Flugmedizin · Tropenmedizin · Reisemedizin - FTR 2015; 22(02): 98-99
DOI: 10.1055/s-0035-1550314
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Vorbereitung auf zurückkehrendes Hilfspersonal und Einreisende aus den Epidemiegebieten – Ebola als Herausforderung für das Gesundheitswesen in Deutschland

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Publikationsdatum:
27. April 2015 (online)

 

Im Dezember 2013 begann in Guinea ein Ebolafieberausbruch, der sich nach Übertragungen in Liberia, Nigeria und Sierra Leone zur größten jemals verzeichneten Ebolafieberepidemie entwickelte. Am 8. August 2014 erklärte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch in Westafrika zu einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite. Der Ausbruch verursachte Tod und Leiden bei unzähligen Menschen und bewirkte auch soziale und wirtschaftliche Schäden, die weit über das Epidemiegebiet hinausreichen.

Die weit überwiegende Zahl der Erkrankungen betraf Guinea, Liberia und Sierra Leone. Jedoch wurden auch Fälle aus 6 anderen Ländern mitgeteilt. Zwei davon liegen in Europa: Spanien und Großbritannien. Weitere europäische Länder, darunter Deutschland, übernahmen die Behandlung von Ebolahelfern, die nach möglicher Ebolavirusexposition ausgeflogen wurden.

Unbekanntes Ebola macht Angst

Bis in den Herbst 2014 hatten nur wenige Ärzte in Deutschland jemals einen Patienten mit einer Ebolavirusinfektion gesehen. Dann trug eine starke Medienpräsenz das Thema Ebolafieber plötzlich in jedes Wohnzimmer und in jede Notaufnahme. Das unbestimmbare Risiko der Einreise einer an Ebolafieber erkrankten oder dessen verdächtigen Person war mitunter angstbesetzt, auch jenseits des Rationalen. Bei fiebernden Reiserückkehrern aus Afrika konnte „Ebola“ deshalb plötzlich als wahrscheinlichste Differenzialdiagnose anmuten, noch vor Malaria und bei unsicherer Exposition. Anekdotisch aus einem nächtlichen Konsil: Südwestafrika wurde, wegen des Wortes „West“ im Kompositum, dem über 4000 km entfernten Epidemiegebiet in Westafrika zugeordnet. Die Verständigung auf den Ausschluss einer Expositionsmöglichkeit gelang schnell.


Vorbereitung durch Fortbildung

Kenntnisse über Expositionsmöglichkeiten, Übertragungswege, Inkubationszeiten, klinische Symptomatik, diagnostische Möglichkeiten und Differenzialdiagnosen bereiten den Grund für das Fallmanagement. Nach sukzessivem Beginn sind auch Literatur und Fortbildungsangebote verfügbar. Siehe hierzu den Beitrag „Aktuelles Wissen über das Ebolavirus“, S. 68–72 in diesem Heft. Das Internet erweist sich als schnellste Quelle. Eine Suche zu „Robert Koch-Institut“ und „Ebola“ erbringt aktuelle Informationen zu Ebolafieber in Westafrika, zur Situation in Deutschland und in anderen Ländern. Wie stets ist die Verfügbarkeit von Informationen nicht gleichbedeutend mit aktivem, handlungsbefähigendem Wissen am Point of Care. Deshalb wurden Gesprächsmöglichkeiten eingerichtet. Gesundheitsämter kennen landesspezifische Ressourcen und Ablaufplanungen. Sieben Kompetenz- und Behandlungszentren sowie ein Trainingszentrum für hochkontagiöse und lebensbedrohliche Erkrankungen unterstützen das Vorgehen bei begründeten Verdachtsfällen auf Ebolafieber [ 1 ]. In mehreren Zentren arbeiten mittlerweile Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Laborexperten mit Felderfahrung in Westafrika.


Vorgehen bei Verdacht auf Ebolafieber

Verdachtsfälle werden nach der Reise- und Kontaktanamnese und dem klinischen Bild abgeklärt. Anfänglich erschweren unspezifische Symptome die klinische Differenzialdiagnose zu anderen Tropenkrankheiten, vor allem Malaria. Malaria ist unverändert wahrscheinlicher als Ebolafieber, eingenommene Prophylaxe ist kein Beweis gegen Malaria. Je früher die Therapie beginnt, desto eher sind lebensbedrohliche Komplikationen vermeidbar.

Fast immer genügt bereits eine tagesgenaue Reiseanamnese für die Entscheidung, ob ein begründeter Verdachtsfall vorliegen kann oder nicht. Die Befragung kann unter Einhaltung von wenigstens einem Meter Abstand zum Patienten erfolgen. Patient und Arzt müssen wissen: Korrekte Angaben können lebenswichtig sein.

Bei Hinweisen auf einen begründeten Verdacht auf Ebolafieber ist sofort das Gesundheitsamt zu informieren. Die Erreichbarkeit außerhalb der Dienstzeiten ist nicht bundeseinheitlich geregelt. Soweit nicht praxisbekannt, sollte örtlich Auskunft eingeholt werden. Notfalls lässt sich der Kontakt über die örtliche Polizeidienststelle herstellen. Das Gesundheitsamt berät sich mit dem behandelnden Arzt und gegebenenfalls dem Kompetenzzentrum, dem Behandlungszentrum und der Landesgesundheitsbehörde. Bis zu einer Entscheidung sollte der Patient, sofern es sein Zustand zulässt, im derzeitigen Umfeld (zu Hause, Arztpraxis, Aufnahmebereich Krankenhaus) verbleiben.


Verlegung bei begründetem Verdacht

Grundsätzlich strebt man an, einen Patienten mit begründetem Verdacht auf Ebolafieber auf die Sonderisolierstation eines Behandlungszentrums zu verlegen. Allerdings sind Sonderisolierstationen nicht sofort aufnahmebereit. Die Vorbereitung eines Infektionstransports und das „Hochfahren“ der Station mit Technik und Personal erfordern mehrere Stunden. Deshalb akzeptieren die Behandlungszentren keine direkten Verlegungsanfragen. Bei Verdacht auf Ebolafieber wird die Indikation zur Verlegung unter Einbezug der Gesundheitsbehörden gestellt. In Absprache mit dem zuständigen Gesundheitsamt sowie gegebenenfalls dem Kompetenz- und Behandlungszentrum kann erwogen werden, vor Ort Blut abzunehmen und eine Labordiagnostik zu veranlassen.


Seuchenhygienische Maßnahmen

Bereits der Krankheitsverdacht auf Ebolafieber ist unverzüglich namentlich meldepflichtig. Je früher ein Fall erkannt und gemeldet wird, umso eher können Schutzmaßnahmen beginnen. Alle Kontaktpersonen des bestätigten Falls und gegebenenfalls bereits des begründeten Verdachtsfalls sind zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung unverzüglich zu ermitteln.

Gesucht werden alle Personen, die unmittelbaren Kontakt zum Erkrankten nach Symptombeginn hatten, und alle Personen, die mit infektiösem Material des Erkrankten in Kontakt gekommen sein könnten. Dazu gehören zum Beispiel Familienangehörige, medizinisches Personal und Laborpersonal. Nach Flügen sind es alle Passagiere, die einen Sitz in alle Richtungen, auch über den Gang, vom Indexfall entfernt gesessen oder mit ihm direkten Kontakt hatten, ebenso betreuende Crewmitglieder. Gesundheitsbehörden und Fluggesellschaften sind auf solche Ermittlungen vorbereitet.


Ebolahelfer sind gut vorbereitet

Die Ebolaepidemie führte praktisch zu einem Zusammenbruch des Gesundheitswesens im Epidemiegebiet. Internationale Helfer sind vor Ort. Längst nicht alle Hilfskräfte haben jedoch Kontakt mit Patienten. Trotzdem ist die Risikovorsorge intensiv. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bereitet in Kursen mit dem Missionsärztlichen Institut und der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg freiwillige Helfer auf ihren Einsatz in Ebolagebieten vor. Nach ihrer Rückkehr nehmen die Helfer des DRK an einer 3-wöchigen Nachbereitung teil. Über dieses „Debriefing“ verstreicht die Inkubationszeit. Ärzte ohne Grenzen, Technisches Hilfswerk und DRK unterhalten für ihre rückkehrenden Einsatzkräfte durchgängig erreichbare Hotlines. Rückkehrer sind gehalten, mit ihrem Gesundheitsamt eine gegenseitige Erreichbarkeit herzustellen.


Medizinische Evakuierung bei Ebolafieber

Trotz aller Vorsicht kann persönliche Schutzausrüstung verletzt werden. Wenn die mögliche Virusexposition sofort bemerkt wird, ist wegen der Inkubationszeit von 2 bis 21 Tagen eine Heimholung ohne intensivmedizinische Betreuung möglich. Seit Beginn der Epidemie wurden bis 20. März 2015 65 Personen aus betroffenen Ländern evakuiert oder repatriiert [ 2 ]. Es gab 13 medizinische Evakuierungen von bestätigten Infizierten nach Europa: 3 nach Deutschland, jeweils 2 nach Spanien, Frankreich und Großbritannien sowie jeweils ein Patient nach Norwegen, Italien, in die Niederlande und in die Schweiz. Weiterhin wurden 25 asymptomatische Personen nach Ebolavirusexposition nach Europa repatriiert: 13 nach Großbritannien, 3 nach Schweden, 4 nach Dänemark, 2 in die Niederlande und jeweils eine Person nach Deutschland, Spanien und in die Schweiz. Insgesamt 27 Personen wurden in die Vereinigten Staaten evakuiert. Bei symptomatischen und behandlungsbedürftigen Patienten ist eine medizinische Evakuierung in kleinen Ambulanzfliegern problembehaftet. Lange Flugzeiten, beengte Raumverhältnisse und die Isolation im Schutzanzug oder einem bildhaft als „Schneewittchensarg“ bezeichneten Transportisolator begrenzen die Behandlungsmöglichkeiten. Ein völlig neues Schutzkonzept wurde im Evakuierungsflugzeug „Robert Koch“ realisiert [ 3 ]. Abbildung [ 1 ] und [ 2 ] vermitteln einen Eindruck von der Rückholmöglichkeit mit intensivmedizinischer Versorgung in dieser fliegenden Sonderisolierstation.

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Abb. 1 Fliegende Sonderisolierstation: Hinter den Sonnenblenden des Airbus A340-300 D-AIG2 „Robert Koch“ befindet sich eine Behandlungseinheit für hochkontagiöse lebensbedrohliche Infektionskrankheiten. (Quelle: Dr. Günter Pfaff, Stuttgart)
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Abb. 2 Airbus A340-300 „Robert Koch“: Blick in die Isoliereinheit mit Vorraum, Schleuse und Behandlungsraum. (Quelle: Dr. Günter Pfaff, Stuttgart)

Allen Ebolahelfern gebührt Dank und Anerkennung für ihren Einsatz. Und falls, was hoffentlich nicht eintreten wird, doch einmal jemand Hilfe benötigt und nach Hause muss, ist Deutschland auch darauf vorbereitet.

Dr. Günter Pfaff, Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg im Regierungspräsidium Stuttgart





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Abb. 1 Fliegende Sonderisolierstation: Hinter den Sonnenblenden des Airbus A340-300 D-AIG2 „Robert Koch“ befindet sich eine Behandlungseinheit für hochkontagiöse lebensbedrohliche Infektionskrankheiten. (Quelle: Dr. Günter Pfaff, Stuttgart)
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Abb. 2 Airbus A340-300 „Robert Koch“: Blick in die Isoliereinheit mit Vorraum, Schleuse und Behandlungsraum. (Quelle: Dr. Günter Pfaff, Stuttgart)