kleintier konkret 2013; 16(4): 8-12
DOI: 10.1055/s-0032-1331075
hund|katze
akupunktur
Enke Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Akupunktur bei Hund und Katze – Chronische Prozesse aktivieren bei Rhinitis, Sinusitis und ödematöser Konjunktivitis

Dirk Draehmpaehl
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Dr. med. vet. habil. Dirk Draehmpaehl
Kopernikusstraße 8
10245 Berlin

Publication History

Publication Date:
30 August 2013 (online)

 

Die Akupunktur normalisiert Organfunktionen, die reflektorisch bzw. regulatorisch gestört sind. Bei akuten und chronischen Entzündungen der Kopfschleimhäute wird sie angewandt, um über eine Normalisierung der Durchblutung und damit verbesserte Entsorgung der betroffenen Region die Entzündung zu beenden. Sie stellt deshalb eine Erfolg versprechende Behandlungsalternative für den chronischen Nasenausfluss beim Kleintier dar.


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Bei einer chronischen Entzündung der Schleimhäute liegt ein sich stets selbst weiterverstärkendes und aufrechterhaltendes Ödem vor. Um einen Rückgang der Schleimhautentzündung und -schwellung zu erreichen, muss deshalb primär das Ödem bekämpft werden.

Dabei nutzt die Akupunktur die eigenregulatorischen Mechanismen des Organismus, um die Regelkreise, die das Ödem aufrechterhalten, umzukehren. Kann der arterielle Blutzufluss ins Gewebe reduziert und der venöse Blutzufluss und Lymphabfluss verstärkt werden, kommt es zur gewünschten Abschwellung der Schleimhäute.

Wirkung und Ziel der Akupunktur sind deshalb:

  • das Abnehmen der Ödematisierung des Gewebes und die bessere Entsorgung der Region,

  • die Normalisierung der Durchblutungsverhältnisse in der Nase, den Konjunktiven und den Nasennebenhöhlen und

  • die Unterbrechung des Circulus vitiosus.

Als Hauptpunkte für eine Akupunktur bei Rhinitis, Sinusitis und Konjunktivitis sind folgende Punkte bekannt (▶ Abb. [ 1 ] und ▶ Abb. [ 2 ]):

  • B 1

  • B 2

  • Di 19

  • Di 20

  • Ma 1

  • Ma 2

  • Ma 3

Abb. 1

a) Akupunkturpunkte des Magenmeridians beim Hund. b) Nutzung der beidseitigen Akupunkturpunkte Di 20, B 1, B 2 und PdM beim Hund bei chronischer Sinusitis. Die Nadeln werden tangential 1–3 mm tief gestochen und zeigen bereits nach 10–15 Minuten eine Wirkung, die mehrere Tage anhält.

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Abb. 2

a) Akupunkturpunkte des Blasenmeridians bei der Katze. b) Nutzung der Akupunkturpunkte B 1, B 2 und Di 19 der Katze bei chronischer Konjunktivitis.

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Die Punkte werden tangential zum Knochen 1–3 mm tief gestochen. Die Nadelung dieser Punkte für ca. 10–15 Minuten zeigt sofortige Erfolge. Die Tiere können freier atmen und der Nasen- und/oder Tränenfluss lässt sehr schnell nach.

Anatomische Lage der Punkte [[4]]

(Lok. = Lokalisation; MS = morphologisches Substrat)

B 1

Jingming („Glanz des Augapfels“)

Lok.: 2 mm rostral des medialen Augenwinkels, oberhalb der Fossa sacci lacrimalis

MS: A./V. palpebralis inferior medialis aus der A./V. malaris, A./V. dorsalis nasi, A./V. ophthalmica, A./V. angularis oculi, N. infratrochlearis aus dem N. nasociliaris des N. ophthalmicus (sensibel), tiefer: Anteile des N. oculomotorius (motorisch), Ramus palpebralis des N. auriculopalpebralis


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B 2

Zanzhu

Lok.: am proximalen Orbitalrand, in Höhe des Processus zygomaticus des Os frontale am Übergang vom inneren zum mittleren Drittel des Supraorbitalrandes

MS:

  • außerhalb der Orbita: A. supraorbitalis (Katze, fehlt dem Hund), A./V. temporalis superficialis, A./V. dorsalis nasi rostralis, A./V. angularis oculi aus der A./V. facialis

  • innerhalb der Orbita: A. ophthalmica externa, A./V. palpebralis superior medialis aus der A./V. malaris, A./V. ophthalmica externa

  • oberflächlich: N. frontalis des N. opthalmicus (sensibel)

  • tiefer: Anteile des N. oculomotorius (motorisch), Ramus palpebralis des N. auriculopalpebralis


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Di 19

Heliao („Körnchengrube“)

Lok: lateral und unterhalb der Nasenflügel ca. 2–3 cm lateral von LG 26 (Philtrum)

MS: Endäste des N. infraorbitalis (sensibel) und N. facialis (motorisch), M. caninus und M. orbicularis oris, A./V. labialis superior der A./V. facialis


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Di 20

Yingxiang („Empfang des Duftes“)

Lok.: Lateral der seitlichsten Vorwölbungen der Nasenflügel

MS: Anastomosierende Endäste des N. infraorbitalis (sensibel) und N. facialis (motorisch), M. caninus und M. orbicularis oris, A./V. lateralis nasi der A./V. facialis und A./V. infraorbitalis


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Ma 1

Chengqi („Tränensammler“)

Lok.: in der Mitte des unteren Orbitalrandes, zwischen Infraorbitalrand und Bulbus, direkt unter der Pupille

MS: feine Äste des N. infraorbitalis mit N. nasalis caudalis und dem inneren Ast des N. oculomotorius mit Verbindung zum Ganglion pterygopalatinum, feine Äste des N. ophthalmicus, Äste der A. ophthalmica und A./V. angularis oculi, A./V. palpebralis inferior medialis aus der A. infraorbitalis, in der Tiefe: Aa./Vv. palatina major et minor, A./V. sphenopalatina


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Ma 2

Sibai

Lok.: direkt auf dem Foramen infraorbitale

MS: N./A./V. infraorbitalis, feine Äste der A./V. angularis oculi aus der A. facialis, N. facialis – Ramus buccolabialis dorsalis


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Ma 3

Juliao („Großgrube“)

Lok.: fingerbreit unterhalb des Foramen infraorbitale

MS: N./A./V. infraorbitalis, feine Äste der A./V. labialis superior aus der A./V. facialis, N. facialis – Ramus buccolabialis dorsalis

Auch bei allergischer Rhinitis und Konjunktivitis …

… werden alle Gefäße, die die Nase und Augen ver- und entsorgen, genadelt (B 1, B 2; Di 19, Di 20) [9]. Die dabei erzielten Extravasate sind es, die gewünscht werden.

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Wirkung des Nadelstiches bei der Behandlung der Rhinitis, Konjunktivitis und Sinusitis

Reizung der für die ödematisierten Regionen zuständigen Nerven:

  • N. ophthalmicus

  • N. nasociliaris

  • N. ethmoidalis

  • Der N. ethmoidalis versorgt die Riechschleimhaut = sensible Fasern über den Ramus nasalis lateralis (dorsaler Nasengang und dorsale Nasenmuschel) und Ramus medialis (Schleimhaut der oberen Hälfte der Nasenscheidewand + Nasenhöhlendach + Sinus frontalis) = Nerven der Akupunkturpunkte B 1, B 2, Ma 1.

Über die Rami nasales externi besteht eine Verbindung zur Haut im Bereich des Nasenknorpels und Nasenspiegels zum N. infraorbitalis = Nerven der Akupunkturpunkte Ma 2, Di 19, Di 20.

Außerdem wird der N. infratrochlearis des N. nasociliaris gereizt (Bindehaut, Tränenkarunkel, Nickhaut und andere Drüsen) = Nerven der Akupunkturpunkte B 1, Ma 1.


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Ziele

  • Verstärkung der Information an das ZNS, dass eine Entzündung vorliegt (chronisches Geschehen in einen akuten Zustand versetzen)

  • Vasokonstriktion durch Stimulation der Nerven in diesem Gebiet mit vermindertem arteriellem Zufluss durch die knöchernen Foramina

  • z. T. Erzielung von Extravasaten zur Immunmodulation

  • Nachlassen des Gewebedrucks auf die für den Abfluss verantwortlichen venösen Kapillaren

Wie bei der Hyposensibilisierung, bei der kleinste Antigendosen in ansteigender Menge vom Körper verabreicht werden, wendet man hier ähnliche Methoden durch die Akupunktur an.

Man muss wissen, dass die Allergie auf die überschießenden Reaktionen des IgE, welches membranständig an den Mastzellen angelagert ist, zurückzuführen ist. Kommt es nun im Rahmen einer Nadelung zum Austritt von Blutplasma in das Interstitium, erniedrigt sich der pH-Wert in dieser Region und es kommt zu einer Störung der Gewebe-Isotonie.

Dies aktiviert die lokale Abwehr (Monozyten, Thrombozyten, Mastzellen, Makrophagen und Histiozyten). Aber auch die spezifische Abwehr wird aktiviert in Form der B- und T-Lymphozyten. Liegt ein allergisches Geschehen vor, kommen neben den Mastzellen auch die Lymphozyten intensiver in Kontakt mit dem Allergen. Es bilden sich blockierende Antikörper vom IgG-Typ aus, die sowohl die Allergene lokal und im Kreislauf als auch die mastzellständigen IgE binden. Der Vorteil dieser Induktion von blockierendem IgG ist die Tatsache, dass dieses Immunglobulin in größerer Menge (75–80 %) – als IgE (0,003 %) – im Blut zirkuliert [[1]] und so schneller das Antigen binden kann. Somit kommen die langsameren, mastzellständigen IgE nicht mehr in Kontakt mit dem Allergen. Da gleichzeitig auch T8-Suppressorzellen aktiviert wurden, werden ebenfalls die überschießenden Reaktionen der Plasma- und Mastzellen unterbunden.

Der Erfolg der Behandlung von allergischen Rhinitiden und Konjunktivitiden durch Akupunktur wird mit ca. 61,9 % [[10]] bis 84 % [[8]] angegeben und entspricht etwa dem der medikamentösen Hyposensibilisierung.

Der Vorteil dieser Behandlung ist jedoch, dass sich die Hyposensibilisierung durch Akupunktur auf den Entzündungsort beschränkt und keinerlei Nebenwirkungen aufweist.

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Dr. med. vet. habil. Dirk Draehmpaehl
Kopernikusstraße 8
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