Ultraschall Med 2021; 42(04): 432-433
DOI: 10.1055/a-1542-6499
DEGUM-Mitteilungen

Ultraschall statt Röntgen: Warum die Sonografie oft das Mittel der ersten Wahl sein sollte – Bericht zur Online-Pressekonferenz der DEGUM am 5. Mai

 

Etwa 1,7 Röntgenanwendungen pro Bürger werden in Deutschland jährlich durchgeführt. Das sind insgesamt rund 135 Millionen Röntgenuntersuchungen pro Jahr. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e. V. (DEGUM) kritisierten diese hohe Zahl auf ihrer Online-Pressekonferenz im Mai. Dabei machten sie darauf aufmerksam, dass das Ultraschallverfahren oft das erste Mittel der Wahl sein oder ergänzend zu Röntgenanwendungen eingesetzt werden sollte.


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Zu Beginn der virtuellen Veranstaltung berichteten Professor Dr. med. Markus Hahn, Neupräsident der DEGUM vom Department für Frauengesundheit am Universitätsklinikum Tübingen, und Professor Dr. med. Werner Bader, Leiter des DEGUM-Arbeitskreises Mammasonografie der Frauenklinik am Klinikum Bielefeld, über den Einsatz des Ultraschallverfahrens bei der Brustkrebsdiagnose. Als häufigstes Instrument wird hier in Deutschland die Mammografie eingesetzt. Die DEGUM-Experten empfehlen jedoch, ergänzend dazu eine Ultraschalldiagnostik durchzuführen. „Die Sonografie ist in den vergangenen Jahren zur wichtigsten komplementären Methode in der Abklärung von Brusttumoren geworden“, betonte Hahn auf der Online-Pressekonferenz. „Der Ultraschall sollte etwa bei unklaren Befunden und bei Frauen mit besonders dichtem Drüsengewebe zum Einsatz kommen.“ Bei diesen Patientinnen würde die Röntgenuntersuchung in der Früherkennung den Tumor leicht übersehen und nicht erkennen. Der Tumor könnte in der Mammografie verborgen bleiben. „Wenn der Brustultraschall bei diesen Frauen zusätzlich zum Einsatz kommt, werden nach Studienerkenntnissen bis zu 45 % zusätzlicher Karzinome gefunden“, so Professor Bader. Zudem habe die Sonografie gegenüber der Mammografie weitere Vorteile, da sie ohne Strahlenbelastung auskomme und somit gesundheitsschonender sei.

Sorgen bereitet den DEGUM-Experten – wie sie auf der Pressekonferenz berichteten –, dass Vorsorgeuntersuchungen während der Corona-Pandemie aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus teilweise weniger wahrgenommen wurden. Nach Einschätzung der Experten birgt eine verspätete Brustkrebsdiagnose jedoch größere Risiken als die Gefahr einer potenziellen Infektion mit dem Coronavirus. Auch die Zeitspanne zwischen Diagnose und Therapie verlängerte sich laut weltweiten Umfragen während der Corona-Pandemie. „Zudem wurden teilweise Strahlen- und Systemtherapien modifiziert, Operationen verschoben und es kam zu Einschränkungen in der Nachsorge“, sagte Bader auf der virtuellen Veranstaltung. Wenn die Brustkrebsoperation nach der Diagnose jedoch um 12 Wochen verzögert würde, sei beispielsweise bei 1000 Mammakarzinom-Erkrankungen mit 31 zusätzlichen Todesfällen zu rechnen.

Knochenbrüche mittels Ultraschalls besonders exakt diagnostizieren

Neben dem Einsatz des Ultraschalls bei der Brustkrebsvorsorge diskutierten die DEGUM-Experten auf ihrer Online-Pressekonferenz darüber, warum die Sonografie bei Knochenbrüchen eine besonders genaue Diagnose ermöglicht – und welche Vorteile sie dabei gegenüber dem Röntgenverfahren hat. Vor allem Kindern könnte die Sonografie bei Knochenbrüchen – die Fraktursonografie – zugutekommen, da sie 5–10-mal empfindlicher auf Strahlenbelastung reagieren als Erwachsene. Die DEGUM-Experten berichteten darüber, dass Erkenntnisse einer neuen, internationalen Multicenterstudie mit 498 kleinen Patienten gezeigt hätten, dass durch den konsequenten Einsatz von Ultraschall bei kindlichen Handgelenksbrüchen 81 % der potenziell schädlichen Röntgenuntersuchungen in diesem Bereich vermieden werden könnten. In Deutschland bedeutet dies, dass hier pro Jahr ca. 280 000 Röntgenaufnahmen umgangen werden könnten. DEGUM-Experte PD Dr. med. Ole Ackermann, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie aus Duisburg, ist überzeugt von der Wirksamkeit der Sonografie bei kindlichen Knochenbrüchen: „Zahlreiche Metastudien haben mittlerweile die Sicherheit der Ultraschalluntersuchung in diesem Bereich nachgewiesen. Die Qualität der Diagnostik blieb bei den Studienergebnissen im Vergleich zu Röntgenuntersuchungen unverändert hoch.“

Die Ultraschalldiagnostik bietet den Behandelnden aber noch weitere wesentliche Vorteile: „Da die Untersuchungsebene des Knochens frei gewählt werden kann, ermöglicht die Fraktursonografie eine besonders präzise Beurteilung einer Achsabweichung nach einem Knochenbruch“, erläuterte der DEGUM-Experte auf der virtuellen Pressekonferenz. Die Entscheidung für oder gegen ein operatives Vorgehen hänge nämlich vor allem von dem Ausmaß der Abweichung ab, die mittels Ultraschalldiagnostik exakt bestimmt werden könne. Eine Röntgenuntersuchung liefere dagegen keine vergleichbare Bildgebung.

Ein weiterer Vorteil des Ultraschallverfahrens bei Knochenbrüchen ist laut Ackermann, dass dieses im Vergleich zum Röntgen deutlich schmerzärmer sei. „Gerade für die Behandlung bei Kindern ist das natürlich sehr wichtig“, so der DEGUM-Experte. Vorteilhaft an der Sonografie sei zudem, dass die kleinen Patienten während der Untersuchung bei ihren Eltern bleiben und wichtige Kontrolluntersuchungen ebenfalls ohne erhöhte Strahlenbelastung erfolgen könnten.


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Ultraschall als Lotse: Chronische und akute Baucherkrankungen mittels Sonografie schnell und sicher feststellen

Auch der Einsatz moderner Ultraschalltechnik bei Erkrankungen im Bauchraum war ein zentrales Thema der Online-Pressekonferenz. „Die Ultraschalldiagnostik stellt sowohl bei akuten als auch bei chronischen Baucherkrankungen ein ideales bildgebendes Verfahren dar, weil sie schnell einsetzbar, nahezu überall verfügbar und praktisch beliebig oft wiederholbar ist“, erläuterte Professor Dr. med. Josef Menzel, Präsident der DEGUM. Als Beispiele für akute Baucherkrankungen, bei der die Sonografie sehr effektiv zur Diagnostik eingesetzt werden kann, nannte Menzel etwa Gallensteine und akute Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen könne der Ultraschall beispielsweise bei Morbus Crohn und bei Colitis ulcerosa sehr sinnvoll zum Einsatz kommen.


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Publication History

Publication Date:
03 August 2021 (online)

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