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DOI: 10.1055/a-2713-1886
Für Sie gelesen: Aktuelle Studien
Authors
Besse M, Belz M, Hachtel H et al. Effectiveness of, access to and need for electroconvulsive therapy in forensic psychiatric hospitals: a survey in Germany and Switzerland. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience 2025. DOI: 10.1007/s00406-025-02044-6
Hintergrund: Eine der häufigsten Diagnosen von Patienten in der forensischen Psychiatrie in Deutschland und der Schweiz ist Schizophrenie. Wenn eine Therapieresistenz besteht, ist die Behandlung oft mit langen Verweildauern verbunden. Die Elektrokrampftherapie (EKT) gilt auch bei behandlungsresistenten Patienten als sehr wirksame Behandlungsmethode. Während EKT-Behandlungen in allgemeinen psychiatrischen Kliniken in den letzten Jahren zugenommen haben, gibt es für den Kontext der forensischen Psychiatrie nur eine unzureichende wissenschaftliche Datenlage hinsichtlich der Häufigkeit und Umsetzung der EKT. Ziel der Studie war, einen systematischen Überblick über klinische Daten von forensisch-psychiatrischen Patienten in Deutschland und der Schweiz zu erhalten, die mit EKT behandelt wurden.
Methode: Für die Erhebung der Daten wurde ein zweiteiliger digitaler Fragebogen an alle 78 forensischen Kliniken in Deutschland und an alle sechs forensischen Kliniken in der Schweiz versendet. Im ersten Teil des Fragebogens wurde unter anderem nach der Anzahl der Patienten, die in den letzten 12 Monaten eine EKT erhalten haben, nach der geschätzten Wirksamkeit bei der Behandlung von Schizophrenien, dem geschätzten Bedarf an EKT in der forensischen Psychiatrie und möglichen Hindernissen bei der EKT-Behandlung gefragt. Im zweiten Teil des Fragebogens wurden demografische Daten und klinische Details erhoben, wenn eine teilnehmende Klinik mindestens eine EKT-Behandlung in den letzten 12 Monaten durchgeführt hat.
Ergebnisse: In Deutschland nahmen 41 Kliniken an der Umfrage teil, 36 Kliniken gaben Auskunft über die Patienten (Gesamtzahl Patienten 5054). Schizophrenien waren mit 41,4 % eine der häufigsten Diagnosen. In der Schweiz nahmen vier Kliniken teil (Gesamtzahl Patienten 175). Die häufigste Diagnose war mit 83,6 % die Schizophrenie. In Deutschland wurden 29 Patienten und in der Schweiz zwei Patienten mit EKT behandelt, wobei der Bedarf höher eingeschätzt wird. 17 Patienten (> 50,0 %) sprachen positiv auf die EKT-Behandlung an, was als vielversprechend interpretiert wurde. Die Mehrzahl der Patienten berichtete über temporäre kognitive Einschränkungen als Nebenwirkung. In Deutschland wird als Hinderungsgrund für die Durchführung von EKT vor allem eine fehlende Infrastruktur benannt.
Fazit: Die Anzahl der EKT-Behandlungen in der forensischen Psychiatrie ist weiterhin gering. Unklar und ethisch zu hinterfragen ist, warum schwer erkrankte Patienten in der forensischen Psychiatrie im Vergleich zu Patienten der allgemeinen Psychiatrie scheinbar keinen gleichberechtigten Zugang zur EKT haben – obwohl die EKT-Behandlung für forensische Patienten mit therapieresistenter Schizophrenie eine relevante Option sein kann, Symptome zu reduzieren und Therapiefortschritte zu erzielen.
Gitte Herwig
Schmidt D, Heuer I, Küse M et al. Übersehene Professionalität – individuelle Gelingensfaktoren von Peer- und Genesungsbegleitung. Der Nervenarzt 2025; (96) 4: 362–371. DOI: 10.1007/s00115-024-01754-x
Hintergrund: Die Entwicklung von Experienced-Involvement(EX-IN)-Qualifikationsmaßnahmen in Deutschland gründet auf einer EU-Förderung im Jahr 2005. Seither gewinnt die Integration von Peer- und Genesungsbegleitung (PGB) in klinisch-psychiatrische Settings zunehmend an Relevanz. Unzureichend untersucht ist jedoch, welche Gelingensfaktoren (unter anderem Kompetenzen, Charakteristika und individuelle Kennzeichen) für eine erfolgreiche Umsetzung von Bedeutung sind.
Methode: Die Untersuchung ist Teil der vom Innovationsfonds finanzierten ImpPeer-Psy5-Studie, die deutschlandweit Anforderungen an die Integration von PGB in der krankenkassenfinanzierten Versorgung untersucht. In einem mehrstufigen Verfahren wurden 57 problemzentrierte Interviews qualitativ ausgewertet. Befragt wurden 32 PGB, 19 Mitarbeitende (MA) verschiedener Berufsgruppen, die mit PGB zusammenarbeiten und sechs Nutzende von PGB. Die Interviews wurden jeweils von zwei Forschenden mit und ohne Psychiatrieerfahrung geführt. Da das Interviewmaterial der Nutzenden keine Informationen über Gelingensfaktoren offenbarte, wurde es nicht verwendet.
Ergebnisse: Folgende Faktoren wurden als relevant benannt: 1.) Sympathie und Persönlichkeit: Aus MA-Perspektive ist eine sympathische Ausstrahlung der PGB ein bedeutsamer Faktor, von den PGB wird dieser Aspekt nicht benannt. 2.) Professionalität und berufliche Vorerfahrung: Im Gegensatz zu den MA wird eine berufliche Erfahrung von den PGB als essenziell eingeschätzt. 3.) Belastbarkeit und Krisennähe: Das Einbringen von persönlicher Erfahrung der PGB ist aus MA-Sicht wertvoll. Hingewiesen wurde in diesem Zusammenhang auf einen zeitlichen Abstand zur Krise beziehungsweise den Ausschluss einer aktuellen Krise. Der Faktor fehlende Belastbarkeit wurde ausschließlich von den MA benannt. Weiterführend wurde in der Studie auf settingspezifische Faktoren hingewiesen. Bedeutsam werden in diesem Zusammenhang Settings und Behandlungsansätze diskutiert, die Beziehungsgestaltung und „Begegnung auf Augenhöhe“ fokussieren.
Fazit: Während aus der Sicht der MA vor allem Sympathie und Persönlichkeit wichtige Einflussgrößen für eine erfolgreiche Umsetzung von PGB sind, erweisen sich für die PGB selbst sowohl der professionelle Umgang mit Krisen und Recovery als auch die eigene Lebens- und Berufserfahrung als bedeutsam in der Beziehungsgestaltung mit den Nutzenden. Settings, in denen die Berufsgruppen weniger hierarchisch organisiert sind, scheinen besonders geeignet für die Implementierung von PGB.
Gitte Herwig
Publication History
Article published online:
28 January 2026
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