Schlüsselwörter Rapid Reviews - Kompetenznetz Public Health COVID-19 - Methoden - Förderkonzepte
Key words Rapid Reviews - Competence Network Public Health COVID-19 - Methods - Funding concepts
Einleitung
Die COVID-19-Pandemie hat Politik und Gesellschaft tiefgreifende Entscheidungen abverlangt,
für die in kürzester Zeit die wissenschaftlichen Grundlagen aufbereitet werden mussten
und weiterhin müssen. Bereits im März 2020 wurde auf Initiative von zunächst fünf
wissenschaftlichen Fachgesellschaften (DGPH, DGEpi, DGMS, GMDS und DGSMP) das Kompetenznetz
Public Health zu COVID-19 gegründet (https://www.public-health-covid19.de/). In kurzer
Zeit entwickelte sich dieses Kompetenznetz zu einem Zusammenschluss von über 30 wissenschaftlichen
Fachgesellschaften aus dem Bereich Public Health, die ihre methodische, epidemiologische,
statistische, sozialwissenschaftliche und (bevölkerungs-)medizinische Fachkenntnis
bündeln. Gemeinsam vertritt das Kompetenznetz mehrere Tausend Wissenschaftler:innen
aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ziel ist es, schnell sowie flexibel interdisziplinäre
Expertise zu COVID-19 für die aktuelle Diskussion und Entscheidungsfindung zur Verfügung
zu stellen. Dafür werden wissenschaftliche Erkenntnisse aufbereitet und in möglichst
leicht verständlicher Form verbreitet. Je nach Thema und Zielgruppe werden unterschiedliche
Formate wie z.B. Hintergrundpapiere oder Policy Briefs genutzt. Die Informationen
richten sich primär an Behörden, Institutionen und politische Entscheidungsträger:innen.
Innerhalb kurzer Zeit wurde seitens des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19
eine hohe Zahl von Hintergrundpapieren und Policy Briefs veröffentlicht. Dabei wurden
oft Methoden der systematischen Evidenzsynthese eingesetzt. Bis November 2020 wurden
15 sogenannte „Rapid Reviews“ vom Kompetenznetz erstellt. Dabei handelt es sich um
systematische Evidenzsynthesen, die durch Anwendung methodischer „Abkürzungen“ rascher
erstellt werden als umfangreiche systematische Reviews. Allerdings ließen sich unterschiedliche
methodische Herangehensweisen bezüglich der Durchführung der Literatursuche sowie
der Aufbereitung und Darstellung der Ergebnisse feststellen. Eine besondere Schwierigkeit
ergab sich daraus, dass für viele Forschungsfragen zu COVID-19 lediglich Beobachtungsstudien
mit querschnittlichen oder ökologischen Designs vorlagen. So sind etwa für die Frage,
welchen „isolierten“ Einfluss das Alter auf den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung
hat (https://www.public-health-covid19.de/images/2020/Ergebnisse/2020_04_23_Fact_Sheet_Auswirkungen_auf_ltere_Beschftigte_V3.pdf
[2 ]), naturgemäß keine Interventionsstudien möglich. Dies gilt ebenso für die derzeit
im Kompetenznetz untersuchte Frage, welchen Einfluss die Saisonalität (definiert insbesondere
durch Temperatur und Luftfeuchtigkeit) auf die COVID-19-Inzidenz hat. Um hier innerhalb
des Netzwerkes ein standardisiertes Vorgehen zu ermöglichen, wurde die Querschnitts-AG
Rapid Reviews gegründet. Neben dem methodischen Austausch widmet sich diese Arbeitsgruppe
insbesondere der Entwicklung eines qualitativ hochwertigen, standardisierten Vorgehens
bei der Durchführung von Rapid Reviews. Ein derartiges Verfahren sollte insbesondere
auch zur raschen Evidenzgenerierung auf der Grundlage von Beobachtungsstudien anwendbar
sein.
Methodik
Ein Rapid Review wird in Entsprechung zur englischsprachigen Formulierung der Cochrane
Rapid Reviews Group [3 ] folgendermaßen definiert:
Ein Rapid Review ist eine Form der Wissenssynthese, die durch Vereinfachung oder Weglassen
methodischer Schritte eines traditionellen systematischen Reviews auf schnelle und
ressourceneffiziente Weise Evidenz für Stakeholder generiert.
Die Entwicklung eines qualitativ hochwertigen, praktikablen Verfahrens der Durchführung
von Rapid Reviews im Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 (und darüber hinaus)
erfolgte im Expert:innenkonsens der Mitglieder (n=42 zum 28.01.2021) der Querschnitts-AG
Rapid Reviews. In 2 AG-Sitzungen wurden die wesentlichen methodischen Schritte besprochen
und festgelegt, in 2 weiteren AG-Sitzungen wurde das Vorgehen in Form dieses Konsenspapieres
ausformuliert und finalisiert. Methodisch stützt sich das Verfahren auf einen 8-Schritte-Ansatz,
den Tricco et al. [1 ] für die Durchführung von Rapid Reviews im Rahmen von COVID-19 vorgeschlagen haben.
[Abb. 1 ] zeigt diese 8 Schritte, die gewissermaßen im Sinne eines „Living Review“-Action
Circle in eine Aktualisierung des Rapid Reviews mit Wiederholung dieser 8 Schritte
(oder Teilen davon) münden.
Abb. 1 8-schrittiger Rapid Review-Prozess gemäß [1 ] *Im Falle eines mehrmaligen Durchlaufes des Prozesses wird 1. zu „Re-Formulierung
der Fragestellung“.
Die 8 Schritte lauten: 1. Formulierung der Fragestellung, 2. Literatursuche, 3. Titel-Abstract-
und Volltextsichtung, 4. Datenextraktion, 5. Risk of Bias-Bewertung, 6. Evidenzsynthese,
7. Dissemination, 8. Aktualisierung. Entsprechend dem von Tricco et al. [1 ] gewählten Verfahren werden im Folgenden für jeden einzelnen Schritt zunächst die
„Herausforderungen“ beschrieben, die die einzelnen Schritte an die Rapid Review-Durchführenden
stellen. Anschließend werden zu jedem Schritt Lösungsvorschläge angegeben. Diese basieren
zum einen auf den Erfahrungen der Mitglieder der AG Rapid Reviews, zum anderen auf
aktuellen Publikationen zu Rapid Review Methoden. Besondere Berücksichtigung fanden
in diesem Zusammenhang die Cochrane-Richtlinien zu Rapid Reviews [3 ] sowie das „CAT HPPR“, ein im Rahmen eines BZgA-Projektes entwickeltes Qualitätsbewertungsinstrument
zur Bewertung von Reviews zu Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention in
Lebenswelten [4 ]
[5 ]
[6 ]. Soweit die Anmerkungen von Tricco et al. [1 ] in unsere Lösungsvorschläge eingingen, wird darauf ausdrücklich hingewiesen. Im
Unterschied zu Tricco et al. [1 ] wird kein eigener Unterpunkt „Forschungsbedarfe“ aufgeführt; soweit seitens der
AG Rapid Review-Mitglieder konkrete Forschungsbedarfe gesehen werden, sind diese in
den Lösungsvorschlägen berücksichtigt.
Ergebnisse
Das nachfolgend vorgeschlagene Vorgehen soll ermöglichen, eine systematische Evidenzsynthese
zu Public Health-Fragestellungen in kurzer Zeit durchzuführen. Typischerweise wird
ein Rapid Review in einem Zeitraum von bis zu 4 Monaten erstellt [7 ]. Tricco et al. [1 ] weisen darauf hin, dass Entscheidungsträger:innen im Zuge der COVID-19-Pandemie
eine Fertigstellung von Rapid Reviews zu COVID-19 häufig innerhalb von 5 bis 10 Tagen,
gelegentlich sogar innerhalb von Stunden erwarten würden. Insofern kann es sicherlich
nicht darum gehen, ein originäres systematisches Review durch einen erhöhten Personaleinsatz
lediglich in kürzerer Zeit durchzuführen. Vielmehr sprechen wir im Folgenden nur dann
von einem Rapid Review, wenn gewisse „Abstriche“ an die Methodik eines systematischen
Reviews mit dem Ziel einer Abkürzung bzw. Beschleunigung des Erstellungsprozesses
vorgenommen werden. Dabei sollen die Kernelemente originärer systematischer Reviews
(u.a. klare Formulierung einer Forschungsfrage, Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien,
Qualitätsbewertung der einbezogenen Primärstudien) sowie der systematischen Darstellung
und Zusammenfassung der Ergebnisse erhalten bleiben. Eine Beschleunigung gegenüber
einem originären systematischen Review lässt sich durch eine im Umfang reduzierte
Forschungsfrage, durch Suchlimitationen (z.B. im Hinblick auf die durchsuchten Jahrgänge
oder durch Eingrenzung der berücksichtigten Publikationssprachen), teilweisen Wegfall
des Vier-Augen-Prinzips bei einzelnen Arbeitsschritten und ggf. auch durch den Verzicht
auf eine quantitative Evidenzsynthese, also z.B. eine Metaanalyse, erreichen [7 ]
[8 ]
[9 ]
[10 ].
Schritt 1: Formulierung der Forschungsfrage
Schritt 1: Formulierung der Forschungsfrage
Herausforderungen
Eine wesentliche „Stellschraube“ zur Erreichung einer raschen Evidenzgenerierung ist
die enge und präzise Formulierung der Forschungsfrage. Bei der Formulierung der konkreten
Forschungsfrage ist ein Austausch mit Entscheidungsträger:innen bzw. mit Auftraggeber:innen
oder Forschungsförder:innen wichtig. „Research waste“ im Sinne einer Dopplung von
Reviews ist zu vermeiden – (auch) diesem Ziel dient die internationale Vorab-Veröffentlichung
des Studienprotokolls.
Lösungsvorschlag
Um eine mehrfache Erstellung von Rapid Reviews zum gleichen Thema („research waste“)
zu vermeiden, ist vor Beginn eines Rapid Reviews zu prüfen, ob bereits systematische
Wissenssynthesen veröffentlicht wurden oder ob bereits andere Arbeitsgruppen die Durchführung
eines (Rapid) Reviews insbesondere auf den Plattformen PROSPERO (https://www.crd.york.ac.uk/prospero/ ) oder OSF (https://osf.io/ ) angemeldet haben. Die Forschungsfrage soll auf der Grundlage der PECOS-Kriterien
(P = Population, E = Exposition bzw. I = Intervention, C = Comparison/Vergleichsgruppe,
O = Outcome, S = Studiendesign) formuliert werden. Eine Veröffentlichung des Studienprotokolls
[3 ]
[5 ] sollte vorzugsweise in der PROSPERO-Datenbank oder auf der OSF-Plattform erfolgen.
Schritt 2: Literatursuche
Schritt 2: Literatursuche
Herausforderungen
Die Literatursuche steht grundsätzlich vor der Herausforderung, möglichst alle relevanten
Studien aufzufinden. Die damit verbundene Forderung nach einer hohen Sensitivität
der Suche kann bei originären systematischen Reviews zu Trefferzahlen in fünfstelliger
Höhe führen. Solch hohe Trefferzahlen können in einem Rapid Review nicht bewältigt
werden.
Lösungsvorschlag
In unmittelbarer „Übersetzung“ der PECOS-Forschungsfrage ist durch eine erfahrene
Person ein möglichst spezifischer Suchstring bei vertretbaren Einbußen an Sensitivität
zu erstellen. Der Suchstring ist durch eine zweite Person zu überprüfen [3 ]. Vorab sollten themenspezifische Schlüsselstudien festgelegt werden, die durch den
Suchstring überwiegend gefunden werden sollten. Die Literatursuche hat in mindestens
einer Datenbank (i.d.R. Medline oder Embase) zu erfolgen, ergänzt durch eine zusätzliche
Suchstrategie (z.B. die Suche in Referenzlisten) [5 ]. Vor allem bei COVID-19-bezogenen Fragestellungen sind auch Preprint-Datenbanken
wie medRxiv wichtig. Die Literatursuche sollte i.d.R. auf englisch- und deutschsprachige
Publikationen [5 ] beschränkt werden (bzw. auf Publikationen in englischer Sprache und in der jeweiligen
Landessprache).
Schritt 3: Titel-Abstract- und Volltextsichtung
Schritt 3: Titel-Abstract- und Volltextsichtung
Herausforderungen
Die Literatursichtung ist bei originären systematischen Reviews zeit- und personalaufwendig.
Dazu trägt auch die erforderliche „Doppelung“ aller Schritte bei, die im Rapid Review
in reduzierter Form erfolgen kann.
Lösungsvorschlag
Titel-Abstract- und Volltextsichtung sollten pilotiert werden; diesbezüglich sollte
eine Doppelsichtung von etwa 50 Abstracts und etwa 5 bis 10 Volltexten [3 ] durch 2 Personen unabhängig voneinander erfolgen sowie eine anschließende Konsentierung
des Vorgehens. Anschließend erfolgen Titel-Abstract-Sichtung und Volltextsichtung
durch eine Person, ergänzt durch eine stichprobenhafte Überprüfung durch eine zweite
Person (etwa 20% der Titel-Abstracts bzw. der Volltexte umfassend) [3 ]
[5 ].
Schritt 4: Datenextraktion
Schritt 4: Datenextraktion
Herausforderungen
Als methodisches „Ideal“ eines systematischen Reviews wird eine doppelte Extraktion
der Charakteristika und Ergebnisse der einbezogenen Primärstudien („Datenextraktion“)
durch 2 Personen unabhängig voneinander durchgeführt. Unstimmigkeiten zwischen den
beiden Personen werden i.d.R. im Konsensverfahren geklärt. Aus Gründen der Zeitersparnis
ist dieses aufwendige Verfahren in einem Rapid Review nicht zu leisten.
Lösungsvorschlag
Im Rapid Review kann die Datenextraktion durch eine erfahrene Person erfolgen [5 ]. Auch die Datenextraktion sollte pilotiert werden. Die resultierenden Extraktionstabellen
sollten stichprobenartig durch eine weitere Person überprüft werden [5 ].
Schritt 5: Risk of Bias-Bewertung
Schritt 5: Risk of Bias-Bewertung
Herausforderungen
Wird die Evidenzsynthese auf systematisch verzerrte Studienergebnisse gegründet, so
können falsche Schlussfolgerungen resultieren. Grundsätzlich sind Beobachtungsstudien
– am stärksten ökologische Studien, gefolgt von Querschnittsstudien – anfälliger gegenüber
einer Verzerrung als randomisierte kontrollierte Studien. Dennoch würde es zu kurz
greifen, allen Beobachtungsstudien pauschal ein hohes Risiko für eine Verzerrung („high
risk of bias“) zu attestieren. Es bedarf daher eines Bewertungstools des Bias-Risikos,
welches eine Differenzierung (auch) zwischen methodisch adäquaten und inadäquaten
Beobachtungsstudien leisten kann.
Lösungsvorschlag
Auch die Risk of Bias-Bewertung kann im Rapid Review durch eine erfahrene Person erfolgen
[5 ]. Die Ergebnisse der Qualitätsbewertung sollten stichprobenartig durch eine weitere
Person überprüft werden [5 ]. Die Risk of Bias-Bewertung sollte ebenfalls pilotiert werden. Im Rahmen der Arbeit
der AG Rapid Reviews des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 konnte nicht „das“
Bewertungsinstrument identifiziert werden, welches generell für den Einsatz in Rapid
Reviews zu empfehlen ist. Als „klassische“ Tools für randomisierte kontrollierte Studien
ist das Cochrane RoB-Tool 2.0 [11 ] einsetzbar, für Kohorten- und Fallkontrollstudien zu Interventionen ROBINS-I [12 ], für diagnostische Studien QUADAS 2 [13 ]. Auch für den Einsatz in ätiologisch ausgerichteten Beobachtungsstudien ist eine
hohe Zahl von Bewertungstools verfügbar: In einem systematischen Review unter Leitung
von Wissenschaftler:innen der University of Sydney [14 ] konnten diesbezüglich 62 unterschiedliche Tools identifiziert werden. Die Entscheidung
für ein spezifisches Bewertungstool kann in Abhängigkeit vom Einsatzbereich und Studienthema,
aber auch von Vorerfahrungen der Reviewgruppe erfolgen. Es sollte darauf geachtet
werden, dass die wichtigsten Verzerrungs-“Domänen“ (insbesondere auch Selektions-Bias,
Expositionserfassung, Outcome-Erfassung, Confounding, Analysemethode, Interessenkonflikte)
berücksichtigt werden. Weiterhin sollte das eingesetzte Bewertungsinstrument eine
gesonderte Risk of Bias-Bewertung für die einzelnen Domänen enthalten und keinen Summenscore
über alle Domänen bilden; denn selbst bei einem fatalen Fehler in einer Domäne mit
daraus resultierender erheblicher Verzerrung der Studienergebnisse kann u.U. ein hoher
Summenscore gebildet werden. In jedem Fall sollte das eingesetzte Tool validiert sein
und in Abhängigkeit vom Studiendesign gewählt werden. Bei der Nutzung der Evidenz
aus Preprints ist die noch ungesicherte Qualität entsprechender Veröffentlichungen
zu beachten.
Die in [Tab. 1 ] genannten drei Instrumente können (neben anderen) Einsatz insbesondere in ätiologisch
ausgerichteten Rapid Reviews finden. In [Tab. 2 ] wird das entwickelte standardisierte Verfahren zusammengefasst.
Tab. 1 Beispiele für Risk of Bias-Verfahren mit Eignung insbesondere auch für die Qualitätsbewertung
von ätiologisch ausgerichteten Beobachtungsstudien.
Instrument
Risk of Bias (RoB)-Domänen
Besonderheiten/Anmerkungen
Woodruff et al.
[15 ]
Neun RoB-Domänen: 1. Baseline differences, 2. Knowledge of the exposure groups prevented?
3. Exposure assessment, 4. Outcome assessment, 5. Confounding & effect modification,
6. Incomplete outcome data, 7. Selective outcome reporting, 8. Conflict of interests,
9. Other problems
Neben low RoB und high RoB auch probably low RoB („insufficient information about
… to permit a judgement of low risk of bias, but there is indirect evidence that suggests
the study was free of …“) und probably high RoB
WHO
[16 ]
Sechs RoB-Domänen: 1. Confounding, 2, Selection bias, 3. Exposure assessment, 4. Outcome
measurement, 5. Missing data, 6. Selective reporting; Angabe von Subdomänen
Jeweils Einteilung in low-risk, moderate-risk, high-risk; keine Domänen-übergreifende
Gesamteinschätzung
Romero Starke et al.
[2 ]
Fünf Major-Domänen: 1. Recruitment procedure, 2. Exposure definition & assessment,
3. Outcome, 4. Confounding & effect modification, 5. Analysis method und drei Minor-Domänen:
6. Chronology [je nach Fragestellung auch Major Domäne], 7. Funding, 8. Conflict of
Interest
Enge Orientierung am Cochrane Risk of Bias-Verfahren; insgesamt low RoB, wenn alle
Major-Domänen low RoB (unclear RoB wird somit faktisch als high RoB gewertet)
Tab. 2 Standardisiertes, an COVID-19-Belange angepasstes Vorgehen zur Erstellung von Rapid
Reviews in enger Anlehnung an [3 ] und [5 ].
An COVID-19-Belange angepasste Definition
Definition
„Ein Rapid Review ist eine Form der Wissenssynthese, die durch Vereinfachung oder
Weglassen methodischer Schritte eines traditionellen systematischen Reviews auf schnelle
und ressourceneffiziente Weise Evidenz für Stakeholder generiert“
Dauer
Ca. 1 bis 6 Monate; systematische Reviews ohne methodische Verkürzungen sind auch
bei kurzer Dauer keine Rapid Reviews
PECOS/PICOS-Kriterien
Müssen angegeben werden (enge Fragestellung; Anpassungen möglich; zunächst Vorliegen
systematischer Reviews prüfen)
Publikationssprache
I.d.R. Englisch und Deutsch (bzw. die jeweilige Landessprache)
Studienprotokoll
Soll publiziert werden z.B. in OSF oder PROSPERO
Sichtung
Titel-Abstract- und Volltextsichtung pilotieren (ca. 50 Abstracts, ca. 5–10 Volltexte),
dann durch 1 erfahrene Person; stichprobenhafte Überprüfung (ca. 20% der Titel-Abstracts
bzw. Volltexte)1
Suchstring
Möglichst spezifischer Suchstring bei vertretbaren Einbußen an Sensitivität erstellt
durch eine erfahrene Person (Auffindung von Schlüsselstudien prüfen); Prüfung durch
2. Person
Datenbank-Suche
Mind. 1 Datenbank (i.d.R. Medline oder Embase) und eine zusätzliche Suchstrategie
(z.B. Referenzlisten)2
Datenextraktion und Qualitätsbewertung
Datenextraktion und Qualitätsbewertung kann durch 1 erfahrene Person erfolgen, Voraussetzungen:
erfahrene Person, stichprobenartige Überprüfung durch weitere Person3
1 Anzahl der Prüfung sollte abhängig von der Trefferzahl der gefundenen Publikationen
sein. Werden nur wenig Treffer in der Suche erzielt, empfiehlt sich eine doppelte
Sichtung. 2 Empfohlen wird eine Suche in mindestens 2 Datenbanken; es wird angeraten, relevante
Preprint-Server in die Suche einzubeziehen. 3 Die Anzahl der Studien, die geprüft werden, sollte in Abhängigkeit von der Anzahl
der extrahierten Studien festgelegt werden. Werden nur sehr wenige Studien extrahiert,
so empfiehlt sich eine doppelte Sichtung.
Schritt 6: Evidenzsynthese
Schritt 6: Evidenzsynthese
Herausforderungen
Häufig wird in Rapid Reviews auf eine quantitative Evidenzsynthese zugunsten einer
narrativen Evidenzsynthese verzichtet. Damit geht ein Informationsverlust einher,
da keine gepoolten Effektschätzer berechnet und damit die Risiken nicht quantifiziert
werden können.
Lösungsvorschlag
Auch in Rapid Reviews sollten metaanalytische Techniken zur Berechnung gepoolter Effektschätzer
Einsatz finden, sofern die Studien dies zulassen. So kann die Bildung aggregierter
Effektschätzer beispielsweise dann nicht erfolgen, wenn sich deutliche Unterschiede
in der Definition von Expositionen oder Outcomes der eingeschlossenen Primärstudien
finden. Wünschenswert – aber nicht zuletzt zeitaufwendig – wäre hier die Durchführung
prospektiver Metaanalysen (PMA) auf der Grundlage individueller Daten (IPD [17 ]
[18 ]). Ein pragmatischer und auch für ätiologische Beobachtungsstudien zu COVID-19 diskutabler
bzw. anzustrebender Ansatz könnte die Durchführung prospektiver Metaanalysen mit gepoolten
(anstelle von individuellen) Daten darstellen. Eine enge Zusammenarbeit der beteiligten
Forschungsgruppen ist (auch) hier erforderlich, da vor Durchführung der einzelnen
Primärstudien in den verschiedenen Studienzentren eine Einigung auf gemeinsame Expositions-
und Outcome-Definitionen erfolgen muss. Ein Beispiel für eine derartige prospektive
Metaanalyse mit gepoolten Daten stellt die WHO-REACT-Analyse zur Wirkung der Corticosteroid-Gabe
auf die Mortalität lebensbedrohlich kranker COVID-19-Patient*innen dar [19 ].
Über die Beurteilung der Qualität der eingeschlossenen Primärstudien hinaus ist eine
studienübergreifende Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wünschenswert,
wie sie mit dem GRADE-Verfahren geleistet werden kann [20 ]. Es liegen Anpassungen des GRADE-Verfahrens für die Beantwortung ätiologisch ausgerichteter
Fragestellungen auf der Grundlage von Beobachtungsstudien vor [21 ]. Grundsätzlich sollte auf eine Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mit
GRADE oder anderen etablierten Verfahren nicht verzichtet werden.
Schritt 7: Dissemination
Herausforderungen
Die – wie Tricco et al. [1 ] es ausdrücken – „up-to-the-minute nature“ der COVID-19-Pandemie wird häufig nicht
den zeitlichen Spielraum zu einem regulären Peer Review-Verfahren in einer wissenschaftlichen
Fachzeitschrift lassen.
Lösungsvorschlag
Im Rahmen des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19 wurde ein formalisiertes Review-Verfahren
(unter Einbezug von drei rasch zu erstellenden Peer Reviews) entwickelt, das eine
rasche Publikation der Ergebnisse eines Rapid Reviews in Form von Policy Briefs oder
Hintergrundpapieren auf der Webseite des Kompetenznetzes ermöglicht.
Schritt 8: Aktualisierung
Schritt 8: Aktualisierung
Herausforderungen
Die „Halbwertszeit“ neuer Erkenntnisse zum Thema COVID-19 ist teilweise sehr kurz.
Insofern bedarf es eines Verfahrens, das die Aktualität der Erkenntnisse sicherstellt.
Lösungsvorschlag
Im Kompetenznetz Public Health zu COVID-19 wurde ein formalisiertes Verfahren einer
regelmäßigen Aktualisierung der entwickelten Papiere eingeführt: mindestens einmal
im Monat sollte eine Überprüfung der Aktualität erfolgen. Bei wesentlichem inhaltlichem
Änderungsbedarf erfolgt ein erneutes formalisiertes Peer Review-Verfahren. Tatsächlich
ließ sich dieses Verfahren aufgrund mangelnder personeller Ressourcen oft nicht wie
geplant realisieren. Generell kann bei der Abschätzung kurzfristig zu erwartender
Publikationen zum Thema und damit bei der Entscheidung über einen bestehenden Aktualisierungsbedarf
die Sichtung von Preprint-Datenbanken hilfreich sein. Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie
hat die Methodik der „Living Reviews“ [20 ] an Bedeutung gewonnen; hier geht es darum, die Literatursuche kontinuierlich zu
aktualisieren und neue Studien einzuschließen, sobald diese verfügbar sind. Offen
ist, wie solche kontinuierlichen Prozesse in Forschungsprojekten personell und finanziell
dauerhaft umgesetzt werden können. Generell sollten zur kurzfristigen Realisierung
von methodisch hochwertigen (Rapid) Reviews zu neuen Fragestellungen flexible und
kurzfristig aktivierbare Förderkonzepte bereitgestellt werden (Rapid Reviews >> Rapid
Funding-System).
Diskussion und Schluss
In der Querschnitts-AG Rapid Reviews des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19
wurde ein standardisiertes 8-schrittiges Verfahren zur Erstellung von Rapid Reviews
erarbeitet. Dieses Verfahren weist mehrere Vorteile auf: es berücksichtigt wichtige
methodische Entwicklungen und Erfahrungen insbesondere auch des Cochrane Netzwerkes;
es eignet sich auch zur Beantwortung ätiologischer Fragestellungen auf der Grundlage
von Beobachtungsstudien; es erlaubt eine Anpassung des Vorgehens an die jeweilige
Fragestellung; und schließlich ist es in die aktuelle Arbeit des Kompetenznetzes Public
Health implementiert, das u.a. auch als Austauschplattform fungiert und bei Bedarf
methodische Unterstützung vermitteln kann. Grundsätzlich kann das beschriebene Vorgehen
auch für Fragestellungen über die COVID-19-Pandemie hinaus Geltung haben. Eine Weiterentwicklung
des vorgeschlagenen Verfahrens sollte insbesondere die Möglichkeiten der (teilweisen)
Automatisierung einzelner Schritte berücksichtigen (z.B. durch Anwendung des „Machine
Learning“). Neuere methodische Ansätze (wie etwa die prospektive Metaanalyse) sind
explizit auf eine hohe Kooperation der Wissenschaftler:innen angewiesen. In diesem
Sinne möchten wir unseren Erfahrungsbericht und unseren methodischen Vorschlag ausdrücklich
auch mit der Hoffnung darauf verbinden, dass die COVID-19-Pandemie den wissenschaftlichen
Austausch und die wissenschaftliche Zusammenarbeit nachhaltig stärken möge.