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DOI: 10.1055/s-0036-1572470
Patientensicherheit – „Das Thema gehört verpflichtend ins Studium“
Publication History
Publication Date:
22 February 2016 (online)
Michael Rosentreter,
Jahrgang 1961, ist Medizinsoziologe mit 20-jähriger Praxis als Fachpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin. Rosentreter war unter anderem Mitglied der Arbeitsgruppe Bildung und Training beim Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) und arbeitet heute freiberuflich als Dozent.


Der Medizinsoziologe und -historiker Michael Rosentreter leitete von 2009 bis 2012 ein Seminar „Patientensicherheit“ für Medizinstudierende an der RWTH Aachen. Hier erklärt er, warum und wie das Thema Patientensicherheit im Medizinstudium verankert werden sollte.
? Wie wurden Sie 2009 Leiter dieses Seminars zu Patientensicherheit an der RWTH, hatten Sie eine berufliche Qualifikation dafür?
Streng genommen gibt es keine Ausbildung zum Experten für Patientensicherheit. Ich
kenne aktuell nur 2 Aufbaustudiengänge zum Thema Patientensicherheit, beide in Österreich,
in Krems und in Wien. 2009 war ich Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für
Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH. Mit Patientensicherheit hatte
ich mich davor schon länger befasst, so wurde ich Seminarleiter.
Wir waren in Aachen die 1. Medizinische Fakultät hierzulande, die Patientensicherheit
als Seminar im Umfang von 2 Semesterwochenstunden angeboten hat.
Recherchen zeigten, dass sie andernorts nur im Qualitätsmanagement oder als 4-stündige
Vorlesung thematisiert wurde. Unser Angebot richtete sich an Studierende ab dem 1.
Semester.
? Wie war die Resonanz?
Da der Kurs im Qualifikationsprofil angeboten wurde, sind wir immer mit kleiner Teilnehmerzahl, im Durchschnitt einem Dutzend, gefahren.
? Was fand im Seminar statt?
Patientensicherheit ist ein Querschnittfach. Aufbauend auf den Grundlagen – Definitionen, Fehlermanagement, Fehlerkultur – ließen sich an sozialpsychologischen Themen Mechanismen der Fehlerentstehung veranschaulichen. Besonders wichtig war uns die Praxis: Exkursionen, Expertengespräche, Fallbesprechungen. Die Fälle entstammten den gängigen Fehlermeldesystemen.
? MRSA-Screening, Checklisten im OP, bis zur Frage, welche Computersysteme man für mehr Arzneimittelsicherheit nutzt, das sind enorm viele Aspekte in diesem Riesenthema Patientensicherheit. Das passt kaum alles in ein Seminar?
So ist es, im Grunde kann man jede Lehrveranstaltung mit Faktenwissen überfrachten. Meine pädagogische Grundauffassung – nicht nur zum Fach Patientensicherheit – ist es, Freude am analytischen Denken, kritischen Einstellungen und Problemlösungsstrategien zu vermitteln. Bereits Studierende benötigen einige zentrale universelle Fähigkeiten, mit denen sie Risikosituationen erkennen können. Sie müssen dabei auch lernen, die eigenen Grenzen einzuschätzen.
? Und solche universellen Fähigkeiten hat das Seminar vermittelt?
Wir haben das versucht und in der studentischen Evaluation eine gute Rückmeldung erhalten. Allerdings haben wir im Verlauf die Prioritäten ändern müssen und die sozialpsychologischen Anteile zugunsten der Arzneimitteltherapiesicherheit zurückgenommen.
? Die meisten Unis haben so ein Seminar gar nicht, auch an der RWTH wurde es wieder eingestellt. Warum fristet das Thema Patientensicherheit an den Unis so ein Schattendasein?
Einen Grund sehe ich in der Fächerfülle des Medizinstudiums und der Dichte des Lehrbetriebs an den Medizinischen Fakultäten, wodurch die Studierenden hohem Druck ausgesetzt sind. Angesichts widerstrebender Interessen werden Prioritäten gesetzt und Fächer, hinter denen keine medizinische Fachgesellschaft steht, geraten ins Hintertreffen. In den letzten 20 Jahren wurden viele neue Fächer in die Approbationsordnung aufgenommen, ohne dass eine Curriculumrevision erfolgt wäre.
? Mithin kein Platz für einen weiteren Block zur Patientensicherheit. Werden denn vielleicht die Faktenaspekte der Patientensicherheit, Dinge wie CIRS, Checklisten, an anderer Stelle im Medizinstudium trainiert?
Nach meinem Eindruck kaum. Meine Befragung von 218 Studierenden des 10. Semesters vor 1,5 Jahren an der RWTH Aachen hat diesbezüglich desillusionierende Befunde ergeben.
? Was für eine Befragung?
Sie ist Teil meiner Dissertation, an der ich zurzeit schreibe. Ich habe die Studierenden nach ihrem Wissen, Bedarf und Wünschen zur Ausgestaltungen eines Lehrangebots Patientensicherheit befragt. Ein bedenklicher Befund ist, dass die Studierenden sehr wenig Wissen zur Patientensicherheit haben und dass sie ihre Fähigkeiten überschätzen. Nur eine kleine Anzahl der Studierenden konnte zum Beispiel korrekt angeben, was ein CIRS ist. Dies sind keine Einzelbefunde. Da geht das Medizinerstudium sicher an wesentlichen Erfordernissen der Patientensicherheit vorbei. Zurzeit erarbeite ich ein Konzept für ein integriertes Lehrangebot zur Patientensicherheit, das ich als Vorschlag verstanden wissen möchte.
? Das gibt es also noch gar nicht?
Es gibt etliche Lernzielkataloge, Guides und Curricula der nationalen und internationalen Aktionsgemeinschaften für Patientensicherheit und der WHO, aber bisher bin ich auf keinen praktikablen und konkreten Lehrentwurf gestoßen. Es gibt eine Broschüre der Stadt Hamburg [ 1 ]. Sie wird in Pflegeschulen eingesetzt. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) hat 2014 eine Empfehlung für einen Lernzielkatalog herausgegeben [ 2 ]. Ich war in der Arbeitsgruppe und erinnere mich, wie Professor Matthias Schrappe in der konstituierenden Sitzung 2010 das Ziel formulierte, die Patientensicherheit in den nächsten 3 Jahren in der Pflichtlehre des Medizinstudiums zu verankern. Leider sind wir weit hinter diesen Zielen geblieben.
? Platz dafür gibt es im Medizinstudium aber nur, wenn anderswo entrümpelt wird?
Ich denke ja. Entrümpeln heißt in dem Fall pädagogisch sinnvolle Umstrukturierung.
? Was wäre zu vermitteln?
Natürlich zum einen Faktenwissen, Checklisten, etc. Noch viel wichtiger finde ich, überhaupt Sensibilität und Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Schon Studierende müssen eine Idee davon entwickeln, dass es Risiken im medizinischen Alltag gibt: nachlassende Konzentrationsfähigkeit nach langen Einsätzen, Überforderung durch Multitasking usw. Dazu zählt für mich auch das Wissen, dass jeder Mensch fehlbar ist. Ohne diese Grundhaltung nützen Checklisten und CIRS nicht. Die meisten Fehler entstehen im Routinebetrieb, quasi en passant, und das ist das Tückische.
? Ein Beispiel?
Ich habe einen Fall als Pfleger in der Anästhesie erlebt. Wir fragen die Patienten vor der Narkoseeinleitung nochmals, wer sie sind, welche Seite und welches Organ operiert wird – die Patienten- und die Seitenidentifikation. Wir bitten die Patienten, die Stelle, an der operiert werden soll, selbst am Körper anzuzeichnen. Die meisten sind zunächst irritiert, zeigen aber Verständnis, wenn man ihnen die Gründe erklärt. Schön und gut, normale Einleitung, ich schiebe den Patienten in den OP, Anschließen ans Narkosegerät usw. und bereite in der Einleitung die nächste Narkose vor. Durch puren Zufall musste ich noch einmal in den OP und sehe, wie die Chirurgin das falsche Bein lagert und schon desinfiziert – es ging um eine Metallentfernung.
? Aber die Information stand doch in der Akte und die Stelle war sogar am Körper angezeichnet?
Richtig. Es ging um das linke Bein. Doch auf meine entsetzte Nachfrage erklärte die Operateurin, die Narben der Vor-OP seien doch am rechten Knöchel. Das ist ganz typisch, sie hat sich von anderen Signalen leiten lassen und der Patient hatte tatsächlich dort eine gut sichtbare Narbe.
? Das heißt, Ihre vorherige Abfrage des Patienten kann zwar absichern, dass eine womöglich falsch im OP-Plan stehende Angabe noch rechtzeitig korrigiert wird, wenn dann aber im OP keiner in den Plan schaut, dann ist Hopfen und Malz verloren?
Genau, deshalb erfordert Patientensicherheit Aufmerksamkeit und die Achtsamkeit wohlmeinender Kollegen.
? Sie müssten also zur Sicherheit auch noch mit den Chirurgen im OP direkt kommunizieren?
Ja. Kommunikation und störungsfreie Informationsweitergabe ist das A und O. Und der berühmte 2. Blick, der findet unter dem Zeitdruck in den Kliniken oft nicht statt. Ich nenne Ihnen noch einen Fall. Eine Patientin wird in die Einleitung der Anästhesie gebracht und bevor ich nach dem Namen fragen kann, kommt der Operateur und stellt fest, dass sie nicht seine Patientin sei. Was war geschehen? Eine Kollegin auf Station hatte die falsche Patientin geschickt, die einen ähnlich klingenden fremdsprachigen Namen hatte. Da sind Missverständnisse und Patientenverwechslung vorprogrammiert. Zum Glück – und das ist heute in den Kliniken kaum mehr üblich – hatte dieser Operateur die Patientin vorher gesehen.
? Vermutlich das Aufklärungsgespräch gemacht?
Genau. Das Problem ist aber, dass heute viele Tätigkeiten segmentiert werden. Der Arzt, der das Aufklärungsgespräch führt, ist nicht derselbe, der operiert. Und die postoperative Visite macht womöglich ein 3. Arzt. Ich bin deshalb kein Freund der Vorstellung, man müsse vor allem kritische Stress-Situationen trainieren, damit weniger Fehler passieren. Jede Universität hat heute Simulationszentren, in denen Risikosituationen durchgespielt werden. Im Ergebnis kommen Studierende, die das glatt durchlaufen haben, mit einer falschen Sicherheit heraus ohne eine Vorstellung der größten Risiken zu haben. Wenn Sie in die Fehlerstatistik schauen, dann sind es vor allem Fehler, die in der Routine unterlaufen und weniger in Notfallsituationen: Dinge wie Patienten-, Seiten- und vor allem Arzneimittelverwechslungen, die Schnittstellenproblematik, unleserliche Dokumentationen...
? Sie sagen also eher kein Simulationstraining, aber wieso dann ein eigenes Seminar zur Patientensicherheit? Das richtet vermutlich auch nicht viel aus?
Simulationstrainings haben ihre Berechtigung als ein Baustein unter vielen. Wir sollten aber grundlegende Fähigkeiten vermitteln und üben: Urteilsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Achtsamkeit, Selbstreflexionsfähigkeit. Ein Seminar dazu halte ich für überaus sinnvoll.
? Ein gestandener Chirurg wird möglicherweise sagen, es ist Unsinn, das Thema schon in das Grundstudium zu packen, das lernen die Mediziner viel besser direkt am OP-Tisch, ab dem PJ.
Der Einwand ist berechtigt. Wir sprechen heute aber vom lebenslangen Lernen. Meine Vorstellung bleibt daher, dass auch Studierende im Grundstudium frühestmöglich an das Thema herangeführt werden müssen.
Ist es richtig, dass die Medizin von den Piloten lernen kann?
Die Luftfahrt ist beim Thema Sicherheit sicherlich wegweisend. Die Erfolge sind dort auf eine Kombination vieler Maßnahmen zurückzuführen, insbesondere auf eine veränderte Kommunikationskultur und dies vor allem im Cockpit. Das hat zu einer erheblichen Abflachung der Hierarchien geführt und darin liegt sicher eine große Chance für das System der medizinischen Versorgung, das immer noch zu hierarchisch geprägt ist. Es gilt überkommene Traditionen aufzubrechen, um sich für neue Aufgaben umzuorientieren.
Das Interview führte Bernhard Epping
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Literatur
- 1 Aus Fehlern lernen – Curriculum zur Patientensicherheit Stadt Hamburg, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz, 2010, http://www.hamburg.de/patientenschutz/4252224/broschuere-curriculumbausteine-patientensicherheit/
- 2 Wege zur Patientensicherheit – Lernzielkatalog für Kompetenzen zur Patientensicherheit, Herausgeber APS, 2014, http://www.aps-ev.de/angebote/handlungsempfehlungen/datum////wege-zur-patientensicherheit-lernzielkatalog-fuer-kompetenzen-in-der-patientensicherheit-kopie-1/
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Literatur
- 1 Aus Fehlern lernen – Curriculum zur Patientensicherheit Stadt Hamburg, Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz, 2010, http://www.hamburg.de/patientenschutz/4252224/broschuere-curriculumbausteine-patientensicherheit/
- 2 Wege zur Patientensicherheit – Lernzielkatalog für Kompetenzen zur Patientensicherheit, Herausgeber APS, 2014, http://www.aps-ev.de/angebote/handlungsempfehlungen/datum////wege-zur-patientensicherheit-lernzielkatalog-fuer-kompetenzen-in-der-patientensicherheit-kopie-1/


