Ultraschall Med 2025; 46(04): 407
DOI: 10.1055/a-2648-6953
DEGUM-Mitteilungen

Nachruf auf Dr. med. Gotthard von Klinggräff

20. September 1940–13. Mai 2025
 

    Gotthard von Klinggräff war für den Ultraschall in Hamburg und Norddeutschland das, was Uwe Seeler für den HSV war – und ich bin mir sicher, dass ihm dieser Vergleich gefallen hätte: Tatkräftiger Initiator, begeisternder Inspirator, allseits nicht nur geschätzte, sondern beliebte Identifikationsfigur, dabei persönlich uneitel, verbindlich, charismatisch und humorvoll. Seine außergewöhnlichen und authentischen kommunikativen Fähigkeiten machten ihn zu einem „Menschenfänger“ und natürlichen Kristallisationspunkt für alles, was mit seiner beruflichen Leidenschaft, dem Ultraschall, zu tun hatte.

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    Foto: Privat

    Im September 1940 als jüngster von vier Brüdern in eine Mecklenburger Rittergutsfamilie in der Nähe von Neubrandenburg hineingeboren, hat er trotz ausgesprochen schwierigen Bedingungen – der Vater fiel schon 1941 in Russland, die Familie musste im April 1945 auf einem Planwagen nach Westen fliehen – seine Kindheit stets als positiv und abenteuerreich empfunden und geschildert. Das silberne Familienbesteck, das bei der Flucht in einem kleinen Wäldchen versteckt und nach der Wende knapp 50 Jahre später von den Brüdern wieder ausgegraben wurde und bei den Ultraschall-Vorstandstreffen in Gotthards Wohnung zum Einsatz kam, war nur eine der Anekdoten einer bewegten und durch die Zeitläufte durcheinander gewirbelten Jugend. Im Alter von 11 Jahren wurde Gotthard Schüler des damaligen sogenannten „Balteninternats Carl Hunnius“ in Wyk auf Föhr, wo er seine komplette Gymnasialzeit durchlief. Seitdem war Föhr „seine Insel“: Er hat dort im Dezember 1978 seine Frau Birgit geheiratet und ist auf seinen Wunsch hin dort auch beigesetzt worden.

    Nach dem Medizinstudium in Münster, Wien und Hamburg begann er 1970 seine klinische Ausbildung im Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg-Harburg (später Asklepios-Klinik Harburg) – und blieb dort tatsächlich ein halbes Jahrhundert tätig. Unter seinem verehrten Lehrer Prof. Hornbostel, dem er auch nach dessen Emeritierung freundschaftlich eng verbunden blieb, wurde er dort 1980 zum Oberarzt ernannt. Hornbostel war es auch, der ihn schon in den 70er-Jahren, in der Entwicklungsphase des klinischen Ultraschalls, zur intensiven Beschäftigung mit dieser damals von vielen Klinikern noch argwöhnisch betrachteten neuen Methode anregte. Zusammen mit seinem Freund und „alter Ego“ Jürgen Gebhardt aus dem Barmbeker Krankenhaus knüpfte er seit 1974 enge Verbindungen zur Rettenmaier’schen Sonografieschule in Böblingen und war durch oben beschriebene Tatkraft, Organisationstalent und Begeisterungsfähigkeit wesentlich mit für die zügige Etablierung und Akzeptanz des Ultraschalls in Hamburg und im norddeutschen Raum verantwortlich. 1977 wurde der „Arbeitskreis Sonographie Hamburger Internisten“, liebevoll ASHI genannt, gegründet, der seitdem regelmäßig halbjährliche Kolloquien sowie regelmäßige Ultraschallkurse durchgeführt hat. Als Botschafter der sich rasant entwickelnden „schwarzen Kunst“ wurde Gotthard von Klinggräff immer wieder auch international eingeladen – in die Schweiz, nach Polen, Österreich, aber auch nach Japan, Brasilien und gleich 3-mal nach Venezuela. Und auch unmittelbar nach der Wende war er ein hochgeschätzter Referent und Lehrer an verschiedenen Orten zwischen Thüringen und der Mecklenburgischen Ostseeküste.

    Gotthard von Klinggräff hat sich darüber hinaus seit den 1980er-Jahren intensiv in der DEGUM engagiert und eingebracht. Zusammen mit Karlheinz Seitz, Jürgen Gebhardt und Joachim Hackelöer organisierte er 1989 ein im Nachhinein immer wieder als „legendär“ beschriebenes Dreiländertreffen in Hamburg – mit mehr als 2000 Teilnehmern. Von 1995–2000 war er Sekretär und Vorstandsmitglied der DEGUM; im September 2005, dem Jahr seiner offiziellen Pensionierung, wurde ihm für seine Verdienste die Ehrenmedaille der DEGUM verliehen. Aber: Pensionierung hin oder her, ein Leben ohne Klinik und seinen geliebten Ultraschall war so gar nicht nach Gotthards Geschmack, und so hat er noch bis zu einem 80. Lebensjahr sowohl in der Klinik als auch in der DEGUM engagiert eingesetzt.

    Die DEGUM verliert mit Gotthard von Klinggräff einen zentralen Gestalter, Organisator und Motor der Anfangsjahre der klinischen Ultraschall-Entwicklung. Der ASHI verliert einen seiner Gründungsväter, seinen jahrzehntelangen „spiritus rector“ und Ehrenpräsidenten, der die norddeutsche Ultraschallszene über Jahrzehnte mit seinem Optimismus, seiner Tatkraft, seiner Freundlichkeit und seinem immensen Erfahrungsschatz wesentlich geprägt und sich wie kaum ein anderer jahrzehntelang für Ausbildung und Qualität in der Ultraschalldiagnostik eingesetzt hat. Viele von uns verlieren mit ihm einen langjährigen Weggefährten, Lehrer und Freund. In der Traueranzeige seiner Familie heißt es: „Deine Liebe zu den Menschen, Deine Freude am Leben, Dein Engagement für Deinen Beruf und Dein Humor haben Dich durch Dein Leben getragen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Wir verneigen uns vor seiner beeindruckenden Lebensleistung und drücken seiner Frau und seiner Familie unser Mitgefühl aus.

    Guntram Lock, für den Arbeitskreis Sonographie Hamburger Internisten



    Publication History

    Article published online:
    06 August 2025

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