Diabetologie und Stoffwechsel 2025; 20(S 02): S454-S467
DOI: 10.1055/a-2593-4467
DDG-Praxisempfehlung

Positionspapier der DDG, DGA, DGG und DeGiR zur Diagnostik und Behandlung der pAVK bei Diabetes mellitus

Authors

  • Kilian Rittig

    1   Universitätsklinik für Angiologie, Zentrum für Innere Medizin 1, Deutsches Angiologie Zentrum Brandenburg-Berlin (DAZB), Universitätsklinikum Brandenburg, Fakultät für Gesundheitswissenschaften (FGW), MHB Theodor Fontane, Brandenburg, Deutschland
  • Farzin Adili

    2   Klinik für Gefäßmedizin, Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie, Klinikum Darmstadt GmbH, Darmstadt, Deutschland
  • Markus Zähringer

    3   Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Marienhospital Stuttgart, Stuttgart, Deutschland
  • Nasser Malyar

    4   Klinik für Kardiologie I – Koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Angiologie, Universitätsklinikum Münster, Münster, Deutschland
  • Ulrich Rother

    5   Klinik für Gefäßchirurgie und Transplantationszentrum, Universitätsklinik Erlangen, Erlangen, Deutschland
  • Bernd Balletshofer

    6   Angiologiezentrum Tübingen, Tübingen, Deutschland
  • Hui J. Qiu

    7   Klinik für Innere Medizin 1 für Diabetologie, Endokrinologie, Kardiologie und Angiologie, Marienhospital Stuttgart, Stuttgart, Deutschland
  • Peter Reimer

    8   Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Städtisches Klinikum Karlsruhe, Karlsruhe, Deutschland
  • Holger Lawall

    9   Gemeinschaftspraxis Prof. Dr. C. Diehm/Dr. H. Lawall, Max-Grundig Klinik Bühlerhöhe, Ettlingen, Deutschland
Aktualisierungshinweis

Die DDG-Praxisempfehlungen werden regelmäßig zur zweiten Jahreshälfte aktualisiert. Bitte stellen Sie sicher, dass Sie jeweils die neueste Version lesen und zitieren.

Inhaltliche Neuerungen gegenüber der Vorjahresfassung

Neuerung 1: Medikamentöse Therapie der symptomatischen PAVK im Stadium II (Claudicatio) bei Menschen mit Diabetes.

Begründung: Verbesserung der Gehleistung, Lebensqualität und Reduktion von MALE bei Menschen mit Diabetes und PAVK im Stadium der Schaufensterkrankheit unter wöchentlicher Therapie mit Semaglutide (1 mg/ Woche s. c.)

Stützende Quellenangabe: [84]

Neuerung 2: Empfehlungen bei Claudicatio intermittens modifiziert mit Betonung des strukturierten Gehtrainings

Begründung: neue S3 LL pAVK 2024

Stützende Quellenangabe: [1]

Neuerung 3: Aktualisierung der interventionellen Behandlungsempfehlungen zu den Gefäßabschnitten aorto-iliakal, femoro-popliteal und cruro-pedal

Begründung: Anpassung der Empfehlungen nach aktueller Datenlage und LL

Stützende Quellenangabe: [1]

Neuerung 4: Kritische Exltremitätenischämie

Begründung: Anpassung der Empfehlungen nach aktueller Datenlage und LL

Stützende Quellenangabe: [1] [110]

Diese Praxisempfehlung basiert auf den aktuellen deutschen und internationalen Leitlinienempfehlungen [1] [2] und dient als kurze, klinisch orientierte Handlungsanweisung zur Diagnostik und Therapie bei Patienten mit Diabetes mellitus (Dm) und peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK).

Periphere Durchblutungsstörungen der Becken- und Beinarterien sind eine der Folgekomplikationen von Patienten mit Dm. Der Begriff umfasst Stenosen, Verschlüsse und – in geringerem Maße – aneurysmatische Gefäßveränderungen der Becken-Bein-Arterien.

Arterielle Gefäßläsionen treten zumeist in höherem Lebensalter auf. Menschen mit Dm sind jedoch oft vorzeitig betroffen. Bei diesen Patienten ist der Zeitpunkt der Erstmanifestation zudem abhängig von Erkrankungsdauer und Güte der Stoffwechseleinstellung. Nur 25 % der betroffenen Patienten haben Symptome.

Insbesondere bei Patienten mit Dm verläuft die Atheromatose der peripheren Gefäße aufgrund chronischer inflammatorischer Gefäßwandprozesse und der Hyperkoagulabilität aggraviert.

Diabetes mellitus ist nach dem Nikotinabusus der wichtigste Risikofaktor für das Auftreten einer pAVK [11] [93].

Patienten mit Dm haben ein 2- bis 4-fach höheres Risiko, eine pAVK zu entwickeln, als Patienten ohne Dm.

Bis zu 30 % aller Patienten mit Claudicatio und 50 % aller Patienten mit chronischer Extremitäten-bedrohender Ischämie (chronic limb-threatening ischemia, CLTI) sind Menschen mit Diabetes mellitus [5].

pAVK-Patienten mit Dm haben spezifische anatomisch-morphologische sowie klinische Charakteristika, die es beim diagnostischen und therapeutischen Herangehen zu berücksichtigen gilt. Im Vergleich zu Menschen ohne Dm entwickelt sich die pAVK bei Menschen mit Dm früher, schreitet schneller voran und geht häufiger in die CLTI über. Anatomisch-morphologisch ist eine multisegmentale Manifestation mit langstreckigen, kalzifizierten Stenosen/Verschlüssen der Unterschenkelarterien mit unzureichender Kollateralbildung typisch. Klinisch präsentieren sich Menschen mit Dm häufig mit einer kritischen Ischämie, auch weil die einer kritischen Ischämie vorausgehende Claudicatio intermittens und der Ruheschmerz durch die diabetische sensible Polyneuropathie lange Zeit maskiert bleiben können. Die schlechte Prognose hinsichtlich des amputationsfreien Überlebens bei Menschen mit Dm ist einerseits bedingt durch die hohen Ischämie- und Ulkusrezidivraten und die damit einhergehenden Minor- und Majoramputationen, anderseits durch eine hohe Rate an Komorbiditäten und Koprävalenz von Endorganschäden wie Herz- und Niereninsuffizienz, die die Mortalität unabhängig erhöhen.

Die bedeutendsten Konsequenzen diabetischer peripherer Durchblutungsstörungen sind Fußläsionen (Ulzerationen und Gangrän) und als Folge des ischämischen oder neuroischämischen diabetischen Fußsyndroms (DFS) kleine (Minor-) und große (Major-) Amputationen ([Tab. 1]).

Tab. 1

Klassifikation der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) nach Fontaine und Rutherford.

Fontaine

Rutherford

Stadium

klinisches Bild

Grad

Kategorie

klinisches Bild

I

asymptomatisch

0

0

asymptomatisch

IIa

Gehstrecke > 200 m

I

1

leichte CI

IIb

Gehstrecke < 200 m

I

2

mäßige CI

I

3

schwere CI

III

ischämischer Ruheschmerz

II

4

ischämischer Ruheschmerz

IV

Ulkus, Gangrän

III

5

kleinflächige Nekrose

III

6

großflächige Nekrose

CI: Claudicatio intermittens.

Was ist von Bedeutung?
  • Die Zahl der Patienten mit pAVK und Dm nimmt stetig zu.

  • Das Amputationsrisiko von Menschen mit Diabetes mellitus ist bei Vorhandensein einer pAVK deutlich erhöht.

  • Rechtzeitiges Erkennen der pAVK reduziert die Amputationsrate und verringert bei leitliniengerechter Behandlung die kardio-vaskuläre Ereignisrate.

  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit und rasche Revaskularisation sind bei chronischer Extremitäten-bedrohender Ischämie entscheidend.



Publication History

Article published online:
24 December 2025

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