Die Hebamme 2014; 27(2): 84-90
DOI: 10.1055/s-0034-1373858
Aktuell
Sectiorate
Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG Stuttgart

Dem Wahnsinn Einhalt gebieten? – Die aktuelle US-amerikanische Leitlinie zur Senkung der Kaiserschnittrate

Christiane Schwarz
Hebamme, MSc Public Health (MPH), Hannover
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Christiane Schwarz
Hebamme, BSc Gesundheitswissenschaften, MSc Public Health (MPH), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Med. Hochschule Hannover
Feldkamp 5
31174 Schellerten

Publication History

Publication Date:
08 July 2014 (online)

 

Die neue Leitlinie der US-amerikanischen Geburtshelfer zur Senkung der Kaiserschnittrate hat das Potenzial, die geburtshilfliche Welt zu verändern. Man kann es kaum glauben: als im März 2014 die US-amerikanischen Geburtshelfer ihr Konsensuspapier zur Senkung der Kaiserschnittrate veröffentlichten, war es das erste Mal seit vielen Jahren, dass von diesem Gremium selbstkritische Überlegungen zur medikalisierten Geburtshilfe der vergangenen 20 Jahre laut wurden. Wir machen zu viele Kaiserschnitte und wir retten damit weder Mütter noch Kinder [[1]], so der Tenor.


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Vorausgegangen war 2013 ein Editorial des Präsidenten der FIGO, Professor C. N. Purandare, der die Frage stellte, ob die aktuelle Geburtshilfe auf dem richtigen Weg sei [[2]]. Der steile Anstieg der Sectioraten in vielen Industrieländern werde begünstigt durch

  • die einfacher werdende Operationstechnik (Misgav-Ladach-Methode),

  • die Ausweitung von „weichen“ Indikationen (suspektes/pathologisches CTG, protrahierte Geburt/Geburtsstillstand),

  • finanzielle Fehlanreize,

  • forensischen Druck und

  • demografischen (Alter, Übergewicht) sowie sozialen (Wunschsectio) Veränderungen.

Die WHO stelle seit Jahren immer wieder fest, dass eine Sectio-Rate von über 15 % nicht medizinisch gerechtfertigt sei [[3]] und dass höhere Sectio-Raten nicht zu besseren perinatalen Ergebnissen führe [[4]]. Außerdem führen häufige primäre Sectiones zwangsläufig zu mehr Re-Sectiones [[2]].

Ursachen und Auswirkungen unnötiger Sectiones

Hierauf sattelt die US-amerikanische Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (American College of Obstetricians and Gynecologists, ACOG) auf und veröffentlicht gemeinsam mit der Fachgesellschaft für Feto-Maternale Medizin (Society for Maternal-Fetal Medicine, SMFM) eine Stellungnahme mit Empfehlungen für die klinische Praxis, um unnötige Kaiserschnitte zu vermeiden.

Die Autoren stellen fest, dass der Kaiserschnitt in einigen Fällen eine sinnvolle Operation ist. Dazu gehören die Placenta praevia und die Uterusruptur. In anderen Situationen jedoch müssen die Vor- und Nachteile gut gegeneinander abgewogen werden. Für die weitaus meisten Geburten gilt, dass die Sectio im Vergleich zur vaginalen Geburt mit einem höheren Krankheits- und Sterberisiko für die Mutter verbunden ist (Tab. [ 1 ]).

Tab. 1

Risiken in Abhängigkeit vom Geburtsmodus (modifiziert nach ACOG 2014).

Risiken

vaginale Geburt

Sectio

Mutter

gesamte schwere Morbidität/Mortalität

8,6 %

0,9 %

9,2 %

2,7 %

Mütterliche Mortalität je 100 000

3,6

13,3

Fruchtwasserembolie je 100 000

3,3–7,7

15,8

DR III/IV

1–3 %

kein Vorkommen

Plazentationsstörungen

Anstieg mit jeder vorausgegangenen Sectio

Urininkontinenz

kein Unterschied 2 Jahre post partum

Postpartale Depression

kein Unterschied

Kind

Schnittverletzungen

kein Vorkommen

1–2 %

Atemstörungen

< 1 %

1–4 % (bei prim. Sectio)

Schulterdystokie

1–2 %

0 %

Dabei ist es schwierig, den ursächlichen Zusammenhang zwischen mütterlichen Problemen und der Sectio genau zu identifizieren. Trotz methodischer Schwächen diverser Studien lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Sectio und Komplikationen nachweisen wie

  • Atonie (mit und ohne Hysterektomie),

  • Uterusruptur,

  • Narkosezwischenfällen, Schock, Herzstillstand, Atemstillstand,

  • akutes Nierenversagen,

  • Thromboembolien sowie

  • Infektionen, Wundheilungsstörungen und Hämatomen.

Diese Probleme treten bei Frauen mit Sectio 3-mal häufiger auf im Vergleich zu Frauen, die vaginal geboren haben [[5]]. Dazu kommen Komplikationen in der Folgeschwangerschaft. So steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Placenta praevia von 1 % bei einem vorausgegangenem Kaiserschnitt auf 3 % oder höher, wenn die Frau bereits 3 Sectiones hatte. Außerdem liegt bei diesen Frauen das Risiko für eine Placenta praevia accreta bei 40 % [[6], [7]|.

Die ACOG argumentiert, dass Sectio-Raten, die sich regional und nach Kliniken stark unterscheiden (sie liegen in den US-Bundesstaaten zwischen 23,1 % und 38,8 %) ein Hinweis darauf sein müssen, dass klinische Praxis und nicht medizinische Notwendigkeit Anlass für viele Sectiones sein müssen. Sehr deutlich wird dies bei der Spanne zwischen verschiedenen Kliniken: die niedrigste Sectio-Rate in einer Klinik betrug im Untersuchungszeitraum bis 2011 gerade einmal 7,1 %, die höchste 69,9 %. Diese Varianz lässt sich durch die Unterschiede der Klientel (Alter, BMI, Morbidität und andere) nicht erklären. Es muss also – so die Autorinnen und Autoren – beeinflussbare Faktoren für die klinische Entscheidung zur Sectio geben [[1]].


#

Vermeidung unnötiger Sectiones

Im ACOG Konsensus werden die unterschiedlichen Faktoren beleuchtet, die zu Sectio-Entscheidungen führen können. Dabei spielt die Frage nach der Dauer einer normalen Geburt eine entscheidende Rolle: Wie lange dauern denn normale Geburten?

Protrahierte Eröffnungsphase

Seit den 1950er Jahren wird die Eröffnungsphase (EP) auf der Basis wissenschaftlicher Studien in eine latente und eine aktive Phase eingeteilt [[8]]. Damals galt eine Latenzphase (Zeit bis zur MM-Öffnung von ca. 4 cm) erst als ungewöhnlich lang, wenn sie länger als 20 Std. bei Erstgebärenden oder 14 Std. bei Mehrgebärenden dauerte. In der aktiven EP galt eine Eröffnungsgeschwindigkeit von 1,2 cm (Erstgebärende) oder 1,5 cm (Multipara) pro Std. als untere Norm.

Neuere Studien hingegen stellen fest, dass sowohl für Erst- als auch für Mehrgebärende eine Eröffnungsgeschwindigkeit von 0,5 cm pro Std. normal und auch ungefährlich ist [[9]].

Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang auch festgestellt, dass Erst- und Mehrgebärende zwischen 4–6 cm MM-Weite ähnlich schnell eröffnen; erst ab 6 cm Dilatation geht es dann bei den Mehrgebärenden schneller voran. Von größerer klinischer Relevanz ist jedoch die Feststellung, dass die aktive Phase der Eröffnung vermutlich häufig erst ab 6 cm MM-Weite beginnt und somit auch der Zeitpunkt, ab dem ein protrahierter Geburtsverlauf erst diagnostiziert werden kann.

Mit der Feststellung, dass die meisten Frauen mit einer langen Latenzphase schließlich von selbst eine progressive Wehentätigkeit entwickeln, brauchen sehr wenige zu irgendeinem Zeitpunkt Wehenmittel. Eine lange Latenzphase (Zeit bis 6 cm MM-Weite) von mehr als 20 Std. (Erstgebärende) bzw. 14 Std. (Mehrgebärende) ist keine Indikation für einen Kaiserschnitt.

Definition Geburtsstillstand in der Eröffnungsphase

Bei spontaner Wehentätigkeit: Status idem trotz

  • Blasensprung und Muttermundsweite von 6 oder mehr cm und

  • 4 Std. kräftige, regelmäßige Wehen

oder

  • 6 Std. unregelmäßige oder schwache Wehen


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Protrahierte Austreibungsphase

Die Austreibungsphase (AP) beginnt bei vollständig eröffnetem Muttermund und endet mit der Geburt des Kindes. Wie lange diese dauert, wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören Parität, Zeitpunkt des Mitschiebens, Body-Mass-Index der Mutter, Regionalanästhesie (1 Std. Geburtsdauer zusätzlich), Gewicht und Größe des Kindes sowie seine Einstellung und Haltung [[10]].

In Studien zu den Auswirkungen einer langen AP auf Mutter und/oder Kind konnten keine Zusammenhänge zwischen der Dauer der AP bei Erstgebärenden und gravierenden kindlichen Problemen (APGAR nach 5 min. < 4, arterieller NS-pH < 7,0, Notwendigkeit zur sofortigen Intubation, Aufnahme auf die Kinderintensivstation, Sepsis) festgestellt werden, auch wenn die Austreibungsphase 3 Std. [[11]], 4 Std. [[12]] oder 5 Std. [[13]] gedauert hatte. Zu Mehrgebärenden liegt eine Studie vor, in der sich niedrigere APGAR-Werte und häufigere Verlegungen von Neugeborenen in die Intensivversorgung zeigten, wenn die AP länger als 3 Std. gedauert hatte [[14]]. Bei den Müttern zeigten sich häufiger ungünstige Auswirkungen, insbesondere häufiger schwere Dammverletzungen, Atonien und Infektionen [[13]].

Definition Geburtsstillstand in der Austreibungsphase

Eine „normale“ Dauer der AP ist nicht definierbar.

  • Diagnose frühestens nach 3 Std. aktivem Mitschiebens bei Erstgebärenden oder 2 Std. bei Mehrgebärenden

  • Bei PDA jeweils eine Stunde länger

Ein Eingreifen ist auch nach diesem Zeitfenster nicht zwingend erforderlich!

Die Risiken einer langen AP sind jedoch überschaubar und nicht unbedingt vital bedrohlich; Komplikationen treten insgesamt selten auf und auch nach sehr langen Austreibungsperioden nicht deutlich häufiger als nach „normal“ langen Phasen (< 1,5 % bei bis zu 2 Std. AP, < 3 % nach 5 Std. und länger).

Daher empfiehlt die ACOG, in der aktiven AP (wenn die Frau mitschiebt) bei Erstgebärenden mindestens 3 und bei Mehrgebärenden 3 Std. abzuwarten, in Einzelfällen (z. B. bei PDA, bei großem Kind) auch deutlich länger [[1]].


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Vaginal-operative Geburten

Während die Rate an sekundären Sectiones stark angestiegen ist, ist die Rate an vaginal-operativen Geburten (Vakuumextraktion, Forceps) in den letzten 15 Jahren stetig gesunken. Die Statistiken zeigen allerdings bei beiden Geburtsmodi (Sectio bzw. vaginal-operative Geburt) ähnliche Häufigkeiten neonataler Komplikationen wie Hirnblutungen oder Tod [[15]]. In einer neueren Studie gibt es sogar Hinweise auf ein selteneres Auftreten schwerer Komplikationen bei Forceps-Geburten im Vergleich zur sekundären Sectio oder Vakuumextraktion [[16]]. Somit ist die vaginal-operative Geburt eine sinnvolle mögliche Alternative zur sekundären Sectio.

Erfolg und Ergebnis der vaginal-operativen Geburtshilfe hängen von der Situation (Höhenstand und Einstellung des Kopfes) und dem Geschick der Geburtshelfer ab.

Daher empfehlen die Autorinnen und Autoren, die notwendigen manuellen Fähigkeiten angemessen zu erlernen und zu üben [[1]].


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Fehleinstellungen

Regelwidrige Einstellungen und Haltungen stehen im Zusammenhang mit sekundären Sectiones sowie mit neonatalen Komplikationen [[17]]. Eine Korrektur der Fehleinstellung durch manuelle Reposition und anschließender Rotation des Hinterkopfes kann in dieser Situation eine hilfreiche Intervention sein. In mehreren Studien konnte eine deutliche Reduzierung der Sectio-Raten in dieser Situation festgestellt werden [[18], [19]].

Bevor man sich für eine Sectio wegen Geburtsstillstand in der AP entscheidet, sollte eine sorgfältige Diagnose der fetalen Einstellung und Haltung gestellt und der Versuch einer manuellen Rotation erwogen werden.


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Pathologisches CTG

Die zweithäufigste Indikation für eine sekundäre Sectio ist die Diagnose eines suspekten oder pathologischen fetalen Herztonmusters (Abb. [ 1 ]).

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Abb. 1 Sectio-Indikationen in den USA (modifiziert nach ACOG 2014).

Hinsichtlich der Feststellung schwer pathologischer CTGs (nach FIGO: fehlende Oszillation, späte oder komplizierte Dezelerationen, Tachykardien, sinusoidale Muster und Bradykardien) besteht kaum Kontroverse. Diese Muster stehen im Zusammenhang mit niedrigen NS-pH-Werten, aber auch mit Enzephalopathien [[20]]. Treten diese Muster auf, muss die Ursache gesucht, bewertet und wenn möglich behoben werden, ansonsten ist im Zweifelsfall eine Geburtsbeendigung angezeigt. Normale CTGs werden (unter der Voraussetzung, dass die fetalen und nicht die mütterlichen Herztöne abgeleitet werden) so gut wie nie mit vermeidbaren, schlechten fetalen Outcomes beobachtet. Auch hier ist die Handlungsempfehlung klar: es ist keinerlei Intervention nötig.

Das suspekte CTG, bei dem eine eindeutige Interpretation und Handlungsempfehlung schwierig ist, scheint als Anlass für eine sekundäre Sectio allerdings häufiger vorzukommen als das eindeutig pathologische CTG. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, bei suspektem CTG zunächst Indizien für das fetale Wohlergehen zu suchen und konservative Korrektiva einzusetzen wie Flüssigkeitsgabe, Positionswechsel. Hier bietet sich als Alternative oder Ergänzung zur Mikroblutuntersuchung (MBU) die Stimulation des Feten (z. B. durch Berührung des Kopfes) an, denn spontane und stimulierte Bewegungen des ungeborenen Kindes korrelieren in der Regel mit guten postpartalen Ergebnissen [[21], [22]]. Daneben kann auch die Ergänzung des Fruchtwasservolumens mit Kochsalzlösung eine Verbesserung der fetalen Herztonmuster bewirken [[23], [24]]. Zusatzdiagnostik wie die Analyse der fetalen ST-Strecke im EKG (STAN) oder Puls-Oxymetrie sind nach Ansicht der Autorinnen und Autoren nur begrenzt geeignet, um die Interpretation von CTGs zuverlässiger zu machen [[1]].

Es gibt keine Nachweise, dass die gängigen Maßnahmen zur „intrauterinen Reanimation“ wie Sauerstoffgabe der Mutter, Infusionen und Tokolytika zu einem besseren Outcome der Neugeborenen führen.


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Geburtseinleitung

Frauen, die eingeleitet werden, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, die Geburt per Sectio zu beenden. Es wurde lange angenommen, dass hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Tatsächlich zeigen neuere Studien, dass die höhere Sectio-Rate eher mit der Ursache für die Einleitung im Zusammenhang steht und weniger mit der Einleitung selbst [[25], [26], [27]]. Die Autorinnen und Autoren verweisen auf eine viel diskutierte Übersichtsarbeit [[28]], in der eine generelle Geburtseinleitung ab der 41. vollendeten SSW empfohlen wird, da dies die perinatale Sterblichkeit senke. (siehe hierzu Stellungnahmen der DGHWi www.dghwi.de und der AWMF www.awmf.org)

In diesem Zusammenhang weisen die Autoren nachdrücklich darauf hin, dass bei einer Geburtseinleitung mit Interventionen in der Latenzphase zurückhaltend umgegangen werden soll.

Die Latenzphase kann hier länger als 24 Std. dauern und ein Wehentropf nach Blasensprung sollte mindestens 12–18 Std. wirken können, bevor ein eventueller Geburtsstillstand diagnostiziert wird [[1]].


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Beckenendlage

Etwa 3,8 % aller Feten präsentieren sich bei Erreichen der 37. SSW in BEL. Von diesen Frauen entbinden über 85 % mit einem Kaiserschnitt. Die Autorinnen und Autoren verweisen darauf, dass die Möglichkeit der äußeren Wendung deutlich zu selten angeboten und durchgeführt wird [[29]].


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Verdacht auf Makrosomie

Erst ein geschätztes fetales Gewicht ab 4500 g bei diabetischen Frauen und ab 5000 g bei nichtdiabetischen Frauen ist eine mögliche Indikation für einen Kaiserschnitt.

Diese Einschätzung stützt sich auf die Berechnung einer „Number-Needed-to-Treat“ [[30], [31]]. Dabei wird berechnet, wie viele Behandlungen (hier: Sectio) durchgeführt werden müssen, um einmal den gewünschten Effekt (hier: Verhinderung von Schulterdystokie) zu erzielen. Anschließend kann die „Number-Needed-to-Harm“ berechnet werden, also die Anzahl von Behandlungen (hier: Sectio), die nötig ist, um einmal eine unerwünschte Nebenwirkung (hier: u. a. Atemstörungen des Neugeborenen) hervorzurufen. Nun kann man die Vor- und Nachteile einer Behandlung abwägen. Im Falle der Sectio überwiegen die Vorteile frühestens ab den o. g. geschätzten fetalen Gewichten.


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Zwillingsschwangerschaft

Wenn das führende Kind in Schädellage liegt, verbessert sich das perinatale Outcome nicht durch einen geplanten Kaiserschnitt im Vergleich zu einer vaginalen Geburt.

Diesen Schwangeren sollte eine vaginale Geburt geraten werden [[34]].


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Herpes simplex-Infektion

Lediglich bei aktivem Genitalherpes ist eine primäre Sectio indiziert. Bei Frauen mit positivem Befund in der Anamnese soll eine Prophylaxe mit Aciclovir durchgeführt werden. Anschließend kann eine vaginale Geburt angestrebt werden [[35]].


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Kontinuität der Betreuung

Die effektivste Strategie, um die perinatalen Ergebnisse zu verbessern und damit auch die Sectio-Rate signifikant zu senken, ist die kontinuierliche Betreuung der Gebärenden [[36]].

Außerdem nimmt die Zufriedenheit der Frauen mit dem Geburtserleben in diesem Betreuungsmodell ebenfalls deutlich zu. Die ACOG stellt fest, dass diese Strategie, die außerdem nebenwirkungsfrei ist, vermutlich zu selten genutzt wird.

Tab. 2

Empfehlungen zur Prävention der primären Sectio (modifiziert nach ACOG 2014).

Empfehlungsgrad

Dringlichkeit

Evidenzlevel

Eröffnungsperiode (EP)

Eine protrahierte Latenzphase (Erstgebärende > 20 Std. Mehrgebärende > 14 Std.) ist keine Sectioindikation.

1

B

Eine langsame Eröffnungsgeschwindigkeit in EP ist keine Sectioindikation.

1

B

Die MM-Weite von 6 cm sollte als Grenze zwischen Latenzphase und aktiver EP gelten.

1

B

Ein Geburtsstillstand in der EP sollte erst ab MM > 6 cm mit offener Fruchtblase und regelmäßigen Wehen bei Status idem für > 4 Std. bzw. bei Status idem für > 6 Std. mit Wehentropf definiert werden.

1

B

Austreibungsperiode (AP)

Es gibt keine Definition zur normalen Dauer einer AP.

1

C

Geburtsstillstand in der AP sollte frühestens nach 2 Std. (Mehrgebärende) bzw. 3 Std. (Erstgebärende) aktivem Mitschieben gestellt werden.

1

B

Eine längere AP ist u. U. physiologisch und erfordert nicht unbedingt ein Eingreifen.

1

B

Vaginal-operative Geburtshilfe durch erfahrene GynäkologInnen ist eine gute Alternative zur Sectio und sollte praktisch geübt werden.

1

B

Die Korrektur einer Fehleinstellung/Haltung durch manuelle Rotation des Kopfes kann eine sinnvolle Intervention sein, um eine sekundäre Sectio zu vermeiden.

1

B

Fetale Überwachung

Amnioinfusion bei variablen Dezelerationen

1

A

Stimulation am fetalen Skalp zum Ausschluss fetaler Azidose

1

C

Geburtseinleitung

Vor 41+0 SSW nur mit medizinischer Indikation, ab 41+0 SSW empfohlen

1

A

Zervixreifung vor mechanischer Einleitung bei unreifem Befund

1

B

Latenzphasen von > 24 Stunden berücksichtigen

1

B

Bei offener Fruchtblase mindestens 12–18 Std. die Wirkung der Wehenmittelgabe abwarten

1

B

Regelwidrige Einstellung/BEL

genaue Diagnostik

C

bei BEL äußere Wendung empfehlen

C

Verdacht auf Makrosomie

Indikation zur Sectio erst ab mindestens 4500 g (Diabetes) bzw. 5000 g (ohne Diabetes)

2

C

Zwillingsschwangerschaft

keine Sectioindikation, wenn der führende Zwilling in Schädellage liegt

B

Empfehlungsgrade: 1 = sehr stark; 2 = schwach; A = sehr hoch; B = hoch mit Einschränkungen; C = mäßig


#

Praktische Konsequenzen

  • Eine nationale Leitlinie kann dabei helfen, Maßnahmen zur Senkung der Sectio-Raten umzusetzen, aber das Umdenken muss auf allen Ebenen erfolgen: bei den Leistungserbringern, bei den Klinikleitungen, im Gesundheitssystem und bei den Frauen.

  • Wirksame Mittel, um diese Herausforderung anzugehen, sind Praxisreflexion und die Erfassung und Auswertung von Qualitätsindikatoren, insbesondere, wenn diese Indikatoren verknüpft sind mit einem systematischen Vorgehen bei der Implementierung von Leitlinien. Chaillet et al. zeigten in einem Versuch in Kanada, dass die Sectio-Rate mit diesem Ansatz um 27 % gesenkt werden konnte [[37]].

  • Ein ungelöstes Problem ist die Angst vor juristischen Konsequenzen, die zu unnötigen Interventionen – insbesondere Kaiserschnitten – anstiftet. Erst wenn sich Praktiker und Gutachter zu einer forschungsgestützten Entscheidungsfindung und in der Konsequenz interventionsärmeren Geburtshilfe durchringen können, wird sich dieses Problem im Laufe der Zeit nach entsprechenden Urteilen reduzieren.


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Christiane Schwarz
Hebamme, BSc Gesundheitswissenschaften, MSc Public Health (MPH), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Med. Hochschule Hannover
Feldkamp 5
31174 Schellerten


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Abb. 1 Sectio-Indikationen in den USA (modifiziert nach ACOG 2014).