Subscribe to RSS
DOI: 10.1055/s-0035-1564916
Wie die Krankenkassen die Therapiehoheit erobern
Authors
Publication History
Publication Date:
28 October 2015 (online)
Unser Gesetzliches Krankenversicherungssystem: Es war der Geniestreich des Otto von Bismarck, der per Gesetz 1883 eine einmalige Kranken-, Pensions- und Invalidenversicherung begründete. Diese Versicherung war ursprünglich auf Arbeiter der unteren Einkommensschicht beschränkt, wurde im Laufe der Zeit allerdings ausgeweitet, um einen Großteil der Bevölkerung zu erfassen. Heute ist die GKV Rückgrat der Finanzierung unserer medizinischen Versorgung. Den Kassen obliegt es, mit den Geldern der Versicherten die medizinischen Leistungserbringer zu bezahlen, eine administrative Aufgabe, die mit Verstand und Verantwortung zu leisten ist. Damit Gelder nicht in den Sand gesetzt werden, hat das V. Sozialgesetzbuch reglementiert, dass die Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein müssen und das Maß des Notwendigen nicht überschreiten dürfen. Das kennen wir alle. Das wird, wenn es um Leistungsabschläge und -verweigerungen geht, mantrahaft wiederholt.
Nehmen wir die Realität der GKV heute unter die Lupe. Zuvor sei den Kassen, denen die Politik auch noch Wettbewerb verordnet hat, ihre größte Angst ernst genommen – die Kosten. Dieselben wachsen stetig und drastisch. In regelmäßigen Intervallen streut der GKV-Spitzenverband, dass Apotheker, Krankenhäuser und Ärzte korrupt seien und Millionen auf deren Konten versickerten. Deshalb die Kostenlawine? Der BILD-Leser muss das so verstehen. Die Wahrheit ist eine andere, gleichwohl für die künftige Kostenkalkulation der Kassen durchaus verheerende. Unsere Medizin wird immer kostspieliger. Früher bedeutete Krebs jedweder Art den frühen Tod. Heute bietet die Pharmaindustrie medikamentöse Interventionen, die mancher Krebsart den Garaus gemacht haben und bei anderen ein signifikantes Überleben garantieren. Die Forschung verschlingt Milliarden, die Medikamente sind extrem teuer. Hepatitis C lässt sich mit Sofosbuvir zu 90 % heilen. Der Hersteller Gilead Science kassiert für eine Tablette 700 Euro. Dass die neuen oralen Antikoagulanzien (NOAK)Marcumar alt aussehen lassen und den Patienten Lebensqualität und Medikamentensicherheit schenken, ist das eine, nur bezahlen wollen die Kassen das nicht. Die NOAKs überschreiten wohl das Maß des Notwendigen. Die Chirurgen jedweder Ressorts langen ebenfalls kräftig zu. Unsere Gesellschaft altert und schleppt chronische Leiden ins hohe Alter, die einst wegen des früheren Ablebens erst gar nicht relevant wurden. So erhält heute eine Achtzigjährige eine neue Herzklappe, minimalinvasiv und äußerst schonend, ohne Herz-Lungen-Maschine. Oder eine Endoprothese, obwohl nicht bestritten wird, dass in Deutschland weitaus mehr endoprothetische Eingriffe als in anderen europäischen Ländern vorgenommen werden (Zur altersrelevanten Rationierung mag sich kein Politiker bekennen...).
Die Kassenmanagements begleitet die grausige Angst, irgendwann mit den Budgets nicht mehr auszukommen. Die Versicherungsbeträge zu erhöhen, heißt im Wettbewerb Versicherte an andere Kassen zu verlieren. Also spart man eisern ohne Sachverstand. Hilfsmittel werden ausgeschrieben. Auch wenn beispielsweise die billigeren Inkontinenzeinlagen dann Dekubitus befördern. Und die DAK will mit einer bemerkenswerten Fragebogenaktion Nachbarn aufspüren, die den Pflegebedürftigen kostenlos beistehen und so die Pflegedienste entlasten sollen aber sie auch aus dem Spiel kicken könnten.
Über sinnvolle Sparmaßnahmen muss man debattieren. Vor allem mit der Politik, die der GKV Stück um Stück Therapieentscheidungen zubilligt. Das Antikorruptionsgesetz für Berufsgruppen des Gesundheitswesens macht die GKV zum Scharfrichter aller im Gesundheitswesen Agierenden. Die Unabhängige Patientenberatung soll jetzt an Sanvatis gehen, ein Unternehmen, das mit den Krankenkassen eng verbandelt ist und in deren Sinne künftig „beraten“ wird. Auf vielfältige Weise versuchen die Kassen an die Sozialdaten ihrer Versicherten zu gelangen und damit das Fallmanagement in ihrem Sinne zu steuern. All das stärkt die Einflussnahme der GKV zur Rationierung von Leistungen und Vergütungen.
Die Politik hält sich raus. Sie lässt die Kassen machen und ist zufrieden, wenn diese den Sparkommissar geben. Die Krankenkassen entscheiden immer mehr, welche Therapie dem Versicherten zusteht. Dem Arzt droht das Folterinstrument des Regresses. Es ist fraglich, ob medizinische Behandlungen damit auf lange Sicht von medizinischer Qualität und hoher klinischer Wissenschaft gekennzeichnet sind.
Es ist eine Tatsache: Die Krankenkassen reißen immer mehr die Therapieentscheidungen an sich. Sie haben feine Instrumente dafür zur Hand, den MdK, das IQWiG, den G-BA. Der Patient ist auf dem Weg, zum Rechnungsposten ökonomischen Kalküls degradiert zu werden. Und wir Ärzte sehen uns zunehmend unserer Therapiefreiheit beraubt. Viele haben diese Entwicklung noch gar nicht realisiert. Es ist an der Zeit, dass wir uns als Anwalt des Patienten unserer Verantwortlichkeit bewusst werden und uns – aber möglichst – geschlossen äußern.
