Stürzen im Alter hat weitreichende Folgen. (Quelle: Rawpixel.com/shutterstock.com;
Symbolbild)
Derzeit wird das Angebot an präventiven Maßnahmen für Seniorinnen und Senioren stark
erweitert. So hält zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) umfassende Programme vor, die verschiedene Themen des Eigentrainings anschaulich
und seniorengerecht aufarbeitet. Thematisiert werden beispielsweise Sturzangst, Krafttraining
und Balancetraining. Die Broschüren zur Sturzprävention können Interessierte im Internet
unter www.bzga.de kostenfrei bestellen oder als PDF herunterladen.
Erfassung des Sturzrisikos
Zunächst wird die medikamentös induzierte Sturzsymptomatik ärztlich beurteilt und
ggf. behoben. Gründe können eine fehlende Dosisanpassung, die Einnahme von Antihypertensiva,
additive Effekte, Neuroleptika und Tranquilizer sowie Schlafmedikationen sein.
Spätestens nach jedem Sturz sollte zudem eine kritische Analyse sturzgefährdender
Wohnumstände vorgenommen werden. Diese führen der Sozialmedizinische Dienst oder Angehörige
durch. Insbesondere die hohe Inzidenz von Sturzereignissen zeitnah nach Ortswechseln
(z. B. Residenz- oder Krankenhauseinweisung) oder beim nächtlichen Toilettengang muss
zu Ablaufänderungen führen. In der frühen postoperativen Nachbehandlung ist außerdem
eine funktionelle Analyse motorischer Schwachstellen anzuraten, sofern sie nicht bereits
in einer geriatrischen Versorgungseinheit durchgeführt wurde. Sie sollte möglichst
unter Einbeziehung pflegender Dritter erfolgen. Umfassende Assessments, wie beispielsweise
der Timed „Up and Go“-Test oder der Mini-Mental-Status-Test, geben eine gute Übersicht
über funktionelle und kognitive Probleme.
Maßnahmen zur Sturzprävention
In der Anpassung der Wohnumgebung sind Haltegriffe und besondere Beleuchtungen sowie ein angepasstes Mobiliar notwendig.
In Krankenhäusern ist darüber hinaus die Einbindung von „Lotsen“ und betreuenden Angehörigen
für diese Patientengruppe wichtig. Krankenhauslotsen kennen die Einrichtung und begleiten
Patienten zu ihren Behandlungen oder der Station. Seit 1996 ermöglicht zudem das sog.
Bielefelder Modell, Senioren ein selbstbestimmtes Wohnen mit Versorgungssicherheit,
ohne dass dabei eine Betreuungspauschale anfällt. Inhalte des Konzepts sind u. a.
barrierefreie Wohnungen, Servicestützpunkte vor Ort und Begleitung von Aktivitäten,
Hobbys und Kultur [1].
Nicht selten empfehlen Ärzte ihren Patienten mit rezidivierenden Sturzereignissen
prophylaktisch die Anwendung von Hüftprotektoren. Neben dem meist fragwürdigen Effekt
im Hinblick auf die Prophylaxe von Niedrigenergietraumen ist die Patienten-Compliance
dafür allerdings ausgesprochen schlecht.
Bewährt hat sich ein individuell angepasstes Balancetraining, das der Patient ritualisiert in die Tagesplanung einbezieht. Als Übungen für zu
Hause bieten sich Aktivitäten des täglichen Lebens an, die durch eine Gleichgewichts-,
Koordinations- oder Haltungsübung ergänzt werden. Beispielsweise kann die sturzgefährdete
Person während des morgendlichen Zähneputzens auf einem Bein stehen [2].
Additiv kann dem motorisch-funktionellen Defizit durch Hirnleistungstraining begegnet
werden. Essenziell ist bei allen Maßnahmen die Einbindung der Angehörigen. Frühe Therapieeinheiten
sollten Brücken in die ambulante Versorgung bauen. Eine enge Rückkopplung zwischen
Arzt und Therapeut ist empfehlenswert.
Im Hinblick auf die Orthetik ist darauf zu achten, dass verordnete Hilfsmittel sich sehr stark voneinander unterscheiden
und häufig nicht der individuelle Bedarf, sondern letztlich der Marktpreis entscheidet.
Für die Gruppe Hochbetagter sind Orthesen zu fordern, die bei guter Passform leicht
anzubringen sind. Außerdem sollten sie bei axialer Stauchung so viel Druckentlastung
wie möglich bewirken. Die Orthesen müssen überwacht und gegebenenfalls modifiziert
werden. Immobilisierende Orthesen sollten nur so kurz wie möglich getragen werden.
Geriatrietypische Veränderungen wie fortgeschrittene Polyarthrosen müssen dabei berücksichtigt
werden. Hier sind individuell konfektionierte Lösungen zu wählen. Für die Benutzung
von Gehhilfen und Rollatoren sind anatomische Griffformen aus Weichgummimaterial zu
fordern. Hier sind am Markt zahlreiche Versorgungsmöglichkeiten gegeben.
Ausblick
Gegenwärtig steht eine Reihe von Maßnahmen aus dem Bereich „smart home“ an, die das
Gefährdungspotenzial von Seniorinnen und Senioren verbessern helfen. Ebenso sind Entwicklungen
im Bereich „Exoskelett“ möglicherweise geeignet, bestehende Defizite schnell und sicher
zu überbrücken. Durch ein Exoskelett kann beispielsweise ein bestehendes motorisches
Defizit durch eine mechanische Koppelung an ein patientenindividuell angepasstes Modell
kompensiert werden. Die Prävention sollte ein wesentlicher Baustein eines Behandlungsalgorithmus
sein und so die Ganzheitlichkeit des Therapieansatzes – zum Beispiel auch durch die
Einbindung von Angehörigen – verdeutlichen.