Zeitschrift für Phytotherapie 2020; 41(05): 205-206
DOI: 10.1055/a-1200-5115
Editorial

Verloren und vergessen?

Etwas verloren zu haben ist eine Erfahrung, die wir sicher alle schon einmal gemacht und worüber wir uns mehr oder weniger geärgert haben. Es passiert eben – bewusst etwas verlieren zu wollen, ist sicher eine eher seltene menschliche Entscheidung. In unserer Empfindung ist das Vergessen wichtiger Dinge ebenfalls eher ärgerlich als gewollt. Dabei ist, neurobiologisch betrachtet, das Vergessen ein aktiver Prozess, der wie ein angeborener Spamfilter im Gehirn wirkt und dafür sorgt, dass unser Gedächtnis nicht durch ein Zuviel an Informationen überlastet wird. Auch abstraktes Denken funktioniert nur, wenn wir große Mengen an Informationen vergessen. Sinn dieser Mechanismen ist es, sich auf wesentliche Informationen zu konzentrieren und die Informationsverarbeitung schnell und präzise ablaufen zu lassen. Vergessen gehört also mit all seinen Vorzügen und Nachteilen zu unserem Leben. Besondere Erfahrungen, Fertigkeiten und Begebenheiten im individuellen Leben vergessen wir in der Regel nicht – das bleibt zumeist lebenslang im Gedächtnis haften. Leider ist das System nicht perfekt und mit dem Alter macht es mehr und mehr Fehler – eine Erfahrung, die wir sicher auch alle machen.

Neben dem biologisch determinierten, individuellen Vergessen gibt es aber ein Vergessen, das durch gesellschaftliche Prozesse gesteuert wird. Gerade wird ja das Recht auf Vergessen im Internet intensiv diskutiert – hier wird mit Absicht „Vergessen“ ausgelöst, mit allen Vor- und Nachteilen.

In diese Kategorie kann man auch das „organisierte“ Verlieren bzw. Vergessen von Wissen einordnen, wie z. B. im Bereich der Arzneitherapie.

Bestimmte Therapeutika, die nach aktuell wissenschaftlichen Kriterien vermeintlich keine Bedeutung mehr haben oder für die es bisher keine naturwissenschaftlich nachweisbaren Effekte gibt, werden bewusst aus dem aktuellen Arzneischatz getilgt. Das hat man in den letzten etwa 150 Jahren oft getan. Damit ist der erste Schritt des Vergessens dieser Arzneimittel eingeleitet, denn dann werden diese Therapeutika auch nicht mehr oder nur als historische Besonderheiten in der Ausbildung von Heilberuflern erwähnt, wenn sie denn überhaupt noch erhältlich sind. Es dauert damit nur etwa eine „Berufs-Generation“, bis das ehemals etablierte Wissen aus der aktiven Anwendung verschwindet bzw. nur noch von wenigen Außenseitern genutzt wird. Es existiert allerdings noch in Bibliotheken und kann damit auch reaktiviert werden, jedoch nur mit extrem großem Aufwand, da der gesellschaftliche Mainstream davon ausgeht, dass sich therapeutischer bzw. medizinischer Fortschritt linear zum Besseren oder effektiver Wirksameren entwickelt. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist die Veterinär-Phytotherapie, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts fast vollkommen „vergessen“ wurde.

Natürlich ist der medizinische Fortschritt evident und nicht zu bestreiten, aber die vielen Zulassungsentziehungen und Marktrücknahmen von evidenzbasierten Arzneimittel-Neuentwicklungen zeigen auch, dass der Fortschritt eben nicht geradlinig verläuft.

Viele Patienten und Patientinnen reagieren darauf mit Skepsis bis hin zur Ablehnung moderner Pharmakotherapien und wenden sich alternativen bzw. vermeintlich naturheilkundlichen Therapien zu. Oft, und mit Unterstützung des Internets, wird dann eine Selbstbehandlung mit Nahrungsergänzungsmitteln und fragwürdigen Zubereitungen als Lösung aller Probleme ausgewählt. Mit Quacksalberei und Versprechungen ziehen dubiose Akteure finanziellen Gewinn aus manch einem therapeutischen Notstand. Das hat aber nichts mit ernsthafter Naturheilkunde zu tun, die seit den 1990er-Jahren systematisch und wissenschaftlich als Teil der evidenzbasierten Medizin weltweit erforscht wird. In den USA wurde damals unter dem Dach der National Institutes of Health ein Institut zur Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren gegründet, das heute als National Center for Complementary and Integrative Health zusammen mit dem National Cancer Institute staatlich geförderte Forschung auf diesem Gebiet betreibt. In Deutschland ist diese Forschung dagegen auf Stiftungen und Drittmittelförderung angewiesen, dabei ist die Akzeptanz und die Anwendung komplementärmedizinischer Methoden und Arzneimittel unter Patientinnen und Patienten in unserem Land besonders hoch! Das betrifft auch die Phytotherapie als Teil der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM), die sich in Europa in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt und einen großen Erfahrungsschatz durch aktive Anwendung gesammelt hat.

Könnte das nicht ein Grund dafür sein, dass man sich an heute vergessene, traditionelle pflanzliche Arzneimittel erinnert? Phytotherapeutika, deren Anwendung auf Erfahrungswissen beruht, das in mehreren hundert Jahren gesammelt wurde? Unter Nutzung moderner naturwissenschaftlicher Methoden könnte aus manch einer bisher vergessenen Arzneidroge ein modernes, evidenzbasiertes Arzneimittel entwickelt werden, das sich problemlos in den therapeutischen Fortschritt einfügt. Einige wenige Beispiele für solche vergessenen oder aussortierten Arzneipflanzen, die einer „Wiederentdeckung“ harren, können Sie in dieser Ausgabe entdecken.

Unter Beachtung der Besonderheiten pflanzlicher Arzneimittel – der Extrakt ist der Wirkstoff – sind allerdings auch neue Forschungsansätze notwendig. Vielstoffgemische können nicht adäquat mit reduktionistischen Herangehensweisen erforscht werden, hier ist eine gesamtheitliche, oder modern ausgedrückt, „systembiologische“ Betrachtungsweise notwendig. Das schließt die Untersuchung von Wechselwirkungen einer jeden Komponente des Vielstoffgemischs mit potenziellen pharmakologischen Zielstrukturen ein – was für eine wissenschaftliche Herausforderung und was für eine Freude, wenn man etwas Wertvolles wiederfindet bzw. dem Vergessen entrissen hat!

Ich bin ein „chronischer“ Optimist und daher überzeugt, dass es sie gibt, die jungen Forscherinnen und Forscher, die sich genau dieser Aufgabe stellen und vergessenes oder verlorenes Wissen reaktivieren wollen. Wir, d. h. alle am medizinischen Fortschritt Interessierten, müssen sie nur dabei unterstützen und nicht nur mit Worten, denn die werden schnell vergessen…

MF Melzig



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Article published online:
19 October 2020

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