Schlüsselwörter
Deszensusoperationen - Inkontinenzoperationen - urogynäkologische Operationen - Descensus
genitalis - ältere Patientin
Einleitung
Funktionelle Störungen des Beckenbodens in Form von Deszensus und Harninkontinenz
sind in der weiblichen Bevölkerung weit verbreitet [1]. Nach aktuellen Daten beträgt das mittlere Lebenszeitrisiko einer Frau, eine therapiewürdige
Harninkontinenz zu erleiden, 13,6%. Der Altergipfel liegt dabei bei 71 – 72 Jahren.
Das mittlere Risiko, einen therapiewürdigen Deszensus zu erleiden, liegt bei 12,6%
mit einem ansteigenden altersspezifischen Risiko bis zum Alter von 75 Jahren [2].
Deszensus und Harninkontinenz im Alter sind neben einer erheblichen Einschränkung
der Lebensqualität häufig mit verschiedensten medizinischen, sozialen und ökonomischen
Problemen und Einschränkungen assoziiert, die sogar den mentalen Zustand der Betroffenen
nachteilig beeinflussen können [3], [4].
In Deutschland stellt die Harninkontinenz nach der Immobilität die zweitwichtigste
Ursache für häusliche Krankenpflege dar; bis zu 50% der Einweisungen in Altenheime
sind direkt oder indirekt durch Inkontinenz verursacht, und ca. 25% der täglichen
Dienstzeit des dort arbeitenden Pflegepersonals wird von der Inkontinenzversorgung
in Anspruch genommen [5], [6], [7]. Perspektivisch besteht Grund zur Annahme, dass diese Entwicklung aufgrund der zu
erwartenden weiter steigenden Lebenserwartung noch zunehmen wird, denn statistische
Daten zeigen den globalen demografischen Trend zur Langlebigkeit [5], [8]. Die höhere Lebenserwartung von Frauen führt im Alter dabei zu einer Verschiebung
des Geschlechterverhältnisses zugunsten der Frauen und somit auch zu einem steigenden
Behandlungsbedarf für Erkrankungen des urogynäkologischen Formenkreises [9].
Obwohl eine konservative Behandlung des Deszensus wie auch der Inkontinenz häufig
nicht ausreichend ist, wird den älteren Betroffenen der Zugang zu operativen Maßnahmen
oft alleine aufgrund des Alters und der eventuell zu befürchtenden operativen Komplikationen
verwehrt [10]. Neben dieser Zurückhaltung bei der operativen Indikationsstellung besteht Ungewissheit
hinsichtlich des zu erwartenden anatomischen und funktionellen Therapieerfolgs bei
älteren Patientinnen im Vergleich zu jüngeren. Dies gilt insbesondere auch für das
zu erwartende Outcome in Bezug auf die Blasenfunktion nach Durchführung einer Deszensusoperation.
Die Zahl der bisher veröffentlichten Arbeiten zu diesem Thema ist zum einen gering,
zum anderen sind die Ergebnisse teilweise widersprüchlich und die Vergleichbarkeit
ist aufgrund unterschiedlicher Methodik nur unzureichend gegeben [11], [12].
Aus diesem Grunde ist das Ziel dieser Arbeit, sowohl den anatomischen Erfolg nach
Deszensusoperationen als auch das funktionelle Outcome nach Inkontinenzoperationen
bei der Behandlung von Belastungsinkontinenz bei älteren Patientinnen mit dem jüngerer
Patientinnen zu vergleichen.
Material und Methoden
In dieser retrospektiven Studie wurden die Daten aller urogynäkologischen Patientinnen
erfasst, die aufgrund eines symptomatischen Descensus genitalis (POP-Q ≥ II, B–W ≥ 2),
einer reinen Belastungsinkontinenz oder dem simultanen Auftreten beider Krankheitsbilder
an der Frauenklinik der Universität des Saarlandes eine operative Behandlung erhalten
hatten. Grundsätzlich wurde die Belastungsinkontinenz mittels Urodynamik und Bonney-Test
diagnostiziert und genauer beurteilt. Bei grenzwertigen Befunden wurde zusätzlich
ein Pad-Test durchgeführt. Einziges Einschlusskriterium war dabei die Durchführung
einer operativen Behandlung aus oben genannter Indikation; ausgeschlossen wurden Patientinnen
mit einer Misch-Harninkontinenz. Die Patientendaten wurden konsekutiv erhoben.
Patientenkollektiv
Ausgewertet wurden alle Daten im Zeitraum von Juli 2012 bis Ende Dezember 2014. Damit
beträgt der Studienzeitraum 2 ½ Jahre. Mit Abschluss des Erfassungszeitraums zum 30.06.2015
beträgt das postoperative Follow-up, bei dem das operative Outcome erhoben und bewertet
wurde, zwischen 3 und 6 Monaten.
Die Altersgrenze zur Unterscheidung von jüngeren und älteren Patientinnen lag dabei
bei 70. Im Untersuchungszeitraum wurden insgesamt 407 Patientinnen operativ behandelt,
darunter 278 < 70-Jährige und 129 ≥ 70-Jährige.
Durchgeführte Eingriffe
Bei den Patientinnen, die einen Leidensdruck durch ein kombiniertes Krankheitsbild
eines symptomatischen Deszensus und einer begleitenden Belastungsinkontinenz aufwiesen,
empfahlen wir in der Regel ein zweizeitiges Vorgehen. Hierbei wurde zunächst der Deszensus
operativ behoben und die Belastungsinkontinenz im Anschluss erneut eruiert und falls
notwendig durch eine Inkontinenzoperation behandelt. In ausgewählten Fällen, z. B.
bei sehr hohem Leidensdruck oder bei entsprechendem Patientenwunsch, wurde gelegentlich
auch ein einzeitiges Vorgehen gewählt, d. h. die Inkontinenzoperation mit der Deszensusoperation
kombiniert.
Zur Beurteilung des Outcomes wurden in dieser Studie 3 Behandlungsgruppen definiert:
Patientinnen, die eine Deszensusoperation, eine Inkontinenzoperation oder eine Kombination
beider Operationsmethoden erhielten. Hierbei wurden die Daten zwischen beiden Altersgruppen,
den jüngeren (< 70 Jahre) und älteren (≥ 70 Jahre) Patientinnen verglichen.
Erfassung und Auswertung der Daten
Die Quantifizierung des Deszensus erfolgte immer nach dem „Baden–Walker half-way-system
(B – W)“, zusätzlich wurde durch den Leiter der urogynäkologischen Sektion die Quantifizierung
nach dem „Pelvic Organ Prolapse Quantification System (POP-Q)“ vorgenommen. Ziel dieser
Studie war es, den Therapieerfolg nach Deszensusoperation angelehnt an die Kriterien
der „International Continence Society (ICS)“ als POP-Q ≤ I zu definieren.
Die Daten wurden sowohl der digitalisierten ambulanten als auch der stationären Dokumentation
entnommen. Details zu den angewendeten Verfahren, dem intraoperativen Verlauf und
möglichen Komplikationen wurden den OP-Berichten entnommen. Die ASA-Klassifikation
der Patientinnen war in dem Protokoll der Anästhesie dokumentiert. Den stationären
Aufenthalt definierten wir als die Dauer vom 1. postoperativen Tag bis einschließlich
dem Tag der Entlassung.
Das operative Outcome entstammt dem postoperativen Untersuchungsbefund, der im Rahmen
des stationären Aufenthalts vor Entlassung erhoben wurde. In dieser Abschlussuntersuchung
wurden zusätzlich eine sonografische Restharnmessung vorgenommen und die Kontinenz
gezielt abgefragt. Alle Patientinnen wurden gebeten, sich 3 Monate postoperativ zum
Follow-up in der urogynäkologischen Sprechstunde vorzustellen, um das Auftreten von
frühen Rezidiven oder postoperativen Komplikationen zu dokumentieren.
Ferner wurde im Rahmen des postoperativen Follow-ups das eventuelle Auftreten einer
larvierten Belastungsinkontinenz nach Deszensus-OP beurteilt, bzw. das Outcome einer
präexistenten Belastungsinkontinenz eruiert.
Die statistische Auswertung erfolgte mit IBM SPSS Version 22. Für stetige Variablen
wurde, sofern annähernd normal verteilt, der t-Test, bei nicht annähernder Normalverteilung
der Daten der Mann-Whitney-U-Test durchgeführt. Deskriptive Statistiken für normalverteilte
Daten wurden als Mittelwert und Standardabweichung angegeben, nicht normalverteilte
als Median und Interquartilsabstand (IQR). Gruppenunterschiede bei kategorialen Variablen
wurden mithilfe des χ2-Tests ausgewertet. Lag hierbei für mindestens ein Feld die erwartete Häufigkeit bei
< 5, wurde der exakte Test von Fisher verwendet. Für die Verteilung der kategorialen
Variablen wurden die absolute Anzahl sowie der prozentuale Anteil angegeben.
Ergebnisse
Charakteristika des Patientenkollektivs
Insgesamt wurden im Untersuchungszeitraum 407 urogynäkologische Operationen ausgewertet.
Hierbei fielen 278 (68,3%) Patientinnen in die Gruppe der jüngeren und 129 (31,7%)
in die der älteren (≥ 70-jährigen). Das mittlere Alter in den beiden Gruppen war 55,60 ± 8,94
bzw. 75,41 ± 4,05 Jahre.
Stellvertretend für die Erhebung der präoperativen Komorbidität wurde der ASA-Score
herangezogen. Insgesamt wurden signifikant mehr jüngere Patientinnen als ASA-I (11,2
vs. 0,8%; p = 0,001) oder ASA-II (77,3 vs. 60,9%; p = 0,003) eingestuft und seltener
als ASA-III (11,5 vs. 37,5%; p < 0,001). Daneben wurden auch die Daten zur detaillierten
geburtshilflichen und hormonellen Anamnese erhoben ([Tab. 1]).
Tab. 1 Allgemeine Patientendaten.
|
Altersgruppe
|
< 70 Jahre
|
≥ 70 Jahre
|
p-Wert
|
|
Parameter
|
|
[n]
|
|
[n]
|
|
VE = Vakuumentbindung; NG = Neugeborenengewicht; PMP = Postmenopause; HET = Hormonersatztherapie
[n] = Bezugsdatenzahl; Angaben: Mittelwert ± Standardabweichung, Median [IQR] oder
Anzahl (%).
t = t-Test; m = Mann-Whitney-U; c = χ2; f = exakter Test nach Fisher; p-Wert adjustiert in „fdr“.
|
|
Alter
|
55,60 ± 8,94
|
[278]
|
75,41 ± 4,05
|
[129]
|
|
|
BMI
|
27,20 ± 4,72
|
[278]
|
26,97 ± 4,05
|
[129]
|
0,658t
|
|
ASA-Score
|
|
[278]
|
|
[128]
|
|
|
|
31 (11,2)
|
|
1 (0,8)
|
|
0,001c
|
|
|
215 (77,3)
|
|
78 (60,9)
|
|
0,003c
|
|
|
32 (11,5)
|
|
48 (37,5)
|
|
< 0,001c
|
|
|
0 (0,0)
|
|
1 (0,8)
|
|
0,401f
|
|
Geburtenzahl
|
2 [1 – 2]
|
[277]
|
2 [2 – 3]
|
[125]
|
0,032m
|
|
Geburtsmodus
|
|
|
|
|
|
|
|
2 [1 – 2]
|
[277]
|
2 [2 – 3]
|
[125]
|
0,005m
|
|
|
0 [0 – 0]
|
[277]
|
0 [0 – 0]
|
[125]
|
0,006m
|
|
|
0 [0 – 0]
|
[277]
|
0 [0 – 0]
|
[125]
|
0,098m
|
|
NG ≥ 4000 g
|
0 [0 – 0]
|
[277]
|
0 [0 – 0]
|
[125]
|
0,628m
|
|
NG ≥ 4500 g
|
0 [0 – 0]
|
[277]
|
0 [0 – 0]
|
[125]
|
0,717m
|
|
Multipara (≥ 3)
|
68 (24,5)
|
[277]
|
46 (36,8)
|
[125]
|
0,029c
|
|
Jahre seit PMP
|
6,74 ± 6,88
|
[196]
|
24,36 ± 6,57
|
[74]
|
< 0,001t
|
|
HET aktuell
|
33 (16,1)
|
[205]
|
10 (8)
|
[125]
|
0,066c
|
Operative Vorgeschichte der Patientinnen
Insgesamt hatten 14,7% der jüngeren und 26,4% der älteren Patientinnen mindestens
eine vorausgegangene Deszensusoperation im vorderen Kompartiment erhalten (p = 0,026).
Der häufigste vorausgegangene Eingriff in beiden Altersgruppen war die Kolporrhaphia
anterior. Das Einsetzen eines vorderen vaginalen Netzes war anamnestisch bei den älteren
Patientinnen häufiger vorzufinden (2,2 vs. 4,7%).
7,2% der jüngeren und 12,4% der älteren Patientinnen (p = 0,142) berichteten von mindestens
einer vorausgegangenen Deszensusoperation im mittleren Kompartiment. In Bezug auf
Unterschiede bei vorausgegangenen Eingriffen im hinteren Kompartiment konnte trotz
eines höheren Vorkommens bei älteren gegenüber jüngeren Patientinnen (15,5 vs. 8,3%)
keine statistische Signifikanz festgestellt werden.
Eine operative Behandlung der Belastungsinkontinenz war dagegen nur bei 7,2% der jüngeren
und 6,2% der älteren Patientinnen im Vorfeld der Studie durchgeführt worden (p = 0,887).
Der Anteil von Patientinnen mit einer Hysterektomie in der Vorgeschichte war mit 48,8%
signifikant höher in der älteren Patientengruppe im Vergleich mit der jüngeren Gruppe
(34,2% [p = 0,002]). Der häufigste operative Zugangsweg in beiden Gruppen war dabei
der vaginale ([Tab. 2]).
Tab. 2 Operative Vorgeschichte.
|
Altersgruppe
|
< 70 Jahre
|
≥ 70 Jahre
|
p-Wert
|
|
[n = 278]
|
[n = 129]
|
|
* offene und laparoskopische Kolposuspensionen; ** Marshall-Marchetti-Krantz; LASH = laparoskopische
suprazervikale Hysterektomie; TLH = totale laparoskopische Hysterektomie; n = Bezugsdatenzahl;
Angaben in Anzahl und (%).
c = χ2; f = exakter Test nach Fisher; p-Werte adjustiert mittels „fdr“.
|
|
Inkontinenz-Voroperationen
|
|
|
14 (5)
|
3 (2,4)
|
|
|
|
6 (2,2)
|
3 (2,3)
|
|
|
|
0 (0,0)
|
2 (1,6)
|
|
|
|
20 (7,2)
|
8 (6,2)
|
0,887c
|
|
|
0 (0,0)
|
2 (1,6)
|
0,142f
|
|
Deszensus-Voroperationen
|
|
im vorderen Kompartiment
|
|
|
6 (2,2)
|
6 (4,7)
|
|
|
|
32 (11,5)
|
26 (20,2)
|
|
|
|
3 (1,1)
|
2 (1,6)
|
|
|
|
41 (14,7)
|
34 (26,4)
|
0,026c
|
|
|
6 (2,2)
|
4 (3,1)
|
0,829f
|
|
im mittleren Kompartiment
|
|
|
11 (4,0)
|
6 (4,7)
|
|
|
|
8 (2,9)
|
10 (7,8)
|
|
|
|
1 (0,4)
|
0 (0,0)
|
|
|
|
20 (7,2)
|
16 (12,4)
|
0,142c
|
|
|
2 (0,7)
|
0 (0,0)
|
1f
|
|
Im hinteren Kompartiment
|
|
|
5 (1,8)
|
4 (3,1)
|
|
|
|
17 (6,1)
|
14 (10,9)
|
|
|
|
1 (0,4)
|
2 (1,6)
|
|
|
|
23 (8,3)
|
20 (15,5)
|
0,104c
|
|
|
2 (0,7)
|
4 (3,1)
|
0,141f
|
|
vorausgegangene Hysterektomie
|
|
|
59 (21,2)
|
38 (29,5)
|
|
|
|
22 (7,9)
|
23 (17,8)
|
|
|
|
9 (3,2%)
|
2 (1,6%)
|
|
|
|
5 (1,8)
|
0 (0,0)
|
|
|
|
95 (34,2)
|
63 (48,8)
|
0,002c
|
Präoperativer Befund des Deszensus
Die am häufigsten diagnostizierte Form des Deszensus lag im Bereich des vorderen und
des mittleren Kompartiments. Die Verteilung des Deszensus auf die verschiedenen Kompartimente
fiel dabei unabhängig von der Altersgruppe gleich aus.
Im Gegensatz dazu unterschied sich jedoch der Schweregrad des Deszensus im vorderen
und mittleren Kompartiment statistisch signifikant bei den Jüngeren im Vergleich zur
Gruppe der Älteren. Die Senkung im vorderen Kompartiment entsprach bei 15,6% der jüngeren
und 28,8% der älteren Frauen einem Grad 4 nach Baden Walker (p = 0,033). Ein Deszensus
Grad 4 im mittleren Kompartiment war bei 5,7% der Jüngeren und 23,7% der Älteren vorzufinden
(p < 0,001) ([Tab. 3]).
Tab. 3 Präoperativer Befund bei Deszensus.
|
Parameter
|
gesamt
|
n
|
|
|
|
|
|
n = Anzahl und (%); c = χ2; f = exakter Test nach Fisher; p-Werte adjustiert mittels „fdr“.
|
|
nach Baden Walker
|
|
|
|
1
|
2
|
3
|
4
|
|
vorderes Kompartiment
|
|
|
[192]
|
160 (83,3)
|
32 (16,7)
|
59 (30,7)
|
39 (20,3)
|
30 (15,6)
|
|
|
[118]
|
101 (85,6)
|
12 (10,2)
|
26 (22,0)
|
29 (24,6)
|
34 (28,8)
|
|
|
|
|
0,264c
|
0,264c
|
0,638c
|
0,033c
|
|
mittleres Kompartiment
|
|
|
[192]
|
153 (79,7)
|
35 (18,2)
|
63 (32,8)
|
44 (22,9)
|
11 (5,7)
|
|
|
[118]
|
93 (78,8)
|
12 (10,2)
|
28 (23,7)
|
25 (21,2)
|
28 (23,7)
|
|
|
|
|
0,230c
|
0,256c
|
0,959c
|
< 0,001c
|
|
hinteres Kompartiment
|
|
|
[192]
|
109 (56,8)
|
52 (27,1)
|
34 (17,7)
|
16 (8,3)
|
7 (3,6)
|
|
|
[118]
|
68 (57,6)
|
29 (24,6)
|
20 (16,9)
|
10 (8,5)
|
9 (7,6)
|
|
|
|
|
0,920c
|
1c
|
1c
|
0,328c
|
|
nach POP-Q-Stage nach ICU
|
|
|
I
|
II
|
III
|
IV
|
|
|
[87]
|
87 (100)
|
1 (1,1)
|
30 (34,5)
|
51 (58,6)
|
5 (5,7)
|
|
|
[54]
|
54 (100)
|
11 (1,9)
|
7 (13,0)
|
35 (64,8)
|
10 (18,5)
|
|
|
|
|
1f
|
0,033c
|
0,703c
|
0,095c
|
In Abhängigkeit vom Untersucher wurde eine zusätzliche Quantifizierung des Deszensus
nach POP-Q vorgenommen. Diese lag bei 45,3% der jüngeren und bei 45,8% der älteren
Patientinnen zur Auswertung vor. Der Vergleich der einzelnen Stadien zwischen beiden
Altersgruppen kann dabei ebenfalls [Tab. 3] entnommen werden.
Angewandte Operationsverfahren
Jüngere Patientinnen stellten sich häufiger mit einer therapiewürdigen Belastungsinkontinenz
vor, während die älteren Patientinnen sich häufiger mit einem therapiewürdigen Deszensus
präsentierten. So erhielten 30,9% den jüngeren und lediglich 8,5% den älteren Patientinnen
eine Inkontinenzoperation (p < 0,001). Hingegen erhielten 60,1% der < 70-Jährigen
und sogar 85,3% der ≥ 70-Jährigen eine Deszensusoperation (p < 0,001).
Hinsichtlich der Wahl des Verfahrens war die am häufigsten angewandte Methode zur
Behandlung der Belastungsinkontinenz in beiden Gruppen die Einlage eines suburethralen
Bandes (76,7 und 90,9%).
Signifikante Unterschiede waren hingegen in der Wahl der Deszensusoperation zwischen
beiden Altersgruppen zu erkennen. So erfolgte eine vaginale Netzeinlage seltener bei
den jüngeren Patientinnen im Vergleich zu den älteren (19,8 vs. 42,7%; p < 0,001).
In beiden Gruppen war dabei das vordere Netz die häufigste Form.
Die laparoskopische Sakropexie hingegen wurde signifikant häufiger bei den jüngeren
Patinnen durchgeführt (40,1 vs. 24,5%; p = 0,016). Die häufigste Form der durchgeführten
Sakropexie war die Zervikosakropexie.
Hinsichtlich durchgeführter Eingriffe mittels Eigengewebe, sowie bezüglich der Durchführung
von begleitenden Eingriffen, konnte zwischen beiden Gruppen kein statistisch signifikanter
Unterschied festgestellt werden ([Tab. 4]).
Tab. 4 Die angewandten Operationsverfahren.
|
Operationsverfahren
|
< 70
|
≥ 70
|
p-Wert
|
|
n = Anzahl; Angaben in n = Anzahl und (%); Prozentangaben beziehen sich auf die jeweils
nächst übergeordnete Kategorie
* Prozentzahl bezieht sich auf gesamte Altersgruppe; ** Prozentzahl bezieht sich auf
Deszensusoperationen
TVT = Tension free vaginal tape; TVT-O = transobturatorisches TVT; LSK = laparoskopisch;
p-Werte adjustiert mittels „fdr“.
statistische Testverfahren: c = χ2; p-Werte adjustiert mittels „fdr“.
|
|
alle Verfahren
|
n = 278
|
n = 129
|
|
|
Inkontinenzoperationen
|
86 (30,9)*
|
11 (8,5)*
|
< 0,001c
|
|
|
79 (91,9)
|
11 (100)
|
|
|
7 (8,1)
|
0 (0,0)
|
|
Deszensusoperationen
|
167 (60,1)*
|
110 (85,3)*
|
< 0,001c
|
|
vaginale Netze
|
33 (19,8)
|
47 (42,7)
|
< 0,001c
|
|
|
17 (51,5)
|
23 (48,9)
|
|
|
6 (18,2)
|
5 (10,6)
|
|
|
10 (30,3)
|
19 (40,4)
|
|
LSK Sakropexie
|
67 (40,1)
|
27 (24,5)
|
0,016c
|
|
|
16 (23,9)
|
11 (40,7)
|
|
|
43 (64,2)
|
13 (48,1)
|
|
|
8 (11,9)
|
3 (11,1)
|
|
Korrektur durch Eigengewebe
|
67 (40,1)
|
36 (32,7)
|
0,354c
|
|
|
31 (46,3)
|
18 (49,9)
|
|
|
14 (20,9)
|
13 (36,1)
|
|
|
22 (32,8)
|
5 (13,9)
|
|
kombinierte Deszensus- und Inkontinenzoperationen
|
25 (9,0)*
|
8 (6,2)*
|
0,509c
|
|
|
4 (16,0)
|
3 (37,5)
|
|
|
9 (36,0)
|
5 (62,5)
|
|
|
3 (12,0)
|
0 (0,0)
|
|
|
7 (28,0)
|
0 (0,0)
|
|
|
2 (8,0)
|
0 (0,0)
|
|
begleitende Eingriffe
|
140 (50,4)
|
60 (46,5)
|
0,523c
|
Der Anteil der Patientinnen, die einen kombinierten Eingriff erhielten, betrug 9,0%
der < 70-Jährigen und 6,2% der ≥ 70-Jährigen. Am häufigsten wurde in beiden Altersgruppen
eine Kolporrhaphie mit einer Form des suburethralen Bandes kombiniert, gefolgt von
der einzeitigen Durchführung einer laparoskopischen Sakropexie und der Kolposuspension
nach Burch ([Tab. 4]).
Perioperative Daten
Die durchschnittliche Operationsdauer betrug bei den jüngeren Patientinnen 91,06 ± 65,57 Minuten
und bei den älteren 96,64 ± 64,35 Minuten (p = 0,643). Im Vergleich zwischen beiden
Altersgruppen betrug die Operationsdauer der Deszensusoperationen jeweils 109,32 ± 59,75
und 101,24 ± 60,93 Minuten (p = 0,643) und die der Inkontinenzoperationen 39,84 ± 35,09
und 33,09 ± 21,05 Minuten.
Der postoperative Hb-Abfall betrug in der jüngeren Gruppe 1,13 ± 0,77 g/dl und in
der älteren 1,24 ± 0,89 g/dl (p = 0,343). Somit unterschieden sich weder die Operationsdauer
noch der Hb-Abfall signifikant.
Im Gegensatz dazu war in beiden Altersgruppen die Länge des stationären Aufenthalts
unterschiedlich. Der Median lag bei jüngeren Patientinnen bei 5 [3,50 – 7,00] Tagen
und bei älteren Patientinnen bei 6 [2,25 – 8,75] Tagen (p < 0,001) ([Tab. 5]).
Tab. 5 Perioperative Patientendaten.
|
Altersgruppe
|
< 70 Jahre
|
≥ 70 Jahre
|
p-Wert
|
|
Parameter
|
|
[n]
|
|
[n]
|
|
[n] = Bezugsdatenzahl; min = Minuten; IK = Inkontinenz
Angaben in Mittelwert ± Standardabweichung, Median und [IQR]
t = t-Test; m = Mann-Whitney-U; p-Werte adjustiert mittels „fdr“
|
|
OP-Dauer (min)
|
|
|
|
|
|
|
|
91,06 ± 65,57
|
[278]
|
96,64 ± 64,35
|
[129]
|
0,643t
|
|
|
109,32 ± 59,75
|
[167]
|
101,24 ± 60,93
|
[110]
|
0,643t
|
|
|
39,84 ± 35,09
|
[86]
|
33,09 ± 21,05
|
[11]
|
0,634t
|
|
|
140 [67,5 – 219,5]
|
[25]
|
60,50 [40,8 – 233,8]
|
[8]
|
0,643m
|
|
Hb-Abfall (g/dl)
|
1,13 ± 0,77
|
[247]
|
1,24 ± 0,89
|
[125]
|
0,343t
|
|
stat. Aufenthalt (d)
|
5 [3,5 – 7,0]
|
[278]
|
6 [2,3 – 8,8]
|
[129]
|
< 0,001m
|
Erfolg nach Deszensusoperationen
Der Erfolg nach einer Deszensusoperation war in dieser Studie als POP-Q ≤ I definiert.
Zur Auswertung wurden nur die Fälle herangezogen, in denen der prä- und postoperative
Befund nach POP-Q erhoben wurde. Dies war bei 77 Patientinnen der jüngeren und 46
der älteren Gruppe der Fall. Hierbei betrug die Erfolgsquote 93,5% bei < 70-jährigen
und 84,8% bei ≥ 70-jährigen Patientinnen (p = 0,204). Auch konnte bei getrennter Beurteilung
von alleinigen Deszensusoperationen und solchen, die in Kombination mit einer Inkontinenzoperation
erfolgten, kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Altersgruppen festgestellt
werden. Die Erfolgsrate betrug bei jüngeren vs. älteren Patientinnen nach alleiniger
Deszensusoperation jeweils 93,8 und 84,1% (p = 0,204) und nach einem kombinierten
Eingriff jeweils 92,3 und 100% (p = 1).
Erfolg nach Inkontinenzoperationen
Die Erfolgsquote nach einer Inkontinenzoperation, definiert als komplette Behebung
der Inkontinenz und Herstellung der restharnfreien Miktion (Restharn < 50 ml), betrug
92,8% bei < 70-jährigen und 84,2% bei ≥ 70-jährigen Patientinnen (p = 0,261). Die
Beurteilung erfolgte im Rahmen der Entlassungsuntersuchung durch einen Hustentest
bei physiologischer Blasenfüllung und einer sonografischen Messung des Restharns nach
Miktion. Die geichen Untersuchungen wurden im Rahmen der Follow-up-Untersuchung wiederholt.
Bei getrennter Beurteilung von alleinigen Inkontinenzoperationen und solchen, die
in Kombination mit einer Deszensusoperation erfolgten, konnte kein signifikanter Unterschied
zwischen beiden Altersgruppen festgestellt werden. So lagen die Erfolgsraten von jüngeren
vs. älteren Patientinnen nach einer alleinigen Inkontinenzoperation bei jeweils 94,2
und 100% (p = 1) und nach einem kombinierten Eingriff bei jeweils 88 und 62,5% (p = 0,204).
Harnkontinenz nach alleiniger Deszensusoperation
Zur Beurteilung der Blasenfunktion nach Deszensusoperationen wurden die Daten aller
167 Patientinnen < 70 Jahren und 110 Patientinnen ≥ 70 Jahren, welche eine alleinige
Deszensusoperation erhalten hatten, analysiert. Hierbei ergab sich eine präexistente
Belastungsinkontinenz bei 27,5% der jüngeren und 27,3% der älteren Patientinnen. Nach
Durchführung der Deszensusoperation war die präexistente Belastungsinkontinenz bei
80,4% der jüngeren und 50% der älteren Gruppe behoben (p = 0,030). Umgekehrt formuliert
betrug die Persistenz der Belastungsinkontinenz 19,6% in der jüngeren und 50% in der
älteren Patientengruppe ([Tab. 6]).
Tab. 6 Postoperatives Outcome.
|
Altersgruppe
|
< 70 Jahre
|
≥ 70 Jahre
|
p-Wert
|
|
Parameter
|
|
[n]
|
|
[n]
|
|
[n] = Bezugsdatenzahl; POP = Pelvic Organ Prolapse (Deszensus); IK = Inkontinenz;
SIK = Stress-Harninkontinenz
Angaben in Anzahl (%)
Erfolg wurde definiert: nach POP-OP entspr. POP-Q ≤I bzw. Baden Walker ≤ Grad 1; Erfolg
nach SIK-OP Herstellung der Kontinenz.
c = χ2; f = exakter Test nach Fisher; p-Werte adjustiert mittels „fdr“.
|
|
Erfolg nach IK-OPs
|
103 (92,8)
|
[111]
|
16 (84,2)
|
[19]
|
0,261f
|
|
|
81 (94,2)
|
[86]
|
11 (100)
|
[11]
|
1f
|
|
|
22 (88,0)
|
[25]
|
5 (62,5)
|
[8]
|
0,204f
|
|
Erfolg nach POP-OPs
|
72 (93,5)
|
[77]
|
39 (84,8)
|
[46]
|
0,204c
|
|
|
60 (93,8)
|
[64]
|
37 (84,1)
|
[44]
|
0,204f
|
|
|
12 (92,3)
|
[13]
|
2 (100)
|
[2]
|
1f
|
|
Entwicklung der SIK nach POP-OP
|
|
[167]
|
|
[110]
|
|
|
|
37 (80,4)
|
[46]
|
15 (50)
|
[30]
|
0,030c
|
|
|
9 (19,6)
|
[46]
|
15 (50)
|
[30]
|
0,030c
|
|
|
9 (7,4)
|
[121]
|
16 (20)
|
[80]
|
0,030c
|
Auch das Auftreten einer larvierten (De-novo-)Belastungsinkontinenz war deutlich häufiger
bei älteren als bei jüngeren Patientinnen vorzufinden (7,4 vs. 20%, p = 0,030) ([Tab. 6]).
Diskussion
In der vorliegenden Arbeit wurde der Einfluss des Patientenalters auf das Outcome
vaginaler und laparoskopischer Eingriffe in der Urogynäkologie untersucht. Dabei wurde
die Tatsache näher beleuchtet, dass urogynäkologische Operationen älteren Frauen grundsätzlich
häufiger vorenthalten wurden und werden. Ferner wurde der Einfluss einer Deszensusoperation
auf die Blasenfunktion untersucht und zwischen jüngeren und älteren Patientinnen verglichen.
Hierbei zeigt sich im Rahmen dieser Untersuchungen, dass die in der Vergangenheit
oft praktizierte Zurückhaltung bei der Indikationsstellung solcher Operationen bei
den älteren Patientinnen zu überdenken ist, da diese offensichtlich ebenso wie die
jüngeren Frauen sehr profitieren können. Darüber hinaus weisen ferner die im Rahmen
dieser Studie an einer großen Patientenzahl gewonnen Ergebnisse darauf hin, dass die
Separation von Deszensus- und Inkontinenzchirurgie im Sinne eines zweizeitigen Vorgehens
grundsätzlich sinnvoll bleibt – ein einzeitiges Konzept erscheint allenfalls bei der
älteren Patientin eine alternative Therapieoption zu sein.
Die Wahl der Altersgrenze von 70 Jahren zur Unterteilung von jüngeren und älteren
Patientinnen basiert auf der in Deutschland gültigen Definition von geriatrischen
Patienten, welche zusätzlich zum Vorliegen weiterer Kriterien zur Unterscheidung eine
Altersgrenze von 70 Jahren vorsieht [13].
Die Besonderheit der hier vorgelegten Daten besteht in dem außerordentlich hohen Anteil
älterer Patientinnen im Studienkollektiv. Im Gegensatz zu den meisten anderen Arbeiten
[14], [15] zu dieser Thematik beträgt der Anteil der ≥ 70-Jährigen in dieser Arbeit 31,7%.
Da diesen älteren Patientinnen trotz eines häufig reduzierten Allgemeinzustandes das
gleiche Therapiespektrum angeboten wurde wie den jüngeren, kann mit diesen Daten eine
besonders valide Aussage zur älteren Patientengruppe getroffen werden. Das Spektrum
der prätherapeutisch vorliegenden Komorbiditäten entspricht dabei sowohl bezüglich
der ASA-Einteilung als auch im Hinblick auf den präoperativen Lokalbefund dem anderer
Arbeiten, d. h. im Untersuchungskollektiv wurden ältere Patientinnen häufiger als
ASA III klassifiziert und wiesen einen signifikant stärker ausgeprägten Deszensus
im vorderen und mittleren Kompartiment auf als jüngere [15], [16], [17], [18], [19].
Mit Blick auf die angewandten OP-Verfahren wurde auch bei älteren Patientinnen mit
Deszensus ein rekonstruktives (Kohabitation erhaltendes) Verfahren sowohl bei einem
Primär- als auch bei einem Rezidivdeszensus durchgeführt. Dies bedeutet, dass im Gegensatz
zu anderen Arbeiten [15], [19] zugunsten einer funktionellen Rekonstruktion grundsätzlich auf ein obliteratives
Vorgehen im Sinne einer Kolpokleisis verzichtet wurde. Allerdings erfolgte bei der
Wahl des netzgestützten rekonstruktiven Verfahrens bei den älteren Patientinnen häufiger
die Einlage eines vaginalen Netzes und bei den jüngeren die laparoskopische Sakropexie.
Grund dafür war, dass bei stärker ausgeprägten Formen des Deszensus und bei Rezidiven,
was in der Gruppe der ≥ 70-Jährigen häufiger vorkommt, eher die Indikation zum Einsatz
von vaginalen Netzinterponaten besteht. Darüber hinaus kann eine vaginale Netzeinlage
in Spinalanästhesie erfolgen und somit eine Vollnarkose bei sehr betagten Patientinnen
umgangen werden ([Tab. 3] und [4]).
Das am meisten angewandte Verfahren zur Therapie der Belastungsinkontinenz war für
alle Patientinnen das suburethrale Band. Die Indikation für ein retropubisches, transobturatorisches
oder adjustierbares Band war dabei alleine von den klinischen Kriterien, nicht vom
Alter abhängig. Aufgrund der deutlich höheren OP-Zeit und der Notwendigkeit einer
Vollnarkose wurde jedoch die laparoskopische Kolposuspension nur jüngeren Patientinnen
angeboten ([Tab. 4]).
Unabhängig von der Altersgruppe zeigt die Auswertung der perioperativen Daten, dass
sich wie erwartet weder die Operationsdauer noch der postoperative Hb-Abfall in beiden
Gruppen unterscheidet. Dies wird auch von anderen Autoren in dieser Weise bestätigt
[16], [18], [19], [20].
Allerdings war der stationäre Aufenthalt bei den älteren länger als bei den jüngeren
Patientinnen. Dies war jedoch meist nicht medizinisch bzw. operationsbedingt begründet,
sondern lässt sich durch die logistische Situation im familiären Umfeld begründen.
Aufgrund der unterschiedlichen Komorbiditäten und Altersdefinitionen in den publizierten
Daten ist die Literatur hierzu etwas heterogen. So berichteten einige Autoren ebenfalls
von längeren Aufenthalten bei älteren Patientinnen [14], [19], [21], andere nicht [18].
Der Kern dieser Arbeit betrifft jedoch das postoperative Outcome. So konnte gezeigt
werden, dass den ≥ 70-jährigen Patientinnen in spezialisierten urogynäkologischen
Kliniken mit hoher Expertise die gleichen operativen Verfahren angeboten werden können
wie den jüngeren und eine ähnliche Erfolgsrate zumindest kurz- und mittelfristig zu
erwarten ist. Trotz insgesamt stärker ausgeprägter präoperativer Senkungszustände
bei ≥ 70-Jährigen wurde ein vergleichbar gutes postoperatives Ergebnis wie bei jüngeren
Patientinnen erreicht. Andere Autoren kamen dabei teilweise zu einem ähnlichen Ergebnis,
jedoch bei deutlich geringen Patientenzahlen. Beispielsweise war die Erfolgsrate nach
Deszensusoperationen in einer Arbeit mit 84,4% ähnlich hoch wie in dieser Studie bei
gleicher Definition des Erfolgs als POP-Q-Stage ≤ Stage I, oder etwas höher mit 93%
bei einer weniger strikten Definition des Erfolgs als POP-Q-Stage ≤ Stage II [20], [22], [23].
Weitere aktuelle Arbeiten zum Outcome und zur Patientensicherheit nach Deszensus-
und Inkontinenzoperationen konnten analog zu unserer Arbeit zeigen, dass ein vergleichbar
gutes Ergebnis bei sehr betagten Patientinnen erzielt werden kann wie bei jüngeren
Patientinnen. Von besonderer Bedeutung dabei sind die Arbeiten, welche eine sehr hohe
Altersgrenze von 80 Jahren für den Vergleich gewählt haben [24], [25].
Für die Inkontinenzoperationen wurden ähnliche Ergebnisse beobachtet; trotz strenger
Definition des Erfolgs als komplette Wiederherstellung der Harnkontinenz und der restharnfreien
Miktion zeigte sich eine gute Erfolgsrate in beiden Gruppen ohne einen statistisch
signifikanten Unterschied in Abhängigkeit vom Alter. Unter Berücksichtigung anderer
Arbeiten deutet dies ganz klar darauf hin, die vielerorts praktizierte klinische Praxis
zu überdenken und den älteren Patientinnen eine adäquate Operation nicht vorzuenthalten
[11], [26].
Grundsätzlich ist in der Literatur unklar, ob bei bestehendem Deszensus mit begleitender
Inkontinenz die regelrechte Blasenfunktion eher durch ein einzeitiges oder durch ein
zweizeitiges operatives Konzept wiederhergestellt werden kann. Deshalb scheint keine
der beiden Vorgehensweisen grundsätzlich immer und für alle Patienten der richtige
Weg zu sein. Klar erscheint aufgrund dieser Daten jedoch, dass das Patientenalter
die Blasenfunktion nach Deszensusoperationen in direkter Weise beeinflusst. Die in
der Diskussion der Thematik häufig angeführte schlechtere Rate an Inkontinenz nach
der Prolaps-Chirurgie könnte natürlich grundsätzlich auch durch die höhere Rate an
Rezidiveingriffen in der Gruppe der Älteren bedingt sein.
Bei differenzierterer Herangehensweise müssen die Ergebnisse für die präexisistente
und die De-novo-Belastungsinkontinenz separat betrachtet werden.
Hinsichtlich präexistenter Belastungsinkontinenz zeigen die vorliegenden Daten, dass
die Inkontinenz in einem Großteil der Fälle bei jüngeren und immerhin in der Hälfte
der Fälle bei älteren Patientinnen allein durch Behandlung des Deszensus sistierte.
Daher sollte ein kombinierter Eingriff wohl überlegt sein.
Dwyer (2012) zufolge müssten 10 Frauen zeitgleich zur Deszensus-OP ein TVT bekommen,
um nur eine Patientin davor zu bewahren, 2 – 4 Jahre nach der Deszensus-OP einen Folgeeingriff
hierfür zu benötigen [27].
Ebenso trat eine De-novo-Belastungsinkontinenz deutlich häufiger bei den älteren Patientinnen
auf. Auf ein ähnliches Ergebnis weisen die Daten von Lo et al (2015) hin: Im Alter
> 66 Jahren hatten die Frauen ein 2,86-faches Risiko einer De-novo-Belastungsinkontinenz
nach Deszensusoperation im Vergleich zu jüngeren [28].
Ein gewisser Bias in der Beurteilung der Daten sei eingeräumt, da es sich bei den
durchgeführten Eingriffen natürlich grundsätzlich um elektive Operationen handelt.
Es ist daher anzunehmen, dass bei den älteren Patientinnen im Studienkollektiv eine
positive Selektion bezüglich des Allgemeinzustandes vorlag, da schwerstkranke Menschen
in der Regel nicht in der urogynäkologischen Sprechstunde vorstellig werden. Dennoch
zeigen unsere Ergebnisse klar, dass der postoperative Erfolg auch bei den Älteren
bestehen kann. Sofern es der Allgemeinzustand erlaubt, sollten Patientinnen also nicht
aufgrund des höheren Alters alleine von den Operationen ausgeschlossen werden. Auch
sollte diesen Patientinnen im Falle eines Deszensus nicht automatisch ein obliterativer
Eingriff angeboten werden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die hier vorgestellten Daten einen
wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Frage des Outcomes urogynäkologischer Eingriffe
bei hochbetagten Patientinnen leisten. Perspektivisch wird diese Auswertung prospektiv
bestätigt werden müssen. Bis zum Vorliegen dieser Ergebnisse gibt es jedoch aufgrund
unserer Daten gute Argumente dafür, dass sowohl der Deszensus als auch die Belastungsinkontinenz
bei ≥ 70-Jährigen mit guten Ergebnissen operativ versorgt werden können und dass diesen
Patientinnen das gleiche operative Spektrum angeboten werden sollte wie den jüngeren.
Grundsätzlich kann ein kombiniertes operatives Vorgehen nicht pauschal empfohlen werden,
sollte jedoch für die älteren Patientinnen im Einzelfall in Betracht gezogen werden.