In der klassischen Evidenzhierarchie stehen qualitative Studien – Fallberichte und
Expertenmeinungen – auf der untersten Stufe. Quantitative Studien, also Metaanalysen
und randomisiert kontrollierte Studien bilden die Spitze. Das neue Modell der dreidimensionalen
Forschungspyramide bietet im Gegensatz dazu einen großen Vorteil: Es berücksichtigt
die verschiedenen Forschungsmethoden gleichermaßen. Die Entwickler sind der Ergotherapeut
Dr. George Tomlin von der University of Puget Sound in den USA und sein Kollege Prof.
Borgetto von der HAWK Hildesheim in Deutschland.
Die beiden Forscher setzten sich mit herkömmlichen Evidenzhierarchien auseinander
und kamen zu dem Schluss, dass diese lediglich ein einseitiges Bild wiedergeben, da
sie die qualitative Forschung vernachlässigen. Aus Sicht der Wissenschaftler kann
qualitative Forschung jedoch die klinische Argumentation maßgeblich unterstützen,
indem sie Kontextfaktoren und komplexe Lebenssituationen beleuchtet. Aus diesem Grund
haben sie ein neues Modell entwickelt, das verschiedene Forschungsarten gleichwertig
behandelt. Die Evidenz-Pyramide besteht aus drei Seiten, von denen sich jeweils eine
auf qualitative, experimentelle und Outcomestudien bezieht. Jede Seite folgt einer
eigenen Evidenzhierarchie, an deren Spitze sich immer Metastudien bzw. Metaanalysen
befinden. Deskriptive Studien wie systematische Reviews bilden die Basis der Pyramide.
Dieses Pyramidenmodell ermöglicht es, verschiedene Forschungsarten als gleichwertig
zu betrachten. Es berücksichtigt zudem, dass die Methodenwahl von der Forschungsfrage
abhängt. Damit eignet es sich als Rahmenwerk für die Lehre, um den Studenten einen
breiteren Zugang zu den Themen „Forschung“, „evidenzbasierte Praxis“ und „Klinisches
Reasoning“ zu vermitteln.
akb
AJOT 2011; 65: 189–196
Kommentar
Endlich eine Aufwertung qualitativer Forschung! Immer wieder weisen sozialwissenschaftliche
und ergotherapeutische Studien darauf hin, dass qualitative Forschung komplexe Zusammenhänge
beleuchten kann. Meist stellt diese Methode das Mittel der Wahl dar, wenn es darum
geht, Erfahrungen und Erlebnisse von Klienten oder Therapeuten zu beleuchten. Dennoch
vernachlässigen klassische Evidenzhierarchien die Potenziale qualitativer Studien.
Daher ist es höchste Zeit, eine alternative Sichtweise abzubilden.
Das hier vorgestellte Pyramidenmodell wertet die qualitative Forschung nicht nur auf.
Es ermöglicht auch eine differenzierte Betrachtung verschiedener Studienarten, die
über jeweils eigene Evidenzhierarchien verfügen. Nun bleibt abzuwarten, ob sich dieses
begrüßenswerte Evidenzmodell tatsächlich in der ergotherapeutischen Lehre und Forschung
durchsetzt.
Florence Kranz, Ergotherapeutin BcOT (NL), cand. M.A. Gesundheitsmanagement
Grafik: Heike Hübner, Berlin
Die Evidenz-Pyramide in stark vereinfachter Form. Bislang vernachlässigten Evidenzmodelle
qualitative Studien – trotz Bereicherung der klinischen Forschung. Hier stehen die
Methoden gleichwertig nebeneinander. Ein Klick auf die detaillierte Pyramide mit Bastelanleitung
(!) lohnt sich: www.pugetsound.edu/files/resources/3537_ResearchPyramid08Feb11.pdf
Studiendesigns
Qualitative Studien erfassen subjektive Erfahrungen und Werte, zum Beispiel wie zufrieden
Klienten mit einer Behandlung sind.
Quantitative experimentelle Studien überprüfen Hypothesen anhand von statistisch ausgewerteten
Daten, zum Beispiel ob eine Therapie wirksam ist.
Quantitative Outcome-Studien untersuchen, ob bzw. in welchem Maß eine bestimmte Behandlung
ein angestrebtes Ergebnis erzielt.