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DOI: 10.1055/a-2773-2756
Interview mit PD Dr. med. Naglaa Mansour und Dr. med. Sabine Guth, Kongresspräsidentinnen des DLT 2026 – „Aus Gesprächen entstehen Ideen – und aus Ideen entsteht Fortschritt“
Ultraschall ist schnell, schonend und nah am Patienten – und zugleich eine der dynamischsten diagnostischen Methoden der modernen Medizin. Beim 49. Dreiländertreffen (DLT), das vom 23. bis 26. September 2026 in der Rheingoldhalle in Mainz stattfindet, rückt die DEGUM gemeinsam mit der ÖGUM und SGUM deshalb die Zukunft der Sonografie in den Mittelpunkt: mehr Evidenz, mehr Qualität und mehr interdisziplinärer Austausch. Die Kongresspräsidentinnen PD Dr. med. Naglaa Mansour (Freiburg) und Dr. med. Sabine Guth (Hamburg) erklären im UiM-Interview, warum zwei Frauen an der Spitze des Kongresses ein wichtiges Signal setzen, welche Rolle Leitlinien künftig spielen werden und welche technologischen Entwicklungen die klinische Praxis bereits heute verändern.




Frau Dr. Guth, Frau Dr. Mansour, Ultraschall wird oft als die Bildgebung beschrieben, die man im wahrsten Sinne des Wortes „in der Hand“ hat. Was fasziniert Sie persönlich an der Sonografie – gerade in Ihrem jeweiligen Fachgebiet?
Guth: Für mich als Fachärztin für Innere Medizin ist Ultraschall seit über 30 Jahren die perfekte Erweiterung der körperlichen Untersuchung. Ich kann im direkten Gespräch mit den Patientinnen und Patienten Diagnosen in Echtzeit entwickeln. Die Methode ist persönlich, unmittelbar und gleichzeitig hochpräzise. Zudem kann ich zunächst für Patient*innen abstrakte Befunde sichtbar machen: Wer einmal seine eigene Gefäßverkalkung oder eine Fettleber gesehen hat, versteht viel besser, warum Prävention wichtig ist. Und: Ich bin bei den Patientinnen und Patienten, selbst wenn ich etwas Belastendes finde.
Mansour: In der HNO-Heilkunde und Kopf-Hals-Chirurgie bin ich bei Weichteilbefunden nicht nur die Diagnostikerin, sondern auch die Chirurgin. Anhand der Sonografie kann ich den Befund auch nochmal kurzfristig einordnen, den Eingriff planen und das Vorgehen direkt mit der Patientin oder dem Patienten besprechen.
In der DEGUM war die Führungsebene lange eher männlich besetzt. Welche Bedeutung hat es aus Ihrer Sicht, dass 2026 erstmals zwei Frauen gemeinsam die Kongresspräsidentschaft des DLT übernehmen?
Guth: Diese Tatsache sollte eigentlich in der heutigen Zeit gar nicht mehr erwähnenswert sein: Die Sonografie wird von allen Fachgruppen und allen Geschlechtern genutzt und auch bei den letzten Dreiländertreffen in der Schweiz und in Österreich gab es jeweils eine Kongresspräsidentin. Da aktuell der DEGUM-Vorstand rein männlich besetzt ist, sehe ich das lediglich als selbstverständlichen Gegenpol.
Mansour: In vielen Bereichen – nicht nur in der DEGUM – sind die Führungsebenen noch überwiegend männlich besetzt. Das ist generell noch so, leider. Dass nun zwei Kongresspräsidentinnen gemeinsam die Ausrichtung eines so großen, interdisziplinären Treffens verantworten, zeigt: Die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Vielfalt in den Perspektiven stärkt die Ultraschalldiagnostik – fachlich wie kulturell. Dass wir gemeinsam an der Spitze stehen, verstehen wir als Einladung an die nächsten Generationen, aktiv mitzugestalten.
Das Motto des DLT 2026 lautet „Ultraschall und Leitlinien: Die Zukunft“. Warum?
Guth: Leitlinien geben Sicherheit, aber sie sind nie statisch. Viele sonografische Methoden sind exzellent etabliert, doch die Evidenz ist in mehreren Bereichen noch nicht ausreichend dokumentiert. Wir möchten darüber diskutieren, wo wir verlässliche Standards haben, wo große prospektive Studien fehlen – und wo sich der klinische Alltag noch abseits von Leitlinien weiterentwickelt. Eigentlich gehören hinter das Motto ein Frage- und ein Ausrufezeichen.
Mansour: Und Leitlinien entstehen nur, wenn wir Daten generieren. Deshalb wollen wir motivieren, gemeinsam Studien durchzuführen, Ergebnisse zu bündeln und standortübergreifend zu arbeiten. Das Dreiländertreffen ist dafür ideal. Schlussendlich können Leitlinien zur Stärkung und Sichtbarkeit der Sonografie führen.
Besonders deutlich wird der Bedarf an Evidenz, wenn man auf den Bereich Prävention und Früherkennung blickt. Welche Bedeutung sollte der Ultraschall hier künftig haben?
Guth: Eine sehr große. Wir können Gefäßveränderungen beurteilen, Fettleberverläufe messen und Therapie-Effekte sichtbar machen – strahlenfrei, niedrigschwellig und in Echtzeit. Gerade im Kontext neuer Therapie-Empfehlungen zu Blutfetten oder Blutdruck gehört Ultraschall stärker in Check-up-Konzepte. Die wissenschaftliche Evidenz basiert häufig auf Patientinnen und Patienten, die bereits wegen einer Erkrankung untersucht wurden. Um den Wert des Ultraschalls in der Vorsorge besser beurteilen zu können, benötigen wir zusätzlich Daten aus routinemäßigen Untersuchungen bei beschwerdefreien Patienten.
Wo sehen Sie aktuell die größten Forschungslücken in der Sonografie, und wie kann die DEGUM unterstützen?
Guth: Wir müssen sichtbarer und strukturierter forschen: standortübergreifend, länderübergreifend und in möglichst breiten Kollektiven. Das betrifft alle Sparten: die pädiatrische und gynäkologische Sonografie ebenso wie internistische, chirurgische und anästhesiologische Anwendungen. Die DEGUM hat durch Studienaufrufe, Register und ihre Wissenschaftsförderung bereits wichtige Impulse gesetzt – aber Forschung braucht Zeit und Ressourcen im klinischen Alltag.
Mansour: Künstliche Intelligenz (KI) kann künftig helfen, große Bilddatensätze auszuwerten und Daten nutzbar zu machen. Das ist ein großer Schritt für die Evidenzentwicklung.
Stichwort KI - welche Innovationen werden den sonografischen Alltag kurzfristig prägen?
Guth: KI wird uns untersucherunabhängiger machen – zunächst bei der Benutzerführung und Auffälligkeitserkennung. Auch multiparametrischer Ultraschall mit Elastografie, Mikrovaskularisation und Fettquantifizierung ist diagnostisch bereits heute hoch relevant. Und Handheld-Geräte erleichtern zunehmend den klinischen Alltag. Die Industrie entwickelt die Geräte kontinuierlich weiter – aktuell eher evolutionär als revolutionär, aber mit spürbarem Nutzen. Gleichzeitig profitiert die Ausbildung spürbar von den derzeitigen Entwicklungen: simulationsbasierte Module, KI-gestützte Lernhilfen und Assistenzsysteme können die Qualität der Lehre erheblich steigern.
Was bietet der Kongress besonders für erfahrene Untersucherinnen und Untersucher, die ihre sonografischen Fähigkeiten weiter vertiefen möchten?
Guth: Die Anwenderseminare ermöglichen intensives Arbeiten in klar definierten Themenfeldern, die „Sonohöhlen“ verbinden praktisches Training mit realitätsnahen Fällen. Ergänzt wird das durch State-of-the-Art-Lectures und wissenschaftliche Sitzungen, die aktuelle Entwicklungen vertiefen.
Das Besondere am DLT ist, dass hier viele Fachbereiche zusammenkommen. Welchen Mehrwert hat es, über die eigenen Routinen hinauszublicken?
Guth: Einen enormen. Vieles sieht man erst, wenn andere Disziplinen einen darauf aufmerksam machen – etwa Darmstrukturen, Nerven oder muskuloskelettale Details. Interdisziplinarität schärft den Blick – und die besten Tipps entstehen selten im Vortrag, sondern im persönlichen Gespräch.
Mansour: Auch Technologien wandern zwischen den Fächern: Elastografie beispielsweise kam aus der Hepatologie und ist heute in der HNO, Dermatologie oder Rheumatologie nutzbar. Solche Transfers leben vom Austausch.
Welche Formate fördern die Vernetzung besonders?
Guth: Gemeinsame Sitzungen, interdisziplinäre Vorsorgethemen und ein Rahmenprogramm, das echten Austausch erlaubt. Viele Projekte entstehen am Kaffeetisch – nicht im Hörsaal. Wir überlegen zudem, Kurzvorträge junger Forschender stärker an Refresher-Kurse anzubinden, um Forschung und Praxis direkt miteinander ins Gespräch zu bringen.
Was sollen Teilnehmende aus Mainz mitnehmen?
Guth: Inspiration, Freude am Schallen, mehr Sicherheit und einen Blick über die eigenen Routinen hinaus. Und viele neue Kontakte – denn aus Gesprächen entstehen Ideen, und aus Ideen entsteht Fortschritt.
Das Interview führte Katharina Weber, DEGUM-Pressestelle.
Publication History
Article published online:
09 February 2026
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