Open Access
CC BY-NC-ND 4.0 · Dtsch Med Wochenschr 2025; 150(21): e50-e57
DOI: 10.1055/a-2668-7256
Originalarbeit

Krise als Chance – Die Bedeutung der Krise für die Moralentwicklung während der ärztlichen Weiterbildung

Crisis as opportunity – The significance of crisis for moral development during medical training

Authors

  • Sibylle C. Mellinghoff

    1   Hochschule für Philosophie München, Gesellschaft Jesu, München, Deutschland
    2   Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Köln, Klinik 1 für Innere Medizin, Centrum für Integrierte Onkologie Aachen Bonn Köln Düsseldorf (CIO), Köln, Deutschland
    3   Exzellenzcluster „Zelluläre Stressreaktionen bei altersbedingten Erkrankungen“ (CECAD), Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Köln, Institut für translationale Forschung, Köln, Deutschland
    4   Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Köln, Klinik 1 für Innere Medizin, Exzellenzzentrum für Medizinische Mykologie (ECMM), Köln, Deutschland
  • Eyleen Reifarth

    4   Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Köln, Klinik 1 für Innere Medizin, Exzellenzzentrum für Medizinische Mykologie (ECMM), Köln, Deutschland
    2   Universität zu Köln, Medizinische Fakultät und Universitätsklinikum Köln, Klinik 1 für Innere Medizin, Centrum für Integrierte Onkologie Aachen Bonn Köln Düsseldorf (CIO), Köln, Deutschland
  • Claudia Paganini

    5   Institut für Christliche Philosophie, Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich
 

Zusammenfassung

Einleitung

Die Weiterbildung zur Fachärzt*in markiert eine transformative Phase, in der sich berufliche Kompetenz und persönliche Entwicklung gleichermaßen entfalten. Diese Studie untersucht die Rolle von Krisensituationen für die moralische Entwicklung von Ärzt*innen während ihrer Weiterbildung.

Methoden

Auf Grundlage von Carol Gilligans Care-Ethik sowie Befragungen von 45 Ärzt*innen wird aufgezeigt, dass Krisen als Katalysatoren für die Reflexion ethischer Fragestellungen und das Erlangen moralischer Reife dienen können.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass über die Hälfte der Befragten während ihrer Weiterbildung mindestens eine Krise mit erheblichem Einfluss auf das emotionale und berufliche Gleichgewicht erlebte. Hauptauslöser waren Arbeitsbelastung, schwierige Patientensituationen und Konflikte mit Führungskräften. Frauen waren hierbei häufiger betroffen. Die Krisen führten nicht nur zu beruflichen Veränderungen wie Stellenwechseln oder vorübergehenden Berufsauszeiten, sondern prägten auch das Selbstverständnis der Ärzt*innen sowie ihre moralischen Werte. Tiefgreifende ethische Reflexionen und Veränderungen, wie ein gesteigertes Bewusstsein für Transparenz, Mitgefühl und moralische Integrität, konnten beobachtet werden. Der Austausch mit Kolleg*innen erwies sich dabei als wichtige Ressource zur Bewältigung. Dennoch äußerten viele Befragte den Wunsch nach mehr struktureller und institutioneller Unterstützung.

Diskussion

Die Studie betont die Bedeutung der Förderung ethischer Kompetenzen und zwischenmenschlicher Fürsorge in der ärztlichen Ausbildung. Durch die bewusste Integration der Care-Ethik können Ärzt*innen nicht nur fachlich, sondern auch moralisch wachsen – und in weiterer Folge zu einer ganzheitlichen, personenzentrierten Versorgung der Patient*innen beitragen.


Abstract

Background

The process of becoming a medical specialist is a transformative phase with professional competence as well as personal development. This study examines the role of crisis in the moral development of physicians during their postgraduate training.

Methods

Based on Carol Gilligan’s ethics of care and interviews with 45 physicians in Germany, the study demonstrates that crises can be an opportunity for the reflection on ethical problems and of moral maturity.

Results

The results show that more than half of the participants experienced at least one crisis during their training that significantly impacted their emotional and professional balance. Main triggers were workload, challenging patient situations, and conflicts with supervisors. Women were more frequently affected. These crises not only led to professional changes such as job change or temporary career breaks but also influenced the physicians' self-conception and moral values. Profound ethical reflections and changes such as an increased awareness of compassion, and moral integrity were observed. Peer exchange proved to be an important resource in coping with these situations. Many respondents expressed a desire for more structural and institutional support.

Discussion

The study highlights the importance of ethical competencies and interpersonal care in medical training. By integrating ethics of care, physicians can grow not only professionally but also morally, thereby contributing to holistic patient care.


Einleitung

Die Ausbildung zur Fachärzt*in stellt eine transformative Phase im beruflichen und persönlichen Leben von Ärzt*innen dar. Während dieser Zeit erlernen sie nicht nur klinische Fähigkeiten und medizinisches Wissen, sondern erfahren eine tiefgreifende Prägung ihrer moralische Entwicklung. Die ethischen Dilemmata, mit denen sich Assistenzärzt*innen konfrontiert sehen – von Fragen der Einwilligung und Autonomie von Patient*innen bis hin zu Entscheidungen am Lebensende – erfordern ein nuanciertes Verständnis moralischer Prinzipien und deren Verwirklichung im klinischen Alltag.

Carol Gilligan, US-amerikanische Psychologin und Ethikerin, hat als Begründerin der Care-Ethik die Rolle von Krisensituationen für die Entwicklung von moralischem Urteilsvermögen herausgearbeitet [1]. Gilligan entwickelte das Konzept der Care-Ethik als Reaktion auf traditionelle moralische Entwicklungstheorien, die ihrer Ansicht nach die Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen und Fürsorge vernachlässigten. Ihre Theorie beschreibt drei zentrale Stufen der moralischen Entwicklung im Kontext der Fürsorge ([Abb. 1]): In der ersten Stufe wird Selbstsorge als höchstes Handlungsprinzip angesehen, Entscheidungen sind von Selbstschutz geprägt. Das Individuum konzentriert sich auf das eigene Überleben und das Vermeiden von Schaden für das Selbst. Erst wenn begonnen wird, die eigene Haltung als egoistisch zu bewerten, ist ein Übertritt in die zweite Stufe möglich. Hier steht nun die Selbstaufopferung und Verantwortlichkeit gegenüber anderen an erster Stelle. In dieser Phase erkennen die Individuen die Bedürfnisse und das Wohlergehen anderer an und sind bereit, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Fürsorge für andere zurückzustellen.

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Abb. 1 Stufen der moralischen Reifung, basierend auf der Theorie von Carol Gilligan, dargestellt in „In a Different Voice“.

Erst die dritte Stufe ist von reifer moralischer Entscheidungsfähigkeit ausgezeichnet, indem die Integration des Selbst und von anderen Personen gelingt. Moralisches Verständnis liegt im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit (zu etwas Größerem) und in sich ruhender Eigenständigkeit; dies ermöglicht gegenseitige Fürsorge auf der Suche nach harmonischer Zusammenführung beider Seiten. Doch wie gelangt das Individuum zur moralischen Reife gemäß der Care-Ethik? Gilligan erarbeitet in ihrem Buch „In a different Voice“, dass erst ein tieferes Verständnis der Psychodynamik menschlicher Beziehungen durch zunehmende Differenzierung des Selbst und des Anderen zum Übertritt auf die dritte Stufe führen. Die entscheidenden Parameter sind hier das eigene Selbstkonzept und der Selbstwert, wobei als Anlass für Auflösen und Neufinden des eigenen Selbstkonzeptes häufig Krisensituationen dienen.

Krisen sind tiefgreifende Erschütterungen, die übliche Bewältigungsmechanismen eines Individuums herausfordern und sein psychisches Wohlbefinden bedrohen. Sie stellen bestehende moralische Rahmenbedingungen infrage und beeinflussen Transformationen im moralischen Denken und Verhalten. Krisen erschüttern das Sicherheitsgefühl und machen die Rekonstruktion eines Selbstnarrativs erforderlich [2]. Auch die Theorien zur moralischen Entwicklung von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg [3], auf denen Gilligan aufbaut, legen nahe, dass kognitives und moralisches Wachstum oft durch das Erleben neuer und herausfordernder Situationen angeregt wird. Im ärztlichen Umfeld ist das Personal oft Krisen ausgesetzt, die durch hohe Arbeitsbelastung und emotionalen Stress entstehen. Häufig sind Notfälle, schwierige klinische Entscheidungen oder mangelnde personelle Ressourcen Auslöser für solche Herausforderungen. Angesichts der zunehmenden Arbeitsverdichtung und dem wachsenden administrativen sowie ökonomischen Druck in der medizinischen Praxis [4] ist es entscheidend, zu verstehen, wie Ärzt*innen in der Weiterbildung mit Herausforderungen und Krisen in diesem Kontext umgehen. Die vorliegende Arbeit beleuchtet die Rolle von Krisensituationen im komplexen Prozess der moralischen Entwicklung während der ärztlichen Weiterbildung. Hierzu wurde eine multizentrische Befragung von Ärzt*innen in der Weiterbildung durchgeführt, um den Umgang mit Krisensituationen zu untersuchen.


Methodik

Im Zeitraum von Juni bis Juli 2024 wurden insgesamt 45 Ärzte und Ärztinnen aus 5 Kliniken (Uniklinik Köln, Hamburg-Eppendorf, Evangelisches Krankenhaus Köln-Kalk, Krankenhaus Düren, Sankt-Vinzenz-Krankenhaus Köln) zu Krisensituationen während der Weiterbildung zum Facharzt/zur Fachärztin befragt. Die Befragung erfolgte in 2 Schritten. In einem ersten Schritt wurde eine Online-Umfrage über die jeweiligen hausinternen E-Mail-Verteiler der Assistenz- und Fachärzt*innen der genannten Kliniken versendet. In diesen Verteilern sind alle in der Klinik tätigen Ärzt*innen erfasst, insgesamt über 500 Personen. Es wurde abgefragt, ob während der Weiterbildungszeit bisher eine Krise erlebt wurde, die so einschneidend war, dass es zum Verlust des emotionalen oder seelischen Gleichgewichts kam (vgl. Judith Herman [2]). Sofern die Frage mit „Ja“ beantwortet und eine kurze Schilderung des Auslösers der Krise gegeben wurde, erfolgte die Frage, ob die Teilnehmerin/der Teilnehmer mit einer erneuten Kontaktaufnahme einverstanden sei. Die Teilnahme an der Umfrage war freiwillig und anonym. Gründe für eine Nichtteilnahme wurden nicht systematisch erfasst.

Folgende Fragen wurden gestellt:

  1. Geschlecht [m/w/andere] und Alter [Freitext]

  2. Standort/ausbildende Klinik

  3. Haben Sie in den Jahren der Weiterbildungszeit eine Krise im Arbeitsumfeld erlebt, die für Sie einschneidend war? Das bedeutet, dass es zum Verlust des emotionalen oder seelischen Gleichgewichts kam – es bedeutet nicht zwangsläufig einen Ausfall auf der Arbeit oder im Alltag. [ja/nein]

  4. Falls ja

    • Beschreiben Sie den Auslöser der Krise kurz [Freitext max. 800 Zeichen]

    • Waren andere Personen (Kolleg*innen/Vorgesetzte/Patient*innen) involviert? Inwiefern? [Freitext max. 800 Zeichen]

    • Die Krise hat
      … mein Selbstvertrauen im Arbeitsumfeld verändert [j/n]
      … meine Vorstellung von Moral verändert [j/n]

  5. Dürfen wir Sie für weitere Fragen zu der Krisensituation erneut kontaktieren? [j/n]
    Falls ja, unter welcher Mail-Adresse? [Freitext]

Die Antworten wurden von den Autorinnen dahingehend analysiert, ob es zu einem Dilemma zwischen dem Selbst und Anderen kam. Diejenigen Teilnehmenden, deren geschilderte Krisen dieses Kriterium erfüllten und die sich mit erneuter Kontaktaufnahme einverstanden gezeigt hatten, wurde ein zweites Mal detaillierter befragt:

  1. In welchem Ausbildungsjahr trat die Krise auf?

  2. Inwiefern hat die Krise eine Veränderung für Ihr Arbeitsleben bedeutet?

  3. Inwiefern hat die Krise eine Veränderung für Ihr Privatleben bedeutet?

  4. Welche Gefühle hat die Krise bei Ihnen akut hervorgerufen?

  5. Wie hat sich Ihr Selbstbild verändert?

  6. Haben sich Ihre moralischen Vorstellungen geändert? Wenn ja, inwiefern?

  7. Von wem haben Sie Unterstützung bei der Bewältigung der Krise erhalten?

  8. Von wem hätten Sie sich mehr Unterstützung gewünscht?

Zur Erstellung des Fragebogens wurde surveymonkey.com verwendet.


Ergebnisse

Es wurden insgesamt 45 Ärzte und Ärztinnen befragt. Es nahmen 25 Frauen und 20 Männer teil ([Tab. 1], [Abb. 2]), mittleres Alter war 33,3 Jahre (27–42 Jahre). Die meisten Teilnehmenden absolvieren die Ausbildung zur Hämato-/Onkolog*in (19) und der Großteil diejenige zur Inneren Medizin (16) bzw. einem internistischen Fach (41) ([Abb. 2]). Von 45 Befragten gaben 23 (51,1%) an, während der Weiterbildungszeit eine Krise erlebt zu haben, die so einschneidend war, dass es zum Verlust des emotionalen oder seelischen Gleichgewichts kam. Hiervon waren 18 (78,2%) weiblich.

Tab. 1 Charakteristika der teilnehmenden Ärzt*nnen.

Charakteristikum

Verteilung (N=45)

Geschlecht — n (%)

Weiblich

25 (55,6)

Männlich

20 (44,4)

Alter — Mittelwert (min./max.)

33,3 Jahre (27–42)

Fachrichtung — n (%)

Allgemeinmedizin

1 (2,2)

Anästhesie

1 (2,2)

Gastroenterologie

2 (2,2)

Hämatologie/Onkologie

19 (42,2)

Infektiologie

2 (4,4)

Innere Medizin

16 (35,6)

Nephrologie

2 (4,4)

Radioonkologie

1 (2,2)

Unfallchirurgie/Orthopädie

1 (2,2)

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Abb. 2 Verteilung der Teilnehmenden nach Fachdisziplin, basierend auf allen befragten Ärzt*innen (n = 45).

Die Auslöser der Krise wurden als Freitext benannt und lassen sich im Wesentlichen 3 Kategorien zuordnen: „Arbeitsbelastung“, „Patient*innen- und führungsbezogen“ und „ärztliche Fehler“. [Tab. 2] zeigt eine Übersicht der Belastungen, aufgeschlüsselt nach den Kategorien „Arbeitsbelastung“, „Patient*innenbezogene Belastung“ und „ärztliche Fehler“ (in 14/18 Fällen Mehrfachbelastung) sowie nach Geschlecht (männlich/weiblich). Insgesamt 13 Teilnehmende berichteten von einer Krise im Kontext der Arbeitsbelastung, wobei Frauen (11 von 18) deutlich häufiger betroffen waren als Männer (2 von 5). Zeit- und Arbeitsbelastung umfasste die hohe Belastung durch Nachtarbeit und Schichtdienst, bei gleichzeitig verkürzter Erholungszeit, und wurde in der Kategorie „Arbeitsbelastung“ als häufigster Auslöser für eine Krise genannt. Strukturelle Herausforderungen umfassten Personalmangel und hohe Anforderungen – in der Klinik und bei paralleler Arbeit in der Forschung. Patient*innenbezogene Belastungen waren bei 11 der 18 Personen ein Auslöser einer Krise, wobei Männer etwas seltener betroffen waren. In 10 von 11 Fällen wurde die emotionale Belastung durch Patient*innen-Schicksale genannt. Konflikte mit der Führung stellten für 8 Personen eine krisenrelevante Belastung dar, abermals häufiger bei Frauen (6 von 18). Soziale und zwischenmenschliche Probleme umfassten hier 2 Fälle von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts (n=2) und eines rücksichtlosen Umgangs seitens der Führungsperson. Acht der Befragten gaben an, Unterstützung erhalten zu haben. Ausnahmslos gaben die Befragten an, Unterstützung von Kolleg*innen zu erhalten, lediglich knapp die Hälfte (11 von 22) durch ihre Vorgesetzten; eine Person gab an, durch eine Supervision Hilfe erfahren zu haben (Tab. S1).

Tab. 2 Erlebte Krisen der Ärzt*innen.

Gesamt (n=23)

Männlich (n=5)

Weiblich (n=18)

Arbeitsbelastung

13

2

11

Zeit- und Arbeitsorganisation

9

2

7

Empfinden, das Arbeitspensum nicht bewältigen zu können

5

1

4

Strukturelle Herausforderungen

Personalmangel

2

0

2

Hohe Anforderungen in Klinik und Forschung

2

1

1

Patient*innenbezogene Belastung

11

4

7

Emotionale Belastungen durch Patientenschicksale

10

4

6

Druck durch Erwartungen vonseiten der Patientinnen und Patienten

5

1

4

Führung

8

2

6

Soziale und zwischenmenschliche Probleme

5

1

4

Strukturelle Führungsprobleme

Schlechte oder fehlende Supervision

6

1

5

Ärztliche Fehler

3

0

3

Auf die Frage, ob sich durch die Krise das Selbstvertrauen im Arbeitsumfeld verändert habe, antworteten 17 von 18 mit „Ja“, während 10 von 18 von einer veränderten Moralvorstellung berichteten (Tab. S2). Um analog des von Gilligan entwickelten Modells die Frage nach der Veränderung der moralischen Urteilsfähigkeit analysieren zu können, wurden nur diejenigen erneut befragt, deren Krise ein Dilemma darstellte, „in dem es keine Möglichkeit des Handelns ohne Konsequenzen für den anderen und für das eigene Selbst gibt.“ Dies traf auf 7 von 10 der zuletzt Genannten zu, hiervon 3 Männer und 4 Frauen. Die Krise trat bei allen zwischen dem ersten und dritten Jahr ihrer beruflichen Laufbahn auf. Auslöser waren auch hier in der Häufigkeit verteilt wie in der Gesamtkohorte: Zeit- und Arbeitsbelastung (4/8; dabei 3 im Kontext von Schichtdienst und 1 im Kontext von Überlastung durch die Kombination von Klinik und Forschung), Patient*innenbezogen (3/8; hierunter 2 Suizide von Patient*innen, eine erfolglose Reanimation eines sehr jungen Patienten) und führungsbezogen (1/8). Die Krise hatte jeweils gravierende Auswirkungen auf das Arbeitsleben, das sich für jede/n der Befragten erheblich veränderte. So gaben 2 von ihnen an, ihre berufliche Tätigkeit vorübergehend pausiert zu haben, um den Belastungen der Krise zu entkommen oder sich neu zu orientieren. Drei weitere Teilnehmer*innen entschieden sich dafür, ihre Arbeitsstelle zu wechseln, um bessere Arbeitsbedingungen zu erhalten oder eine neue berufliche Perspektive zu finden. Zwei weitere Befragte haben eine Kündigung ernsthaft in Betracht gezogen, sich jedoch letztlich dagegen entschieden. Eine Person, die die Stelle wechselte, sprach von einer zunehmend unerträglichen Arbeitsatmosphäre, die zum Wechsel veranlasst hatte. Eine andere Person, die über eine Kündigung nachdachte, berichtete von einem stetigen Druck, der zu Schlaflosigkeit und gesundheitlichen Problemen führte, was schließlich eine berufliche Auszeit nach sich zog.

Die Auswirkungen der Krise beschränkten sich nicht nur auf das Arbeitsleben, sondern betrafen auch den privaten Lebensbereich. Einige der Befragten beschrieben, dass sie unter erheblichem Zeitmangel litten, der sich negativ auf ihr Privatleben auswirkte. Es fiel ihnen zunehmend schwer, eine Balance zwischen Beruf und Freizeit zu finden, was zu Spannungen und Konflikten in zwischenmenschlichen Beziehungen führte. Einige berichteten von ernsthaften Schwierigkeiten in ihren Partnerschaften oder Freundschaften, die in einigen Fällen sogar zu Trennung führten. Andere erlebten depressive Episoden.

In Bezug auf die emotionalen Reaktionen auf die Krise äußerten die Teilnehmenden eine Vielzahl intensiver und teils überwältigender Gefühle. Häufig genannt wurden Schuld, Scham, Trauer, Angst, Überforderung und Wut. Ausnahmslos berichteten alle Teilnehmenden von einem Einfluss auf das eigene Selbstbild und das Selbstwertgefühl. Einige gaben an, erstmals ernsthaft mit ihrem Selbstbild gerungen oder es infrage gestellt zu haben. Andere sprachen sogar von einem vollständigen Verlust ihres Selbstwertgefühls, da sie das Gefühl hatten, beruflich und – in einem weiteren Schritt – persönlich zu scheitern. Ein Teilnehmer schilderte, dass er sich in der Krise oft schuldig fühlte, weil er den Erwartungen in seiner Arbeit nicht gerecht wurde, während eine andere Person beschrieb, wie sie sich von einer starken Scham erfasst wurde, da sie ihre berufliche Leistung als unzureichend empfand. Ein Befragter sprach davon, den Selbstwert verloren zu haben und erklärte, dass er sich als unfähig wahrnahm, mit den beruflichen Anforderungen umzugehen.

Hinsichtlich der persönlichen Moralvorstellungen berichteten die Befragten alle von bedeutsamen Veränderungen. Viele gaben an, dass sich ihr Verhältnis zu Werten wie Transparenz, Gerechtigkeit, Autonomie, Mitgefühl, Respekt vor dem Leben, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Verantwortung, Gleichheit und Toleranz gewandelt habe. Vor allem gaben alle 8 Teilnehmenden an, die Krise sei eine Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit ebenjenen Themen gewesen. Sieben der 8 Teilnehmenden berichteten, dass die ersten Berufsjahre von hoher Arbeitslast und Überforderung gekennzeichnet waren und dass die Auseinandersetzung mit moralischen Themen hier keinen Platz hatte. Zwei Teilnehmerinnen berichten beispielsweise, dass sie bis zum Auftreten der Krise 2 Jahre lang ihre Zeit mit dem „Überleben im Stationsalltag“ zugebracht hätten, also mit organisatorischen Problemen und dem Verständnis des medizinischen Kontexts, bis sie schließlich an den Rand ihrer Kapazitäten kamen. Für tiefergehende ethische Fragestellungen hätten Sie „keine Zeit“ gehabt. Andere gaben an, durch die hohe Arbeitsbelastung von dem Beruf als Mediziner*in desillusioniert worden zu sein. Erst der Austausch mit dem Umfeld über die Krise sei Anlass gewesen, die eigene Kommunikation und Fürsorge zu hinterfragen und dann im Nachgang auch aktiv zu verbessern. Einige stellten fest, dass sie in der Folge höhere Ansprüche an die moralische Integrität ihrer beruflichen und persönlichen Beziehungen stellten und transparenter mit eigenen Schwächen oder Fehlern umgingen. Eine Teilnehmerin erklärte, dass sie nach der Krise viel bewusster auf Gerechtigkeit im Arbeitsalltag achte, insbesondere im Umgang mit Kollegen und Kolleginnen. Ein anderer Befragter berichtete, dass er nun offener über eigene Fehler spreche und sich bemühe, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext ehrlicher und authentischer zu agieren.

Die meisten Teilnehmer*innen berichten, Hilfe von Kolleg*innen, Familie und Freund*innen erfahren zu haben. Vielfach wird jedoch der Wunsch geäußert, mehr Unterstützung zu erhalten, vor allem von Führungspersonen und Vorgesetzten sowie strukturellen Support durch Supervision.


Diskussion

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Krisen zugleich Herausforderung und Chance für persönliches Wachstum darstellen. Auch hatten sie einen tiefgreifenden Einfluss auf die Moralentwicklung der befragten Ärzt*innen. Grundlage der vorliegenden Analyse war Carol Gilligans Arbeit zur Moralentwicklung, auf der die Care-Ethik (Fürsorgeethik) basiert. Das Konzept wurde unter anderem von Noddings [5] in den 1980er Jahren weiterentwickelte und hat in den letzten Jahren besonders in Bereichen wie Gesundheitswesen, Erziehung und Sozialarbeit an Relevanz gewonnen. In Carol Gilligans Werk „In a different voice“ wird die Rolle von Lebenskrisen auf die moralische Reifung beleuchtet ([Abb. 1]). Die Psychologin reflektiert darin unter anderem die Veränderung des Selbstwerts vor dem Hintergrund zerbrechender zwischenmenschlicher Beziehungen und die Bedeutung dieser Prozesse für die moralische Reifung. Im Verständnis von Gilligan sind vor allem diejenigen Krisen, die Individuen vor einen Konflikt mit anderen und sich selbst stellen, für moralische Reifung bedeutsam. Obwohl „In a different voice“ bereits 1972 veröffentlicht wurde, ist Gilligans Ansatz weiterhin relevant, da er bislang kaum auf konkrete medizinische Kontexte angewandt wurde. Ärzt*innen stehen im klinischen Alltag vor Entscheidungen, die tiefgreifende ethische Implikationen haben und ihre Moralentwicklung spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie sie diese Entscheidungen treffen. Im Rahmen der hier vorliegenden Untersuchung zeigte sich, dass die Hälfte der Befragten während ihrer Weiterbildungszeit eine Krise erlebte. Während die Geschlechterverteilung unter den Befragten annähernd ausgeglichen war, zeigten sich unter denjenigen, die von einer Krise berichteten, deutlich mehr Frauen (78,1 %). Ob dies Ausdruck eines Unterschiedes in der Resilienz oder einer anderen Wahrnehmung von „Verlust des emotionalen oder seelischen Gleichgewichts“, das als Definition der Krise diente, unter den Befragten ist, bleibt offen. Eine Befragung der 27 Teilnehmenden, die nach eigenen Angaben keine Krise erlebt haben, könnte hier zielführend sein. Weiterhin bleibt zu diskutieren, inwiefern die Unterscheidung zwischen Mann und Frau noch die Ergebnisinterpretation einer solchen Studie leiten sollte, da das Erleben und die Verarbeitung von Krisen selbstverständlich nicht ausschließlich vom Geschlecht abhängen. Vielmehr spielen soziale und persönliche Faktoren eine Rolle.

Häufigster Auslöser einer Krise waren unter den 45 Befragten die Arbeitsbedingungen, also Überarbeitung in Schicht-/Nachtdienst und im Spannungsfeld von Forschung und Klinik. Während die Diskussion der ärztlichen Arbeitsbedingungen an anderer Stelle zu diskutieren ist, bleibt die Frage nach struktureller Unterstützung in diesem Kontext offen. Gerade die Arbeit im Schichtdienst stellt eine kritische Phase dar, die viele Kolleg*innen vor Herausforderungen stellt und gesundheitsschädliche psychosoziale Arbeitsbedingungen durch gestörten chronobiologischen Schlafrhythmus, Hormonregulation und andere biologische Funktionen umfasst [6]. Vor allem Nachtarbeit geht mit Erschöpfung, Schlafstörungen sowie reduziertem Wohlbefinden einher [7]. Individuelle Hilfsangebot sollten in Zukunft im Sinne von Präventionsmaßnahmen diskutiert und entwickelt werden. Einige Kolleg*innen berichteten zudem von Patient*innen-bezogenen Auslösern für die Krise. Als Maßnahmen wäre hier die strukturelle Unterstützung durch Supervision oder sogenannte Balint-Gruppen vorstellbar. Ziel solcher Interventionen ist es, Aspekte der Beziehung zwischen Ärzt*innen und Patient*innen besser zu verstehen und dies für eine zielgerichtete Diagnostik und Therapie zu nutzen [8].

Zur Untersuchung möglicher Auswirkungen einer Krise auf die ärztliche Moralentwicklung wurde eine Subgruppe aus 8 der 18 Teilnehmenden zusätzlich ein zweites Mal ausführlich befragt. Die beruflichen Krisen, die durch hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck und emotionale Belastungen ausgelöst wurden, hatten gravierende Auswirkungen auf das Arbeits- und Privatleben der Betroffenen. Viele von ihnen litten unter einer Verschlechterung ihres Selbstwertgefühls, depressiven Episoden und Schwierigkeiten, eine Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden. Zugleich bot die Krise aber die Gelegenheit, sich mit moralischen Fragen intensiv auseinanderzusetzen, was vorher durch die hohe Arbeitslast oft keinen Raum fand. In allen acht Fällen führte die Krise zu einem Überdenken der Priorisierung zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen (durch Patient*innen, Kolleg*innen oder Vorgesetzte). Dies ermöglichte den Betroffenen eine tiefgehende Reflexion ihrer moralischen Werte. Themen wie Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitgefühl rückten stärker in den Fokus und die Teilnehmenden stellten höhere Ansprüche an moralische Integrität, sowohl in beruflichen als auch privaten Beziehungen. Trotz erhaltenen Hilfestellungen wurde häufig der Wunsch nach mehr struktureller und emotionaler Unterstützung, insbesondere durch Führungskräfte, geäußert.

Insgesamt ist die Sekundärliteratur in diesem Feld begrenzt. Erwähnenswert ist jedoch die Arbeit von M. Junge, der Strategien untersuchte, die Menschen zur Bewältigung von Niederlagen entwickeln [9]. Anhand empirischer Daten zeigte er, wie die Erfahrung des Scheiterns sowohl das Selbstbild als auch die persönliche und berufliche Entwicklung beeinflussen kann. Ebenso wie in der hier vorgestellten Arbeit wird Scheitern nicht nur als Niederlage, sondern auch als Chance für Lernprozesse und persönliches Wachstum betrachtet. M. Junge skizziert Mechanismen der Bewältigung: Die problemorientierte Bewältigung, bei der die Ursachen des Scheiterns analysiert und praktische Lösungsansätze entwickelt werden, um künftige Fehler zu vermeiden und die emotionsorientierte Bewältigung, bei der der Fokus auf dem Umgang mit den emotionalen Folgen des Scheiterns liegt. Beide Strategien seien je nach Situation wichtig und tragen zur langfristigen Resilienz und Weiterentwicklung bei. Zugleich betont M. Junge, dass soziale Unterstützung und Selbstreflexion eine zentrale Rolle im erfolgreichen Umgang mit Misserfolgen spielen. Die hier befragten Proband*innen weisen ein Mischbild der Strategien auf und reflektieren in diesem Kontext Selbstbild und Moral.

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigen, dass Krisen einen tiefgreifenden Einfluss auf die Moralentwicklung von Ärzt*innen haben können, indem sie Herausforderungen sind und gleichzeitig Wachstumschancen bieten. Sie können intensive Lern- und Reflexionsprozesse auslösen, bei denen Ärzt*innen ihre bisherigen ethischen Überzeugungen überdenken und weiterentwickeln. Solche Erfahrungen können die Fähigkeit zur moralischen Urteilsbildung und zur ethischen Sensibilität vertiefen, beispielsweise indem sie zu stärkerer Identifikation mit ethischen Prinzipien wie der Wohltätigkeit und Nichtschädigung führen. Krisen können außerdem eine stärkere Zusammenarbeit und Solidarität unter Arbeitskolleg*innen fördern [10] und so die gemeinschaftlichen Werte und Normen innerhalb der ärztlichen Gemeinschaft stärken. Die Bewältigung von Krisen kann langfristig zu einer stärkeren Resilienz führen [9] [11] [12]. Ärzt*innen, die erfolgreich durch solche Herausforderungen navigieren, entwickeln oft ein gestärktes ethisches Selbstbewusstsein und eine tiefere Einsicht in die moralischen Aspekte ihres Berufes. Bei einer negativen Entwicklung des Individuums können die hohen Anforderungen und der anhaltende Druck in Krisenzeiten jedoch zu Burnout und moralischem Stress führen. Ärzt*innen können sich überfordert und moralisch verletzt fühlen, wenn sie Entscheidungen treffen müssen, die im Widerspruch zu ihren ethischen Überzeugungen stehen. Solche Erfahrungen können eine Erosion moralischer Werte nach sich ziehen sowie unterschiedliche Formen der Verdrängung des Konfliktes [9].

Insgesamt zeigen die Daten dieser Studie, dass Krisen sowohl transformierende als auch belastende Einflüsse auf die Moralentwicklung von Ärzt*innen haben können. Die Art und Weise, wie diese Erfahrungen verarbeitet und integriert werden, hängt von intrinsischen Faktoren wie persönlicher Resilienz und Selbstfürsorge, aber auch von extrinsischen Faktoren wie Unterstützungssystemen und der Möglichkeit zur Reflexion und ethischen Weiterbildung ab [11]. Es bedarf weiterer Untersuchungen mit größeren und diversifizierteren Stichproben, um die gewonnenen Erkenntnisse statistisch zu validieren und die Übertragbarkeit auf andere klinische Fachbereiche zu erhöhen. Zukünftige Studien sollten zudem eine ausgewogene Verteilung der Teilnehmenden sicherstellen, um unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen umfassender abbilden zu können. Auf diese Weise könnte das Verständnis für die Rolle von Krisensituationen in der moralischen Entwicklung von Ärzt*innen weiter vertieft werden.

Die vorliegende Analyse unterstützt, dass gerade in der Zeit der Weiterbildung ein größerer Fokus auf die Förderung von Resilienz und Umgang mit Krisen gelegt werden sollte, als dies bisher der Fall ist. Moralische Entscheidungsfindung erfordert eine Balance zwischen den eigenen (beruflichen) Anforderungen und den Bedürfnissen von Patient*innen und Kolleg*innen. Dies gelingt gerade zu Beginn der Weiterbildungszeit nicht immer und bleibt auch anschließend herausfordernd. Der Austausch mit Kolleg*innen und Mentor*innen sowie die Auseinandersetzung mit komplexen Fällen tragen zur moralischen Reifung bei und fördern die Fähigkeit, Fürsorge und Verantwortlichkeit ausgewogen zu integrieren. Dass die moralische Reife nicht nur eine Frage von Sozialisation, sondern vielmehr Ergebnis von Bildungsprozessen (oder dem Fehlen derselben) ist, legen verschiedene Studien nahe [13]. Neben moralischen Affekten (Einstellungen, Gefühlen, Werthaltungen, Motiven etc.) können auch Kognitionen erlernt bzw. geschult werden [13]. Wenige Menschen sind willentlich unmoralisch, jedoch ist der Weg vom moralischen Wollen bis zum moralischen Handeln nicht immer einfach [14] [15]. Um die eigenen moralischen Ideale mit dem tatsächlichen Tun in Übereinstimmung zu bringen, benötigen Menschen daher bestimmte Fähigkeiten, insbesondere die moralische Urteilsfähigkeit [12] [16]. Umso wichtiger wäre in diesem Sinne eine kontinuierliche medizinische Weiterbildung, die über Fachwissen hinaus auch ethische Schulungen und Reflexionsprozesse umfasst – insbesondere in Zeiten zunehmender Arbeitsdichte und Schnelllebigkeit.

Die vorliegende Studie weist mehrere Limitationen auf, die die Generalisierbarkeit und Aussagekraft der Ergebnisse einschränken. Es fehlt ein longitudinaler Verlauf, sodass keine Aussagen über die zeitliche Entwicklung der untersuchten Phänomene getroffen werden können. Darüber hinaus besteht ein Selektions-Bias, da nur Personen interviewt wurden, die im untersuchten Kontext nicht gescheitert sind, was zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen könnte. Der verwendete Fragebogen wurde eigens für die Studie entwickelt, ohne eine Machbarkeitsprüfung oder Pilotierung durchzuführen. Zudem war die Stichprobengröße klein, und ein Großteil der Befragten stammte aus den Bereichen Onkologie und Innere Medizin, sodass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Fachbereiche fraglich ist. Schließlich wurden keine statistischen Gruppenvergleiche durchgeführt, was eine differenzierte Analyse der Daten einschränkt. Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie jedoch interessante Einblicke in die Situation von Krisen in der ärztlichen Weiterbildung und ermöglicht ein besseres Verständnis der damit verbundenen Herausforderungen.


Fazit

Die Moralentwicklung bei Ärzt*innen ist ein fortlaufender dynamischer Prozess, der durch Aus- und Weiterbildung sowie praktische Erfahrungen währenddessen geprägt wird. In diesem Kontext bietet die Care-Ethik eine wertvolle Ergänzung zu prinzipienorientierten Erklärungsmodellen der Moralentwicklung, denn sie reflektiert Aspekte von zwischenmenschlichen Beziehungen und Fürsorge in der medizinischen Praxis. Die Anwendung auf den aktuellen Kontext zeigt, dass ethisch verantwortungsvolles Handeln in der Medizin nicht nur auf theoretischen Grundlagen beruht, sondern auch auf einer gegenseitigen und empathischen Verbindung zu Kolleg*innen, Patient*innen und deren Angehörigen. Durch kontinuierliches Lernen aus eigenen Erfahrungen, beispielsweise im Rahmen von Krisen, können Ärzt*innen moralisch reifen. Dies ermöglicht eine ethisch verantwortungsvolle klinische Versorgung, deren Kern sowohl fachliche Kompetenz als auch menschliche Zuwendung ist. Während die ärztliche Tätigkeit zunehmend von administrativen Aufgaben, Ökonomisierung und Schnelllebigkeit sowie Effizienzsteigerung bestimmt wird, erweist sich gerade der Rückbezug auf Empathie, Mitgefühl und zwischenmenschliche Verbindungen für die ärztliche Praxis als essentiell. Nur durch das Besinnen auf diese Werte im medizinischen Alltag können fachliche Exzellenz und menschliche Zuwendung Hand in Hand gehen.


Kernaussagen

1. Krisen als Auslöser moralischer Reifung: Krisensituationen während der ärztlichen Weiterbildung stellen nicht nur eine Belastung dar, sondern auch eine bedeutende Chance für persönliche und moralische Entwicklung. Sie fördern eine tiefgehende Auseinandersetzung mit ethischen Fragen und stärken moralische Werte wie Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein und Integrität.

2. Zwischenmenschliche Beziehungen im Zentrum moralischer Entwicklung: Auf Basis von Carol Gilligans Care-Ethik zeigt die Studie, dass moralisches Wachstum stark von zwischenmenschlichen Beziehungen, Empathie und dem sozialen Kontext abhängt – im Gegensatz zu abstrakten, prinzipienbasierten Ansätzen. Kollegialer Austausch und unterstützende Beziehungen erwiesen sich als entscheidend für die Bewältigung und Verarbeitung von Krisen.

3. Bedarf an struktureller und ethischer Unterstützung: Die Studie macht deutlich, dass viele Ärzt*innen sich während und nach Krisen unzureichend unterstützt fühlten – insbesondere durch Vorgesetzte. Es besteht ein klarer Bedarf an strukturellen Maßnahmen wie Supervision, ethischer Weiterbildung und psychosozialer Unterstützung, um moralische Resilienz nachhaltig zu fördern.



Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Korrespondenzadresse

PD Dr. med. Sibylle C. Mellinghoff
Klinik I für Innere Medizin, Uniklinik Köln
Kerpener Straße 62
50937 Köln

Publication History

Article published online:
10 October 2025

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Abb. 1 Stufen der moralischen Reifung, basierend auf der Theorie von Carol Gilligan, dargestellt in „In a Different Voice“.
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Abb. 2 Verteilung der Teilnehmenden nach Fachdisziplin, basierend auf allen befragten Ärzt*innen (n = 45).