Aktuelle Dermatologie 2022; 48(06): 275-281
DOI: 10.1055/a-1754-4332
Originalarbeit

Zugang und Inanspruchnahme psychosomatischer Versorgung aus ärztlicher Sicht: Eine qualitative Interviewstudie

Accessibility and Utilization of Psychosomatic Care from a Medical Point of View

Authors

  • Regina von Spreckelsen

    1   Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Kiel
    2   Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Kiel
  • Sascha Gerdes

    1   Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Kiel
  • Ulrich Mrowietz

    1   Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Kiel
  • Hila Emmert

    1   Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, Kiel
 

Zusammenfassung

Hintergrund Chronisch entzündliche Hauterkrankungen sind häufig mit psychosozialen Beeinträchtigungen und einer reduzierten Lebensqualität vergesellschaftet. Ziel dieser Studie war es zu erfassen, wie spezialisiertes medizinisches Personal eines universitären Haut-Entzündungszentrums die Zugangswege und die Inanspruchnahme psychosomatischer Sondierungsgespräche oder Kurzzeitinterventionen bei PatientInnen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen wahrnimmt.

Methoden Es wurden qualitative Erhebungen in Form von 10 Einzelinterviews mit medizinischem Personal durchgeführt, das zum Zeitpunkt der Befragung im Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen der Uni-Hautklinik tätig war. Die Daten wurden inhaltsanalytisch mithilfe einer qualitativen Analysesoftware ausgewertet.

Ergebnisse Die Ergebnisse aus den geführten Einzelinterviews ergaben, dass die Einbindung einer psychosomatischen Versorgung innerhalb eines dermatologischen Entzündungszentrums vom ärztlichen Personal als durchweg positiv bewertet wurde. Die Option auf ein zeit- und zentrumsnahes Gesprächsangebot nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Experten fühlen sich mit der ortsnahen Einbindung psychosomatischer Expertise sicherer im Umgang mit belasteten Patient*innen. Der holistische Ansatz scheint einen positiven Einfluss auf die individuelle Behandlung und die Beziehungsgestaltung mit den Patient*innen zu nehmen. Dabei zeigten sich keine wesentlichen Unterschiede im Geschlecht und über verschiedene Altersgruppen hinweg.

Diskussion Die Möglichkeit zur zentrumsnahen Anbindung von belasteten Patient*innen in Form von zusätzlichen psychosomatischen Sondierungsgesprächen wie auch dem Einsatz von adaptierten Kurzzeitinterventionen trägt zur holistischen Behandlung bei, scheint einen günstigen Einfluss auf den somatischen Behandlungsverlauf zu nehmen und unterstützt Ärzt*innen in ihrer Behandlung.


Abstract

Background Chronic inflammatory skin diseases reduce health-related quality of life of affected patients. The aim of this study was to evaluate the perception of specialized medical practitioners within a university based dermatological inflammation centre on accessibility and utilization of exploratory psychological consultations for patients with chronic inflammatory skin diseases.

Methods 10 qualitative surveys were conducted in the form of individual interviews with specialized medical practitioners at the center for inflammatory skin diseases university hospital Kiel. The interviews were evaluated by content analysis using qualitative software.

Results The qualitative survey showed that the integration of psychosomatic care within a dermatological inflammation centre was evaluated as consistently positive by all physicians. The possibility of a timely consultation within the same localization was of special interest. Experts feel safer in treating burdened patients when psychosomatic expertise was integrated in daily routines. The holistic approach seems to have a positive influence on individual treatment and the shaping of relationships with patients. There were no significant differences in gender and across different age groups.

Discussion Access to on-site psychosomatic expertise in form of additional psychosomatic exploratory consultations as well as the use of adapted short-term interventions contributes to a holistic treatment approach, seems to have a positive influence on the somatic treatment course and supports physician in their treatment.


Hintergrund

Psychosoziale Beeinträchtigungen werden in der Dermatologie häufig beobachtet und finden sich bei bis zu 30 % der Patient*innen [1]. Das Risiko von Patient*innen mit entzündlichen Hauterkrankungen wie bspw. Psoriasis oder Atopischer Dermatitis (AD) an einer Depression und/oder Angststörung zu erkranken ist erhöht [2] [3]. Patient*innen mit Hauterkrankungen werden in dermatologischen Fachambulanzen eher fokussiert somatisch behandelt [4]. Depression oder Angststörung sollten jedoch bei der klinischen Versorgung Beachtung finden [5].

Studien belegen, dass Psoriasis nicht nur zu entzündeten Hautläsionen und Begleitsymptomen wie Schmerzen und Jucken führt, sondern zudem mit einer starken Verminderung der gesundheitlichen Lebensqualität einhergeht [6] [7] [8] [9]. Die Sichtbarkeit führt zusätzlich zum Problem der Stigmatisierung und damit zur Ausgrenzung der Patient*innen [10]. Nicht zu unterschätzen ist hierbei die Prävalenz von Suizidgedanken, die bei Patient*innen mit AD in einer deutschen Stichprobe mit 181 Patient*innen bei 21,3 % lag und auch bei Patient*innen mit Psoriasis deutlich erhöht ist [11]. Daher sollten psychologische Auffälligkeiten wie Depression oder Angstzustände bei der Behandlung dieser Patientenpopulation frühzeitig wahrgenommen und berücksichtigt werden [12] [13]. Auch wenn vielfach eine Empfehlung zur Vorstellung bei psychosomatischen oder psychotherapeutischen Kolleg*innen gefordert und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ausdrücklich gewünscht wird, bleibt oftmals eine zeitnahe Anbindung in der klinischen Praxis aus [14] [15]. Seit 2018 ist es in der Kieler dermatologischen Spezialambulanz möglich, belasteten Patient*innen eine niederschwellige Anbindung anzubieten. Mittels Einsatz des DLQI (Dermatologischer Lebensqualitätsindex), des 2-Fragen-Tests und des klinischen Eindrucks der behandelnden Ärzt*innen erhalten die entsprechenden Patient*innen auf Wunsch ein zeitnahes Sondierungsgespräch bis hin zu Kurzzeitinterventionen direkt im Zentrum [16] [17].

Ziel dieser Studie war es zu erfassen, wie spezialisiertes medizinisches Personal eines universitären Haut-Entzündungszentrums die Zugangswege und die Inanspruchnahme psychosomatischer Sondierungsgespräche von Patient*innen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen wahrnimmt.

Folgenden Fragestellungen wurde nachgegangen:

  1. Wie gestalten sich der Zugang und die Inanspruchnahme von psychosomatischer Versorgung in einem Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen?

  2. Welche förderlichen und hinderlichen Faktoren lassen sich hinsichtlich Zugangs und Inanspruchnahme psychosomatischer Versorgung ermitteln?


Methodik

Studienteilnehmer

Für die Durchführung der qualitativen ExpertInnen-Interviews wurde ein Ethikvotum der zuständigen Ethikkommission der Universität Kiel eingeholt (AZ: D 428/20). Die Stichprobe bestand aus dem gesamten im Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen derzeit beschäftigten ärztlichen Personal (n = 10). Alle befragten Expert*innen hatten Erfahrung im Umgang mit Patient*innen mit chronisch entzündlichen Hauterkrankungen. Die jeweils 10 problemzentrierten Einzelinterviews wurden von einer unabhängigen weiblichen Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie in einem neutralen Besprechungsraum innerhalb der Klinik durchgeführt. Zur Nachvollziehbarkeit der qualitativen Methode wurde die COREQ (COnsolidated criteria for REporting Qualitative research) Checkliste befolgt [18].


Datenerhebung

Qualitative Erhebungen basierend auf semi-strukturierten Interviews sind eine geeignete Methode, um Erfahrungen, Überzeugungen, Sichtweisen, Bedarfe und Sorgen als auch Einstellungen hinsichtlich einer bestimmten Thematik zu eruieren [19]. Gegenstand der Einzelinterviews waren die Erfahrungen der ExpertInnen mit dem zentrumsnahen Angebot einer psychosomatischen Anbindung in Form von psychosomatischen Sondierungsgesprächen sowie adaptierten Kurzzeitinterventionen für ihre Patient*innen und von Reaktionen und Auswirkungen aus Sicht der Patient*innen und der Expert*innen selbst.

Für die Durchführung der Interviews wurde vorab ein problemzentrierter Interviewleitfaden entwickelt und nach COREQ-Richtlinien in einem Prätest an 2 Hautärzt*innen geprüft, die nicht in der Spezialambulanz eingesetzt sind. Das problemzentrierte Interview wählt den sprachlichen Zugang, um die Fragestellung auf dem Hintergrund subjektiver Bedeutung zu eruieren. Hierbei wird durch den Leitfaden auf die Fragestellungen hingelenkt, die Interviewten sollen offen und ohne Antwortvorgaben reagieren [20].

Die Expert*innen wurden einmalig in vertrauensbasierten und persönlichen Einzelinterviews befragt. Dieses Vorgehen wurde aus organisatorischen (z. B. gemeinsame Terminfindung) und psychologischen Gründen gewählt (weniger offene Aussprache in der Gruppe). Die Einzelinterviews dauerten zwischen 15 und 30 Minuten.


Auswertung

Alle Interviews wurden digital als Audio-Datei aufgenommen, wörtlich transkribiert und in die qualitative Analysesoftware QDA Miner Lite (Provalis Research, QDA Miner Lite, 2004–2016) importiert. Das wörtliche Transkript wurde zum Abgleich den interviewten Ärzt*innen vorgelegt.

Im Zentrum der computergestützten qualitativen Inhaltsanalyse stand die Entwicklung eines Kategoriensystems bestehend aus Haupt- und Unterkategorien, das aus den Themenblöcken der Leitfäden abgeleitet und induktiv durch weitere relevante, im Rahmen der Interviews geäußerte Themen ergänzt wurde. Jede Kategorie wurde durch Definitionen und Ankerbeispiele beschrieben.

Jeder Auswertungsschritt wurde dokumentiert, um die Nachvollziehbarkeit der Analyse zu gewährleisten [21]. Um die Reliabilität der Analyse zu dokumentieren, wurde die Analyse von 2 Wissenschaftler*innen durchgeführt [22]. Alle Interviews wurden mit anschließendem Abgleich und Konsens von beiden ausgewertet („code-defining“).



Ergebnisse

Insgesamt wurden vom 07. 02. 2020–13. 02. 2020 10 Expert*innengespräche mit Ärzt*innen des Zentrums für entzündliche Hauterkrankungen der Hautklinik Kiel geführt, die zu diesem Zeitpunkt am Zentrum arbeiteten. Die Studienteilnehmer setzten sich aus 6 weiblichen und 4 männlichen Ärzt*innen zusammen. Das Durchschnittsalter lag bei 36,2 Jahren und erstreckte sich über die Bandbreite von 27–65 Jahren. Die dermatologische Berufserfahrung lag zwischen 1–35 Jahren mit einem Mittelwert bei 8,8 Jahren, wobei die spezifische Erfahrung in der Entzündungsmedizin im Mittelwert bei 4,9 Jahren lag. Die Stichprobenmerkmale sind in [Tab. 1] dargestellt.

Tab. 1

Stichprobenbeschreibung.

Befragter

Geschlecht
(1 = w/2 = m)

Alter
(Jahre)

Rang
AS, OA, L

Erfahrung allgemein (Jahre)

Dermatologische Erfahrung (Jahre)

Entzündungsdermatologie (Jahre)

I01

1

28

AS

2,5

2,5

1,5

I02

1

27

AS

0,5

0,5

0,5

I03

1

28

AS

0,75

0,75

0,75

I04

1

27

AS

1

1

1

I05

2

30

AS

2,5

2,5

1

I06

1

27

AS

3

3

3

I07

1

41

AS

11

6

0,25

I08

2

43

OA

16

16

16

I09

2

65

L

35

35

28

I10

2

46

L

21

21

9

Mittelwert

36,2

9,325

8,825

4,9

Median

29

2,75

2,75

1,25

Spanne

27–65

0,5–35

0,5–35

0,25–16

(Geschlecht w = weiblich, m = männlich; Rang AS = Assistenzarzt/Assistenzärztin, OA = Oberarzt/Oberärztin, L = Leitung des Zentrums )

Die Auswertung der Expert*inneninterviews mit allen 10 Ärzt*innen ergab insgesamt 165 Aussagen, die 7 Hauptkategorien mit jeweiligen Unterkategorien zugeordnet werden konnten ([Tab. 2]). Es konnten 37 Aussagen der Hauptkategorie „Wege der Bedarfsermittlung für psychosomatisches Gespräch“ zugeordnet werden, die den Umgang mit dem Angebot für ein psychosomatisches Gespräch wie auch die konkrete Herangehensweise aus Sicht der Expert*innen thematisierten. Alle Expert*innen (n = 10) erwähnten den üblicherweise im Zentrum ausgegebenen DLQI-Fragebogen [16]. Zusätzlich verließen sich mehr als die Hälfte der Befragten (n = 7) auf die eigene emotionale Einschätzung und achteten auf non-verbale Hinweise seitens der Betroffenen (n = 5).

Tab. 2

Verteilung der Aussagen im Kategoriensystem.

Hauptkategorie (Unterkategorien)

Anzahl der Aussagen

Anzahl der Aussagen (%)

Anzahl der Experten

Anzahl der Experten (% )

Wege der Bedarfsermittlung für psychosomatisches Gespräch

  • Generelle Ansprache unabhängig von der Krankheitsgeschichte

 4

 2,40

 2

 20,00

  • Achten auf versteckte und auf non-verbale Hinweise von Patient*innen

 5

 3,00

 5

 50,00

  • Fragebogeneinsatz

15

 9,10

10

100,00

  • Emotionale Einschätzung seitens Ärzt*innen

 8

 4,80

 7

 70,00

  • Vorabinformationen aus Krankengeschichte

 2

 1,20

 2

 20,00

  • Konkretes Ansprechen von Patient*innen selber

 3

 1,80

 3

 30,00

  • Reaktionen auf psychosomatisches Gesprächsangebot

  • Selbsteinschätzung seitens Ärzt*innen überwiegend positiv

11

 6,70

10

100,00

  • Sowohl ablehnende als auch positive Reaktionen beobachtet

 5

 3,00

 5

 50,00

Erfolgskontrolle

  • Direkte Ansprache bei Wiedervorstellung

 6

 3,60

 6

 60,00

  • Einsatz mit Fragebögen

 1

 0,60

 1

 10,00

  • Rücksprache mit psychotherapeutischen Expert*innen

 4

 2,40

 4

 40,00

  • Subjektive Verlaufsbeobachtung

 5

 3,00

 5

 50,00

  • Unsicherheit seitens Ärzt*innen, selbstständig die Erfolgskontrolle zu erfassen

 4

 2,40

 4

 40,00

Alternativwege für Gesprächsangebote

  • Motivation zur ambulanten Therapeut*innensuche

 1

 0,60

 1

 10,00

  • Einbezug Hausärzt*innen

 1

 0,60

 1

 10,00

  • Kritik an Konsildienstanforderung

 1

 0,60

 1

 10,00

  • Empfehlung zentrumsnaher Anbindung

12

 7,30

10

100,00

Nutzen für die Klinik

  • Verbesserte Expertise durch die Klinik

 3

 1,80

 3

 30,00

  • Verbesserung der Therapie durch ein Expert*innenteam

 7

 4,20

 5

 50,00

  • Zeitersparnis durch Aufteilung der Expertise

 5

 3,00

 4

 40,00

Nutzen für die Patient*innen

  • Nutzen der holistischen Behandlung für die Patient*innen

18

10,90

 9

 90,00

  • Zeitnahe Anbindung

 8

 4,80

 6

 60,00

  • Nutzen für die Ärzt*innen

  • Generell fehlende Expertise auf dem psychotherapeutischen Feld

 2

 1,20

 1

 10,00

  • Verbesserte Ärzt*innen-Patient*innen-Bindung

 6

 3,60

 5

 50,00

  • Erweiterter Horizont

 8

 4,80

 5

 50,00

  • Unterstützung bei fehlender Expertise

18

10,90

 9

 90,00

  • Konkrete Nennung der Sicherheit

 2

 1,20

 2

 20,00

Insgesamt konnten 36 Aussagen der Hauptkategorie „Nutzen für die Ärzt*innen“ zugeordnet werden. Fast alle Expert*innen (n = 9) wünschten sich konkret eine fachübergreifende Unterstützung aufgrund eigener fehlender Expertise im psychotherapeutischen Bereich. Durch die Angebotsvermittlung fühlten sich die Befragten sensibilisierter für die holistische Sichtweise, und es sagte bspw. ein Befragter: „Ich bin offener geworden für direkte oder versteckte Hinweise, die mir der Patient gibt, … und machʼ mir Gedanken zum Patienten …, spreche es auch proaktiv an, wenn ich den Eindruck habe, der Patient braucht in dieser Hinsicht Hilfe …, was ich früher nicht so gemacht hätte; alleine schon, weil ich nicht gewusst hätte, wie ich das so organisiere.“ In der Subkategorie „verbesserte Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung“ fokussierten 6 Aussagen eine positivere Interaktion mit den Patient*innen mit mehr Nähe und Zuwendung im ärztlichen Gespräch. In der Unterkategorie „konkrete Nennung der Sicherheit“ ließen sich 2 Aussagen generieren, die ganz konkret über mehr gewonnene Sicherheit im ärztlichen Handeln sprachen mit der Erleichterung, nicht alleine die Situation entscheiden und einschätzen zu müssen. Zum Thema „Nutzen für die Patient*innen“ äußerten sich fast alle der Befragten (n = 9) mit 26 Aussagen positiv. Betont wurde hier die Möglichkeit der schnellen, ortsnahen Anbindung. Zum Thema „Erfolgskontrolle“ konnten 20 Aussagen generiert werden. Hier wurde von mehr als der Hälfte der Expert*innen (n = 6) angegeben, dass sie die Patient*innen bei der Wiedervorstellung fragten, ob sie von der Anbindung profitiert und eine Veränderung in der Stimmung, dem Verhalten sowie im Krankheitsverlauf bemerkt haben. Ein Teil der Interviewten (n = 4) gab die eigene Unsicherheit an, die Erfolgskontrolle selbstständig zu ermitteln: 4 Ärzt*innen suchten nach der Gesprächsvermittlung die kollegiale Rücksprache. 15 Aussagen konnten der Hauptkategorie „Nutzen für die Klinik“ zugeordnet werden. Von der Hälfte der Ärzt*innen wurde die Verbesserung der Therapie durch interdisziplinäre Besprechungen hervorgehoben. So berichtete ein Arzt im Interview: „… weil sich im Team das Bewusstsein verändert hat, dass diese Krankheiten, mit denen wir es zu tun haben, multidimensionale Krankheiten sind, und man den gesamten Patienten sehen muss in der Auswahl der Therapie und Bewertung des Therapieerfolges …, und in der Interaktion mit anderen [Expert*innen] diskutiert man jetzt auch mehr, ob jetzt eigentlich die Therapie tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt …“

Zur Hauptkategorie „Reaktionen auf psychosomatisches Gesprächsangebot“ wurden 16 Aussagen aus dem gesamten Interviewmaterial der Befragten kodiert. Die Erfahrung aller 10 Expert*innen zeigte, dass die konkrete Ansprache über die Befindlichkeit ein wichtiges Thema für die Patient*innen war, welchem jedoch teilweise auf beiden Seiten mit Hemmungen begegnet wird. Bei konkreter Ansprache seitens der Ärzt*innen zeigten sich die meisten Patient*innen offen und dankbar.


Diskussion

Mittels eines qualitativen Ansatzes wurden die Zugangsmodalitäten und die Inanspruchnahme psychosomatischer Versorgung in einem spezialisierten Zentrum für Patient*innen mit chronischen Hauterkrankungen aus Sicht von DermatologInnen erfasst. Die Ergebnisse zeigten, dass das ortsnahe psychosomatische Gesprächsangebot aus Sicht der Expert*innen sehr positiv wahrgenommen wurde. Es wurde in der Befragung deutlich, dass insbesondere die unmittelbare zentrumsnahe Anbindung geschätzt wurde. In einem vergleichbaren spezialambulanten Kontext konnte durch die parallele multimodale Herangehensweise eine Verringerung der Symptomschwere von Patient*innen auf medizinischer wie auch auf psychologischer Ebene gezeigt werden [23]. Die in der untersuchten Spezialambulanz angebotenen niederschwelligen Erstsondierungsgespräche bis hin zu Kurzzeitinterventionen im unmittelbaren Kontext wurden von den befragten Expert*innen als sinnvoll erachtet, was sich positiv im somatischen Behandlungsverlauf abbildete. Psychotherapeutische Therapieoptionen wie die kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstherapien, motivationsbezogene Interviews sowie pädagogische und interdisziplinäre Interventionen sind bekannt [24], es bedarf jedoch der weiteren Entwicklung allgemein umsetzbarer Formate [25]. Die Integration der Psychosomatik in das somatisch ausgerichtete medizinische Spezialzentrum wurde laut der Rückmeldungen der in der Studie Befragten außerordentlich positiv wahrgenommen. Diese Interdisziplinarität führte für die eigene ärztliche Haltung zu einer verstärkten Beachtung der Wechselwirkungen zwischen körperlichen, seelischen und sozialen Prozessen und wurde in das eigene ärztliche Handeln integriert. Dabei zeigten sich keine wesentlichen Unterschiede im Geschlecht und über die Länge der Berufserfahrung hinweg. Dies bestätigt eine Untersuchung an Ärzt*innen, die während ihrer internistischen Ausbildung klinisch den Umgang mit biopsychosozialen Aspekten erlernt hatten. Auch hier berücksichtigten die Ärzt*innen diesen Ansatz und profitierten auch langfristig in ihrer weiteren praktischen ärztlichen Arbeit davon [26].

Bei den Patient*innen, die seit Kindheit unter einer von außen erkennbaren sichtbaren Hauterkrankung leiden, zeigt sich durch die frühe Internalisierung des „Andersseins“ ein erlerntes Bewältigungsmuster, welches verhaltensbestimmend ist und in der weiteren Biografie der Betroffenen generalisiert wird [27]. Seitens der hier befragten Ärzt*innen wurde bestätigt, dass das dysfunktionale Verhalten der Betroffenen zu einer Verstetigung ihrer Selbststigmatisierung führt, was sich in der Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung während des ärztlichen Gesprächs widerspiegelt. Patient*innen wenden bestimmte Vermeidungsstrategien, wie bspw. das Verstecken ihrer betroffenen Körperstellen in der Öffentlichkeit an, auch wenn sie sich in einem beschwerdefreien Intervall befinden [28]. Laut der befragten Ärzt*innen bildete sich diese oben genannte Problematik im medizinischen Gespräch ab, konnte aber oftmals nicht befriedigend im alltäglichen Ambulanzgeschehen abgefangen werden und führte auf beiden Seiten zu Verunsicherung. Als mögliches unterstützendes Instrument zum Überprüfen auf das Vorliegen von Lebensqualität-einschränkenden Faktoren und weiterer psychischer Komponenten bieten sich zum einen der dermatologische Lebensqualitätsindex (DLQI), der 2-Fragen-Test und der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) an [16] [29]. Mithilfe dieser Screeningfragebögen könnte eine strukturiertere Zuweisung an ortsnahe psychosomatische Expert*innen frühzeitig erfolgen.

Parallel sollte zudem die begleitende Intervision und zeitnahe Rückmeldung unter den Ärzt*innen in Form von Fallvorstellungen in interdisziplinären Konferenzen angeboten werden. Bei anderen Erkrankungen, bspw. in Tumorzentren oder im Transplantationsbereich, wurden mit vergleichbaren interdisziplinären Ansätzen bereits positive Erfahrungen aus Sicht aller Beteiligten erzielt [30] [31] [32]. Die befragten Expert*innen sprachen sich klar für ein leitfadengestütztes Vorgehen mit zusätzlicher Einbindung von Intervisionen zur Erweiterung des eigenen ärztlichen Handelns aus. In weitergehenden Studien ist es wichtig, ein leitfadengestütztes Vorgehen zu entwickeln und den Behandlungsverlauf quantitativ zu erfassen, um schließlich ein allgemein umsetzbares Konzept für Spezialambulanzen entwickeln zu können.

Eine Limitation der vorliegenden Studie ist, dass die Befragung in einem Spezialzentrum für chronische Hauterkrankungen erfolgt ist und die Inanspruchnahme sowie die Zuweisungsmodalitäten aus Ärzt*innensicht daher nur spezifisch beleuchtet werden konnten. Unsere Stichprobe wurde so ausgewählt, dass sie umfangreiche Informationen liefern konnte. Bereits nach weniger als der Hälfte der Befragungen zeigte sich, dass alle Aspekte bereits benannt worden sind. Daraus schließen wir, dass die entwickelten Kategorien und Codes ausreichen, um alle Inhalte entsprechend zuordnen zu können. Wir wollen jedoch kritisch auf die empfohlene Gesamtstichprobe nach Hennink et al. (2017) zu sprechen kommen, die 16–24 (Einzel-)Interviews für eine theoretische Sättigung für erforderlich hält [33]. Leider ist es im Rahmen unserer Befragung von medizinischem Personal in unserer Spezialambulanz nicht möglich, diese n-Zahl zu erreichen, da nur 10 Mitarbeiter*innen in dieser Abteilung tätig sind. Dennoch sind wir überzeugt, eine repräsentative und qualitativ hochwertige Stichmenge in der Studie erreicht zu haben.

Die Stärke dieser Studie liegt in der qualitativen Erfassung verschiedener individueller Perspektiven aus den geführten Einzelinterviews. Die Ergebnisse spielten bei der Entwicklung von neuen, psychotherapeutischen Maßnahmen mit dem Ziel die Behandlungsqualität zu verbessern eine wichtige Rolle. Durch ein integriertes somatisches und psychotherapeutisches Therapieangebot könnten nicht nur Ärzt*innen durch eine persönliche Stärkung und eine Erweiterung des ärztlichen Handelns profitieren, sondern v. a. auch Patient*innen, die neben dermatologischen auch unter psychischen Erkrankungen leiden. Aufgrund der Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung konnte ein aktuelles Forschungsvorhaben abgeleitet werden, welches eine adaptierte niederschwellige Kurzzeitintervention in einer prospektiven Studie bei belasteten Patient*innen untersucht. Um entsprechende Versorgungsstrukturen und/oder Interventionsangebote zukünftig für Ärzt*innen und Patient*innen einfacher zugänglich zu machen, ist die Einbindung von digitalen Kontaktmöglichkeiten wie z. B. die Verwendung von Telekonsilen oder Telesprechstunden eine vielversprechende Möglichkeit, die in weiterführenden Studien berücksichtigt werden soll.



Interessenkonflikt

R. von Spreckelsen, S. Gerdes, U. Mrowietz und H. Emmert geben an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.
Die vorliegende Arbeit wurde nicht finanziell unterstützt.

Danksagung

Wir danken allen Ärzt*innen aus dem Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen, die sich bereit erklärt haben, diese Studie durch ihre Teilnahme an einem Interview zu ermöglichen.


Korrespondenzadresse

Dr. Regina von Spreckelsen
Zentrum für entzündliche Hauterkrankungen
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3, Haus U27
24105 Kiel
Deutschland   

Publication History

Article published online:
14 June 2022

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