Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist zu erwarten, dass die Anzahl zahnloser
Patienten und solcher mit teilbezahntem Kiefer in den kommenden Jahren deutlich ansteigen
wird. Eine kostengünstige Therapieoption, die auch eine im Alter immer wichtiger werdende
einfache Pflege ermöglicht, stellt die Versorgung mit herausnehmbarem Zahnersatz (Total-
bzw. Teilprothese) dar. Um dessen Retention zu verbessern und somit zu einem gesteigerten
Patientenkomfort sowie einer erhöhten Langlebigkeit der Versorgungen beizutragen,
können Implantate zur sicheren Prothesenverankerung inseriert werden. Der besondere
Nutzen von Mini-Implantaten mit einem reduzierten Durchmesser von weniger als 3 mm,
die in beiden Indikationen zunehmend Verwendung finden, wird im Folgenden erläutert.
Stabilisierung von Totalprothesen
Der Zustand der Zahnlosigkeit bringt physische Einschränkungen mit sich, die durch
adäquate Therapiekonzepte sicher und kostengünstig auf ein Minimum zu reduzieren sind.
Da Totalprothesen diese Anforderungen nicht in vollem Maße erfüllen – durch mangelnde
Retention aufgrund eines häufig atrophierten Kieferkamms kann die Funktionalität nicht
vollständig wiederhergestellt werden – haben sich Konzepte zur Verankerung des Zahnersatzes
durch Insertion von Implantaten durchgesetzt. Bekannt ist, dass dieses Konzept mit
2 konventionellen Implantaten im Unterkiefer bereits zu einer deutlichen Verbesserung
der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität führt. Doch bei suboptimalen anatomischen
Voraussetzungen stellt die Verwendung von Implantaten mit Standarddurchmesser ein
Problem dar: In einigen Fällen ist es unmöglich, die Implantate optimal zu positionieren.
Eine Anpassung der Biologie, d. h. des Knochenangebots, an den Implantatdurchmesser
ist kosten- und zeitaufwendig sowie mit einem invasiven Eingriff verbunden. Eine Alternative
stellt die Anpassung des Implantats an die anatomischen Gegebenheiten dar. Möglich
ist dies durch eine Reduktion des Implantatdurchmessers.
Die Inhalte dieses Beitrags wurden auf Basis von Informationen zusammengestellt, die
Dr. Andreas Worni (Universität Bern, li.) und PD Dr. Friedhelm Heinemann (Morsbach
/ Universität Greifswald, re.) bei einem von 3 M ESPE organisierten Symposium mit
dem Titel „Mini-Implantate im Zeichen des demografischen Wandels“ präsentierten.
Dass Implantate mit reduziertem Durchmesser für die Indikation der Prothesenverankerung
im Unterkiefer geeignet sind, wird erstmals in einem Konsensus-Statement des ITI [
1
] bestätigt, das 2014 veröffentlicht wurde. Hier wird insbesondere der Einsatz bei
Patienten mit reduziertem Knochenangebot empfohlen.
Klinische Studie
Die Ergebnisse einer bisher unveröffentlichten klinischen Studie zum Einsatz von Mini-Implantaten
im zahnlosen Unterkiefer, die von der Universität Bern initiiert wurde, weisen ebenfalls
auf eine hervorragende Eignung der Minis in dieser Indikation hin. In der Untersuchung
wurden Mini-Implantate bei 20 Patienten mit einer Unterkiefer-Teilprothese inseriert.
Die Insertion erfolgte unter Lappenbildung, dabei wurden die distalen Implantate in
einem Abstand von 5–7 mm vom Foramen mentale positioniert. Es wurde eine Sofortbelastung
angestrebt und dann realisiert, wenn ein Eindrehmoment von über 35 Ncm erzielt wurde.
In regelmäßigen Kontrolluntersuchungen erfolgte nicht nur eine Ermittlung der Überlebensraten
der Mini-Implantate, sondern auch eine Untersuchung des Verschleißverhaltens des Attachmentsystems.
Nach einem Beobachtungszeitraum von 12 Monaten zeigte sich, dass sich der Verschleiß
auf die Matrize beschränkt und zu Beginn am größten ist. Die O-Ringe stellten sich
als sehr präzise heraus und wurden aufgrund des Verschleißes zu einem Drittel nach
12 Monaten ausgewechselt. Die Patrizen zeigten keinerlei Verschleißerscheinungen.
Die Retentionswerte der Housings, die je nach Gehäusetyp unterschiedlich sind, wurden
als gut eingestuft: Für einen ausreichenden Prothesenhalt sind Abzugskräfte von 3,5–7
N erforderlich. Im Rahmen der Studie, in der Gehäuse des Typs MH-2 zum Einsatz kamen,
wurde eine Retention von 7–9 N gemessen. Die Überlebensraten der Mini-Implantate waren
mit denen konventioneller Implantate vergleichbar.
Verankerung von Teilprothesen
Erfahrene Anwender von Mini-Implantaten setzen diese bereits seit mehreren Jahren
erfolgreich ein, um nicht nur Totalprothesen zu verankern, sondern auch die Retention
von Teilprothesen zu verbessern. Die Anzahl an Teilprothesenträgern steigt stetig
und die mangelnde Retention dieses herausnehmbaren Zahnersatzes stellt ein häufiges
Problem dar, das sogar zum frühzeitigen Verlust natürlicher Pfeilerzähne führen kann.
Seit rund 30 Jahren werden bereits wissenschaftliche Diskussionen darüber geführt,
ob Implantate und natürliche Zähne als Pfeiler für herausnehmbaren und festsitzenden
Zahnersatz miteinander verbunden werden dürfen. Dabei hat sich herausgestellt, dass
diese prothetische Option durchaus zu guten Ergebnissen führen kann, jedoch ist es
wichtig, den Ansatz systematisch zu verfolgen und die Implantate strategisch sinnvoll
zu positionieren. Benötigt wird also eine Systematik zur Bewertung des Lückengebisses
und der anschließenden Planung der Implantatanzahl und -positionen.
Dies gilt auch für den Einsatz von Mini-Implantaten mit reduziertem Durchmesser. Zu
beachten ist hierbei, dass die Belastung des periimplantären Knochens bei durchmesserreduzierten
Implantaten höher ist als bei solchen mit Standarddurchmesser. Bei indirekter Kraftübertragung
durch schleimhautgetragene und lediglich implantatretinierte Prothesen (Soft-Loading
Konzept wie bei MDI Mini-Dental-Implantaten von 3 M ESPE) besteht jedoch keine Gefährdung
durch Überlastung – dies wird durch Studienergebnisse [
2
]–[
4
] bestätigt, die mit konventionellen Implantaten vergleichbare Überlebensraten in
der Indikation der Prothesenstabilisierung belegen.
Systematisches Vorgehen
Um hinsichtlich der Verwendung im teilbezahnten Kiefer ein systematisches Vorgehen
mit Mini-Implantaten zu erleichtern, wurde von einer Arbeitsgruppe
*
ein Planungsschema entwickelt. Dieses bietet ausgehend von einer Klassifizierung
des Lückengebisses Empfehlungen zur Implantatanzahl und Positionierung der Mini-Implantate
auf Quadrantenebene.
Ausgangspunkt aller Überlegungen ist eine positionsabhängige prothetische Wertigkeit
der Pfeilerzähne: Bei einem Eckzahn handelt es sich um den strategisch wichtigsten
Pfeiler, die Wertigkeit nimmt über einen Zahn ab Position 4 hin zum Schneidezahn ab.
Danach richtet sich auch das MDI-Planungsschema: Bei einem Restzahnbestand mit hoher
Wertigkeit (Klassen 4 und 5) sind nur wenige Mini-Implantate zur Unterstützung notwendig.
Ist die Anzahl und Wertigkeit der verbleibenden natürlichen Zähne gering (z. B. Klassen
0 und 1), wird empfohlen, entsprechend mehr Mini-Implantate zu inserieren, um nachhaltig
die Prothesenstabilität zu verbessern. Dabei wird je Klasse eine bestimmte Anzahl
und Positionierung strategischer Implantate empfohlen, das Planungsschema bietet dem
Zahnarzt aber gleichzeitig die Freiheit, je nach Patientenfall auch optionale Mini-Implantate
zu inserieren (Abb. [
1
] und [
2
]).
Abb. 1 Empfehlungen zur Planung der Position und Anzahl von MDI Mini-Dental-Implantaten
zur Pfeilervermehrung im Oberkiefer.
Abb. 2 Empfehlungen zur Planung der Position und Anzahl von MDI Mini-Dental-Implantaten
zur Pfeilervermehrung im Unterkiefer.
Um zu zeigen, dass eine Pfeilervermehrung mit strategischen MDI Mini-Dental-Implantaten,
die inseriert und in eine vorhandene Teilprothese eingearbeitet wurden, eine zuverlässige
Behandlungsoption darstellt, wurde an der Universität Greifswald eine prospektive
randomisierte multizentrische 3-Jahres-Studie initiiert. Neben der Universität Greifswald
stehen 3 Zahnarztpraxen als Zentren zur Verfügung. Ermittelt wird auch, ob sich die
Lebensqualität und Zufriedenheit der Patienten durch die Behandlung verbessert. Verglichen
werden zudem die Überlebensraten von Mini-Implantaten nach Sofortbelastung und verzögerter
Belastung.
Nichts für Anfänger
Mini-Implantate sollten nicht ohne implantologische Erfahrung und entsprechende Schulungen
verwendet werden. Nur mit ausreichenden Kenntnissen anatomischer Strukturen sowie
bei Einhaltung des empfohlenen Insertionsprotokolls lassen sich klinisch gute Ergebnisse
erzielen.