Phlebologie 2022; 51(04): 191-193
DOI: 10.1055/a-1866-1398
Schwerpunktthema

Ausgewählte Abstracts der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie

 

Die 64. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie vom 29. September bis 1. Oktober 2022 im Hannover Congress Centrum (HCC) steht unter dem Thema „Choosing Wisely – gemeinsam klug entscheiden“. Anbei finden Sie ausgewählte Abstracts des Kongresses.

Manuelle Lymphdrainage versus intermittierende pneumatische Kompression: vergleichende Untersuchung zur subjektiven und objektiven Effektivität der Methoden

Autor D.H. Eibl

Co-Autoren D. Schiltz, L. Prantl, C.D. Taeger

Institut Abteilung für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Universität Regensburg

Hintergrund Entstauende Maßnahmen sind die Basis jeder Lymphödemtherapie. Die manuelle Lymphdrainage als wesentliche Säule der komplexen physikalischen Entstauungstherapie ist der Goldstandard. Mit der intermittierenden pneumatischen Kompressionstherapie steht ein vergleichsweise neues Verfahren zur Verfügung. Bisher gab es noch keine Untersuchungen, welche den objektiven und subjektiven Effekt beider Therapien miteinander vergleichen.

Mit modernen, portablen Strukturlicht-3D-Scannern können schnell genaue 3D-Modelle von Extremitäten erstellt werden, die die Möglichkeit bieten, präzise und reproduzierbare Volumenmessungen von menschlichen Extremitäten durchzuführen und Volumenänderungen exakt zu bestimmen.

Methode In dieser prospektiven Beobachtungsstudie im Cross-over-Design wurden 40 Proband*innen mit sekundärem Lymphödem der unteren Extremität untersucht. In randomisierter Reihenfolge erhielten die Proband*innen im Abstand von 2 Tagen (ca. 48 Stunden) je beide Therapieverfahren, nach weiteren 2 Tagen das Follow-up. Der Parameter zur objektivierbaren Effektivität der jeweiligen Methode war die Volumendifferenz direkt nach der Intervention sowie nach 2 Tagen (ca. 48 Stunden). Die Datenerhebung erfolgte mittels eines 3D-Scans mit einem mobilen Handscanner und der computergestützten Auswertung zur Bestimmung der Volumendifferenz. Gemessen wurde das Unterschenkelvolumen des betroffenen Beins, Begrenzungen waren vordefinierte anatomische Landmarken im Bereich des Knöchels und des Kniegelenks ([Abb. 1]).

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Abb. 1 Markierungen und Scanvorgang. Quelle: Dr. PD Daniel Schiltz. Zuerst veröffentlicht in: Eibl, Dominik Hermann (2022) Manuelle Lymphdrainage versus intermittierende pneumatische Kompression: vergleichende Untersuchung zur subjektiven und objektiven Effektivität der Methoden. Dissertation, Universität Regensburg unter der Lizenz: CC BY 4.0: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ [rerif]

Die subjektive Datenerhebung erfolgte mittels Fragebögen. Erhoben wurden dabei Parameter zur subjektiven Effektstärke, zur Verträglichkeit und zur Therapie-Compliance bzw. Therapieadhärenz der beiden Methoden.

In der statistischen Auswertung kamen neben deskriptiven Modellen auch linear-gemischte Modelle, T-Tests für abhängige Variablen und Wilcoxon-Tests zum Einsatz.

Ergebnisse Bei 40 untersuchten Proband*innen konnte kein signifikanter Unterschied in der Volumenreduktion direkt im Anschluss an die Intervention zwischen den beiden Therapieverfahren festgestellt werden. Ein signifikanter „Langzeiteffekt“ 2 Tage nach Intervention konnte bei keinem der Therapieverfahren nachgewiesen werden ([Abb. 2], [Tab. 1]).

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Abb. 2 Mittlere Volumendifferenz in % mit Standardabweichung.
Tab. 1

Volumendifferenz in ml.

Volumendifferenz in ml

MLD

2-Tages-Effekt MLD

IPK

2-Tages-Effekt IPK

Mittelwert (± SD)

–55,7 (± 36,0)

–16,0 (± 63,3)

–57,4 (± 32,8)

–12,0 (± 68,9)

Minimum

–142,4

–134,9

–123,9

–207,6

Maximum

+ 5,6

+ 130,5

–9,1

+ 108,9

25. Perzentile

–79,7

–58,9

–86,6

–61,0

50. Perzentile

–52,4

–29,9

–57,6

+ 0,8

75. Perzentile

–25,4

+ 29,2

–24,5

+ 36,0

Diese Erkenntnisse decken sich mit dem subjektiven Empfinden der Proband*innen. In der Befragung zur Beurteilung der Therapieeffektivität zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Therapieverfahren, weder direkt nach Intervention noch nach 2 Tagen.

Beide Therapieformen wurden jeweils lediglich von 2 Patient*innen (5 %) als unangenehm empfunden. Die manuelle Lymphdrainage wird von allen Proband*innen (100 %) weiterempfohlen, 87,5 % empfehlen die intermittierende pneumatische Kompression anderen Lymphödempatient*innen. 68 % der Proband*innen bevorzugen die manuelle Lymphdrainage gegenüber der intermittierenden pneumatischen Kompression, 32 % ziehen die intermittierend pneumatische Kompression vor.

Schlussfolgerung Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Effekt der entstauenden Maßnahmen kürzer als 48 Stunden ist. Demnach profitieren Lymphödempatient*innen von einer hochfrequenten Therapie.

Mit der intermittierenden pneumatischen Kompressionstherapie besteht eine Therapieoption, welche in der klinischen Anwendung etabliert und sicher ist. Sie könnte demzufolge als eine zusätzliche Therapie zum Goldstandard der manuellen Lymphdrainage einen wertvollen Beitrag in der Therapie von Lymphödemen der unteren Extremität leisten und dabei helfen, die Versorgungssituation der Patient*innen zu verbessern.

Um ein besseres Verständnis um den Stellenwert der intermittierenden pneumatischen Kompressionstherapie bei sekundären Lymphödemen zu erlangen, sind weitere Studien, vorzugsweise multizentrisch mit größeren Fallzahlen und über einen längeren Beobachtungszeitraum, notwendig.

Interessenkonflikt Die Finanzierung dieser Drittmittelstudie erfolgte durch die Firma Villa Sana GmbH & Co. Medizinische Produkte KG, Hauptstraße 10, 91798 Weiboldshausen.


Nichts ist so wie es scheint – der seltene Fall

Autor L. Jennetten1

Co-Autoren G. Berboth1, T. Bieber1, V.S. Schäfer2, P. Brossart2, J. Ziob1

Institut1 Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinikum Bonn, Deutschland

2 Medizinische Klinik III, Onkologie, Hämatologie, Rheumatologie und klinische Immunologie, Universitätsklinikum Bonn, Deutschland

Anamnese und Befund Ein 42-jähriger Patient stellte sich in unserer phlebologischen Sprechstunde vor. Seit 11 Jahren bestehen unklare episodisch auftretende druckschmerzhafte strangförmig überwärmte Rötungen an wechselnden Lokalisationen der oberen und unteren Extremitäten. Begleitet werden diese von subfebrilen bis febrilen Temperaturen. Ferner zeigen sich hin und wieder subkutane flächige Verhärtungen zum Teil mit einhergehenden Erythemen an den Extremitäten ([Abb. 3]).

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Abb. 3 Erythem mit tastbarer flächiger subkutaner Verhärtung am rechten Unterschenkel.

Weitere Beschwerden existieren nicht, insbesondere keine B- oder Raynaud-Symptomatik. Der Patient ist Nichtraucher. Aus der Vorgeschichte ist bekannt, dass er vor 6 Jahren eine Sinusvenenthrombose erlitt. Seitdem werde Phenprocoumon in therapeutischer Dosierung eingenommen, weitere Medikamente nicht. Zusätzlich war eine Hepatitis-B-Seronarbe bekannt. Die Familienanamnese gestaltete sich leer hinsichtlich phlebologischer, dermatologischer und rheumatologischer Vorerkrankungen. Es bestanden auch keine genetischen Variationen in der Familie.

Diagnostik Duplexsonografisch konnten wir immer wieder sowohl kurz- als auch langstreckige oberflächliche Venenthrombosen an den Extremitäten detektieren ([Abb. 4a, b]), die tiefen Venen waren frei, kein Reflux im tiefen oder oberflächlichen Venensystem.

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Abb. 4 Oberflächliche Venenthrombose (OVT) am linken distalen Unterarm. a Querschnitt ohne Kompression, OVT mit echoreichem Thrombus (→), Begleitvene mit echoarmem Lumen, b Querschnitt mit Kompression, OVT mit echoreichem Thrombus persistiert (→), Begleitvene nicht mehr darstellbar.

Der arterielle Status zeigte sich unauffällig. Hinweise auf eine Thrombangiitis obliterans gab es keine. In der Hautsonografie der subkutanen flächigen Verhärtungen ließ sich ein verdicktes, imbibiertes subkutanes Fettgewebe darstellen. Wir entschieden uns aus einem dieser Areale eine tiefe Spindelbiospie zu entnehmen, welche histologisch eine überwiegend septale Pannikulitis im Bereich teilokkludierter Arteriolen ergab. Es erfolgte mehrfach unter Pausierung der oralen Antikoagulation der Ausschluss einer Thrombophilie. Außerdem wurden sowohl infektiöse Ursachen wie eine Tuberkulose und Malaria als auch eine Sarkoidose sowie eine paraneoplastische Genese ausgeschlossen. Antinukleäre und antineutrophile zytoplasmatische Antikörper zeigten sich unauffällig. Eine JAK2-V617F-Mutation war ebenso nicht nachweisbar. In Zusammenschau der Befunde stellten wir die Verdachtsdiagnose einer kutanen Polyarteriitis nodosa mit einer begleitenden Thrombophlebitis migrans.

Verlauf Interdisziplinär wurde der Fall ausführlich diskutiert. Es erfolgte die Einleitung einer Immunsuppression mit Mycophenolat-Mofetil bis zu 3 g/Tag. Phenprocoumon wurde um Acetylsalicylsäure 100 mg/Tag nach hämostaseologischer Empfehlung ergänzt und symptomatisch Fondaparinux 2,5 mg/Tag inklusive Kompressionstherapie an den betroffenen Extremitäten verordnet. Die Beschwerden bestanden jedoch auch hierunter weiter. Ein halbes Jahr nach erstmaliger Vorstellung des Patienten kam es zu einer Koronarperforation des Ramus interventricularis anterior und begleitendem Hämatoperikard mit intensivmedizinischer Betreuungsnotwendigkeit. Es erfolgte eine Aortografie, bei der sich eine regelrechte Gefäßdarstellung ohne Nachweis aneurysmatischer Aussackungen zeigte. Eine Polyarteriitis nodosa, eine Vaskulitis der mittelgroßen Gefäße, konnte anhand der Bildgebung und Klinik nicht bestätigt werden. Auch eine andere rheumatologische Grunderkrankung wurde ausgeschlossen. Aktuell gehen wir von einer idiopathischen Thrombophlebitis migrans, ggf. in Kombination mit einem komplexen Gendefekt aus, weshalb eine genetische Untersuchung avisiert wird.

Diskussion Der geschilderte Fall zeigt in einer frustrierenden Weise, dass es in der Medizin nicht nur Schwarz und Weiß gibt, dass eine sorgfältige Anamnese und Diagnostik nicht immer zur vermeintlichen Diagnose führen und dass die Wahrheit manchmal irgendwo dazwischen liegt. Dennoch ist es wichtig, wiederkehrende oberflächliche Venenthrombosen sorgfältig abzuklären. Hierzu gehört sowohl eine ausführliche Gefäß-, Gerinnungs- und Tumordiagnostik als auch eine Abklärung bezüglich Autoimmunerkrankungen.




Publication History

Article published online:
10 August 2022

© 2022. Thieme. All rights reserved.

Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14, 70469 Stuttgart, Germany


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Abb. 1 Markierungen und Scanvorgang. Quelle: Dr. PD Daniel Schiltz. Zuerst veröffentlicht in: Eibl, Dominik Hermann (2022) Manuelle Lymphdrainage versus intermittierende pneumatische Kompression: vergleichende Untersuchung zur subjektiven und objektiven Effektivität der Methoden. Dissertation, Universität Regensburg unter der Lizenz: CC BY 4.0: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ [rerif]
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Abb. 2 Mittlere Volumendifferenz in % mit Standardabweichung.
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Abb. 3 Erythem mit tastbarer flächiger subkutaner Verhärtung am rechten Unterschenkel.
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Abb. 4 Oberflächliche Venenthrombose (OVT) am linken distalen Unterarm. a Querschnitt ohne Kompression, OVT mit echoreichem Thrombus (→), Begleitvene mit echoarmem Lumen, b Querschnitt mit Kompression, OVT mit echoreichem Thrombus persistiert (→), Begleitvene nicht mehr darstellbar.