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DOI: 10.1055/a-2741-4045
Clinician Scientist-Programme in der Hepatogastroenterologie
Clinician-Scientists in University Medicine: status quo, challenges, and outlook in gastroenterologyAuthors
Supported by: Robert Thimme Leiter des BMBF-geförderten IMMediate-Programms,Leiter des DFG-geförderten CLINICIAN SCIENTIST-PR
Zusammenfassung
Das Berufsbild des Clinician Scientist hat sich in den letzten Jahren als zentrale Säule der Universitätsmedizin etabliert. Angesichts steigender Anforderungen in Klinik und Forschung sind gezielte Programme notwendig, um wissenschaftlich interessierten Mediziner:innen ein geschütztes Arbeitsumfeld zu bieten. Strukturierte Clinician Scientist-Modelle ermöglichen eine systematische Verbindung und auch phasenweise Trennung von Klinik und Forschung und bilden damit die Grundlage für nachhaltige wissenschaftliche Karrieren – auch über die Facharztausbildung hinaus. Der Beitrag beleuchtet Aufbau, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven dieser Programme exemplarisch am Beispiel der Gastroenterologie.
Abstract
The job profile of the clinician scientist has established itself as a central pillar of university medicine in recent years. In view of increasing demands in clinical practice and research, targeted programs are necessary to offer physicians with an interest in science a protected working environment. Structured clinician scientist models enable a systematic connection and, in some phases, separation of clinical work and research, thus forming the basis for sustainable scientific careers – even beyond specialist training. This article highlights the structure, challenges, and future outlook of these specific programs using the discipline of gastroenterology as an example.
Schlüsselwörter
Gastroenterologie - Clinician-Scientist - Clinician-Scientist Programme - Klinik und Forschung - KarriereperspektivenKeywords
Gastroenterology - Clinician-Scientist - Clinician-Scientist Programs - clinical work and research - career opportunitiesEinleitung
Innerhalb weniger Jahre hat sich mit dem Berufsbild der Clinician Scientists – Ärztinnen und Ärzten, die an der Schnittstelle von Klinik und Forschung tätig sind – eine zentrale Säule in der Universitätsmedizin herausgebildet. Clinician Scientists nehmen eine Schlüsselrolle in der translationalen Forschung ein, da sie klinische Fragestellungen erkennen, wissenschaftlich aufbereiten und in innovative präklinische sowie klinische Studienkonzepte überführen. Sie fungieren damit als essenzielle Brückenbauer zwischen der medizinischen Grundlagenforschung und der patientennahen Versorgung. Die Etablierung und Weiterentwicklung entsprechender Karrierewege wurde und wird durch eine Vielzahl nationaler Förderinitiativen vorangetrieben, insbesondere durch Programme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF; inzwischen Bundesministerium für Forschung, Transfer und Raumfahrt; BMF-TR) sowie durch das Engagement privater Stiftungen. Hervorzuheben ist hierbei die wegweisende Rolle der Else Kröner-Fresenius-Stiftung, die frühzeitig gezielte Förderprogramme für Clinician Scientists auflegte.
Die Etablierung strukturierter Clinician Scientist-Programme stellt aus mehreren Gründen einen bedeutsamen und notwendigen Schritt in der Weiterentwicklung der Universitätsmedizin dar. Zum einen ist seit Jahren ein rückläufiges Interesse junger Ärztinnen und Ärzte an einer wissenschaftlich orientierten Karriere im Spannungsfeld zwischen Klinik und Forschung zu beobachten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von der zeitaufwendigen Weiterbildung bis hin zu einer zunehmenden Verdichtung der klinischen Arbeitsbelastung. Letztere wird durch Personalengpässe und steigenden ökonomischen Druck zusätzlich verschärft, was häufig keine ausreichenden Freiräume für wissenschaftliches Arbeiten zulässt. Zum anderen erfordert die zunehmende Komplexität der medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellungen sowie das stetig wachsende Spektrum an spezialisierten Methoden eine systematische und professionelle Herangehensweise. Gelegenheitsforschung am Rande der klinischen Tätigkeit – im Sinne klassischer „Feierabendforschung“ – ist unter diesen Bedingungen weder realistisch noch zielführend. Vielmehr bedarf es klar strukturierter Modelle, die klinische Tätigkeit und Trennung und wissenschaftliches Arbeiten effektiv miteinander verzahnen und zugleich phasenweise trennen, um eine qualitativ hochwertige Translation zu ermöglichen [1].
Dieser Anspruch wird durch die Einführung strukturierter Clinician Scientist-Programme erfüllt, deren Ziel es ist, kompetitiv ausgewählten Medizinerinnen und Medizinern ein geschütztes und unterstützendes Umfeld zu bieten, in dem sich exzellente klinische Ausbildung mit innovativer wissenschaftlicher Tätigkeit über alle Phasen der beruflichen Entwicklung hinweg sinnvoll verbinden lassen. Wegbereitend hierfür waren Empfehlungen der Senatskommission für Grundsatzfragen in der Klinischen Forschung (SGKF) der DFG [2] [3]. Dabei sind Clinician Scientist-Programme nicht nur in der Phase der Facharztweiterbildung, sondern auch darüber hinaus als sogenannte Advanced Clinician Scientist-Modelle etabliert. Im Folgenden werden exemplarisch die grundlegende Struktur, zentralen Herausforderungen und zukünftige Perspektiven dieser Programme dargestellt – mit einem besonderen Fokus auf das Fachgebiet der Gastroenterologie.
Struktur der Clinician Scientist-Programme
Thematisch sind die Clinician Scientist-Programme je nach Standort unterschiedlich ausgerichtet. Während einige Fakultäten ein offen gestaltetes Konzept verfolgen, orientieren sich andere an spezifischen Forschungsschwerpunkten wie beispielsweise Immunologie oder Onkologie. Trotz dieser inhaltlichen Variabilität ähneln sich die strukturellen Grundelemente der Programme standortübergreifend. In der Regel sind die Programme auf einen Zeitraum von drei Jahren angelegt und beinhalten garantierte, flexibel gestaltete Freistellung für wissenschaftliches Arbeiten – meist im Umfang von 50% der regulären Arbeitszeit. Die Auswahl der Teilnehmenden erfolgt in einem kompetitiven Verfahren, das sich aus einer schriftlichen Bewerbung und einem persönlichen Auswahlgespräch zusammensetzt, in dem insbesondere akademische Vorleistungen sowie die Qualität und Umsetzbarkeit des geplanten Forschungsvorhabens bewertet werden. Die Finanzierung erfolgt in der Regel hälftig durch die aufnehmende Klinik bzw. Institution und das jeweilige Clinician Scientist-Programm.
Ein zentrales Element der Programme ist ein begleitendes Qualifizierungs- und Mentoren-Programm, das auf die spezifischen Bedürfnisse der Clinician Scientists zugeschnitten ist. Das Qualifizierungsprogramm umfasst neben wissenschaftlichen und klinischen Fortbildungen auch Schulungen in zentralen Schlüsselqualifikationen, wie z.B. dem Erstellen von Publikationen, Präsentationen oder die Drittmitteleinwerbung. Die meisten Programme setzen auf ein duales Mentoring-Modell, bei dem den Clinician Scientists jeweils eine klinisch tätige Mentorin oder Mentor sowie eine wissenschaftlich ausgewiesene Mentorin oder Mentor zur Seite gestellt wird. Dieses strukturierte Betreuungskonzept wird vielfach als zentraler Erfolgsfaktor für die nachhaltige Förderung der wissenschaftlichen und klinischen Karriereentwicklung angesehen. Erste Rückmeldungen aus den DFG-geförderten Clinician Scientist-Programmen belegen eine hohe Zufriedenheit mit der internen Organisation, der Verfügbarkeit fester Ansprechpersonen sowie der etablierten Qualifizierungs-, Mentoring- und Gleichstellungsmaßnahmen[1].
Das Curriculum der Advanced Clinician Scientist-Programme unterscheidet sich grundlegend von dem der Clinician Scientist-Programme. Während bei Letzteren die strukturierte Qualifizierung und die begleitenden Ausbildungsinhalte im Vordergrund stehen, liegt der Fokus bei Advanced Clinician Scientists stärker auf der eigenständigen wissenschaftlichen Tätigkeit. Der zeitliche und inhaltliche Freiraum für Forschung wird deutlich ausgeweitet, um eine nachhaltige wissenschaftliche Profilbildung zu ermöglichen. Parallel dazu verändert sich die Rolle der Teilnehmenden: Statt primär Empfänger von Ausbildungsinhalten zu sein, übernehmen Advanced Clinician Scientists zunehmend Verantwortung für die wissenschaftliche Förderung und das Mentoring nachfolgender Generationen von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Damit tragen sie aktiv zur Stärkung der akademischen Medizin und zur Etablierung einer nachhaltigen Forschungskultur in der klinischen Umgebung bei.
An mehreren universitätsmedizinischen Standorten wurden Clinician Scientist-Programme in Personalentwicklungskonzepte integriert, die eine systematische Förderung vom Studium bis zur leitenden Position ermöglichen und auf klar definierten Kompetenzprofilen basieren. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass eine frühzeitige Förderung des wissenschaftlichen Interesses einen wesentlichen Grundstein für den Karriereweg eines Clinician Scientists darstellt. Entsprechend beginnt die strukturierte wissenschaftliche Ausbildung oftmals bereits im Studium: Ausgewählte Medizinstudierende erhalten die Möglichkeit, sich im Rahmen ihrer Promotion ein Jahr lang ausschließlich einem klar umrissenen Forschungsprojekt zu widmen, das in ein strukturiertes Ausbildungs- und Mentorenprogramm eingebettet ist. Erste Evaluationen deuten darauf hin, dass die Mehrzahl dieser gezielt geförderten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler den Weg in die akademische Laufbahn fortsetzt. [Abb. 1] zeigt exemplarisch die erforderliche Grundstruktur für ein Personalentwicklungskonzept in der Universitätsmedizin, wie es an einigen Medizinischen Fakultäten bereits umgesetzt ist.


Erfolge der Clinician Scientists
Auch wenn bislang eine umfassende, fakultätsübergreifende Evaluation der Clinician Scientist-Programme aussteht, zeigen erste Erhebungen deren positiven Einfluss auf die universitäre Forschungslandschaft und die Karrierewege in der Hochschulmedizin. Die Programme fördern strukturiert wissenschaftlich tätige Medizinerinnen und Mediziner und etablieren klare Entwicklungspfade. Erfolgsparameter für Clinician Scientists sind vielfältig und reichen von Publikationen, Patenten und Auszeichnungen bis zu Drittmitteleinwerbung und dem Erreichen der nächsten Karriereschritte.
Eine Auswertung von Annette Melk an der Medizinischen Hochschule Hannover belegt, dass Clinician Scientists durch ihre Teilnahme an strukturierten Programmen nicht nur ihre wissenschaftliche Produktivität – gemessen an Publikationszahlen – signifikant steigern, sondern auch zur erfolgreichen Einwerbung kompetitiver Drittmittel beitragen. So erzielt das Clinician Scientist-Programm der Medizinischen Hochschule Hannover aktuell eine Drittmittelquote von etwa 500,00 € pro investierten 100,00 €, was den nahezu selbsttragenden Charakter des Programms und dessen institutionellen Mehrwert eindrucksvoll unterstreicht [4].
Trotz der nachweisbaren Erfolge greift eine ausschließliche Bewertung anhand quantitativer Kennzahlen zu kurz, um den vielschichtigen Erfolg und den nachhaltigen Impact von Clinician Scientists adäquat abzubilden. Ein zentraler, nur schwer messbarer Erfolgsfaktor liegt im kulturellen Wandel innerhalb der Universitätsmedizin: Durch die strukturelle Verankerung der Clinician Scientists verändert sich das institutionelle Selbstverständnis hin zu einem klaren Bekenntnis zur translationalen Forschung – ein „Mindset-Shift“, der langfristig die akademische Medizin prägt.
Clinician Scientist-Programme in der Gastroenterologie
Als klinisch vielseitiges und wissenschaftlich exzellent aufgestelltes Fach mit hoher Expertise in der Grundlagen-, translationalen und patientennahen Forschung hat die Gastroenterologie in besonderem Maße von der Einführung der Clinician Scientist-Programme profitiert. Die thematische Vielfalt des Fachs ergibt sich aus der Vielzahl beteiligter Organsysteme sowie der komplexen, multifaktoriellen Pathogenese gastroenterologischer Erkrankungen, die genetische, immunologische, infektiologische und onkologische Dimensionen umfasst. Ergänzt wird dies durch ein breites therapeutisches Spektrum, insbesondere durch innovative endoskopische Verfahren. Die hohe Forschungsaktivität des Fachs spiegelt sich eindrucksvoll in zahlreichen durch DFG, BMF-TR und Europäische Union geförderten Verbundprojekten wider, die an nahezu allen universitätsmedizinischen Standorten verankert sind.
Aufgrund der klinischen und wissenschaftlichen Breite der Gastroenterologie ist es wenig überraschend, dass an vielen Fakultäten Gastroenterologen zentral an der Etablierung der Clinician Scientist-Programme beteiligt waren oder diese koordinieren. Darüber hinaus konnten an mehreren Standorten erfolgreich themenspezifische Programme unter gastroenterologischer Leitung eingeworben werden. Diese konzentrieren sich auf Schlüsselbereiche des Fachs, darunter Lebertransplantation, die Darm-Hirn-Achse, personalisierte Tumortherapie, die chronische Inflammation bis zur Karzinogenese sowie immunologische Mechanismen und Therapien von Tumorerkrankungen.
Zahlreiche „Best Practice“-Beispiele erfolgreicher Clinician Scientists in der Gastroenterologie belegen eindrücklich die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit dieser Programme. Diese reichen von exzellenten Publikationen und der erfolgreichen Einwerbung kompetitiver Drittmittel – einschließlich Emmy-Noether-Programme und Heisenberg-Professuren – bis hin zu ersten Berufungen auf akademische Leitungspositionen. Die wachsende Bedeutung und Anerkennung von Clinician Scientists zeigt sich auch in der Einrichtung einer eigenen Plattform für Clinician und Advanced Clincian Scientists (Clinician Scientist-Tag) im Rahmen der DGVS Jahrestagung. Diese Initiative der Arbeitsgemeinschaft universitärer Gastroenterologen (AUG) verfolgt das Ziel, Sichtbarkeit, Vernetzung und strukturelle Förderung innerhalb des Fachs weiter zu stärken.
Herausforderungen
Trotz der zahlreichen Erfolge stehen Clinician und Advanced Clinician Scientists weiterhin vor zahlreichen strukturellen und systemischen Herausforderungen, die wissenschaftlich orientierte Karrierewege erschweren. Ein zentrales Problem stellt dabei die weiterhin signifikante Dominanz der klinischen Aufgaben gegenüber den akademischen Verpflichtungen dar. Insbesondere die Verantwortung für essenzielle, oft hochspezialisierte klinische Bereiche führt dazu, dass wissenschaftliche Tätigkeiten zurückgestellt werden müssen. Dies erschwert nicht nur die Vereinbarkeit beider Arbeitsfelder, sondern limitiert auch die Entwicklung innovativer Forschungsprojekte.
Der aktuelle Bedarf an qualifizierten Clinician Scientists übersteigt die vorhandenen Kapazitäten an nahezu allen Standorten deutlich. Die Zahl, der bisher zur Verfügung stehenden Plätze, ist bislang stark limitiert, da die Programme überwiegend aus den regulären Haushaltsmitteln der Einrichtungen finanziert werden. Im Jahr 2017 konnten im Durchschnitt pro Standort lediglich ein bis zehn Plätze jährlich angeboten werden – eine signifikante Ausweitung war nur dort möglich, wo zusätzliche Drittmittel, etwa durch Stiftungen oder Förderprogramme der DFG oder BMBF, zur Verfügung standen. Viele dieser externen Förderquellen laufen jedoch in den kommenden Jahren aus, was die langfristige Sicherung und den weiteren Ausbau entsprechender Programme gefährdet. Ein besonders geeignetes Instrument zur Förderung von Clinician Scientists stellt das DFG-Modul der Rotationsstelle dar, das sowohl im Rahmen von Einzelförderungen als auch in Verbundprojekten beantragt werden kann und eng an bestehende lokale Programme angebunden ist. Um dem steigenden Bedarf jedoch strukturell und nachhaltig zu begegnen, ist eine bundesweit koordinierte und langfristig gesicherte Finanzierung unerlässlich. Ein gezieltes, dauerhaft angelegtes Förderprogramm auf Bundesebene könnte dabei einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung, Entlastung und Weiterentwicklung der Clinician Scientist-Landschaft leisten.
Eine weitere zentrale Herausforderung stellt die fehlende deutschlandweit einheitliche Anerkennung der im Rahmen von Clinician Scientist-Programmen gewährten Forschungszeiten durch die Landesärztekammern dar. In vielen Bundesländern werden diese Zeiten bislang nicht oder nur eingeschränkt auf die Facharztausbildung angerechnet, was für die Teilnehmenden mit einer erheblichen Verlängerung der Weiterbildungsdauer verbunden sein kann. Diese strukturelle Hürde wirkt potenziell abschreckend und mindert die Attraktivität wissenschaftlicher Karrierewege innerhalb der Medizin. Es existieren jedoch ermutigende Beispiele, in denen im Dialog mit den jeweiligen Landesärztekammern nachhaltige Modelle entwickelt werden konnten. Diese Einzelfälle verdeutlichen, dass flexible und förderliche Regelungen möglich sind – und unterstreichen zugleich die Notwendigkeit, bundesweit einheitliche und zukunftsorientierte Anerkennungsverfahren zu etablieren, um den wissenschaftlichen Nachwuchs verlässlich zu unterstützen und Planungssicherheit zu schaffen.
Hinzu kommt, dass die strukturellen Voraussetzungen für eine optimale Verzahnung von Forschung und Klinik weiter häufig unzureichend sind. So fehlt es weiterhin oft an integrierten Arbeitszeitmodellen, flexiblen Dienstplänen und institutioneller Unterstützung, um klinische und wissenschaftliche Tätigkeit sinnvoll miteinander zu verbinden. Verstärkt wird dieses Problem durch die geringe Planbarkeit wissenschaftsorientierter Karrierewege, insbesondere für Personen mit familiären Verpflichtungen. Die Vereinbarkeit von Forschung, Klinik und Familie bleibt damit in vielen Fällen trotz der zahlreichen Unterstützungsangebote ein ungelöstes strukturelles Problem. Gleichzeitig besteht eine deutliche Vergütungsungleichheit: Ärztinnen und Ärzte, die sich der Forschung widmen, erhalten oftmals eine geringere finanzielle Anerkennung als Kolleginnen und Kollegen, die ausschließlich in der Krankenversorgung tätig sind. Dies wirkt sich nicht nur negativ auf die Motivation aus, sondern auch auf die langfristige Planung wissenschaftlicher Karrieren.
Eine weitere zentrale Herausforderung für die nachhaltige Etablierung wissenschaftlicher Karrierewege in der Universitätsmedizin ist das häufige Fehlen klar definierter Zielpositionen für Clinician Scientists. Ohne transparente Karrierepfade, verbindliche Entwicklungsperspektiven und institutionell verankerte Anschlusspositionen verliert die universitäre Laufbahn für viele hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an Attraktivität. Dies führt dazu, dass exzellent ausgebildete Clinician Scientists die Universitätsmedizin verlassen, weil langfristige Perspektiven fehlen oder als unzureichend planbar wahrgenommen werden. Um diesem strukturellen Defizit zu begegnen, hat die Senatskommission für Grundsatzfragen in der Klinischen Forschung (SGKF der DFG) jüngst Empfehlungen vorgelegt. An der Erarbeitung dieser Empfehlungen waren die Autorin und Autor des vorliegenden Artikels beteiligt. Die zentralen Inhalte dieser Vorschläge werden im Folgenden zusammengefasst [5].
Zielpositionen für Clinician Scientists
Optimale Zielpositionen für Clinician Scientists sollten sich durch eine Kombination aus dynamischen Entwicklungsmöglichkeiten, einem hohen Grad an Flexibilität und verlässlichen Karriereperspektiven auszeichnen. Ein wesentliches Merkmal der Zielpositionen ist dabei Führungsverantwortung und der eigene Handlungsspielraum. Dies sollte sowohl durch eine angemessene Ressourcenausstattung als auch durch strukturelle Unterstützung seitens der Institution/Klinik ermöglicht werden. Ebenso sollten die Aufgaben und Erwartungen klar strukturiert, transparent und verbindlich gestaltet sein. Bei klinischer Tätigkeit sollten z.B. Umfang, Schwerpunkt und Verantwortungsgrad (z.B. mit oder ohne ärztliche Letztverantwortung) eindeutig geregelt sein, ebenso wie die Abstimmung mit anderen Aufgaben in Forschung, Lehre, Weiterbildung, Mentoring oder Management. Für Positionen mit hohem Forschungsanteil sind eine wettbewerbsfähige Grundausstattung mit Personal, Flächen und Sachmitteln sowie verlässliche, geschützte Forschungszeiten erforderlich. Die konkrete Ausgestaltung variiert dabei aber je nach Schwerpunkt, Qualifikation, persönlichen Präferenzen und Standortbedingungen. Dabei ist eine gute Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben essenziell.
Es ist hervorzuheben, dass die Zielpositionen für Clinician Scientists in der Gastroenterologie tatsächlich vielfältig und dynamisch sind. Sie reichen dabei von primär klinischen bis zu primär wissenschaftlichen, aber auch ausschließlich koordinativen Aufgaben und somit weit über die klassischen Hochschulprofessuren hinaus. Beispiele hierfür sind wissenschaftlich ausgerichtete Leitungs- und Oberarztpositionen, Leitungsfunktionen in translationalen Forschungseinheiten oder duale Modelle, in denen klinische Tätigkeit und Forschungsleitung kombiniert werden ([Tab. 1]). Die Vielfalt dieser Möglichkeiten eröffnet Raum für individuelle Karrierewege, die sich an den fachlichen Erfordernissen, den persönlichen Qualifikationen und den strukturellen Gegebenheiten eines Standorts orientieren. Sie geben dabei auch der Institution/Klinik eine große Flexibilität über die Schaffung neuer Positionen mit kombiniert klinisch-wissenschaftlicher Tätigkeit herausragende Forscherpersönlichkeiten in der universitären Gastroenterologie zu halten. Hierfür gibt es zahlreiche beindruckende Beispiele, in denen flexibel und individuell passend neben der klassischen W3-Professur mit Leitungsfunktion neue Zielpositionen geschaffen wurden, die den spezifischen Schwerpunkt des Standortes deutlich gestärkt haben.
Zusammenfassung und Perspektive
Die Rolle des Clinician Scientists hat sich als unverzichtbarer Bestandteil der Universitätsmedizin etabliert – besonders deutlich zeigt sich dies auch im Fachgebiet der Gastroenterologie. Um dieses Modell nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln, sind jedoch weiterhin gezielte Fördermaßnahmen sowie eine deutlich stärkere strukturelle Verankerung in Forschung, Lehre und institutionellen Entwicklungsstrategien erforderlich. Ziel muss es sein, die Rolle des Clinician Scientists nicht nur punktuell zu unterstützen, sondern systematisch in die langfristigen Strategien der Medizinischen Fakultäten und Universitätsklinika einzubinden. Erste Initiativen in diese Richtung sind erkennbar, reichen jedoch bislang nicht aus. Wie in den vorangegangenen Abschnitten dargestellt, bedarf es dafür neben einer auskömmlichen und dauerhaft gesicherten Finanzierung auch einer transparenten, verbindlichen und planbaren Personalentwicklung. Diese muss durch klar definierte Zuständigkeiten, kontinuierliche Monitoringprozesse sowie überprüfbare Zielvorgaben unterlegt werden. Nur unter solchen strukturell abgesicherten Rahmenbedingungen kann sichergestellt werden, dass Clinician Scientists langfristig eine tragende Rolle an der essenziellen Schnittstelle zwischen klinischer Versorgung und biomedizinischer Forschung einnehmen.
Die Laufbahn eines Clinician Scientists sollte aber mit Bedacht flexibel ausgestaltet werden und nicht einer rigiden akademischen Struktur folgen. Vielmehr braucht es ein hohes Maß an Flexibilität, Individualität und Offenheit. Eine Einbettung in strukturierte (Advanced) Clinician Scientist-Programme ist dabei sinnvoll, sollte aber nicht zu einer Standortfixierung führen. Vielmehr sollten Auslandsaufenthalte und zumindest temporäre Ortswechsel angestrebt werden, da sie nicht nur zur fachlichen Weiterbildung beitragen, sondern erfahrungsgemäß entscheidend für die Entwicklung eines eigenständigen wissenschaftlichen Profils sein können. Für diese kritisch wichtige Phase stehen verschiedene Drittmittelprogramme zur Verfügung, führend sicherlich das Walter-Benjamin-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das es Wissenschaftler*innen in der Qualifizierungsphase im Anschluss an die Promotion ermöglicht, ein eigenes Forschungsvorhaben am Ort ihrer Wahl selbständig durchzuführen. Die Möglichkeit, Auslandserfahrung zu sammeln, sollte auch regelmäßig in den Mentorenprogrammen diskutiert werden. Zahlreiche renommierte Programme ermöglichen auch eine neben dem Clinician Scientist-Programm weiterführende Förderung – etwa die Exzellenzformate der DFG wie die Emmy Noether- oder Heisenberg-Programme, das Max-Eder-Programm der Deutschen Krebshilfe oder Stiftungsförderungen, wie die Else Kröner-Fresenius-Professuren. Sie alle eröffnen Karriereperspektiven und stärken die wissenschaftliche Eigenständigkeit.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich die strukturellen Rahmenbedingungen für Clinician Scientists in den vergangenen Jahren spürbar verbessert haben. In einem dynamisch sich wandelnden Gesundheitssystem – geprägt durch zunehmende Spezialisierung, Zentrumsbildung und interdisziplinäre Vernetzung – eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten, wissenschaftliches und klinisches Arbeiten sinnvoll zu verbinden. Zugleich bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen, etwa im Hinblick auf verlässliche Karriereperspektiven, strukturelle Verankerung und nachhaltige Finanzierung. Dennoch sind wir überzeugt, dass Clinician Scientists hervorragende Entwicklungschancen innerhalb der Universitätsmedizin haben – vorausgesetzt, es gelingt, die skizzierten strukturellen Hürden konsequent abzubauen. Wir hoffen, mit diesem Beitrag dazu beizutragen, Interesse zu wecken, Perspektiven aufzuzeigen und die Entscheidung zur Aufnahme oder Fortführung einer solchen Laufbahn zu unterstützen!
Interessenkonflikt
Britta Siegmund: Consultant: Abbvie, Abivax, Boehringer Ingelheim, Bristol Myers Squibb, Dr. Falk Pharma, Endpoint Health, Eli Lilly, Galapagos, Janssen/Johnson&Johnson, Materia Prima, MSD, Pfizer, Takeda, Wedbush Securities. Speaker Fees: Abbvie, AlfaSigma, Bristol Myers Squibb, CED Service GmbH, Dr. Falk Pharma, Eli Lilly, Galapagos, MD Education, MSD, Galapagos, Janssen/Johnson&Johnson, Pfizer, Tr1xBio. Grant: Pfizer
1 https://www.dfg.de/de/foerderung/foerderinitiativen/clinician-scientist-programme.
-
Literatur
- 1 Siegmund B, Nau C, Schölmerich J. et al. Career path in German university medicine. Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 1587-1590
- 2 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2015
- 3 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2018
- 4 Melk A, Grabitz C, Ernst J. et al. Structured programs to train the next generation of clinician scientists. Nat Med 2025; 31: 24-27
- 5 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2024
Korrespondenzadresse
Publication History
Received: 23 July 2025
Accepted after revision: 07 November 2025
Article published online:
26 January 2026
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Georg Thieme Verlag KG
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Literatur
- 1 Siegmund B, Nau C, Schölmerich J. et al. Career path in German university medicine. Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 1587-1590
- 2 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2015
- 3 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2018
- 4 Melk A, Grabitz C, Ernst J. et al. Structured programs to train the next generation of clinician scientists. Nat Med 2025; 31: 24-27
- 5 Bonn: Deutsche Forschungsgemeinschaft; 2024


