Schlüsselwörter
Adipositas - Übergewicht - Fettleibigkeit - Hausarzt - Therapie - Management
Keywords
Obesity - Overweight - Obesity - General practitioner - Therapy - Management
Einleitung
In nahezu allen westlichen Ländern ist eine erhebliche Zunahme des Krankheitsbilds
der Adipositas zu verzeichnen [1]
[2]
[3]. Als chronische Erkrankung mit stark einschränkender Lebensqualität korrespondiert
die Adipositas mit diversen anderen Gesundheitsproblematiken. Für Europa ist anzunehmen,
dass sie u.a. bei der Herausbildung von ca. 80% der Fälle von Diabetes mellitus Typ
2, bei ca. 35% der ischämischen Herzerkrankungen und ca. 55% der hypertensiven Erkrankungen
entscheidend beteiligt ist [4]
[5]. Verengt man den Blick auf Deutschland, sind hierzulande 53% der Erwachsenen übergewichtig
(BMI 25–29,9 kg/m²) und davon 17% adipös (BMI >30 kg/m²) [2]
[3].
Evidenzbasierte Leitlinien empfehlen ein multifaktorielles Krankheitsmanagement, das
in gesteigerter physischer Aktivität, einer systematisch reduzierten Kalorienaufnahme
bei umgestellter Ernährung und ggf. einer Unterstützung von Lebensstil- und Verhaltensänderungen
besteht [6]
[7]
[8]. Für diese Aufgaben werden Hausärzt*innen als besonders geeignet erachtet, da sie
neben dem Krankheitsmanagement Betroffene auch motivational und psychosozial unterstützen
oder von den Möglichkeiten der Interaktion mit anderen Versorgungs- und Gesundheitsakteuren
Gebrauch machen können [9]
[10]
[11].
Trotz der großen Potenziale, die der hausärztlichen Versorgung unterstellt werden,
gibt es immer wieder Hinweise auf bestehende Defizite. Ein Aspekt betrifft die gelegentlich
nachgewiesenen negativen Einstellungen gegenüber Adipositas-Patient*innen, wodurch
Vorbehalte in Bezug auf Ernährungs- und Bewegungstherapien sowie eine unsensible oder
inkonsequente ärztliche Kommunikation begünstigt werden können [3]
[12]
[13]
[14]
[15]
[16]
[17]. Als Ursache für Effektivitätsproblematiken in der hausärztlichen Versorgung wurde
auch ein Mangel an adäquaten Strukturen sowie eine mangelnde Finanzierung von Ernährungs-,
Bewegungs- und medikamentösen Therapien durch die Krankenkassen diskutiert [6]
[10]
[18]
[19]. Dies mündete erst in jüngster Zeit im Aufsetzen eines genuinen Disease-Management-Programms
(DMP) Adipositas. Jenseits einzelner internationaler Befunde mangelt es für den deutschsprachigen
Raum bislang an Studien, die den Status quo des hausärztlichen Adipositas-Managements
belastbar erfassen und auf dieser Grundlage verbreitete Einstellungs- und Handlungsmuster
aufzeigen können. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, Positionen, Haltungen, Erfahrungswerte
und Verbesserungswünsche von Hausärzt*innen breit zu ermitteln.
Methoden
Zur Adressierung des Forschungsdesiderats hat die vorliegende Untersuchung ein ausführliches
Meinungs- und Erfahrungsbild unter Hausärzt*innen eingeholt. In der ersten Jahreshälfte
2024 wurde eine Vollbefragung von Hausärzt*innen in 4 Bundesländern durchgeführt.
Diese war als Online-Befragung konzipiert.
Erhebungsinstrument
Die Konzeption des Befragungsinstruments für die quantitative Querschnittsstudie erfolgte maßgeblich auf Grundlage einer qualitativen Vorstudie, bei der im Jahr 2022
insgesamt 36 hausärztlich tätige Mediziner*innen zur Thematik befragt wurden [18]. Daneben floss eine ausführliche Literaturrecherche ein (u.a. [1]
[2]
[5]
[9]
[10]
[11]
[12]
[13]
[21]
[22]
[23]
[24]
[25]).
Der Fragebogen beinhaltet insgesamt 43 geschlossene, aber auch offene Fragen, und
setzt sich v.a. aus folgenden inhaltlichen Schwerpunkten zusammen:
-
Wahrnehmung der Adipositas als Versorgungsproblematik
-
Erfahrungen mit Adipositas-Betreuung und -Management (der Schwerpunkt der Befragung
liegt auf der durch Hausärzt*innen selbst geleisteten Gewichts- und Ernährungsberatung)
-
Erlebte Herausforderungen und Umgangsstrategien
-
Zufriedenheit und (Erfolgs-)Bilanzierung im Hinblick auf bisheriges Adipositas-Management
-
Erfahrungen mit Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) zur Thematik
-
Favorisierte Ansätze zur Optimierung des Adipositas-Managements
Vor dem Feldeinsatz wurde ein Pre-Test mit 50 zufällig ausgewählten Hausärzt*innen
durchgeführt.
Rekrutierung
Bei der Befragung handelte es sich um eine vollständig anonymisierte Untersuchung.
Die schriftliche Einladung zur Teilnahme richtete sich an sämtliche 13 912 als Behandler*innen
aktiven Hausärzt*innen in Baden-Württemberg (6664), Hessen (3839), Rheinland-Pfalz
(2667) und im Saarland (742). Im Zuge des einmaligen Anschreibens wurde den zu befragenden
Ärzt*innen u.a. ein passwortgeschützter Zugang zur Online-Befragung mitgeteilt (keine
Incentives). Der Befragungszeitraum erstreckte sich von Anfang Januar bis Ende April
2024.
Datenanalyse
Die Daten wurden mittels SPSS 23.0 ausgewertet. Zur Ermittlung signifikanter Unterschiede
zwischen 2 Gruppen erfolgte ein t-Test bei unabhängigen Stichproben. Es wurden 2 Signifikanz-Niveaus
getestet (mittlere Differenz bei p<0,05 und p<0,001).
Im Zuge der Ergebnisdarstellung wird an verschiedenen Stellen auf die [Tab. 1] und [Tab. 2] verwiesen, in denen sich die Auswertung für Subgruppen (Urbane vs. Landärzt*innen,
aggregierte Zusatzbezeichnungen) itembezogen entnehmen lässt. Die Auswertung der offenen
Fragen basiert auf einer Nachcodierung im Sinne der qualitativen Inhaltsanalyse [19]. Prägnante Freitext-Antworten finden sich gesammelt in Tabelle S3.
Tab. 1 Schwerpunkte bei der Gewichtsberatung.
|
Frage: Auf welche der folgenden Punkte legen Sie bei einer durchzuführenden Gewichtsberatung
besonderen Wert? (n=4038, Mehrfachangabe möglich)
|
Gesamt-zustimmung
|
Urbane vs. Landärzt*innen
|
Abgefragte Zusatzbezeichnungen aggregiert (n=681)
|
|
Signifikanter Unterschied: * p < .001
|
|
Eingehen auf persönliche Lebenssituation des Patienten
|
93%
|
85%/100%
|
99%
|
|
Deutliches Thematisieren der Folgen starken Übergewichts
|
83%
|
95%/71% *
|
95%
|
|
Allgemeine Aufklärung über Prinzipien des Abnehmens (maßvolle Gewichtsreduktion vs.
große Schritte)
|
82%
|
91%/73% *
|
94%
|
|
Mögliche Ursachen des (persönlichen) Übergewichts
|
82%
|
74%/90% *
|
96%
|
|
Vereinbaren individueller (Abnehm-)Ziele mit Kontrolle bei Wiedervorstellung
|
59%
|
70%/48% *
|
79%
|
|
Konkrete Vorschläge, Empfehlungen, auf deren Grundlage der Patient eigenständig weiterarbeiten
kann
|
55%
|
65%/45% *
|
78%
|
|
Spezifische Ernährungsberatung (u.a. Umstellung auf kalorienarme Ernährung, Essverhalten
bzw. -rhythmus)
|
55%
|
65%/45% *
|
75%
|
|
Überweisung zur weiterführenden Betreuung/Behandlung bei einem Spezialisten (Facharzt,
Ernährungsberater*in oder ggf. spezielle Einrichtung)
|
46%
|
53%/39% *
|
40%
|
|
(Leitliniengerechte) Diagnosestellung
|
45%
|
58%/32% *
|
73%
|
|
Psychosoziale Situation des Patienten und deren Stabilisierung bzw. Verbesserung
|
45%
|
39%/52%*
|
57%
|
|
Aushändigen von Informationsmaterialien, Benennung von Informationsquellen
|
44%
|
37%/51% *
|
60%
|
|
Spezifische Bewegungsberatung
|
37%
|
39%/34%
|
63%
|
Tab. 2 Schwerpunkte bei der Adipositas-Therapie.
|
Frage: Wenn Sie mit Adipositas-Patient*innen eine Gewichtsreduktion anstreben, wo legen
Sie die Schwerpunkte in der Therapieplanung? Bitte sagen Sie mir, wie groß der Stellenwert
der folgenden Elemente bei Ihnen ist. (n=4038)
|
Gesamt-zustimmung („sehr groß“ und
„eher groß“ zusammengefasst)
|
Urbane vs. Landärzt*innen
(„sehr groß“ und
„eher groß“ zusammengefasst)
|
Abgefragte Zusatzbezeichnungen aggregiert (n=681)
(„sehr groß“ und
„eher groß“ zusammengefasst)
|
|
Signifikanter Unterschied: * p < .001
|
|
Umstellung der Ernährung, Ernährungstherapie
|
58%
|
67%/49% *
|
80%
|
|
Psychosoziale Unterstützung
|
47%
|
40%/54% *
|
60%
|
|
Bewegungstherapie, Bewegungsförderung, Sport
|
43%
|
51%/35% *
|
69%
|
|
Vermittlung von Informationen und Materialien zur Selbsthilfe
|
45%
|
39%/51% *
|
63%
|
|
Verhaltenstherapie (eigene Verhaltensmuster besser reflektieren und langfristig ändern)
|
40%
|
45%/35% *
|
62%
|
|
Medikamentöse Unterstützung (z.B. Orlistat, Liraglutid)
|
25%
|
27%/23%
|
28%
|
Ergebnisse
Stichprobe
Von den 4114 bearbeiteten Fragebögen gingen 4038 vollständig ausgefüllte Bögen in
die Auswertung ein (Rücklauf: 29%). Tabelle S1 stellt die gewonnene Stichprobe und repräsentative Daten der Kassenärztlichen Vereinigung
(KV) gegenüber. Mit Blick auf die Variable „Geschlecht“ sind 63% der Stichprobe männlich
und 37% weiblich; das Durchschnittsalter beträgt 53 Jahre. Urbane und ländliche Praxisstandorte
sind in ähnlichem Umfang vertreten.
Wahrnehmung der Adipositas als Versorgungsproblematik
Nach Angabe der Befragten sind im Durchschnitt 19% der aktuell betreuten Patient*innen
stark übergewichtig bis adipös; diese Zahl hat nach Einschätzung von 69% der Befragten
in den letzten 5–10 Jahren (sehr) stark zugenommen. Entsprechend erachten 73% starke
Übergewichtsproblematiken als eine (sehr) große Herausforderung für das Gesundheitswesen.
Aus Sicht von 65% der Befragten ist es die vordringliche Aufgabe von Hausärzt*innen,
Ansprechpartner für das Management bzw. zur Behandlung oder auch Prävention der Adipositas
zu sein. Dabei geben 33% an, dass das Praxispersonal teilweise oder sogar mehrheitlich
geschult ist, wenn es um Themen wie Übergewicht, Gewichtsreduktion, Ernährung oder
Bewegung geht (17% der Praxen haben hierfür eine Person). Hingegen können 50% nicht
auf geschultes Personal zurückgreifen. Befragte Mediziner*innen mit einer Weiterbildung
in Ernährungsmedizin und/oder Sportmedizin verfügen über mehrheitlich fortgebildetes
Personal.
Normalerweise kommen Gespräche mit Patient*innen im Hinblick auf ihr Übergewicht eher
beiläufig über andere Konsultations- und Betreuungsanlässe zur Sprache (82% häufig
bzw. gelegentlich); erheblich seltener kommen Patient*innen konkret wegen ihrer Adipositas
in die Sprechstunde (27% häufig bzw. gelegentlich).
Erfahrungen mit einer Gewichtsberatung
Von den Befragten geben 54% an, zumeist Beratungen zu mehreren Zeitpunkten bzw. kontinuierlich
durchzuführen; 46% führen in der Mehrzahl einmalige Beratungen durch. Ärzt*innen,
die über mindestens einen der abgefragten Weiterbildungshintergründe verfügen, führen
überdurchschnittlich oft regelmäßige Beratungen durch.
Hausärzt*innen legen bei der Gewichtsberatung besonderen Wert darauf, die Lebenssituation
der Patient*innen zu erfassen und dies in einen Zusammenhang mit Ursachen und Konsequenzen
des Übergewichts zu stellen ([Tab. 1], auch für Subgruppen-Vergleiche). Rund jeder zweite Befragte führt eine genuine
Ernährungsberatung durch oder delegiert weiter. Weitergebildete Befragte räumen der
Entwicklung einer individuellen Abnehmstrategie sowie gesonderten Ernährungs- und
Bewegungsberatungen höheres Gewicht ein. Während urbane Allgemeinmediziner*innen verstärkt
Wert auf die Vereinbarung von Strategien zur Gewichtsreduktion legen, kommt es ihren
Kolleg*innen auf dem Land v.a. darauf an, sich mit dem Lebenswandel der Patient*innen
zu befassen (Tabelle S3; Zitat-Nr. 1, 2).
Gemessen an der Gesamtheit der von Adipositas betroffenen Patient*innen, bei denen
eine Beratung durchgeführt wurde, geben 54% aller Befragten an, Patient*innen häufig
oder gelegentlich konkrete Angebote empfohlen zu haben (z.B. Ernährungsberatung, Angebote
der Krankenkasse, Sportkurse). Zudem geben 36% an, Patient*innen häufig oder gelegentlich
an spezifische Gesundheitsangebote vermittelt zu haben. Letzteres ist bei Ärzt*innen
mit der Weiterbildung Ernährungs- bzw. Sportmedizin erheblich öfter der Fall (62%).
Erfahrungen mit einem (therapeutischen) Adipositas-Management
73% der Befragten geben an, häufig (27%) oder gelegentlich (46%) Aufgaben beim Adipositas-Management
zu übernehmen. Hiervon bekunden wiederum 46%, in der Regel federführend beim Management
zu sein; eine ähnlich große Gruppe (43%) orientiert sich an Vorgaben von Spezialist*innen.
Am stärksten befassen sich die Befragten beim konkreten Adipositas-Management mit
der Umstellung der Ernährung, gefolgt von Fragen der psychosozialen Unterstützung
und physischen Aktivierung ([Tab. 2], auch für Subgruppen-Vergleiche). Erneut offerieren Landärzt*innen eine stärkere
psychosoziale und Aufklärungskomponente, wohingegen ihre urbanen Kolleg*innen vermehrt
in aktive Maßnahmen zur Veränderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens investieren.
Erlebte Herausforderungen und Umgangsstrategien
Bilanzierend betrachtet, sind 40% mit den Ergebnissen der therapeutischen Maßnahmen
(sehr) zufrieden. Ärzt*innen, die angegeben haben, v.a. auf psychosoziale Unterstützung
und Bewegungsförderung zu setzen, sind anteilsmäßig am zufriedensten. Ebenfalls sind
Ärzt*innen, die mehrheitlich über geschultes Personal verfügen, zufriedener als Ärzt*innen
mit kaum oder gar keinem geschulten Personal.
Mit 61% hat eine Mehrheit der Befragten bislang die Erfahrung gemacht, dass von Adipositas
betroffene Patient*innen sich (sehr) schwer auf ein therapeutisches Vorgehen einlassen.
Von ihnen fällt es 65% (sehr) schwer, im Prozess des Krankheitsmanagements die Motivation
zur Erzielung einer Lebensstil-Veränderung aufrechtzuerhalten. Mittels verschiedener
offener Fragen ließen sich Ursachenkomplexe für diese erlebten Herausforderungen bestimmen
(Tabelle S3; Zitat-Nr. 3–5):
-
Mangel an zeitlichen Ressourcen/schlechte Vereinbarung mit dem Praxisalltag (74%),
-
hohe Beratungsresistenz und mangelnde Motivation bzw. Compliance (65%),
-
Probleme mit der Nachhaltigkeit des Erfolgs (Jojo-Effekte, 56%),
-
mangelnde Möglichkeiten/Strukturen zur Initiierung einer multiprofessionellen Versorgungskette
und Kooperation mit anderen Gesundheitsakteuren (53%, v.a. unter Landärzt*innen),
-
Schwierigkeiten bei der Avisierung und Justierung individuell passender Ziele zur
Gewichts- und Lebensstil-Änderung (42%).
Auffällig ist, dass Ärzt*innen mit einschlägigen Weiterbildungen diese Herausforderungen
moderater erleben. So geben in dieser Gruppe 40% an, Adipositas-Patient*innen seien
(sehr) schwer von einer Therapie zu überzeugen. Ebenfalls erleben es 41% der weitergebildeten
Ärzt*innen als schwer, im Prozess des Krankheitsmanagements die Motivation aufrechtzuerhalten.
Eine Erklärung hierfür kann sein, dass unter weitergebildeten Befragten deutlich häufiger
Vorgehensweisen oder Strategien benannt werden, die mit Erfolg praktiziert wurden,
um Patient*innen im Zuge des Krankheitsmanagements anzuregen (Tabelle S3; Zitat-Nr. 6–11).
Bei vielen der ernährungs- und sportmedizinisch fortgebildeten Ärzt*innen ist hervorstechend,
dass sie auf der kommunalen Ebene über gute Kontakte zu Angeboten im Bereich der Bewegungs-
und Gesundheitsförderung verfügen. Dies gilt etwa für die Zusammenarbeit mit Fitness-Studios,
Selbsthilfegruppen, Ernährungs- und Gesundheitsberatern (Tabelle S3; Zitat-Nr. 12).
Erfahrungen mit DiGAs und Leitlinien
Unter den Befragten geben 29% an, adipositasbetroffenen Patient*innen bereits häufig
oder gelegentlich DiGAs zur Unterstützung verschrieben zu haben. Während 42% der urbanen
Ärzt*innen wenigstens gelegentlich DiGAs verschreiben, sind dies unter Landärzt*innen
in der Stichprobe nur 13% (p < .001).
Die Befragten mit regelmäßiger DiGA-Verordnungserfahrung im Adipositas-Kontext blicken
deutlich positiver auf Therapie-Resultate. So zeigen sich in dieser Gruppe 54% der
Befragten mit den Ergebnissen therapeutischer Maßnahmen (sehr) zufrieden; demgegenüber
sind es bei den übrigen Befragten 34% (p < .001). Ebenfalls gibt es unter Hausärzt*innen
mit DiGA-Erfahrung gegenüber den übrigen Befragten einen erheblich größeren Anteil
derer, die die Beratungs- und Therapie-Adhärenz von Adipositas-Patient*innen als (sehr)
groß bewerten (49% vs. 29%, p < .001) bzw. es als (eher) leicht empfinden, die Motivation
im Prozess des Krankheitsmanagements aufrechtzuerhalten (48% vs. 27%, p < .001).
Diese Befunde werden durch eine detaillierte Abfrage möglicher positiver Effekte im
Zusammenhang mit dem DiGA-Einsatz bestätigt (Tabelle S2).
Optimierung des Adipositas-Managements
In Bezug auf eine Optimierung des derzeitigen Status quo häufen sich Forderungen nach
einer Schaffung von mehr übergeordneten Strukturen zur Unterstützung der ambulanten
Adipositas-Versorgung. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf regionalen oder kommunalen
Gesundheitsnetzwerken und Kooperationsbündnissen, welche Haus- und Fachärzt*innen
sowie andere Gesundheitsakteure besser verzahnen (Tabelle S3; Zitat-Nr. 13–14).
Viele Befragte räumen offen ein, keinen zufriedenstellenden Überblick über bestehende
Gesundheitsangebote bzw. Vermittlungsoptionen im Themenfeld zu haben, da es oftmals
an unkomplizierten Orientierungsmöglichkeiten fehle. Auch deshalb sei es sinnvoll,
wenn Kommunen sich stärker einer Zusammenführung unterschiedlicher Angebote, einschließlich
einer breiten Kommunikation hierüber, widmeten.
Allgemein kritisiert wird von den Befragten ein ausgeprägter Mangel an Strukturen
und Versorgungsakteur*innen, die Hausärzt*innen bei der Adipositas-Prävention und
beim therapeutischen Management kontinuierlich unterstützen könnten. Insbesondere
in ländlichen Gebieten fehle es an niedrigschwelligen Beratungsangeboten, v.a. zur
psychosozialen Unterstützung. Die kürzlich getroffene Entscheidung, ein DMP Adipositas
einzuführen, wird von 79% als (sehr) effektiver Beitrag zur Verbesserung der ambulanten
Versorgung angesehen. Hier geben 71% an, ihr Interesse an einer Teilnahme am DMP Adipositas
sei (sehr) groß. Weitere Vorschläge betreffen eine stärkere Involvierung der Krankenkassen
bei der (kontinuierlichen) Adipositas-Beratung sowie ein größeres Angebot an zertifizierten
Schulungen für hausärztliche Teams.
Viele Befragte wünschen sich darüber hinaus mehr Anstrengungen im Bereich der (Primär-)Prävention
und eine konsequente Aufklärung (Tabelle S3; Zitat-Nr. 15–17).
Diskussion
Zusammenfassung
Allgemeinmediziner*innen erleben Adipositas als zunehmende Herausforderung; zugleich
sehen sie es als ihre Aufgabe an, betroffene Patient*innen zu betreuen und ggf. therapeutisch
zu begleiten. Dabei legen sie bei der Gewichtsberatung v.a. Wert darauf, die individuelle
Lebenssituation zu erfassen und dies in einen Zusammenhang mit Ursachen und Konsequenzen
des Übergewichts zu stellen. Während eine Ernährungsberatung von jedem zweiten Befragten
durchgeführt wird, kommt eine Bewegungsberatung seltener vor. Urbane Allgemeinmediziner*innen
achten verstärkt auf die Vereinbarung von Strategien zur Gewichtsreduktion; landärztliche
Kolleg*innen befassen sich besonders mit dem Lebenswandel und Fragen der Stabilisierung.
Ein Teil der Befragten macht von der Möglichkeit Gebrauch, Patient*innen konkrete
Gesundheitsangebote zu empfehlen.
In Bezug auf therapeutische Maßnahmen befassen sich die Befragten mit der Umstellung
der Ernährung, gefolgt von Fragen der psychosozialen Unterstützung und physischen
Aktivierung. Oftmals ziehen Hausärzt*innen eine durchwachsene Bilanz des Krankheitsmanagements.
So haben viele Befragte die Erfahrung gemacht, dass die Therapie-Adhärenz und Motivation
von Adipositas-Patient*innen begrenzt sind. Dies wird verstärkt durch die Problematik
der allgemeinen Zeit- und Ressourcen-Knappheit sowie eine geringe Anbindung an interprofessionelle
Strukturen.
In der Stichprobe stechen 2 Gruppen hervor, die mit Blick auf die Gesamtbetrachtung
der eigenen Beratungstätigkeit und therapeutischen Interventionen zu positiveren Urteilen
gelangen und auch weniger Herausforderungen beim Krankheitsmanagement erleben. Zum
einen sind dies Ärzt*innen mit einschlägigen Weiterbildungen (v.a. in der Ernährungs-
und Sportmedizin). Sie benennen merklich öfter als übrige Ärzt*innen erfolgreiche
Strategien im Umgang mit diesem Patient*innen-Klientel. Deutlich sticht hier hervor,
dass es oftmals eine geregelte Kooperation mit anderen Gesundheitsakteuren gibt, an
die konsequent verwiesen wird. Zum anderen sind Ärzt*innen, die sich regelmäßig auf
die Einbindung von DiGAs in therapeutische Aktivitäten stützen, merklich zufriedener
mit den Ergebnissen ihres Krankheitsmanagements.
Die Befragten begrüßen in großer Zahl die Einführung des DMP Adipositas und zeigen
Interesse, an diesem zu partizipieren. Dies steht in Verbindung zu ihrer Forderung
nach der Schaffung weiterer (evidenzbasierter) Unterstützungsstrukturen.
Gegenüberstellung mit Befunden anderer Studien
Die Resultate fügen sich in die Studienlage ein, wonach eine Adipositas ambulante
Ärzt*innen vor multifaktorielle Herausforderungen stellt. Unter einem Teil der Ärzt*innen
ist Adipositas ein polarisierendes Krankheitsbild – und zieht je nach den gemachten
Erfahrungen und Grundeinstellungen unterschiedliche Grade an Versorgungsbereitschaft
nach sich [2]
[10]
[13]
[16]
[19]
[20]
[21]
[22]
[23]
[24]. Wie unterschiedlich diese ausfallen können, hat eine vorangegangene qualitative
Vorstudie eruieren können [17]. Hierbei zerfiel die Stichprobe aus 36 interviewten Hausärzt*innen in 4 Cluster,
die von starken Stereotypisierungen und geringer Versorgungsbereitschaft in Bezug
auf Adipositas-Betroffene bis hin zu aufgeschlossenen und aktiven Ärzt*innen reichten.
Hervorstechend sind Befragte, die je nach gewählter Vorgehensweise informelle Netzwerke
zu Fitness- und Bewegungsanbietern geknüpft haben oder mit psycho- und verhaltenstherapeutischen
Akteuren zusammenarbeiten.
Oft scheinen Hausärzt*innen eine eher passive Rolle vorzuziehen oder sich auf eine
Zuweiserfunktion zu Spezialist*innen zu beschränken – und sehen die Verantwortung
für eine Gewichtsreduktion somit primär aufseiten des Patienten [22]
[25]
[26]. Damit einhergehend werden Therapiepläne zur Gewichtsreduktion stark einzelfallabhängig
aufgestellt [16]
[25]. Es gibt ferner Hinweise darauf, dass Hausärzt*innen eine vergleichsweise geringe
Kenntnis adipositasbasierter Leitlinien haben und deren Anwendung selten praktizieren
[7]
[27]
[28].
Als weitere Ursachen für die Reserviertheit von Hausärzt*innen beim Adipositas-Management
ist wiederkehrend ein Mangel an adäquaten Strukturen diskutiert worden [7]
[29]
[30]. Infolgedessen fehlt es an individualisierbaren, evidenzbasierten Therapiekonzepten,
mittels derer Patient*innen vom Hausarzt kontinuierlich im Prozess ihrer Lebensstil-Änderung
unterstützt werden können [15]
[19]
[31]. Die erfolgte Einführung des DMP Adipositas wird in allgemeinärztlichen Fachöffentlichkeiten
als Weg gesehen, dieses lange Zeit bestehende Defizit aufzubrechen [17]
[23].
Ferner hat sich gezeigt, dass die Kenntnis der Ärzte von vor Ort verfügbaren Hilfs-
und Unterstützungsangeboten, an die sie die Patient*innen weitervermitteln könnten,
oftmals begrenzt ist, und dass nur ein kleinerer Teil der Ärzt*innen konsequent Gebrauch
davon macht, indem etwa auf Fitness- und Bewegungsanbieter oder psychotherapeutische
Akteure hingewiesen wird [11]. Offenbar fehlt es vielen Ärzt*innen sowohl an einem Überblick als auch an niedrigschwelligen
Vermittlungsmöglichkeiten [32].
Studien haben gezeigt, dass Adipositas-Patient*innen ihre Hausärzt*innen als zentrale
Ansprechpartner betrachten und im Fall einer hausärztlichen Beratung eine erhöhte
Bereitschaft zur Änderung ihres Lebensstils zeigen [21]
[25]
[26]
[29]
[30]
[33]. In der Versorgungspraxis allerdings sind Patient*innen mit starkem Übergewicht
oftmals mit der Betreuung durch ihren Hausarzt unzufrieden [15]
[16]
[22]
[25]. Im Zuge einer Interviewstudie mit dieser Zielgruppe [24] konnten mehrere Problembereiche der hausärztlichen Versorgung identifiziert werden:
-
beiläufige oder verzögerte Feststellung des Übergewichts;
-
Ausbleiben einer kontinuierlichen Gewichtsberatung;
-
keine Vereinbarung von konkreten Zielen zur Gewichtsreduktion;
-
fehlende Hinweise auf Hilfs- und Unterstützungsangebote;
-
unsensible bzw. stigmatisierende Gesprächsführung.
Im Lichte der Studienergebnisse lassen sich unter Berücksichtigung der Literaturlage
verschiedene Ansatzpunkte für eine Optimierung des hausarztbasierten Adipositas-Managements
ableiten. Diese stehen durchaus im Einklang mit der interdisziplinären Adipositas-Leitlinie
der Deutschen Adipositas-Gesellschaft [8], adressieren darüber hinaus aber v.a. die eigenständigen Positionen der Deutschen
Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Letztere setzen zunächst darauf,
eine hausarztbasierte Grundversorgung sicherzustellen und Patient*innen dann bedarfsorientiert
an andere Versorgungsebenen -bzw. -akteure weiterzuleiten. Im Einzelnen kann festgehalten
werden:
-
Es erscheint ratsam, bei Hausärzt*innen das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Adipositas
komplexe Hintergründe haben kann, bei denen nicht nur der individuelle Lebensstil,
sondern auch überindividuelle Faktoren wie Lebensumstände, genetische Veranlagung
und Vorerkrankungen wirksam sind [1]
[2]
[5]
[9].
-
Übergewichtsproblematiken sollten in der hausärztlichen Versorgung systematisch, konsequent
und zeitnah thematisiert werden. Sinnvolle Anlässe sind z.B. Check-ups [12]
[17].
-
Die Feststellung eines starken Übergewichts oder einer Adipositas sollte mit konkreten
Handlungsempfehlungen und realistischen, individuell abgestimmten Zielstellungen verbunden
werden (Ernährung, Bewegung). Hier geben bestehende Leitlinien weitere Hilfestellung
und Orientierung [6]
[27].
-
Eine fokussierte Ernährungs- und Bewegungsberatung in der Hausarztpraxis erscheint
als sinnvoller Beitrag, um die Adipositas-Prävention zu stärken. Hierzu sind im internationalen
Kontext bereits Good-Practice-Beispiele vorgelegt worden [2]
[6]
[29]
[31]
[34]
[35].
-
Eine regelmäßige, verbindliche Gesprächsführung sowie das Bestreben, Patient*innen
bei ihrer persönlichen Situation „abzuholen“ (verhaltensorientierte Behandlungsstrategien),
sind wichtige Voraussetzungen für das langfristige Gelingen eines Managements [25]
[30]
[33].
-
Hausärzt*innen sollten in ihrer Vermittlerrolle bestärkt werden, indem sie Adipositas-Patient*innen
je nach Bedarf in ein Netzwerk weiterer Hilfen einbinden. Fast alle gesetzlichen Krankenkassen
bieten Präventionsprogramme an; ähnliches gilt für Gesundheitsämter, die oftmals einen
guten Überblick über Kurs- und Beratungsangebote in Landkreisen und Regionen haben
[2]. Kommunale Kooperationsnetzwerke zur Gesundheitsförderung könnten Hausärzt*innen
entscheidend helfen, einen Überblick über bestehende Angebote zu gewinnen und gezielt
zu vermitteln [7]
[31].
-
Die Einbeziehung digitaler Tools wie insbesondere die als Medizinprodukte zertifizierten
DiGAs versprechen Mehrwerte, wie erste Evidenz durch Studien nahelegt [36]. Hausärztliche Teams sollten diesbezüglich umfassend informiert und für die Möglichkeiten
einer systematischen DiGA-Nutzung sensibilisiert werden.
-
Die Schaffung und Weiterentwicklung strukturierter Versorgungsprogramme zum Adipositas-Management
erscheint sinnvoll [7]
[31]. Die Programme sollten nicht nur auf die Verbesserung der Versorgung abzielen, sondern
auch eine gezielte Schulung hausärztlicher Teams beinhalten. Wichtig ist eine stärkere
Sensibilisierung für den Wert geprüfter und zertifizierter Leitlinien [18]
[27]
[28]. Internationale Modellprojekte zur umfassenden Schulung hausärztlicher Praxisteams
lassen sich gezielt adaptieren [5]
[17].
Stärken und Schwächen
Die Befragung hat auf einer qualitativen Vorstudie aufgebaut und war daher konkret
und praxisnah auf die hausärztliche Perspektive zugeschnitten. Eine Reihe offener
Fragen ermöglichte die Erfassung nicht standardisierter Informationen. Zudem erzielte
die Befragung einen vergleichsweise hohen Rücklauf. Dennoch ist auf diverse Limitationen
hinzuweisen. So kann die Studie nicht im strengen Sinne, sondern – durch einen Vergleich
mit KV-Daten – höchstens angenähert einen repräsentativen Anspruch erheben (begrenzte
Fallzahl, regionale Rekrutierung). Zudem ist es möglich, dass Ärzt*innen mit Interesse
an der untersuchten Thematik sich stärker an der Studie beteiligt haben. Hinzuweisen
ist auch darauf, dass wir zwar auch Verweis- und Vermittlungstätigkeiten hin zu Akteuren
der Gesundheits- und Lebensstil-Beratung erfasst haben; der Schwerpunkt lag allerdings
auf der allgemeinen hausärztlichen Beratungs- und Unterstützungsleistung.
Schlussfolgerung
Adipositas wird von Hausärzt*innen als zunehmendes und im Versorgungsgeschehen forderndes
Krankheitsbild wahrgenommen. Dennoch sehen sich viele Allgemeinmediziner*innen als
primäre Ansprechpartner*innen für diese Patient*innen-Klientel. Sie legen beim Krankheitsmanagement
abweichende Schwerpunkte, die sich auch mit Blick auf mögliche Weiterbildungshintergründe
oder städtische und ländliche Praxisstandorte unterscheiden können. Besonders im Fokus
ist die Umstellung der Ernährung, gefolgt von Fragen der psychosozialen Unterstützung
und physischen Aktivierung. Angesichts eines bestehenden Defizits bei evidenzbasierten,
interprofessionellen Versorgungsstrukturen wird die Einführung des DMP Adipositas
begrüßt.
Ein zentraler Befund der Studie ist, dass Problematiken beim Adipositas-Management
zum einen von einschlägig weitergebildeten Ärzt*innen (v.a. Ernährungs- und Sportmedizinern),
zum anderen von Ärzt*innen mit regelmäßiger DiGA-Nutzung in deutlich geringerem Maße
erlebt werden; die Zufriedenheit mit den Ergebnissen der therapeutischen Intervention
fällt bei ihnen positiver aus. Gerade mit Blick auf digitale Hilfsmittel, die bei
der Lebensstil-Änderung helfen können, bietet das primärärztliche Setting somit gute
Anwendungspotenziale, die noch stärker gehoben werden sollten.
-
Die Hausarztpraxis bietet gute Voraussetzungen für die Prävention, Beratung und das
Management der Adipositas.
-
Es erscheint sinnvoll, dass Hausärzt*innen starke Übergewichtsproblematiken konsequent
und zeitnah ansprechen. Die Diagnose „Adipositas“ sollte mit konkreten Handlungsempfehlungen
verbunden werden. Dabei ist eine kontinuierliche, motivierende Gesprächsführung entscheidend.
-
Hausärzt*innen sollten in ihrer Mediatorenrolle bestärkt werden, indem sie Patient*innen
bedarfsorientiert in ein Netzwerk weiterer Hilfen einbinden. Die Entwicklung strukturierter,
hausarztkonformer Versorgungsprogramme sollte weiter vorangetrieben werden.