Noch nie habe ich ein Editorial für die Nervenheilkunde in dem Wissen geschrieben,
dass es veraltet sein wird, wenn es erscheint. Aber inmitten einer Pandemie mit noch
immer exponentiellem Verlauf ist auch der späteste weitgehende Redaktionsschluss (6.4.2020)
um Wochen zu früh, und die weltweiten 1,2 Millionen infizierten Menschen sowie 64
000 Toten werden längst (noch vergleichsweise „harmlose“) Vergangenheit sein. Warum
schreibe ich trotzdem?
Eines war klar: Ich kann nicht „nicht“ über die Corona-Pandemie schreiben, denn einerseits
durchleben wir gerade eine globale Pandemie, „für die es bislang kein Drehbuch gibt“
(so der deutsche Finanzminister Olaf Scholz), und andererseits leidet der überwiegende
Teil der Menschen hierzulande (noch) nicht unter dem Virus, sondern unter sich selbst:
Ängste und Ungewissheit, soziale Distanz und Einsamkeit, gleichzeitig mit sozialem
Druck und Überflutung durch immer bedrohlichere Nachrichten, Fake-News und Verschwörungstheorien
und Politiker (glücklicherweise vor allem ausländische), die gar nichts zu begreifen
scheinen und keine oder die falschen Maßnahmen beschließen oder sich gar selbst widersprechen.
Bei alldem geht es um uns Menschen und erst in zweiter Linie um das Virus. Deswegen
ist gerade jetzt neben dem Virologen und Epidemiologen auch der Psychiater herausgefordert.
In lebenspraktischer Hinsicht hat das in den letzten Wochen sehr viel Arbeit gemacht
und Selbstbeherrschung gekostet. Chefvisite mit Mundschutz und ohne Handschlag hätte
ich mir bis vor wenigen Wochen weder vorstellen können, noch wollen, aber es muss
nun sein (und es zeigte sich, dass nicht nur Minister Mühe haben, den Handschlag zu
unterdrücken). Das gesamte Universitätsklinikum Ulm (UKU) befindet sich seit Wochen
im Corona-Notfall-Modus: Verschiedene Teams planen die Versorgung von zu erwartenden
künftigen Kranken. Ich selbst bin seit 3 Wochen Mitglied eines Umsetzungsteams, das
täglich direkt im Anschluss an die Krisen-Task-Force zusammenkommt und sich überlegt,
wie man praktisch umsetzt, was zuvor von Klinikleitung, Anästhesie, Chirurgie und
Innerer Medizin prinzipiell beschlossen wurde.
Seit dem 16. März erfinden wir in der Psychiatrischen Klinik in Ulm fast täglich die
Psychiatrie neu, um unter sich ständig verändernden Bedingungen das zu tun, was wir
immer tun: unsere Patienten weiter wie bisher so gut wie möglich zu versorgen. Diese
Veränderungen müssen sein, denn die von Kanzlerin Merkel am Donnerstag den 12.3. zu
Recht geforderte und in ihrer Rede an die Nation am 18.3. nochmals eindringlich betonte
sozialen Distanz passt nicht zu Gruppentherapien, die in den Bereichen Sport, Musik,
Kunst, manuelles Arbeiten mit verschiedenen Materialien und Zielen sowie im psychotherapeutischen
Bereich zum Standard der Versorgung stationärer Patienten gehören. Seit Immanuel Kant
[20], dem Philosophen der Aufklärung, wissen wir, dass psychische Krankheit mit einem
Verlust des sensus communis einhergeht, weswegen die „therapeutische Gemeinschaft“
das Rückgrat unseres Tuns darstellt.
Ganz allgemein und weder nur für die Psychiatrie noch nur für Ulm gilt: In einigen
Monaten werden wir wissen, wie Deutschland und sein gesamtes gesundheitliches Versorgungssystem
mit der schwersten Belastungsprobe fertig geworden sein werden, die es – um mit der
Kanzlerin zu reden – seit dem Zweiten Weltkrieg gab. Eine solche Situation haben die
meisten Menschen noch nicht erlebt. Was bedeutet dies alles für jeden einzelnen?
Es geht im Folgenden also weder um das Virus SARS-CoV-2 noch die von ihm verursachte
Krankheit Covid-19, sondern um uns – unser Erleben, Fühlen, Bewerten, Entscheiden
und Handeln in Zeiten von Krisen – als Einzelne, als Gruppe und als Gesellschaft.
Wie sich mittlerweile herumspricht, sind unsere Verhaltensweisen und Reaktionen auf
das Virus für die Bewältigung der Krise mindestens so wichtig wie das Wissen über
das Virus selbst. Was also wissen wir? – Nicht erst seit Corona durchaus eine ganze
Menge.
Risikobewertung und exponentielles Wachstum trifft auf komplexe Systeme
Risikobewertung und exponentielles Wachstum trifft auf komplexe Systeme
Menschen tun sich schwer dabei, die Bedeutung kleiner Risiken abzuschätzen [23]. Diese Unfähigkeit liegt letztlich dem Geschäftsmodell von Lotterien und Versicherungen
zugrunde. Wir Menschen verstehen einfache Zusammenhänge: Wenn es regnet, wird die
Erde nass – je mehr, desto mehr. Es gibt aber auch andere Zusammenhänge, z. B. quadratische
wie den umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang zwischen Körpertemperatur und Gesundheit:
ein paar Grad zu tiefe oder zu hohe Körpertemperatur, und es geht uns sehr schlecht;
noch ein paar Grad mehr und wir sind tot. Das verstehen die meisten gerade noch. Exponentielle
Zusammenhänge verstehen die meisten Menschen nicht: Stellen Sie sich bitte einen See
vor, auf dem Seerosen wachsen, die sich täglich aufs Doppelte vermehren: Am ersten
Tag eine, am zweiten Tag zwei, am dritten Tag vier usw. Am dreißigsten Tag ist der
ganze See bedeckt mit Seerosen. Wie bedeckt war der See einen Tag zuvor?
(A) 99 %, (B) 95 %, (C) 90 %, (D) 75 %, (E) 50 %
Die meisten Menschen vermuten hier eine Lösung irgendwo im mittleren Bereich (also
B bis D), richtig ist jedoch E: Am Tag bevor der See voller Seerosen ist, war er erst
halbvoll! Man spricht von exponentiellem Wachstum. Betrachten wir noch ein sehr bekanntes
Beispiel: Wenn man auf das erste Kästchen eines Schachbretts ein Weizenkorn legt,
auf das zweite 2 und auf das nächste 4 und so weiter, auf wieviel Weizen kommt man
am Ende? Die Antwort lautet 263, d. h. 9 223 372 036 854 775 808 Körner. Da die Tausendkornmasse von Weizen bei etwa
50 g (40 bis 65 Gramm) liegt, ergibt das 461 168 601 842 Tonnen Weizen, oder etwa
5555 Tonnen für jeden der 83 Millionen Bundesbürger.
Weil wir große Schwierigkeiten beim Verstehen exponentiellen Wachstums haben, verstehen
wir die gegenwärtige Krise so wenig. „Seit es die Corona-Krise gibt, sind doch erst
27 Menschen am Virus gestorben – was soll die ganze Panikmache? Im Straßenverkehr
sind im gleichen Zeitraum viel mehr Menschen gestorben.“ – So oder so ähnlich dachten
noch vor wenigen Wochen viele. Aber der Verkehr wächst nicht exponentiell wie die
Seerosen und die Weizenkörner – und die Coronavirus-Fälle und -Toten!
Wenn man den Verlauf der Pandemie in Ländern wie Großbritannien, Schweden oder den
USA betrachtet, wird sofort klar, wie todbringend mathematische Unkenntnis sein kann.
Am 20. März 2020 gab es in den USA noch 14 631 infizierte Corona-Fälle. In Deutschland
waren es zum gleichen Zeitpunkt schon 18 361 Fälle und in Großbritannien erst 3297.
Genau eine Woche später (am 27.3.) lagen die Zahlen wie folgt: USA: 100 717, Deutschland
50 871 und Großbritannien 14 734. Die Zahl der Fälle war damit innerhalb einer Woche
in den USA etwa auf das 7-Fache, in Großbritannien auf das 4,5-Fache und in Deutschland
auf das 2,5-Fache gestiegen ([
Abb. 2
]).
Abb. 1 Weizenkörner auf einem Schachbrett. Beginnt man mit 1 Korn auf dem ersten Feld und
verdoppelt die Zahl auf dem nächsten Feld usw. nimmt die Zahl der Körner exponentiell
zu und schon auf das achte Feld passen die Körner nicht mehr: 1, 2, 4, 8, 16 etc.,
die Zahl der Körner folgt also der Formel 2(n-1), wobei n die „Nummer des Feldes ist. Folglich befinden sich auf dem ersten Feld 20=1, auf dem zweiten Feld 21=2, auf dem dritten Feld 22=4 und auf dem 64. Feld 263 Körner (Quelle: ©Autor)
Abb. 2 Das Online-Dashboard der Johns-Hopkins-Universität zählt mit über einer Milliarde
Clicks wahrscheinlich zu den meist angesehenen Webseiten [31]. Man sieht hier die Daten aus 183 Ländern zu Infektionen (1276 302 Fälle), Toten
(69 514) und wieder Genesenden (262 999). Die Daten werden mehrfach täglich aktualisiert,
und man kann sich interaktiv über einzelne Länder informieren. Wenn in dieser Arbeit
keine anderen Quellen für Zahlen genannt werden, dann stammen sie aus dieser Quelle:
https://gisanddata.maps.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6 (abgerufen am 6.4.2020, um 9.38 Uhr).
Corona (Stand: 6.4.2020)
Corona-Viren kommen in Fledermäusen und Pangolins vor. Wahrscheinlich schon im November
2019, vielleicht auch schon Ende September 2019 [16], kam es zu einem Übergang des Virus, möglicherweise von Fledermäusen über Pangolins
auf den Menschen [29], vermutlich dadurch, dass es in China Märkte für alle möglichen (noch lebendigen)
Lebewesen gibt, die zum Verzehr gekauft werden (weswegen mittlerweile ein komplettes
Verbot des Verkaufs solcher „Wildtiere“ zum Verzehr in ganz China diskutiert wird
[26], [27]). Machenschaften in einem chinesischen Hochsicherheitslabor haben das Virus nicht
hervorgebracht, wie dessen genetische Analyse zeigt [2].
Dann verbreitete sich das Virus bekanntermaßen zunächst in der Stadt Wuhan in der
chinesischen Provinz Hubei. Der erste Fall von Covid-19 wurde im Dezember 2019 von
dem 33-jährigen Augenarzt Li Wenliang beschrieben, der über Weibo, das chinesische
Analogon von Twitter, seine Kollegen warnen wollte. Dafür wurde er von der Polizei
verprügelt und für einige Tage inhaftiert. Erst im Januar schwenkte die chinesische
Regierung ihre Strategie von „Vertuschung“ auf „rigorose Maßnahmen zur Eindämmung“
um: Am 23. Januar 2020 wurden in Wuhan und ein Tag später in 14 weiteren Städten drakonische
Maßnahmen zur Abriegelung eingeführt, die in der Folge die Verbreitung des Virus eindämmten,
sodass es am 18. März 2020 erstmals keinen einzigen Neuerkrankten in China gab. Bereits
am 7. Februar ist Wenliang, 33-jährig, verstorben und hinterließ Kind und Frau, die
im Juli das zweite Kind erwartet.
Wichtige Pandemie-Parameter sind für das Virus SARS-CoV-2 bis heute nicht geklärt.
Die Rate der Todesfälle (Letalität) beispielsweise schwankt zwischen 1 von Tausend
bis 1 von 30. Das Risiko hängt von Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und der medizinischen
Versorgung ab, die man erhält. In Großbritannien lag die Letalität an Covid-19 bei
rund 9 %, in Italien bei fast 12 % und in Deutschland bei nur gut 1 %. Die Letalität
einer Erkrankung bezieht sich ja grundsätzlich auf eine bestimmte Gemeinschaft bzw.
einer ganzen Gesellschaft. Besteht eine Altersabhängigkeit des Erkrankungsrisikos,
dann wirkt sich das auf die Letalität entsprechend aus. So wurde berechnet, dass die
Letalität in Nigeria mit seiner recht jungen Bevölkerung nicht einmal halb so groß
sein dürfte wie die in Italien. Schließlich ist noch die Frage ungeklärt, wie viele
Infizierte mit leichten oder keinen Symptomen bei diesen Berechnungen übersehen werden.
Wenn es viele sind, wird die Letalität aller mit SARS-CoV-2 Infizierten viel niedriger
sein als die Letalität von Covid-19, also von an der Krankheit leidenden Menschen.
Wir wissen, dass Großbritannien nur schwerkranke Menschen testet und damit viele leichte
oder symptomlose Fälle nicht berücksichtigt, Südkorea und Deutschland hingegen viele
Tests durchgeführt haben. Daher ist die Letalität in diesen Ländern geringer [13]. Die Maßnahmen der sozialen Distanzierung sind schon seit über hundert Jahren bekannt
und nachweislich wirksam [11].
Der britische Premierminister Boris Johnson folgte seinem Berater viel zu lange, der
gemeint hatte, man müsse nur abwarten, bis Herdenimmunität[
1
] bestehe, d. h. bis so viele Menschen die Infektion durchgemacht haben, dass die
Ausbreitung des Virus sich von alleine verlangsamt. Wie britische Wissenschaftler
vom Imperial College COVID-19 Response Team jedoch am 16. März online publizierten
[9], würde diese Strategie zu mehr als einer halben Million vermeidbarer Todesfälle
im Land führen. Am gleichen Tag änderte Johnson seine Strategie: „[Er] sagte, man
solle alle unnötigen Reisen unterlassen und möglichst von zu Hause aus arbeiten. Kneipen,
Clubs und andere soziale Räume sollten vermieden werden, und ganze Haushalte sollten
sich selbst 14 Tage lang isolieren, falls ein Mitglied Symptome von Covid-19 entwickelt.
Besonders für das Virus anfällige Menschen könnten bald gebeten werden, 12 Wochen
zu Hause zu bleiben“[
2
] [12]. Die Zahlen lassen vermuten, dass Johnson zu spät gehandelt hat.
Für die USA wurde mit gleicher Methodik berechnet, dass es beim Nichtstun zu 2,2 Millionen
zusätzlichen Toten kommen würde, was Herrn Trump offenbar wenig beeindruckte. Seine
Art des Umgangs mit der Corona-Pandemie [7] dürfte als klassisches Beispiel von diesbezüglichem komplettem administrativem Versagen
in die Geschichte eingehen, und es ist zu vermuten, dass dies zur Folge haben kann,
dass er im Herbst nicht wiedergewählt werden wird. Einer von vielen Kommentaren hierzu
lautete wie folgt: „Das Coronavirus könnte sich als eine Herausforderung erweisen,
der Trump in keiner Weise gewachsen ist – und in der sich all seine bisherigen Rezepte
und Show-Effekte als wirkungslos erweisen. Der Erreger Sars-CoV-2 schafft Fakten,
die sich nicht länger verdrehen lassen. Trump kann die Virus-Krise längst nicht mehr
kleinreden. Kein Tweet, keine Mauer kann die Ausbreitung eindämmen. Die Corona-Katastrophe
macht vor nichts Halt […] Das Virus könnte Trump das Amt kosten. – Wie konnte es so
weit kommen? Der fahrlässige Umgang mit der Pandemie-Bedrohung in den USA gilt als
Lehrbeispiel für katastrophal schlechtes Krisenmanagement“ [18].
Sowohl Trump als auch Johnson gehören dem konservativen Lager an. Ist das ein Zufall?
Interessant ist im Hinblick auf diese Frage eine am 28. März als Vorabdruck erschienene
Publikation von Wissenschaftlern um Christopher Adolph von der University of Washington
in Seattle (USA). Sie konnten empirisch an einem großen Datensatz nachweisen, dass
US-Bundesstaaten, die entweder einen republikanischen Gouverneur haben oder in denen
Trump bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 besser abgeschnitten hatte, Maßnahmen
der körperlichen Distanzierung vergleichsweise mit geringerer Wahrscheinlichkeit und
vor allem zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt hatten als Staaten, die von Demokraten
geführt oder dominiert werden ([
Abb. 3
]).
Abb. 3 Effekt einer Maßnahme der sozialen Distanzierung in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der
Einführung: Ein Tag später resultiert in 40 % mehr Fällen. Man sieht leicht ein, dass
der Effekt von der Wachstumsrate, also der Steilheit der Kurve, abhängig ist (nach
Daten aus [39]).
Abb. 4 Zitat aus einem Tweet
Aus dem wesentlichen Absatz zum bisherigen Verlauf der Corona-Krise in den USA sei
im Folgenden wörtlich zitiert: „Zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Untersuchungszeitraum
führten die republikanischen Gouverneure Maßnahmen der körperlichen Distanzierung
mit 42,2 % (95 % KI: 13,5 bis 63,2) geringerer Wahrscheinlichkeit ein als ihre demokratischen
Amtskollegen. Bei Konstanthaltung der anderen Variablen im jeweiligen Bundesstaat
– einschließlich des Stimmenanteils von Trump bei den Wahlen im Jahr 2016 – verzögern
Republikaner im Durchschnitt jede Maßnahme zur sozialen Distanzierung auf Bundesstaatsebene
um 1,68 Tage (95 % KI: 1,57 bis 1,78). […] Ein Bundesstaat, in dem der Trump-Stimmenanteil
von 2016 75 % erreichte, führte zu einem bestimmten Zeitpunkt mit 28,1 % (95 % KI:
1,1 bis 49,3) geringerer Wahrscheinlichkeit eine zusätzliche Maßnahme [zur Eindämmung
des Corona-Virus] ein als ein Bundesstaat, in dem die Unterstützung für Trump nur
25 % erreichte. Die durchschnittliche Verzögerung betrug 0,99 Tage (95 % KI: 0,93
bis 1,07). In Staaten mit republikanischem Gouverneur und überwiegend Trump-Wählern
(was zusammenhängt) war eine Verzögerung von 2,70 Tagen (95 % KI: 2,49 bis 2,88) zu
verzeichnen. […] Wenn sich die Zahl der Corona-Virus-Infektionen in einem Staat alle
sieben Tage verdoppelt, erhöht sich die Spitzenbelastung der Fälle um 30,6 %. In einem
Staat, in dem sich die Infektionen alle drei Tage verdoppeln, könnte das politische
Überwiegen der republikanischen Partei die Spitzenzahl der Fälle um 86,6 % erhöhen“[
3
] [1].
Nun ist die Spitzenbelastung in den USA noch nicht eingetreten. Wenn dies geschehen
ist, wird man auch wissen, mit welcher Geschwindigkeit sich das Virus in dieser Zeit
ausgebreitet hat. Dann wird jeder leicht berechnen können, in wie viele Tausenden
oder Hunderttausenden Toten sich die Stimmen für Republikaner bzw. für Trump umrechnen
lassen. Falsche Risikoeinschätzung und das Unverständnis für exponentielles Wachstum
werden sich in den USA also besonders deutlich auswirken.
Als dritter Fall sei noch kurz Schweden diskutiert. Das Land belegte am 1. April 2020
(6 Uhr) mit 4435 Covid-19 positiven Fällen im weltweiten Ranking (1. USA, 2. Italien,
3. Spanien, 4. China, 5. Deutschland, 6. Frankreich, 7. Iran, 8. Großbritannien) nur
den Rangplatz 21, noch hinter Norwegen (mit 4641 Fällen) auf Platz 19. Die Anzahl
der Todesfälle lag damals jedoch in Schweden mit 180 schon deutlich über der von Norwegen
mit 39. Dennoch wurden in Schweden keine drastischen Maßnahmen verhängt, die Kneipen
und Restaurants blieben offen und die Schulen und Kindergärten auch. Der dortige verantwortliche
Epidemiologe Anders Tegnell riet der Regierung, einfach abzuwarten, bis genügend Schweden
die Krankheit durchgemacht haben, wodurch dann Herdenimmunität für Schweden bestehe
und sich das Problem erledigt haben würde. Dass er mit diesem Nichthandeln Tote produziere,
muss er in Kauf genommen haben. Ob er der Regierung von den zu erwartenden Toten erzählt
hat, weiß ich nicht, nach deren Verhalten – sie fangen jetzt – eine Woche vor Ostern
– an, über ausbreitungshemmende Maßnahmen nachzudenken, scheint dies nicht der Fall
gewesen zu sein.
Dass die Corona-Krise nicht nur unserem Unverständnis kleiner Wahrscheinlichkeiten
und der Exponentialfunktion, sondern auch unserer unglaublich komplexen Gesellschaft
geschuldet ist, wird jedem klar, der darüber nachdenkt. Unsere Gesellschaft weist
schier unendlich viele funktionale Zusammenhänge physikalischer, chemischer, biologischer,
psychologischer und sozialer Natur auf, die wir längst noch nicht alle kennen oder
gar verstanden haben und die zugleich oft nicht linear sind. Wenn nun auf dieses äußerst
komplexe System eine globale Pandemie mit exponentiellem Wachstum zukommt, dann werden
ständig Konsequenzen real, mit denen niemand gerechnet hatte.
Ein vielleicht noch nicht sehr bekanntes Beispiel ist die Wettervorhersage, die durch
die Corona-Pandemie schlechter geworden ist, genau genommen etwa so schlecht wie vor
10 Jahren. – Warum? Durch die Corona-Krise ist es zu einem dramatischen Einbruch von
Wetterdaten gekommen. Ursache für die fehlenden Wetterdaten ist eine geringere Anzahl
von Flugzeugen in der Luft, die während ihres Fluges wichtige Wetterdaten über den
Ist-Zustand der Atmosphäre sammeln. Früher erfolgte die Messung von Temperatur, Luftfeuchtigkeit,
Windgeschwindigkeiten und -richtungen in verschiedenen Höhen mit Wetterballons. Dann
wurden diese durch die immer größer werdende Flotte der Verkehrsflugzeuge ersetzt,
die ohnehin weitaus mehr Daten generieren und damit auch liefern können. Durch die
Eindämmung der Corona-Pandemie ist der Luftverkehr fast zum Erliegen gekommen. Und
deswegen sind jetzt Unwetter schwerer vorherzusagen. Damit erhöht sich das Risiko
für Länder, die mehr Vorlauf brauchen, um sich auf Wetterkatastrophen vorzubereiten.
Wettervorhersagen sind zwar noch immer so gut wie vor 10 Jahren, und wenn es im Wetterbericht
heißt, es wird morgen die Sonne scheinen, dann wird es morgen nicht regnen. Aber sie
sind dennoch unzuverlässiger, vor allem für Zeitpunkte, die weiter in der Zukunft
liegen.
Angst und Misstrauen, Denunziation und Verleugnung
Angst und Misstrauen, Denunziation und Verleugnung
Nicht nur unser Denken wird durch die Corona-Pandemie auf die Probe gestellt, auch
unsere Gefühle. In evolutionärer Hinsicht handelt es sich dabei um Veränderungen des
Gehirns und seiner Leistungen, die viele Funktionen betreffen und Heuristiken (sofort
verfügbare Richtschnüre) für rasches Handeln ohne langes Nachdenken (Deliberieren,
Simulieren, Probehandeln) sorgen können. Wer aus irgendeinem Grunde Angst hat, denkt
nicht lange nach, sondern tut das, was jetzt gerade notwendig ist, um aus der Situation
wieder herauszukommen.
Wenn von der Psychologie der Corona-Pandemie die Rede ist, geht es meist um Angst
und Einsamkeit. Meist wird darüber geredet, dass viele jetzt in Panik verfallen und
sich dann aus diesem Grund unangemessen verhalten würden: Schlaflosigkeit, Sorgen,
Grübeln und die resultierenden Hamsterkäufe oder ein generelles Misstrauen gegenüber
allen fremden Menschen, die nur noch als Virus-Quelle wahrgenommen werden, sind die
Folge. Diese Überreaktion vieler Einzelner schadet unserer Gesellschaft vor allem
langfristig.
Denn wozu Misstrauen in der Pandemie führen kann, zeigen Fallbeispiele aus vielen
Ländern. Wurde noch Mitte März fast schmunzelnd darüber berichtet, dass die Deutschen
Mehl, Hefe und Toilettenpapier und die Franzosen Rotwein und Kondome in der Krise
hamstern, so war die Nachricht, dass die Amerikaner vor allem Waffen kaufen, schon
gar nicht mehr lustig. 2 Wochen später wurde dann berichtet, dass der Verkauf von
Toilettenpapier in Deutschland tatsächlich um etwa ein Drittel zugenommen hat, der
Verkauf von legalen Waffen zur Selbstverteidigung –hierzulande – hingegen auf das
3-Fache gestiegen ist.
In Frankreich gibt es 3,4 Millionen Ferienhäuser als Zweitwohnungen wohlhabender Bürger
– mehr als in irgendeinem der Nachbarländer Frankreichs. Wie die New York Times am
Sonntag, den 29.3.2020, berichtete, sind sehr viele Einwohner von Paris in den vergangenen
Tagen auf’s Land gefahren, um ihre Zeit in den Bergen oder am Meer zu verbringen.
Auf der Atlantikinsel Noirmoutier liefen die neu Angekommenen dann gleich zum Strand
und verhielten sich wie Urlauber, d. h. nicht ordnungsgemäß. Die Einheimischen fürchten
sich vor ihnen und reagierten entsprechend: Bei Autos mit Pariser Nummernschild wurden
die Reifen aufgeschlitzt [5]. Wenn wir schon darüber diskutieren, dass Grenzen zwischen EU-Ländern wie beispielsweise
die deutsch-österreichischen Grenze im Grunde nicht geschlossen werden sollte, um
wieviel mehr müssen wir uns dann um Landesgrenzen sorgen? Oder um den Zustand unserer
Demokratie, in der kein Platz sein sollte für Denunzianten, auch nicht in sozialen
Online-Netzwerken.
Aus meiner Sicht ist panische Überreaktion derzeit das kleinere Problem. Das genaue
Gegenteil – Verleugnung und Kopf in den Sand – ist momentan weitaus gefährlicher.
Denn es verhindert die jetzt nötigen Verhaltensänderungen, die unbedingt notwendig
sind, wenn wir die Krise mit minimalen Verlusten – sprich: Todesfällen – überstehen
wollen. Um es ganz klar zu sagen: Nach den derzeitigen Berechnungen werden die meisten
Menschen am Corona-Virus versterben, weil ihre Mitmenschen zu sorglos mit der Gefahr
umgegangen sind. So wie Brücken ja auch nur gefährlich sind, wenn man sich falsch
verhält und von ihnen herunterspringt, ist das Corona-Virus nur gefährlich, wenn sich
die Menschen nicht richtig verhalten. Corona-Partys in deutschen Großstädten oder
am Strand in Florida sind gefährlicher als das Virus selbst. Wenn nach dem letzten
Deutschlandtrend die Hälfte der Deutschen sich über Corona keine Sorgen machen, dann
sind das definitiv 100 % zu viele! Das muss sich ganz rasch ändern.
China hat seinen Bürgern während der Krise immer wieder eingehämmert: Ihr bringt andere
um, wenn ihr Euch nicht an die Regeln haltet. Dieses Bewusstsein fehlt hier noch sehr
deutlich, vor allem bei jüngeren Menschen, möglicherweise aus Sorglosigkeit oder eher
Fahrlässigkeit, manche jedoch auch bewusst. Gehen Jugendliche und junge Erwachsene
wirklich so gerne über Leichen? Und noch dazu über die von Oma und Opa? – Man muss
sie vielleicht noch ein paarmal so deutlich fragen. Nichts nützen wird das bei denjenigen,
die vom Corina-Virus zynisch als „Boomer-Remover“ sprechen, d. h. als ein Agens, das
die Generation der Baby-Boomer aus der Gesellschaft effektiv zu entfernen in der Lage
ist [15].
Körperlicher Abstand versus soziale Isolation versus Einsamkeit
Körperlicher Abstand versus soziale Isolation versus Einsamkeit
Die Erfahrungen aus Wuhan hatten gezeigt, dass körperlicher Abstand zwischen Personen
(am besten 2 Meter) eine sehr gute Maßnahme darstellt, die Ausbreitung des Corona-Virus
zu mindern. Im Englischen sprach man von „social distancing“, was man im Deutschen
übernahm, sodass auch die Kanzlerin in ihrer Rede an die Nation vom 18. März von einzuhaltender
„sozialer Distanz“ bzw. „sozialer Distanzierung“ sprach. Man muss jedoch betonen,
dass körperliche Distanz nicht das Gleiche ist wie soziale Isolation. Insofern sollte
diese momentan wichtigste Maßnahme zur Verminderung der Todesfälle Maßnahme nicht
„social distancing“, sondern „physical distancing“ genannt werden. Telefonieren beispielsweise
bedeutet soziale Nähe bei körperlicher Distanz, und das wird während der Corona-Pandemie
sehr wichtig. Weil dabei deutlich weniger Informationen durch das Netz fließen als
beim Video-Chat, ist es zudem viel solidarischer, zu telefonieren, denn man blockiert
mit dem Telefonieren weit weniger das Netz.
Auch die Weltgesundheitsorganisation spricht mittlerweile von „körperlicher“ und nicht
mehr von „sozialer“ Distanz, die es einzuhalten gilt. In Singapur spricht man von
„safe distancing“ und ein Psychologe der Stanford-University von „distant socializing.“
„Bleiben Sie zuhause und wenn Sie rausgehen, bleiben Sie körperlich entfernt voneinander.“
So sollte die lebenswichtige Nachricht formuliert werden, sagte ein Mitglied der Northwestern
University, USA. „Aber um in dieser Zeit gesund zu bleiben, müssen die Leute aktiv
nach Wegen suchen, sozial zu bleiben. Das ist etwas anderes als soziale Distanzierung“
[2]. Laut der Nachrichtenagentur AFP unterlagt am 2. April mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung
(3,9 Milliarden Menschen) aufgrund der Corona-Pandemie Ausgangsbeschränkungen. In
mehr als 90 Ländern waren demnach Ausgangssperren oder andere Maßnahmen in Kraft,
die den Kontakt zwischen Menschen reduzieren sollten.
Das muss Nebenwirkungen haben. Denn die Vereinsamung durch Quarantäne ist eine reale
und ernst zu nehmende Gefahr. Einsamkeit geht mit erhöhtem Stress einher, und wenn
der chronisch wird, kommt es zu Bluthochdruck, Diabetes und verminderter Immunabwehr
und damit zu mehr Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie zu mehr Krebs und – gerade
jetzt besonders wichtig – zu einem geschwächten Immunsystem und macht damit anfälliger
für einen kritischen Verlauf der Corona-Infektionen [22]. Solange es weder nachweislich wirksame Medikamente oder Impfstoffe gibt, haben
wir nichts anderes als unser eigenes Immunsystem zur Abwehr des Virus. Daher ist es
auch sehr vernünftig, dass wir keine Ausgangssperre haben, sondern eine Reihe von
Maßnahmen, die auf körperliche Distanz hinauslaufen: Fallbezogene Selbstisolation
(„Quarantäne“), Verbot öffentlicher Veranstaltungen (z. B. Fußballspiele), Kita und
Schule geschlossen, Lockdown (wird unterschiedlich definiert und bezeichnet allgemein
eine Verminderung vieler wirtschaftlicher Aktivitäten) und die Aufforderung zu körperlichem
Abstandhalten von 2 Metern. Reisebeschränkungen gehören zwar auch dazu, bringen jedoch
nach allem, was wir heute schon wissen, im Grunde sehr wenig bis gar nichts. Von den
anderen genannten Maßnahmen ist der körperliche Abstand am wichtigsten.
Es ist daher schade, dass der Präsident des Landes, das schon länger die Liste der
am meisten betroffen Länder anführt, weder das Tragen von Masken („das ist nichts
für mich“) noch die körperliche Distanzierung vorlebt. Er wird mit seinem Motto „America
first“ wohl kaum die Position der USA auf der Liste der Infektionszahlen gemeint haben.
Folgen
Die Stadt New York war zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Editorials zum weltweiten
Zentrum der Pandemie geworden. Bereits am Donnerstag, den 26. März 2020, überstieg
die Anzahl der Notrufe in der Stadt die Anzahl der Notrufe am 11. September 2001 [10]. Mittlerweile gibt es dort Kühllastwagen und Zelte für die täglich Hunderten von
Corona-Toten sowie ein „Pop-up-Leichenschauhaus“. Pfarrer erteilen die Letzte Ölung
per Video [28]. In den USA haben innerhalb der letzten beiden Märzwochen 10 Millionen Menschen
Arbeitslosenhilfe beantragt und die Hälfte aller Amerikaner war Anfang April von Einkommensverlusten
durch die Corona-Krise betroffen. Am 2. April hatte angesichts der steigenden Zahl
von Corona-Toten die US-Katastrophenschutzbehörde das Verteidigungsministerium um
100 000 Leichensäcke gebeten.
Ähnlich wie mit unserer Körpertemperatur, die ein Optimum zwischen den tödlichen Extremen
„zu kalt“ und „zu warm“ hat, steht es auch mit unseren sozialen Beziehungen: Zuviel
und zu wenig belasten kurzfristig und bringen uns langfristig um. Einsamkeit ist in
den westlichen Industrienationen die Todesursache Nummer 1 und Stress durch fehlende
Rückzugsmöglichkeiten (man spricht von „Dichtestress“) bewirkt Konflikte, die in Gewaltakten
eskalieren können. In Wuhan steigen die Scheidungsraten und Psychologenverbände warnen
vor steigendem Risiko häuslicher Gewalt. In Berlin ist die häusliche Gewalt um 10
% gestiegen. In Deutschland gibt es ein Stadt-Land-Gefälle, weil man auf dem Land
mehr Platz hat und bessere Möglichkeiten, rauszugehen.
Die Corona-Pandemie gefährdet unsere Demokratie. Sie erlaubt beispielsweise Despoten,
die Versammlungsfreiheit einzuschränken oder sogar ganz aufzuheben, in Hongkong und
Ungarn ebenso wie in China, Russland und Ländern in Südamerika. Die freiheitliche
westliche Welt muss wachsam bleiben, jetzt und in der nahen Zukunft. Die Einschränkungen
unserer Freiheit aufgrund der Corona-Pandemie werden nach heutigem Kenntnisstand definitiv
nicht am 19. April enden, also dem Termin, bis zu dem die getroffenen Maßnahmen zunächst
gelten sollten. Unsere Fähigkeit, sowohl mit Einsamkeit als auch mit Dichtestress
umzugehen, wird auf eine harte Probe gestellt werden.
Machen wir uns keine Illusionen: Die Welt wird nach der Krise eine andere sein als
davor. Wird sie eine bessere oder eine schlechtere sein? Das hängt – und es ist meiner
Ansicht nach sehr wichtig, sich dies vor Augen zu führen – nicht vom Virus ab, sondern
von uns ([
Tab. 1
]).
Tab. 1
Nachrichten aus der Zukunft in Abhängigkeit davon, wie wir aus der Krise herauskommen.
Seien wir optimistisch!
|
Wann?
|
Nachricht
|
|
1. Dezember 2021
|
Die Idee, globale Krisen nur durch globale Kooperation lösen zu können, hat sich weltweit
durchgesetzt, sogar in Ungarn, Polen, China, Russland und (ganz zuletzt) in den USA.
|
|
4. Juli 2023
|
Der US-amerikanische Präsident tritt der Nato und den Vereinten Nationen am Nationalfeiertag
der USA mit großer Zeremonie bei. Der Wiedereintritt war notwendig, weil sein Vorgänger
im September 2020 beide Institutionen verlassen hatte, um den verlorenen Wahlkampf
wegen der mittlerweile 2 Millionen Covid-19-Toten noch einmal herumzureißen, und zu
zeigen, dass nur er für die Amerikaner (und für sonst niemanden) einsteht. Es hatte
nichts genutzt: Sein Motto „America first“ war ihm auf die Füße gefallen, denn es
bezeichnete damals seit Monaten vor allem die Position der USA auf der Rangliste der
Staaten mit den meisten Corona-Opfern.
|
|
3. Mai 2024
|
Unter dem Motto „Influenza statt Influencer“ vereinigen sich 15-jährige Mädchen, die
Virologie studieren wollen, weil man damit erstens berühmter wird als mit Mode und
Schminke und zweitens die Sache um Welten spannender ist.
|
|
1. Januar 2030
|
Im vergangenen Monat hatte eine Virus-Pandemie mit dem Virus SARS-CoV-3 die Welt in
Atem gehalten. Wegen offener Grenzen hatte es sich seit dem ersten Advent 2029 wie
ein Lauffeuer innerhalb von 2 Wochen über den gesamten Erdball verbreitet. Nach einer
weltweit konzertierten Aktion von Tests und Quarantäne aller Infizierten und Kontaktpersonen
sowie einem seit Weihnachten in allen Ländern gestarteten Impfprogramm erklärt der
Chef der WHO die Pandemie heute für beendet. Er beklagt weltweit 17 Tote.
|
Können Sie sich noch an die Meldungen des Robert-Koch-Instituts im vergangenen Sommer
über die möglichen Tausende von Toten durch Feinstaubbelastung erinnern? Oder an die
Fridays-for-Future-Bewegung und Greta Thunberg? Von beidem hört man jetzt gar nichts
mehr, und der Grund ist nicht, dass wir das vergessen haben, sondern, dass die Forderungen
erfüllt sind: 95 % aller Flüge eingestellt, Ölförderung gedrosselt (weltweit), Wirtschaft
gedrosselt (weltweit), bessere Luft in China und sauberes Wasser in Venedig. Ein winziges
Viruspartikel, das uns Menschen eine Lungenkrankheit pandemischen Ausmaßes beschert
hat, verschafft dem Erdball gerade eine Verschnaufpause. Die „Nebenwirkungen“ dieser
globalen Rosskur für uns Menschen sind jedoch dramatisch und werden nicht nur viele
Tote, sondern auch viel Leid (auch durch die wirtschaftlichen Einschnitte) mit sich
bringen. Wir werden auch erleben, dass andere Patienten vernachlässigt werden, weil
man sich nur noch um Covid-19 kümmern kann. Bei der Ebola-Epidemie in Afrika hat dieser
indirekte Effekt zu einer Verdopplung der Ebola-Todesfälle geführt [17].
Greta Thunberg, die zwischenzeitlich wahrscheinlich auch an COVID-19 erkrankt war,
sagte am 24. März 2020 etwas ähnliches: „Die Corona-Krise zeigt deutlich, dass unsere
gegenwärtigen Gesellschaften nicht nachhaltig sind. Wenn ein Virus innerhalb weniger
Wochen die gesamte Wirtschaft auslöschen und Gesellschaften zum Erliegen bringen kann,
dann ist das ein Beweis dafür, dass unsere Gesellschaften nicht sehr widerstandsfähig
sind. Es zeigt aber auch, dass wir dann, wenn wir uns in einer Notlage befinden, handeln
und unser Verhalten rasch ändern können. Und solangeädwir Solidarität und gesunden
Menschenverstand haben, werden wir jede Krise überstehen“[
4
] (Thunberg, zit. nach [24]).
Die Krise hat schon jetzt nachweisbare positive Nebeneffekte: In Deutschland gibt
es seit den einschränkenden Maßnahmen deutlich weniger Verkehrsunfälle, in Italien
gibt es im Vergleich zum Vorjahr 64 % weniger Straftaten und in Spanien ist die Kriminalität
in der Corona-Krise um 50 % zurückgegangen [6]. Die Deutsche Bahn ist seit der Corona-Krise pünktlicher, hieß es am 5.4. um 5.44
Uhr ebenfalls auf Bild.de im Live-Ticker. Driver-by-Geburtstagspartys gibt es nicht
nur in den USA, sondern auch bei uns.
Fassen wir zusammen: Die Corona-Krise wird nicht nur durch die Eigenheiten des Virus
SARS-CoV-2 und der von ihm verursachten Krankheit Covid-19 bestimmt, sondern auch
dadurch, was und wie Menschen in Krisenzeiten erleben, fühlen, bewerten, entscheiden
und handeln. Über das Virus wissen wir noch längst nicht alles, weswegen eine Zusammenfassung
wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Virus und der Krankheit in wenigen Wochen veraltet
wäre. Anders ist es mit dem Wissen über unser Erleben, Fühlen, Bewerten, Entscheiden
und Handeln – als Einzelne, als Gruppe und als Gesellschaft. Jede Krise bringt das
Beste und das Schlechteste aus den Menschen heraus, je nach Mensch eben: Egoistische
Hamsterkäufe und nachbarschaftliche Hilfe beim Einkaufen, Denunziantentum und Demonstration
von Solidarität, Einsamkeit und Dichtestress, das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt
(vielleicht sogar von Schülern nach den Lehrern) und vermehrte Aggressivität. Es darf
nicht geschehen, dass wir wegen der Pandemie unsere Werte über Bord werfen. Die Freiheitseinschränkungen
werden wieder aufgehoben werden, nach und nach, begleitet von zusätzlichen Maßnahmen
wie Schutzmasken und Tracking-Apps, die mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung
vereinbar sind. Das Leben muss nicht in jeder Hinsicht (Ressourcenverbraucht, Flugreisen,
sinnlose Events und vor allem immer schneller, höher, weiter) wieder genau so werden,
wie es vorher war! Vielleicht wird es bewusster, nachhaltiger und solidarischer.