Jungen benötigen häufiger Ergotherapie als Mädchen. Der Grund dafür ist, dass sich
die beiden Geschlechter deutlich in ihren motorischen und auditiven Leistungen unterscheiden.
Zu diesem Ergebnis kam die Ergotherapeutin Sonja Hüttemann und der Gesundheits- und
Notfallpsychologe Gernot Brauchle in einer retrospektiven Querschnittstudie an der
Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik
in Hall, Österreich.
Die Forscher analysierten 352 Datensätze einer ergotherapeutischen Praxis. Die Akten
stammten aus den vergangenen 15 Jahren und bezogen sich auf Kinder zwischen 5 und
9 Jahren, bei denen eine Entwicklungsstörung vorlag. Alle Dokumente beinhalteten neben
anamnestischen Informationen auch Ergebnisse standardisierter Testverfahren zu den
visuell-räumlichen Leistungen (FEW), der auditiven Wahrnehmung (Mottier-Test), den
motorischen Fertigkeiten (FTM) und der Intelligenz (CFT1). 76 Prozent der Kinder waren
Jungen, die sich in ihren motorischen Fertigkeiten signifikant von den Mädchen unterschieden.
Letztere erzielten deutlich bessere Ergebnisse in den Bereichen Gelenkigkeit und Gleichgewicht.
Die Jungen hingegen schnitten in Testaufgaben besser ab, welche Kraft oder Auge-Hand-Koordination
erforderten. Weitere geschlechtsspezifische Differenzen bestanden in der auditiven
Perzeption. So identifizierte der Mottier-Test bei 81 Prozent der Jungen eine auditive
Störung, während entsprechende Auffälligkeiten nur bei 68,8 Prozent der Mädchen vorlagen.
Aus Sicht der Forscher bestätigen diese Ergebnisse die Annahme, dass bei Jungen häufiger
Entwicklungsstörungen auftreten als bei Mädchen. Aufgrund der ermittelten Differenzen
empfehlen sie Ergotherapeuten daher, frühzeitig mit einer geschlechtsspezifischen
Förderung in der Behandlung zu beginnen.
akb
ergoscience 2010; 5: 46–55