Flugmedizin · Tropenmedizin · Reisemedizin - FTR 2013; 20(03): 113
DOI: 10.1055/s-0033-1348136
Journal-Club
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Arbeitsanforderungen und wahrgenommener Stress – Psychische Verfassung von älteren Seefahrern

Rydstedt LW, Lundh M.
Work demands are related to mental health problems for older engine room officers.

Int Marit Health 2012;
63: 176-80
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Korrespondenz

Dr. Klaus Seidenstücker
Hashauweg 22 b
24963 Tarp

Publication History

Publication Date:
19 June 2013 (online)

 

Rydstedt LW, Lundh M. Work demands are related to mental health problems for older engine room officers. Int Marit Health 2012; 63: 176–80

Thema: Auf dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und der sich daraus ergebenden Alterung des Arbeitskräftereservoirs einerseits und der Annahme einer Akzeleration der sozialen, ökonomischen und technischen Entwicklung andererseits gingen die Autoren der Frage nach, welchen Einfluss diese auf die mentale Gesundheit und das Wohlbefinden von Maschinenraumpersonal an Bord von Kauffahrteischiffen hat.

Projekt: Ein Fragebogen mit 129 Fragen wurde über die schwedische Handelsschiffsoffiziersvereinigung an 1383 technische Schiffsoffiziere versandt. Die Befragung erfolgte anonym. Die Rückantwortrate lag bei 54 % – fast ausschließlich Männer (99 %). Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 49 Jahren mit durchschnittlich 24 (± 12,8) Jahren Seefahrterfahrung und etwa 13 (± 10,5) Jahren auf dem gegenwärtigen Posten. In einer Partnerschaft lebten 76 % und 41 % hatten Kinder.

Ergebnisse: Veröffentlicht werden nicht direkte Auswertungen der gesamten oder einzelner Fragen, sondern daraus abgeleitete psychometrische Parameter, die im tabellarischen Teil unter den Begriffen negative Affektivität, generelle Gesundheitsqualität, Arbeitsanforderungen und wahrgenommener Stress zusammengefasst dargestellt werden.

Die Autoren fanden, dass Alter an sich weder eindeutig mit dem mentalen Wohlbefinden noch den empfundenen Arbeitsanforderungen korrelierte. Dagegen ließ sich für ältere Arbeitnehmer eine geringere negative Affektivität nachweisen. Der empfundene Stress am Arbeitsplatz schien im Alter zuzunehmen. Die Kombination von höherem Alter und empfundenen höheren Anforderungen am Arbeitsplatz war häufiger mit Angaben zu mentalem Unwohlsein korreliert.

Fazit: Die Autoren ziehen noch keine eindeutigen Schlussfolgerungen aus ihren Ergebnissen. Das zunehmende Alter und die Geschwindigkeit, mit der Technik und neue Organisationsformen an Bord die Arbeitsbedingungen ändern, verdient ihrer Meinung nach jedoch Aufmerksamkeit und verlangt eine entsprechende Gestaltung der Arbeitsprozesse, des Aufgabenzuschnitts sowie Weiterbildungsangebote, um auf lange Sicht Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten.

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(Bild: Fotolia; Alterfalter)
Kommentar

Die Studie greift eine wichtige Fragestellung unserer alternden Gesellschaft auf, kommt jedoch leider noch nicht zu eindeutigen Ergebnissen und Schlussfolgerungen. Das könnte an der Eignung der angewandten psychometrischen Werkzeuge für die betrachtete Klientel liegen, die die Autoren selbst kritisch bewerten. Ein Problem für aussagekräftige humanwissenschaftliche Studien im Bereich der Schifffahrt ist die Erreichbarkeit der Betroffenen angesichts regelhafter und längerer Abwesenheiten, kurzer Hafenliege- und Heuerzeiten, sowie der ökonomische Druck, dem Reedereien und damit auch die Schiffsbesatzungen heute unterliegen [ 1 ].

Gerade der letzte Punkt weist aber auf die Bedeutsamkeit der Fragestellung hin!

Die Studie hatte mit einem Rücklauf von 54 % (= 731 Teilnehmer) ein gutes Potenzial, zu belastbaren Ergebnissen zu kommen. Jedoch ist festzuhalten, dass bei dem gewählten Verfahren die Studiendurchführung in wesentlichen Teilen nicht kontrolliert erfolgen konnte. So ist zum Beispiel nicht auszuschließen, dass sich Teilnehmer beim Ausfüllen der Fragebogen gegenseitig beeinflusst haben.

Mit der Adressierung über einen nationalen Berufsverband dürfte die Studienpopulation auch eine Homogenität aufweisen, die sich üblicherweise an Bord nicht findet, wo Internationalität und große Kulturunterschiede die Regel sind.

Ein interessanter Befund ist die geringere negative Affektivität im Alter und insgesamt anscheinend auch gegenüber gleichartigen Populationen an Land. Seeleute lernen in ihrer Berufsausbildung und -erfahrung zweifellos Selbstbehauptung gegenüber einer oft ungeneigten natürlichen wie sozialen Umwelt. Dies mag die Basis für Dissimulation sein und wäre Grund, die Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit kritisch zu hinterfragen. Nikolic unterstellt Seeleuten generell ein höheres Maß an Resilienz [ 2 ]. Auf wie dünnem Eis man sich damit bewegt, zeigt eindrücklich der Bericht des Kapitäns Kotiuk über die 121 Tage in der Hand somalischer Piraten [ 3 ]. In dieser Extremsituation gelang es ihm anscheinend nicht, seine Selbstwahrnehmung mit den nun einmal unabänderlichen Fakten zu versöhnen. Zu einem anderen Schluss kommt auch eine Befragung auf italienischen Tankschiffen [ 4 ]. Die Seeleute zeigten hier deutliche Besorgtheit hinsichtlich psychosozialer Belastungen.

Die Bedeutsamkeit der Frage nach Interdependenzen von Alter, wahrgenommener Arbeitsbelastung beziehungsweise Stress und Gesundheit dürfte sich auch aus vielen anderen Herausforderungen der Seefahrt ableiten lassen [ 5 ]. So liegt nach Ansicht des Kommentators der Wert dieser Studie vor allem darin, diese Fragestellung auch für die Seefahrt ins Bewusstsein gerückt und in der sehr ausführlichen Einleitung mit einem umfangreichen Literaturreferat belegt zu haben.

Dr. Klaus Seidenstücker
Deutsche Gesellschaft für Maritime Medizin


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  • Literatur

  • 1 MacLachlan M, Kavanagh B, Kay A. Maritime Health: a review with suggestions for research. Int Marit Health 2012; 63: 1-6
  • 2 Nikolic N, Pavletic M, Missoni E. Are we winning the war with the pirates?. Int Marit Health 2012; 63: 195-203
  • 3 Kotiuk K. "Frohe Ostern Hansa Stavanger". Bielefeld: Delius Klasing; 2010
  • 4 Grappasonni I, Paci P, Mazzucchi F et al. Awarenes of health risks at the workplace and of risks of contracting communicable diseases including those related to food hygiene, among seafarers. Int Marit Health 2012; 63: 24-31
  • 5 Carotenuto A, Molino I, Fasanaro AM et al. Psychological stress in seafarers: a review. Int Marit Health 2012; 63: 188-94

Korrespondenz

Dr. Klaus Seidenstücker
Hashauweg 22 b
24963 Tarp

  • Literatur

  • 1 MacLachlan M, Kavanagh B, Kay A. Maritime Health: a review with suggestions for research. Int Marit Health 2012; 63: 1-6
  • 2 Nikolic N, Pavletic M, Missoni E. Are we winning the war with the pirates?. Int Marit Health 2012; 63: 195-203
  • 3 Kotiuk K. "Frohe Ostern Hansa Stavanger". Bielefeld: Delius Klasing; 2010
  • 4 Grappasonni I, Paci P, Mazzucchi F et al. Awarenes of health risks at the workplace and of risks of contracting communicable diseases including those related to food hygiene, among seafarers. Int Marit Health 2012; 63: 24-31
  • 5 Carotenuto A, Molino I, Fasanaro AM et al. Psychological stress in seafarers: a review. Int Marit Health 2012; 63: 188-94

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(Bild: Fotolia; Alterfalter)