Psychiatr Prax 2025; 52(06): 306-307
DOI: 10.1055/a-2654-7849
Debatte: Pro & Kontra

Schwerpunktbildung nach der Facharztweiterbildung Psychiatrie-Psychotherapie – Kontra

     

    Kontra

    Die Diskussion um eine Schwerpunktbildung im Gebiet Psychiatrie und Psychotherapie ist Teil einer schon viele Jahre geführten Debatte um eine Spezialisierung innerhalb des Fachgebietes. Diese erhält auch durch die Spezialisierungsdebatte in den somatischen Disziplinen im Rahmen der Krankenhausreform neue Nahrung. Gleichwohl wurde im Rahmen der 8.Stellungnahme hierzu eine weitergehende Aufteilung in spezialisierte Leistungsgruppen nicht verfolgt [1]. Aktuell kann die Schwerpunktbezeichnung Forensische Psychiatrie [2]. erworben werden. Der Weg in eine weitreichendere Schwerpunktbildung wäre also eine strategische Entscheidung, für deren Abwägung hier folgenden Fragen nachgegangen werden soll:


    Wozu könnte das gut sein?

    Ein häufig vorgebrachtes Argument ist die Schärfung einzelner Bereiche eines inzwischen umfangreichen Faches. Von universitärer Seite wird zudem angemerkt, dass junge Kolleg:innen eher gewonnen werden könnten, wenn sie sähen, dass auch Psychiatrie und Psychotherapie über ein umfangreiches Spezialwissen verfügen und damit in speziellen Bereichen spezifische Expertisen erworben werden können, die eine wissenschaftliche Karriere befördern. So könnte man auch gegenüber anderen somatischen Fächern der Medizin in Bezug auf die Gewinnung von Nachwuchs konkurrenzfähig sein. Die zugrundeliegende Hypothese lautet: Schwerpunkte unterstreichen, dass es sich um ein interessantes und vielseitiges Fach handelt. Außerdem führten Schwerpunkte dazu, mehr Qualität zu ermöglichen. Auch dies ist letztlich eine Hypothese.


    Für wen könnte das gut sein?

    Die Grundidee, dass Schwerpunkte für die Entscheidung für die Facharztweiterbildung und zur Karriereentwicklung hilfreich sind, fußt auf dem Gedanken, dass bestimmte Kompetenzen für bestimmte Positionen nachgefragt werden und zum Erreichen dieser bedeutsam sind. Es entstünden folgende Konsequenzen: werden Schwerpunkte etabliert, müssen diese vermittelt werden, was wiederum Curricula notwendig macht, die vorgehalten werden (müssen) und ggf. als Entscheidungsmerkmal für Bewerber beworben werden können. Das Argument in Zeiten des Fachkräftemangels wäre, dass sich Bewerber eher für ein Fach mit Schwerpunkten und dann für Klinika mit vielen verschiedenen Schwerpunkten entscheiden. Diese Hypothese legt nahe, warum vielleicht Akteure, die in größeren Systemen arbeiten und diese vertreten, eine Schwerpunktbildung attraktiv und als zielführend in der Personalgewinnung erachten. Am Ende steht dann der Aspekt einer angenommenen qualitativ besseren Patientenversorgung in größeren Systemen mit möglichst vielen Schwerpunkten in denen spezialisierte Mitarbeitende tätig sind. Dies ist letztlich das Argument, das im Rahmen der Krankenhausreform in der Somatik zum Prinzip der Leistungsgruppen geführt hat und das für die Psychiatrie nicht als sinnvoll erachtet wurde [1].


    Was wären Nebenwirkungen?

    Eine Schwerpunktbildung würde eine Abkehr von der Qualität befördern, das gesamte Fach zu vertreten. Wer gut ist, hat einen Schwerpunkt, wer besser ist, wohl mehrere, umgekehrt: Wer das nicht hat, ist mindestens eher nicht so gut: sowohl auf der Weiterbildungsbefugten Seite als auch auf der Ebene der Weiterbildungskandidaten. Die Hypothese wäre, dass sich so eher Güte von Mittelmaß unterscheiden ließe.

    Im Ergebnis würden Kliniken viel Kraft in die Bildung von Schwerpunkten stecken, mit der Nebenwirkung, dass der Focus sich nicht auf therapeutische Kompetenzen in der Beziehungsgestaltung und die Entwicklung reifer Therapeutenpersönlichkeiten richten würde, die ihren Patienten mit einem ganzheitlichen Blick zur Seite stehen. Zugespitzt wäre in einer solchen Entwicklung denkbar, dass insbesondere Menschen mit komplexen Beschwerdebildern den Weg durch zahlreiche spezialisierte Kontakte gehen, die nicht durchgängig in allen Settings und sowohl in ländlichen als auch städtischen Gebieten vorgehalten werden können. In einem solchen System wäre es noch mehr als jetzt Zufall, ob ein Mensch glücklicherweise am richtigen Ort lebt und daher von einem bestimmten Angebot profitieren kann oder nicht. Die Fähigkeit zur Kooperation als Qualitätsmerkmal im Behandlungsprozess würde mindestens nicht unterstützt werden.


    Ist es wahrscheinlich, dass es einen Unterschied zur jetzigen Situation macht?

    Bei Schwerpunkten, die sich in der Versorgung widerspiegeln, wäre noch mehr als jetzt eine kundige Lotsenfunktion gefragt, die ggf. auch wohnortferne Therapieangebote vermittelt. In der Lebenswelt insbesondere von Menschen, die von schweren psychischen Störungen betroffen sind, wäre es vermutlich eine noch komplexere Aufgabe, Hilfen an Menschen zu adressieren, die sie auch benötigen.


    Wieviel Aufwand ist damit verbunden?

    Der Aufwand wäre erheblich und würde zur strategischen Entscheidung für ein Klinikum werden. In jedem Fall wären große und sehr große Anbieter und Systeme im Vorteil.


    Gibt es Anhaltspunkte, dass die Maßnahme zum gewünschten Erfolg führt?

    Ausgehend von den Erfahrungen mit der Schwerpunktbildung Forensische Psychiatrie ist festzustellen, dass das, was als Qualitätsmerkmal gedacht war, wenig nachgefragt wird. Nur wenige Kolleg:innen verfügen über diese Schwerpunktbezeichnung [3]. Eine Vielzahl freier Stellen führte dazu, dass Kolleg:innen, die sich entsprechend bewerben, für diese Stellen auch ohne den Schwerpunkt in Betracht gezogen werden. Im günstigsten Fall könnte postuliert werden, dass die Maßnahme nicht schädlich war. Diese Entwicklung ist allerdings auch ein Fingerzeig für den sich weiter zuspitzenden Fachkräftemangel. Wenn sowieso jede Stelle besetzt werden kann, stellt sich die Sinnhaftigkeit einer Schwerpunktbildung unter Versorgungsaspekten kritisch dar:

    Hinzu kommt, dass viele Kolleg:innen schon jetzt beklagen, dass bekanntes Wissen nicht in der Breite der Patient:innenversorgung ankommt, weil auf Bewerber zurückgegriffen werden muss, deren Fähigkeiten und Kenntnisse begrenzt sind oder weil der Mangel an Fachkräften und die Menge bürokratischer Anforderungen eine Umsetzung leitliniengerechter Behandlung erheblich erschweren.


    Fazit

    Die Idee der Spezialisierung scheint aus dem Blickwinkel einer breiten Versorgung und deren Verfügbarkeit ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Multimorbide Patient:innen sind schon jetzt mit der Allokation der Hilfen überfordert: „Wie finde ich den für mich passenden Ansprechpartner?“ Gleichermaßen sind fachfremde Kolleg:innen im Zuweisungsverhalten unsicher, was an zahlreichen Überweisungsformularen im Alltag abzulesen ist, in denen schon die die Zuordnung „Psychologe“ und Fach“arzt“ oft nicht gelingt, geschweige denn die Zuordnung zwischen Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie.

    Ich komme daher zu dem Schluss, dass eine Debatte um eine Schwerpunktbildung im Gebiet Psychiatrie und Psychotherapie und die Umsetzung eines solchen Konzeptes viele Ressourcen binden würde. Diese Ressourcen werden zur Zeit dringend für die Umsetzung einer möglichst leitliniengerechten Versorgung unserer Patient:innen in allen verfügbaren Behandlungssettings in der gesamten Republik benötigt: auch und gerade im problematischen Kontext des Fachkräftemangels. Für die Universitäten, die anhand von Spezialsprechstunden und wissenschaftlicher Expertise gleichwohl Karrieren mit Spezialwissen befördern, halte ich die angenommenen Vorteile in der Rekrutierung von Studierenden und Facharztanwärter:innen im Vergleich zum Aufwand für übersichtlich. Wir sollten dieses Konzept daher nicht weiterverfolgen.



    Bettina Wilms

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    Dr. med., seit 2004 Chefärztin von Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Allgemeinkrankenhäusern; zunächst in Nordhausen, seit 2016 im Saalekreis am Standort Querfurt. Mitorganisatorin des Netzwerks „Steuerungs- und Anreizsysteme für eine moderne psychiatrische Versorgung“. Seit 2021 Mitglied im Vorstand der DGPPN. Seit 2022 Sprecherin des Arbeitskreises der Chefärztinnen und Chefärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern in Deutschland (ackpa).

    Interessenkonflikt

    Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


    Korrespondenzadresse

    Dr. Bettina Wilms
    Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Carl-von-Basedow-Klinikum Saalekreis gGmbH
    Vor dem Nebraer Tor 11
    06268 Querfurt
    Deutschland   

    Publication History

    Article published online:
    16 September 2025

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