Am 16. und 17. November 2018 begrüßten die Universität zu Lübeck und die Deutsche
Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft (DGPTW) die wissenschaftlich tätigen und
an Wissenschaft interessierten Physiotherapeuten auf dem Campus der Universität zu
Lübeck ([Abb. 1]). Bei schönstem Wetter trafen sich im hohen Norden rund 300 Teilnehmende aus ganz
Deutschland, der Schweiz und Österreich. Das Symposium empfahl sich erneut als eine
ausgezeichnete Plattform, auf der sich Vertreter aller physiotherapierelevanten Forschungsbereiche
präsentieren und austauschen konnten. Die thematischen Schwerpunkte lagen in der muskuloskeletalen
und klinischen Forschung, Neurorehabilitation, Methodenforschung und der Darstellung
der Physiotherapie im Wandel.
Abb. 1 Campus der Universität zu Lübeck. (Quelle: M. Gronwald)
Der 1. Symposiumstag begann mit den Treffen der Sektionen der DGPTW. Seit deren Gründung
hat sich die Anzahl der Experten in den jeweiligen Sektionen „Öffentlichkeitsarbeit“,
„Leitlinien“, „Methoden/Beratung“, „Kongress“ und „Theorieentwicklung in der Physiotherapie“
erfreulicherweise weiter erhöht. In ungezwungenem Rahmen diskutierten die Sektionen
ihre Schwerpunkte und nahmen viele neue Ideen und Aufgaben mit ins nächste Jahr.
Im weiteren Vorprogramm des Symposiums fanden die Workshops statt, in denen wissenschaftlich
tätige Physiotherapeuten über ihre aktuellen Forschungsfelder referierten. Je nach
Interessenslage konnten die Teilnehmenden im Vorfeld 2 von insgesamt 6 Workshops auswählen.
Viele der Workshops stießen bereits im Vorfeld auf so großes Interesse, dass sie ausgebucht
waren. Die Themen deckten wieder eine weite, interessante Bandbreite ab und wurden
sowohl praxisorientiert als auch evidenzbasiert vorgestellt. Die Workshops reichten
von der Bedeutung der Outcome-Forschung in der Physiotherapie (Christian Kopkow) bis
hin zu praktischen, validen Mobilitätsmessinstrumenten bei älteren Patienten, welche
leicht in den klinischen Alltag integriert werden können (Tobias Braun). In einem
weiteren Workshop setzte sich Tibor Szikszay mit der endogenen Schmerzmodulation bei
chronischen Schmerzen und ihrem Nutzen für Physiotherapeuten auseinander. Minettchen
Herchenröder und Annett Heitling gaben ein Update zur Ganganalyse. Das Programm rundeten
die Workshops zur Erstellung von Cochrane Reviews (Bernhard Elsner) und zu Möglichkeiten
der virtuellen Realität als Intervention für die Neurorehabilitation (Nina Rohrbach)
ab.
3. Mitgliederversammlung der DGPTW
Nach einer kurzen Stärkung stand die 3. Mitgliederversammlung der DGPTW (www.dgptw.org) an ([Abb. 2]). Das Interesse an der DGPTW und ihrer Arbeit wächst erfreulicherweise seit der
1. Mitgliederversammlung in Bochum und der 2. Mitgliederversammlung in Osnabrück weiter:
rund 45 ordentliche und assoziierte Mitglieder sowie zahlreiche weitere Interessierte
erschienen zur Versammlung. Die DGPTW umfasst aktuell ca. 140 Mitglieder und hat in
den sozialen Medien auf Facebook und Twitter sowie ganz neu auch auf Instagram eine
große Community.
Abb. 2 In den Pausen bestand Gelegenheit zum Netzwerken. (Quelle: M. Gronwald)
Nach der Begrüßung durch die 5 Vorstandsmitglieder Kerstin Lüdtke, Axel Schäfer, Bernhard
Elsner, Christian Kopkow und Cordula Braun und der damit verbundenen Vorstellung der
5 Sektionen entlasteten die ordentlichen Mitglieder der DGPTW den Vorstand für das
Jahr 2017. Nach einem kurzen Bericht über die Entwicklung und den aktuellen Stand
der DGPTW stellte Axel Schäfer die Ziele, Visionen und das Leitbild der Gesellschaft
stellvertretend für den gesamten Vorstand vor [1]. Die DGPTW begreift sich als eine unabhängige wissenschaftliche Fachgesellschaft,
deren Ziele in der Förderung von Wissenschaft und Forschung in der Physiotherapie
sowie in der Verknüpfung dieser Wissenschaft und Forschung mit der Lehre und Versorgung
liegen.
Keynote-Vortrag über die Herausforderungen evidenzbasierter Gesundheitsforschung
Nach der Eröffnung des Symposiums durch die 1. Vorsitzende Kerstin Lüdtke begann das
wissenschaftliche Programm mit einem herausragenden Keynote-Redner: Für die DGPTW
war es eine besondere Ehre, dass sie Prof. Dr. Gerd Antes (z. Zt. Center for Advanced
Studies, CAS, der LMU München) für die Eröffnungs-Keynote gewinnen konnte. Prof.
Antes ist den meisten durch seinen herausragenden Einsatz für die evidenzbasierte
Medizin und ihrer Umsetzung und Verbreitung in Deutschland sowie in seiner Rolle als
Gründer und langjähriger Direktor von Cochrane Deutschland in Freiburg bekannt. In
seinem Vortrag erläuterte er unter anderem eindrücklich und anschaulich die großen,
auch international viel diskutierten Probleme bei der Generierung, Disseminierung
und Implementierung von wissenschaftlicher Evidenz und die sich daraus ergebenden
Herausforderungen für die Evidenzbasierung und evidenzbasierte Gesundheitsversorgung,
denen sich auch die Physiotherapie stellen muss. Ein in Teilen sehr ernüchternder
und nachdenklich stimmender, aber für die Weiterentwicklung der Physiotherapie(-wissenschaft)
umso wichtigerer Einblick. Viel Anerkennung zollte Prof. Dr. Antes dem großen Engagement
deutscher Physiotherapeuten für die Disseminierung von (Cochrane-)Evidenz im deutschsprachigen
Raum, für das er die Physiotherapie in Deutschland in einer Pionier- und Vorzeigerrolle
sieht. Er ermutigte ausdrücklich zum „Weitermachen“ auf dem bisher eingeschlagenen
Weg.
Mit diesem eindrücklichen Plädoyer ging es sichtlich bewegt in die Abendveranstaltung
im „The Newport“ über. Bei einem tollen, lokal-kulinarischen Büffet und Wein aus der
hauseigenen Winzerei wurde noch lange über die Erlebnisse und Eindrücke des Tages
diskutiert.
Placebo- und Noceboeffekte gezielt einsetzen
Viel Zeit zur Besichtigung der schönen Hansestadt Lübeck blieb auch am nächsten Tag
nicht. Schon früh begrüßten der Initiator des Studiengangs Physiotherapie an der Universität
zu Lübeck Prof. Dr. Arndt-Peter Schulz und Studiengangsleiterin Prof. Dr. Kerstin
Lüdtke die Anwesenden und hießen den 2. Keynote-Redner Dr. Björn Horing vom Institut
für systemische Neurowissenschaften am UKE in Hamburg herzlich willkommen. Dr. Horing
gab einen Einblick in die Placeboforschung und deren Erkenntnisse, Möglichkeiten und
Grenzen in der Grundlagenforschung und im klinischen Alltag. Mit viel rhetorischer
Stilsicherheit führte er die Teilnehmenden durch die Geschichte der Placeboforschung
bis hin zu deren aktuellen Erkenntnissen. Das vielleicht für manche trocken erscheinende
Thema präsentierte er mithilfe sehr vieler praxisrelevanter Beispiele sehr anschaulich.
Anhand zahlreicher Studienergebnisse empfahl er den Physiotherapeuten, die Placeboeffekte
als Teil ihrer Behandlung anzusehen und Patienten über Placebo- und Noceboeffekte
so zu informieren, dass Behandlungseffekte maximiert und Nebenwirkungen minimiert
werden können. Hierzu verwies er auf eine gute, empathisch-vertrauensvolle Kommunikation,
die bereits in der Ausbildung erlernt werden sollte.
Die folgenden wissenschaftlichen Vorträge waren in die Bereiche „Becken und untere
Extremität“, „Physiotherapie im Wandel“, „Wirbelsäule“ und „Parkinson, Schlaganfall
und Querschnitt“ eingeteilt und fanden zum Teil parallel in 2 Vortragssälen statt.
Dabei war zu beobachten, dass die Vorträge von Bachelor- und Master-Absolventen problemlos
neben den Vorträgen von langjährig tätigen Akademikern bestehen konnten.
Im Anschluss vergab die DGPTW 3 von den Teilnehmenden ausgewählte Vortragspreise.
Den 1. Preis erhielt Gesine Seeber für den Vortrag: „The Effects of Posterior Tibial
Mobilization on Meniscal Movement: An In-Situ Investigation“, den 2. Preis Katja Ehrenbrusthoff
für den Vortrag „Förderfaktoren und Barrieren in der Umsetzung von evidenzbasierter
Praxis in der Physiotherapie in Deutschland – vorläufige Ergebnisse einer deutschlandweiten
Online-Befragung“ und der 3. Preis ging an Pauline Kuithan für den Vortrag: „Patienten
mit Kreuzschmerzen erreichen keine bewegungsinduzierte Hypoalgesie durch eine wiederholte
Hebeübung“.
Einen weiteren Preis gab es für das beste Poster. Zum 1. Mal fanden auf der hervorragend
bestückten Posterausstellung geführte Posterpräsentationen statt. Der diesjährige,
vom Thieme-Verlag vergebene Preis (Buchgutschein über 150 Euro) ging an Sarah Klamroth
für ihr Posters „Individuelle Therapieeffekte: Analyse interindividueller Unterschiede
in der Anpassung der Gleichgewichtsfähigkeit nach Laufbandtherapie bei Parkinsonpatienten“.
Insgesamt waren durch ein Peer-Review-Verfahren 50 Poster und 13 Vorträge ausgewählt
worden.
An dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch an alle Gewinnerinnen und vielen
Dank an alle Beitragenden für ihre qualitativ hochwertige wissenschaftliche Leistung
sowie die überaus positive Atmosphäre auf dem Forschungssymposium in Lübeck.
An den steigenden Teilnehmerzahlen, den vielen eingereichten Abstracts und den positiven
Rückmeldungen werden der Stellenwert und die Wichtigkeit eines Forschungssymposiums
in der Physiotherapie immer mehr erkennbar. Mit der DGPTW als unabhängige wissenschaftliche
Fachgesellschaft erscheint es wichtiger denn je, die junge und hoch motivierte Forschungslandschaft
der Physiotherapie in Deutschland zu stärken. In gespannter Vorfreude erwarten wir
daher das nächste FSPT, das am 22. und 23. November 2019 an der Hochschule für angewandte
Wissenschaft und Kunst in Hildesheim stattfindet. Informationen zum Programm gibt es
bereits unter www.dgptw.org/forschungssymposium-2019-ankuendigung.
Die DGPTW dankt allen Personen, welche für den reibungslosen Ablauf und die großartige
Verpflegung auf dem Symposium 2018 sorgten.
Über ihre Aktivitäten berichtet die DGPTW regelmäßig über ihre Social-Media-Kanäle
auf Facebook, Instagram und Twitter.