Einleitung
Das Zeichen von Leser-Trélat [1]
[2], auch als Leser-Trélat-Syndrom bezeichnet, beschreibt das selten auftretende explosionsartige
Neuauftreten von oft Hunderten, oft auch entzündlichen und juckenden seborrhoischen
Keratosen als kutane Paraneoplasie. Die assoziierten Malignome sind meist Adenokarzinome,
vor allem des Gastrointestinaltraktes, öfter auch Plattenepithelkarzinome, einschließlich
solchen der Lunge, sowie maligne Lymphome, einschließlich kutaner T-Zell-Lymphome.
Oft besteht zusätzlich eine Acanthosis nigricans [2]
[3]. Die Bezeichnung „Pseudo-Zeichen von Leser-Trélat“ wurde erstmals von Patton et
al. 2004 verwendet [4] und beschreibt die auftretende Entzündung präexistierender seborrhoischer Keratosen
bei Patienten unter Chemotherapie eines Malignoms.
Kasuistik
Wir berichten über eine 76-jährige Patientin mit einem metastasierten, nicht-kleinzelligen
Bronchialkarzinom vom Typ des mäßiggradig differenzierten Plattenepithelkarzinoms
(c2T4, c2N3, c2M0, Stadium IIIb), das erstmals vor sechs Monaten diagnostiziert wurde.
Daraufhin wurde eine palliative Chemotherapie mit Carboplatin und Vinorelbin eingeleitet.
Nach vier Zyklen wurde vor zwei Monaten ein Progress des Lungenbefundes festgestellt.
Daraufhin wurde vor einem Monat eine Secondline-Mono-Chemotherapie mit Docetaxel in
einer Dosierung von 35 mg/m2 eingeleitet. Zehn Tage nach dem zweiten Zyklus trat akut eine juckende Entzündung
mit Rötung, Infiltration und teilweiser Hämorrhagie, Exsudation und Krustenbildung
einiger seborrhoischer Keratosen, besonders an den oberen Extremitäten und im Schulterbereich,
auf. Die weitaus meisten der vielen, langjährig vorbestehenden, meist weitgehend flachen,
blassbräunlich-grauen, typischen seborrhoischen Keratosen von meist 1 bis 2 cm fanden
sich dagegen vollständig reizlos. Häufig fanden sich entzündete, scheinbar zufällig
verteilt, direkt in Nachbarschaft zu reizlosen seborrhoischen Keratosen ([Abb. 1] und [Abb. 2]). Zeichen einer Acanthosis nigricans fanden sich nicht. Wir verordneten symptomatisch
eine Betamethasonvalerat- und Fusidinsäure-haltige Lokaltherapie. Der vorgesehene
nächste Chemotherapiezyklus mit Docetaxel wurde gegeben.
Abb. 1 Pseudo-Zeichen von Leser-Trélat: Plötzliche Entzündung von vielen, hier vereinzelten,
präexistenten seborrhoischen Keratosen am Arm unter Chemotherapie eines Bronchialkarzinoms
mit Docetaxel.
Abb. 2 Detail mit Erythem, Schuppung und Krustenbildung. Benachbart daneben völlig reizlose
seborrhoische Keratose.
Diskussion
Als Pseudo-Zeichen von Leser-Trélat wird eine auftretende Entzündung präexistierender
seborrhoischer Keratosen bei Patienten unter Chemotherapie eines Malignoms verstanden
[4]. In unserem Fall entzündeten sich mehrere einzelne seborrhoische Keratosen ganz
akut knapp vier Wochen nach dem Beginn einer Chemotherapie mit Docetaxel wegen eines
metastasierten, nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinoms.
Ebenfalls an einem therapierefraktären, metastasierten, nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom
litt eine 72-jährige Patientin, die gleichfalls secondline mit Docetaxel behandelt
wurde [5] und knapp vier Wochen nach Beginn und vier Tage nach dem zweiten Zyklus juckende,
gerötete und infiltrierte Veränderungen im Bereich seit über 10 Jahren präexistenter
seborrhoischer Keratosen am Unterarm und Handrücken entwickelte. Kontralaterale Herde
blieben unverändert.
Bei einer Patientin mit rezidivierendem Pankreaskopf-Karzinom kam es nach dem zweiten
Zyklus einer Chemotherapie mit Gemcitabin zu einer Entzündung multipler, präexistenter
seborrhoischer Keratosen am Stamm [6].
Im Falle der erstmaligen Benennung des Pseudo-Zeichens von Leser-Trélat kam es unter
Cytarabin- und Idarubicin-Therapie einer akuten myeloischen Leukämie (AML) zur Entzündung
multipler, präexistenter seborrhoischer Keratosen am Rumpf [4]. Bei einer weiteren Patientin mit AML, die eine Chemotherapie mit Cytarabin und
Daunorubicin erhielt, kam es fünf Tage nach Beginn der Therapie zu einer Entzündung
mit Rötung, Ödem und Juckreiz im Bereich ihrer präexistenten seborrhoischen Keratosen
am oberen Stamm. Nach Ende der Therapie ging diese Entzündung vollständig zurück und
rezidivierte bei einer erneuten Behandlungseinleitung [7].
Ebenfalls an einer AML litt ein Patient, bei dem multiple, entzündete, histologisch
als seborrhoische Keratosen gesicherte Effloreszenzen am Stamm sechs Tage nach Beginn
einer Chemotherapie mit Cytarabin, Daunorubicin und Etoposid auftraten [8]. Gleichfalls unter Cytarabin und Daunorubicin als Chemotherapie einer AML traten
im Anschluss an den ersten Zyklus disseminierte, zosteriforme, multiple Effloreszenzen
am Stamm neu auf, die sich histologisch als inflammierte, seborrhoische Keratosen
diagnostizieren ließen [9]. Letztere Fälle würden wir eher dem „klassischen“ Zeichen von Leser-Trélat zuordnen
wollen, da die entzündlichen seborrhoischen Keratosen nicht präexistent waren, sondern
exanthematisch unter Chemotherapie neu auftraten.
Andere Autoren [2] definierten kürzlich das Pseudo-Zeichen von Leser-Trélat oder das „Falsche Zeichen
von Leser-Trélat“ als das rasche Auftreten von multiplen, seborrhoischen Keratosen
ohne begleitende maligne Erkrankung. Wir denken aber, dass es sich hierbei um eine
Missinterpretation des neun Jahre vorher von Patton [4] anders definierten Begriffs handelt. Wir würden uns diesen Autoren anschließen wollen
und die Bezeichnung Pseudo-Zeichen von Leser-Trélat ausschließlich für Fälle von Entzündung
präexistenter seborrhoischer Keratosen unter Chemotherapie einer malignen Neoplasie
verwenden. Hier fällt auf, dass, bei den wenigen publizierten Fällen, häufiger Patienten
mit AML oder nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom bzw. solche unter Chemotherapie
mit Cytarabin oder Docetaxel betroffen waren. Weitere Fallbeschreibungen wären wünschenswert,
ob diese Tumorentitäten bzw. diese Medikamente tatsächlich gehäuft mit dem Pseudo-Zeichen
von Leser-Trélat assoziiert sind. Zum Pathomechanismus lässt sich spekulieren, dass
unter der Chemotherapie Tumorzell-Antigene, die Antigenen in seborrhoischen Keratosen
ähneln, neu entstehen oder demaskiert werden und diese dann zu einer Immunantwort
führen. Interessanterweise wird das Phänomen auch öfter bei der Chemotherapie von
nicht-epithelialen Malignomen, wie der AML, beobachtet.