Einleitung
Bei schweren kombinierten Immundefekten (SCID) handelt es sich um seltene angeborene
Störungen der Immunität. Bis heute sind 17 Gendefekte bekannt, die eine schwere Insuffizienz
der zellvermittelten Immunität, v. a. der T- und B-Zellen gemeinsam haben. Der Vererbungsmodus
ist, mit einer X-chromosomal-rezessiven Ausnahme, autosomal-rezessiv. Wenige Tage
bis Wochen nach Geburt präsentieren sich die Patienten typischerweise mit einer schweren
Infektionsanfälligkeit, insbesondere gegenüber viralen, aber auch opportunistischen
Erregern, einer Immundysregulation insbesondere des Magen-Darm-Trakts und in der Folge
mit einer Gedeihstörung. Das Omenn-Syndrom ist gekennzeichnet durch pathologische
Infektionsanfälligkeit (CMV-Pneumonitis, PCJ-Pneumonie, Impfvirusinfektionen, Soor,
etc.), Lymphoproliferation (Hepatosplenomegalie, Lymphadenopathie), Autoimmunität
(Enterocolitis, Dermatitis) und Immundysregulation (Eosinophilie, Hyper-IgE) und resultiert
insbesondere aus hypomorphen Mutationen klassischer SCID-Gene. Pathophysiologisch
relevant sind oligoklonale und dysfunktionale autologe T-Zellen [1]
[2].
Anamnese
Uns wurde ein 5 Monate altes Mädchen mit seit mehreren Wochen bestehenden roten, schuppenden
Hautveränderungen am gesamten Integument und einer festhaftenden Pomadenkruste am
Kapillitium vorgestellt. Das Kind war als zweites Kind einer gesunden Mutter vaginal
entbunden worden und entwickelte postpartal einen oralen Soor, der über mehrere Wochen
antimykotisch therapiert wurde. Die weitere Entwicklung bis zum 2. Lebensmonat verlief
unauffällig, das Mädchen bekam dann wässrige und vereinzelt auch blutige Durchfälle
(mit Stuhlfrequenzen > 15 ×/Tag). Die Diarrhoen wurden im Sinne einer milchinduzierten
Proktitis gewertet und eine Umstellung der Ernährung von Muttermilch auf hypoallergene
Säuglingsnahrung eingeleitet. Anschließend erkrankte es an der Hand-Mund-Fuß-Krankheit
und bei persistierenden Hautveränderungen nach der Viruserkrankung wurde im 3. Lebensmonat
ein atopisches Ekzem vermutet und mit topischen Steroiden behandelt. Begleitend hatte
das Mädchen wiederholt persistierende Infektionen der oberen Atemwege, mit intermittierend
erhöhten Temperaturen, und erhielt daher keine Impfungen. Die Familienanamnese war
positiv für Atopie (Rhinoconjunktivits allergica der Mutter), eine 4 Jahre alte Schwester
wies bisher keine Auffälligkeiten auf.
Erst-/Aufnahmebefund
Bei Erstvorstellungen zeigte sich ein normal entwickelter weiblicher Säugling (5990 g
[21 P], 65 cm [63 P] BMI 14,2 [7 P]) mit leicht reduziertem Allgemeinzustand bei bronchopulmonaler
Infektion und Superinfektion der Haut. Betroffen war das gesamte Integument mit Betonung
des Kopfes, der Axillae, der Palmae, Plantae sowie des ventralen Rumpfes. Man sah
multiple, erythematöse, konfluierende, leicht schuppende Papeln und zum Teil lichenoide
Papeln. An den Ohren, am Kapillitium und axillär sah man hocherythematöse Plaques
mit Erosionen und gelben exsudativen Krusten ([Abb. 1] und [Abb. 2]).
Abb. 1 Hocherythematöse, exsudative Plaques mit Erosionen und gelb-braunen Krusten am Ohr
und axillär sowie beginnende Alopezie (links). Erythematöse, konfluierende Papeln
am Rumpf und fazial sowie eine festhaftende Kruste am Kapillitium (rechts).
Abb. 2 Rumpfbetonte erythematöse Papeln: Zum Teil spiegelglänzende Oberfläche, zum Teil
zart schuppend (links). Handflächenerythem mit einzelnen Erosionen und Papeln (rechts).
In der körperlichen Untersuchung zeigten sich, neben einer starken Rhinorhoe, Husten
und breiigem dunklen Stuhl, keine weiteren Auffälligkeiten. Es waren keine vergrößerten
Lymphknoten und keine Hepatosplenomegalie palpabel.
Befunde diagnostischer Untersuchungen
Wir führten Labor-, Abstrich- und Stuhluntersuchungen durch. Zur Diagnosesicherung
wurden Hautproben entnommen. Eine Superinfektion mit Staphylococcus aureus, Enterobacter cloacae sowie Streptokokken Gruppe G konnte diagnostiziert werden, eine mykologische Infektion der Haut wurde ausgeschlossen.
Der Stuhl war mehrfach negativ für Blut (Gujak-Test), die Bestimmung von fäkalem Calprotectin
zeigte aber Werte > 800 mg/kg Stuhl. Im Labor zeigte sich eine milde Lymphozytopenie
von 5,8/nl (Norm 6,5 – 15,0), eine Eosinophilie mit 31 % (Norm < 5 %) und eine deutliche
Erniedrigung der CD4 +-T-Zellen (0,08 %). Das Gesamt-IgE war erhöht auf 24 IU/ml (Norm < 15).
Histologisch wurde eine granulomatöse Dermatitis mit parakeratotisch verhornender
Epidermis und einzelnen Dyskeratosen sowie oberflächlich dermalem gemischtzelligen
Infiltrat aus Lymphozyten und Makrophagen gesehen. In den immunhistochemischen Färbungen
waren die Infiltratzellen positiv für CD3 mit deutlicher Dominanz von CD4 gegenüber
CD8 (10:1) bei komplett negativer CD20-Färbung und zahlreich beigemengten CD68-positiven
Makrophagen. Sowohl in der HE-Färbung als auch immunhistochemisch (S100 und CD1a)
war keine Vermehrung von Langerhanszellen sichtbar.
Ergänzende apparative Untersuchungen Es wurde eine ergänzende bildgebende Diagnostik durch die hinzugezogenen Pädiater
durchgeführt; im Röntgen-Thorax und in der Abdomen-Sonografie zeigten sich keine grob
pathologischen Befunde.
Therapie und Verlauf
Es wurde die Indikation zu einer stationären Aufnahme gestellt. Bei klinisch führender
Superinfektion der Haut und Atemwegsinfekt starteten wir eine orale antibiotische
Therapie mit Cefaclor. Eine topisch antiseptische und antientzündliche Therapie wurde
mit 0,08 % Prednicarbat und 0,1 % Octenidin in DAC-Basiscreme (NRF 11.145) begleitend
am gesamten Integument durchgeführt. Die erosiven Stellen betupften wir 1 ×/Tag mit
1 % wässriger Eosin-Lösung, die festhaftenden Krusten am Kapillitium lösten wir vorsichtig
mit BabyBene-Gel tagsüber und Olivenölkappe zur Nacht. Nach anfänglicher Besserung,
durch Rückgang der Superinfektion, verschlechterten sich Haut- und Allgemeinzustand
in den darauffolgenden 2 Wochen weiter. Bei antibiotikaresistenter Atemwegsinfektion,
chronischen Diarrhoen, seit dem 2. Lebensmonat bestehenden Hautveränderungen mit ausgeprägter
Therapieresistenz und histologisch gesicherter granulomatöser Dermatitis mit buntem
Zellinfiltrat, die sich keinem Krankheitsbild klar zuordnen ließ, wurde das Mädchen
in das nationale Versorgungsprojekt für seltene Erkrankungen Translate-NAMSE eingeschlossen
und direkt an eine pädiatrische Immundefekt-Ambulanz überwiesen. In den dort durchgeführten
weitergehenden immunologischen und molekulargenetischen Untersuchungen konnte die
Diagnose eines atypischen SCID mit dem Immunphänotyp Tlow Blow NK +, verursacht durch eine hypomorphe homoygote IL7RA-Mutation, gestellt werden. Klinisch, infektiologisch und radiologisch imponierte
eine chronische Atemwegsinfektion mit Rhinovirus, Parainfluenzavirus Typ 3, eine Pneumocystis
jirovecii Pneumonie, eine autoimmune Hepatitis, eine autoimmune chronisch entzündliche
Darmerkrankung und die autoimmune Dermatitis im Sinne eines Omenn-Syndroms. Eine Therapie
mit hochdosiertem Cotrimoxazol, Ribavirin, Piperacillin/Tazobaktam, Immunglobulinsubstitution
und systemischen Steroiden wurde zur Stabilisierung eingeleitet. Aufgrund des inzwischen
schweren Krankheitsbildes wurde bei fehlendem passendem Geschwisterspender eine high
urgency, haploidentische allogene hämatopoetische Knochenmarkstransplantation nach
reduziert intensiver Konditionierung eingeleitet.
Diskussion
Bei schweren kombinierten Immundefektsyndromen (SCID) unterscheidet man anhand fehlender,
reduzierter und/oder defekter T-Zellen zwischen klassisch, funktionell und atypisch.
Das Omenn-Syndrom (OS), welches den atypischen SCID zugeordnet wird, geht neben den
Symptomen der pathologischen Infektionsanfälligkeit auch mit immundysregulatorischer
Entzündung durch klonal expandierende, fehlentwickelte T-Zellen einher. Diese wandern
in Haut, Darm, Leber und sekundäre lymphatische Organe ein und führen u. a. durch
autoreaktive oligoklonale T-Zellen und den Mangel regulatorischer T-Zellen zu autoimmunen
Reaktionen. Diese ähneln klinisch der alloimmunen Graft-versus-Host-Reaktion, induziert
durch maternale expandierte T-Zellen oder antransfundierte T-Zellen bei typischen
SCID-Patienten [3]. Ähnlich wie bei den meisten Patienten mit OS präsentierte sich auch unsere Patientin
mit frühen viralen und opportunistischen Infekten, trockenem Husten, intermittierend
erhöhten Temperaturen, chronischer Diarrhoe und erhöhten IgE-Spiegeln. Bei allen Säuglingen
mit diesem Symptomenkomplex und entzündlichen Hautveränderungen sollte auch bei initial
unauffälligem Röntgen-Thorax an eine opportunistische Infektion bei Immundefektsyndrom
gedacht werden. Ein zunächst normales Differenzialblutbild hat in diesem Fall keine
Aussagekraft, da das OS mit einer normalen bis erhöhten Zahl autologer T-Lymphozyten
einhergehen kann [2]. Die Diagnosestellung ist auch durch die unspezifische und primäre Dermatitis deutlich
erschwert. Zu Beginn imitierten die Hautveränderungen ein superinfiziertes atopisches
Ekzem und wandelten sich im Verlauf zum klinischen Bild einer Langerhanszell-Histiozytose.
Wichtigste dermatologische Differenzialdiagnose waren zuletzt ein Lichen ruber planus
exanthematicus und die juvenile Sarkoidose. Hautbiopsien können hilfreich sein und
zeigen beim OS in der HE-Färbung oft Akanthose, Parakeratose, Dyskeratose und Spongiose
in der Epidermis, sowie Zellinfiltrate inflammatorischer Zellen (CD3 +-T-Zellen [v. a. CD4]) in der Dermis [3]. Die granulomatöse autoimmune Dermatitis bei unserer Patientin lässt sich pathophysiologisch
ähnlich einer alloimmunen Graft-versus-Host-Disease bei klonaler Expansion autoreaktiver
T-Zellen verstehen. Eine Erythrodermie lag nicht vor. Unbehandelt ist eine SCID in
den ersten 12 – 18 Lebensmonaten fatal. Je früher die Diagnosestellung erfolgt, umso
besser ist das Outcome. In den Vereinigten Staaten werden seit 2010 Neugeborenenscreenings
für SCID durchgeführt, die 2-Jahres-Überlebensrate konnte so nach Stammzelltransplantation
auf 90 % (bzw. 80 % bei Patienten mit aktiver Infektion) gesteigert werden. Insgesamt
wurde eine Inzidenz von 1 zu 58 000 Säuglingen für ein SCID identifiziert. In Deutschland
ist das SCID-Screening in Vorbereitung [4]
[5]
[6]. Die Erkrankung wird auch von der Europäischen Union als selten eingestuft. Nach
Schätzungen leiden 4 Millionen Deutsche an einer seltenen Erkrankung; um ihre Versorgung
zur verbessern, wurde 2013 das Projekt Translate-NAMSE gestartet. Ein Verbund aus
Universitätskliniken, der Patientenorganisation Achse und gesetzlichen Krankenkassen
arbeitet an der Umsetzung. Die Förderung erfolgt seit 2017 mit ca. 13,4 Millionen
Euro aus dem Innovationsfond des Gemeinsamen Bundesausschusses. Eine Teilnahme kann
durch den behandelnden Arzt veranlasst werden, indem die entsprechende schriftliche
Einwilligung erteilt und der Initialfragebogen ausgefüllt wird. Weitere Informationen
unter www.namse.de und www.translate-namse.charite.de.