Ultraschall Med 2025; 46(06): 530-535
DOI: 10.1055/a-2702-5692
Editorial

„Green Medical Imaging“ – Ultraschall als ressourcenschonende Zukunftstechnologie in der klinischen Bildgebung

Article in several languages: English | deutsch

Authors

  • Valentin Blank

  • Deike Strobel

  • Thomas Karlas

 

Einleitung

Die globale Erderwärmung stellt eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar – mit weitreichenden Konsequenzen für Umwelt, Gesellschaft und nicht zuletzt auch für das Gesundheitswesen [1].

Während die Folgen des Klimawandels für die menschliche Gesundheit bereits breit analysiert und diskutiert werden, gerät zunehmend auch das Gesundheitswesen selbst als Mitverursacher der Umweltkrise in den Blick [2]. Der Gesundheitssektor ist weltweit für etwa 4,4 % der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich – Tendenz steigend [2]. Insbesondere bildgebende Verfahren wie die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) und die Computertomografie (CT) zeichnen sich hierbei durch einen hohen Energieverbrauch, komplexe Infrastruktur-Bedarfe und zum Teil umweltrelevante Verbrauchsmaterialien aus. Die Nutzung dieser ressourcenintensiven Bildgebungsverfahren hat zudem in den vergangenen Jahren insbesondere durch gestiegene diagnostische Anforderungen – und nicht zuletzt durch die zunehmende Verfügbarkeit – stark zugenommen [3].

„Green Medical Imaging“ bezeichnet einen neuen Ansatz, in dem sich insbesondere die Sonografie als ressourcenschonende und zukunftsweisende Bildgebungsmethode profilieren kann. Als strahlungsfreies, breit verfügbares und energieeffizientes Verfahren bietet der Ultraschall nicht nur klinisch wertvolle Informationen in Echtzeit und im direkten Kontakt zwischen Arzt und Patient, sondern verursacht im Vergleich zu CT und MRT nachweislich eine signifikant geringere Umweltbelastung [4] [5].

Ziel dieses Editorials ist es, das Bewusstsein für die ökologische Dimension medizinischer Bildgebung zu schärfen und konkrete Einsparpotenziale für klimarelevante Emissionen durch den vermehrten Einsatz des Ultraschalls aufzuzeigen. Die Implementierung nachhaltiger Bildgebungsstrategien sollte dabei insbesondere auch die Diskussion darüber fördern, inwieweit der routinemäßige Einsatz hochpräziser und ressourcenintensiver Bildgebungsverfahren in der modernen Medizin stets medizinisch notwendig und verhältnismäßig ist.


Nutzung und Stellenwert bildgebender Verfahren in der modernen Medizin

Bildgebende Verfahren sind ein fester Bestandteil in der Diagnostik und Therapie einer Vielzahl von Erkrankungen und insbesondere in der modernen Onkologie und Notfallmedizin unabdingbar [6].

Basierend auf Daten der WHO werden jährlich über 3,6 Milliarden „Bildgebungen“ weltweit durchgeführt [7]. Am Beispiel von England entfallen hiervon immerhin 23 % der Untersuchungen auf den diagnostischen Ultraschall (US), 16 % sind Computertomografien (CT) und 9 % Magnet-Resonanz-Tomografien (MRT). Der größte Anteil (47 %) entfällt auf klassische Röntgen-Untersuchungen [3].

Mit der stetig wachsenden Anzahl bildgebender Untersuchungen wächst auch der Anteil medizinisch nicht sinnvoller oder nur mit geringem Mehrwert assoziierter Untersuchungen. In einem systematischen Review von 2024 wurde dargelegt, dass jährlich bis zu 2 Milliarden Dollar für „Low-value-imaging“-Verfahren ausgegeben werden. Durch eine Reduktion dieser Untersuchungen hätten bis zu 95 % der Kosten eingespart und der Verbrauch umweltrelevanter Ressourcen vermieden werden können [4].


Vergleich der Umweltbelastung verschiedener bildgebender Verfahren

Die Auswahl des geeigneten bildgebenden Verfahrens hat einen erheblichen Einfluss auf die Umweltbilanz im klinischen Alltag: Ultraschallbasierte Bildgebungsverfahren zeichnen sich durch verhältnismäßig geringe Anschaffungs- und Unterhaltskosten sowie einen minimalen Ressourcen-Verbrauch aus. Zur besonders günstigen CO₂-Bilanz der Sonografie trägt neben dem geringen Stromverbrauch auch die Möglichkeit zur „Bedside“- bzw. Point-of-Care-Anwendung bei, wodurch unter anderem innerbetriebliche Transportwege reduziert werden können [8]. Auch in der Geräteproduktion und bei der Entsorgung ergibt sich ein deutlich geringeres Maß an CO₂-Emissionen im Vergleich zu anderen Technologien ([Tab. 1]). Zudem sind Ultraschallgeräte in der Regel langlebiger und können im Laufe des Lebenszyklus an verschiedenen Einsatzstellen oder zu Ausbildungszwecken weiter genutzt werden. Die breite ambulante und stationäre Verfügbarkeit ermöglicht eine effiziente Versorgung und reduziert somit auch die Verweildauer und die Transportwege der Patienten, was wiederum die CO₂-Emissionen und Krankenhauskosten senkt [9]. Zudem sind bei sonografischen Verfahren keine iodhaltigen oder gadoliniumhaltigen Kontrastmittel [10] erforderlich, was die Patienten- und die Umweltbelastung weiter reduziert. Ferner sind auch die strukturellen Erfordernisse für die Sonografie im Vergleich zur Schnittbildgebung deutlich umweltschonender, da weniger Platzbedarf besteht, weniger Abwärme an den Geräten freigesetzt wird und keine aufwendigen Blei-Abschirmungen konstruiert werden müssen.

Tab. 1

Vergleich des Ressourcen-Verbrauchs bildgebender Verfahren. US = Ultraschall; CT = Computertomografie; MRT = Magnet-Resonanz-Tomografie; MTA = Medizinisch-technische/-r Assistent/-in.

US

CT

MRT

Anschaffungskosten

Niedrig

(50–150 k €)

Hoch

(ca. 500 k €)

Sehr hoch

(ab 1 Mio. €)

Unterhaltskosten

Gering

Mittel

Hoch

CO2 Verbrauch in kg

pro Untersuchung [15]

  • Produktion

nicht verfügbar

4,0 kg

6,0 kg

  • Betrieb

nicht verfügbar

2,6 kg

14 kg

  • Gesamt

0,5–0,65 kg

6,6 kg

20 kg

Energieverbrauch je Untersuchung unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs, bezogen auf den gesamten Lebenszyklus [19]

Sehr niedrig, geringer Standby-Energieverbrauch (wenige Watt)

Ca. 24–34 kWh, für die tatsächliche Bildgenerierung werden hiervon nur ca. 1,6 % des Gesamt-Energiebedarfs benötigt [20]

104 kWh, wobei ca. 29 kWh auf den innerklinischen Energieverbrauch und 75 kWh für Produktion, Transport etc. anfallen [21]

Kontrastmittel-Belastung

Treibhausgas

Jodhaltige Kontrastmittel

Gadolinium-Belastung der Umwelt

Verfügbarkeit

sehr hoch, Bed-Side-Untersuchung

Gute Verfügbarkeit

Variierend, eher zentrale Standorte

CO2-Emission durch Patiententransporte

geringer Transportaufwand

Zentralisiert, aber gut verfügbar

Häufig längere Anfahrten notwendig

Personalaufwand

1 qualifizierter Untersucher ausreichend

MTAs + Arzt erforderlich

Hoher personeller Aufwand

Verbrauchsmaterial

Gering

Mittel (z. B. notwendige bauliche Maßnahmen)

Hoch (z. B. notwendige Kühlung)

Entsorgung

Einfach zu entsorgen

Bleiteile, Rückbau notwendig.

komplex (Helium, Schwerlast-Transport)

Ein weiterer relevanter Aspekt liegt in der diagnostischen Fokussierung: Anders als bei großvolumigen CT-Aufnahmen oder multiparametrischen MRT-Protokollen steht beim Ultraschall häufig eine konkrete klinische Fragestellung im Vordergrund, die durch den behandelnden erfahrenen Kliniker gezielt beantwortet werden kann. Durch die unmittelbare ärztliche Einordnung klinisch irrelevanter Nebenbefunde im Dialog mit dem Patienten während der Ultraschall-Untersuchung lassen sich potenziell kostspielige, für den Patienten häufig belastende sowie energieintensive Folgeuntersuchungen vermeiden. Dies betrifft insbesondere die Versorgungssituation in der Akutmedizin mit einem i. d. R. hohen Anteil an „notwendiger“ Bildgebung [11].

Im Vergleich zur Ultraschalldiagnostik hat die Computertomografie (CT) einen höheren Ressourcen-Verbrauch. Neben den höheren Anschaffungs- und Unterhaltsaufwendungen tragen vor allem der Stromverbrauch sowie der häufige Einsatz iodhaltiger Kontrastmittel zu CO₂-Emissionen und Umweltbelastung bei. Für die Patienten entsteht zudem eine relevante Strahlen-Exposition, die vor allem im Langzeitverlauf relevante Gesundheitsrisiken erhöht und somit auch indirekt zu zukünftigem Ressourcenbedarf beiträgt [12].

Die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) hat, neben nuklearmedizinischen Spezialmethoden, die höchsten Anschaffungs- und Betriebskosten sowie den höchsten Energiebedarf aller klinisch relevanten bildgebenden Verfahren. Insbesondere der hohe Strombedarf, die notwendige Gerätekühlung mit flüssigem Helium, der komplexe Recycling-Prozess sowie der Einsatz gadoliniumhaltiger Kontrastmittel wirken sich nachteilig auf die CO₂-Bilanz und Umweltverträglichkeit aus [10]. Die aufwendige Logistik verursacht häufig Wartezeiten, die Klinikaufenthalte verlängern können. Die gezielte Optimierung, etwa durch Reduktion von Leerlaufzeiten, birgt daher beträchtliche Potenziale zur Verringerung der Umweltbelastung und der Betriebskosten [13].


Notwendigkeit eine neues „Bewertungsmaßstabes“ in der medizinischen Bildgebung

In Anbetracht der wachsenden ökologischen und ökonomischen Herausforderungen im Gesundheitswesen erscheint es sinnvoll, den bislang überwiegend technisch basierten Bewertungsmaßstab für bildgebende Verfahren zu überdenken. Künftig sollte nicht mehr ausschließlich das „technisch beste“ und aufwendigste Verfahren automatisch zum Einsatz kommen, sondern jenes, das im Kontext der klinischen Fragestellung „gut genug“ ist – bei gleichzeitig möglichst geringem Ressourcen-Verbrauch. Die Sonografie erfüllt in vielen Fällen exakt diese Anforderungen: zielgerichtet, effizient, kostengünstig und mit minimalem CO₂-Fußabdruck. Eine stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeits- und Wirtschaftlichkeitskriterien in medizinischen Leitlinien und Entscheidungsalgorithmen könnte daher einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Transformation des Gesundheitssektors leisten – ohne dabei die Versorgungsqualität zu beinträchtigen. Somit sollte der Gedanke des „Choosing wisely“ auch mit Blick auf ökologische Aspekte in der medizinischen Bildgebung breitere Anwendung finden [14].


Zusammenfassung

Im Zuge der zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Diskussion über den ökologischen Fußabdruck des Gesundheitswesens rückt auch die Umweltbilanz bildgebender Verfahren verstärkt in den Fokus. Die Ultraschalldiagnostik bietet in diesem Kontext eine Reihe von Vorteilen, die über die bekannte Vermeidung von Strahlen-Exposition hinausreichen. So zeichnet sich die Sonografie durch einen signifikant geringeren Energiebedarf sowohl in der Herstellung als auch im laufenden Betrieb aus. Im Vergleich liegt die CO₂-Belastung deutlich unter der von CT- oder MRT-Systemen – letztere sind in dieser Hinsicht besonders ressourcenintensiv [15].

Darüber hinaus ermöglicht die hohe Verfügbarkeit und zunehmende Integration von Ultraschallgeräten am Patientenbett („Bed-Side“) eine unmittelbare und fokussierte Diagnostik [16]. Diese reduziert die Notwendigkeit weiterführender Untersuchungen, die häufig durch unspezifische Nebenbefunde in CT und MRT ausgelöst werden. Nicht zuletzt bietet der diagnostische Ultraschall auch strukturelle und wirtschaftliche Vorteile: Die vergleichsweise niedrigen Investitions- und Betriebskosten sowie der geringere Personalbedarf tragen zu einer nachhaltigen Prozess-Optimierung bei. Trotz der genannten Aspekte sollten klinische Indikationsstellung und diagnostische Anforderungen stets ausschlaggebend für die Auswahl des Verfahrens bleiben. Die Sicherstellung der Qualität der Befunde ist dabei stets an die fachliche Expertise gebunden, die insbesondere für sonografische Verfahren eine fundierte Aus- und Fortbildung erfordert.


Ausblick

Ein erhebliches zukünftiges Einsparpotenzial für die Umweltbilanz ergibt sich zudem aus einem zielgerichteten und selektiven Einsatz bildgebender Verfahren. Aktuelle Studien zeigen, dass etwa 20–50 % der durchgeführten Untersuchungen einen geringen diagnostischen Nutzen haben oder sogar für die jeweilige Fragestellung ungeeignet sein können [17]. Deshalb besteht das größte Potenzial zur Reduktion der CO₂-Emissionen in der konsequenten Vermeidung unnötiger Untersuchungen („Choosing-Wisely“-Initiative) [14]. Die Etablierung von klinischen Leitlinien, standardisierten Indikationskriterien [18] und Entscheidungshilfen könnte hier maßgeblich zur Optimierung beitragen.

Zusammengefasst bieten ein bewusster Umgang mit medizinischer Bildgebung sowie technologische und organisatorische Innovationen noch großes Potenzial für eine nachhaltigere, ressourcenschonendere und gleichzeitig qualitativ hochwertige Patientenversorgung.



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Dr. med. Valentin Blank
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Prof. Dr. med. Deike Strobel
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Prof. Dr. med. Thomas Karlas

Interessenkonflikt

Die Autorinnen/Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.


Correspondence

Prof. Dr. Thomas Karlas
Department of Internal Medicine II, Division of Gastroenterology
Leipzig University Medical Center
Liebigstraße 20
04103 Leipzig
Germany   

Publication History

Article published online:
12 December 2025

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