ergopraxis 2019; 12(07/08): 10-15
DOI: 10.1055/a-0899-9334
Wissenschaft
© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Die Perspektive wechseln! – Die Betätigung und nicht das Individuum befunden

Katrin Pechstädt

Subject Editor:
Further Information

Publication History

Publication Date:
05 July 2019 (online)

 

Die Occupational Science analysierte lange Zeit Individuen und ihre Erfahrungen mit Betätigungen. Wie es gelingen kann, diese Betrachtungsweise zu überwinden und stattdessen die Betätigung – zum Beispiel Haushaltsarbeit – zu befunden, hat Ergotherapeutin Dr. Danielle Hitch untersucht. Wir haben ihren Artikel aus dem Journal of Occupational Science nutzerfreundlich für Sie zusammengefasst.


#

Katrin Pechstädt

Zoom Image

Katrin Pechstädt, Ergotherapeutin MSc, arbeitet als Hochschullektorin am Institut Ergotherapie der FH JOANNEUM in Bad Gleichenberg, Österreich.

Zweifelsohne befinden wir uns in der Ergotherapie in einem Paradigmenwechsel. Manch einem gehen die Veränderungen in Richtung Betätigungsbasierung nicht schnell genug. Andere fühlen sich überrannt und finden diese „neue Mode“ zu theoretisch. Und man kann es ihnen nicht verdenken. Es ist schwer, den Überblick zu behalten, die komplexen Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Betätigung zu fassen und in die praktische ergotherapeutische Arbeit zu „übersetzen“.

An dieser Stelle setzt Ergotherapeutin Dr. Danielle Hitch mit ihrem Artikel im Journal of Occupational Science an. Darin zeigt sie, wie die Betätigungswissenschaft die Ergotherapiewissenschaft ([TAB. 1]) mit theoretischem Wissen füttern kann, um Ergotherapeuten für die Diskussionen der Zukunft zu stärken. Inwiefern sich die beiden Wissenschaften da rüber hinaus gegenseitig befruchten, zeigt die vorliegende nutzerfreundliche Zusammenfassung von Hitchs Artikel „Keeping occupation front and centre to address the challenges of transcending the individual“.

TAB. 1 Unterschied Occupational Science und Ergotherapiewissenschaft

Wissenschaft (englisch)

Wissenschaft (deutsch)

Forschungsgegenstand

Occupational Science

Betätigungswissenschaft

Betätigung

Occupational Therapy Research

Ergotherapiewissenschaft

Evidenz und Wirksamkeit von Ergotherapie bei verschiedenen Individuen

Individuelle Betrachtung von Betätigung überwinden

Laut Hitch fokussierte sich die Occupational Science lange Zeit auf die Analyse individueller Erfahrungen. Sie versucht dies nun zu ändern und die Betätigung anstelle des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Mit einem Perspektivenwechsel ist die potenzielle Gefahr verbunden, individuelle Erfahrungen zu vernachlässigen (Josephson 2016, zitiert in Hitch 2017). Darüber hinaus könnte es schwierig werden, valide Messinstrumente zu finden, welche die Erfordernisse von Betätigung messen, ohne das Individuum zu betrachten.

Ziel des Artikels von Hitch ist es daher, eine Herangehensweise darzustellen, die diese individuelle Betrachtungsweise von Betätigungen überwindet und dennoch folgende Aspekte beinhaltet:

  • die Betrachtung von Personen und örtlichen Gegebenheiten

  • die vier Dimensionen von Betätigung nach Ann Wilcock (Doing, Being, Becoming und Belonging)

  • mögliche Auswirkungen von Betätigungen auf die individuelle Teilhabe

Betätigungen sind Dinge, die Menschen tun müssen, wollen und sollen.


#

Es braucht eine gemeinsame Vision

Basis eines möglichen Frameworks soll laut Hitch (2017) die Definition von Betätigung der „International Society for Occupational Science“ (ISOS) sein. Ihr zufolge sind Betätigungen „die verschiedenen alltäglichen Aktivitäten, die Menschen als Einzelpersonen, in Familien und in Gemeinschaften unternehmen, um Zeit zu verbringen und Sinn und Zweck in ihr Leben zu bringen“. Betätigungen sind „Dinge, die Menschen tun müssen, wollen und sollen“. Die Occupational Science muss sich nach Meinung von Hitch mit dieser fundamentalen, gemeinsamen philosophischen Grundlage der Occupational Science und Ergotherapie identifizieren. Nur so kann sie die Veränderung zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung über Betätigung schaffen und dabei die zugrunde liegenden Annahmen und Werte der Ergotherapie berücksichtigen.

Ein solches Framework sollte nicht nur das Konzept der Betätigung berücksichtigen, sondern auch die Situation, in der die Betätigung auftritt. Außerdem muss es gewährleisten, dass Ergotherapeuten eine praktische Anwendung ableiten können. Es sollte zudem die Erkenntnisse aller Disziplinen nutzen, die sich bereits mit dem komplexen Wesen der menschlichen Betätigung beschäftigt haben. Diese Diversität birgt jedoch die Gefahr, dass ein „Patchworkteppich“ an Wissen anstelle einer gemeinsamen Vision in Form eines Modells, einer Theorie oder eines Standards entsteht. Ohne eine gemeinsame Vision finden wir uns in einem Paradigmenwechsel mit allen dazugehörigen Kontroversen (Kuhn 2012, zitiert in Hitch 2017).


#

Brücke zwischen Theorie und Praxis

Die bekannten ergotherapeutischen Modelle enthalten Betätigung zwar als zentrales Konzept, wurden aber entwickelt, um die einzigartige Sichtweise der Ergotherapie in praktisches Handeln zu übersetzen und es zu leiten. Nach Meinung von Hitch muss ein Paradigma in der Occupational Science im Gegensatz dazu breitgefasste Annahmen und Perspektiven eines Betätigungsphänomens repräsentieren können. Daher stellt sie das „Pan Occupational Paradigm“ (POP) vor (Hitch et al. 2014, zitiert in Hitch 2017). Es soll das Wissen über menschliche Betätigung so bereitstellen, dass es der Occupational Science, der Ergotherapiewissenschaft sowie der Ergotherapie als Profession dienlich ist. Auf diese Weise spannt es eine Brücke zwischen Theorie und Praxis.

Das „Pan Occupational Paradigm“ (POP) besteht aus drei zentralen Elementen:

  • Es fokussiert sich auf Menschen als „occupational beings“, also auf Personen, Bevölkerungsoder Personengruppen, die tätig sind und vier Dimensionen von Betätigung in sich tragen: Doing (das Tun), Being (das Sein), Becoming (das Werden) und Belonging (das Dazugehören). Diese Dimensionen wurden erstmals von Wilcock und Hocking 2015 geprägt und befinden sich laut Hitch in fortwährender Weiterentwicklung.

  • Gesundsein (WellBeing) und Kranksein (IllBeing) stellt das POP als Kontinuum dar, das die Verbindung zwischen Betätigung und den Ergebnissen von Gesundsein aufzeigt. Im Ergebnis kann das Betätigen positiv (z. B. Gesundheit, Gerechtigkeit) oder negativ (z. B. Krankheit, Ungerechtigkeit) sein. Es ist immer einzigartig für das Individuum und seinen speziellen Kontext. Die Darstellung als Kontinuum drückt zudem aus, wie sich die Teilhabe an Betätigungen über den Lebenszyklus verändert und somit das Individuum bzgl. Gesundsein und Kranksein beeinflussen kann.

  • Der Rolle der Ergotherapie wird im POP explizit Beachtung geschenkt. Dies ist weniger wichtig für die Occupational Science, hilft aber, den Fokus auf die Übertragbarkeit der gesammelten Erkenntnisse in die Praxis zu richten.


#

Prozessmodell gewährleistet den Übertrag in sieben Schritten

Hitch erarbeitete ein zum POP passendes Prozessmodell, den „Integrating Theory, Evidence and Action Process“ (ITEA) (Hitch et al. 2014, zitiert in Hitch 2017). Er erlaubt es Ergotherapeuten, Theorie, Evidenz und Praxis auf stimmige Art und Weise zusammenzuführen ([ABB. 1]). Wie es die Übertragung in die Praxis gewährleistet, zeigt Hitch anhand des Beispiels „Haushalts arbeit“:

Betätigungen sind die verschiedenen alltäglichen Aktivitäten, die Menschen als Einzelpersonen, in Familien und in Gemeinschaften unternehmen, um Zeit zu verbringen und Sinn und Zweck in ihr Leben zu bringen.

Zoom Image
ABB. 1 Der ITEAProzess dient dazu, die Theorie und Evidenz in professio nelles ergotherapeutisches Handeln zu integrieren (Hitch et al. 2014). Abb.: Thieme Gruppe

Im ersten Schritt des ITEAProzesses formulierte Hitch die Forschungsfrage: Was können die Evidenzen peerreviewter Journals für das Verständnis von Betätigungswissenschaftlern und Ergotherapeuten zu den Dimensionen Doing, Being, Becoming und Belonging hinsichtlich der Betätigung Haushaltsarbeit beitragen?

Um dieser Frage nachzugehen, wählte Hitch im zweiten Schritt das POP als leitendes Rahmenmodell, um die gefundenen Evidenzen zu dem Thema Haushaltsarbeit einordnen und diskutieren zu können.

Im dritten Schritt war für Hitch zu klären, welche Methode geeignet ist, um die Forschungsfrage zu beantworten. Um sowohl qualitative als auch quantitative Forschungsergebnisse verschiedener Disziplinen einschließen zu können, erschien Hitch ein integratives Review als geeignetste Methode. Bei der Recherche in 59 Datenbanken verschiedener Disziplinen (Gesundheit, Sozialwissenschaften, Pädagogik, Kunst, Technologie und Business) fand sie insgesamt 1.092 Artikel. Nachdem sie diese Liste von Duplikaten bereinigt und die jeweiligen Abstracts auf die Eignung zur Beantwortung der Forschungsfrage gescreent hatte, blieben 48 Artikel übrig, die sie als Volltext las. Von diesen erfüllten 36 Artikel die Einschlusskriterien und stellten die finale Auswahl zur Beantwortung der Forschungsfrage dar.

Die Inhalte ordnete Hitch im vierten Schritt den Kategorien des POP zu: Doing, Being, Becoming und Belonging ([TAB. 2], S. 14).

TAB.2 Betätigungsprofil „Haushaltsarbeit“ nach dem „Pan Occupational Paradigm“ (POP)

Kategorie des POP

Beschreibung der Ergebnisse

Quelle laut Hitch 2017

Doing (das Tun)

  • vorherrschende Tätigkeit, die im häuslichen Umfeld ausgeführt wird

Stayner 1994

  • Viele Menschen haben daran täglich teil.

Spinney 2013

  • Das Einbezogenwerden in Hausarbeit beginnt u. U. in der Kindheit, entweder auf freiwilliger Basis oder mit Vergütung (Taschengeld).

Romich 2007

  • Das Muster, wie viel Zeit mit Hausarbeit verbracht wird, verändert sich im Lauf des Lebens. Die meiste Hausarbeit verrichten demnach Frauen in der 4. Dekade ihres Lebens.

Landstedt, Harryson, Hammarstrom 2016

  • Trotz gleichberechtigter Weltanschauung übernehmen meistens Frauen mehr Hausarbeit nach der Pensionierung.

Solomon, Acock, Walker 2004

  • Physische und psychische Gesundheitsfaktoren beeinflussen im zunehmenden Alter das Ausführen von Hausarbeit.

Cheung, Clemson, O’Loughlin, Shuttleworth 2016

  • Während Technologie auf die Reduktion der physischen Arbeit abzielt, tauchen neue Aufgaben in der Hausarbeit auf (z. B. Recyling).

Oates, McDonalds 2006

  • Der Einsatz von arbeitserleichternder Technik kann zu weniger gesundem Verhalten und verringerter körperlicher Aktivität führen.

Zai Zai, Maume, Bellas 2000

  • Arbeitserleichternde Technik ermöglicht es mehr Menschen, an Hausarbeit teilzuhaben, z. B. Älteren.

Treas 2008

Zusammenhang Doing und andere Komponenten des POP

  • Frauen, deren Männer atypisch beschäftigt sind, verrichten mehr Hausarbeit.

Sharma 2009

  • Die eigene Bildung und Erfahrung aus der Kindheit beeinflussen die Partizipation von Frauen an Hausarbeit.

Usdansky, Parker 2011

  • Ob entgeltliche Arbeit für Frauen interessant ist, hängt für sie davon ab, ob diese Arbeit noch genug Energie übrig lässt für die Hausarbeit und wie viel persönliche Bedeutung Hausarbeit für die einzelne Frau hat.

Hakanson, Ahlborg 2010

  • Bei Erwerbstätigen hat es keinen Einfluss auf die Gesundheit, ob sie die Hausarbeit selbst übernehmen oder ob sie von Personal ausgeführt wird.

Regidor et al. 2011

Being (das Sein)

  • Über alle Kulturen hinweg erledigen mehrheitlich Frauen die Hausarbeit und investieren dabei mehr Zeit und Energie als Männer.

Gao, Zeng 2012

Hakansson, Ahlberg 2010

Saxbe, Repetti, Graetsch 2011

Stanyer 1994

Voicu et al. 2007

  • Es gibt ethnische Unterschiede im Verhältnis der geleisteten Stunden an Hausarbeit zwischen Männern und Frauen.

Wight, Bianchi, Hunt 2013

  • Durch die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen im letzten Jahrhundert haben diese heute oft einen „doppelten Arbeitstag“ (Haus- und Erwerbsarbeit).

Zai Zai et al. 2000

  • Hausarbeit ist eng verknüpft mit der Rolle der Mutter und Ehefrau und wird öfter mit der Geschlechtsidentität von Frauen assoziiert.

Gao, Zheng 2012

Stanyer 1994

  • Die Haushaltsleistung und -hilfe ist für Frauen besonders wichtig beim Rollenübergang zur Mutter. Dabei trägt die Mithilfe von Männern im Haushalt wesentlich zur Zufrieden- heit in der Paarbeziehung bei.

Udofia, Akwaowo 2012

Gjerdingen, Center 2005

  • Einige Frauen fühlen sich emotional mit Hausarbeit so verbunden, dass diese Betätigung für sie sehr bedeutungsvoll ist, viel bedeutungsvoller, als wenn die Wahl der Hausarbeit aufgrund körperlicher Eignung für diese Betätigung getroffen wird.

Cheung et al. 2016

  • Hausarbeitstätigkeiten werden als monoton und wenig herausfordernd wahrgenommen.

Stayer 1994

Being und Becoming

  • Einige christliche amerikanische Frauen haben aufgrund ökonomischer Instabilität ihre Hausarbeitstätigkeiten verändert. Sie kaufen nunmehr nichtverarbeitete Lebensmittel, haben sich selbst Fähigkeiten zum Lebensmittelanbau und zur -verarbeitung angeeignet und beziehen Lebensmittel direkt vom Erzeuger.

Anagnost 2013

Becoming (das Werden)

  • Hausarbeit ist eine kontinuierliche Tätigkeit, die niemals aufhört, es sei denn, man verlässt das Haus.

Stanyer 1994

  • Im letzten Jahrhundert war das Ziel von Hausarbeit, ein gesundes Heim vorzubereiten und damit zur Krankheitsprävention beizutragen. Im Zuge dessen wurde es Aufgabe der Frau, eine „professionelle“ Hausfrau zu sein und sich durch gute Haushaltsführung um die Gesundheit der Familie zu kümmern.

Rossi 2016

  • Mitte des 20. Jahrhunderts begann man, der Beschreibung von Haushaltsprodukten zu misstrauen.

Martens, Scott 2006

  • Der Fokus auf Nachhaltigkeit brachte in den letzten Dekaden Maßnahmen hervor, die den Umweltaspekt bei der Hausarbeit berücksichtigen, was laut einigen Forschern aktuelle Hygienestandards gefährdet.

Trepstra 2001, 2003

Belonging (das Dazugehören)

  • Der Umgang mit Hausarbeit in einer Partnerschaft beeinflusst die individuelle Sichtweise auf den Partner positiv wie negativ.

Rosenblatt, Sungeun 2003

Sharma 2009

  • Die Aufteilung der Hausarbeit kann assoziiert werden mit

    • sexueller Zufriedenheit bei Männern

    • den jeweils vorhandenen Ressourcen und dem Status

    • dem Verständnis von Gleichberechtigung

    • der Wahrnehmung als persönlichem Gewinn

Traen, Stulhofer, Carvalheira 2013

Voicu et al. 2007

Voicu et al. 2007

Youm, Laumann 2003

  • Die Beziehung von Eltern zu ihren jungen erwachsenen Kindern hat Einfluss auf deren Verständnis für den Zusammenhang zwischen Hausarbeit und Gesundheit.

Romich 2007

  • Das eigene Konzept eines Zuhauses kann durch Hausarbeit so beeinflusst werden, dass es weniger als Rückzugsort, sondern mehr als Arbeitsplatz gesehen wird.

Martens, Scott 2006

Stanyer 1994

  • Die kulturelle und die soziale Umwelt beeinflussen maßgeblich die Hausarbeit: Die Haltung gegenüber Haushaltstätigkeiten war zum Beispiel im kommunistischen Russland ein Zeichen der moralischen Haltung des gesamten Landes und somit ideologisch beeinflusst. Der Haushalt musste sauber sein, sonst galt man als faul.

Varga-Harris 2008

  • Um eine Gleichverteilung zwischen Männern und Frauen bei der Hausarbeit zu erreichen, ist folgende gesellschaftliche Ausgangssituation wichtig:

    • gute wirtschaftliche Situation

    • postkommunistische Gesellschaft

    • wenig materialistische Haltung der Gesellschaft

    • geringer Einfluss der katholischen Kirche

Voicu et al. 2007

  • Sauberkeit und Hygiene sind in manchen Kulturen so hohe Güter, dass sie paradoxerweise durch den Einsatz von Chemikalien und Reinigungsmitteln, die die eigene Gesundheit und Sicherheit negativ beeinflussen können, erreicht werden sollen.

Habib, El Zein, Hojeij 2012

Outcomes der Betätigung für Gesundheit und Gesundsein

  • Einige Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen den geleisteten Stunden an Hausarbeit und Stress hin.

Rotenburg et al. 2010

Saxbe et al. 2011

Tao, Janzen, Abonyi 2010

  • Hausarbeit kann einen negativen Einfluss auf die Gesundheit von Frauen haben.

Wen, Liang, Zhu, Wu 2013

  • Eine Stereotype, eine geschlechtsspezifische Haltung und die Wahrnehmung der ungleichen Aufteilung von Hausarbeit können bei Frauen und Männern zu einem erhöhten Stresslevel führen.

Harryson, Alex, Hammarstrom 2016

Tao et al. 2010

  • Reinigungsmittel und -chemikalien haben einen potenziell negativen Einfluss auf die physische Gesundheit. Dem kann aber durch die Beachtung von Sicherheitshinweisen entgegengewirkt werden.

Habib, El-Masri, Heath 2006

Martens, Scott 2006

  • Es gibt keine wissenschaftlich erwiesene Verbindung zwischen der alleinigen Verant- wortung für den Haushalt und Distress.

Mathews, Power 2002

  • Autonomie bei der Ausführung von Hausarbeit verringert signifikant die Symptome von Depression.

Riley, Keith 2014

Im fünften Schritt prüfte sie alle 36 Artikel mithilfe des „Mixed Methods Appraisal Tool“ (MMAT) auf ihre methodische Qualität (Pluye et al. 2011, zitiert in Hitch 2017).

Für die Beantwortung der Forschungsfrage kann festgehalten werden, dass die meisten gefundenen Artikel sich den Aspekten Doing (das Tun) und Being (das Sein) von Haushaltsarbeit in europäischen oder USamerikanischen Ländern beschäftigen. Das heißt, ihre Sichtweise auf diese Betätigung ist westlich geprägt. Dabei kommen die Erkenntnisse oft aus der quantitativen Ergebnisforschung.


#

Ein Profil der Betätigung „Haushaltsarbeit“ erstellen

Der ITEAProzess sieht im sechsten Schritt vor, die gefundenen Daten aller Artikel zu verdichten, in Beziehung zueinander zu setzen und zu vergleichen ([ABB. 1]). Im darauffolgenden finalen Schritt werden sie wieder so zusammengesetzt, dass sie ein neues schlüssiges Konstrukt ergeben – in diesem Fall ein Profil der Betätigung „Haushaltsarbeit“ vor dem Hintergrund des gewählten Rahmenmodells POP. Dieses Profil bildet auch die Antwort auf die Forschungsfrage von Hitch: Es besteht aus Evidenzen peerreviewter Journals zu „Haushaltsarbeit“ und trägt zum Verständnis dieser Betätigung bei ([TAB. 2], S. 14).

In der Diskussion der Ergebnisse bemerkt Hitch, dass durch den ITEAProzess und die Verwendung des POP eine Evidenzsynthese stattgefunden hat. Diese erlaubt es, das Phänomen „Haushaltsarbeit“ als situatives Konzept zu zeichnen – und eben kein Bild eines Individuums bei der Hausarbeit. Es zeigt nicht nur evidenzbasiert, welche Kapazitäten, Fähigkeiten und welches Wissen nötig ist, um Hausarbeit auszuführen, sondern auch wer, was, wann, wie, in welchem Kontext und mit welcher Zufriedenheit oder Performanz bei der Haus arbeit tut.

Weiter wird durch das Profil deutlich, dass es noch einiges zu tun gibt in der Forschung rund um die Betätigung „Haushaltsarbeit“. So beschäftigen sich die meisten Studien mit dem Doing und Being, die Kategorien Becoming und Belonging des POP werden bis jetzt eher weniger beleuchtet. Auch beschäftigen sich die Studien mehrheitlich mit den negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Daher ruft Hitch dazu auf, das erstellte Profil zu Haushaltsarbeiten zu ergänzen und dazu beizutragen, die Betätigung und die durch sie be einflussten Personen und Orte genauer zu beschreiben.


#

Gemeinsamer Nenner: das Tun

Ich persönlich glaube, dass es sehr nützlich sein kann, wenn man diesen verbindenden Weg einschlägt: zwischen Theorie und Praxis, zwischen Occupational Science und Ergotherapieforschung. Einen Weg, der die Unterschiede der beiden wissenschaftlichen Disziplinen und deren Effekte auf die Ergotherapie darstellen kann, ohne Trennendes zu stark zu betonen.

Aus einem Patchworkteppich wird eine gemeinsame Vision.

Wer hat nicht schon einmal im Rahmen einer ergotherapeutischen Behandlung das Thema „Haushaltsarbeit“ in irgendeiner Art und Weise angeschnitten? Aber seien wir ehrlich: Oft ist unser Verständnis von der Betätigung „Haushaltsarbeit“ durch eigene Erfahrungen als Individuum bzw. als Therapeutin geprägt.

Mir war vor der Studie von Hitch nicht bewusst, wie viel Literatur es zu dem scheinbar „banalen“ Thema bereits gibt. Es ist meines Erachtens nach genial, diese Evidenzen zusammengefasst in ein verständliches Modell zu formulieren, aus dem therapeutische Anwendungen genauso wie weiterführende Forschungsfragen abgeleitet werden können. Auf diese Weise ergibt sich aus dem „Patchworkteppich“ aus Evidenzen verschiedener Professionen eine gemeinsame Vision der Betätigung. Zusammenhänge zwischen Gesundheit und einer Betätigung können systematisch und evidenzbasiert aufgezeigt werden. Damit könnte auch jede Argumen tation rund um Ergotherapie und die Ergo therapie als Profession im Gesundheitssystem gestärkt werden.

Das löst zwar nicht die Probleme wie Überforderung oder die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Modellen, die ein Paradigmenwechsel mit sich bringt. Aber es macht vielleicht nachvollziehbar, warum er für die Weiterentwicklung der Profession gut sein kann. Der Artikel kann uns auch ins Gedächtnis rufen, dass es den Theoretikern und Praktikern unter uns um dasselbe geht: das Tun! Und vielleicht bringt ein genauer Blick auf die Tabelle auf der nächsten Doppelseite mit den Ergebnissen manch spannende Diskussion über das Konzept der Betätigung „Haushaltsarbeit“ hervor.


#
#

Zoom Image
Zoom Image
ABB. 1 Der ITEAProzess dient dazu, die Theorie und Evidenz in professio nelles ergotherapeutisches Handeln zu integrieren (Hitch et al. 2014). Abb.: Thieme Gruppe