Dialyse aktuell 2015; 19(03): 138
DOI: 10.1055/s-0035-1549464
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Akutes Nierenversagen bei Intensivpatienten – Hohe Mortalität auch ohne Multiorganversagen

Contributor(s):
Birgit Bader
Sileanu FE, Murugan R, Lucko N et al.
AKI in low-risk versus high risk patients in intensive care.

Clin J Am Soc Nephrol 2015;
10: 187-196
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Publication History

Publication Date:
17 April 2015 (online)

 
 

Quelle: Sileanu FE, Murugan R, Lucko N et al. AKI in low-risk versus high risk patients in intensive care. Clin J Am Soc Nephrol 2015; 10: 187–196

Thema: Ein Nierenversagen tritt bei Intensivpatienten im Rahmen eines Multiorganversagens regelhaft auf. Dennoch entwickeln zahlreiche Intensivpatienten auch ohne das Vollbild eines Multiorganversagens ein akutes Nierenversagen (ANV). Die vorliegende Studie untersuchte das mit einem ANV assoziierte Risiko und Outcome von Intensivpatienten mit und ohne Multiorganversagen (definiert als zusätzliches Lungen- oder Herz-Kreislauf-Versagen) bei der Aufnahme auf die Intensivstation.

Projekt: Retrospektiv wurden die Daten von 40 152 Intensivpatienten des UPMC (University of Pittsburgh Medical Center) von Juli 2000 bis Oktober 2008 ausgewertet. Die Patienten wurde in eine Niedrig-Risiko-Gruppe (ohne Lungen- oder Herz-Kreislauf-Versagen, 18 016 Patienten, 44,9 %) und in eine Hoch-Risiko-Gruppe (mit Katecholamin- oder Beatmungspflicht innerhalb der ersten 24 Stunden auf Intensivstation; 22 136 Patienten; 55,1 %) stratifiziert. Das akute Nierenversagen wurde gemäß den Kriterien der Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) definiert. Die primären Endpunkte stellten das mäßige bis schwere akute Nierenversagen (KDIGO-Stadium 2–3) und die risikoadjustierte Krankenhausmortalität dar.

Ergebnisse: In der Niedrig-Risiko-Gruppe trat ein akutes Nierenversagen Stadium 2–3 seltener auf als in der Hoch-Risiko-Gruppe sowohl innerhalb der ersten 24 Stunden (14,3 % vs. 29,1 %) als auch in einer Woche (25,5 % vs. 51,7 %) nach der Aufnahme auf die Intensivstation. Patienten beider Gruppen zeigten mit der Entwicklung eines akuten Nierenversagens eine höhere Mortalität, wobei die risikoadjustierte Krankenhausmortalität in der Niedrig-Risiko-Gruppe mit akutem Nierenversagen (Odds Ratio 2,99; 95-%-Konfidenzintervall 2,62–3,41) signifikant höher (P < 0,001) lag als in der Hoch-Risiko­Gruppe mit akutem Nierenversagen (Odds Ratio 1,19; 95-%-Konfidenzintervall 1,09–1,3).

Fazit: Intensivpatienten ohne Lungen- oder Herz-Kreislauf-Versagen gehören in die Niedrig-Risiko-Gruppe und zeigen prinzipiell ein besseres Überleben. Entwickeln sie jedoch ein akutes Nierenversagen, zeigt diese Gruppe derzeit eine stärkere relative Zunahme der ANV-assoziierten Mortalität als die Gruppe der Hoch-Risiko-Patienten mit Multiorganversagen. Ziel sollte es deshalb sein, auch in der Niedrig-Risiko-Gruppe ein ANV zu verhindern.

Schlüsselwörter: akutes Nierenversagen – Intensivpatienten – Mortalität – Risikostratifizierung

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(Bild: Thieme Verlagsgruppe, Fotograf/Grafiker: Kirsten Oborny)
Kommentar

Die vorliegende Studie zeigt eindrücklich die Bedeutung der Entwicklung eines akuten Nierenversagens bei Intensivpatienten für deren Outcome bzgl. Mortalität und Krankenhausverweildauer unabhängig von weiteren Begleiterkrankungen. Sowohl die Krankenhaus- als auch die Verweildauer auf der Intensivstation verdoppelt sich mit der Entwicklung eines ANV. Die Ein-Jahres-Mortalität liegt sowohl in der Niedrig- als auch in der Hoch-Risiko-Gruppe der Intensivpatienten mit ANV bei 34–39 %. Diese Studie reiht sich in eine Vielzahl von Studien ein, die – unabhängig von der Schwere des Nierenversagens – bei vielen klinischen Problemen die Übersterblichkeit durch das Auftreten eines Nierenversagens zeigten. Die Ursachen hierfür sind leider bisher nicht eindeutig geklärt, dennoch unterstreichen diese Zahlen eindrücklich, dass größere Anstrengungen unternommen werden müssen, ein akutes Nierenversagen bzw. dessen Progression in ein höheres Stadium zu verhindern – egal bei welcher Patientengruppe (ein ANV ist keine reine Laborerkrankung, sondern sollte immer sehr ernst genommen werden).

Die KDIGO-Leitlinien [ 1 ] geben Empfehlungen für die Behandlung (z. B. Absetzen nephrotoxischer Medikamente, Meiden von Röntgenkontrastmitteln, Monitoring des Serum-Kreatinin-Werts und Urinausscheidung etc.). Niedrig-Risiko-Patienten werden hiervon wahrscheinlich sogar noch mehr profitieren, da ihr kurzfristiges Outcome (Krankenhausmortalität, Mortalität innerhalb von 30 Tagen nach Intensivtherapie) stärker von der Entwicklung eines ANV abhängt als bei Patienten in der Hoch-Risiko-Gruppe. Zusätzlich unterstreicht diese Studie auch die große Bedeutung der nephrologischen Mitbetreuung auf der Intensivstation und der nephrologischen Mit- und Weiterbehandlung nach Entlassung von der Intensivstation bzw. aus dem Krankenhaus [ 2 ].

Dr. Birgit Bader, Berlin


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(Bild: Thieme Verlagsgruppe, Fotograf/Grafiker: Kirsten Oborny)