Aktuelle Rheumatologie 2019; 44(01): 01-02
DOI: 10.1055/a-0813-4125
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Rheuma und Trauma

Stefan Rehart
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Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Stefan Rehart
Agaplesion Markus Krankenhaus
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Wilhelm-Epstein-Straße 4
60431 Frankfurt am Main

Publication History

Publication Date:
14 February 2019 (online)

 

    Unglaublich aber wahr: Patienten mit Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises können genauso Traumata erleiden, wie „normale“ Menschen… Das erscheint deshalb so verwunderlich, weil „Rheumatiker“ durch die regelmäßige medizinische Supervision gewissermaßen gefeit zu sein haben, vor negativen Erlebnissen im Sinne von Verletzungen, die andere durchmachen. Auch erscheint es möglich, dass die Überzeugung von Betroffenen und medizinisch Betreuenden, entzündlich-systemisch Erkrankte gingen so vorsichtig mit sich um, dass Verletzung praktisch ausgeschlossen sind, einer gründlichen Revision bedarf! Aktive Teilnahme am Straßenverkehr oder gefährliche Betätigungen im Haushalt, sportliche Betätigung mit der Möglichkeit von Stürzen im höheren Lebensalter sollten bei diesen Patienten doch tabu sein… Zumindest war das die vorherrschende Meinung noch vor 2 Dekaden und fest verankerte Überzeugungen brauchen bekanntlich sehr lange, um zu verschwinden.


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    Prof. Dr. med. St. Rehart

    Die heutige Wirklichkeit aber sieht völlig anders aus: Die Patientenverbände ermutigen ihre Mitglieder zur aktiven Teilhabe an allen gesellschaftlichen Ereignissen. Eine hervorragende medikamentöse Einstellung mindert die entzündliche Erkrankungsaktivität und die Erkrankten suchen deshalb schon von ganz allein Möglichkeiten der Beteiligung an allem, was „Spaß macht“. Und sie werden zudem von allen Experten (internistische und orthopädische Rheumatologen, Orthopäden-Unfallchirurgen) zu körperlicher Betätigung ermuntert, da dies für die Knochen (Osteoporose-Prophylaxe) und für das Herz-Kreislauf-System zu empfehlen ist. Die Psychologen raten ebenfalls dazu, da die Neigung zu depressiven Episoden bei Erlebnissen in Gruppen und in Familien reduziert wird. Der Selbstwert steigt und auch die Zufriedenheit im beruflichen Umfeld, mit einer „unauffälligen“ Arbeitsleistung.

    Kurz: Der „Rheuma-Patient“ von heute gleicht in vielerlei Hinsicht einem Bürger ohne erkennbare Erkrankung! Das hat Folgen auch für die Wahrnehmung auf ärztlicher Seite! Neben der Tatsache, dass die Patienten die gesellschaftliche Teilhabe vielfach nur über eine intensive medikamentöse Intervention erleben können, führen behandlungsbedürftige Verletzungen oft nicht mehr zu Vorstellungen in medizinischen Spezial-Institutionen, sondern zu ebensolchen in Einrichtungen, die sich mit den entzündlichen Systemerkrankungen und / oder der besonderen Medikation nicht auskennen. Das kann besonders im Notfall therapeutisch sehr negative Folgen haben. In der operativen Versorgung mit geplanten Eingriffen am muskulo-skelettalen System suchen sich Patienten und Rheumatologen meist ausgewiesene Operateure, die das chirurgische Wissen um die rheumatologischen Charakteristika besitzen und in den Kontext der Handhabung der DMARDs, den Biologika und ggf. Cortison setzen und auch den Blick für die Ko-Morbiditäten haben. So erfolgt dabei eine sorgfältige und sehr spezifische prä-, intra- und postoperative Vorbereitung für Operationen. Das ist ganz anders in der Notfallsituation, mit vs. ohne denkbares zeitliches Intervall bis zu einer angezeigten chirurgischen Versorgung, zuletzt bleibt das Polytrauma zu bedenken. Schon die Lagerung bei potentiell existenter Mineralsalzgehaltminderung und bestehende Deformitäten der Patienten sind in die Planungen einzubeziehen. Eine cortisoninduzierte Minderbelastbarkeit der Haut kann bestehen. Der sachgerechte Umgang mit der speziellen -und heute sehr variablen-Medikation ist festzulegen. Ein Rezidiv der Erkrankung ist gegen eine Komplikation in der Wundheilung abzuwägen. Im Gastro-Intestinal-Trakt können rheumatisch / medikamentös induzierte Läsionen eine operative Stress-Situation intensivieren. Im Verlauf der Rheuma-Erkrankung kann sich eine Instabilität der oberen HWS im Sinne einer atlanto-axialen Instabilität eingestellt haben, mit Folgen für eine evtl. Intubation. Nicht immer können erhobene Laborparameter unter bestimmten Medikamenten zuverlässig interpretiert werden.

    Zusammenfassend ist zu konstatieren: Traumata bei Betroffenen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises sind in den Blickpunkt von Behandlern auf allen Ebenen zu stellen. Das besondere perioperative Management der Medikation ist in entsprechenden Fortbildungs-Curricula zu vermitteln. Dabei ist die enge interdisziplinäre Kooperation der internistischen mit der orthopädischen (-unfallchirurgischen) Rheumatologie federführend.

    Des Weiteren gilt: „Rheumatiker“ haben gelegentlich Bedarf an einer chirurgischen Intervention im Bereich anderer Fachgebiete: Zahnmedizin, Frauenheilkunde, Chirurgie, u. a. Auch diese sollten mit Inhalten von / Aspekten zu Erkrankungen von „Rheumatikern“ vertraut sein…

    Wir haben mit ausgewählten Beiträgen ausgewiesener Experten auf dem jeweiligen Gebiet ein Heft zusammengestellt, das besondere Aspekte des Bereichs „Rheuma“ mit dem des Bereichs „Trauma“ kombiniert. Ich wünsche allen Lesern einen Gewinn bei der Lektüre der sorgfältig erstellen Manuskripte!

    Ihr Prof. Dr. med. St. Rehart


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    Prof. Dr. med. Stefan Rehart
    Agaplesion Markus Krankenhaus
    Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
    Wilhelm-Epstein-Straße 4
    60431 Frankfurt am Main

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