Z Sex Forsch 2025; 38(04): 198-207
DOI: 10.1055/a-2725-0706
Originalarbeit

Konstruktive Aggression in Partnerschaft und Sexualität

Constructive Aggression in Relationship and Sexuality

Autor*innen

  • Reinhard Maß

    1   Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft, Universität Hamburg
    2   Zentrum für Seelische Gesundheit Marienheide, Klinikum Oberberg GmbH
  • Thea Busch

    3   Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Trier
  • Anett Müller-Alcazar

    4   Department of Psychology, MSH Medical School Hamburg
    5   Institute for Cognitive and Affective Neuroscience, MSH Medical School Hamburg

Zusammenfassung

Einleitung In der sexualwissenschaftlichen Fachliteratur wird Aggression oft als wichtiger positiver Faktor betrachtet, insbesondere im Zusammenhang mit männlicher Sexualität. Ihre Unterdrückung führe zu sexuellen Störungen, z. B. zu Lustlosigkeit. Dies ist unschlüssig angesichts der gängigen Definition von Aggression als einem gewalttätigen Verhalten, das auf die Schädigung anderer Personen zielt.

Forschungsziele Zur Auflösung dieses Widerspruchs wird die Unterscheidung zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression vorgeschlagen. Unter konstruktiver Aggression wird ein eigenständiges, evolviertes Verhaltenssystem verstanden, welches auf gewaltfreie Art eine Balance zwischen den kooperativen und konkurrierenden Interessen der Mitglieder eines sozialen Systems (z. B. Paarbeziehung, Familie, Gruppe) bei der Verteilung wichtiger Ressourcen herstellt und damit zur Stabilisierung des Systems beiträgt.

Methoden In zwei Stichproben gesunder Erwachsener (N = 253; N = 229) wurden mit standardisierten Fragebögen die Zusammenhänge zwischen konstruktiver und destruktiver Aggression einerseits und der Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität und der aktuellen Partnerschaft andererseits untersucht. Insbesondere wurde die Bedeutung der Hemmung konstruktiver Aggression für Sexualität und Partnerschaft geprüft. Die Hemmung konstruktiver Aggression wurde mit dem neuen Aggressionshemmungs-Inventar (AHI) gemessen.

Ergebnisse Destruktive Aggression zeigte kaum Zusammenhänge mit der Zufriedenheit mit Sexualität und Partnerschaft; bei den wenigen signifikanten Korrelationen war eine hohe destruktive Aggression mit geringer Zufriedenheit assoziiert. Demgegenüber korrelierte die Hemmung der konstruktiven Aggression (gemessen mit dem AHI) durchgehend mit geringer Zufriedenheit, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Schlussfolgerung Konstruktive und destruktive Aggression sind zwei unterschiedliche Verhaltenssysteme. Destruktive Aggression hat keinen Nutzen für die sexuelle oder partnerschaftliche Zufriedenheit. Konstruktive Aggression könnte hingegen eine wichtige Bedingung für funktionierende Partnerschaften und eine befriedigende Sexualität sein. Ihre Hemmung könnte zu sexuellen Störungen führen.

Abstract

Introduction In sex research, aggression is often considered an important positive factor, particularly in connection with male sexuality. Suppressing it is said to lead to sexual disorders, such as a lack of desire. This is inconclusive given the common definition of aggression as violent behavior aimed at harming others.

Objectives To resolve this contradiction, the distinction between constructive and destructive aggression is proposed. Constructive aggression is understood to be an independent, evolved behavioral system that non-violently creates a balance between the cooperative and competing interests of the members within a social system (e. g., couple relationship, family, group) in the distribution of important resources, thereby contributing to the stabilization of the system.

Methods In two samples of healthy adults (N = 253; N = 229), standardized questionnaires were used to study the relationships between constructive and destructive aggression and satisfaction with one‘s sexuality and the current partnership. Specifically, the impact of inhibited constructive aggression for sexuality and partnership was examined. Inhibition of constructive aggression was measured using the new Agression Inhibition Inventory (Aggressionshemmungs-Inventar; AHI).

Results Destructive aggression showed little correlations with satisfaction with sexuality and partnership; in the few

significant correlations, high destructive aggression was associated with low satisfaction. In contrast, inhibition of constructive aggression (measured with the AHI) correlated consistently with low satisfaction in both men and women.

Conclusion Constructive and destructive aggression are two distinct behavioral systems. Destructive aggression has no benefit for sexual or relationship satisfaction. Constructive aggression, on the other hand, could provide an important condition for functioning partnerships and satisfying sexuality. Its inhibition could lead to sexual dysfunction.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
10. Dezember 2025

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