien
für die fulminante steroidrefraktäre Situation geliefert, auf die weiter unten im
Detail eingegangen werden soll. Die Schwierigkeit bleibt jedoch, ein Ansprechen bzw.
ein Nicht-Ansprechen auf eine Therapie zu beurteilen und rechtzeitig auch die Entscheidung
für oder gegen ein operatives Vorgehen zu treffen. Im Folgenden soll die Bedeutung
der Faktoren diskutiert werden, die uns bei der klinischen Beurteilung helfen sollen.
Bei der klinischen Evaluation zeigte sich, dass bei einer Stuhlfrequenz von > 12/Tag
nach 2 Tagen Behandlung mit intravenösen Steroiden eine Proktokolektomierate von 55 %
beobachtet wurde [354]. Die Oxford-Kriterien beurteilen den Tag drei; besteht dann eine Stuhlfrequenz von
> 8/Tag oder 3 – 8/Tag zusammen mit einem CRP > 45 mg/l, erfolgt eine Proktokolektomie
in 85 % während dieses stationären Aufenthalts [355]. Bei den Laborparametern konnte in einer prospektiven Arbeit mit 67 Patienten gezeigt
werden, dass eine BSG > 75 mm/h oder eine Körpertemperatur > 38 °C bei Aufnahme mit
einem 5- bis 9-fach erhöhten Risiko für eine Proktokolektomie assoziiert ist [356]. In der Radiologie sollte man sich auf die Daten beschränken, die in der Praxis
heute noch relevant sind. Dazu zählt die Kolondilatation > 5,5 cm, gemessen bei einer
Abdomenübersichtsaufnahme, die mit einer Proktokolektomierate von 75 % assoziiert
wurde [354]. Damit übereinstimmend zeigt eine retrospektive Studie, dass der Nachweis eines
Ileus mit einer Proktokolektomierate von 74 % assoziiert war [357]. Die Daten für die endoskopische Beurteilung als prädiktiver Marker für den weiteren
Verlauf beschränken sich auf kleine Fallserien [71]
[358]. Die ausgeprägtesten Läsionen sind bei der Colitis ulcerosa im distalen Kolon lokalisiert,
womit eine Sigmoidoskopie zur Beurteilung ausreichend ist [359]. Im klinischen Alltag ist es entscheidend, das Gesamtbild zu beurteilen. Retrospektive
Daten zeigen, dass tiefe Ulzerationen, Steroidrefraktärität, Kolondilatation sowie
Hypalbuminämie (< 30 g/dl) in hohem Maße (85 %) mit der Notwendigkeit einer Proktokolektomie
assoziiert sind [360].
Nachfolgend werden die zur Verfügung stehenden medikamentösen Optionen erläutert.
Antibiotika Es liegen zwei Arbeiten vor, die die Frage adressieren, ob eine begleitende Antibiotikatherapie
erfolgen sollte. In einer Arbeit wurde die Antibiotikatherapie bei 30 Patienten mit
einer Colitis ulcerosa in einem Open-Label-Design untersucht. Die Gabe von Amoxicillin,
Tetracyclin und Metronidazol über zwei Wochen schien hier einen Effekt bei der steroidrefraktären
Colitis ulcerosa zu haben [361]. Im Gegensatz dazu zeigte eine frühere randomisierte plazebokontrollierte Studie
an 39 Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa keinen Effekt mit Metronidazol und Tobramycin
[362].
Ciclosporin Es liegen mittlerweile mehrere Arbeiten vor, die die Wirksamkeit von Ciclosporin
in dieser Situation belegen. Historisch war in einer ersten randomisierten und plazebokontrollierten
Studie, die noch 4 mg/kg KG/Tag intravenös einsetzte, eine schnelle Wirksamkeit von
Ciclosporin A in der Behandlung der steroidrefraktären Colitis ulcerosa beschrieben
worden [363]. Limitierend ist, dass nur 20 Patienten in die Studie eingeschlossen wurden, wobei
9 von 11 Patienten unter Ciclosporin ansprachen und keiner der 9 Patienten in der
Plazebogruppe ansprach [363]. Es folgte die randomisierte, doppelt verblindete Studie von dʼHaens und Kollegen,
die die Frage beantworten sollte, ob Ciclosporin A eine Alternative zur Kortikosteroidtherapie
darstellen kann. Es wurden 30 Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa entweder mit
40 mg Methylprednisolon/Tag oder mit 4 mg/kg KG/Tag Ciclosporin A intravenös behandelt.
Nach 8 Tagen konnte bei 8/15 Patienten der Methylprednisolongruppe und bei 9/14 Patienten
der Ciclosporin-A-Gruppe ein Therapieansprechen verzeichnet werden [364]. Es folgte die Arbeit, die 4 mg/kg KG/Tag mit 2 mg/kg KG/Tag Ciclosporin verglich
und keinen Unterschied in Bezug auf das Ansprechen an Tag 8 zeigen konnte [365]. Obwohl nicht alle Patienten beim Studieneinschluss einen steroidrefraktären Verlauf
aufwiesen, hat sich die Dosierung 2 mg/kg KG Ciclosporin heute als Standard durchgesetzt.
In der Studie wurden die Serumspiegel gemessen und die Ciclosporin-Konzentrationen
ggf. angepasst. Die optimalen therapeutischen Serumspiegel sind nicht bekannt, anzustreben
sind Spiegel zwischen 250 und 400 ng/ml. Die Dosisanpassung erfolgt über Messungen
der Talspiegel. Die beiden aktuellsten und größten Arbeiten unterstreichen diese Ergebnisse.
Die Studie der französischen Studiengruppe randomisierte 115 Patienten mit steroidrefraktärer
Colitis ulcerosa entweder in den Ciclosporin-Arm (2 mg/kg KG) oder in den Infliximab-Arm
[366]. Ziel war es zu zeigen, dass Infliximab Ciclosporin nicht unterlegen ist, primärer
Endpunkt war daher Therapieversagen an Tag sieben. Die Daten zeigen, dass Ciclosporin
nicht wirksamer ist als Infliximab. Die CONSTRUCT-Studie hat bei 135 steroidrefraktären
Patienten Ciclosporin (2 mg/kg KG) mit Infliximab verglichen und konnte ebenfalls
für Infliximab keine Unterlegenheit nachweisen [367]. Die Proktokolektomierate in dieser Studie betrug 25 % während des stationären Aufenthalts,
30 % innerhalb von drei Monaten und 45 % innerhalb des ersten Jahres [367]. Diese aktuellen Daten sind in der Metaanalyse von 2005 nicht enthalten, womit deren
Schlussfolgerung, dass Ciclosporin der Standardtherapie, also Steroiden, nicht überlegen
ist, kaum zu halten ist [368]. Limitierend sind die mit Ciclosporin assoziierten Nebenwirkungen, die den Einsatz
im klinischen Alltag einschränken.
Fasst man die Daten der verschiedenen kontrollierten und unkontrollierten Studien
zusammen, so kann mit dem Einsatz von Ciclosporin zumindest kurzfristig die Proktokolektomie
in 76 – 85 % der Patienten verhindert werden [363]
[364]
[365]
[369]
[370]. In zwei Arbeiten mit 76 und 142 Patienten, die Ciclosporin erhalten hatten, kam
es über sieben Jahre in 58 % und 88 % zur Proktokolektomie [371]
[372]. Mehrere Arbeiten zeigen, dass der Übergang von Ciclosporin zu einer Thiopurin-Therapie
signifikant das Risiko für eine spätere Proktokolektomie senkt [370]
[371]
[372]
[373].
Tacrolimus Die Daten zu Tacrolimus beschränken sich auf wenige Arbeiten. Es liegt eine randomisierte
plazebokontrollierte Studie vor, die zwei Serumkonzentrationen in der steroidrefraktären
Situation verglichen hat (5 – 10 ng/ml und 10 – 15 ng/ml). Es konnte eine dosisabhängige
Wirksamkeit nachgewiesen werden, jedoch war die Studie nicht aussagekräftig, um signifikante
Unterschiede bei schwerer Colitis ulcerosa zu detektieren. Die Nebenwirkungen traten
insbesondere in der Hochdosisgruppe auf [374]. Die zweite Studie ist ebenfalls eine randomisierte plazebokontrollierte Studie
über zwei Wochen, die zeigen konnte, dass orales Tacrolimus signifikant Plazebo bei
steroidrefraktären Colitis-ulcerosa-Patienten überlegen ist [375]. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Metaanalyse, die beide Studien einschließt [376]. Wie die Langzeitprognose in Bezug auf die Operation ist, ist aufgrund der eingeschränkten
Patientenzahlen nur schwierig zu beurteilen. Die proktokolektomiefreien Raten nach
1, 3, 6 und 12 Monaten lagen bei 86 %, 84 %, 78 % und 69 % [376]. Nach 44 Monaten waren 57 % der Patienten nicht proktokolektomiert. Verschiedene
retrospektive Studien liegen vor [377]. In einer Metaanalyse zeigten sich signifikant höhere klinische Ansprechraten unter
Tacrolimus als unter Plazebo (RR = 4,61, 95 %-KI 2.09 – 10.17, p = 0.15 × 10( – 3)).
Der Anteil der Patienten ohne zwischenzeitlich erfolgte Proktokolektomie nach 1, 3,
6 und 12 Monaten war 86 %, 84 %, 78 % und 69 % [376]. In einer offenen Studie an 100 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer CU wurde
die Therapie mit Tacrolimus mit einer Anti-TNF-Therapie verglichen; es zeigten sich
vergleichbare Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten [378]. Aus diesen Daten und der klinischen Praxis kann geschlossen werden, dass auch Tacrolimus
als Therapiealternative zur konventionellen Steroidtherapie infrage kommt.
Infliximab In zwei randomisierten, doppelt verblindeten, plazebokontrollierten Studien (ACT
1 und 2) konnte zunächst generell die Wirksamkeit von Infliximab in der Behandlung
der Colitis ulcerosa nachgewiesen werden [350]. In der ACT-1-Studie wurden 364 Patienten mit mäßig aktiver Colitis ulcerosa, die
zuvor nicht auf Kortikosteroide und/oder Immunmodulatoren angesprochen hatte, behandelt.
69 % der Patienten, die eine Dosis von 5 mg/kg KG erhielten, zeigten in Woche 8 ein
klinisches Ansprechen, in der Gruppe der Patienten, die 10 mg/kg KG erhielten, waren
es 61 % und in der Plazebogruppe 37 %; die Remissionsraten lagen bei 38,8 % (5 mg/kg
KG Infliximab), 32 % (10 mg/kg KG Infliximab) und 14,9 % (Plazebo). Die Gabe von Infliximab
kann dann in einer Dosierung von 5 mg/kg KG zu den Zeitpunkten Woche 0, 2 und 6 erfolgen.
Eine Fortführung in 8-wöchigen Abständen als Erhaltungstherapie sollte sich, bei entsprechender
Wirksamkeit, anschließen [350].
Für die steroidrefraktäre Situation liegt zum einen die doppelblinde, randomisierte
Pilotstudie von Järnerot und Kollegen vor, die 45 Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa
eingeschlossen hat, die zuvor nicht auf die konventionelle Steroidtherapie angesprochen
hatten [379]. Sieben Patienten der Infliximab-Gruppe und 14 Patienten der Plazebogruppe mussten
sich innerhalb von 3 Monaten nach Randomisierung einer Proktokolektomie unterziehen
(statistisch signifikanter Unterschied). Die Proktokolektomierate in diesem Kollektiv
betrug nach drei Jahren 12/24 (50 %) Patienten in der Infliximab-Gruppe sowie 16/21
in der Plazebo-Gruppe [380]. In einer retrospektiven Multicenterstudie mit 211 Patienten mit steroidrefraktärer
Colitis, die Infliximab erhielten, betrugen die Proktokolektomieraten 36 %, 41 % und
46 % nach 1, 3 und 5 Jahren [381]. Auf die französische Studie sowie die CONSTRUCT-Studie und damit die beiden größten
kontrollierten Studie für diese Fragestellung wurde oben bereits eingegangen und gezeigt,
dass Infliximab dem Ciclosporin nicht unterlegen ist [366]
[367]. Die Kolektomieraten für die mit Infliximab behandelten Patienten betrugen in der
CONSTRUCT-Studie 21 % während des initialen Krankenhausaufenthalts, 29 % in 3 Monaten
und 35 % nach 12 Monaten [367].
Welche Faktoren dienen uns als Prädiktoren? Bestehen bei Aufnahme eines steroidrefraktären
Patienten eine deutliche CRP-Erhöhung, niedrige Serumalbuminspiegel, Seropositivität
für perinukleäre antineutrophile zytoplasmatische Antikörper sowie schwere endoskopische
Läsionen, dann ist die Wahrscheinlichkeit für ein kurzfristiges Rezidiv oder eine
Proktokolektomie hoch [382]
[383]. Für eine proktokolektomiefreie Remissionserhaltung sprechen ein schnelles Ansprechen,
mukosale Heilung und Infliximab-Serumspiegel > 2,5 µg/ml in Woche 14. Damit übereinstimmend
sprechen niedrige Serumspiegel in Woche 6 (< 2,5 µg/ml) für ein primäres Nichtansprechen
[384]. Warum sind die Serumspiegel in den Fällen der schweren Colitis ulcerosa niedrig?
Es konnte gezeigt werden, dass bei ihnen Infliximab über den Stuhl verloren geht [385]. Auch wenn die Induktion in der CONSTRUCT-Studie mit einer Gabe in den Wochen 0,
2 und 6 den Standard darstellt, weist eine kleine retrospektive Studie darauf hin,
dass vielleicht ein beschleunigtes Induktionsschema mit einer Reduktion der frühen
Proktokolektomierate in 50 hospitalisierten Patienten assoziiert ist [386]. Zusätzlich hatten thiopurinnaive Patienten einen besseren Verlauf in Bezug auf
eine Operation [387].
Abwägung Infliximab versus Calcineurininhibitor
Die CYSIF-Studie randomisierte 111 thiopurinnaive Patienten mit schwerer Colitis ulcerosa
(Lichtiger Score > 10) trotz erfolgter fünftägiger intravenöser Steroidtherapie [366]. Die Patienten erhielten entweder Ciclosporin (2 mg/kg KG für 8 Tage, Zielspiegel:
150 – 250 µg/ml; gefolgt von 4 mg/kg KG Ciclosporin oral) oder Infliximab (5 mg/kg
KG in den Wochen 0, 2 und 6) [366]. Alle Patienten, die ein Ansprechen an Tag 8 zeigten, erhielten orales Azathioprin
und begannen die Steroide zu reduzieren. Die Studie war angelegt, um zu zeigen, dass
unter Ciclosporin weniger Therapieversager auftreten. Etwa 85 % der Patienten in beiden
Gruppen zeigten jedoch an Tag 7 ein Therapieansprechen. Ein Therapieversagen an Tag
98 zeigte sich bei 60 % in der Ciclosporin- und bei 54 % in der Infliximab-Gruppe
(nicht signifikant). Die Proktokolektomierate an Tag 98 betrug 18 % in der Ciclosporin-
und 21 % in der Infliximab-Gruppe (nicht signifikant). Ebenfalls zeigten sich keine
Unterschiede bei den schweren Nebenwirkungen. Auch die oben bereits diskutierte CONSTRUCT-Studie,
die als primäres Ziel hatte zu zeigen, dass Infliximab dem Ciclosporin nicht unterlegen
ist, konnte keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Behandlungsarmen
im Hinblick auf Lebensqualität, Proktokolektomie, Mortalität oder das Auftreten schwerer
Infektionen zeigen [367]. Damit übereinstimmend zeigte eine Metaanalyse, die sechs retrospektive Arbeiten
einschloss, vergleichbare Remissionsraten bei Patienten mit einer schweren, steroidrefraktären
Colitis ulcerosa, die entweder Ciclosporin oder Infliximab erhielten [388]. Aus ökonomischer Sicht konnten die Zeit und die Kosten des stationären Aufenthalts
gesenkt werden, jedoch stiegen gleichzeitig die gesamten Behandlungskosten an [389].
Damit kann die Frage, welche der beiden Substanzen eingesetzt werden sollte, nicht
eindeutig beantwortet werden. Dies stellt eher eine individuelle Entscheidung dar.
Bei Patienten mit einem niedrigen Cholesterin- und Magnesiumspiegel sollte Ciclosporin
aufgrund des erhöhten Risikos neurologischer Komplikationen eher vermieden werden.
Bei Ansprechen auf die Infliximab-Therapie ist der Übergang in die Erhaltungstherapie
in der Praxis einfacher. Lange war das Argument, lieber Ciclosporin einzusetzen, da,
sollte es zur Operation kommen, mit weniger Komplikationen zu rechnen sei [390]. Die Daten beruhen jedoch auf einer kleinen Fallserie und die Daten für Infliximab
erlauben derzeit keine eindeutige Aussage, womit aus ihnen keine sichere Schlussfolgerung
gezogen werden kann. Viel entscheidender für das operative Risiko ist die langfristige
Einnahme von Steroiden [391].
Die weitere Frage ist, wie medikamentös vorgegangen wird, wenn es nach Steroiden entweder
mit Infliximab oder einem Calcineurininhibitor zu einem Therapieversagen kommen sollte.
Ist es sinnvoll, in dieser Situation die jeweils andere Option zu versuchen? Zunächst
ist dies in jedem Fall eine Situation, in der man die chirurgischen Optionen ausführlich
besprechen und anbieten sollte. Es liegen keine kontrollierten Daten für diese Situation
vor, sondern nur Fallserien, die nicht hilfreich sind [392]. Eine Drittlinientherapie sollte daher, wenn überhaupt, spezialisierten Zentren
vorbehalten sein. In diesem Fall sollte eine enge Abstimmung mit dem chirurgischen
Partner erfolgen.
Komplikationen
Auf die im akuten Schub vermehrt auftretenden thromboembolischen Ereignisse wurde
oben bereits eingegangen; eine prophylaktische Antikoagulation stellt für sie den
Standard dar [341]
[343]. Die Perforation im akuten Schub, die spontan auftreten oder auch die Folge einer
endoskopischen Untersuchung sein kann, ist mit einer Mortalität von bis zu 50 % assoziiert
[323]. Eine weitere Komplikation stellt die massive Blutung dar.
Von herausragender Bedeutung bei der Behandlung dieser schwer kranken Patienten ist
es, nicht den Zeitpunkt zu versäumen, an dem die konventionelle/medikamentöse Therapie
versagt und eine chirurgische Therapie (Proktokolektomie) notwendig wird. Mit der
zunehmenden Zahl an Therapiealternativen nimmt die Gefahr der Verzögerung der notwendigen
chirurgischen Therapie tendenziell weiter zu. Aus diesem Dilemma ergibt sich, dass
Gastroenterologen/Kindergastroenterologen und Chirurgen sehr eng miteinander kooperieren
und ständig gemeinsam den Zustand der Patienten und das Ansprechen auf die Therapie
beurteilen müssen. Eine intensive Überwachung der Patienten ist dabei unerlässlich.
Sondersituation refraktäre Proktitis
Die refraktäre Proktitis stellt häufig eine klinische Herausforderung dar. Zunächst
müssen die Differenzialdiagnosen kritisch überprüft werden (HIV-, Chlamydieninfektion,
Reizdarmsyndrom, anatomische Besonderheit des Beckenbodens (Prolaps), Morbus Crohn,
Karzinom). Im zweiten Schritt muss überprüft werden, ob der Patient die verordneten
Medikamente auch einnimmt bzw. appliziert, und eine verlangsamte Darmmotilität sollte
ausgeschlossen werden [393]. Die Therapie erfolgt dann, wie oben für die klassische refraktäre Situation dargestellt,
auch wenn kaum Studien exklusiv die Proktitis im Fokus haben. Darüber hinaus liegen
kleine Studien vor, die den Einsatz von lokalen Calcineurininhibitoren (als Einlauf
oder Suppositorien) favorisieren [377]
[394]
[395]
[396]
[397]. Des Weiteren liegt eine Reihe unkontrollierter Studien vor, die keine allgemeine
Schlussfolgerung erlauben. Kritisch bleibt festzuhalten, dass bis zu 10 % der Patienten,
die aufgrund einer therapierefraktären Colitis eine Koloproktektomie erhalten, nur
an einer distalen Colitis leiden.
Nach Ansprechen auf eine Therapie mit Calcineurininhibitoren kann eine Therapie mit
Azathioprin/Mercaptopurin (Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad 0) oder Vedolizumab (Evidenzgrad
4, Empfehlungsgrad 0) eingeleitet werden. Bei Ansprechen auf eine Therapie mit TNF-Antikörpern
soll diese Therapie zur Remissionserhaltung fortgesetzt werden (Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad
A).
Konsens
Hintergrund
Aufgrund der hohen Kolektomierate bei Patienten, die wegen eines steroidrefraktären
Verlaufs eine Therapie mit Cyclosporin oder Tacrolimus erhielten, empfiehlt sich selbst
bei 5-ASA-naiven Patienten die Durchführung einer remissionserhaltenden Therapie [363]
[370]
[398]
[399]. Da Calcineurininhibitoren aufgrund der Nebenwirkungsraten nach spätestens 6 Monaten
abgesetzt werden sollten, sollten zur Remissionserhaltung andere Substanzen, beispielsweise
Thiopurine, eingesetzt werden. Retrospektive Analysen belegen, dass Thiopurine das
Risiko einer Kolektomie nach Induktion mit Ciclosporin reduzieren [372]
[399]. Insbesondere bei thiopurinnaiven Patienten empfiehlt sich ein überlappender Therapiebeginn
mit Thiopurinen, sobald ein Ansprechen bzw. eine Remission mit einem Calcineurininhibitor
erreicht wurde. Nach einer intravenösen Remissionsinduktion mit Ciclosporin kann eine
überbrückende Therapie mit oralem CsA bis zur Erreichung des therapeutischen Effekts
von Azathioprin durchgeführt werden.
Neuerdings wird bei Patienten, die einen azathioprinrefraktären Verlauf aufweisen,
nach erfolgreicher Remissionsinduktion mit Calcineurininhibitoren auch eine Erhaltungstherapie
mit Vedolizumab vorgeschlagen [400]. Die remissionserhaltende Therapie mit TNF-Antikörpern nach entsprechender Remissionsinduktion
wird unter der Empfehlung 3.34 ausführlich diskutiert.
Colitis ulcerosa mit steroidabhängigem Verlauf
Patienten mit einer steroidabhängigen Colitis ulcerosa sollten mit einem Thiopurin
(Evidenzgrad 2) oder TNF-Antikörpern (Evidenzgrad 1) (im Fall von Infliximab ggf.
kombiniert mit einem Thiopurin (Evidenzgrad 2)) oder mit Vedolizumab (Evidenzgrad
2) behandelt werden.
Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Wirksamkeit von Thiopurinen, TNF-Antikörpern und Vedolizumab bei der steroidabhängigen
Verlaufsform einer Colitis ulcerosa wurde in verschiedenen Studien untersucht. Eine
generelle Empfehlung bezüglich der Wahl der geeigneten Therapie bei Steroidabhängigkeit
kann aufgrund fehlender Vergleichsstudien nicht gegeben werden. Die Wahl des Therapeutikums
ist u. a. abhängig von der Aktivität der Erkrankung, dem Alter und den Komorbiditäten
des Patienten, dem potenziellen Nebenwirkungsprofil, dem klinischen Remissionsdruck,
den Kosten sowie dem Patientenwunsch. Bei steroidabhängiger Colitis ulcerosa ist Azathioprin
signifikant wirksamer als 5-ASA zur Induktion einer klinischen und endoskopischen
Remission. In einer Open-Label-Studie wurden 72 Patienten zwischen einer Therapie
mit Azathioprin 2 mg/kg/d und oralem 5-ASA 3,2 g/d ergänzend zu einer Steroidtherapie
mit 40 mg/d Prednisolon randomisiert [401]. 53 % der Patienten unter Azathioprin erreichten eine steroidfreie klinische und
endoskopische Remission nach 6 Monaten, verglichen mit 21 % der mit 5-ASA behandelten
Patienten. In einer Open-Label-Kohortenstudie mit 42 Patienten unter Azathioprin-Therapie
ergaben sich steroidfreie Remissionsraten von 55 %, 52 % und 45 % nach 12, 23 und
36 Monaten [402]. Aus diesen Studien lässt sich eine effektive Wirkung von Thiopurinen bei Patienten
mit steroidabhängiger Colitis ulcerosa ableiten.
Steroidfreie Remission war ein sekundärer Endpunkt der großen klinischen Anti-TNF-Studien.
Eine klare Differenzierung zwischen steroidabhängigem und steroidrefraktärem Verlauf
wurde in keiner dieser Studien durchgeführt. Es liegen lediglich Daten dazu vor, wie
hoch der Anteil der Patienten war, die unter dieser Therapie Steroide erhielten. Bezüglich
Infliximab untersuchten die ACT-1- und die ACT-2-Studie 364 Patienten mit endoskopisch
gesicherter Colitis ulcerosa, bei denen trotz Therapie mit Kortikosteroiden und/oder
Thiopurinen (ACT-1) und Kortikosteroiden und/oder Thiopurinen und/oder 5-ASA (ACT-2)
eine mittelschwere bis schwere Krankheitsaktivität vorlag. Alle Patienten waren anti-TNF-naiv
und wurden zwischen Plazebo und Infliximab randomisiert. 56 % der Patienten nahmen
bei Studieneinschluss Kortikosteroide, 38 % mit einer Äquivalenzdosis von mindestens
20 mg/d Prednisolon. Von den Patienten, die zur Baseline Steroide einnahmen, erreichten
unter Infliximab 21,5 % eine steroidfreie Remission zur Woche 30, unter Plazebo 7,2 %
(p = 0,007) [350].
Die ULTRA-2-Studie untersuchte die Wirkung von Adalimumab bei 494 Patienten mit endoskopisch
gesicherter Colitis ulcerosa mit mittelstarker bis starker Krankheitsaktivität trotz
Therapie mit Kortikosteroiden und/oder Thiopurinen. Die Patienten wurden zwischen
Plazebo und einer Therapie mit 160 mg Adalimumab an Woche 0, 80 mg an Woche 2 und
dann 40 mg zweiwöchentlich randomisiert [351]. 59 % der Patienten nahmen zur Baseline Steroide, 40 % waren im Vorfeld TNF-Versager,
31 % der Patienten waren zur Woche 16 steroidfrei, aber nur 16 % unter Plazebo (p < 0,05).
Zur Woche 52 waren unter Adalimumab 13,3 % der Patienten, die unter Steroiden in die
Studie eingeschlossen wurden, in steroidfreier Remission, unter Plazebo nur 5,7 %
(p = 0,035).
Die Wirksamkeit von Golimumab bei Patienten, bei denen trotz Therapie mit Steroiden
oder 5-ASA oder Thiopurinen eine mittelschwere bis schwere Colitis ulcerosa vorlag,
wurde in den PURSUIT-Studien belegt [352]
[353]. Alle Studienteilnehmer waren anti-TNF-naiv. In diesen Studien war die Induktionsphase
von der Remissionserhaltungsphase getrennt. Das klinische Ansprechen lag zu Woche
6 bei 51,0 % bei Patienten, die mit 200 und dann 100 mg Golimumab behandelt worden
waren, bzw. 5,9 % bei Patienten, die mit 400 mg und dann 200 mg behandelt worden waren
[352]. In der PURSUIT-M-Studie wurden 464 Patienten, die in der Induktionsphase ein Ansprechen
gezeigt hatten, erneut zur Erhaltungstherapie mit Golimumab oder Plazebo randomisiert.
In der Subgruppe der Patienten, die zur Baseline Steroide einnahmen, waren zur Woche
54 34,4 % unter Golimumab in steroidfreier Remission, unter Plazebo 20,7 % (p = 0,024)
[353].
Die genannten TNF-Antikörper sind wirksamer als Plazebo in der Induktion und dem Erhalt
einer steroidfreien Remission bei Patienten unter Steroidtherapie zur Baseline.
Die Frage des Nutzens einer Kombinationstherapie von Infliximab mit Azathioprin im
Vergleich mit Infliximab allein bzw. Azathioprin allein wurde in der UC-SUCCESS-Studie
an biologikanaiven und mehrheitlich thiopurinnaiven Patienten untersucht [403]. In dieser randomisiert kontrollieren Studie stellte sich die Kombinationstherapie
von Infliximab und Azathioprin wirksamer als die Monotherapien dar; unter der kombinierten
Therapie erreichten 39,7 % der Patienten in Woche 16 eine steroidfreie Remission,
unter Infliximab 22,1 % und unter Azathioprin 23,7 % (p = 0,032).
Entsprechende Daten zur Wirksamkeit einer Kombinationstherapie bei Colitis ulcerosa
liegen für Adalimumab und Golimumab nicht vor. Für diese Substanzen gibt es lediglich
Hinweise auf eine Reduktion einer Autoantikörperbildung durch eine Ko-Immunsuppression.
Ein Beleg dafür, dass dies jedoch auch die Wirksamkeit verbessert, steht noch aus.
Steroidfreie Remission war ebenso ein sekundärer Endpunkt bei der GEMINI-1-Studie.
Bei dieser Studie zur Wirkung von Vedolizumab bei mittelschwerer bis schwerer Colitis
ulcerosa erfolgte eine randomisierte Induktionsphase mit 374 Patienten. Die Responder
in Woche 6 wurden dann zwischen Vedolizumab oder Plazebo für die Erhaltungstherapie
erneut randomisiert [404]. In einem weiteren Induktionsarm wurden Patienten aus einer Open-Label-Kohorte,
die auf Vedolizumab angesprochen hatten, für die Remissionserhaltung zwischen Vedolizumab
und Plazebo randomisiert. Die Studienteilnehmer waren refraktär auf Steroide und/oder
Thiopurine oder eine Anti-TNF-Therapie.
53,7 % der Patienten der GEMINI-1-Studie standen unter einer Steroidtherapie zum Studieneinschluss,
48 % waren Versager einer Anti-TNF-Therapie. Von den Patienten unter Steroidtherapie
bei Studieneinschluss, die auf die Induktionstherapie angesprochen hatten, waren 38,5 %
der auf eine Remissionserhaltung mit Vedolizumab randomisierten Patienten in Woche
52 in steroidfreier Remission, verglichen mit 13,9 % unter Plazebo (p < 0,001). Die
Effektivität der Therapie mit Vedolizumab war sowohl in der Induktions- als auch in
der Erhaltungstherapie unabhängig von einer Begleittherapie mit Steroiden oder Immunsuppressiva
und ebenso unabhängig von einer vorangegangenen Anti-TNF-Therapie.
Methotrexat (MTX) wurde kürzlich in einer multizentrischen Studie an 111 Patienten
mit steroidabhängiger Colitis ulcerosa untersucht [405]. Der primäre Endpunkt mit einer steroidfreien Remission in Woche 16 bei 31,7 % der
Patienten unter MTX im Vergleich zu 19,6 % (p = 0,15) unter Plazebo wurde nicht erreicht.
Der sekundäre Endpunkt mit dem Anteil der Patienten mit steroidfreier klinischer Remission
in Woche 16 lag unter MTX bei 41,7 % und unter Plazebo bei 23,5 % (p = 0,04). Wenngleich
ein klarer Trend bezüglich eines Therapieansprechens erkennbar ist, kann aufgrund
der aktuellen Datenlage keine generelle Empfehlung zum Einsatz von Methotrexat bei
Colitis ulcerosa ausgesprochen werden.
Colitis ulcerosa mit nicht ausreichendem Ansprechen auf eine Therapie mit Thiopurinen
Patienten mit leichter bis mittelschwerer Colitis ulcerosa, die nicht ausreichend
auf eine Therapie mit Thiopurinen ansprechen, sollten mit TNF-Antikörpern (Evidenzgrad
1) (im Fall von Infliximab ggf. in Kombination mit Thiopurinen (Evidenzgrad 2)) oder
mit Vedolizumab (Evidenzgrad 2) behandelt werden.
Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Nach Ausschluss infektiöser Komplikationen sollte bei Versagen einer immunsuppressiven
Therapie eine Behandlung mit Biologika erfolgen, sofern diesbezüglich keine Kontraindikationen
vorliegen. Grundsätzlich kann eine Therapie mit Integrin-Antikörpern auch schon vor
einem Einsatz mit TNF-Antikörpern erfolgen. Infliximab, Adalimumab, Golimumab und
Vedolizumab wurden sämtlich in Studien zur Behandlung der CU bei Patienten, die refraktär
auf Thiopurine waren, untersucht.
Die ACT-1- und die ACT-2-Studie haben 334/728 (46 %) Patienten mit aktiver Erkrankung
trotz immunsuppressiver Therapie eingeschlossen [350]. Unter Infliximab erreichten unabhängig von der Dosis (5 oder 10 mg) signifikant
mehr Patienten nach 8 Wochen eine klinische Remission als unter Plazebo. Dabei wurde
allerdings das Ansprechen in der Subgruppe von Patienten, die immunsuppressivarefraktär
waren, nicht berichtet. In einer Cochrane Database Review wurden 7 Studien von Infliximab
bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Colitis ulcerosa ausgewertet, die refraktär
auf eine Steroidtherapie und/oder Immunsuppression waren [406]. Drei Infusionen (Woche 0, 2 und 6) waren bei der Induktion einer klinischen Remission
in Woche 8 effektiver als Plazebo (RR 3,22, 95 %-KI 2,18 – 4,76). Auch in diesem Fall
wurde keine Subgruppenanalyse für Patienten durchgeführt, die refraktär auf eine Therapie
mit Immunsuppressiva waren.
In der ULTRA-1-Studie wurde eine Überlegenheit von Adalimumab gegenüber Plazebo bei
der Remissionsinduktion bei Patienten mit CU berichtet. 159 von 390 Patienten (39 %)
erhielten eine Immunsuppression zur Baseline [407]
[408]. Bei Patienten mit begleitender Immunsuppression konnte Adalimumab in Woche 8 bei
15,1 % (8/53) eine Remission induzieren, unter Plazebo bei 0 % (0/15); bei Patienten
unter Immunsuppression und Steroidtherapie zur Baseline lagen die Remissionsraten
in Woche 8 bei 12,2 % (6/49) unter Adalimumab und 9,5 % (2/34) unter Plazebo. In der
ULTRA-2-Studie waren 173 von 494 Patienten unter immunsuppressiver Therapie [351]. Adalimumab 160 mg/80 mg/40 mg zweiwöchentlich induzierte eine klinische Remission
in Woche 8 bei 8/53 (15,1 %) Patienten verglichen mit 2/52 (3,8 %) Patienten unter
Plazebo.
Eine prospektive Kohortenstudie untersuchte 53 Patienten unter Infliximab oder Adalimumab
bei mittelschwerer CU. Die klinische Ansprechrate lag bei 88,7 % ohne signifikanten
Unterschied zwischen den Therapiegruppen [409]. Alle eingeschlossenen Patienten waren intolerant oder Therapieversager auf eine
immunsuppressive Therapie, obwohl nur 5/25 Patienten unter Adalimumab und 15/28 Patienten
unter Infliximab zur Baseline eine immunsuppressive Therapie erhalten hatten.
In der PURSUIT-Studie mit Golimumab wurden 31,2 % der Patienten mit mittelschwerer
bis schwerer Krankheitsaktivität mit Thiopurinen behandelt. Die begleitende Immunsuppression
beeinflusste das Outcome nicht.
Bei Patienten, die refraktär auf eine immunsuppressive Therapie sind, stellt sich
häufig die Frage, ob die Immunsuppression bei Beginn einer Anti-TNF-Therapie fortgeführt
werden soll. In die UC-SUCCESS-Studie wurden nur Patienten mit steroidrefraktärem
Verlauf eingeschlossen. Die Patienten mussten entweder naiv auf Immunsuppressiva sein
(90 %) oder mindestens drei Monate vor Baseline keine Immunsuppression erhalten haben.
Wegen des hohen Anteils von immunsuppressivanaiven Patienten lassen sich die Daten
vermutlich nicht direkt auf immunsuppressivarefraktäre Patienten extrapolieren. Die
Empfehlung zur begleitenden Immunsuppression bei Infliximab-Therapie beruht daher
auf indirekten Daten, die zeigen, dass eine begleitende Immunsuppression die Bildung
von Autoantikörpern reduzieren kann und/oder durch höhere Through Level die Effektivität
der Therapie erhöht [403]
[410]. Weder Subgruppenanalysen klinischer Studien noch retrospektive Analysen pharmakokinetischer
Proben ergaben ähnliche Ergebnisse für Adalimumab oder Golimumab [353]
[411]. Hinweise auf eine vermehrte klinische Wirksamkeit einer Co-Immunsuppression gibt
es für Adalimumab und Golimumab jedoch nicht.
In die GEMINI-1-Studie wurden 17,8 % Patienten unter Immunsuppression und 16,6 % unter
Immunsuppression und Steroiden eingeschlossen [404]. Die Subgruppenanalyse zum Ansprechen auf die Induktionstherapie enthielt nicht
die gesamte Gruppe der Immunsuppressionsversager, sondern nur die von Versagern auf
eine Immunsuppression, die im Vorfeld kein Versagen auf eine Anti-TNF-Therapie gezeigt
hatten. In dieser Gruppe wurde ein Trend zum Nutzen von Vedolizumab gegenüber Plazebo
beobachtet, der aber keine Signifikanz erreichte (49 % vs. 34,5 %, p = 0,08). Die
gleiche Subgruppenanalyse in der Erhaltungstherapie ergab 1 Jahr nach erneuter Randomisierung
von Patienten, die auf die Induktionstherapie angesprochen hatten eine signifikant
höhere Remissionsrate unter Vedolizumab verglichen mit Plazebo (44,6 % unter Vedolizumab
alle 8 Wochen, 50 % unter Vedolizumab alle 4 Wochen und 18 % unter Plazebo). Eine
begleitende immunsuppressive Therapie hat diese Ergebnisse nicht wesentlich beeinflusst.
Eine Entscheidung zu einer Therapie mit Vedolizumab sollte in dieser Situation von
der Krankheitsaktivität der CU abhängig gemacht werden, da mit einem Therapieansprechen
erst nach einigen Wochen gerechnet werden kann.
Es liegen nur wenige Daten zur Wirkung einer zweiten Anti-TNF-Substanz nach Versagen
einer Anti-TNF-Therapie vor. Bezüglich Vedolizumab wurden in die GEMINI-1-Studie 48 %
Patienten mit vorangegangenem Versagen einer Anti-TNF-Therapie eingeschlossen. In
Subanalysen gab es keine signifikanten Unterschiede dieser Subgruppe zur gesamten
Studienpopulation, was nahelegt, dass Patienten mit vorangegangenem Anti-TNF-Versagen
ein ähnliches Outcome haben wie anti-TNF-naive Patienten.
In die OCTAVE-1- und OCTAVE-2-Studie zur Wirksamkeit von Tofacitinib bei CU wurden
Patienten mit vorangegangenem Therapieversagen auf Azathioprin eingeschlossen. Damit
könnte Tofacitinib eine Option für Patienten mit mittelschwerer bis schwerer CU sein,
die refraktär auf eine Therapie mit Thiopurinen sind. Da noch keine Zulassung und
Verfügbarkeit von Tofacitinib zur Behandlung der CU in Deutschland vorliegt, wurde
diese Substanz zum Redaktionsschluss noch nicht mit in die Empfehlungen der Leitlinie
aufgenommen.
Neben einigen Fallserien, die den Einsatz von Tacrolimus bei CU unterstützen [248]
[412], gibt es keine kontrollierten klinischen Studien zu dieser Therapie bei Patienten
mit Versagen einer immunsuppressiven Therapie.
Mit den Patienten sollten die Vorzüge und Risiken einer kombinierten immunsuppressiven
Therapie auch im Vergleich zur Option einer operativen Therapie kritisch besprochen
werden.
Colitis ulcerosa mit primärem oder sekundärem Therapieversagen unter einer Therapie
mit TNF-Antikörpern
Patienten mit primärem Versagen auf eine Therapie mit TNF-Antikörpern sollten mit
Vedolizumab (Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B) oder Calcineurininhibitoren (Evidenzgrad
3, Empfehlungsgrad B) behandelt werden. Patienten mit mittelschwerer Colitis ulcerosa
mit sekundärem Versagen auf eine Therapie mit TNF-Antikörpern sollten mit alternativen
TNF-Antikörpern (Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B) oder Vedolizumab (Evidenzgrad 2,
Empfehlungsgrad B) oder Calcineurininhibitoren (Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B)
behandelt werden. Eine Proktokolektomie sollte in Erwägung gezogen werden. (Expertenkonsens,
Empfehlung).
Starker Konsens
Hintergrund
Bei der Frage, welche Therapieoptionen bei einem Therapieversagen auf TNF-Antikörper
zur Verfügung stehen, ist die Differenzierung zwischen primärem Nichtansprechen oder
einem sekundären Therapieversagen von klinischer Bedeutung. Grundsätzlich sollte auch
bei primärem Therapieversagen eines TNF-Antagonisten die Möglichkeit einer Therapieintensivierung
durch Dosiserhöhung in Betracht gezogen werden. Insbesondere bei endoskopisch starker
Entzündung kann durch den sogenannten „fecal loss“ applizierter Antikörper über den
Darm verloren gehen und eine Dosiserhöhung notwendig sein [385]. Bei einem primären Therapieversagen hängt die Wahl der weiteren Therapie ansonsten
entscheidend von dem Remissionsdruck ab. Bei hoher Krankheitsaktivität würde eher
die Entscheidung zugunsten des Einsatzes eines Calcineurininhibitors fallen, da dann
eine rasche Remissionsinduktion zu erwarten ist. Bei geringradiger Entzündungsaktivität
mit geringerem Remissionsdruck kann auch der Einsatz von Vedolizumab in Erwägung gezogen
werden. Der Wechsel von einem TNF-Antikörper auf einen anderen TNF-Antikörper ist
bei primärem Therapieversagen nur mit einer geringen Aussicht auf Erfolg in etwa 30 %
der Fälle verbunden [413], sodass dazu nicht geraten werden kann.
Anders stellt sich die Situation bei sekundärem Therapieversagen dar. In der ULTRA-2-Studie
wurde der co-primäre Endpunkt einer klinischen Remission in Woche 16 in der Subgruppe
von Patienten mit Anti-TNF-Versagen im Vorfeld nicht erreicht; der weitere klinische
co-primäre Endpunkt einer klinischen Remission in Woche 52 wurde erreicht (10,2 %
unter Adalimumab vs. 3,0 % unter Plazebo, p = 0,039). Der Unterschied war bei diesem
und anderen Endpunkten geringer als bei anti-TNF-naiven Patienten. Der sekundäre Endpunkt
einer steroidfreien Remission in Woche 52 unter den Patienten, die zur Baseline unter
Steroiden standen, wurde unter den Anti-TNF-Versagern nicht erreicht. In einer Metaanalyse
wurden 8 Studien, bei denen das Ansprechen auf eine Zweitlinientherapie mit einem
TNF-Antikörper nach sekundärem Versagen einer primären TNF-Antikörper-Therapie untersucht
wurde, ausgewertet. In allen Studien wurde von Infliximab auf Adalimumab gewechselt,
die Ansprechraten lagen dabei zwischen 23 % und 92 %, die Remissionsraten zwischen
0 % und 50 % [413]. Wenngleich die Studien sehr heterogen sind und keine gepoolte Datenanalyse erlauben,
rechtfertigt die derzeitige Datenlage doch einen versuchsweisen Wechsel von einem
auf einen zweiten TNF-Antikörper.
In der GEMINI-1-Studie, in der 48 % der Patienten Anti-TNF-Versager waren, war die
Remissionsrate unabhängig von einer vorangegangenen Therapie mit TNF-Antikörpern [404]. In einer deutsche Kohortenstudie waren 25 % der Patienten mit Colitis ulcerosa
oder Morbus Crohn nach 14 Wochen in klinischer Remission [414]. Daten zur Wirksamkeit von TNF-Antikörpern nach primärem Therapieversagen von Vedolizumab
liegen derzeit nicht vor.
Zwei Phase-3-Studien haben die Wirkung des JAK-Inhibitors Tofacitinib (10 mg zweimal
täglich) als Induktionstherapie an insgesamt 1139 Patienten mit mittelschwerer bis
schwerer CU untersucht [415]. Die eingeschlossenen Patienten hatten ein Therapieversagen auf Steroide, Azathioprin
oder Anti-TNF-Therapie gezeigt (53 – 58 % der Patienten hatten zuvor eine der drei
genannten Therapien). Eine Remission an Woche 8 erreichten 18,5 % und 16,6 % unter
Tofacitinib und 8,2 bzw. 3,6 % unter Plazebo. Beide Unterschiede waren statistisch
signifikant. Unter Tofacitinib fielen erhöhte Cholesterin- und Kreatininwerte und
in der 10-mg-Gruppe auch das vermehrte Auftreten von Infektionen, insbesondere Herpesinfektionen,
auf. Tofacitinib ist zum Redaktionsschluss in Deutschland noch nicht zur Therapie
der Colitis ulcerosa zugelassen, sodass bei fehlenden klinischen Daten die genaue
Einordnung in den Therapiealgorithmus der CU noch nicht abschließend beurteilt werden
kann.
Ozanimod, ein Modulator der Sphingosin-1-Phosphate-Rezeptor-Subtypen 1 und 5, wurde
in einer randomisierten Phase-2-Studie untersucht. Dabei erreichten 16 % der Patienten
unter Ozanimod eine klinische Remission in Woche 8, unter Plazebo 6 % (p = 0,048)
[416]. Zur weiteren Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit von Ozanimod sind noch weitere
Studien nötig.
Da es sich bei den Patienten mit primärem oder sekundärem Therapieversagen auf TNF-Antikörper
grundsätzlich um eine sehr kranke und häufig „austherapierte“ Patientenpopulation
handelt, sollte in dieser Situation die Möglichkeit einer Proktokolektomie immer mit
in Erwägung gezogen und mit den Patienten diskutiert werden.
Anwendung von Biosimilars bei Colitis ulcerosa
Zum Zeitpunkt der Leitlinienerstellung steht für die Anwendung bei Colitis ulcerosa
lediglich das Infliximab-Biosimilar zur Verfügung. Weitere Biosimilars werden jedoch
in den kommenden Jahren folgen. Eine generelle Empfehlung zur Anwendung von Biosimilars
wird in dieser Leitlinie nicht gegeben, da es sich bei Biosimilars lediglich um andere
Versionen eines monoklonalen Antikörpers bzw. derzeit um Infliximab handelt, deren
Anwendungen an verschiedenen anderen Stellen besprochen werden. Da die Anwendung der
Biosimilars derzeit viel und z. T. kontrovers diskutiert wird, folgen zumindest einige
generelle Überlegungen zur Anwendung von Biosimilars.
Die molekulare Struktur der zurzeit verfügbaren Infliximab-Biosimilars ist der des
Referenzprodukts sehr ähnlich. Alle Medikamente haben ähnliche physikalische und chemische
Eigenschaften, biologische Aktivität, Pharmakokinetik und Toxizität in Tierversuchen
wie bei gesunden Probanden. Zwei Phase-3-Studien haben zwischen Biosimilar und Referenzprodukt
eine vergleichbare Effektivität, Toxizität und Immunogenität bei Patienten mit Rheumatoider
Arthritis und Ankylosierender Spondylarthritis gezeigt [417]
[418]. Mehrere Open-Label-Studien legen nahe, dass das Infliximab-Biosimilar bei CU wirksam
ist. Auf der Basis vorklinischer und klinischer Daten hat die EMA den Einsatz der
Infliximab-Biosimilars bei rheumatoider Arthritis, Spondylarthritis, CU und Morbus
Crohn zugelassen. Es ist zu erwarten, dass durch die in den kommenden Jahren vermehrt
auf dem Markt erscheinenden bioähnlichen Substanzen das Spektrum der Anwendung von
Biosimilars bei Colitis ulcerosa deutlich erweitert werden wird. Die Verfügbarkeit
von Biosimilars ist wettbewerbsfördernd und wird zur Kostensenkung in einem finanziell
überstrapazierten Gesundheitssystem beitragen. Außerdem werden damit wichtige Medikamente
für eine breitere Gruppe von Patienten verfügbar gemacht. Biosimilars scheinen daher
eine wirkliche Alternative zu den Originalprodukten zu sein. Trotz fehlender randomisierter
Studien im Indikationsbereich CU sprechen die bisherigen Studiendaten und klinischen
Erfahrungen für eine vergleichbar gute Wirksamkeit von Biosimilars wie das Original-Biologikum
Infliximab ohne wesentliche Änderungen im Nebenwirkungsspektrum. Negative Daten, die
gegen eine Anwendung von Biosimilars bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
sprechen würden, wurden bisher weder in Studien publiziert, noch sind diese aus der
klinischen Anwendung bekannt. Der mehr als 10-jährige Einsatz von Biosimilars in anderen
Indikationsbereichen unterstreicht die Unbedenklichkeit zumindest bei der Neueinstellung
auf in Studien geprüfte Biosimilars.
Die bisherigen Daten zur Umstellung vom Original auf ein Infliximab-Biosimilar (z. B.
aus der NorSwitch-Studie [419]) ergaben bisher ebenfalls keine relevanten Hinweise auf einen Wirksamkeitsverlust,
eine vermehrte Rate an Nebenwirkungen oder Immunogenitätsprobleme. Da die Datenlage
dazu jedoch noch deutlich weniger robust ist im Vergleich zur Neueinstellung, sollten
weitere Studiendaten gesammelt werden, um auch diesbezüglich eventuell vorhandene
Bedenken auszuräumen. Gastroenterologen sollten sich intensiver mit dem Biosimilar-Konzept
bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen vertraut machen und unbegründete Ängste
in Bezug auf die Sicherheit und Effektivität dieser Substanzen abbauen. Unabhängig
von der bisher bestehenden relativen Unbedenklichkeit der Anwendung des Biosimilars
Infliximab in der Erstanwendung und vermutlich auch bei einem Wechsel sind höchste
Anforderungen an die Qualitätskontrollen im Herstellungsprozess von Biosimilars zu
stellen. Eine größtmögliche Transparenz in Bezug auf den Herstellungsprozess wie auch
auf die Verordnung ist zu fordern. Grundsätzlich sollte in Bezug auf den Einsatz von
Biologika bzw. Biosimilars gefordert werden, dass der behandelnde Arzt die von ihm
verordneten Produkte eindeutig zuordnen kann und zumindest in Bezug auf einen Wechsel
zwischen Originalprodukt und Biosimilar einer laufenden Therapie weiterhin die Entscheidungshoheit
behält. Ein wiederholter Wechsel von Biosimilar mit Original bzw. zwischen verschiedenen
Biosimilars (sog. „Multi-Switch“) ist abzulehnen, da dazu keine Daten vorliegen.
Remissionserhaltung bei kompliziertem Verlauf einer Colitis ulcerosa
Nach Erreichen einer Remission sollte eine remissionserhaltende Therapie mit Thiopurinen
bei Patienten mit milder bis moderater Erkrankungsaktivität eingesetzt werden, wenn
frühe oder gehäufte Schübe unter einer optimal dosierten Therapie mit 5-Aminosalizylaten
auftreten oder eine Unverträglichkeit gegen 5-Aminosalizylate besteht (Evidenzgrad
1), wenn ein steroidabhängiger Erkrankungsverlauf besteht (Evidenzgrad 2) oder wenn
ein Ansprechen auf eine remissionsinduzierende Therapie mit Ciclosporin oder Tacrolimus
besteht (Evidenzgrad 3)
Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Mehrere randomisiert-kontrollierte Studien haben die Wirksamkeit von Thiopurinen (Azathioprin
und Mercaptopurin) in der Remissionserhaltung der Colitis ulcerosa untersucht [401]
[420]
[421]
[422]
[423]
[424]
[425]. Eine Cochrane-Metaanalyse mit 7 dieser Studien und 302 Patienten kommt zu der Schlussfolgerung,
dass die Effektivität von Thiopurinen insgesamt mäßig ist und die Evidenz für den
Einsatz von Thiopurinen bei Colitis ulcerosa deutlich schwächer ist als bei Morbus
Crohn [233]. Die Studienqualität in den älteren Studien ist insgesamt nicht mehr vergleichbar
mit den Ergebnissen heutiger Studien. Unklar ist aufgrund dieser Studien auch, ob
eine Begleitmedikation mit 5-ASA eine Therapieoptimierung ermöglicht. Zu beachten
ist eine hohe Rate von azathioprininduzierten Nebenwirkungen, insbesondere Auslösung
einer akuten Pankreatitis, Hepatopathie und Knochenmarkssuppression. Eine zusätzliche
Evidenz für die Anwendung von Thiopurinen bei Colitis ulcerosa ergibt sich aus retrospektiven
Studien [426]
[427]
[428]
[429]
[430]
[431]. Eine Studie aus Oxford mit 346 Patienten zeigte eine Remissionsrate von 58 % mit
Azathioprin, die auf 87 % erhöht werden konnte, wenn die Patienten für mindestens
6 Monate mit Azathioprin behandelt wurden. Die Remissionsrate nach 5 Jahren lag bei
62 % bei einer strengen Definition des Rezidivs und bei 81 %, wenn leichtere Schübe
mit einem kurzen Steroidstoß behandelt werden konnten. Die mediane Zeit bis zum erneuten
Schub nach Beendigung der Therapie mit Azathioprin lag bei 18 Monaten [427]. Eine neuere retrospektive Studie zeigt Rezidive bei etwa 1/3 der Patienten 3 Jahre
nach Beendigung einer Thiopurin-Therapie, wobei insbesondere bei einer ausgedehnten
Colitis ulcerosa biologische Hinweise für eine erhöhte entzündliche Aktivität zum
Zeitpunkt der Therapiebeendigung oder nur eine kurze Therapie mit Thiopurinen bestanden
[432].
Calcineurininhibitoren (Cyclosporin A, Tacrolimus) werden als Rescue-Therapie bei
steroidrefraktären Verläufen einer Colitis ulcerosa eingesetzt. Aufgrund ihres Nebenwirkungsprofils
sollten sie nach Möglichkeit innerhalb von 6 Monaten abgesetzt werden, sodass sie
eine wichtige Rolle als Bridging-Therapie spielen, bis CED-Therapeutika mit verzögertem
Wirkeintritt wirksam sein können. Thiopurine sollten in dieser Situation bereits überlappend
mit Calcineurininhibitoren gegeben werden, sobald ein eindeutiges Ansprechen auf die
Calcineurininhibitoren zu erkennen ist. Parallel sollten Steroide ausgeschlichen werden.
Durch den Einsatz von Thiopurinen zusammen mit Calcineurininhibitoren ist es möglich,
die hohe Kolektomierate nach einer Monotherapie mit Calcineurininhibitoren zwischen
36 und 69 % nach 12 Monaten signifikant zu reduzieren [369]
[370]
[398]
[399]. Retrospektive Fallserien konnten zeigen, dass durch Thiopurine das Risiko einer
Kolektomie nach Anwendung von Calcineurininhibitoren reduziert werden kann [369]
[370]
[433]. Eine Beendigung der Calcineurininhibitorgabe sollte unter Berücksichtigung des
verzögerten Wirkungseintritts von Thiopurinen nach 3 – 6 Monaten erfolgen.
Eine optimale Dosis für Azathioprin wurde bei der Indikation Colitis ulcerosa durch
Studien nicht festgelegt. Als Dosierung für Azathioprin werden in Analogie zum Morbus
Crohn üblicherweise 1,5 – 2,5 mg/kg Körpergewicht pro Tag bzw. die Hälfte der Dosis
für 6-Mercaptopurin verwendet. Aufgrund der pharmakodynamischen Eigenschaft der Substanz
(Wirkungseintritt erst nach 6 – 12 Wochen) ist eine längerfristige Therapieplanung
erforderlich.
Bei Patienten, die auf eine remissionsinduzierende Therapie mit TNF-Antikörpern ansprechen,
ist eine remissionserhaltende Therapie mit TNF-Antikörpern mit oder ohne Thiopurinen
sinnvoll.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Bei Patienten, die auf eine Induktionstherapie mit Vedolizumab ansprechen, ist eine
Remissionserhaltung mit Vedolizumab sinnvoll.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Hintergrund
Remissionserhalt mit TNF-Antikörpern
In den ACT-Studien konnte gezeigt werden, dass Patienten unter Infliximab-Therapie
zu den Zeitpunkten Woche 30 und Woche 54 (nur ACT-1-Studie) im Vergleich zu Plazebo
signifikant häufiger in Remission blieben ([Tab. 8]). Zu beachten ist, dass der Anteil der Patienten mit steroidfreier Remission, wenngleich
statistisch signifikant, gering ausfiel. In ACT-1 lag die steroidfreie Remission in
Woche 54 bei 24 % (IFX 5 mg/kg), 19 % (IFX 10 mg/kg) bzw. 10 % (Plazebo), in ACT-2
waren es in Woche 30 18 % (IFX 5 mg/kg), 27 % (IFX 10 mg/kg) und 3 % (Plazebo) [350].
Tab. 8
Übersicht Remissionsraten bei TNF-alpha-Antikörpern.
|
TNF-alpha-Antikörper
|
Studie
|
Zeitpunkt
|
Remissionsraten
|
|
Infliximab
|
ACT-1 [350]
|
Woche 54
|
35 % IFX 5 mg/kg
34 % IFX 10 mg/kg
17 % Plazebo
|
|
ACT-1 [350]
|
Woche 30
|
26 % IFX 5 mg/kg
36 % IFX 10 mg/kg
11 % Plazebo
|
|
Adalimumab
|
ULTRA-2 [351]
|
Woche 8
|
16,5 % Adalimumab 9,3 % Plazebo
|
|
Woche 52
|
17,3 % Adalimumab
8,5 % Plazebo
|
|
Gepoolte Daten ULTRA-1,-2,-3 [436]
|
Woche 208
|
24,7 % Adalimumab
|
|
Golimumab
|
PURSUIT-M [353]
|
Woche 54
|
27,8 % (klinische Remission) bzw. 42,4 % (Mukosaheilung) unter Golimumab 100 mg s. c.
alle 4 Wochen;
Plazebo mit 15,6 % klin. Remission bzw. 26,6 % Mukosaheilung
|
In einer Studie wurde der Langzeitverlauf von 121 Patienten mit refraktärem Verlauf
einer Colitis ulcerosa, die mit IFX behandelt wurden, berichtet [434]. 67 % der Patienten sprachen auf die Therapie mit IFX an, davon hatten 68 % ein
anhaltendes klinisches Ansprechen (medianer Beobachtungszeitraum 33,0 Monate; 17,0 – 49,8
Monate), insgesamt 17 % wurden kolektomiert.
Für Adalimumab konnte ebenfalls eine Überlegenheit im Remissionserhalt gegenüber Plazebo
gezeigt werden. So lagen die Remissionsraten in der ULTRA-2-Studie in Woche 8 bei
16,5 % (Adalimumab) bzw. 9,3 % (Plazebo; p = 0,019) und in Woche 52 bei 17,3 % (Adalimumab)
vs. 8,5 % (Plazebo, p = 0,004) [351]. Da Infliximab zum Zeitpunkt der ULTRA-2-Studie bereits zugelassen war, fand sich
ein relevanter Anteil (40 %) von Patienten, die zuvor mit IFX behandelt wurden. Für
diese Patienten fand sich hinsichtlich einer Remission in Woche 8 kein Unterschied
zu Plazebo, in Woche 52 befanden sich lediglich 10,2 % dieser Patienten in Remission
(Plazebo 3 %; p = 0,039). In einer Übersichtsarbeit aus 2015 mit Einschluss einzelner
Fallserien wurden bei IFX-vorbehandelten Patienten Remissionsraten von 0 – 50 % berichtet
[413]
[435]. Durch eine langfristige Adalimumab-Therapie über 52 Wochen konnte zudem die Hospitalisierungsrate
gesenkt werden [435]. Daten zum Einsatz jenseits von Woche 52 stammen aus der gepoolten Analyse von ULTRA-1,
ULTRA-2 und ULTRA-3 [436]. Für 199 Patienten liegen Daten zur Therapie über vier Jahre vor, die Remissionsrate
in Woche 208 lag dabei bei 24,7 %, ca. 60 % der Patienten, die nach einem Jahr in
Remission waren, blieben auch in Woche 156 noch in Remission.
In der PURSUIT-M-Studie wurde die Wirksamkeit von subkutanem Golimumab bei Patienten
mit Colitis ulcerosa, die zuvor keine TNF-Antikörper-Therapie erhalten hatten, gezeigt
[353]. Bei Patienten, die in Woche 6 auf Golimumab angesprochen hatten, war dies in Woche
54 noch bei 47 % (50 mg Golimumab s. c. alle 4 Wochen) bzw. 49,7 % (100 mg Golimumab
s. c. alle 4 Wochen) der Fall, im Vergleich zu 31,2 % unter Plazebo. Unter 100 mg
Golimumab s. c. alle 4 Wochen wurde eine klinische Remission mit 27,8 % und Mukosaheilung
mit 42,4 % in Woche 54 berichtet (Plazebo 15,6 % bzw. 26,6 %).
Remissionserhalt mit Vedolizumab
Der Nachweis der Wirksamkeit einer längerfristigen Therapie mit Vedolizumab konnte
durch die GEMINI-I-Studie erbracht werden [404]. Unter 8-wöchentlicher Therapie mit 300 mg Vedolizumab wurde eine Remissionsrate
von 41,8 % in Woche 52 berichtet, unter 4-wöchentlicher Therapie lag die Rate bei
44,8 % (Plazebo 15,9 %). Allerdings konnte kein signifikanter Unterschied zwischen
der 4- und der 8-wöchentlichen Applikation von Vedolizumab herausgearbeitet werden
[437]. In einer Subgruppenanalyse der GEMINI-I-Studiendaten erwies sich Vedolizumab sowohl
bei TNF-Antikörper-naiven als auch -exponierten Patienten als wirksam, wenngleich
die Remissionsraten bei den TNF-Antikörper-Versagern geringer waren (46,9 % versus
36,1 % in Woche 52) [438]. In einer kürzlich publizierten Follow-up-Studie zeigte sich auch drei Jahre nach
erfolgreicher Induktionstherapie noch bei 50 % der Patienten, die initial auf Vedolizumab
angesprochen hatten, eine endoskopische Mukosaheilung [439]. Real-World-Daten belegen in einer deutschen Kohorte eine steroidfreie klinische
Remission nach 54 Wochen bei 22 % der initial auf Vedolizumab eingestellten Patienten
[440]. Bei 56 % dieser Patienten wurde Vedolizumab bereits nach einem medianen Zeitraum
von 18 Wochen gestoppt. In einer französischen Kohorte betrug die steroidfreie klinische
Remission bei Patienten unter Vedolizumab nach einem Jahr 40,5 %. Der überwiegende
Teil der Patienten, die sich zu Woche 22 in Remission befanden, zeigte auch in Woche
54 noch eine klinische Remission [441]. In einer Metaanalyse konnte die remissionserhaltende Wirkung von Vedolizumab in
der Prävention eines Rezidivs bestätigt werden [442].
Kombinationstherapien im Remissionserhalt
In der UC-SUCCESS-Studie wurde die Wirksamkeit der Kombinationstherapie aus Azathioprin
(2,5 mg/kg Tagesdosis) und Infliximab (5 mg/kg Woche 0, 2, 6, 14) hinsichtlich Remission
in Woche 16 untersucht [403]. Die Kombinationstherapie erwies sich mit einer steroidfreien Remissionsrate von
39,7 % in Woche 16 der jeweiligen Monotherapie der Einzelsubstanzen überlegen (IFX-Monotherapie
22,1 %; Azathioprin-Monotherapie 23,7 %). Eine Mukosaheilung trat bei 62,8 % unter
Kombinationstherapie auf, unter IFX-Monotherapie bei 54,6 % im Vergleich zu 36,8 %
bei Azathioprin-Monotherapie. Zu beachten ist jedoch, dass die Remissionsrate nur
in Woche 16 und nicht über einen längeren Zeitraum untersucht wurde. Zudem waren die
eingeschlossenen Patienten naiv für eine Therapie mit Thiopurinen und TNF-Antikörpern.
Belastbare Daten für eine Kombinationstherapie aus Azathioprin mit Adalimumab oder
Golimumab l liegen für die Therapie der Colitis ulcerosa nicht vor. In einer retrospektiven
Analyse von 23 Patienten, die unter Adalimumab-Therapie einen Wirkverlust erlitten
und infolgedessen einen Immunmodulator erhalten hatten (Thiopurine n = 14; MTX n = 9),
kam es bei 11 Patienten (48 %) zu einer Rückbildung der Anti-Adalimumab-AK, einem
Wiederanstieg des Adalimumab-Talspiegels und einem klinischen Ansprechen [443]. Allerdings befanden sich unter diesen 23 Patienten nur zwei mit Colitis ulcerosa,
sodass die Ergebnisse keine allgemeine Empfehlung für eine Kombinationstherapie mit
Adalimumab erlauben. Prospektive Daten zur Behandlung des Morbus Crohn zeigen in der
Kombinationstherapie keinen signifikant besseren Verlauf verglichen mit der Adalimumab-Monotherapie,
wenngleich bei dem sekundären Endpunkt Mukosaheilung ein Vorteil der Kombinationstherapie
gezeigt werden konnte [444].
Studien, die die einzelnen Substanzen im direkten Vergleich hinsichtlich ihrer Wirksamkeit
im Remissionserhalt untersuchten, fehlen. Eine Empfehlung, welche Substanz zu bevorzugen
ist, kann daher nicht abgegeben werden. Üblicherweise wird jedoch die Erhaltungstherapie
mit der Substanz durchgeführt, mit der eine Remissionsinduktion erreicht werden konnte.
Methotrexat, Ciclosporin und Tacrolimus sollten zur Remissionserhaltung der Colitis
ulcerosa nur in Ausnahmesituationen eingesetzt werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Bisher liegen keine ausreichenden Studiendaten vor, die einen Einsatz von Methotrexat
oder Tacrolimus zur Remissionserhaltung nahelegen würden. Eine randomisierte, plazebokontrollierte
Studie mit Methotrexat mit 67 Patienten zeigte, dass eine orale Therapie mit 12,5 mg
Methotrexat pro Woche keine Remissionserhaltung über einen Zeitraum von 9 Monaten
ermöglicht [445].
Verschiedene retrospektive Studien haben sich mit der Wirksamkeit von Methotrexat
in der Remissionserhaltung der Colitis ulcerosa beschäftigt. Die meisten Patienten
wiesen ein Therapieversagen oder eine Unverträglichkeit auf Azathioprin auf. Die Ansprechraten
bzw. die Remissionsraten lagen in diesen Studien zwischen 30 und 80 % [424]
[446]. Insgesamt ist die Datenlage zur Remissionserhaltung bei Colitis ulcerosa sehr heterogen.
Eine systematische Cochrane-Metaanalyse kam zu dem Ergebnis, dass Methotrexat für
die Erhaltungstherapie der Colitis ulcerosa zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht empfohlen
werden kann [447].
Aufgrund fehlender Evidenz kann keine Empfehlung zur Dauer einer Remissionserhaltung
mit Thiopurinen, TNF-Antikörpern und Vedolizumab gegeben werden. Eine langfristige
Fortsetzung der Remissionserhaltung wird aber häufig notwendig sein.
Expertenkonsens, starker Konsens
Hintergrund
Zu keiner der genannten Substanzen liegen ausreichend Daten vor, weder um die optimale
Therapiedauer noch um die optimalen Voraussetzungen, die Therapie zu beenden, abzuschätzen.
In einer retrospektiven Studie wurde die Wirksamkeit von Azathioprin bei 346 Patienten
mit Colitis ulcerosa untersucht. Die Remissionsraten nach einem, zwei und fünf Jahren
lagen bei 95 %, 69 % und 55 % [427]. Als einschränkend muss der retrospektive Charakter beachtet werden, zudem waren
Remission und Schub der CU lediglich über die Abwesenheit bzw. den Einsatz einer Steroidmedikation
definiert.
Auch für den Einsatz von Biologika (TNF-Antikörper, Vedolizumab) ist die optimale
Therapiedauer nicht bekannt. In den jeweiligen Zulassungsstudien, die für Infliximab
[350]
[351]
[353] und Vedolizumab [404] eine Erhaltungstherapie über ca. ein Jahr vorsahen, konnte eine Überlegenheit im
Remissionserhalt gegenüber Plazebo dokumentiert werden. Eine TNF-Antikörper-Therapie
sollte daher über mindestens ein Jahr erfolgen. Inwieweit Patienten, die sich nach
einem Jahr in Remission befinden, von einer Fortführung dieser Therapie profitieren
und ob die Remission rein klinisch oder endoskopisch definiert sein sollte, ist derzeit
nicht abschließend geklärt.
Nach Beendigung einer TNF-Antikörper-Therapie wird ein relevanter Anteil der Patienten
binnen 12 Monaten nach Therapieende einen erneuten Schub erleiden. In einer Metaanalyse
aus 2016 betrug die Rezidivrate 12 Monate nach Beendigung einer Therapie mit Infliximab
oder Adalimumab bei Patienten mit Colitis ulcerosa 28 %, das Wiederansprechen auf
die zuvor beendete Therapie betrug ca. 80 % [80]. Eine weitere Metaanalyse, die sowohl Patienten mit Morbus Crohn als auch mit Colitis
ulcerosa einschloss zeigte eine Relapserate von etwa 50 % 2 Jahre nach Beendigung
einer TNF-Antikörper-Therapie [448].
Der apathogene Escherichia-coli-Stamm Nissle 1917 kann in begründeten Fällen als Alternative
zu 5-Aminosalizylaten eingesetzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, starker Konsens
Hintergrund
In einer Metaanalyse aus 2015 wurden insgesamt sechs Studien zum Einsatz von E. coli
Nissle (EcN) 1917 bei Colitis ulcerosa getestet. Dabei erwies sich EcN als gleich
wirksam im Remissionserhalt im Vergleich zu Mesalazin [268]. Als einschränkend muss jedoch beachtet werden, dass in einigen der eingeschlossenen
Studien auch nur gegen Plazebo getestet wurde, somit EcN nicht wirksamer war als Plazebo.
Zum anderen lag in allen eingeschlossenen Studien die Mesalazindosis mit 500 – 800 mg
Tagesdosis unter der als wirksam angesehenen Dosis (siehe Empfehlung 3.13). Die Studien
wurden von einem großen Teil der Konsensusteilnehmer als nicht ausreichend valide
angesehen.
Ein therapeutisches Drug Monitoring kann unter einer Therapie mit Thiopurinen, TNF-Antikörpern
und Vedolizumab durchgeführt werden, wenn dadurch eine klinische Entscheidung unterstützt
wird.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, starker Konsens
Unter einer Therapie mit Calcineurininhibitoren sollen regelmäßig Spiegelbestimmungen
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Trotz steigender Zahl verfügbarer medikamentöser Therapien bei Colitis ulcerosa und
der Möglichkeit der Kombinationstherapie für gewisse Präparate ist die Zahl der effektiven
Therapien weiterhin limitiert. Die Ansprech- und Remissionsraten unter einer Zweit-
und Drittlinientherapie mit TNF-Antikörpern sind zudem sehr gering, sodass die verfügbaren
Therapien in einer optimalen Dosierung und in optimalen Dosierungsintervallen angewendet
werden sollten.
Drug Monitoring bei TNF-alpha-Antikörpern
Die Serumtalspiegel von Infliximab, Adalimumab und Golimumab korrelieren mit der klinischen
Wirksamkeit, und hohe Talspiegel werden häufiger bei Patienten mit klinischer und
endoskopischer Remission in Form einer Mukosaheilung gefunden [352]
[449]
[450]
[451]
[452]
[453]. In einer kürzlichen Metaanalyse mit 3483 Patienten unter Einbeziehung von 22 Studien
in den Indikationsbereichen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa korrelierten Infliximab-Talspiegel
> 2 µg/ml mit einem guten klinischen Ansprechen und niedrigen CRP-Spiegeln [454]. Als untere Grenzwerte für Talspiegel, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit mit
klinischer Remission einhergehen, werden für Adalimumab Talspiegel von > 6 μg/l [449]
[455] und für Golimumab Talspiegel von > 2,5 μg/ml in Woche 6 bzw. in der Erhaltungstherapie
> 1,4 μg/ml berichtet [456]. Im Fall von nachweisbaren, gegen Biologika gerichteten Antikörpern und gleichzeitig
niedrigem Talspiegel führte eine Therapiefortführung bei CED-Patienten nur in 17 %
zum Erfolg, hingegen erbrachte ein Wechsel auf einen TNF-Antikörper ein Ansprechen
von ca. 92 % [457]. Dabei handelte es sich jedoch um eine retrospektive Auswertung. Weiterhin muss
berücksichtigt werden, dass bei einem relevanten Anteil von Patienten, die nach Versagen
einer IFX-Therapie auf Adalimumab umgestellt werden, Anti-Adalimumab-Antikörper auftreten
werden, die mit einem Wirkverlust einhergehen [458]. Sollte trotz niedrigen Talspiegels und nachweisbarer Antikörper gegen einen TNF-Antikörper
die Dosis erhöht oder das Applikationsintervall verkürzt werden, muss mit einer erhöhten
Rate an allergischen Reaktionen gerechnet werden; in einer Metaanalyse aus 2014 erhöhten
Anti-IFX-Antikörper das Risiko für eine allergische Infusionsreaktion um das 2,4-,
schwere allergische Reaktionen sogar um das 5,8-Fache [459]. Liegen ein hoher Talspiegel und gleichzeitig Antikörper gegen TNF-Antikörper vor,
sollte beachtet werden, dass derartige Antikörper teilweise transient vorkommen [460] und bei Fortführung der Therapie bei zwei von drei Patienten im Verlauf verschwinden
[461]. In einer kürzlich durchgeführten Studie mit 247 Patienten konnte gezeigt werden,
dass ein therapeutisches Drug Monitoring durch Messung von Talspiegeln und korrespondierenden
Autoantikörpern bei mehr als 70 % der CED-Patienten in therapeutischen Konsequenzen
resultierte [462]. Nichtsdestotrotz kann das therapeutische Drug Monitoring nicht alle klinischen
Fragen beantworten und zum gegenwärtigen Zeitpunkt aufgrund zahlreicher Limitationen
allenfalls als eine von vielen Methoden bei der Therapiesteuerung der Colitis ulcerosa
empfohlen werden.
Drug Monitoring Vedolizumab
Im Rahmen der Zulassungsstudie GEMINI-I wurde berichtet, dass ein höherer Talspiegel
in Woche 6 mit höheren Ansprech- und Remissionsraten assoziiert war [404]. Die ersten klinischen Erfahrungen mit der Talspiegelbestimmung bei Vedolizumab
sind derzeit noch sehr begrenzt, deuten aber darauf hin, dass ein Vedolizumab Drug
Monitoring zur Therapieoptimierung nützlich sein kann. Eine eindeutige Empfehlung
zur Anwendung von Vedolizumab Drug Monitoring kann derzeit nicht gegeben werden [463]
[464]
[465].
Drug Monitoring Calcineurininhibitoren
Die effektiven Talspiegel bei Calcineurininhibitoren sind interindividuell sehr unterschiedlich,
sodass zur Therapiesteuerung regelmäßige Talspiegelkontrollen und Dosisanpassungen
erforderlich sind. Die Wirksamkeit von Ciclosporin und Tacrolimus bei Colitis ulcerosa
wurde bereits ausführlich erläutert (siehe Hintergrund zu den Empfehlungen 3.26 – 3.28).
Zusammengefasst wird für Ciclosporin A derzeit eine initiale Dosis von 2 mg/kg KG
mit nachfolgender Dosisanpassung gemäß Talspiegel empfohlen. Der optimale Spiegel
ist weiterhin nicht bekannt, angestrebt werden sollen Talspiegel von 250 – 400 ng/ml.
Für Tacrolimus wird initial mit 0,05 mg Tacrolimus/kg KG zweimal täglich oral behandelt;
nachfolgend soll die Therapie nach Talspiegel gesteuert werden, wobei auch in diesem
Fall der optimale Talspiegel nicht bekannt ist. Empfohlen werden Talspiegel von 4 – 8 ng/ml
[466], 5 – 10 ng/ml [375] bzw. 10 – 15 ng/ml [374]. Evidenzbasierte Empfehlungen zur Häufigkeit der Spiegelmessungen bestehen nicht.
In der initialen Behandlungsphase werden die Spiegelmessungen häufiger erforderlich
sein, beispielsweise einmal wöchentlich. Im Fall stabiler Spiegel unter stabiler Dosis
kann die Häufigkeit der Talspiegelmessungen reduziert werden. Limitierend wirkt sich
oftmals die talspiegelabhängige Nebenwirkungsrate aus, und nicht alle Patienten werden
auf Dauer einen hohen Talspiegel (10 – 15 ng/ml) tolerieren.
4. Infektiologische Probleme
4. Infektiologische Probleme
Das Verständnis der Pathogenese der Colitis ulcerosa konnte in den letzten Dekaden
deutlich erweitert werden. Klinische und experimentelle Befunde weisen einer gastrointestinalen
Barrierestörung und einer Fehlregulation des Immunsystems kausale Bedeutungen zu.
Es gibt jedoch keine Erkenntnisse, die belegen, dass Patienten mit der Erkrankung
selbst einen Immundefekt mit daraus resultierender erhöhter Suszeptibilität für bakterielle
oder virale Infektionen entwickeln. Vielmehr bedingt die Therapie mit immunsuppressiven
Medikamenten partielle Defizite im angeborenen und erworbenen Immunsystem, die gehäuft
zu typischen und opportunistischen Infektionen führen können. Bei schweren Krankheitsverläufen
kann die daraus resultierende Mangelernährung eine medikamenteninduzierte Immundefizienz
verstärken.
Bei einer Kombinationstherapie aus mehreren immunsuppressiv wirkenden Medikamenten
steigt das Risiko für Infektionen mit Hinzunahme jedes weiteren Medikaments deutlich
an. Ältere Patienten, Patienten mit Komorbiditäten, Patienten mit stattgehabten schweren
Infektionskrankheiten und Patienten mit Mangelernährung sind durch Infektionen besonders
gefährdet.
Evidenzgrad 3, starker Konsens
Hintergrund
Jedes immunmodulierend wirkende Medikament birgt für Patienten mit Colitis ulcerosa
ein erhöhtes Infektionsrisiko, das aber nicht individuell quantifizierbar ist [306]. Eine Fall-Kontroll-Studie mit insgesamt 300 Patienten mit CED zeigt, dass das Risiko,
an einer opportunistischen Infektion zu erkranken, bei einer Monotherapie mit Steroiden,
Azathioprin/6-Mercaptopurin oder Infliximab im Gegensatz zu Patienten ohne immunsuppressive
Therapie jeweils um den Faktor 3 erhöht war. Wurden jedoch zwei oder drei der genannten
Medikamente in Kombination angewendet, kam es zu einem drastischen Anstieg des Infektionsrisikos
(OR 14,5) [11]. Die Therapie mit Anti-Integrin-Antikörpern bedingt wahrscheinlich kein erhöhtes
Infektionsrisiko [467].
In der Abschätzung des Risikos für therapieinduzierte Infektionen wird häufig vergessen,
dass systemische Steroide ein relevantes Infektionsrisiko beinhalten [468]. Daten aus der Rheumatologie zeigen, dass bei Patienten mit einer Tagesdosis von
mehr als 10 mg Prednison oder einer kumulativen Dosis von mehr als 700 mg oder einer
Therapiedauer von mehr als zwei Wochen das Infektionsrisiko erhöht ist [469]
[470]. Eine Untersuchung von ca. 500 an Tuberkulose neuerkrankten Patienten zeigt, dass
das Risiko, unter einer laufenden Steroidtherapie an einer aktiven Tuberkulose zu
erkranken, im Vergleich zu Patienten ohne Steroide auf das Fünffache erhöht ist. Dabei
hatten Patienten mit einer maximalen Steroidtagesdosis von weniger als 15 mg/Tag ein
etwa 3-fach, mit mehr als 15 mg/Tag ein nahezu 8-fach erhöhtes Risiko [471].
Für CED-Patienten, die älter als 50 Jahre sind, ist gegenüber < 25-jährigen Patienten
ein dreifach höheres Risiko beschrieben, an Infektionen zu erkranken [11]
[472]
[473]. Mögliche Gründe für ein erhöhtes Infektionsrisiko im Alter sind Veränderungen sowohl
im angeborenen als auch im erworbenen Immunsystem [474]. Daten zu Patienten mit rheumatoider Arthritis zeigen, dass Komorbiditäten (z. B.
Nierenfunktionsstörungen, Diabetes mellitus) und aus der Anamnese zu erfragende, durchgemachte
schwere Infektionskrankheiten weitere Risikofaktoren für die Entwicklung von Infektionen
darstellen [475]. Auch bei CED-Patienten ist ein Diabetes als ein manifester Risikofaktor für Infektionen
beschrieben worden [476]. Insbesondere bei älteren Patienten muss deshalb das medikamentös induzierte Infektionsrisiko
gegenüber dem möglicherweise geringeren operationsspezifischen Risiko einer Proktokolektomie
abgewogen werden.
Bei Erstdiagnose bzw. spätestens vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie sollte
bei allen Patienten ein Infektionsscreening auf Hepatitis B, Tuberkulose und EBV durchgeführt
werden. Vor Einleitung einer Therapie mit Biologika ist das Tuberkulose-Screening
zu aktualisieren.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Vor Beginn einer immunsuppressiven oder immunmodulatorischen Therapie bei Colitis
ulcerosa sollten eine gezielte Anamnese, eine Röntgenaufnahme der Lunge und ein Interferon-gamma-Release-Assay
(IGRA) erfolgen, um eine aktive oder latente Tuberkulose-Infektion auszuschließen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Eine immunsuppressive Therapie, inklusive einer TNF-Antikörpertherapie, bzw. eine
Chemotherapie kann bei HBV-Trägern das Risiko einer HBV-Reaktivierung signifikant
erhöhen. Die Inzidenz einer HBV-Reaktivierung während bzw. nach einer Chemotherapie
beträgt bei HBs-Ag-Trägern 15 – 50 % [477]
[478]. Obwohl die HBV-Reaktivierung bei HBsAg-negativen Patienten deutlich seltener auftritt,
wurde auch bei 14 – 20 % der anti-HBc- und anti-HBs-positiven Patienten mit Lymphomen
unter einer Chemotherapie eine Reaktivierung beschrieben [479]. Eine spanische Studie beschreibt bei 3 von 80 Patienten mit Morbus Crohn eine chronische
HBV-Infektion. Zwei der Patienten entwickelten nach Beendigung der Infliximab-Therapie
eine schwere Hepatitis, der dritte Patient verstarb aufgrund von Komplikationen einer
Leberzirrhose [480]. Diese Beispiele zeigen, dass die Problematik der Reaktivierung nicht nur in den
Langzeitfolgen (z. B. Zirrhose oder hepatozelluläres Karzinom) besteht, sondern auch
das Risiko einer akuten Exazerbation der Hepatitis B mit fulminantem Verlauf erhöht
ist [481]. Somit wird für alle Patienten, bei denen eine immunsuppressive Therapie eingeleitet
werden soll, vor Beginn der Behandlung ein Screening auf HbsAg- und Anti-HBc-Antikörper
empfohlen. Bei seronegativen Patienten wird eine Impfung empfohlen. Eine medikamentös-präventive
Therapie mit Nukleos(t)idanaloga wirkt der HBV-Reaktivierung entgegen und ist daher
bei HBsAg-positiven Patienten indiziert. Bei HBs-Ag-negativen und anti-HBc-Antikörper-positiven
Patienten wird eine engmaschige ALT- und HBV-DNA-Kontrolle empfohlen. Bezüglich der
Dauer und Art der medikamentös-präventiven Therapie sowie des Managements von HBs-Ag-negativen
und anti-HBc-Antikörper-positiven Patienten wird auf aktuelle Leitlinien verwiesen
[482].
Vor Beginn einer immunsuppressiven Therapie – streng genommen gehört auch dazu eine
Steroidstoßtherapie – sollte ein Tuberkulose-Screening durchgeführt werden. Besser
ist es, wenn dieses schon mit der Diagnosestellung einer CU durchgeführt wurde. Grundsätzlich
stehen für die immunodiagnostische Testung der Tuberkulinhauttest (THT) bzw. Interferon-gamma-Release-Assay
(IGRA), ggf. auch in Kombination mit einer Röntgen-Thoraxuntersuchung, zur Verfügung.
Alle zur Verfügung stehenden Testverfahren haben Schwächen; für den IGRA wird die
Gefahr eines falsch negativen Testergebnisses gering eingestuft, kann jedoch, vor
allem bei Patienten mit schwerer Lymphopenie und Immunsuppression, nicht ausgeschlossen
werden [483]. Für den THT gilt, dass eine abgeschwächte Immunkompetenz falsch negative Ergebnis
bedingen kann; bei geimpften Personen fällt dieser falsch positiv aus [484]. Neben dem IGRA können auch durch eine Röntgenaufnahme der Lunge Zeichen einer durchgemachten,
aber unbehandelten Tuberkulose ohne Anhalt für Aktivität (kalzifizierte Knötchen,
Spitzenfibrose, Pleuraschwielen) erfasst und als Indikation zur Chemoprävention betrachtet
werden (siehe Empfehlung 4.19).
Das Tuberkuloserisiko ist beim Einsatz von TNF-Antikörpern im Vergleich zu anderen
immunmodulierenden/-suppressiven Medikamenten wahrscheinlich am größten. Vor diesem
Hintergrund wird empfohlen, die Tuberkulosediagnostik vor Beginn einer Therapie mit
TNF-Antikörpern zu aktualisieren, nachdem eine zwischenzeitliche Tuberkuloseneuinfektion
seit Erstdiagnose der CED und Tuberkulose-Screening nicht ausgeschlossen werden kann.
Verschiedene Fachgesellschaften empfehlen bei Patienten mit kontinuierlicher Anti-TNF-Therapie
eine jährliche Wiederholung des TB-Screenings. Hintergrund sind Konversionsraten von TB-Screening-negativen
zu TB-Screening-positiven Patienten von bis zu 30 % [485]. Aufgrund der niedrigen Prävalenz der Tuberkulose in Deutschland kann dieser Empfehlung
nicht gefolgt werden. Allerdings sollte bei Personen mit einem erhöhten Expositionsrisiko
(z. B. Flughafenpersonal, Personen, die in Lungenkliniken arbeiten, Fernreisende in
TB-Endemiegebiete etc.), das Screening jährlich wiederholt werden.
Wenn auch keine epidemiologischen Daten zu einem erhöhten Tuberkuloserisiko bei einer
Therapie mit Anti-Integrin-Inhibitoren oder JAK-Inhibitoren vorliegen (in allen Zulassungsstudien
wurden Patienten mit latenter Tuberkulose ausgeschlossen), sollte auch unter Berücksichtigung
der Zulassung eine Tuberkulose vor Einleitung einer Therapie ausgeschlossen werden.
Die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) erfolgt zumeist im Kindesalter und
verläuft häufig asymptomatisch. Bei Jugendlichen oder Erwachsenen manifestiert sich
die Primärinfektion in 30 – 60 % aller Fälle als infektiöse Mononukleose. Ab dem 40. Lebensjahr
sind ca. 95 % der Menschen mit EBV infiziert. Nach einer asymptomatischen oder symptomatischen
Infektion persistiert das EBV in B-Zellen in der Zirkulation unter der Kontrolle von
EBV-spezifischen zytotoxischen T-Zellen lebenslang [486]. Ist die Immunsurveillance der T-Zellen gestört, z. B. in einer Posttransplantationssituation,
kommt es zu einer verstärkten Proliferation EBV-infizierter B-Zellen mit dem Risiko
der Entwicklung eines Post-Transplantations-B-Zell-Lymphoms bzw. einer lymphoproliferativen
Erkrankung (PTLD) [487]. Dabei ist eine primäre EBV-Infektion in den ersten Jahren nach Transplantation
mit einem deutlich erhöhten Risiko für eine PTLD verbunden [488]
[489].
Bei Erstdiagnose, spätestens aber vor Einleitung einer immunsuppressiven Therapie,
sollte der Impfstatus überprüft und ggf. aktualisiert werden. Nicht-Lebendimpfungen
unter immunsuppressiver Therapie gelten als sicher, während Lebendimpfungen kontraindiziert
sind. Vor diesem Hintergrund sollten insbesondere Impfungen gegen Pneumokokken und
gegen Hepatitis B sowie gegen Influenza und die pandemische Grippe in Analogie zu
den Empfehlungen des RKI zu „Impfungen bei Immunsuppression“ durchgeführt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Patienten mit CU haben ein erhöhtes Risiko, an einer impfpräventablen Infektionskrankheit
zu erkranken und auch deswegen hospitalisiert zu werden [490]. Mehrere Versorgungsforschungsprojekte ergaben, dass viele CED-Patienten nur einen
unzureichenden Impfschutz aufweisen. Der wichtigste Vorbehalt gegen die Durchführung
einer Schutzimpfung ist eine oftmals unreflektierte Angst vor Nebenwirkungen. Ebenso
wurde häufig eine Verschlimmerung der Grundkrankheit durch eine Impfung befürchtet;
die allermeisten Patienten sind aber grundsätzlich bereit, empfohlene Schutzimpfungen
durchführen zu lassen [491].
Bei allen Patienten mit CU sollte bei Diagnosestellung und nachfolgend in regelmäßigen
(z. B. jährlichen) Abständen die Einhaltung der allgemeinen Impfempfehlungen des RKI
überprüft werden. Zum Zeitpunkt der Erstdiagnose ist es oft noch möglich, fehlende
Lebendimpfungen (v. a. Masern, Röteln, Varizellen) nachzuholen. Nach Beginn einer
systemischen immunsuppressiven Therapie sind Lebendimpfungen formal kontraindiziert,
wenngleich wohl dennoch sicher durchführbar [492].
Es sollte berücksichtigt werden, dass unter einer laufenden Immunsuppression, insbesondere
unter einer Anti-TNF-Therapie, sowie einer kombinierten Immunsuppression die Ansprechraten
einer Impfung reduziert sind und ein entsprechendes Monitoring erfolgen sollte [493].
Unabhängig vom Krankheitsschweregrad und der Therapie sollte jährlich gegen Influenza
A/B geimpft werden. Alle Patienten mit (potenziell notwendiger) immunsuppressiver
Therapie sollen als Indikationsimpfung gegen Pneumokokken geimpft werden. Die Erstimpfung
sollte möglichst mit PCV13 und die Nachimpfung mit PPV23 erfolgen. Individuell sinnvoll
können Impfungen gegen Meningokokken, Hämophilus influenzae und spezifische Reiseimpfungen
sein.
Patienten, die eine dreifach immunsuppressive Therapie erhalten, sollten eine PJP-Prophylaxe
erhalten.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Das Auftreten einer PJP wurde während der Therapie mit Steroiden, Thioguaninen, MTX,
Calcineurininhibitoren oder Biologika beobachtet, wobei die Calcineurininhibitor-Therapie
und Kombinationstherapien das höchste Risiko zu tragen scheinen [494]. Die vorliegenden retrospektiven Studien zeigen eine relativ geringe absolute Inzidenz:
In der Olmsted-County-Kohorte zeigten sich trotz unregelmäßiger Prophylaxe bei 937
Patienten (6066 Patientenjahre Follow-up) lediglich 3 Fälle einer PJP [495]. In einer Analyse von Kostenträgerdaten zeigte sich eine Risikoerhöhung von 3 auf
10,6/100 000 Personenjahre bei CED im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, aber ein
weiterer Anstieg auf 32/100 000 Personenjahre für CED-Patienten unter Immunsuppression
[496]. Systematisch erhobene Daten zum PJP-Risiko unter definierten immunsuppressiven
Regimen bei CED liegen nicht vor, sodass der Empfehlung auch Erfahrungen aus anderen
Grunderkrankungen zugrunde liegen (siehe dazu auch: [330]).
Die TMP/SMX-Prophylaxe ist hoch effektiv zur PJP-Prävention bei Kindern und Erwachsenen
mit hämatologischen Erkrankungen, Knochenmarkstransplantation und Organtransplantation
[497]. In der ECCO-Leitlinie von 2014 „Opportunistische Infektionen“ wird eine PJP-Prophylaxe
unter Dreifachimmunsuppression, die einen CNI oder TNF-Antikörper beinhaltet, empfohlen,
bei Zweifachimmunsuppression mit einem CNI soll eine Prophylaxe erwogen werden [330]. Eine CD4-Zellzahl < 200/µl stellt bei zahlreichen HIV-unabhängigen Erkrankungen
einen wichtigen Risikofaktor für die PJP dar [498]; für eine dezidierte Empfehlung zum CD4-Monitoring bei CED ist die Datenlage jedoch
unzureichend. Als prophylaktisches Regime wird dreimal pro Woche die Einnahme von
Sulfamethoxazol/Trimethoprim (800/160 mg) empfohlen, die eine gute Verträglichkeit
zeigt [497]
[499]. Bei einer Sulfonamidallergie wird die Hinzuziehung eines Infektiologen angeraten.
Bei bekannter Colitis ulcerosa sollte bei schwerem akutem Schub, atypischer Symptomatik,
therapierefraktärem Verlauf und vor Intensivierung einer immunsuppressiven Therapie
eine mikrobiologische Diagnostik inklusive Untersuchungen auf Clostridium difficile
erfolgen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Eine routinemäßige Diagnostik auf C. difficile bei leichten Schüben wird nicht empfohlen, da in dieser Situation C.-difficile-Infektionen (CDI) selten sind [42]
[500]. Bei hospitalisierten Patienten und bei Patienten nach Antibiotikatherapie ist die
Infektionsrate durch C. difficile jedoch höher. CED-Patienten mit einer CDI weisen,
im Gegensatz zu CED-Patienten ohne C.-difficile-Erkrankung, eine längere Krankenhausverweildauer
und eine vierfach höhere Mortalität auf. Daher ist bei ihnen ein Screening auf C.
difficile zu empfehlen [52]
[337]
[501].
Glukokortikoide (OR 2,5), Immunomodulatoren (OR 1,6) und TNF-Antikörper (OR 2,7) sind
Risikofaktoren für eine schwere CDI [502]
[503]
[504]. Erfahrungen bei CED-Patienten sowie aus dem Bereich der Transplantationsmedizin
zeigen, dass eine immunsuppressive Therapie mit einer höheren Inzidenz (OR 2,5 für
AZA/6-MP oder MTX) und höherem Schweregrad der Erkrankung einhergeht [52]
[505]. Eine Steroidtherapie bedingt im Vergleich zu AZA/6-MP und MTX bei 10 662 CED-Patienten
eine Verdreifachung des Risikos für eine CDI (RR 3,4; 95 %-KI 1,9 – 6,1) [503]. Weitere Risikofaktoren sind eine (stattgehabte) Antibiotikatherapie oder die Ernährung
über eine nasogastrale Sonde/PEG [506]. CED-Patienten mit C.-difficile-Erkrankung weisen bei einer Protonenpumpeninhibitor-Therapie
ein knapp vierfach erhöhtes Rezidivrisiko für eine C.-difficile-Colitis auf [339].
Die Diagnostik auf eine Clostridium-difficile-Infektion sollte zeitnah durch ein sensitives
Verfahren erfolgen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Der C.-difficile-Nachweis soll zeitnah durch eine sensitive Diagnostik erfolgen [338]. Dafür reicht in der Regel eine breiig-flüssige Stuhlprobe; eine Diagnostik aus
geformtem Stuhl ist nicht indiziert. In besonderen Situationen, z. B. bei Patienten
mit einem Ileus, können Rektalabstriche verwendet werden. Ein allgemein akzeptierter
labordiagnostischer Algorithmus existiert nicht; darauf weist auch die aktuelle ESCMID-Leitlinie
(European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases) hin [507]. Grundsätzlich ist zwischen einem ein- und einem mehrstufigen Vorgehen zu unterscheiden.
Aufgrund des notwendigen Zeitaufwands sind der direkte Antigennachweis im Stuhl (Glutamat-Dehydrogenase
[GDH]), der direkte Nachweis der Toxine A/B (sogenannte Schnelltests) bzw. molekularbiologische
Testverfahren zum Toxinnachweis geeignet [338]. Der GDH-Nachweis ist aber unspezifisch und muss durch einen zweiten spezifischen
Test bestätigt werden. Bei schweren, nach dem IfSG meldepflichtigen Infektionen, bei Patienten
mit wiederholten Rezidiven und im Rahmen nosokomialer Ausbrüche sollte zusätzlich
ein kultureller Nachweis angestrebt werden. Das erlaubt den Nachweis epidemiologisch
besonders bedeutsamer Stämme (z. B. Ribotyp 027) und die Antibiotikaresistenztestung
[508]. Hinzuweisen ist auch auf die Tatsache, dass ein negativer Stuhltest auf C.-difficile-Toxine
nicht ausreicht, um eine pseudomembranöse Colitis auszuschließen.
Bei CU-Patienten und anderen Patienten mit einer Immunsuppression reichen wohl niedrigere
Toxinmengen (die der Diagnostik entgehen) aus, um eine pseudomembranöse Colitis auszulösen.
Wiederholte Stuhluntersuchungen zum Toxinnachweis oder die Durchführung einer C.-difficile-Kultur
mit anschließendem Toxinnachweis werden deshalb empfohlen [509]. In diesen Fällen kann auch eine Sigmoidoskopie weitere Informationen bringen, insbesondere
bei refraktären Patienten mit negativen Stuhlkulturen [508]. Auch bei ihnen schließt ein negativer Befund aber die Infektion nicht aus, zumal
das endoskopisch typische Bild mit Ausbildung von Pseudomembranen häufig nicht zu
beobachten ist.
In Abhängigkeit von der Schwere des Krankheitsbilds werden für die spezifische Primärtherapie
der CDI folgende Empfehlungen gegeben:
-
Bei leichter bis moderater Krankheitsausprägung und in Abwesenheit von Risikofaktoren
für einen schweren Verlauf kann die Therapie mit Metronidazol 3 × 400 mg/Tag p. o.
für mindestens 10 Tage erfolgen.
-
Bei schwerer Krankheitsausprägung oder bei Vorliegen von Prädiktoren für einen schweren
Verlauf sollte die Therapie mit Vancomycin 4 × 125 – 250 mg/Tag p. o. für mindestens
10 Tage erfolgen.
-
Beim Rezidiv und zusätzlichem Vorliegen von Risikofaktoren für Komplikationen (Immunsuppression,
Komorbidität, Notwendigkeit einer zusätzlichen Antibiotikatherapie) kann der Einsatz
von Fidaxomicin 2 × 200 mg/Tag p. o. erwogen werden.
-
Bei rezidivierender oder therapierefraktärer Clostridium-difficile-Infektion kann
ein fäkaler Mikrobiomtransfer durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, starker Konsens
Hintergrund
Wichtig in der Behandlung einer CDI sind Kontaktisolation, Kittel- und Handschuhpflege
sowie Händereinigung mit Seife und sporiziden Desinfektionsmitteln [510]. Für die medikamentöse Therapie einer C.-difficile-Infektion gibt es unterschiedliche
Empfehlungen, die jedoch nahezu alle eine antibiotische Therapie mit Metronidazol
oder Vancomycin einschließen und sich nur in der Dosierung und der Dauer der Medikation
sowie der Art des primär zu verwendenden Antibiotikums unterscheiden. Kontrollierte
Studien zur Behandlung einer C.-difficile-Infektion bei CED-Patienten fehlen. Die
oben formulierten Empfehlungen werden auch durch die deutsche SK2-Leitlinie Gastrointestinale
Infektionen und Morbus Whipple gestützt [338].
Schweregradabhängig wird primär eine antibiotische Therapie mit Metronidazol oder
oralem Vancomycin empfohlen. Sofern der klinische Verlauf es zulässt, sollte bei jedem
Patienten mit einer CDI zunächst eine laufende antibiotische Therapie beendet werden.
Für Patienten mit Zeichen einer leichten bis moderaten Erkrankung wird eine Therapie
mit Metronidazol 400 – 500 mg p. o. alle 8 Stunden über 10 Tage empfohlen. Sollte
es nach 3 – 5 Tagen zu keiner Besserung kommen, muss von einem Versagen der Therapie
ausgegangen werden und ein Wechsel z. B. auf Vancomycin p. o. erwogen werden. Für
Patienten mit schwerer CDI (Fieber, Schüttelfrost, hämodynamische Instabilität, Peritonitis,
Ileus, Leukozytose > 15 × 109/L, Linksverschiebung, Laktaterhöhung, toxisches Megakolon) wird eine initiale antibiotische
Therapie mit Vancomycin 125 mg/alle 6 Stunden per os für 10 Tage empfohlen. Eine höhere
Vancomycindosierung ergibt keinen zusätzlichen Nutzen [511]. Bei Patienten, bei denen eine orale antibiotische Therapie nicht möglich ist, kann
die Vancomycinapplikation (500 mg in 100 ml Kochsalzlösung alle 4 – 12 h) in das Kolon
und/oder eine Vancomycingabe (500 mg alle 6 Stunden) über die Nasensonde erfolgen.
Eine gleichzeitig mit der CDI durchgeführte immunsuppressive Therapie sollte so weit
wie möglich pausiert oder beendet werden, da immunsuppressiv behandelte CED-Patienten
eine höhere Morbidität (u. a. Kolektomie, toxisches Megakolon, Darmperforation) und
Mortalität aufwiesen als die Vergleichsgruppe ohne Immunsuppression [339]. Unklar bleibt aber dabei, ob die immunsuppressive Therapie per se einen schwereren
Krankheitsverlauf mit potenziell mehr Komplikationen anzeigt.
Die klinische Beurteilung des Ansprechens auf die antibiotische Therapie ist bei CED-Patienten
mit C.-difficile-Infektion, die sich nicht in Remission befinden, bei fortbestehender
Diarrhö schwierig. Eine erneute mikrobiologische Stuhldiagnostik als Erfolgskontrolle
einer antibiotischen Therapie ist nicht hilfreich, da sowohl C. difficile als auch
Toxin A und B noch Wochen nach einer erfolgreichen Behandlung im Stuhl nachgewiesen
werden können [512]. Wird jedoch das Rezidiv einer Infektion vermutet, sollte eine erneute Stuhldiagnostik
durchgeführt werden. Resistenzen gegen Metronidazol wurden beschrieben und müssen,
auch wenn sie selten auftreten, bei Therapieversagern beachtet werden [513].
Eine retrospektive Beobachtungsstudie verglich die Therapieerfolge von Metronidazol
und Vancomycin bei 62 Patienten mit CU. Patienten mit leichter Infektion hatten weniger
stationäre Wiederaufnahmen (0 % versus 31 %) und kürzere Krankenhausaufenthalte (6
versus 14 Tage) nach Vancomycintherapie (n = 13) verglichen mit einer Metronidazoltherapie
(n = 29). Auch Patienten mit schwerer Infektion hatten weniger stationäre Wiederaufnahmen
(0 % versus 70 %), aber tendenziell längere Krankenhausaufenthalte (19 versus 11 Tage)
nach Vancomycintherapie (n = 9) verglichen mit einer Metronidazoltherapie (n = 10).
Diese Studie ist die erste Untersuchung, die dafür spricht, Vancomycin bei Patienten
mit CU primär einzusetzen [514].
Fidaxomicin zeigt eine im Vergleich zu Vancomycin geringere Rezidivrate bei insgesamt
gleichwertigem primärem Ansprechen bei Patienten ohne CED [515]
[516]. Hauptnachteil ist der hohe Preis. Weiterhin ist Fidaxomicin zur Therapie der CDI
bei CED bisher nicht zugelassen. Eine als Kurzmitteilung publizierte pharmakokinetische
Untersuchung zeigt keine Unterschiede in der Resorption von Fidaxomicin bei CDI-Patienten
mit und ohne CED [517]. Andere Medikamente zur Behandlung einer C.-difficile-Erkrankung, wie z. B. Rifaximin,
Fusidinsäure oder Nitazoxanide, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden
[518]. Ob eine zusätzliche Gabe von Probiotika bei Antibiotikagabe vor der Entwicklung
einer CDI bei CU-Patienten schützt, wie es für Patienten ohne CED beschrieben wurde,
ist unklar [519].
Die Prognose einer fulminanten CDI ist ernst. Bei schwerem Krankheitsbild sollte daher
im Rahmen einer interdisziplinären Betreuung frühzeitig auch die Möglichkeit der chirurgischen
Intervention beachtet werden.
Das Rezidiv einer C.-difficile-Erkrankung soll wie eine primäre Episode behandelt werden, weitere Rezidive direkt
mit Vancomycin 125 mg/alle 6 Stunden für 10 Tage [338]. Bislang ungeklärt ist das Vorgehen bei Auftreten von mehr als zwei Rezidiven. Bei
diesen Patienten ist das Rezidivrisiko besonders hoch. Nach dem zweiten Rezidiv kommt
es in 40 – 60 % der Fälle zu weiteren CDI-Episoden. Kasuistisch und in Fallserien
wurden Patienten mit multiplen CDI-Rezidiven erfolgreich mit Vancomycin in verschiedenen
Ausschleich- und/oder Pulsschemata behandelt [520]. Theoretische Überlegungen begründen, dass durch die abschließende alternierende
Gabe von Vancomycin die im Darm verbliebenen Clostridiensporen an den „vancomycinfreien
Tagen“ aussporen können, um dann als vegetative Formen abgetötet zu werden.
Die Erstbeschreibung einer erfolgreichen therapeutischen Übertragung vom Stuhl eines
gesunden Donors auf einen Patienten mit einer CDI erfolgte bereits 1958 [521]. Zahlreiche Studien konnten die Effektivität dieser „Stuhltransplantation“ belegen,
die inzwischen als fäkaler Mikrobiomtransfer (FMT) bezeichnet wird. Die erste randomisierte
kontrollierte Studie zeigte bei Patienten mit multiplen Rezidiven eine signifikante
Überlegenheit des FMT gegenüber einer konventionellen Rezidivtherapie mit Vancomycin
[522]. In dieser Indikation wird der FMT auch in aktuellen europäischen Leitlinien ausdrücklich
als alternative Therapie empfohlen. Eine retrospektive Multicenterstudie zeigte bei
31 Patienten mit CU und 35 Patienten mit Morbus Crohn eine gute Wirksamkeit bezüglich
der C.-difficile-Infektion: 79 % nach dem ersten FMT, 88 % nach dem zweiten FMT und
90 % nach einer 3. FMT [523]. Wahrscheinlich ist die Effektivität des FMT bei rezidivierender CDI bei CED-Patienten
etwas niedriger als bei Patienten ohne CED. Auch ist in ca. 15 – 20 % der Fälle bei
CED-Patienten mit einem akuten Schub nach FMT zu rechnen [524]; so können auch extraintestinale Manifestationen der CED auftreten [525].
Nach wie vor bestehen Sicherheitsbedenken, die auch durch ein (kostenintensives Screening
des Donors (z. B. auf HIV, Hepatitis, Enteropathogene, Stuhlparasiten, multiresistente
Erreger) nicht vollständig ausgeräumt werden können. Um weitere Daten zur klinischen
Wirksamkeit und der langfristigen Sicherheit eines Mikrobiomtransfers zu erhalten,
wurde ein nationales, internetbasiertes Register eingerichtet, in dem u. a. Patientencharakteristika,
Details zur Durchführung des Mikrobiomtransfers sowie ein längerfristiges Follow-up
der Patienten erfasst werden (Einzelheiten unter: www.kim4.uniklinikum-jena.de).
EBV-seronegative erwachsene Patienten sollten möglichst nicht mit Thiopurinen behandelt
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Die Therapieentscheidung bei Kindern stellt eine Sondersituation dar und erfordert
eine Risikoabwägung
Expertenkonsens, Empfehlung offen, mehrheitliche Zustimmung
Hintergrund
Allgemein wird akzeptiert, dass das Risiko für die Entwicklung einer Lymphomerkrankung
bei CED-Patienten, insbesondere bei denen, die mit Thiopurinen behandelt werden, erhöht
ist. So weist die CESAME-Kohorte unter Auswertung von über 20 000 Patienten eine Erhöhung
des Lymphomrisikos unter laufender Thiopurin-Therapie um das Fünffache auf [526]. Das absolute Risiko ist jedoch niedrig und drückt sich in einer zusätzlichen Lymphomerkrankung
auf 300 – 1400 Patientenjahre aus. Nichtsdestotrotz ist die Bedeutung der EBV-Infektion
beträchtlich. In der CESAME-Kohorte der mit Thiopurinen behandelten Patienten waren
12 der 15 Lymphome PTLD-ähnlich und regelhaft EBV-assoziiert. Die primäre EBV-Infektion
stellt in dieser Situation eine besondere Herausforderung dar: Von 6 Patienten unter
50 Jahren entwickelten 2 Männer eine fatale infektiöse Mononukleose mit lymphoproliferativer
Folgeerkrankung [526]. Über diese schwerwiegende Komplikation wurde bereits früher in Kasuistiken berichtet
[527]
[528]
[529].
Bei einer EBV-(Re-)Infektion sollte eine immunsuppressive/immunmodulierende Therapie
pausiert werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Bei einer EBV-assoziierten lymphoproliferativen Erkrankung sollte die immunmodulatorische
Therapie mit Thiopurinen beendet werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Bei einer primären EBV-Infektion unter Immunsuppression werden eine Unterbrechung
der Immunsuppression und ggf. eine antivirale Therapie in Kooperation mit Infektionsspezialisten
empfohlen. Finden sich atypische Infiltrate in der intestinalen Mukosa bei EBV-positiven
Patienten, kann eine Reduktion der Immunsuppression zu einer Kontrolle der Virusreplikation
und zum Verschwinden der Infiltrate beitragen [530]. Die haemophagozytische Lymphohistiozytose (HLH), auch als Makrophagen-Aktivierungssyndrom
(MAS) bekannt, ist als eine schwere Komplikation einer akuten EBV-Infektion unter
Thiopurinen, die auch als letale Komplikation verlaufen kann, beschrieben. Eine aktuelle
Übersicht fasst 50 Patienten mit einer Mortalität von 30 % zusammen [531]. Die HLH erfordert neben der Unterbrechung der Therapie ggf. den Einsatz antilymphoproliferativer
Medikamente [532]
[533]
[534].
Bei Patienten mit einem unzureichenden Ansprechen auf eine medikamentöse Therapie,
insbesondere eine systemische Steroidtherapie, sollte eine geeignete Diagnostik einer
CMV-Neuinfektion oder Reaktivierung durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Die CMV-Seroprävalenz der Bevölkerung liegt bei 70 – 100 % und steigt mit dem Alter
an. Patienten mit CU weisen diesbezüglich keine Unterschiede gegenüber der Normalbevölkerung
auf. Ein von der klinischen Situation unabhängiges Screening ist daher nicht sinnvoll.
Mehrere Studien zeigten einen erhöhten CMV-Nachweis bei Patienten mit systemischer
Steroidtherapie [326]
[535]
[536]. Im Einzelfall ist es oft schwer einzuschätzen, ob Steroide die CMV-Replikation
erleichtern oder ob eine vorab bestehende erhöhte CMV-Replikation zum vermeintlichen
klinischen Erfordernis einer Steroidtherapie und ggf. -refraktarität führt. Für andere
Immunsuppressiva wie Thiopurine, IL-2-Hemmer oder TNF-Blocker besteht eine noch uneinheitlichere
und/oder mangelhaftere Datenlage. Bei inadäquater klinischer Besserung der CU-Aktivität
und/oder Zeichen einer systemischen CMV-Infektion (insbesondere Fieber und Leukopenie)
sollte auch bei diesen Patienten eine CMV-Diagnostik erfolgen.
Aufgrund der bislang uneinheitlichen Datenlage sollte eine CMV-Diagnostik nur dann
erfolgen, wenn bei CMV-Nachweis eine antivirale Therapie sinnvoll erscheint. Diese
Entscheidung ist in erster Linie von der Ausprägung der klinischen Symptomatik bestimmt
[331]
[537].
Zur Diagnostik sollte ein immunhistochemischer CMV-Nachweis aus endoskopisch gewonnenen
Proben und/oder ein molekularbiologischer Nachweis aus Gewebeproben oder ein molekularbiologischer
Nachweis aus Vollblut erfolgen
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Es existieren vollblut-, serum- und gewebebasierte Möglichkeiten der CMV-Diagnostik.
In den letzten Jahren traten Direktnachweismethoden in der entzündeten Mukosa in den
Vordergrund (Gewebe-CMV-PCR, CMV-Immunhistochemie), während serologische Verfahren
(Serum-CMV-IgM) oder der Nachweis im Vollblut (CMV-PCR, pp65) weniger beforscht wurden.
Die Probenentnahme für den immunhistochemischen oder molekularbiologischen Direktnachweis
sollte möglichst aus ulzeriertem Gewebe – optimalerweise dem Ulkusgrund oder -rand
– erfolgen [538]
[539]
[540]
[541].
Der alleinige CMV-Nachweis sollte keine Therapie begründen. Die Therapieindikation
kann sich aus dem klinischen Kontext ergeben. Die Akuttherapie sollte für mindestens
14 Tage durchgeführt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Für kein diagnostisches Verfahren gibt es definierte Grenzwerte, ab denen von einer
hinreichenden diagnostischen Genauigkeit und ggf. antiviralen Therapienotwendigkeit
auszugehen ist. Ebenso ist es möglich, dass der Gewebe-CMV-Nachweis bei Patienten
mit einer milden subklinischen CMV-Reaktivierung oder einer kontinuierlichen CMV-Replikation
ohne Einfluss auf den CU-Verlauf ist. Daher erfordert ein CMV-Nachweis bei Patienten
mit aktiver CU erst im klinischen Kontext und unter Abwägung weiterer individueller
Faktoren (u. a. klinischer Schweregrad der CU-Aktivität, Dauer und Intensität der
Steroidtherapie) eine antivirale Therapie [56]
[57]
[542]
[543]. Es besteht bislang kein akzeptierter Grenzwert der Viruslast in der Gewebe-CMV-PCR,
sodass v. a. bei niedrigen Titern eine falsch positive Analytik in Betracht gezogen
werden muss.
Es gibt keine zugelassene medikamentöse Therapie der CMV-Colitis bzw. der CMV-Reaktivierung
bei CU. Übliche Off-Label-Anwendungen sind 5 mg/kg Ganciclovir iv. alle 12 Stunden
oder aber die primäre (oder nach erfolgreichem Primäransprechen auf Ganciclovir, sekundäre)
orale Therapie mit Valganciclovir 900 mg alle 12 Stunden für 2 (bis zu 3) Wochen.
Bei unzureichendem Ansprechen kann das nebenwirkungsreichere Foscarnet (z. B. 3 ×
tgl. 60 mg i. v. über mindestens eine Stunde) für ebenfalls 2 – 3 Wochen Therapiedauer
erwogen werden [544]. Inwieweit und wie lange eine Fortsetzung in „prophylaktischer“ Dosierung mit z. B.
450 mg Valganciclovir tgl. z. B. bei begleitender immunsuppressiver Therapie sinnvoll
ist, wurde bislang nicht evaluiert.
Bei klinisch schwerwiegendem Verlauf einer CMV-Krankheit, insbesondere schwerer CMV-Colitis,
Meningoenzephalitis, Pneumonitis oder Hepatitis, sollte die begleitende Immunsuppression
zumindest bis zur virustatisch induzierten Restitutio pausiert werden. Bei alleiniger
intestinaler Symptomatik eines CU-Schubs mit CMV-Nachweis kann die Immunsuppression
fortgeführt oder modifiziert werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Auch bei differenzierter klinischer Abwägung ist es häufig nicht möglich, die Kausalität
eines akuten und ggf. steroidrefraktären CU-Schubs bei erfolgreichem CMV-Nachweis
im entzündeten Gewebe allein dem CMV zuzuordnen. Daher muss eine individualisierte
multimodale Therapie mit z. B. Thiopurinen oder TNF-Antikörpern gleichzeitig oder
nachfolgend zur antiviralen Therapie erfolgen [542]. Das Risiko einer Verschlechterung der CMV-Infektion bzw. der Notwendigkeit einer
Kolektomie unter einer parallel fortgeführten Immunsuppression scheint nach aktueller
Datenlage eher gering zu sein [545]. Möglicherweise ist eine negativ werdende Plasma-CMV-PCR unter antiviraler Therapie
bei unzureichender klinischer Verbesserung der CU ein geeignetes Signal für eine immunsuppressive
Therapieintensivierung [544]. Aufgrund der erhöhten Wahrscheinlichkeit der Notwendigkeit einer späteren Kolektomie
bei CU-Patienten mit klinisch relevanten CMV-Reaktivierungen sollte ggf. bereits zu
diesem Zeitpunkt eine Operation erwogen werden [546].
Bei schweren intestinalen und extraintestinalen Manifestationen einer CMV-Infektion
– die jeweils häufig mit Fieber einhergehen – sollte eine Einweisung in eine Klinik
mit interdisziplinärer Kompetenz erfolgen. In Analogie zur Leitlinie der „Transplantation
Society International CMV Consensus Group“ sehen wir die Reduktion oder Pausierung
der immunsuppressiven Therapie in dieser Situation als sinnvoll an [547].
Bei nachgewiesener CMV-Erkrankung sollte bei Wiedereinführung bzw. Fortführung oder
Intensivierung der immunsuppressiven Therapie eine Rezidivprophylaxe durchgeführt
werden. Diese Therapie schließt sich der Akuttherapie an und sollte für 4 – 8 Wochen
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Es gibt keine prospektiv-randomisierte Studie zur Evaluierung des Nutzens einer antiviralen
Rezidivprophylaxe nach erfolgreicher virustatischer Therapie einer klinisch relevanten
CMV-Infektion bei CU und nachfolgendem Wiederbeginn oder Modifikation der immunsuppressiven
Therapie. In Anlehnung an Empfehlungen aus der Transplantationsmedizin kann eine Rezidivprophylaxe
mit 450 – 900 mg Valganciclovir tgl. erfolgen [547]. Möglicherweise ist eine negativ werdende Plasma-CMV-PCR unter antiviraler Therapie
bei unzureichender klinischer Verbesserung der CU ein geeignetes Signal für eine immunsuppressive
Therapieintensivierung [544]. Eine Therapieintensivierung mit einem TNF-Antikörper ist – verglichen mit Azathioprin
– mit einem deutlich geringeren Anstieg der CMV-Viruslast verbunden. Aufgrund der
erhöhten Wahrscheinlichkeit der Notwendigkeit einer späteren Kolektomie bei CU-Patienten
mit klinisch relevanten CMV-Reaktivierungen sollte jedoch in dieser Situation eine
Proktokolektomie erwogen werden [546].
Bei aktiver VZV-Infektion sollte eine Immunsuppression nicht begonnen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Bei florider VZV-Infektion während einer immunsuppressiven Therapie sollte unverzüglich
eine Therapie erfolgen. Falls möglich, sollte die immunsuppressive Therapie unterbrochen
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Alle Patienten mit CU sollten bei Erstdiagnose bezüglich ihrer VZV-Anamnese befragt
und ihr Impfausweis sollte bezüglich einer Varizellenimpfung überprüft werden. Die
akute Windpockeninfektion hat unter Immunsuppression ein deutliches Komplikationsrisiko
(z. B. Varizellenpneumonie) mit erhöhter Mortalität. Daher sollten Patienten ohne
Windpockenanamnese und bei nicht vorhandenem VZV-Titer – falls zeitlich möglich –
vor Beginn der immunsuppressiven Therapie geimpft werden. Die im Erwachsenenalter
sehr viel häufigere VZV-Reaktivierung birgt die Gefahr neurologischer Spätkomplikationen
(Neuralgie) [548].
Dauer und Applikation (oral oder intravenös) der Therapie mit antiviralen Substanzen
(z. B. Aciclovir 5 × 800 mg, Valaciclovir 3 × 1000 mg, Famciclovir 3 × 250 mg, Brivudin
1 × 125 mg) richten sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. In der Regel ist eine
Therapie für 5 – 10 Tage oder bis zur Krustenbildung der Hautläsionen ausreichend
[549]. Die Immunsuppression kann dann wieder aufgenommen werden, wenn keine neuen Effloreszenzen
mehr auftreten bzw. alle Läsionen verkrustet sind. Für eine Fortsetzung der antiviralen
Therapie in „prophylaktischer Dosis“ sprechen bislang keine Daten.
Eine passive Immunisierung mit VZV-Immunglobulin ist bei immunsupprimierten Patienten
(z. B. eine Mutter mit Thiopurin/TNF-Antikörpertherapie) mit hohem Infektions- und
Komplikationsrisiko (kombinierte Immunsuppression, enger Kontakt zu Infizierten, höheres
Lebensalter) innerhalb von 3 Tagen nach Exposition zu erwägen.
Bei Nachweis einer latenten Tuberkulose (LTBI) (Interferon-gamma-Release-Assay (IGRA))
soll eine chemopräventive Therapie mit Isoniazid nach RKI-Empfehlungen durchgeführt
werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Eine immunsuppressive Therapie sollte frühestens 4 Wochen nach Start der Chemoprävention
begonnen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Es wird eine Therapie mit 5 mg/kg, aber maximal 300 mg Isoniazid (INH) täglich für
9 Monate empfohlen. In seltenen Fällen kommt es unter dieser Therapie zu einer INH-Hepatitis
(0,15 %). Bei Isoniazid-Unverträglichkeit kann alternativ eine Chemoprävention mit
Rifampicin über 4 Monate erfolgen, wobei dieses Regime für Patienten unter TNF-alpha-Therapie
nicht ausreichend evaluiert ist. Ist der Patient aus einem Herkunftsland mit bekannt
erhöhter INH-Resistenz (z. B. Russland) immigriert, wird eine chemopräventive Therapie
mit Rifampicin und Pyrazinamid über 3 Monate empfohlen.
Bei Nachweis einer aktiven Tuberkulose ist eine Kombinationstherapie gemäß den RKI-Empfehlungen
einzuleiten.
Expertenkonsens, starke Empfehlung
Eine immunsuppressive Therapie, insbesondere eine Anti-TNF-Therapie, sollte – bei
stets strenger Indikationsstellung – idealerweise erst nach Beendigung der Tuberkulosetherapie
durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Bezüglich der Behandlung einer aktiven Tuberkulose wird auf die Empfehlungen des Deutschen
Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose des Robert Koch-Instituts verwiesen
sowie auf eine aktuelle amerikanische Leitlinie [550]
[551]. Ob unter laufender tuberkulostatischer Therapie eine TNF-Antikörper-Therapie eingeleitet
werden kann, ist nicht bekannt. Eine TNF-Antikörper-Therapie sollte idealerweise erst
nach Beendigung der Tuberkulosetherapie durchgeführt werden. Eine kritische Diskussion
mit dem Patienten und eine strenge Indikationsstellung für die TNF-Antikörper-Therapie
werden insbesondere in dieser Situation empfohlen.
Eine Vakzinierung mit Lebendimpfstoffen (Rotavirus) soll bei Neugeborenen, deren Mütter
in der Schwangerschaft mit TNF-Antikörper behandelt wurden, für mindestens 9 Monate
nicht durchgeführt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
TNF-Antikörper (mit Ausnahme von Certolizumab) sind plazentagängig und erreichen somit
therapeutische Wirkspiegel im Fetus. Der Wirkspiegel im Neugeborenen zum Zeitpunkt
der Geburt hängt ab vom Zeitpunkt der letzten Applikation in der Schwangerschaft [552]. Die meisten der von der STIKO in den ersten Lebensmonaten empfohlenen Impfungen
basieren auf Totimpfstoffen. Diese gelten als unbedenklich. Seit einigen Jahren wird
jedoch die orale Lebendimpfung gegen Rotavirus in den ersten Lebenswochen empfohlen.
Diese muss vermieden werden. Bereits in der Schwangerschaft sollten die Mütter darauf
hingewiesen werden. Die Lebendimpfstoffe für Masern, Mumps, Röteln und Varizellen
werden erst ab Lebensmonat 11 – 14 empfohlen. Dies stellt in aller Regel kein Problem
dar, da bis dahin eine komplette Clearance der Medikamente im Neugeborenen erfolgt
ist.
5. Chirurgie
5.1 Operative Verfahren
Als Standardoperation sollte eine restaurative Proktokolektomie durchgeführt werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die restaurative Proktokolektomie hat sich in den letzten 35 Jahren als Standardoperation
zur Behandlung der therapierefraktären Colitis ulcerosa oder bei maligner Entartung
im Rahmen der Erkrankung etabliert. Die ileoanale Pouchoperation erzielt für den Patienten
eine bestmögliche Lebensqualität mit durchschnittlich 5 – 6 Stuhlgängen pro Tag und
dem Erhalt der Kontinenz in über 90 % der Patienten [553]
[554].
Die restaurative Proktokolektomie sollte in der Regel mit protektivem Ileostoma erfolgen;
eine einzeitige Operation sollte nur in selektionierten Einzelfällen erfolgen.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Anastomoseninsuffizienz nach ileopouchanaler Anastomose beträgt ca. 10 %. Sowohl
die absolute Rate als auch die klinischen Auswirkungen eines derartigen Lecks werden
potenziell durch ein protektives Stoma verringert. Es ist wahrscheinlich, dass ein Leck auch die spätere Pouchfunktion kompromittiert;
die Datenlage dazu ist aber widersprüchlich. RCTs mit adäquater Fallzahl liegen nicht
vor. Eine große aktuelle Registerstudie aus Dänemark über den Zeitraum von 33 Jahren
zeigte allerdings eine signifikante Assoziation eines späteren Pouchversagens mit
dem Verzicht auf ein protektives Stoma [555].
Um Selektionskriterien zu identifizieren, bei deren Vorliegen in ausgewählten Fällen
doch auf ein Schutzstoma verzichtet werden kann (einzeitiges Vorgehen), werteten zwei
„High-Volume“-Zentren ihre Pouch-Datenbanken gemeinsam aus. Knapp 15 % der 3733 Patienten
erhielten kein protektives Stoma. Mit dem Stomaverzicht signifikant assoziiert waren
eine Stapleranastomose, das Fehlen von Steroiden in der präoperativen Medikation,
die FAP oder ein Karzinom als OP-Indikation, weibliches Geschlecht und Alter unter
26 Jahren. Die postoperative Morbidität einschließlich der Anastomoseninsuffizienzrate
unterschied sich dann nicht zwischen den Patienten mit und ohne Stoma [556].
Zusammengefasst sollte bei Patienten, bei denen wegen therapierefraktärer Situation
eine restaurative Proktokolektomie erfolgt, grundsätzlich nicht auf ein Stoma verzichtet
werden, da die potenziellen Nachteile eines Stomas durch die Vorteile bei den in der
Regel schwer kranken Patienten mehr als aufgewogen werden [557].
Der J-Pouch sollte die Pouchkonstruktion der Wahl sein, da er am einfachsten anzulegen
ist und im Langzeitverlauf eine vergleichbare Funktion aufweist wie andere Konstruktionen.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die verfügbaren Studien zeigen keinen eindeutigen funktionellen Vorteil für das J-Design.
In einer Metaanalyse von 18 nicht randomisierten Studien (NRS) mit insgesamt 1519
Patienten ergab sich in Bezug auf frühe postoperative Komplikationen kein Unterschied.
Bezüglich Stuhlfrequenz erwiesen sich W- und S-Pouch dem J-Pouch als überlegen, wohingegen
hinsichtlich Pouchentleerungsstörungen der S-Pouch am schlechtesten abschnitt [558]. In einer neueren randomisiert-kontrollierten Studie (W- versus J-Pouch) lag nach
einem Jahr die mediane Stuhlfrequenz pro 24 Stunden beim J-Pouch signifikant höher
als beim W-Pouch (7 vs. 5), nach 9 Jahren hatten sich die Unterschiede angeglichen.
Alle anderen untersuchten Parameter, darunter Einlagengebrauch, Inkontinenz und Lebensqualität,
waren vergleichbar [559]. Der K-Pouch wurde in einer kleinen randomisierten Studie aus Norwegen mit dem J-Pouch
verglichen, wobei sich keine signifikanten funktionellen Unterschiede ergaben [560].
Auch wenn es in den vorliegenden Studien tendenziell Vorteile für die anderen Pouch-Konfigurationen,
vor allem im Kurzzeitverlauf, zu geben scheint, bleibt der J-Pouch aufgrund seines
einfachen Designs der Standardpouch. Zudem erscheint die klinisch sehr quälende, in
einem relevanten Anteil der Patienten auftretende Pouchentleerungsproblematik nach
S- und W-Pouch in den verfügbaren Studien nicht ausreichend berücksichtigt.
Die freie oder gedeckte Perforation sollte als Notfallindikation operiert werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die freie oder gedeckte Perforation stellt die schwerste Komplikation der Colitis
ulcerosa dar. Die Beurteilung der klinischen Symptomatik wird durch eine bestehende
Immunsuppression und/oder Antibiotikatherapie häufig erschwert, sodass eine operative
Therapie vor Eintreten septischer Komplikationen durchgeführt werden sollte. In der
Hälfte der Fälle geht der Perforation kein Megakolon voraus. Trotz operativer Therapie
beträgt die Mortalität derzeit bis zu 27 % [561]
[562]. Um die Mortalität dieser schwersten Komplikation zu senken, stellt die rechtzeitige
Operation die entscheidende Maßnahme dar [319]
[392]
[563]. Bei einer Notfalloperation stellt die Kolektomie mit Blindverschluss des Rektums
und endständiger Ileostomie den primären Standardeingriff dar (siehe auch 5.1.5. und
5.1.6.) [564]
[565].
Bei einer therapierefraktären Blutung sollte bei fortgesetzter Transfusionspflichtigkeit
dringlich operiert werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Inzidenz der schweren Blutung bei Patienten mit CU beträgt bis zu 4,5 % [566]. Sie ist verantwortlich für bis zu 5 % der Notfalleingriffe. Als Operationsindikation
wird entweder eine massive initiale Blutung mit Kreislaufinstabilität und Katecholaminpflichtigkeit
oder im Verlauf ein Transfusionsbedarf von mehr als 4 Erythrozytenkonzentraten pro
24 Stunden angesehen. Für Kinder ist eine Transfusionsbedürftigkeit von 45 – 60 ml
Erythrozytenkonzentrat/kg KG in 24 Stunden, bei anhaltender Blutung über 2 – 3 Tage
30 ml EK/kg KG als lebensbedrohlich anzusehen. Wenn möglich, sollten Kinder mit schwerem
akutem Schub einer Colitis ulcerosa in ein Zentrum mit kindergastroenterologischer
und chirurgischer Expertise verlegt werden. Besteht eine der oben aufgeführten Konstellationen,
sollte dringlich (innerhalb von 24 Stunden) kolektomiert werden, in der Regel als
subtotale Kolektomie mit Absetzung im oberen Rektum [392].
Patienten mit einem medikamentös therapierefraktären fulminanten Schub sollten dringlich
operiert werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Diagnose des therapierefraktären fulminanten Schubs wird interdisziplinär gestellt
und orientiert sich an den Kriterien der schweren Colitis nach Truelove and Witts,
ist aber selbst nicht einheitlich definiert. Dies erschwert die Interpretation der
Literatur. Radiologisch weist eine Kolondilatation von 6 cm auf ein toxisches Megakolon
hin [323]
[567]. Der therapierefraktäre fulminante Schub stellt mindestens eine relative Operationsindikation
dar, wenn sich über einen Zeitraum von 72 Stunden durch konservative intensivmedizinische
bzw. medikamentöse Behandlung mit hochdosierten Steroiden keine substanzielle Verbesserung
der Erkrankungsintensität erzielen lässt. Eine sinnvolle Alternative zu einer weiteren
Steigerung der medikamentösen Therapie mit Calcineurininhibitoren oder mit TNF-Antikörpern
stellt die Operation dar. Es ist dabei zu berücksichtigen, dass eine weitere Steigerung
der medikamentösen Therapie mittels Calcineurininhibitor oder TNF-Antikörper die Operation
in maximal 42 – 65 % der Fälle um mindestens 1 Jahr aufschieben kann [399]
[568]. In einer multivariaten Analyse konnte auch gezeigt werden, dass eine spätere Operation
(8 versus 5 Tage) bei schwerer akuter Colitis zu signifikant mehr Majorkomplikationen
führt [319].
Zusammengefasst kann bei der fulminanten Colitis eine intensivierte medikamentöse
Therapie über einen Zeitraum von maximal 5 – 7 Tagen erfolgen, sollte sich der Patient
darunter nicht verschlechtern. Eine Verschlechterung unter der Therapie erfordert
eine dringliche Operation innerhalb von 24 Stunden, weil dadurch Mortalität und Morbidität
verringert werden. Liegt ein toxisches Megakolon vor, ist das Zeitfenster einer konservativen
Therapie deutlich geringer und sollte 48 bis maximal 72 Stunden nicht überschreiten.
Patienten, die sich unter der Therapie verschlechtern oder nicht verbessern, sollten
wiederum dringlich operiert werden [562].
Kinder mit einem fulminanten Schub einer Colitis ulcerosa sollen in ein Zentrum mit
gastroenterologischer und chirurgischer Expertise verlegt werden. Das Krankheitsbild
ist bei Kindern sehr selten, und die klinischen Symptome unterscheiden sich durchaus
von denen bei Erwachsenen. Hilfreich kann die Berechnung des PUCAI (pediatric ulcerative
colitis activity index) sein [569]. Dabei beinhaltet ein Wert höher 45 Punkte an Tag 3 oder ein Wert höher 70 an Tag
5 eine hohe Sensitivität und Spezifität für „Nicht-Ansprechen auf Steroide“ [570].
Ein trotz Einsatzes von Immunsuppressiva und/oder Biologika therapierefraktärer Verlauf
sollte operiert werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Nach Versagen einer intensivierten konservativen Therapie (Immunsuppressiva und/oder
Biologika) ist die chirurgische Entfernung des Kolons indiziert. Die Operation kann
je nach Dauer und Intensität der Vormedikation und der klinischen Symptomatik drei-
oder zweizeitig erfolgen. Bei therapierefraktärem Verlauf sollte frühzeitig eine interdisziplinäre
Betreuung durch einen Gastroenterologen und Chirurgen erfolgen. Insgesamt ist die
Definition eines therapierefraktären Verlaufs in der klinischen Realität variabel,
was häufig dazu führt, dass Patienten erst zu spät ernsthaft die Option einer Operation
als Alternative zu einer weiteren Intensivierung der medikamentösen Therapie empfohlen
bekommen. Bei schwerem Verlauf führt eine protrahierte Therapie aber zu einer Erhöhung
der Morbidität [571]. Daher sollte ein Festhalten an einer intensivierten konservativen Therapie zeitlich
limitiert bleiben. Das wird auch durch eine Studie aus Münster unterstützt, die zeigte,
dass über 50 % der Patienten retrospektiv gerne früher operiert worden wären [572]. Eine jüngere Metaanalyse zur Sinnhaftigkeit von Drittlinientherapien bei schwerer
chronischer Colitis zeigte, dass zwar kurzzeitige Besserungen möglich sind, in der
Regel die Notwendigkeit zur Kolektomie jedoch nur verzögert wird und höhere Nebenwirkungsraten
zu erwarten sind [573].
Eine elektive Operation kann bei Patientenwunsch erfolgen. Dabei sind die Risiken
der konservativen Behandlungsstrategien gegen die Risiken einer Operation abzuwägen.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsstärke 0, starker Konsens
Hintergrund
Die Operation stellt eine gute Alternative zu einer langjährigen medikamentösen Therapie
dar. Im Langzeitverlauf lässt sich trotz aller möglichen Komplikationen nach restaurativer
Proktokolektomie mit ileoanalem Pouch eine gute Lebensqualität für über 90 % aller
Patienten erreichen. Insbesondere Patienten, die ein dauerhaftes Krankheitsgefühl
beklagen, eine schlechte Medikamentencompliance haben oder unter Karzinomangst leiden,
profitieren von einer Operation [553]
[554]
[566].
In einer aktuellen Fall-Kontroll-Studie zwischen Patienten nach Pouchanlage versus
Patienten unter Anti-TNF-Therapie ergab sich kein Lebensqualitätsunterschied (IBDQ),
aber Pouchpatienten hatten höhere „QUALIs“, und die Kosten für das Gesundheitssystem
waren insgesamt niedriger [574].
Grundvoraussetzung für eine elektive Operation bei Patientenwunsch ist ein intensives
Beratungsgespräch mit einem in der Pouchchirurgie erfahrenen Viszeralchirurgen. Vor
der Entscheidung für eine Operation sollen funktionelle Beschwerden ausgeschlossen
werden.
Kinder und Jugendliche mit aktiver Colitis und Wachstumsstörungen trotz adäquater
Therapie sollten nach Konsultation eines Kindergastroenterologen und Ausschluss anderer
Ursachen proktokolektomiert werden mit Anlage einer pouchanalen Anastomose.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Bei Kindern und Jugendlichen mit Colitis ulcerosa sind Wachstumsstörungen sehr viel
seltener als beim Morbus Crohn und dann Folge einer anhaltenden Entzündungsaktivität
oder einer zu langen und zu hoch dosierten Steroidbehandlung, die unbedingt vermieden
werden muss. Andere Ursachen einer Wachstumsstörung (z. B. Zöliakie, Wachstumshormonmangel,
konstitutionelle Wachstumsverzögerung) müssen präoperativ ausgeschlossen werden. Die
medikamentöse Behandlung und die Operationsindikation sollen durch einen Kindergastroenterologen
mitbeurteilt werden. Ein Aufholwachstum nach einer Operation ist nur bei präpubertären
Kindern oder Kindern in frühen Pubertätsstadien zu erwarten, sodass trotz der schlechten
Evidenzlage eine starke Empfehlung gerechtfertigt erscheint [575].
Bei erhöhtem perioperativem Risiko, unter Berücksichtigung der perioperativen Medikation,
sollte die Proktokolektomie dreizeitig durchgeführt werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Durchführung der Operation in drei Schritten beinhaltet 1. die subtotale Kolektomie
mit endständigem Ileostoma, 2. die Restproktomukosektomie mit ileoanaler Pouchanlage
und doppelläufigem Ileostoma und 3. die Ileostomarückverlagerung. Das dreizeitige
Operationsverfahren bei erhöhtem perioperativem Risiko geht insgesamt mit einer geringeren
Rate an Komplikationen einher als das ein- bzw. zweizeitige Verfahren [576]
[577]
[578]. Ein erhöhtes perioperatives Risiko besteht bei langfristiger Steroidtherapie, Therapie
mit Biologika, Immunsuppression, Mangelernährung (siehe Empfehlungen 6.1.2 – 6.1.9)
und bei etwaigen Begleiterkrankungen [391]
[579]. Die Einnahme von mehr als 20 mg Prednisolon über einen Zeitraum von mehr als 6
Wochen geht mit einer erhöhten Komplikationsrate der operativen Therapie einher. Nach
Möglichkeit sollte die Steroiddosis präoperativ reduziert und gleichzeitig das Auftreten
eines Steroidentzugssyndroms vermieden werden. Bei Kindern ist die entsprechende Dosis
bei 15 mg/m2 KOF (bzw. 0,5 mg/kg) anzusetzen. In einigen Studien weisen Patienten unter Therapie
mit TNF-Antikörpern ein erhöhtes Risiko für postoperative Komplikationen auf. Zusätzlich
ist die dreizeitige Operation bei Patienten unter Therapie mit TNF-Antikörpern häufiger
als bei Patienten ohne Therapie mit Biologika, weswegen ein potenzieller negativer
Effekt dieser Medikamente auf die perioperative Komplikationsrate durch Auswahl der
Operation mit geringstem Risiko (= Kolektomie mit Ileostoma) unterschätzt werden könnte
[580]. Da keine prospektiv randomisierte Studie vorliegt, ist nicht eindeutig geklärt,
ob die erhöhte Komplikationsrate evtl. durch die schwerere Grunderkrankung der dann
mit Biologika behandelten Patienten bedingt ist. In einigen Fall-Kontroll-Studien
wurde eine erhöhte Zahl von operativen Komplikationen (z. B. Insuffizienz von Anastomose
oder Pouch) sowie septischen Komplikationen beobachtet [391]
[577]
[581]. Beide dazu durchgeführten verfügbaren Metaanalysen fanden keinen Einfluss von anti-TNF
auf die perioperative Komplikationsrate bei Einschluss aller Operationen [582]
[583]. Wenn aber bei letzterer Metaanalyse nur die Patienten, die einen Pouch erhalten
hatten, berücksichtigt wurden, bestand doch ein signifikanter Einfluss auf die frühen
und späten pouchspezifischen Komplikationen. Diese Korrelation wird durch eine aktuelle
Analyse aus einer Datenbank von Versicherungsträgern aus den USA an über 2000 Patienten
bestätigt; auch dort waren perioperative Komplikationen mit der Einnahme von Infliximab
bis 90 Tage vor der Pouchanlage signifikant assoziiert [584]. Dies ist im Einklang mit den Ergebnissen der beiden größten und statistisch validesten
Fall-Kontroll-Studien aus zwei bekannten „high-volume centers“, die beide eine signifikante
Assoziation von Anti-TNF-Gabe bis 3 Monate vor restaurativer Proktokolektomie mit
perioperativen Komplikationen zeigten [577]
[581].
Welches zeitliche Intervall zwischen der letzten Anti-TNF-Medikation und einer planbaren
Operation als sicher anzusehen ist, lässt sich auf der Basis der verfügbaren Daten
nicht eindeutig sagen. Aus pragmatischer Sicht erscheint ein Intervall von mindestens
4 Wochen angezeigt. Möglicherweise erklären die unterschiedlichen Serumspiegel der
TNF-Antikörper bei den jeweiligen Patienten die widersprüchlichen Ergebnisse der verfügbaren
Analysen [585]. Inwiefern präoperative Spiegelmessungen sinnvoll sind und dadurch ein sicherer
OP-Zeitpunkt definiert werden kann, muss in weiteren Studien untersucht werden.
Die kontinuierliche Einnahme von Azathioprin ist nicht mit einem erhöhten Risiko für
postoperative Komplikationen verbunden. Bezüglich einer immunsuppressiven Therapie
mit Calcineurininhibitoren zeigte eine Fallserie bei Kindern keine Unterschiede hinsichtlich
postoperativer Komplikationen mit oder ohne präoperative Therapie mit Calcineurininhibitoren
[586].
Bei der dreizeitigen Proktokolektomie sollte die Kolektomie bis zum rektosigmoidalen
Übergang erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Die hohe Komplikationsrate unter intensivierter medikamentöser Therapie macht das
komplikationsärmere dreizeitige Vorgehen erforderlich. Da die Entfernung des Rektums
der risikoreichste und für den Patienten am meisten belastende Anteil der Operation
ist, wird im ersten Schritt eine subtotale Kolektomie mit Anlage eines endständigen
Ileostomas durchgeführt. Jedoch sollte berücksichtigt werden, dass möglichst viel
entzündungstragendes Kolon entfernt wird. Mit einer Resektion bis zum rektosigmoidalen
Übergang sind in der Regel diese beiden Forderungen erfüllt, und die Restproktektomie
ist technisch leicht möglich. Eine tiefere Absetzung sollte vermieden werden, weil
dadurch das Risiko von Nervenverletzungen in der Folgeoperation deutlich höher ist.
Der Verschluss des Rektumstumpfs erfolgt als Blindverschluss nach Hartmann oder unter
Belassung des Colon sigmoideum als Ausleitung desselbigen als Schleimfistel im linken
Unterbauch. Durch die letztere Variante kann eine etwaige Insuffizienz des Hartmann-Stumpfs
vermieden werden, und es besteht die Möglichkeit, in der Zeit zwischen der zweiten
und der dritten Operation topisch über die Sigmaschleimfistel mit Kortikoiden oder
5-ASA zu therapieren. Allerdings beinhaltet der partielle Erhalt des Sigmas auch ein
Belassen von mehr erkranktem Darm und die Ausleitung desselbigen als zweites Stoma
auch eine weitere Schwächung der Bauchwand. Zudem ist das Risiko von Stomakomplikationen
(e. g. Stomaausriss) bei diesen Patienten mit schwer entzündlich verändertem Sigma
relevant. Daher sollte dieser Ansatz Ausnahmefällen vorbehalten bleiben [587]
[588]
[589].
Die Rektumresektion sollte bei benigner Operationsindikation, wenn technisch möglich,
darmnah (mesorektumerhaltend) erfolgen, weil dadurch die Komplikationsrate einschließlich
Nervenverletzungen verringert werden kann.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Nach aktueller Datenlage mit einer RCT, einer Fall-Kontroll-Studie und Kohortenstudien
sind sowohl die Lebensqualität als auch die Sphinkterfunktion und die Komplikationsraten
nach mesorektumerhaltender Resektion besser [590]
[591]
[592]. Da die darmwandnahe Präparation auch höchstwahrscheinlich Nervenläsionen vermeidet,
erscheint es ratsam, bei benigner Indikation prinzipiell darmnah zu resezieren, auch
wenn es in Bezug auf die Übersicht, gerade beim engen Becken des Manns, zuweilen schwieriger
sein kann.
Bei der ileoanalen Pouchanlage sollte die belassene Rektummukosa nicht länger als
2 cm sein.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Die letzten 2 cm oral der Linea dentata sind funktionell bedeutend und somit für die
Lebensqualität der Patienten einflussreich. Innerhalb der letzten 2 cm oral der Linea
dentata befindet sich die anale Transitionalzone, die eine große Rolle für den Erhalt
der Nachtkontinenz spielt. Bei der Operationsstrategie muss jedoch berücksichtigt
werden, dass postoperativ das Risiko zur Ausbildung einer Rezidiv-/Persistenz-Proctitis
ulcerosa besteht.
Da die Erkrankungsschwere, das Beschwerdeausmaß und das Risiko für ein Rezidiv bzw.
eine Persistenz mit der Länge der verbliebenen Rektummukosa exponenziell korreliert
(„Cuffitis“), sollte die Länge der belassenen Rektummukosa 2 cm nicht übersteigen.
Sollte innerhalb der belassenen Rektummukosa eine Entzündung entstehen, besteht die
Möglichkeit einer topischen Therapie (siehe Empfehlung 5.2.6).
Hinsichtlich der Anastomosenart scheint die Stapler-Anastomose unter Belassung der
analen Transitionalzone für die Funktion tendenziell besser zu sein als die Handnaht,
wenn auch prospektive randomisierte Studien mit adäquater Fallzahl zu dieser Fragestellung
fehlen. Die bisherige Evidenz ist inkonklusiv, was durch die zwei vorliegenden, qualitativ
mäßigen Metaanalysen reflektiert wird [593]
[594]. Die kleinere der beiden Analysen bezieht sich explizit nur auf die postoperative
Funktion und schloss 4 RCTs ein, wobei sich kein Vorteil für eine der beiden Methoden
ergab. Die größere der beiden Analysen untersuchte sowohl Komplikationen als auch
funktionelle und Langzeitergebnisse an 4183 Patienten aus 21 Studien, von denen die
Mehrheit nicht randomisiert war. Die Komplikationen differierten nicht signifikant,
bei den funktionellen Parametern ergaben sich bei der nächtlichen Kontinenz und der
Notwendigkeit, Einlagen zu tragen, signifikante Nachteile in der handgenähten Gruppe,
allerdings relativierten sich diese, wenn nur die „High-Quality“-Studien analysiert
wurden. Hinsichtlich einer Dysplasieentstehung an der analen Transitionszone gab es
einen statistischen Trend zu Ungunsten der Staplergruppe. Dieser Befund erscheint
logisch, da bei der Staplernaht eben mehr Rest-Rektumschleimhaut verbleibt, die maligne
entarten kann. Demgegenüber muss aber berücksichtigt werden, dass auch nach Mukosektomie
mit Handnaht Rest-Rektummukosa in Form von Schleimhautinseln zurückbleibt [595].
Jeder Chirurg, der eine restaurative Proktokolektomie durchführt, muss in der Lage
sein, bei technischem Versagen einer Stapleranastomose eine transanale Handnaht durchzuführen.
Unter der Indikation einer intraepithelialen Neoplasie oder eines manifesten Karzinoms
im Rektum sollte eine komplette Mukosektomie mit Anastomose an der Linea dentata durchgeführt
werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsstärke B, starker Konsens
Hintergrund
In der Literatur sind mehr als 50 Fälle von „Pouch“-Karzinomen beschrieben. Die Mehrzahl
dieser publizierten Pouch-Karzinom-Fälle geht auf eine belassene Rektummukosa zurück
[596]
[597]. Daher sollte aus pragmatischen Erwägungen bei bestehender Risikokonstellation in
Form von intraepithelialen Neoplasien respektive eines manifesten Karzinoms im Rektum
immer radikal die gesamte Rektummukosa entfernt werden. Inwiefern auch bei Vorliegen
von Neoplasien im Kolon eine Mukosektomie prinzipiell durchzuführen ist, bleibt kontrovers
diskutiert. Eine retrospektive Kohortenstudie aus Kanada an 81 Patienten, bei denen
aufgrund einer CU-assoziierten Dysplasie (n = 52) bzw. aufgrund eines Karzinoms (n = 29)
eine RPC mit IAP entweder mittels Hand- oder Staplernaht durchgeführt wurde, ergab
für die Staplergruppe (n = 59) keine höhere Inzidenz an Pouchkarzinomen und -dysplasien
[598]. Zwei Patienten nach Handnaht entwickelten ein Karzinom im Bereich der belassenen
Rektummukosa bzw. im Pouch, in der Staplerkohorte fand sich hingegen kein einziger
Patient mit Pouch- oder Anastomosenkarzinom. Die Autoren schlussfolgern, dass sich
kein prognostischer Vorteil der Mukosektomie mit Handnaht bei Patienten zeigt, die
wegen einer Neoplasie operiert werden, und man auch diese mit einer Staplernaht versorgen
kann, zumindest wenn man, wie in dieser Studie, nur durchschnittlich einen guten Zentimeter
Restmukosa zurücklässt. Letztlich liegen keine Daten vor, die onkologische Vorteile
im Langzeitverlauf für die Mukosektomie und Handnaht eindeutig belegen. Entsprechend
hat die chirurgische ECCO-Leitlinie auch keine explizite Empfehlung mehr für die generelle
Mukosektomie bei der kolorektalen Neoplasie ausgesprochen, sofern nicht das untere
Rektum betroffen ist [599]. Dennoch ergab die größte verfügbare Metaanalyse hinsichtlich einer Dysplasieentstehung
an der analen Transitionszone einen statistischen Trend zu Ungunsten der Staplergruppe,
weswegen die Empfehlung zur Mukosektomie zumindest bei der Rektumneoplasie weiterhin
pragmatisch begründet erscheint [593].
Pouchchirurgie sollte nur in dafür spezialisierten Zentren durchgeführt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die restaurative Proktokolektomie mit Ileum-J-Pouch-analer Rekonstruktion ist ein
komplexer Eingriff mit flacher Lernkurve, der technisch sowie in der prä- und postoperativen
Phase eine langjährige Erfahrung und hohe Expertise erfordert [600]. Bezüglich Mortalität, Morbidität und Langzeitpoucherhalt besteht in mehreren Studien
eine signifikante Korrelation mit der Zahl der durchgeführten Pouchanlagen des Krankenhauses
[601]
[602]
[603]. Für vergleichbar komplexe Eingriffe (Pankreas, Ösophagus) bestehen seit einigen
Jahren Mindestmengenregelungen, die in der Regel Mindestmengen von zehn Eingriffen
pro Jahr umfassen. Für die ileoanale Pouchchirurgie ist gezeigt worden, dass bei einer
Eingriffszahl von über 8 (versus < 8) bzw. über 20 (versus ≤ 5) pro Zentrum pro Jahr
die Rate an Pouchversagen signifikant absinkt [555]
[602]. Aus pragmatischen Gründen erscheint daher die Forderung nach einer Mindestanzahl
von 10 durchgeführten Pouchanlagen pro Jahr pro Zentrum sinnvoll.
Patienten mit einer chronischen Pouchitis oder nach mit Colitis ulcerosa assoziiertem
Karzinom oder intraepithelialer Neoplasie sollten jährlich endoskopisch überwacht
werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Selbst nach makroskopisch komplett durchgeführter Mukosektomie besteht ein Restrisiko
für kleinste verbliebene Schleimhautinseln [595]. Diese Schleimhautinseln können den Ursprung einer intraepithelialen Neoplasie oder
eines Karzinoms darstellen [597]
[604]. Aus diesem Grund sollte die Patientengruppe, die aufgrund einer intraepithelialen
Neoplasie oder eines Karzinoms operiert worden ist, jährlich nachgesorgt werden. Es
bestehen zwar keine sicheren Hinweise darauf, dass eine chronische Pouchitis langfristig
eine maligne Transformation bedingt, dennoch erscheint es sinnvoll, dass auch für
diese Situation postoperativ eine jährliche endoskopische Überwachung erfolgt. Daneben
ist für diese besondere Patientengruppe ein enger Arztkontakt zur Verbesserung der
Lebensqualität bei vorhandenem Pouch erforderlich.
Die Kolektomie mit ileorektaler Anastomose sollte nur für ausgewählte Konstellationen
wie z. B. bei Kinderwunsch empfohlen werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Proktokolektomien mit ileoanaler Pouchanlage führen sowohl bei Frauen als auch bei
Männern zu erhöhter Infertilität. Inwiefern die Fertilitätsrate bei Männern bei darmnaher
Rektumdissektion bei benigner Operationsindikation wirklich reduziert ist, ist fraglich
(siehe Abschnitt zu darmnaher Dissektion). Eine aktuelle große Registerstudie aus
Dänemark an 27 379 Patienten zeigt vielmehr, dass im Gegensatz zu Frauen die Geburtenrate
bei Männern nach restaurativer Proktokolektomie ansteigt [605]. Bei Patienten mit Kinderwunsch und bestehender Operationsindikation (siehe Einschränkung
dieser Aussage bei Männern, bei denen rektumnah präpariert wird), bei Frauen auch
als Übergangslösung bis zum Abschluss der Familienplanung, sollten eine subtotale
Kolektomie mit endständigem Ileostoma und eine Ileorektostomie als Alternativen besprochen
werden. Grundvoraussetzung für eine Ileorektostomie ist jedoch, dass das belassene
Rektum weitestgehend entzündungsfrei und damit auch anastomosenfähig ist. Patienten
sollten aber darüber aufgeklärt werden, dass sie in ungefähr 50 % im weiteren Verlauf
dann doch restkolektomiert werden müssen und dass die Lebensqualität nach Ileorektostomie
nicht besser als nach Pouchanlage ist. Eine neuere große Studie aus Frankreich hat
zudem gezeigt, dass bei 80 % der Patienten, die vor der Operation unter Therapie mit
Immunsuppressiva und Biologika standen (was bei der OP-Indikation „therapierefraktäre
Situation“ mittlerweile fast immer der Fall ist), innerhalb von 10 Jahren die Ileorektostomie
aufgegeben werden musste [606]. Zudem leiden die Patienten nach Ileorektostomie weiterhin häufig an einer Drangsymptomatik,
was letztlich auch gerade bei Colitispatienten mit verbliebenem Kolon eines der quälendsten
Symptome darstellt [607]
[608]. Eine sekundäre Rektumresektion mit Proktektomie und IPAA kann später mit ähnlich
guten Ergebnissen wie bei einer primären Pouchanlage erfolgen [609].
Aufgrund der Seltenheit einer Ileorektostomie bei Kindern soll ein spezialisiertes
viszeralchirurgisches Zentrum, ggf. in Zusammenarbeit mit Kinderchirurgen, diese Operation
bei Kindern durchführen. Die postoperative Betreuung soll in jedem Fall durch oder
in enger Kooperation mit Kindergastroenterologen erfolgen.
Das kontinente Ileostoma nach Kock kann als mögliche Alternative für besondere Fälle
angeboten werden.
Evidenzgrad 4, Empfehlungsgrad 0, starker Konsens
Es sollte in dafür spezialisierten Zentren durchgeführt werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Das kontinente Ileostoma nach Kock ist ein technisch komplexes Operationsverfahren
mit hoher Komplikationsrate hinsichtlich Funktion und hoher Revisionsrate. Durch das
kontinente Ileostoma nach Kock kann die Lebensqualität der Patienten im Vergleich
zu einem herkömmlichen, nicht kontinenten Ileostoma gesteigert und das Körperempfinden
verbessert werden [610]
[611]
[612]. Bei Pouchversagen kann, bei ausgeprägtem Wunsch des Patienten, eine Umwandlung
in ein kontinentes Ileostoma nach Kock erfolgen [613].
Bei belassenem Rektum unter ileorektaler Anastomose oder bei endständigem Ileostoma
mit Rektumblindverschluss nach Hartmann sollte das Intervall der endoskopischen Kontrolle
entsprechend der initialen OP-Indikation gewählt werden. Die Durchführung sollte der
Empfehlung der allgemeinen koloskopischen Vorsorge bei CU entsprechen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Da durch das Belassen des Rektums prinzipiell ein Entartungsrisiko der Rektumschleimhaut
weiterhin besteht, ist eine regelmäßige endoskopische Kontrolle mit Biopsien indiziert
[614]. Welches Zeitintervall dafür gewählt werden soll, ist durch Studien nicht adäquat
geklärt. Aus pragmatischer Sicht erscheinen die in der Nachsorge der Colitis ulcerosa
empfohlenen Intervalle sinnvoll (bei Vorliegen von Risikofaktoren für eine neoplastische
Entartung siehe Statement 2.31 bzw. [Tab. 6], ansonsten symptom- und individuell patientenorientiert). Eine sekundäre restaurative
Proktokolektomie mit IPAA sollte prinzipiell mit dem Patienten diskutiert werden oder
ggf. auch eine Stumpfentfernung, sofern eine Pouchanlage kontraindiziert oder von
dem Patienten nicht gewünscht wird. Auf jeden Fall soll bei Vorliegen der klassischen
Risikofaktoren für eine neoplastische Entartung (Dysplasien oder Neoplasien zum Zeitpunkt
der Primär-OP, PSC) der Patient über diese chirurgischen Optionen aufgeklärt werden.
Zwar sind auch Daten publiziert, die, auch bei Vorliegen derartiger Risikofaktoren,
nur eine sehr niedrige Inzidenz neuer Neoplasien im Langzeitverlauf zeigen [615]. Dennoch erscheint bei der verfügbaren, uneindeutigen Datenlage eine regelmäßige
Nachsorge nach Ileorektostomie oder Hartmannstumpfanlage sinnvoll, auch weil es sich
um unproblematische Untersuchungen mit minimalem Komplikationsrisiko handelt und der
Nachteil einer zwar seltenen, aber übersehenen Neoplasie dagegen unverhältnismäßig
bedeutsam ist.
In der elektiven Situation ist die laparoskopische restaurative Proktokolektomie der
offenen Operation mindestens gleichwertig, in einigen Punkten überlegen. Bei Frauen
mit Kinderwunsch sollte bevorzugt minimalinvasiv operiert werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die laparoskopische restaurative Proktokolektomie mit IPAA ist eine sicher durchführbare
Operationsmethode unter der Voraussetzung einer entsprechenden Erfahrung des Zentrums.
Bisher konnten, bei vergleichbaren Komplikationsraten, vor allem kosmetische Vorteile
gegenüber einer offenen restaurativen Proktokolektomie mit IPAA gezeigt werden [616]
[617]. Allerdings dauert die laparoskopische Operation länger und hat daher potenziell
auch höhere Prozedurenkosten. Mittlerweile zeigen ein Cochrane Review und 2 neuere
„Systematic Reviews“ einige weitere Vorteile im Kurzeitverlauf für die minimalinvasive
Gruppe (Wundinfektrate, schnelleres „Ingangkommen“ der Darmtätigkeit) [618]
[619]
[620].
Mehrere Fall-Kontroll- und Kohortenstudien legen nahe, dass die Fertilität der Frau
durch einen laparoskopischen Ansatz weniger beeinträchtigt wird, vermutlich infolge
weniger Adhäsionen [621]
[622]
[623]
[624]. Inwiefern diese Reduktion postoperativer Adhäsionen auch zu weniger Ileusepisoden
führt, ist nicht belegt [625].
Da die laparoskopische Operation prinzipiell mindestens so gut ist wie die offene
Operation, eindeutige kosmetische Vorteile aufweist und bei Frauen die Fertilität
besser erhält, sollte sie gerade bei Frauen im gebärfähigen Alter die Methode der
Wahl sein.
Bei der dringlichen Operation bzw. auch in der Notfallsituation liegen mehrere Fall-Kontroll-Studien
vor, die für den laparoskopischen Zugang vergleichbare Vorteile wie in der elektiven
Situation nahelegen [626]
[627]
[628]. Da diese Operationen aber ausnahmslos in spezialisierten Zentren durchgeführt wurden
und die meisten Notfalloperationen nicht in derartigen Zentren durchgeführt werden,
kann derzeit noch keine generelle Empfehlung für den laparoskopischen Zugang abgegeben
werden.
Bei Colitis indeterminata ohne anorektales Fistelleiden und entsprechender Operationsindikation
kann eine restaurative Proktokolektomie dem Patienten nach Aufklärung der damit verbundenen
Risiken angeboten werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad 0, starker Konsens
Hintergrund
Bei ungefähr 7 % der Patienten mit einer Colitis kann keine exakte Diagnose gestellt
werden, um Morbus Crohn von Colitis ulcerosa zu unterscheiden [629]. In der Literatur finden sich Berichte über ein schlechteres Langzeitergebnis nach
restaurativer Proktokolektomie mit IPAA bei Patienten mit Colitis indeterminata. Diesen
stehen jedoch Berichte gegenüber, in denen Patienten mit Colitis indeterminata kein
schlechteres Langzeitergebnis haben als Patienten mit Colitis ulcerosa [630]
[631]. Die sekundäre Diagnose eines Morbus Crohn nach stattgehabter restaurativer Proktokolektomie
mit IPAA ist oftmals mit Komplikationen, insbesondere einer erhöhten Rate an Pouchversagen,
behaftet. Allerdings relativiert sich dies, wenn man nur die Patienten betrachtet,
die präoperativ eine isolierte Colitis ohne Fisteln und ohne Dünndarmbefall aufwiesen
[632]. Trotz dieser widersprüchlichen Datenlage kann eine restaurative Proktokolektomie
mit IPAA – nach ausführlicher Diskussion mit dem Patienten – durchgeführt werden.
Bei Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil der Patienten mit Colitis indeterminata
bei bis zu 22 % [633]. Im Verlauf kann bei einem Großteil der Patienten eine diagnostische Zuordnung zu
Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn gelingen, sodass bei Kindern mit operationsbedürftiger
Colitis indeterminata ein dreizeitiges Vorgehen sinnvoll ist.
5.2 Pouchitis
Die Diagnose Pouchitis sollte unter Berücksichtigung der Parameter Klinik, Endoskopie
und Histologie erfolgen.
Evidenzgrad 5, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Die Pouchitis wird als Entzündung im Pouch nach Ausschluss operativer Komplikationen
oder anderer sekundärer Ursachen definiert. Es sollten dabei verschiedene Verlaufsformen
unterschieden werden. Die Einteilung soll anhand des zeitlichen Verlaufs in akute,
akut-rezidivierende und chronische Pouchitis erfolgen. Andere Unterteilungen können
nach dem klinischen Verlauf unternommen werden: antibiotikasensitive oder -refraktäre
akute Pouchitis, rekurrierende und chronische Pouchitis (z. B. > 3 Monate) [634]
[635].
Die Diagnose einer akuten Pouchitis wird auf der Basis der klinischen Symptomatik
(Stuhlfrequenz, Blutung, Fieber, Schmerzen), ergänzt durch Endoskopie (Rötung, Ödem,
Erosionen, Ulzerationen, Spontaneinblutungen, Fibrinbeläge), Histologie (Ulzerationen,
Kryptenabszesse, Infiltration durch Entzündungszellen) und der klinischen, insbesondere
rektal-digitalen Untersuchung gestellt [636]. Die akut-rezidivierende Pouchitis ist durch wiederholt auftretende akute Schübe
gekennzeichnet. Die Diagnose einer chronischen Pouchitis ergibt sich durch eine entzündliche
Reaktion im Pouch, deren Klinik und endoskopischer/histologischer Befund über mehr
als 3 Monate anhält. Das Risiko einer akuten Pouchitis liegt bei Patienten nach restaurativer
Proktokolektomie mit IPAA bei Colitis ulcerosa bei etwa 30 % in den ersten zwei Jahren
nach Operation. Im Lauf der Nachbeobachtungszeit steigt das Risiko langsam auf bis
über 50 % an [637]
[638]
[639]
[640]
[641]
[642]
[643]. Bei ungefähr 5 % der Patienten mit einer Pouchitis geht die akute Verlaufsform
in eine chronische über. Risikofaktoren für eine Pouchitis sind bestehende extraintestinale
Manifestationen der CU. Dabei ist insbesondere die PSC zu erwähnen [643]
[644]
[645]
[646]
[647]. Zusätzlich gehen anhaltend hohe Entzündungsaktivität und präoperative Backwashileitis
mit einer erhöhten Rate an Pouchitis einher. Die Parameter zur Diagnose der akuten
Pouchitis werden durch den Pouchitis Disease Activity Index (PDAI) zusammengefasst
[636]. Wenn sich trotz entsprechender klinischer Symptomatik nach endoskopischen, bildgebenden
und histologischen Kriterien keine Ursache für eine Pouchitis findet und andere Krankheiten
ausgeschlossen wurden, kann die Diagnose eines irritablen Pouchsyndroms gestellt werden
[648].
Bei einer chronischen Pouchitis sollte ein Morbus Crohn, eine chirurgische Komplikation
oder eine Infektion ausgeschlossen werden.
Evidenzgrad 5, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Bei Diagnosestellung Pouchitis sind Untersuchungen zum Ausschluss von sekundären Pouchitisformen
empfohlen. Zum Ausschluss einer chirurgischen Ursache einer Pouchitis sind Computertomografie,
Kernspintomografie, Kontrasteinlauf und Endosonografie notwendig und geeignet [649]
[650]
[651]
[652]. Gegebenenfalls sind diese Untersuchungsmethoden im Verlauf zu wiederholen. Das
Vorliegen eines Morbus Crohn, von Fisteln oder Abszessen, einer Anastomoseninsuffizienz,
einer Ischämie oder einer opportunistischen Infektion sollte ausgeschlossen werden.
Für einen Morbus Crohn spricht neben der Histologie eine Beteiligung des Prä-Pouch-Ileumsegments
(zuführende Schlinge zum Pouch).
Als Primärtherapie der akuten Pouchitis sollen Ciprofloxacin oder Metronidazol eingesetzt
werden.
Evidenzgrad 1, Empfehlungsgrad A, starker Konsens
Bei Versagen der Monotherapie kann auch eine Kombination eingesetzt werden. Evidenzgrad
3, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Antibiotikarefraktäre Verlaufsformen sollten mit oralem oder lokalem Budesonid behandelt
werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Weitere Therapieoptionen können unter anderem Infliximab, Adalimumab, Vedolizumab,
Ustekinumab oder Calcineurininhibitoren sein.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, Konsens
Hintergrund
Es gibt mehrere randomisierte kontrollierte Studien zur medikamentösen Therapie der
Pouchitis [653]
[654]
[655]
[656]. Die Empfehlung zur Therapie der akuten Pouchitis mit Antibiotika (Metronidazol,
Ciprofloxazin) wird durch mehrere, allerdings kleine Studien gestützt [657]
[658]
[659]
[660]. Dabei könnte Ciprofloxacin der Therapie mit Metronidazol überlegen sein [656]. Auch eine Kombinationstherapie ist möglich [661]
[662]
Zu Dosis und Dauer der Antibiotikatherapie liegen keine gesicherten Daten vor, sie
müssen individuell getestet werden. Üblich ist eine orale Therapie mit Ciprofloxazin
2 × 250 mg bis 2 × 500 mg/d für 2 Wochen oder Metronidazol 2 – 3 × 400 mg. Bei Unverträglichkeit
von oralem Metronidazol stellt topisch angewendetes Metronidazol (Suppositorien) eine
Alternative dar [663]. Für Rifaximin kann keine Empfehlung ausgesprochen werden [664].
Bei antibiotikarefraktärer Pouchitis kann ein Versuch mit topischem Budesonid unternommen
werden [665]. Die lokale Budesonid-Therapie ist der lokalen Gabe von Metronidazol gleichwertig,
scheint aber etwas besser verträglich zu sein [666].
Eine Behandlung mit TNF-Antagonisten und/oder Immunsuppressiva ist möglich. In einem
kürzlich erschienenen Review wurden 19 Publikationen mit insgesamt 192 Patienten diesbezüglich
ausgewertet [667]. Indikationen für eine Anti-TNF-Therapie waren antibiotikarefraktäre Verlaufsformen,
fistulierende Verläufe und inflammatorische, stenosierende Pouchitisformen. Basierend
auf den 3 größten eingeschlossenen Studien (n = 87), erreichte die Therapie mit Infliximab
ein kombiniertes partielles und komplettes Ansprechen von 84 – 88 % nach 6 – 10 Wochen
und von 45 – 58 % nach 52 Wochen [667].
In einer retrospektiven kanadischen Studie wurde der Verlauf von 152 Patienten mit
einer therapieresistenten Pouchitis analysiert. 42 davon wurden mit Infliximab behandelt.
Das Post-Induktionsansprechen wurde in 74 % der Fälle erreicht und ein anhaltendes
Ansprechen in 62,6 % der Fälle. Der mittlere PDAI und das CRP zeigten unter der Therapie
einen statistisch signifikanten Rückgang [668].
Der Effekt von Adalimumab konnte in einer Fallserie an 48 Patienten gezeigt werden.
Dabei betrug das kombinierte partielle und komplette Ansprechen 71 % und 54 % nach
einem medianen Beobachtungszeitraum 8 bzw. 25 Wochen [669]. Bei Patienten mit einer therapierefraktären Pouchitis und einem Infliximab-Therapieversagen
konnte zu Woche 52 in 50 % der Fälle durch eine Adalimumab-Zweitlinientherapie ein
permanentes Ileostoma verhindert werden [670].
Weitere Therapieoptionen sind unter anderem Vedolizumab, Ustekinumab oder Calcineurininhibitoren,
wobei die Studien dazu bei einer akuten, antibiotikarefraktären Pouchitis durchgeführt
wurden und es sich um retrospektive Daten und Fallserien mit heterogenen Patientenkollektiven
handelt [653]
[671]
[672]
[673].
Bei einer häufig rekurrierenden oder einer chronischen Pouchitis sollte intermittierend
eine Monotherapie oder eine kombinierte antibiotische Therapie mit Ciprofloxacin und/oder
Metronidazol eingesetzt werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Antibiotikarefraktäre Verlaufsformen sollten mit oralem oder lokalem Budesonid behandelt
werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Weitere Therapieoptionen sind unter anderem Infliximab, Adalimumab, Vedolizumab, Ustekinumab,
Rifaximin, Calcineurininhibitoren oder Alicaforsen.
Evidenzlevel 4, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Bei fehlendem Ansprechen einer Monotherapie mit Metronidazol oder Ciprofloxazin kann
eine orale Kombinationstherapie aus Ciprofloxazin und Metronidazol oder eine orale
Kombinationstherapie aus Ciprofloxazin und Rifaximin eingesetzt werden [657]
[662]. Die Datenlage dazu ist aber schwach.
In einem kürzlichen Review wurde der Stellenwert der verschiedenen medikamentösen
Therapieoptionen für die chronische Pouchitis nach IPAA bei CU untersucht [653]. Dabei wurden 21 Manuskripte eingeschlossen. Es zeigte sich, dass Antibiotika in
74 % eine Remission (95 %-KI: 56 – 93 %), (p < 0,001) erreichen können. TNF-Antikörper
erreichten Remissionsraten von 53 % (95 %-KI: 30 – 76 %), (p < 0,001). Therapien mit
Steroiden, Bismuth, Elementardiät oder Tacrolimus erreichten ebenfalls eine allerdings
nicht signifikante Remission. Zur lokalen Therapie mit Tacrolimussuppositorien gibt
es Einzelfallberichte. Die Datenlage zum Effekt einer FMT bei Pouchitis ist für eine
Empfehlung noch unzureichend und konnte keine Remissionsinduktion zeigen [674]
[675].
Weitere Therapieoptionen sind unter anderem Infliximab, Adalimumab, Vedolizumab, Ustekinumab,
Rifaximin, Calcineurininhibitoren oder Alicaforsen [653]
[667]
[671]
[672]
[673]
[676]
[677]
[678]
[679].
Zu der Bakterienformulierung VSL#3 liegen ältere Studien vor, die eine Wirksamkeit
in der Behandlung der Pouchitis gezeigt haben. Eine gepoolte Analyse von zwei Studien
(76 Teilnehmer) legt nahe, dass VSL#3 wirksamer als Plazebo für die Aufrechterhaltung
der Remission ist [680]
[681]
[682]. 85 % (34/40) der Patienten konnten mit VSL#3 ihre Remission über 9 – 12 Monate
aufrechterhalten, im Gegensatz zu der Plazebogruppe, in der dies nur bei 3 % (1/36)
der Fall war (RR 20,24, 95 %-KI 4,28 – 95,81). Eine GRADE-Analyse zeigte aber, dass,
aufgrund der geringen Zahl an Ereignissen die Evidenzstärke dieser Daten gering ist
[656].
Perianale Entzündungen und Reizungen stellen ein großes Problem vieler Pouchträger
dar. Eine entsprechende Anamnese, eine Untersuchung und ggf. ein Abstrich können oft
die entsprechende Diagnose stellen. Abduschen nach dem Stuhlgang oder Feuchttücher
ohne Alkohol, Parfüm und Farbstoffe, eine optimale Hautpflege, z. B. mit Panthenol
oder Zink, eine Ernährungsumstellung oder möglicherweise der Einsatz von Cholestyramin
können zur Wundheilung beitragen.
Bei Vorliegen von Risikofaktoren sollten jährlich endoskopische Kontrolluntersuchung
erfolgen. Andernfalls sollte bei Beschwerden oder spätestens alle 2 Jahre eine Pouchoskopie
erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Diese Empfehlung stützt sich nicht auf spezifische Studien in der Literatur. Basierend
auf den Erfahrungen der Überwachungsstrategien vor restaurativer Proktokolektomie
mit IPAA erscheint eine jährliche endoskopische Kontrolluntersuchung sinnvoll, obwohl
das Pouch-Karzinom eine seltene Entität darstellt [683].
Ob das Überwachungsintervall sich bei Patienten, bei denen eine Pouchanlage aus nicht-malignen
Gründen erfolgt ist, länger sein kann, ist unklar. Patienten mit einem Pouch-Karzinom
hatten in der Regel bereits ein Karzinom im Kolon oder Rektum, das zur restaurativen
Proktokolektomie mit IPAA geführt hat. Pouch-Karzinome entstehen in der Regel aus
verbliebener Schleimhaut des anorektalen Übergangs, sodass bei einem Karzinom im unteren
Rektum aus pragmatischer Sicht eine komplette Mukosektomie im Rahmen der restaurativen
Proktokolektomie zu bevorzugen ist (s. auch Statement 5.1.15) [604]
[684].
Bei einer Cuffitis sollte initial ein Therapieversuch mit topischer 5-ASA-Applikation
durchgeführt werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Bei therapierefraktärer Entzündung kann eine endoskopische Mukosektomie oder Rest-Proktektomie
erwogen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Eine Cuffitis, vor allem nach einer „double-stapled IPAA“, kann eine Pouchdysfunktion
mit Symptomen verursachen, die eine Pouchitis oder ein irritables Pouchsyndrom (IPS)
imitieren können.
Im Gegensatz zu einem IPS, das natürlich koexistieren kann, sind perianale Blutungen
ein charakteristisches Merkmal einer Cuffitis. Die Endoskopie durch einen erfahrenen
Untersucher und die histologische Beurteilung der Epithelmanschette zwischen der Linea
dentata und der pouchanalen Anastomose kann die Diagnose stellen [685].
In einer Open-Label-Studie mit 14 konsekutiven Cuffitis-Patienten wurde der Effekt
von Mesalazin-500-mg-Suppositorien blind untersucht. Dabei konnte Mesalazin gegenüber
Plazebo signifikant den Gesamt-Cuffitis-Aktivitätsindex sowie die Symptom-, Endoskopie
und Histologie-Subscores reduzieren. 92 % der Patienten mit blutigen Stuhlgängen und
70 % der Patienten mit Arthralgie (einem charakteristischen klinischen Merkmal der
Cuffitis) haben auf eine topische Mesalazin-Therapie angesprochen. Systemische oder
topische Nebenwirkungen wurden nicht berichtet [686].
Patienten mit einem irritablen Pouchsyndrom können wie Patienten mit RDS behandelt
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, Konsens
Hintergrund
Im Gegensatz zu dem Behandlungsansatz zur Behandlung des Reizdarmsyndroms gibt es
keinen Algorithmus für das Management des IPS. Bei Patienten mit IPS können, wie beim
Reizdarmsyndrom, symptomatische Therapien wie z. B. diätetische Modifikationen, Ballaststoffe,
Loperamid, krampflösende Medikamente und Antidepressiva eingesetzt werden [648]
[687].
6. Ernährung und komplementäre Verfahren
6. Ernährung und komplementäre Verfahren
6.1 Ernährung in der Ätiologie und Prävention der Colitis ulcerosa
Mit Ausnahme des Stillens gibt es keine Ernährungsfaktoren, die zur Risikominderung
für ein CU empfohlen werden könnten. Die Stilldauer sollte mindestens 6 Monate betragen.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad B, Konsens
Hintergrund
Die Beobachtung, dass CU bis Ende der 1950er-Jahre extrem selten waren und seit dieser
Zeit in allen westlichen Industrieländern erheblich zugenommen haben, veranlasste
zur Annahme, dass Änderungen in der Ernährung eine mögliche Ursache für die Häufigkeitszunahme
sind. Basierend auf retrospektiven Studien wurden der nach Kriegsende angestiegene
Konsum an raffinierten Kohlenhydraten, chemisch aufbereiteten Fetten, die Abnahme
des Verzehrs an Ballaststoffen sowie allergische Reaktionen auf Bäckerhefe angeschuldigt.
Neuere prospektive Studien zeigten eine mögliche Assoziation des Auftretens von CU
mit dem vermehrten Verzehr von tierischem Eiweiß [688] sowie gesättigten und Transfettsäuren [682]
[689]. Demgegenüber findet sich für das Auftreten einer CU eine signifikant inverse Relation
zum täglichen Verzehr von Gemüse, Omega-3-Fettsäuren [690] und Vitamin D [691].
Zwei systematischen Reviews aus den Jahren 2004 und 2009 zufolge lässt sich lediglich
für das Stillen eine signifikante Risikominderung (23 %) für das spätere Auftreten
einer CU belegen [692]
[693]. Dies wurde in zwei nachfolgenden Kohortenstudien aus Neuseeland [694] und Dänemark [695] bestätigt. Die Stilldauer sollte mindestens 6 Monate betragen, wenn möglich auch
länger [696].
Mangelernährung
Patienten mit CU haben ein erhöhtes Risiko für eine Mangelernährung. Sie sollten daher
zum Zeitpunkt der Erstdiagnose und im weiteren Krankheitsverlauf auf das Vorliegen
einer Mangelernährung untersucht werden.
Evidenzlevel 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
Da die durch Mangelernährung hervorgerufenen Komplikationen den Patienten oftmals
mehr schwächen können als der zugrunde liegende entzündliche Prozess selbst, sind
Prävention und Behandlung der Malnutrition obligatorische Bestandteile der Therapie
chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen.
Die Prävalenz der Unterernährung liegt bei Erwachsenen mit aktiver CU bei 7,2 % (versus
1,8 % in gesunden Kontrollen), was einem 5-fach höheren Risiko entspricht (OR 5,57;
95 %-KI: 5,29 – 5,86). Das damit verbundene Risiko von Komplikationen (schwerer Verlauf,
längere Liegezeiten) sowie die daraus resultierenden Kosten sind ebenfalls erhöht
[697].
Bis zu 85 % der Kinder mit CED weisen Zeichen einer Mangelernährung auf (Morbus Crohn
> Colitis ulcerosa), wovon 15 – 40 % im Wachstum retardiert sind [696]. Etwa 25 – 80 % weisen erniedrigte Albuminspiegel auf. In Abhängigkeit von Krankheitsaktivität
und -dauer liegt bei 20 – 85 % der Patienten eine negative Stickstoffbilanz vor. Exzessive
Proteinverluste über die entzündete Darmmukosa – mittels fäkalen α1-Antitrypsins bestimmt – scheinen dabei der Hauptverursacher der Gesamtkörperproteindepletion
zu sein. Eine Proteinmalabsorption könnte zusätzlich dazu beitragen. Die negative
Stickstoffbilanz kann außerdem auf dem katabolen Effekt von Medikamenten wie Antibiotika
und Steroiden beruhen [698].
Bei Patienten mit CU besteht ein erhöhtes Risiko für einen Mikronährstoffmangel. Sie
sollten daher initial und im weiteren Krankheitsverlauf, wenn klinische Zeichen oder
erhöhte Risiken für einen Mangel vorliegen, auf das Vorliegen eines Mangels an Mikronährstoffen
untersucht werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad B, starker Konsens
Hintergrund
In Abhängigkeit von Patientenkollektiv, Krankheitsaktivität sowie gewähltem Biomarker
und Cut-off-Wert findet sich ein Eisenmangel bei 30 – 70 %, ein 25-OH-Vitamin D-Mangel
bei 40 – 60 %, ein Folsäuremangel bei 5 – 10 % und ein Zink- bzw. Selenmangel bei
jeweils 20 – 30 % der Patienten. Demgegenüber ist das Auftreten eines Vitamin-B12-Mangels nur nach Anlage eines IAP beschrieben [698]
[699]
[700]
[701]
[702]. Die Ätiologie des Vitamin-B12-Mangels bei IAP ist multifaktoriell, diskutiert werden eine verminderte Resorptionsleistung
sowie die fast regelhaft auftretende bakterielle Fehlbesiedlung [703].
Durchführung der Ernährungs-/Substitutionstherapie
Eine spezielle enterale Ernährungstherapie und/oder ausschließliche parenterale Ernährung
sollte als primäre Therapie zur Remissionsinduktion bei Colitis ulcerosa nicht durchgeführt
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Im Gegensatz zu Morbus Crohn ist der Einfluss ernährungstherapeutischer Maßnahmen
(Trinknahrung, enterale und parenterale Ernährung) auf die Krankheitsaktivität in
der akuten Phase oder bei chronisch aktiver Colitis ulcerosa wenig oder nicht belegt
[704]. Wie bei allen Erkrankungen gelten auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
die ernährungs-therapeutischen Grundsätze einer Stufentherapie: Ernährungsberatung,
zusätzliche Ernährung durch Trinknahrung, Sondennahrung, parenterale Ernährung [704]. Bei der Behandlung von Kindern sollte allerdings berücksichtigt werden, dass eine
alleinige Ernährungsberatung/Diätberatung nicht effektiv zur Behandlung einer Mangelernährung
und/oder spezifischer Mangelzustände bzw. zur Behandlung des Wachstumsrückstands ist
[704].
Eine enterale Ernährung (total oder partiell) soll bei CU als supplementäre Therapie
durchgeführt werden, um in der akuten Phase der Erkrankung eine adäquate Zufuhr an
Nährstoffen zu gewährleisten, insbesondere wenn schon Zeichen einer Mangelernährung
vorhanden sind oder ein hohes Risiko für Ernährungsdefizite besteht [345].
Trotzdem kann die total parenterale oder enterale Ernährung insbesondere bei fulminanter
Colitis ulcerosa mit einem Standardregime zur Sicherstellung einer adäquaten Nährstoffversorgung
indiziert sein. Der Einfluss spezifischer Substrate wie Omega-3-Fettsäuren, Glutamin
oder Butyrat auf die Krankheitsaktivität ist bei Colitis ulcerosa nicht belegt [705]
[706]
[707]
[708]
[709].
Solange keine Gewichtsabnahme besteht, liegt der Energiebedarf zwischen 25 und 30 kcal/kg
KG/Tag [710]. Der Eiweißbedarf ist infolge der katabolen Stoffwechsellage im Rahmen der Entzündung
sowie des etwaigen intestinalen Eiweißverlustes erhöht und beträgt 1 – 1,5 g/kg KG/Tag,
bei septischen oder schwerst mangelernährten Patienten bis zu 2 g/kg KG/Tag [710]. Eine alleinige total parenterale Ernährung (TPE) sollte bei CU nur noch zur Korrektur
einer schweren Mangelernährung durchgeführt werden, insbesondere vor einer Operation,
oder bei Komplikationen, wenn bei einem komplizierten Verlauf mit enteraler Ernährung
nur unzureichend Kalorien verabreicht werden können oder die enterale Ernährung nicht
durchführbar ist [711]
[712].
Eine spezielle Diät oder Ernährungstherapie zur Remissionserhaltung sollte nicht empfohlen
werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Zwar zeigen kleinere z. T. unkontrollierte Studien für mit Omega-3-Fettsäuren angereicherte
Supplementnahrungen einen remissionserhaltenden Effekt bei Patienten mit Morbus Crohn,
eine generelle Therapieempfehlung bei Colitis ulcerosa kann daraus jedoch derzeit
nicht abgeleitet werden [713]. Gleiches gilt für die von Roediger Mitte der 1990er für CU-Patienten vorgeschlagene
sulfitarme Kost, die im Meiden von Lebensmitteln besteht, die reich sind an schwefelhaltigen
Aminosäuren [709]
[714].
Ein isolierter Mikronährstoffmangel sollte durch entsprechende orale oder parenterale
Supplemente behandelt werden. Eine generelle Vitamin- oder Spurenelementsubstitution
ist bei CU nicht sinnvoll.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Bei nachgewiesenem Mikronährstoffmangel sollte die Vitamin- und/oder Spurenelementsubstitution
gezielt bei Vorliegen eines Mangels nach den entsprechenden Empfehlungen erfolgen
[702]
[715]
[716]. In der Remissionsphase kann die Substitution primär oral durchgeführt werden. Bei
Unverträglichkeit oraler Präparate (z. B. Eisen) oder unzureichender Resorption (Eisen,
Vitamin B12) insbesondere bei ausgeprägter entzündlicher Aktivität ist eine parenterale Substitution
erforderlich.
Eine Eisensupplementierung sollte auf jeden Fall erfolgen, wenn eine manifeste Anämie
besteht. Eisenmangel ohne manifeste Anämie erfordert ein individualisiertes Vorgehen.
Die Entscheidung über den Zeitpunkt und die Art der Therapie wird dabei von Symptomatik,
Ätiologie, Schweregrad, Dynamik des Hb-Abfalls, Komorbidität und Risiken der Therapie
bestimmt [717].
Behandlungsziele bei Eisenmangelanämie sind die Anhebung des Hb-Werts um mehr als
2 mg/dl oder auf normale Werte innerhalb von 4 Wochen sowie die Erhöhung des Ferritinspiegels
auf > 100 µg/l. Die allenthalben empfohlene Berechnung der notwendigen Eisenmenge
nach Ganzoni (Gesamteisendefizit (mg) = [Soll-Hb – Patienten-Hb (g/dl)] × Körpergewicht
(kg) × 2,4 + Reserveeisen (mg)) zeigt sich zum einen im Routinealltag als „unhandlich“,
zum anderen wird zumindest bei CED-Patienten die notwendige Eisenmenge unterschätzt
[718]. Als einfacher und zudem effektiver erweist sich die kürzlich publizierte „FERGIcor“-[719].
Grundsätzlich stehen zwei Applikationswege zur Eisensubstitution zur Verfügung, die
orale Gabe von geeigneten Eisen(II, III)-Verbindungen oder die intravenöse Applikation
von Eisen(III)-Komplexen [718].
Bei leichtgradiger Eisenmangelanämie (Hb 11 – 13 g/dl) kann mit einer oralen Eisenzufuhr
von ca. 100 mg/d für 4 Wochen begonnen werden. Bei Intoleranz oder unzureichendem
Hb-Anstieg, d. h. weniger als 2 g/dl, sollte rechtzeitig auf eine intravenöse Eisentherapie
umgestellt werden; wegen der begrenzten oralen Resorption von Eisen sollte bei schwerer
Anämie in jedem Fall eine intravenöse Applikation mit dem Ziel der Hb-Wert-Normalisierung
und Auffüllung der Eisenspeicher erfolgen. Eine absolute Indikation für eine intravenöse
Eisentherapie sind [717]
[718]:
-
schwere Anämie (Hb-Wert < 10 g/dl)
-
Unverträglichkeit von oralem Eisen oder unzureichender Anstieg innerhalb der ersten
2 Wochen
-
ausgeprägte Krankheitsaktivität
-
begleitende Therapie mit Erythropoetin stimulierenden Substanzen
-
entsprechende Patientenpräferenz
Therapie des Zinkmangels
Mit Durchfall (Stuhlvolumina > 300 g/d) bzw. Stoma-Output gehen erhebliche Mengen
Zink verloren, wobei pro Liter Stoma-Output mit einem Verlust von 12 mg elementarem
Zink zu rechnen ist. Dies liegt deutlich über dem normalen Zinkbedarf und über dem
Gehalt üblicher Spurenelementpräparate [720]
[721]. Bei Vorliegen eines Zinkmangels sollten 30 bis 45 mg Zink in Form von Zink-Histidin
oder -Glukonat oral (ca. 1 Std. vor dem Frühstück) eingenommen werden [722]. Da Zink mit der intestinalen Eisen-, v. a. Kupferresorption interferiert, sollte
eine orale Supplementierung nicht länger als 2 – 3 Wochen durchgeführt werden [723], bei längerfristiger Einnahme sollte pro 8 – 15 mg elementares Zink 1 mg elementares
Kupfer substituiert werden. Bei (oftmals) nicht ausreichendem Ansprechen sollte Zink
parenteral substituiert werden (z. B. Zink-Aspartat als Mono-Injektion oder als Infusionszusatz
bis 5 mg/Tag) [721]
[724].
Therapie des Vitamin-B12-Mangels
Aufgrund der nur geringen Resorption von 1 – 3 % von Cyanocobalamin wird in der Regel
die parenterale Applikation bevorzugt. Leider sind die Therapieempfehlungen hinsichtlich
der Dosierung und Anwendung der B12-Substitution weithin uneinheitlich und meist unterdosiert. Derzeit existieren zwei
medikamentöse Vitamin-B12-Präparationen: Cyanocobalamin und Hydroxycobalamin. Im Hinblick auf eine ausreichende
Dosierung ist zu beachten, dass erst dann klinische Ausfallerscheinungen auftreten,
wenn der Vitamin-B12-Speicher des Körpers (4 – 5 mg) auf 5 bis 10 % reduziert ist. Das heißt, Ziel einer
adäquaten Behandlung muss es sein, dieses Defizit auszugleichen. Um die leeren Körperdepots
so schnell wie möglich aufzufüllen, wird daher folgende Vorgehensweise empfohlen:
Man verabreicht in der 1. Woche an fünf Tagen 1000 μg Hydroxycobalamin i. m./s. c.
(davon werden etwa 45 %, d. h. 450 μg aufgenommen – gegenüber nur 16 % bei Cyanocobalamin).
Im Folgemonat werden 1000 μg wöchentlich injiziert (alternativ täglich 500 μg Hydroxycobalamin
an fünf Tagen der Woche über einen Monat). Zur Überwachung der Vitamintherapie erweist
sich die Messung der Homozystein- bzw. MMA-Spiegel als hilfreich [718].
Therapie des Vitamin-D-Mangels
Bezüglich des Zielspiegels für 25-OH-Vitamin D sowie der dafür benötigten Dosierung
bestehen unterschiedliche Auffassungen [725]. Die Endocrine Society empfiehlt bei Erwachsenen eine tägliche Vitamin-D-Zufuhr
von 1500 – 2000 IE pro Tag bei einem gewünschten Vitamin-D-Spiegel von > 75 nmol/l
(> 30 ng/ml). In bestimmten Situationen, beispielsweise bei Adipositas, bei Einnahme
von Antikonvulsiva oder unter Glukokortikoidtherapie, kann diese Dosis verdoppelt
oder sogar verdreifacht werden. Gerade unter einer Glukokortikoidtherapie kann der
Vitamin-D-Spiegel sinken, sodass er entweder kontrolliert werden sollte oder täglich
1000 IE 25-OH-Vitamin D supplementiert werden sollten [726]
[727]. Evidenzbasierte Empfehlungen über Zielspiegel, Dosierung und Dauer einer Vitamin-D-Supplementierung
für CED-Patienten fehlen. Garg et al. empfehlen je nach Serumspiegel 1000 – 5000 IU/Tag
mit einem Multiplikator von 1,5 – 20 bei Morbus-Crohn-Patienten mit Dünndarmbefall
und/oder Adipositas. Die 25-OH-Vitamin-D-Spiegel sollten dauerhaft > 30 ng/ml (75 mmol/L)
liegen. Um eine möglichst schnelle Normalisierung der 25-OH-Spiegel zu erzielen (innerhalb
von 2 Wochen), schlagen Van Groningen et al. eine initiale Aufsättigungsdosierung
(IU) = 40 × (75-Serum-25-OHD3) × KG vor [728]. Die errechnete Dosis wird an 3 Wochentagen (Mo/Mi/Fr) zu jeweils 20 000 IU, gefolgt
von einer einwöchigen Erhaltungsdosis mit 20 000 IU verabreicht. Generell sollte Cholecalciferol
(Vitamin D3) aufgrund der besseren Bioverfügbarkeit gegenüber Ergocalciferol (Vitamin
D2) bevorzugt werden [729].
Bei einer Einnahme von bis zu 4000 IE Vitamin D3 pro Tag ist eine Kontrolle des Vitamin-D-Spiegels
nicht regelhaft erforderlich. Eine Vitamin-D-Intoxikation ist erst bei dauerhaften
Spiegeln > 150 ng/ml (> 375 nmol/l) zu erwarten [730]
[731].
Chirurgische Aspekte der Ernährung bei CU
Präoperativ sollte bei schwerer Mangelernährung (BMI < 19, Gewichtsverlust von mehr
als 10 % in den letzten 6 Monaten vor der Operation und/oder Serumalbumin < 30 g/L,
deutliche Kachexie) vor elektiver Operation präoperativ eine gezielte Ernährungstherapie
für mindestens 7 Tage erfolgen.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Patienten mit schwerer Mangelernährung haben ein signifikant erhöhtes Risiko für postoperative
Komplikationen [712]
[732]
[733]. Da in einer Studie ein positiver Effekt nur gesehen wurde [734], wenn die parenterale Ernährung mindestens 5 Tage vor der Operation begonnen wurde,
sollte eine gezielte präoperative Ernährungstherapie vor elektiven Engriffen über
mindestens 7 Tage durchgeführt werden. Zur Durchführung sei auf Kommentar 6.1.4. verwiesen.
Durch den Einsatz von TPE als perioperative Maßnahme kann eine Verbesserung des Ernährungszustands
und somit eine Verminderung postoperativer Komplikationen erzielt werden [735]. Nach Definition liegt beim Eintreten eines oder mehrerer der folgenden Kriterien
eine schwere Mangelernährung vor:
Bei gegebener Indikation zur präoperativen Ernährung sollte die enterale Zufuhr über
Trink- und Sondennahrung vorgezogen werden. Die enterale Ernährung ist zur Vermeidung
nosokomialer Infektionen möglichst prästationär durchzuführen. Die parenterale Applikation
sollte Patienten mit hoher entzündlicher Aktivität im Kolon und intestinaler Unverträglichkeit
vorbehalten bleiben [736]
[737]
[738].
CU Patienten mit High-Output-Jejuno- oder -Ileostomie sollten engmaschig im Hinblick
auf Wasser- und Elektrolytbilanz überwacht werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsensus
Hintergrund
Ziel der Ernährungstherapie bei Ileostomie ist es, in Abhängigkeit vom Restdarm den
Wasser- und Elektrolytverlust, aber auch eine chemische Reizung des Stomas durch Lebensmittel
zu vermeiden. Erst nach etwa acht (ggf. auch bis zwölf) Wochen kommt es zur Stabilisierung
der Stuhlbeschaffenheit, die jedoch flüssig bis breiig bleibt. In der Adaptationsphase (s. o.) wirkt sich der Einsatz von „stopfenden“ Lebensmitteln wie Kartoffeln, Reis,
Haferflocken, Bananen positiv aus. Ggf. ist auch der Einsatz quellender Lebensmittel
und flüssigkeitsbindender Präparate wie Pektine zur besseren Eindickung des Stuhls
hilfreich.
Grundlage der Ernährungstherapie bei Ileostomie, Kostaufbau und Adaptationsphase ist
eine ausreichende Flüssigkeits- und Kochsalzaufnahme. Für den Ileostomieträger ist
wichtig zu wissen, dass jede Nahrungsaufnahme zu einer Entleerung des Stomas führt.
Der Flüssigkeitsbedarf liegt bei ca. 3 Litern pro Tag. Als Richtwert für eine ausreichende
Flüssigkeitsaufnahme gilt eine Urinmenge von mindestens 1 Liter pro Tag (regelmäßige
Kontrollen des Urinvolumens). Eine Kochsalzaufnahme von 6 – 9 g pro Tag wird empfohlen
(z. B. gesalzene Fleisch- und Gemüsebrühen). Der empfohlene Ballaststoffanteil liegt
bei 25 – 30 g pro Tag [739].
Patienten mit Pouch sollten regelmäßig auf das Vorliegen eines Vitamin-D-, -B12- und Eisenmangels untersucht werden.
Expertenkonsens, Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Anämien infolge eines Eisen- und/oder Vitamin-B12-Mangels zählen zu den häufigsten extraintestinalen Manifestationen nach IAP [740]
[741]. Ein Eisenmangel wird je nach Definition und Methode bei 20 – 56 % [703]
[742] (Pouchitis 77 %) [700] der Patienten, ein B12-Mangel bei 25 %, ein Vitamin-D-Mangel (< 21 ng/ml) bei 22 % und eine Vitamin-D-Insuffizienz
(< 31 ng/ml) bei 70 % beschrieben [743]. Ein Vitamin-E- und/oder -A-Mangel findet sich im Kontext einer Fettmalabsorption
bei bis 5 % der Patienten [744]. Bei länger anhaltender Steatorrhoe sollten daher Vitamin-A- und -E-Spiegel zumindest
einmal bestimmt werden. Die Daten zum Folsäurestatus sind inkongruent und erlauben
keine Empfehlung [740].
6.2. Komplementäre Therapieverfahren
Präambel
Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition komplementärer und alternativer Therapieverfahren.
Der Begriff komplementärmedizinische Verfahren beinhaltet, dass die angewendeten Behandlungsmethoden
additiv, d. h. als Ergänzung zu konventionellen Standardtherapien, angewendet werden.
Verfahren, die die konventionellen Standardtherapien ausschließen, werden als alternative
Therapieverfahren bezeichnet. Unkonventionelle Therapien sind alle Verfahren, die
als nicht anerkannt und/oder wissenschaftlich überprüft gelten.
Innerhalb der vorliegenden Leitlinie wird die Kategorisierung von Wieland et al. [745] zu Complementary and Alternative Medicine (CAM) für die Cochrane Collaboration zugrunde
gelegt. Danach werden fünf Kategorien unterschieden: (1) Mind-Body-Verfahren, (2)
ganzheitliche medizinische Systeme, (3) pflanzliche Heilverfahren, (4) manipulative
und körperbezogene Verfahren und (5) Energiemedizin.
Die Bezeichnung „alternative Therapieverfahren“ spiegelt in der Regel nicht die übliche
Anwendungssituation wider, da komplementärmedizinische/naturheilkundliche Therapien
keinesfalls ein Selbstverständnis beinhalten, eine Alternative zur konventionellen
Therapie darzustellen. Die angloamerikanische Literatur unterscheidet weniger in alternativ
und komplementär und verwendet den gemeinsamen Terminus „complementary and alternative
medicine“ (CAM), der sich inzwischen international weitgehend durchgesetzt hat. Neuere
Literatur spricht bei kombinierter Anwendung von konventioneller und komplementärer
Methoden auch von integrativer Medizin.
Alternativtherapien anstelle einer evidenzgesicherten Therapie sollen abgelehnt werden.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Da Alternativtherapien anstelle einer evidenzgesicherten Therapie benutzt werden,
sind diese abzulehnen, da definitionsgemäß keine äquipotente Wirkung nachgewiesen
ist (Phytotherapeutika und andere immunmodulierende Substanzen mit geprüfter Äquipotenz
zu einer Standardtherapie sind somit keine alternativen Heilmittel (siehe unten)).
Komplementäre Therapien, die als Ergänzung einer Standardtherapie angewendet werden,
sollten in Absprache mit den behandelnden Ärzten erfolgen und können eine Standardtherapie
unterstützen. Das große öffentliche Interesse an Alternativ- und Komplementärmedizin
rechtfertigt eine weitere Evaluation dieser Methoden. Das schließt die folgenden Methoden
ein: traditionelle Chinesische Medizin inkl. Akupunktur, anthroposophische Medizin,
Aromatherapie, ayurvedische Medizin, Homöopathie, immunmodulative Therapien, manuelle
Therapien (Osteopathie, Massagen etc.), Mind-Body-Medizin, Nahrungsergänzungsmittel,
Naturheilkunde, Qi Gong, Reiki.
Die Beurteilung naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Verfahren soll nach
Kriterien einer evidenzbasierten Medizin erfolgen.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
Methodik und Fragestellung bestimmen gemäß CONSORT-Konsens die Bewertung einer Evidence-based-Medicine(EBM)-Hierarchisierung.
Dies ist bei Bewertung komplementärmedizinischer Literatur zu berücksichtigen. Einige
komplementäre Therapieverfahren (sog. komplexe individuelle therapeutische Interventionen)
beziehen sich auf das salutogenetische Potenzial des Patienten und bedürfen der nicht
verblindeten Arzt-Patienten-Beziehung, da korrigierende Interaktionen bei Verblindung
zwischen Arzt und Patient nicht möglich sind. Salutogene Therapieansätze sind meist
durch Lern- und Regulationsprozesse gekennzeichnet, die einer analogen Beziehungsgestaltung
des Lehrers zu seinen Schülern entsprechen und als dialogisch charakterisiert werden
können. Ein Randomised-controlled-Trial(RCT)-Studiendesign ist daher nicht immer durchführbar;
dies ist bei einer EBM-Hierarchisierung zu berücksichtigen. Ferner zeichnen sich komplementär-
und alternativmedizinische Verfahren meist durch komplexe Verfahrensweisen aus, die
durch einfache Wirknachweise eines Einzelfaktors nicht zu belegen sind, sondern systemisch
erfasst werden müssen. Dazu sind Outcomestudien im Kohortenvergleich die geeignete
Evaluationsmethode und in ihren Ergebnissen meist einem RCT gleichwertig.
Patienten sollen über die Anwendung komplementärer Heilmethoden befragt werden. Der
behandelnde Arzt soll mit ihnen über ihre Gründe für die Anwendung komplementärmedizinischer
Verfahren sprechen.
Expertenkonsens, starke Empfehlung, starker Konsens
Hintergrund
In zahlreichen Studien wurde beschrieben, dass mindestens die Hälfte (31 % bis 68 %)
der Patienten mit CED komplementäre Heilmethoden anwendet [746]
[747]
[748]
[749]
[750]
[751]
[752]. Bei Kindern mit CED ist der Gebrauch von CAM nicht geringer als bei Erwachsenen.
In einer repräsentativen Studie für Deutschland zu dem Thema lag die Inanspruchnahme
bei 52,9 % [752]. Die am häufigsten benutzten komplementären Methoden durch CED-Patienten sind Homöopathie,
Phytotherapie, traditionelle chinesische Medizin einschließlich Akupunktur, Diäten,
Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel. Prädiktoren für den Einsatz komplementärmedizinischer
Verfahren sind ein höherer Bildungsstand, eine Vollwerternährung sowie eine kumulative
Kortisontabletteneinnahme von mehr als 10 g Gesamtmenge. Ein höherer Body Mass Index
(BMI) war negativ mit dem Einsatz von CAM verbunden.
Drei von vier Patienten gaben dabei Erfahrung mit mehr als einem Verfahren an. Nur
25 % der Patienten fühlten sich ausreichend über komplementäre Verfahren aufgeklärt.
Bis zu 80 % gaben aber Interesse am Einsatz von komplementären Verfahren in der Zukunft
an.
30 – 70 % der Patienten informieren ihre Ärzte/innen nicht über die Anwendung komplementärer
Heilmethoden. Die Anwendung und das Verschweigen komplementärer Heilmethoden wird
durch die konventionell behandelnden Ärzte unterschätzt. Als Gründe für die Anwendung
komplementärmedizinischer Verfahren wurden in den Studien die Suche nach der optimalen
Therapie, der Wunsch, ohne Kortison auszukommen, Nebenwirkungen der konventionellen
Therapie, der Wunsch nach Stärkung der Eigenaktivität und der Eigenverantwortung,
ein ganzheitlicher Therapieansatz sowie Unzufriedenheit mit der konventionellen Therapie
und (relatives) Therapieversagen genannt. Bei Kindern mit Morbus Crohn korrelierte
der Gebrauch von CAM mit der Zunahme von Fehlstunden in der Schule, Internetgebrauch
und einem schlechteren Verlauf der Erkrankung.
Aufgrund des hohen Anteils an Patienten, die komplementärmedizinische Therapien anwenden,
sollten Ärzte sich über diese Verfahren informieren.
Expertenkonsens, Empfehlung, Konsens
Hintergrund
Ursache einer Anwendung von CAM durch Betroffene ist unter anderem eine Unzufriedenheit
mit der konventionellen Therapie (s. o.). Viele Betroffene sehen sich durch die naturwissenschaftlich
orientierte konventionelle Medizin nicht in ihrer komplexen mehrdimensionalen Persönlichkeit
erfasst. Die Auffassungen von Arzt und Patient zum Krankheitsverständnis und dem Umgang
mit der Erkrankung wie auch zum Selbstbild und Weltbild unterscheiden sich häufig.
So kommt es dazu, dass außerhalb der ärztlichen Versorgung Beratung und Hilfe von
CAM-Therapeuten gesucht werden (z. B. bei Heilpraktikern). Nicht selten verfahren
die Betroffenen dabei „zweigleisig“: Der Facharzt therapiert konventionell, und der
Patient sucht parallel nach weiteren Therapiemöglichkeiten, ohne dass der Arzt Kenntnis
von den zusätzlich angewandten CAM-Verfahren erhält, und der CAM-Therapeut entbehrt
des speziellen medizinischen Sachverstands bei Colitis ulcerosa. 15 – 50 % der CED-Patienten
berichten ihren behandelnden Ärzten nicht vom Gebrauch der komplementären Therapie
aus Angst vor herabsetzender Bewertung durch den Arzt. Andererseits fragen weniger
als 20 % der behandelnden spezialisierten CED-Ärzte den Patienten nach dem Gebrauch
von CAM. Um Gefahren in diesem Kontext zu minimieren, sollte eine „Zweigleisigkeit“
der Therapie durch den Betroffenen vermieden werden und eine enge Abstimmung der Therapieverfahren
erfolgen. Dazu sind ausreichende Kenntnisse der komplementären Therapieverfahren beim
primär behandelnden Arzt erforderlich. Nur eine kompetente und sachliche Beratung
auch auf dem Gebiet von CAM durch den primär behandelnden Arzt kann diese Zweigleisigkeit
für den Patienten vermeiden. Idealerweise ist ein integratives Konzept anzustreben,
bei dem konventionelle und komplementäre Therapieverfahren zu einer „Best Practice“
verschmelzen (WHO-Definition von integrativer Medizin).
Mind-Body-Verfahren
Achtsamkeitsbasierte Verfahren zur Stressreduktion können komplementär zur Verbesserung
der Lebensqualität eingesetzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Ein systematischer Review zu komplementären und alternativen Verfahren zur Behandlung
von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen [753] identifizierte einen RCT mit Ein-Jahres-Follow-up zur Lebensstilmodifikation [754]
[755]. In einer prospektiven randomisiert-kontrollierten Studie im Wartegruppendesign
konnte mit Lebensstilmodifikationsprogrammen (Bewegung, Ernährung, Selbsthilfestrategien,
Stressmanagement) über 10 Wochen bei Patienten in Remission oder mit geringer Krankheitsaktivität
eine durchschnittliche Verbesserung des IBDQ zum Therapieende um 20 Punkte in der
Interventionsgruppe erreicht werden (eine individuelle Verbesserung von 16 Punkten
wird als klinisch relevant beurteilt). Der psychische Summenscore im SF36 zeigte eine
signifikante Verbesserung im Vergleich zur Wartekontrollgruppe. In der Katamnese nach
12 Monaten ließ sich kein signifikanter Gruppenunterschied mehr nachweisen.
Ein systematischer Review zu komplementären und alternativen Verfahren zur Behandlung
von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen identifizierte zwei RCTs, die den Effekt
von Achtsamkeit zur Behandlung von Colitis ulcerosa evaluierten [756]
[757]. Eine Studie inkludierte 66 Patienten mit Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn in
Remission und verglich multikonvergente Therapie (Achtsamkeitsmeditation mit Aspekten
kognitiver Verhaltenstherapie) in Kombination mit Standardversorgung mit Standardversorgung
allein [756]. Eine weitere Studie inkludierte 55 Patienten mit Colitis ulcerosa in Remission
und verglich achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) mit einer Aufmerksamkeitskontrollgruppe
[757]. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Krankheitsaktivität
oder psychologischer Variablen. Lediglich für Patienten mit zusätzlichem Reizdarmsyndrom
fanden sich Effekte auf die Lebensqualität sowie für Patienten, die innerhalb des
Studienverlaufs einen Schub erfuhren, Effekte auf das C-reaktive Protein und Stress.
Neben achtsamkeitsbasierten Verfahren zeigen auch weitere Verfahren aus dem Bereich
der Mind-Body-Verfahren Hinweise auf Wirksamkeit: Ein systematischer Review zu komplementären
und alternativen Verfahren zur Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
[753] identifizierte einen RCT, der den Effekt von Entspannungstrainings auf CED evaluierte
[758]. 56 Patienten wurden entweder der Relaxationsgruppe oder der Standardbehandlung
zugeteilt. Es zeigten sich signifikante Verbesserungen hinsichtlich Schmerz, Ängstlichkeit,
Depressivität, Stimmung, Stress und Lebensqualität für die Patienten in der Relaxationsgruppe,
nicht aber für die in der Standardbehandlungsgruppe. Die positiven Effekte auf Schmerzen
werden von einer weiteren Studie gestützt, die die Wirkung eines Relaxationsverfahrens
an 40 Colitis-ulcerosa-Patienten mit chronischem Schmerz evaluierte [759]. Die Studienqualität ist aber kaum einschätzbar, weswegen die Ergebnisse mit Vorsicht
zu interpretieren sind.
Ein RCT untersuchte die Effekte eines Programms zur Atmung, Bewegung und Meditation
(BBMW) im Vergleich zu einer Edukationsgruppe auf physiologische und psychologische
Symptome bei 29 Patienten mit CED [760]. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass BBMW durchgeführt werden kann, da es zu positiven
Prä-post-Effekten führt. Ein Edukationsseminar erzielt allerdings ähnliche Effekte.
Weiterhin ist die Methodik der Studie fragwürdig, und der Anteil an Colitis-ulcerosa-Patienten
betrug lediglich 9, weswegen die vorliegenden Ergebnisse nur mit Vorbehalt interpretiert
werden sollten.
Körperliche Bewegung könnte einen positiven Effekt auf Colitis ulcerosa haben, die
Evidenzlage ist jedoch gering. In einem prospektiven RCT wurde der Effekt von Bewegung
auf CED evaluiert. Die teilnehmenden 30 Patienten befanden sich entweder in Remission
oder zeigten eine milde Krankheitsaktivität [761]. Nach zehn Wochen moderatem Jogging dreimal wöchentlich zeigte sich ein signifikanter
Gruppenunterschied hinsichtlich des sozialen Wohlbefindens. Weitere Gruppenunterschiede
wurden nicht gefunden. Dieses Ergebnis sollte allerdings mit Vorsicht interpretiert
werden, da es sich um eine Pilotstudie handelt, in der Colitis-ulcerosa- und Morbus-Crohn-Patienten
gleichzeitig betrachtet wurden, die Stichprobe klein war und die Methodik fragwürdig
ist. Es gab keine unerwünschten Nebenwirkungen. Ein systematischer Review schlussfolgert,
dass Bewegung einen positiven Effekt hat, inkludierte aber hauptsächlich keine RCTs
[762].
Yoga kann komplementär zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Eine randomisiert-kontrollierte Pilotstudie evaluierte den Effekt von Yoga im Vergleich
zu Standardbehandlung an 60 Patienten mit Colitis ulcerosa in Remission [763]. Zum Follow-up nach 2 Monaten zeigte sich ein signifikanter Gruppenunterschied hinsichtlich
Ängstlichkeit sowie kolikartigen Bauchschmerzen zugunsten der Yogagruppe. Eine weitere
randomisiert-kontrollierte Studie inkludierte 77 Patienten mit Colitis ulcerosa in
Remission und verminderter Lebensqualität. Es zeigte sich ein positiver Effekt auf
die Lebensqualität in Woche 12 und 24 sowie auf die Krankheitsaktivität in Woche 24
[764].
Ganzheitliche Medizinsysteme
Akupunktur kann im leichten bis moderaten Schub komplementär in der Therapie eingesetzt
werden.
Evidenzgrad 3, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Zwei systematische Reviews zu komplementären und alternativen Verfahren bzw. Akupunktur
zur Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen identifizierten einen
RCT, der Akupunktur und Moxibustion (10 Sitzungen in 5 Wochen) bei leichter bis moderat
aktiver Colitis ulcerosa im Vergleich zu oberflächlicher Nadelung an Nicht-Akupunkturpunkten
untersucht [753]
[765]. Der CAI nahm nach der Akupunkturbehandlung gegenüber der Kontrollgruppe signifikant
ab. Die sekundären Endpunkte Verbesserung der Lebensqualität und Verbesserung des
Allgemeinzustands zeigten keine signifikanten Gruppenunterschiede zum Ende der Therapie
[766].
Zwei Metaanalysen, die auch chinesische Studien mit einschlossen, schlussfolgerten,
dass die methodische Qualität der vorhandenen Studien zu gering ist, um Schlussfolgerungen
daraus zu ziehen [767]
[768].
Pflanzliche Heilverfahren
Plantago ovata kann komplementär in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt
werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
102 Patienten mit Colitis ulcerosa in Remission wurden drei Gruppen zugeordnet und
erhielten entweder Flohsamen, Flohsamen in Kombination mit Mesalazin oder Mesalazin
allein. Nach 12 Monaten zeigten sich keine Unterschiede zwischen der Behandlung mit
Mesalazin und der mit Flohsamen. Lediglich die Butyratkonzentration im Stuhl von Patienten,
die Flohsamen erhalten hatten, war besser. Es gab keine ernsthaften unerwünschten
Nebenwirkungen [769]. Es gibt in Deutschland zugelassene Arzneimittel mit Plantago ovata.
Für die Therapie mit Curcumin komplementär zu einem Aminosalizylat liegen Studien
mit positiven Ergebnissen in der Remissionsinduktion sowie in der Remissionserhaltung
vor. Curcumin steht in Deutschland nicht als Arzneimittel zur Verfügung.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, mehrheitliche Zustimmung
Hintergrund
Ein systematischer Review zu komplementären und alternativen Verfahren zur Behandlung
von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen identifizierte zwei RCTs, die die Effekte
von Curcumin zur Behandlung von Colitis ulcerosa evaluierten. In einer prospektiven,
randomisierten, doppelblinden, plazebokontrollierten Multicenterstudie wurde 2 × 1 g/d
Curcumin komplementär zu Sulfasalazin oder Mesalazin in der remissionserhaltenden
Therapie bei Colitis ulcerosa über einen Zeitraum von 6 Monaten untersucht (22 Patienten
in der Verumgruppe) [770]. Es zeigte sich ein signifikanter Gruppenunterschied im Hinblick auf Rezidivhäufigkeit,
CAI und einen endoskopischen Index zugunsten der Verumgruppe zum Therapieende. Diese
positiven Ergebnisse stützen zwei weitere qualitativ hochwertige RCTs [771]
[772]: Curcumin ist überlegen in der Therapie der Colitis ulcerosa. Diese Effekte zeigten
sich innerhalb einer Studie allerdings nur für die Per-Protocol- und nicht für die
Intention-to-treat-Analyse [771]. Es zeigten sich keine Unterschiede im Hinblick auf die Nebenwirkungen. Curcumin
wird in Deutschland nur als Nahrungsergänzungsmittel angeboten und liegt nicht als
Arzneimittel vor.
Eine Kombination aus Myrrhe, Kamilleblütenextrakt und Kaffeekohle kann komplementär
in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt werden.
Evidenzgrad 2, Empfehlungsgrad 0, Konsens
Hintergrund
Ein systematischer Review zu komplementären und alternativen Verfahren zur Behandlung
von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen identifizierte eine qualitativ hochwertige
klinische Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit von Myrrhe, Kamilleblütenextrakt und
Kaffeekohle (Myrrhinil intest®) in der remissionserhaltenden Therapie bei Colitis ulcerosa an 96 Patienten [773]. Die Studie ergab Hinweise darauf, dass die Therapie mit Myrrhe, Kamillenblütenextrakt
und Kaffeekohle der Standardtherapie mit Mesalazin in der remissionserhaltenden Therapie
nicht unterlegen und sehr gut verträglich ist. Eine Follow-up-Fragebogenstudie sowie
eine große Kohortenstudie dazu bekräftigten diese Hinweise [774]
[775].
Es gibt in Deutschland ein zugelassenes traditionelles Arzneimittel mit Myrrhe, Kamilleblütenextrakt
und Kaffeekohle.
Weitere unkonventionelle Verfahren können aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht
empfohlen werden.
Expertenkonsens, Empfehlung offen, Konsens
Hintergrund
An 78 Patienten mit Colitis ulcerosa und moderater Krankheitsaktivität wurde der Effekt
von Granatapfelextrakt in Kombination mit Standardtherapie im Vergleich zu Plazebo
mit Standardtherapie evaluiert. Schlussfolgerungen sind, dass Granatapfelextrakt eingesetzt
werden kann, da es positive Effekte auf die Krankheitsaktivität und einzelne Symptome
hatte, allerdings nicht über einen Plazeboeffekt hinaus. Unerwünschte Nebenwirkungen
waren mild und moderat und nicht unterschiedlich zwischen den Gruppen [776].
Ein systematischer Review [753] identifizierte zwei nicht randomisierte Studien, die die Wirkung von Boswellia serrata
(Weihrauch-Präparat) im Vergleich zu Sulfasalazin evaluierten. Es zeigten sich für
beide Gruppen positive Effekte unter anderem hinsichtlich der Histologie und Stuhlparametern
ohne signifikante Gruppenunterschiede. Nebenwirkungen inkludierten Sodbrennen, Übelkeit,
Appetitverlust und Schmerzen im Oberbauch [777]
[778]. Boswellia serrata wird in Deutschland nur als Nahrungsergänzungsmittel angeboten
und liegt nicht als Arzneimittel vor.
Ein systematischer Review [753] identifizierte zwei qualitativ hochwertige RCTs, die die Effekte von HMPL-004 mit
Andrografis paniculata als Hauptbestandteil (Heilpflanze, auch als Kalmegh bezeichnet)
an insgesamt 344 Patienten mit Colitis ulcerosa evaluierten. Innerhalb der einen Studie
bekamen die Patienten entweder acht Wochen lang HMPL-004 oder Mesalazin [779]. Beide Präparate wirkten sich positiv auf die Krankheitsaktivität aus, die Nebenwirkungen
waren allerdings in der Mesalazingruppe erhöht. Innerhalb der zweiten Studie wurden
über einen Zeitraum von 8 Wochen zwei Dosierungen (1200 mg und 1800 mg) von HMPL-004
in Kombination mit Mesalamin und Plazebo in Kombination mit Mesalamin gegeben und
miteinander verglichen [780]. Nach acht Wochen zeigte sich eine Überlegenheit der höheren Dosierung von HMPL-004
gegenüber Plazebo hinsichtlich klinischen Ansprechens auf die Medikation und Heilung
der Schleimhaut, nicht jedoch hinsichtlich der klinischen Remission. HMPL-004 liegt
in Deutschland nicht als Arzneimittel vor.
Ein RCT, der die Wirkung von Weizengrassaft im Vergleich zu Plazebosaft an 24 Patienten
mit Colitis ulcerosa testete, zeigte, dass die Patienten der Experimentalgruppe nach
vier Wochen eine signifikant geringere Krankheitsaktivität, weniger rektale Blutungen
und weniger abdominelle Schmerzen hatten [781]. Es traten keine ernsthaften Nebenwirkungen auf.
Ein systematischer Review zu komplementären und alternativen Verfahren zur Behandlung
von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen [753] identifizierte einen RCT, der die Wirkung von Nachtkerzenöl an 43 Patienten mit
Colitis ulcerosa im Vergleich zu Oliven- und Omega-3-Öl evaluierte [782]. Eine Überlegenheit für das Nachtkerzenöl zeigte sich lediglich hinsichtlich der
Stuhlkonsistenz. Unerwünschte Nebenwirkungen wurden nicht erhoben.
In einer prospektiven, randomisierten, doppelblinden, plazebokontrollierten Studie
wurden 100 ml Aloe-vera-Gel über 4 Wochen (30 Patienten mit Verum, 14 Patienten mit
Plazebo) bei leichter bis mäßiggradiger Colitis ulcerosa untersucht [783]. Aufgrund statistischer Mängel der Studie kann daraus keine Therapieempfehlung abgeleitet
werden.
Ein RCT evaluierte den Effekt von Silymarin (Extrakt aus Mariendistelfrüchten) im
Vergleich zu Plazebo an 80 Patienten [784]. Es zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede.
Ein weiterer RCT zur Wirksamkeit von Sophora (Extrakt des Japanischen Schnurbaums
als Kapsel) im Vergleich zu Mesalazin an 126 Patienten mit Colitis ulcerosa [785] ergab Hinweise darauf, dass die Therapie mit Sophora der Standardtherapie mit Mesalazin
nicht unterlegen sein könnte. Es traten keine relevanten Nebenwirkungen auf.
Eine offene Pilotstudie zeigt, dass die Einnahme eines Blaubeerpräparats, bestehend
aus getrockneten Früchten und Saftkonzentrat, einen positiven Effekt auf die Krankheitsaktivität
haben könnte [786]. Qualitativ hochwertige RCTs sind allerdings nötig, um dies zu bestätigen.
Zwei randomisierte, plazebokontrollierte klinische Studien an 141 Patienten mit aktiver
Colitis ulcerosa zeigen, dass transdermales Nikotin in der Behandlung aktiver Colitis
ulcerosa in Kombination mit Standardtherapie zusätzliche positive Effekte hat [787]
[788]. Nicht effektiv scheint es hingegen in der remissionserhaltenden Therapie oder als
alleinige Behandlungsmethode bei aktiver Colitis [789]
[790]. Allerdings führt die Gabe von transdermalem Nikotin vor allem bei lebenslangen
Nichtrauchern zu häufigen und teils schweren Nebenwirkungen.
Eine randomisiert-kontrollierte Pilotstudie verglich eine Sauerstofftherapie plus
Standardmedikation mit Standardmedikation allein an Patienten mit aktiver Colitis
ulcerosa [791]. Die Sauerstofftherapie zeigte keine signifikanten Effekte, allerdings war die Stichprobengröße
auch zu gering.
Ein Review beinhaltete ein RCT zu Colitis ulcerosa [792]. In dieser prospektiven, randomisierten, doppelblinden, plazebokontrollierten monozentrischen
Studie wurde eine Therapie mit 2500 Trichuris-suis-Eiern alle 2 Wochen über 12 Wochen
bei aktiver Colitis ulcerosa (CAI > 4) untersucht [793]. Zum Therapieende zeigte sich ein signifikanter Gruppenunterschied im Hinblick auf
den CAI zugunsten der Verumgruppe. Es zeigten sich keine schwerwiegenden Nebeneffekte.
Das Präparat ist in Deutschland als Medikament nicht zugelassen. Da eine große randomisiert-kontrollierte
Studie zur Remissionsinduktion bei Morbus Crohn negativ ausgefallen ist [794], wird der Therapieansatz derzeit nicht mehr verfolgt. Eine Empfehlung zur Therapie
mit Trichuris suis ovata (TSO) ist nicht möglich.
Abkürzungen
5-ASA:
5-Aminosalizylate
ALGK:
Arbeitsgemeinschaft gastroenterologischer Klinikärzte e. V.
ALM:
Adenomassoziierte Läsion oder Masse
ASCA:
Anti-Saccharomyces-cerevisiae-Antikörper
AWMF:
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.
AZA:
Azathioprin
BMI:
Body Mass Index
BSG:
Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit
C. difficile:
Clostridium difficile
CAM:
Complementary and alternative Medicine
CDI:
Clostridium-difficile-Infektion
CEBM:
Centre for Evidence-Based Medicine
CED:
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
CEUS:
Kontrastverstärkte Ultraschalluntersuchung
CGS:
Clinical Guideline Services
CMV:
Cytomegalievirus
CRP:
C-reaktives Protein
CsA:
Cyclosporin A
CT:
Computertomografie
CU:
Colitis ulcerosa
DALM:
Dysplasieassoziierte Läsion oder Masse
DCCV:
Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung
DEGAM:
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin
DGIM:
Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin
DELBI:
Deutsches Instrument zur methodischen Leitlinienbewertung
DGAV:
Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie
DGCH:
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie
DGEM:
Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin
DGK:
Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie
DGP:
Deutsche Gesellschaft für Pathologie
DGVS:
Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
DPGE:
Gesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie und Ernährungsmedizin
E. coli:
Escherichia coli
EBM:
Evidence-based Medicine
EBV:
Ebstein-Barr-Virus
ECCO:
European Crohn’s and Colitis Organization
EcN:
Escherichia coli Nissle
EMA:
European Medicines Agency
ESCMID:
European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases
ESPEN:
Europäische Gesellschaft für Parenterale und Enterale Ernährung
ESPGHAN:
European Society of Pediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition
FACED:
Fachangestellte für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
FICE:
Flexible Intelligent Color Enhancement
FMT:
Fäkaler Mikrobiomtransfer
GDH:
Glutamatdehydrogenase
Hb:
Hämoglobin
HBV:
Hepatitis-B-Virus
HDWLE:
Hochauflösende Weißlicht-Endoskopie
HGIEN:
Hochgradige intraepitheliale Neoplasie
HIV:
Humanes Immunschwäche-Virus
HLH:
Haemophagozytische Lymphohistiozytose
i. m.:
Intramuskulär
IAP:
Ileoanaler Pouch
IBD:
Inflammatory Bowel Disease
IBDQ:
Inflammatory Bowel Disease Questionnaire
IEN :
Intraepitheliale Neoplasien
IfSG:
Infektionsschutzgesetz
IFX:
Infliximab
IGRA:
Interferon-gamma-Release-Assay
INH:
Isoniazid
IPAA:
Ileoanale Pouchanlage
IPS:
Irritables Pouchsyndrom
KRK:
Kolorektales Karzinom
LTBI:
Latente tuberkulöse Infektion
LGIEN:
Leichtgradige intraepitheliale Neoplasie
MAS:
Makrophagen-Aktivierungssyndrom
MBSR:
Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction)
MMA:
Methyl-Malonsäure
MMX:
Multi-Matrix-System
MRT:
Magnetresonanztomographie
MTX:
Methotrexat
n:
Anzahl
NBI:
Narrow Band Imaging
NRS:
Nicht randomisierte Studien
NSAR:
Nichtsteroidale Antirheumatika
pANCA:
Perinukleäre anti-neutrophile cytoplasmatische Antikörper
PCR:
Polymerase-Kettenreaktion
PDAI:
Perianal Disease Activity Index
PEG:
Perkutane endoskopische Gastrostomie
PJP:
Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie
PMN:
Polymorphonuklear
PSC:
Primär sklerosierende Cholangitis
PTLB:
Posttraumatische Belastungsstörung
PUCAI :
Pediatric Ulcerative Colitis Activity Index
RDS:
Reizdarmsyndrom
RLD:
Raised Lesions with Dysplasia
s. c.:
Subkutan
SMX:
Sulfamethoxazol
TB:
Tuberkulose
THT:
Tuberkulinhauttest
TMP/SMX:
Trimethoprim
TNF:
Tumornekrosefaktor
TPE:
Total parenterale Ernährung
TSO:
Trichuris suis ovata
UCEIS:
Ulcerative Colitis Endoscopic Index of Severity
VZV:
Varizella-Zoster-Virus
WHO:
World Health Organisation
WLE:
Hochauflösende Weißlichtendoskopie
|
Inhaltsverzeichnis
|
Seite
|
|
1.
|
Informationen zu dieser Leitlinie
|
1088
|
|
Herausgeber
|
1088
|
|
Methodologische Exaktheit
|
1089
|
|
Externe Begutachtung und Verabschiedung
|
1092
|
|
Verbreitung und Implementierung
|
1092
|
|
Redaktioneller Hinweis
|
1092
|
|
Besonderer Hinweis
|
1093
|
|
2.
|
Diagnostik
|
1093
|
|
Klassifikation
|
1093
|
|
Krankengeschichte
|
1093
|
|
Diagnosestellung
|
1095
|
|
3.
|
Behandlung der aktiven Erkrankung und remissionserhaltende Therapie
|
1105
|
|
Allgemeine Therapieziele
|
1105
|
|
Therapie der unkomplizierten Colitis ulcerosa
|
1106
|
|
Remissionserhaltung bei primär unkomplizierter Colitis ulcerosa
|
1108
|
|
Komplizierte Verlaufsformen der Colitis ulcerosa/Schwere Colitis ulcerosa
|
1111
|
|
Colitis ulcerosa mit steroidabhängigem Verlauf
|
1116
|
|
Anwendung von Biosimilars bei Colitis ulcerosa
|
1119
|
|
Remissionserhaltung bei kompliziertem Verlauf einer Colitis ulcerosa
|
1120
|
|
4.
|
Infektiologische Probleme
|
1124
|
|
5.
|
Chirurgie
|
1131
|
|
5.1
|
Operative Verfahren
|
1131
|
|
5.2
|
Pouchitis
|
1137
|
|
6.
|
Ernährung und komplementäre Verfahren
|
1140
|
|
6.1
|
Ernährung in der Ätiologie und Prävention der Colitis ulcerosa
|
1140
|
|
6.2
|
Komplementäre Therapieverfahren
|
1143
|
|
Abkürzungen
|
1148
|
|
Literatur
|
1149
|