Diabetologie und Stoffwechsel 2025; 20(S 02): S278-S287
DOI: 10.1055/a-2592-8270
DDG-Praxisempfehlung

Adipositas und Diabetes

Authors

  • Jens Aberle

    1   Endokrinologie und Diabetologie, Universitäres Adipositas Centrum, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Deutschland (Ringgold ID: RIN37734)
  • Anne Lautenbach

    2   Endokrinologie und Diabetologie, Universitäres Adipositas Centrum, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Deutschland (Ringgold ID: RIN37734)
  • Svenja Meyhöfer

    3   Medizinische Klinik 1, Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, Lübeck, Deutschland
  • Markus Menzen

  • Lars Selig

    4   Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie, Universitätsmedizin Leipzig, Leipzig, Deutschland
    5   Spezialbereich Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Leipzig, Leipzig, Deutschland
  • Knut Mai

    6   Medizinische Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin (einschl. Arbeitsbereich Lipidstoffwechsel), Charité Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
    7   Abteilung für Humanernährung, Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, Nuthetal, Deutschland
  • Matthias Blüher

    4   Klinik und Poliklinik für Endokrinologie und Nephrologie, Universitätsmedizin Leipzig, Leipzig, Deutschland
    8   Helmholtz-Institut für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung (HI-MAG), Helmholtz Zentrum München an der Universität Leipzig und dem Universitätsklinikum Leipzig AöR, Leipzig, Deutschland
  • Christoph Terkamp

    9   Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland (Ringgold ID: RIN9177)

10.1055/a-2312-0389

Aktualisierungshinweis

Die DDG-Praxisempfehlungen werden regelmäßig zur zweiten Jahreshälfte aktualisiert. Bitte stellen Sie sicher, dass Sie jeweils die neueste Version lesen und zitieren.

Inhaltliche neuerungen gegenüber der Vorjahresfassung

Neuerung 1: Aktualisierung Abschnitt GLP-1 Rezeptor-Agonisten und Koagonisten

Begründung: Neue Studiendaten

Stützende Quellenangabe: [1]

Neuerung 2: Hinzunahme von E-health

Begründung: Neue Studiendaten und Leitlinien

Gewichtsreduktion ist ein integraler Bestandteil in der Therapie vieler Menschen mit Typ-2-Diabetes. Die Effektivität einer Gewichtsreduktion in der Behandlung und Prävention des Typ-2-Diabetes ist durch zahlreiche Studien belegt. In der „Finnish Diabetes Prevention Study“ konnte die Konversion eines Prädiabetes in einen Typ-2-Diabetes durch eine Lebensstilintervention um 58% gesenkt werden [2]. Ähnliche Ergebnisse erbrachte das „Diabetes Prevention Program“ [3]. Eine englische Studie konnte belegen, dass pro 1 kg Gewichtsreduktion im ersten Jahr nach Diagnose eines Typ-2-Diabetes die Lebenserwartung um 3–4 Monate erhöht wird [4] und Williamson et al [5] konnten zeigen, dass eine Gewichtsreduktion von 10 kg die Gesamtmortalität bei Menschen mit Typ-2-Diabetes um 25% senkt. Darüber hinaus verbessert eine Gewichtsreduktion nicht nur die Blutzuckerwerte, sondern nahezu alle Komorbiditäten des Diabetes gleichzeitig (Bluthochdruck, Fettlebererkrankungen, Depression, Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) u.a.). Diese Effekte scheinen besonders stark zu sein, wenn eine Gewichtsreduktion von mindestens 5% erreicht werden kann [6]. Eine Gewichtszunahme im Rahmen der Typ-2-Diabetes-Behandlung verschlechtert hingegen kardiovaskuläre Risikofaktoren und ist mit einer Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse und Mortalität verbunden [7].

Der Konsensus Bericht der „American Diabetes Association“ (ADA) und der „European Association for the Study of Diabetes“ (EASD) von 2022 [8] definiert für die meisten Menschen mit Typ-2-Diabetes eine Gewichtsreduktion von mindestens 5–15% als Therapieziel, wobei eine 10–15%ige Abnahme sogar zur Diabetesremission führen kann [9]. Das grundsätzliche Behandlungsziel sollte bei Patienten mit Adipositas und Diabetes eine langfristige Gewichtsstabilisierung im Bereich des Normgewichtes sein (Body-Mass-Index [BMI] 18,5–24,9 kg/m2). Der Taillenumfang von Frauen und Männern sollte ≤ 80 cm bzw. ≤94 cm betragen [9] ([Tab. 1]). Neuere Empfehlungen favorisieren eine Kombination aus BMI und Waist-to-Height Ratio (WtHR) zur Prävention oder Therapie von metabolischen und funktionellen Folgeerkrankungen der Adipositas. Die Europäische Adipositas Gesellschaft (EASO) sieht das gleichzeitige Erreichen eines BMI <25 kg/m² und einer WtHR <0,5 als primäres Therapieziel bei Menschen mit Adipositas [10]. Dabei ist die Gewichtsreduktion dann besonders effektiv, wenn der Verlust von Muskelmasse möglichst gering gehalten werden kann. Ein sarkopener Phänotyp ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes mit einem besonders hohen Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen assoziiert.

Tab. 1 Allgemeine Therapieziele für die langfristige Gewichtsstabilisierung.

Indikator

Allgemeines Therapieziel

Body-Mass-Index (BMI)

18,5–24,9 kg/m2

Waist-to-Height Ration (WtHR)

<0,5

Taillenumfang für Frauen

≤80 cm

Taillenumfang für Männer

≤94 cm

Am 10.05.2024 wurde die Richtlinie des Disease Management Programm Adipositas im Bundesanzeiger veröffentlicht und trat zum 01.07.2024 in Kraft. Einschlussvoraussetzungen sind ein BMI von >30 kg/m², wenn gleichzeitig eine Komorbidität vorhanden ist. Hierzu gehört neben dem Typ-2-Diabetes auch der Prädiabetes. Somit greift das „Disease-Management-Programm“ (DMP) die o.a. wissenschaftliche Evidenz auf. Eine der Behandlungsziele des DMP ist die Reduktion der Konversion von Menschen mit einem Prädiabetes zu einem manifesten Typ-2-Diabetes. Gemäß Richtlinientext kommt dabei neben den Hausärzten auch Diabetologen und Ernährungsmedizinern eine besondere Rolle zu [11].

Das Erreichen normgerechter HbA1c- und Gewichtswerte stellt somit ein übereinstimmendes Therapieziel aktueller Leitlinien dar, an dem sich blutzuckersenkende und andere medikamentöse Therapien des Typ-2-Diabetes orientieren sollten.



Publication History

Received: 26 June 2025

Accepted: 04 August 2025

Article published online:
24 December 2025

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