See also:
TropenophthalmologieKlin Monbl Augenheilkd 2015; 232(10): 1213-1234
DOI: 10.1055/s-0033-1358176
Abkürzungen
ART:
antiretrovirale Therapie
CHB:
Childhood Blindness
CIN:
konjunktivale intraepitheliale Neoplasie
CMV:
Zytomegalievirus
CSC:
Cataract surgical Coverage
CSR:
Cataract surgical Rate
ECCE:
extrakapsuläre Kataraktextraktion
EPI:
Expanded Program of Immunization
FDP:
Frequency Doubling Perimetry Technique
GIVS:
Global Immunization Vision and Strategy
GET:
Global Elimination of Trachoma
HCW:
Health Care Worker
HIV:
humanes Immundefizienz-Virus
HPV:
humanes Papillomavirus
IAPB:
International Agency for the Prevention of Blindness
IOL:
intraokulare Linse
ITI:
Internationale Trachom-Initiative
MLW:
Mid Level Worker
MSICS:
Manual small Incision Cataract Surgery
NCD:
Non-communicable Diseases
NGO:
Nichtregierungsorganisationen (Non-governmental-Organisations)
NNO:
Neuritis nervi optici
NPDR:
nichtproliferative diabetische Retinopathie
OSSN:
Ocular Surface squamous Neoplasia
PHC:
Primary Health Care
PDR:
proliferative diabetische Retinopathie
PEWG:
primäres Engwinkelglaukom
POWG:
primäres Offenwinkelglaukom
ROP:
Retinopathia praematurorum
SAFE:
Surgery, Antibiotics, Face Washing, environmental Improvement
SSA:
subsaharisches Afrika
SSI:
Sight Savers International
TET:
Trabekulektomie
U5MR:
Under-5-Mortality Rate
VAD:
Vitamin A Deficiency
WHO:
Weltgesundheitsorganisation
Vorbemerkung
Um weltweit eine qualitativ hochwertige Augenheilkunde jedem Menschen anbieten zu
können, bedarf es der sog. „4 A“:
-
Awareness,
-
Availability,
-
Accessibility,
-
Affordability.
Wir präsentieren hier ein besonders gelungenes Beispiel aus dem Bundesstaat Andhra
Pradesh, Indien. Dort wurde das „Pyramidal Eye Care Service Delivery Model“ entwickelt
und erfolgreich implementiert. Um weitere Erfolge in der Bekämpfung von Blindheit
und Sehbehinderung zu erreichen, hat die International Agency for the Prevention of
Blindness (IAPB) den globalen Aktionsplan für die Jahre 2014–2019 entwickelt. Dieser
Plan gibt nicht die genauen Wege der jeweils nationalen Implementierung vor, wohl
aber die zu erreichenden Einzelziele mit dem Hauptziel: Verringerung von vermeidbarer
Blindheit und Sehbehinderung um 25 % bis 2019 auf Basis der Daten von 2010.
Darüber hinaus machen wir Sie mit Erkrankungen vertraut, mit denen Sie heutzutage
in der täglichen Routine eines Augenkrankenhauses im subsaharischen Afrika (SSA) konfrontiert
sind:
-
Katarakt,
-
Glaukom,
-
unkorrigierte Refraktionsfehler,
-
diabetische Retinopathie,
-
Kinderblindheit,
-
Hornhautentzündung,
-
HIV-assoziierte Augenerkrankungen: CMV-Retinitis, Bindehautkarzinom.
Einleitung
WHO-Definition der Sehbehinderung und Blindheit
Es gibt seit 2004 sechs verschiedene Kategorien von Sehbehinderung und Blindheit (Tab. [1]). Dabei werden sowohl der Visus als auch eine Einschränkung des Gesichtsfelds eines
Patienten erfasst.
Tabelle 1 WHO-Definition von Sehbehinderung und Blindheit. Neufassungsvorschlag der ICD-10
zur Einteilung der Sehbehinderung.
Kategorie
|
Visus mit bester Korrektur
|
zentrales Gesichtsfeld
|
Klassifikation
|
1
|
< 0,5
|
–
|
milde Sehbeeinträchtigung
|
2
|
< 0,3
|
–
|
mäßige Sehbeeinträchtigung
|
3
|
< 0,1
|
10–20°
|
Blindheit
|
4
|
< 0,05
|
5–10°
|
schwere Blindheit
|
5
|
< 0,02 bzw. FZ < 1 m
|
< 5°
|
sehr schwere Blindheit
|
6
|
NLP = kein Lichtschein
|
–
|
totale Blindheit
|
Nach heutigem Kenntnisstand erfasste die im Jahr 1999 verwendete ICD-Klassifikation
nicht die Anzahl aller blinden und sehbehinderten Menschen. Diese alte Definition
ging von einem bestkorrigierten Visus (Best corrected visual Acuity) aus. Damit erfasste
dieses System nicht die Menschen, die dringend einer Brillenkorrektur bedurften, sie
aber nicht erhalten konnten. Heute verwendet man den Terminus „tatsächliche Sehkraft“
(Presenting Vision) in einer neuen Klassifikation, die seit 2004 benutzt wird. In
Zahlen: Statt wie zuvor 124 Millionen Menschen werden nun 202 Millionen mit einem
eingeschränkten Sehvermögen aufgrund unkorrigierter Refraktionsfehler erfasst; das
bedeutet 38 % mehr Menschen, die einer Brille bzw. visuellen Rehabilitation bedürfen.
1,18 Millionen von ihnen gelten dem Gesetz nach als blind und 118 Millionen als sehbehindert
(Tab. [2]).
Tabelle 2 Die Ursachen der Sehbehinderung mit Angabe der Anzahl der betroffenen Personen (geschätzt)
im Jahr 2010.
Erkrankung
|
blind (Mio.)*
|
eingeschränkte Sehkraft (Mio.)*
|
Sehbehinderung (eingeschränkte Sehkraft und blind) (Mio.)*
|
Prozentsatz (%)
|
* auf Basis der neuen ICD-Klassifikation von Sehbehinderung und Blindheit (s. Tab. [1])
|
unkorrigierter Refraktionsfehler
|
1,18
|
118,68
|
119,86
|
42
|
Katarakt
|
20,08
|
74,10
|
94,18
|
33
|
Glaukom
|
3,15
|
2,56
|
5,71
|
2
|
AMD
|
1,97
|
0,89
|
2,85
|
1
|
Hornhauttrübung
|
1,58
|
1,28
|
2,85
|
1
|
Trachom
|
1,18
|
1,67
|
2,85
|
1
|
diabetische Retinopathie
|
0,39
|
2,46
|
2,85
|
1
|
Kinderblindheit
|
1,58
|
1,28
|
2,54
|
1
|
sonstige
|
8,27
|
43,10
|
51,37
|
18
|
gesamt
|
39,37
|
246,02
|
285,39
|
|
Von Vision 2020 im Jahr 1999 zum Globalen Aktionsplan im Jahr 2014
Von Vision 2020 im Jahr 1999 zum Globalen Aktionsplan im Jahr 2014
Die Initiative Vision 2020 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der International
Agency for the Prevention of Blindness (IAPB) und Nichtregierungsorganisationen (Non-governmental-Organisations,
NGO) 1999 als Initiative zur Verhütung von Blindheit gegründet. Das Ziel war, vermeidbare
Blindheit zu bekämpfen.
Die Hauptlast der Blindheit tragen zu 90 % die Entwicklungsländer. 75 % der Blindheit
sind vermeidbar (Avoidable), d. h. entweder verhütbar (Preventable) oder behandelbar
(Treatable). Die Prävalenz der Blindheit in armen Ländern (1–2 %) war und ist immer
noch zehnfach höher als in Industrienationen (0,1–0,2 %).
Die Initiative VISION 2020 beruht auf drei Zielen:
-
Kontrolle der wesentlichen Augenerkrankungen wie Katarakt, Trachom, Onchozerkose, Erkrankungen im Kindesalter, Refraktionsfehler,
Retinopathia diabetica, Glaukom
-
Aufbau einer Infrastruktur zur Augenversorgung, wozu Kliniken, Einrichtung, Instrumente, Operationsausrüstung und Bedarf, z. B.
Intraokularlinsen und Verbrauchsgüter, auch Brillen, gehören
-
Aus- und Weiterbildung der Ärzte und des Hilfspersonals für Augenprogramme
Als Basis zur Beurteilung dienen Zahlen von 2010 (Tab. [2]): 285 Millionen Menschen weltweit leiden an einer Sehbehinderung, 39 Millionen von
ihnen sind blind. 60 % von ihnen sind Frauen. Weltweit ist der Anteil an Blindheit
und Sehbehinderung bei über 50-Jährigen besonders hoch: Von allen Blinden sind 85 %
über 50 Jahre und von allen Sehbehinderten sind 70 % über 50 Jahre alt. Hauptursachen
einer reversiblen Sehbehinderung sind Refraktionsfehler (43 %) und der graue Star
(33 %). Der häufigste Grund einer reversiblen Erblindung ist der graue Star (51 %).
Eine Katarakt ist einfach und preiswert zu behandeln und ist eine der kosteneffektivsten
Interventionen in der medizinischen Versorgung überhaupt. Refraktionsfehler können
mit einer Brille korrigiert werden.
Eine weltweite Herausforderung bleibt es, überall gleiche Verhältnisse im Zugang und
der Verteilung von Gesundheitsfürsorge zu erreichen. Im englischen Sprachgebrauch
nennt man die sogenannten „4 A“ als Basis und Schlüssel für den Erfolg gleicher Verhältnisse
im Gesundheitswesen:
-
Awareness (Bewusstseinsbildung bzw. Bekanntheitsgrad),
-
Availability (Verfügbarkeit oder Betriebsbereitschaft),
-
Accessibility (Erreichbarkeit),
-
Affordability (Erschwinglichkeit).
Sie können gleichzeitig sowohl Basis für als auch Barriere zum Erfolg sein. Dies trifft
insbesondere für Menschen zu, die in städtischen Slums oder in ländlichen Gegenden
wohnen und denen keine besondere Beachtung geschenkt wird. Gesundheitsfürsorge fehlt
oft dort, wo arme Menschen wohnen.
Um weitere Erfolge in der Bekämpfung von Blindheit und Sehbehinderung zu erreichen,
hat die IAPB den globalen Aktionsplan für die Jahre 2014–2019 festgelegt (Abb. [1]). Oleg Chestnow, stellvertretender Direktor für nichtübertragbare Krankheiten (Non-communicable
Diseases, NCD) und mentale Gesundheit der WHO betont in seinem Vorwort zum globalen
Aktionsplan, dass das Hauptaugenmerk zur Stärkung der Augenheilkunde darin liegen
muss, diese stärker in nationale Gesundheitssysteme zu integrieren. Die Mitgliedstaaten
verpflichten sich, dass sie die Prävalenz der vermeidbaren Sehbehinderung – basierend
auf den Daten von 2010 – um 25 % bis 2019 reduzieren wollen.
Abb. 1 IAPB – globaler Aktionsplan 2014.
Erfolge von VISION 2020 bis zum Jahr 2010
Nach quasi der Hälfte der Zeit, 2010, nahm man eine erste große Zwischenbewertung
vor. Mehr als 100 nationale Pläne zur Eliminierung von Sehbehinderung und Blindheit
waren bis dahin aufgestellt worden. So rücken die Probleme Sehbehinderter und Blinder
mehr und mehr in den Fokus ihrer Länder und Regierungen. Der globale Trend zu steigernder
Prävalenz von Blindheit und Sehbehinderung konnte umgedreht werden und das trotz zahlenmäßig
ansteigender und älter werdender Bevölkerung. Die Anzahl der Personen über 50 Jahre
stieg um 18 % zwischen 2004 und 2010. Das wahre Ausmaß an Sehbehinderung und Blindheit
erfasste man seit 2004 jedoch durch die in Tab. [1] genannte Neudefinition von Sehbehinderung und Blindheit. Diese Erkenntnis führte
besonders dazu, dass mehr Optometristen, Optiker und Refraktionisten ausgebildet wurden.
Die Anzahl der Kataraktoperationen stieg weltweit, zum einen durch eine verbesserte
Ausbildung, zum anderen durch die preiswerte Produktion intraokularer Linsen (IOLs)
für ca. 2 US-Dollar Stückpreis und die Anwendung der manuellen Kleinschnitttechnik
(s. u.).
Weltweit gelang es, infektiös bedingte Erblindungen bei Onchozerkose und Trachom deutlich
zu reduzieren.
1987 schätzte man, dass 100 Millionen Menschen dem Risiko einer Infektion durch Onchozerkose
ausgesetzt waren, 300 000 von ihnen waren erblindet und 600 000 waren sehbehindert.
Die chronische Krankheit der Onchozerkose wird durch Filarien der Art Onchocerca volvulus
aus der Gruppe der Fadenwürmer verursacht und kann zur Erblindung führen, der sogenannten
Flussblindheit. Der seit 1974 unternommene Versuch, die Onchozerkose durch Vektorkontrolle
des Krankheitsüberträgers, Kriebelmücken der Gattung Simulium, zu reduzieren, war
gescheitert. Die Firma Merck entwickelte das Medikament Ivermectin zur Abtötung der
Mikrofilarien von Onchocerca volvulus und entschied 1987, es solange umsonst zur Verfügung
zu stellen, wie es benötigt würde.
Heutzutage bekommen mehr als 80 Millionen Menschen jährlich Ivermectin, was eine immense
logistische Leistung ist. Wo möglich, erfolgt die Behandlung zu Beginn gleichzeitig
mit einer 6-wöchigen Behandlung mit Doxycyclin, das die Sterilisation der weiblichen
Würmer bewirkt. Doxycyclin ist gegen die für den Fadenwurm essenziellen Endosymbionten
der Gattung Wolbachia gerichtet.
Ein ähnlicher Erfolg gelang in der Bekämpfung des Trachoms. Das Trachom, die sog.
ägyptische Körnerkrankheit oder trachomatöse Einschlusskonjunktivitis, ist eine bakterielle
Entzündung des Auges mit Chlamydia trachomatis (Serotyp A bis C). Unbehandelt kann
sie als chronisch-follikuläre Bindehautentzündung über die Trichiasis (Reiben der
Wimpern auf der Hornhaut) zur Erblindung der Hornhaut führen. Seit 1999 sind durch
die Internationale Trachom-Initiative (ITI) mehr als 150 Millionen Dosen von Azithromycin
verteilt worden. Noch 1990 schätzte man die Zahl der an Trachom erblindeten Menschen
auf 5,89 Millionen. 2009 schätzte die WHO 1,18 Millionen Blinde, 1,67 Millionen Sehbehinderte
und 40,6 Millionen Infizierte in 57 Ländern, die Endemiegebiete sind. Das Hauptprojekt
hierzu ist das WHO Global Elimination of Trachoma by 2020 (GET 2020) mit der SAFE-Strategie
(Surgery, Antibiotics, Face Washing, Environmental Improvement).
Es erscheint realistisch, sowohl die Onchozerkose als auch das Trachom in der Zeit
zwischen 2020 und 2030 fast ausrotten zu können. Ebenso wurden große Erfolge in der
Reduzierung der Kinderblindheit durch Bekämpfung von Masern, Vitamin-A-Mangel und
Retinopathia praematurorum (ROP) erreicht (s. u.).
Das System der verschiedenen Gesundheitssektoren
Das System der verschiedenen Gesundheitssektoren
Primärer Sektor – Grundversorgung
Grundversorgung bezieht sich auf die Arbeit der Gesundheitsberufe, die eine erste
Anlaufstelle für alle Patienten innerhalb eines Gesundheitssystems sind. In Deutschland
ist es der Hausarzt, in Entwicklungsländern in der Regel eine Arzthelferin, eine Krankenschwester
oder ein Medizinischer Techniker. Dem Ausbildungsstand entsprechend können sie abhängig
vom Gesundheitszustand des Patienten ihn an die sekundäre Versorgung weiterleiten
oder geringe Krankheiten selbst behandeln.
Sekundärer Sektor (oft synonym: Facharzt- oder Krankenhausversorgung)
Sekundärversorgung ist die Gesundheitsversorgung durch Fachärzte und andere Gesundheitsberufe,
die in der Regel nicht den ersten Kontakt mit den Patienten haben, zum Beispiel Kardiologen,
Urologen, Dermatologen usw. Sie umfasst die Akutversorgung, beispielsweise in einer
Krankenhausnotaufnahme. Dazu gehören auch die Geburtshilfe, Intensivmedizin und medizinische
Bildgebung. Viele sekundären Leistungserbringer müssen nicht unbedingt in Krankenhäusern
tätig sein, wie Psychiater, klinische Psychologen, Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten.
Tertiärer Sektor
Tertiärversorgung ist das spezialisiert behandelnde Gesundheitswesen. In der Regel
ist es für Patienten ein stationärer Aufenthalt auf Überweisung von einer im primären
oder sekundären Sektor tätigen medizinischen Fachkraft. Beispiele für tertiäre Einrichtungen
sind Krebszentren, Neurochirurgie, Herzchirurgie, plastische Chirurgie, Behandlung
von schweren Verbrennungen, erweiterte Neugeborenendienstleistungen, palliative und
andere komplexe medizinische und chirurgische Eingriffe (Abb. [2]).
Abb. 2 Pyramide der drei Gesundheitssektoren.
Das L. V. Prasad Eye Institute: Pyramidal Eye Care Service Delivery Model
Das L. V. Prasad Eye Institute: Pyramidal Eye Care Service Delivery Model
Ein Modell, das von verschiedenen Nationen weltweit kopiert werden könnte, ist die
vom L. V. Prasad Eye Institute entwickelte Pyramide (Abb. [3], Pyramidal Eye Care Service Delivery Model). Sie besteht aus fünf Schichten, die
das primäre (blau/grün), das sekundäre (gelb) und tertiäre (orange/rot) Gesundheitssystem
eng miteinander verzahnen.
Abb. 3 L. V. Prasad Eye Institute: Pyramidal Eye Care Service Delivery Model (primärer Sektor:
blau/grün, sekundärer Sektor: gelb, tertiärer Sektor: orange/rot).
An der Spitze der Pyramide obliegt es dem Centre of Excellence (Zentrum der umfassendsten medizinischen Versorgung), jede Aktion der untergeordneten
Zentren der Augenheilkunde zu koordinieren. Es ist vergleichbar mit dem Niveau einer
deutschen Universitätsklinik für Augenheilkunde mit der klassischen Trias von Forschung,
Lehre und Krankenversorgung – mit der Besonderheit der Führungsverantwortung der nachgeordneten
Zentren.
Direkt darunter arbeitet das Tertiary Care Centre. Es steht für die Versorgung von 5 Millionen Menschen zur Verfügung, jedoch ohne
reguläre Forschungsaktivität, dafür aber mit subspezialisierten Ophthalmologen als
spezialisierte Katarakt- bzw. Glaukomchirurgen, Kinder- oder Neuroophthalmologen.
Die Basis der Pyramide in diesem Modell wird gebildet von Vision Guardians (Wächter/Hüter des Sehens). Ein Vision Guardian ist verantwortlich für eine Population
von ca. 5000 Menschen, oft bestehend aus 1–4 Dörfern. Vision Guardians haben einen
einfachen Schulabschluss und schauen nach Menschen mit offensichtlichen Erblindungsursachen,
um sie dann zum nächsthöheren Zentrum in der Gesundheitspyramide zu senden. Sie entstammen
ihrem Versorgungsgebiet, sind ihm emotional verbunden und deshalb sehr engagiert.
Mittlerweile hat das L. V. Prasad Eye Institute unter Leitung von G. N. Rao auch begonnen,
Vision Guardians zu Gesundheitserziehern für Diabetes und Bluthochdruck auszubilden.
Ein Weg, der auch schon von Kalua in Malawi beschrieben wurde: Dort bildetet man Primary
Health Care Worker (PHCW) so aus, dass sie Ursachen einer Erblindung im Kindesalter
erkennen können, um so identifizierte Kinder dann zu einem Krankenhaus der Sekundär-
oder Tertiärversorgung weiterleiten zu können.
Besonderes Augenmerk in der Ausbildung wird auf das Erkennen des sog. „White Eye“
(Leukokorie) gelegt. Zu den Differenzialdiagnosen gehören u. a.:
-
Katarakt,
-
korneale Erblindung durch ein kongenitales Glaukom oder ein Trauma,
-
Retinoblastom,
-
Netzhautablösung,
-
primärer hyperplastischer Glaskörper,
-
Toxocara-Infektion,
-
Morbus Coats.
Vision Center (Sehzentrum) gewährleisten eine ophthalmologische Primärversorgung. Es arbeiten dort
sogenannte Techniker (Ophthalmic Technicians) für ca. 50 000 Menschen, die ein einjähriges
Training in Basis-Augenheilkunde und Refraktion absolviert haben. Sie behandeln einfache
Bindehautentzündungen und korrigieren leichtere Refraktionsfehler. Für komplexere
Pathologien bzw. Operationen des grauen oder grünen Stars überweisen sie an sogenannte
Service Center (Service-Zentren) des sekundären Sektors, vergleichbar einer aufgewerteten deutschen
operativen Tagesklinik für Augenheilkunde mit integriertem Optiker. Dort werden auch
die diabetische Retinopathie und Infektionen wie z. B. Uveitiden behandelt. Zudem
werden vergrößernde Sehhilfen angepasst.
Investitionen in die Augengesundheit
Investitionen in die Augengesundheit
Das Hauptziel der Initiative Vision 2020 ist es, weltweit eine gleich hohe und umfassende
Qualität der Augenheilkunde anzubieten. Diese soll für alle Menschen den gleichen
Qualitätsstandard haben und einfach zugänglich sein. Das Pyramidenmodell aus Indien
hat gezeigt, dass es am besten in Gebieten mit starker Bevölkerungsdichte funktioniert.
Es muss demnach bei geringerer Populationsdichte und entsprechend nationalen Besonderheiten
angepasst werden.
Es lohnt sich aber nicht, nur auf die Verbesserung der Augengesundheit alleine zu
schauen, sondern es lohnt sich auch finanziell für Regierungen, in die Augengesundheit
zu investieren. Dies hat die Fred Hollows Foundation 2013 untersucht [5]. Der Zugewinn an Produktivität, der durch gutes Sehen in der arbeitenden Bevölkerung
(15–65 Jahre alt) entstünde, liegt in Entwicklungsländern 2,1-mal über den Investitionskosten.
Der Nutzwert über einen Zeitraum von 2011–2020 wird global auf wenigstens 843,5 Milliarden
US-Dollar geschätzt. Dies übersteigt deutlich die Kosten der Investitionen von 394,2 Milliarden
US-Dollar. Der Fred Hollows Report besagt, dass ungefähr 84 % der Weltbevölkerung
in Entwicklungsländern wohnen, aber nur ein Drittel des totalen globalen Investments
dort benötigt wird (s. Tab. [3]). Das bedeutet eine Investition von 2,2 US-Dollar pro Person und Jahr.
Tabelle 3 Summe der globalen Kosten pro Sektor (2011–2020) in Milliarden US-Dollar (modifiziert
nach [5]).
Gesundheitssektor
|
Gesamtkosten (Milliarden US $)
|
Industrienationen (% Anteil der Gesamtkosten)
|
Entwicklungsländer (% Anteil der Gesamtkosten)
|
Bevölkerungsanteil (2010)
|
|
16 %
|
84 %
|
Investition in den primären Sektor
|
308,4
|
251,8 (82 %)
|
56,6 (18 %)
|
Investition in den sekundären Sektor
|
62,7
|
4,7 (7 %)
|
58 (93 %)
|
Investition, um den Rückstand an vermeidbarer Blindheit und Sehbehinderung zu behandeln
|
23,1
|
9,5 (41 %)
|
13,6 (59 %)
|
Summe
|
394,2
|
266,0 (67 %)
|
128,2 (33 %)
|
Ausbildung von Ophthalmologen, Pflegern und Technikern
Ausbildung von Ophthalmologen, Pflegern und Technikern
Entwicklungsländer leiden an einem starken Mangel an Ophthalmologen. Tab. [4] erläutert die Ziele von VISION 2020 in Bezug auf ein Mindestmaß an Personal, um
die gesteckten Ziele erreichen zu können:
Tabelle 4 VISION 2020 – Personalbedarf der konservativen und operativen Augenheilkunde für
das subsaharische Afrika (SSA) (modifiziert nach [6]).
|
VISION 2020: Personalvorgabe (pro 1 Mio. Bevölkerung)
|
Augenärzte
|
4
|
Kataraktchirurgen
OCO – Ophthalmic clinical Officer
„Techniker“
Pfleger/Schwestern in der Augenheilkunde
|
10
|
Optometristen
Refraktionisten (mittleres Niveau)
|
20
|
CSR – Cataract surgical Rate
(Kataraktoperationen/Millionen/Jahr)
|
2000
|
Kataraktoperationen/Chirurg
|
500
|
Weniger als 1 % aller weltweit tätigen Ophthalmologen arbeitet in Afrika. Fast alle
afrikanischen Länder haben weniger als 50 % der von der WHO empfohlenen Mindestanzahl
an Ophthalmologen (Tab. [4]) Kasper u. Bajunirwe haben herausgearbeitet, dass das subsaharische Afrika zwar
25 % der gesamten Weltlast an Erkrankungen zu tragen hat, aber nur 3 % des weltweiten
Gesundheitspersonals (Health Care Worker, HCW) besitzt [7]. 32 Länder im SSA können noch nicht einmal das von der WHO geforderte Minimum von
23 HCW/10 000 Einwohner stellen.
Einen Mangel an Fachärzten aller Disziplinen gibt es schon seit Jahren in Entwicklungsländern.
Kurz nach der Kolonialzeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in Afrika häufig
Schulen zur Ausbildung von medizinischem Personal im mittleren Bildungssektor gegründet.
Dies geschah aber nur, um in kürzerer Zeit dem eklatanten Mangel an Ärzten entgegenwirken
zu können. Das Personal dieses Mittelbaus (z. B. Mid Level Worker, MLW), das weniger
theoretisches als praktisches Training erhielt, ist in der Behandlung von Krankheiten
deutlich eingeschränkter tätig als ein Facharzt. Es ist gut mit den häufigen Krankheiten
vertraut. So ersetzt es aber scheinbar oft den Facharzt in Gebieten, wo es keinen
Arzt gibt oder eben dort, wo auch kein Arzt arbeiten möchte. MLW sind eine unverzichtbare
Stütze des afrikanischen Gesundheitswesens. Auf ihrem Rücken wird die Hauptlast der
Gesundheitsversorgung Afrikas erbracht. In dicht besiedelten Gebieten sind sie eine
wesentliche Hilfe der Fachärzte. Sie sind offiziell von ihren Landesregierungen anerkannt
und können sich auch in fast allen gängigen Fachrichtungen der Medizin spezialisieren.
Eine Zeit lang wurden afrikanische Ärzte im Ausland ausgebildet und nicht selten blieben
sie nach ihrer Ausbildung im Gastland. Deshalb wurde z. B. an der Universität von
Nairobi ein regionales Trainingszentrum errichtet, an dem Afrikaner verschiedenster
Länder ausgebildet wurden. In Bezug auf die Augenheilkunde sind am Kenyatta National
Hospital mittlerweile fast 200 Augenärzte ausgebildet worden, die überall in Afrika
tätig sind. Inzwischen entstehen auch in anderen Ländern des SSAs eigene Trainingszentren
der Tertiärversorgung für Augenheilkunde, wie z. B. in Malawi. Dadurch wird nun schneller
eine höhere Konzentration von auch subspezialisierten Fachärzten für Augenheilkunde
(Glaukomspezialist, Kinderophthalmologe, Orbitachirurg, Neuroophthalmologie) erreicht.
Dennoch wird es noch viele Jahre dauern, in denen die ärztliche Arbeit vom Personal
des mittleren Sektors geleistet werden muss, insbesondere bei stetig steigenden Bevölkerungszahlen.
Kombinierte Ausbildungsprogramme in der Augenheilkunde bestehen aus einem Hauptanteil
der Ausbildung (11 von 12 Monaten) in Afrika, gepaart mit 4-wöchigen Aufenthalten
(1 von 12 Monaten) an der Universitätspartnerklinik in Deutschland. Ein Beispiel hierfür
ist die Universitätspartnerschaft der Augenklinik München, LMU mit der Universität
von Nairobi, Kenia, die seit 1978 fast 200 junge afrikanische Augenärzte hervorgebracht
hat. Ein weiteres Beispiel ist die Partnerschaft der Universitätsaugenklinik Tübingen
mit dem College of Medicine, Blantyre, Malawi, die seit 2005 besteht. Sie hat bisher
4 malawische Augenärzte ausgebildet, 5 weitere sind in Ausbildung. Afrikanische Kollegen,
die auf diese Art ausgebildet werden, zeigen eine hohe Standorttreue. Im Fachjargon
heißt das „Low Brain Drain“, was bedeutet, dass die besten Köpfe des Landes nicht
ins meist westliche Ausland nach ihrer Facharztausbildung abwandern.
Auf diese Weise gewöhnen sich afrikanische Assistenzärzte an die lokalen Gegebenheiten
mit dem häufigen Mangel an Medikamenten und Verbrauchsmaterialien und oft ärgerlichen
technischen Defekten ihrer Instrumente. Im Gastland hingegen erwartet sie eine andere
Kultur der Medizin. Mitentscheidend für das Verbleiben im Heimatland ist die stärkere
berufliche und familiäre Sozialisation während der 4-jährigen Ausbildung. Eine Schwäche
dieser Programme bleibt, dass sie zumeist teuer aus dem Ausland über Jahrzehnte finanziert
werden. Somit fehlt der Baustein, dass sie von ihren eigenen Gesundheitsministerien
oder lokalen Sponsoren getragen werden könnten, um gänzlich autark zu werden.
Der altersbedingte graue Star – die Katarakt
Der altersbedingte graue Star – die Katarakt
Der altersbedingte graue Star ist seit Jahrzehnten in Entwicklungsländern die reversible
Haupterblindungsursache Nummer Eins. Nach globalen Schätzungen sind daran weltweit
20 Millionen Menschen erblindet und 90 % von ihnen leben in Entwicklungsländern. Die
einzig wirksame Therapie ist eine Operation mit Implantation einer Kunstlinse.
Cataract surgical Rate und Cataract surgical Coverage
Schon 2001 betonte Allen Foster von der London School of Hygiene and Tropical Medicine,
dass es das Ziel sein müsse, genügend Katarakte pro Jahr zu operieren, gemessen an
der „Cataract surgical Rate“ (CSR), der Anzahl von Operationen pro Jahr pro Millionen
Bevölkerung [8]. Da aber der Rückstand (engl. Backlog) der noch zu operierenden Katarakte hoch ist,
kann nicht jeder Betroffene eine Operation erhalten, denn das entspräche einer Deckung
von 100 % (engl. Coverage). Um nun zu beurteilen, wie viele Bedürftige denn operiert
werden, bemüht man den Parameter „Cataract surgical Coverage“ (CSC). Die CSC stellt
den Anteil der operierten Patienten geteilt durch die Anzahl der Operierten plus die
Anzahl der noch Wartenden dar.
Zehn Jahre später (2011) stellte man fest, dass immer noch mehr als 80 % der Erblindungen
bei Menschen über 50 Jahre diagnostiziert werden. Die CSC variiert sehr stark in den
Entwicklungsländern. Die WHO empfiehlt eine CSC von mindestens 85 %. Schnell durchgeführte
Untersuchungen zur Blindheit in Sambia, Nigeria und Malawi ergaben eine entsprechende
CSC von 54, 46 bzw. 45 %.
Es gibt eben vielerlei Hemmnisse in Entwicklungsländern, die zu geringen Operationszahlen
führen:
-
Angst vor der Chirurgie,
-
Kosten,
-
langer Anreiseweg zum Hospital,
-
weibliches Geschlecht,
-
ungebildet oder Analphabet zu sein,
-
Leben in ländlicher Gegend,
-
noch guter oder bereits postoperativ guter Visus in einem Auge.
Hohe CSC-Raten werden nur aus Ballungsgebieten berichtet, wo auch die CSR hoch ist.
Extrakapsuläre Kataraktextraktion, Phakoemulsifikation, manuelle Kleinschnitttechnik
Derzeit werden weltweit hauptsächlich drei Kataraktoperationstechniken angewendet.
Alle drei sind sog. extrakapsuläre Techniken, d. h. die Linsenkapsel bleibt während
der Operation erhalten. In diese erhaltene Linsenkapsel wird eine neue künstliche
IOL eingepflanzt.
Unter extrakapsulärer Kataraktextraktion (ECCE) versteht man eine Technik, bei der fast ein Drittel der Hornhaut am Limbus
eröffnet wird, durch diese Öffnung wird die trübe Linse entfernt und nach Implantation
der IOL wird die Hornhaut wieder vernäht.
Nahtlose Techniken sind Phakoemulsifikation (Phako) und manuelle Kleinschnitttechnik
(Manual small Incision Cataract Surgery, MSICS):
-
Bei der Phakoemulsifikation werden Linsenkern und -rinde mittels Ultraschall durch einen 2–3 mm kleinen, selbstabdichtenden
Hornhautschnitt zerkleinert und abgesaugt. Es erfolgt die Implantation einer gefalteten
IOL durch diesen kleinen Tunnelschnitt.
-
Die MSICS ist die bevorzugte Technik in Entwicklungsländern (Abb. [5] u.[6]). Es ist ebenfalls eine nahtlose Technik, bei der durch einen korneoskleralen Tunnel
die getrübte Linse mittels einer gebogenen Nadel (engl. Fishhook) entfernt wird (Abb. [5]). Vorteile sind kurze OP-Dauer, geringe Kosten, schnelle Wiederherstellung des Sehvermögens.
Sie zeichnet sich zudem durch eine selbstheilende korneosklerale Wunde nach manueller
Entfernung von Kern und Linsenrinde aus. In den Händen eines geübten Chirurgen ist
sie innerhalb von Minuten durchzuführen, bei harten Kernen oft schneller und hornhautschonender
als mit der Phakotechnik.
Abb. 4 Afrikanischer Patient mit maturer Katarakt rechts und Pseudophakie links nach Kataraktchirurgie
in Kleinschnitttechnik (Manual small Incision Cataract Surgery, MSICS).
Abb. 5 MSICS – Entfernung des Linsenkerns mit dem „Fishhook“.
Abb. 6 MSICS – vor Implantation einer Hinterkammerlinse.
Die visuellen Ergebnisse der beiden Techniken sind vergleichbar.
In einigen Landstrichen Afrikas sind die Ergebnisse nach Kataraktchirurgie für die
Patienten unzureichend. Dies liegt häufig an mangelndem Training der Operateure, fehlerhaftem
OP-Besteck, mangelhafter Hygiene oder Nichtvorhandensein aller Verbrauchsgüter. Studien
aus Sambia und Kenia berichteten von schlechten Ergebnissen bei 31 bzw. 22 % der Patienten.
Die WHO-Richtlinie empfiehlt zur Erreichung der VISION-2020-Ziele, dass zumindest
85 % der operierten Augen eine Sehkraft von mehr als 30 % unkorrigiert erreichen sollen.
Zwar erscheinen 30 % Sehkraft sehr wenig, doch 30 % stellen die unterste WHO-Kategorie
für „Gutes Sehvermögen“ dar. Um sich diese Prozentzahl besser vorstellen zu können,
bedenke man, dass bei uns in Deutschland viele Kataraktpatienten zur Augenuntersuchung
mit dem Auto fahren und dann einen Visus von 50 % auf dem gut sehenden und 30 % auf
dem schlechter sehenden Auge bei Erstvorstellung präsentieren. Diese Patienten meinen
oft, dass man das Auge mit 50 % Sehkraft noch gar nicht operieren müsste. Wie schlecht
sie damit tatsächlich sehen, merken sie erst, wenn das 30 % sehende Auge postoperativ
wieder 100 % sieht.
Die Erblindung durch die Katarakt wird heute und in Zukunft eine logistische Herausforderung
bleiben, speziell bei immer weiter alternder Weltbevölkerung.
Merke: Die CSR bleibt der Indikator für die Verfügbarkeit und Akzeptanz einer operativen
Einheit. Jedoch wird nur die gelungene, effektive Kombination von CSR und CSC zum
Ziel der Eradikation vermeidbarer Katarakterblindung führen.
Unkorrigierte Refraktionsfehler
Unkorrigierte Refraktionsfehler
670 Millionen Menschen haben weltweit keine Brillen: 517 Millionen haben einen myopen,
153 Millionen einen hyperopen Refraktionsfehler. Insgesamt 120 Millionen von ihnen
gelten als sehbehindert. Die Prävalenz der unkorrigierten Refraktionsfehler ist besonders
stark durch sozioökonomische Faktoren bestimmt. Der Bedarf zur Refraktionskorrektur
ist unter Kindern am höchsten. Ein Refraktionsdefizit als alleinige Ursache einer
Sehbehinderung wird mit 55–83 % aus Indien, China, Nepal und Chile berichtet.
Smith u. Kollegen haben den Produktivitätsverlust der globalen Weltwirtschaft als
Folge eines Refraktionsfehlers aus 269 Millionen US-Dollar pro Jahr beziffert [9].
Naidoo u. Jaggernath fordern aufgrund der beschriebenen Probleme eine Verstärkung
der personellen Mittel zur Ausbildung von Refraktionisten, den Aufbau entsprechender
Infrastruktur zur Refraktion und die Einbeziehung dieser optischen Services in bereits
bestehende Augenheilkundeprojekte [10]. All diese Forderungen sind im L. V. Prasad Eye Institute Pyramidal Eye Care Service
Delivery Model bereits vom primären Sektor an erfüllt (s. Abb. [3]).
Ein weiterer Baustein, um mehr Menschen mit bezahlbaren Gläsern zu versorgen, ist
das vom Physiklehrer Martin Aufmuth entwickelte Modell der 1-Dollar-Brille. Durch
sein Konzept können auch die Ärmsten Zugang zu bezahlbaren Brillen bekommen. Aufmuth
schreibt: Sie besteht aus einem leichten, flexiblen Federstahlrahmen und fertigen
Gläsern aus Kunststoff, die einfach eingeklickt werden. Die 1-Dollar-Brille kann von
den Menschen vor Ort selbst hergestellt und verkauft werden. Der Materialpreis liegt
bei rund 1 US-Dollar, der Verkaufspreis bei 2–3 ortsüblichen Tageslöhnen.
Der grüne Star – das Glaukom
Der grüne Star – das Glaukom
Das primäre Offenwinkelglaukom (POWG) ist der zweithäufigste Grund einer Erblindung
in Afrika, der dritthäufigste Grund weltweit, verantwortlich für 10 % weltweiter Erblindung
(Abb. [7]). 2006 glaubte man annehmen zu können, dass 2010 60,5 Millionen Menschen vom Glaukom
betroffen sein werden, wovon 8,4 Millionen erblindet sein würden. Quigley u. Broman
wiesen 2006 darauf hin, dass 2010 wahrscheinlich 44,7 Millionen am POWG und 15,7 Millionen
am primären Engwinkelglaukom (PEWG) erkrankt sein würden [11].
Abb. 7 Goldman-Applanations-Tonometrie bei einer Glaukompatientin in Malawi, Afrika.
Merke: Wichtig in diesem Zusammenhang ist zu wissen, dass das PEWG zwar nur 26 % aller
Glaukomerkrankungen ausmacht, aber dennoch verantwortlich ist für fast die Hälfte
aller an Glaukom erblindeten Menschen.
Das Glaukom ist der weltweit häufigste Grund einer irreversiblen Erblindung. Man schätzte
2006, dass bis zum Jahr 2020 ca. 80 Millionen Menschen am Glaukom erkrankt sein werden,
d. h. eine Zunahme um 20 Millionen Betroffene seit 2010. Außerdem galt 2006, dass
bis 2010 8 Millionen Menschen am Glaukom bilateral erblindet sein würden und deren
Zahl bis 2020 mit steigender Prävalenz auf über 11 Millionen steigen würde, es sei
denn, verbesserte Screeningmethoden und effektive Behandlungsstrategien würden ihre
Wirkung zeigen. In SSA wird es jedoch schwierig bleiben, allen identifizierten Glaukompatienten
dies zukommen zu lassen. Hohe Kosten und eine geringe Patientencompliance zur kontinuierlichen
Behandlung chronischer Erkrankungen verhindern dies. Die Mehrheit der Weltbevölkerung
– und die der Patienten mit Glaukom – lebt in Entwicklungsländern. Die meisten von
ihnen sind sich ihrer Krankheit nicht bewusst, obschon eine schwerere Sehbehinderung
vorliegt. Das Risiko, nach einem Zeitraum von 12–20 Jahren durch das POWG zu erblinden,
liegt bei 14,5–27 % für unilaterale und bei 7–9 % für eine bilaterale Erblindung.
Das Glaukom kann nicht isoliert behandelt werden. Dessen Entdeckung und Behandlung
muss in bereits bestehende Augenheilkundeprojekte durch stets komplette Augenuntersuchungen
integriert werden. Es gehört deshalb in den Lehrplan aller augenheilkundlichen Facharztausbildungen.
Merke: Wichtig ist, dass jeder Ophthalmic Technician, jeder OCO und jeder Augenarzt
wenigstens „das Glaukom bei jedem Menschen erkennt, der ihm als Patient gegenübersitzt“.
Dies gilt auch für alle augenärztlichen Untersuchungen in Industrieländern, wo man
schätzt, dass jedes zweite Glaukom trotz Vorstellung beim Augenarzt nicht erkannt
wird.
Denkt man an die Pyramide (Abb. [3]) und ihre erfolgreiche Implementierung in Andhra Pradesh, Indien, so ist ein wesentlicher
Erfolgsfaktor zur Entdeckung von Frühzeichen glaukomatöser Augenveränderungen die
Einführung der Frequenzverdoppelungsperimetrie (engl. Frequency Doubling Perimetry
Technique, FDP) auf dem Niveau der Vision Center, die zum Sektor der Primärversorgung
gehören.
Thomas u. Mitarb. publizierten, dass ein Vision Technician an einem Vision Center
einen positiven Vorhersagewert okularer Pathologien von ca. 50 % mit der FDT erreichte
und sie somit zum nächsthöheren Center weiterleitete [12]. Es konnte 2014 gezeigt werden, dass Kandidaten ohne Vorbildung in Bezug auf das
Krankheitsbild Glaukom allein anhand der FDP-Ausdrucke die gleichen diagnostischen
Ergebnisse erzielen konnten wie augenheilkundlich vorgebildete Kandidaten.
Schaut man sich den komplexen Prozess der Entdeckung, der Diagnosestellung und Behandlung
des Glaukoms an, so kommt man zu dem Schluss, dass Glaukomprogramme nur initiiert
werden sollten, wenn die diagnostischen und operativen Möglichkeiten vor Ort sind.
In Phase 1 von VISION 2020 (1999–2010) hat man sehr viel Wert auf die Einführung von
MSICS und gute chirurgische Ergebnisse gelegt. In der zweiten Hälfte von VISION 2020
(2010–2020), in der auch das Glaukom und die diabetische Retinopathie als Erblindungsursachen
mit besonderem Fokus behandelt werden sollen, kommt es darauf an, ebenfalls die richtigen
Rahmenbedingungen in geografisch definierten Gebieten zu schaffen.
Es ist ebenfalls notwendig, dass MSICS-Chirurgen eine Trabekulektomie (TET) operieren
können. Sie sollten auch mit einer Lasertrabekuloplastik oder einer transskleralen
Cyclophotokoagulation vertraut sein. Wichtig in Bezug auf das PEWG ist die Entfernung
der klaren Linse mit oder ohne TET. Derzeit wird die Effektivität beider Verfahren
eingehend untersucht.
Diabetische Retinopathie
Es gibt eine Epidemie sog. nichtübertragbarer Krankheiten (engl. non-communicable
diseases, NCD), zu denen u. a. die Zuckererkrankung zählt. Sie ist die führende Ursache
der Erblindung in der arbeitsfähigen Bevölkerung weltweit. Gleichzeitig gibt es eine
hohe Zahl nichtdiagnostizierter Fälle an Diabetes mellitus. Die Prognose für 2030
ist, dass weltweit 5 % der Menschen an Diabetes leiden werden (522 Millionen), falls
keine wirksamen Anstrengungen unternommen werden, was in ca. 5 % zu Erblindungen durch
die proliferative diabetische Retinopathie führen wird. In Afrika wird sie erklärt
als eine Folge der Verstädterung, des geänderten Lebensstils, einer Fehlernährung,
einer alternden Bevölkerung und Umweltfaktoren. Nach Angaben des Diabetes-Weltverbands
lebten 2012 in Afrika ungefähr 14,7 Millionen Menschen mit Diabetes und hochgerechnet
wird sich deren Zahl – falls der Trend dazu so anhält – bis 2030 verdoppeln (28 Millionen).
Shaw u. Mitarb. haben berechnet, dass zwischen 2010 und 2030 die Anzahl der Diabetiker
in Entwicklungsländern um 69 %, in Industrienationen um 20 % zunehmen wird, das bedeutet
für Mittel- und Niedrigeinkommensländer ein Zuwachs von 291 Millionen Diabetikern
im Jahr 2011 auf 458 Millionen im Jahr 2030 [13].
Die diabetische Retinopathie als eine Folge retinaler mikrovaskulärer Komplikationen
wird in der milden Form als nichtproliferative diabetische Retinopathie (NPDR), in
der schwereren als proliferative diabetische Retinopathie (PDR) bezeichnet (Abb. [8]). Die diabetische Makulopathie ist allerdings der häufigste Grund eines Sehverlusts
bei Diabetikern. Somit ist sie auch eine oft auftretende Komplikation in Entwicklungsländern.
Abb. 8 Proliferative diabetische Retinopathie (PDR).
In einer Diabetes-Sprechstunde in Malawi hatten 50 % der Diabetiker eine diabetischen
Retino- bzw. Makulopathie, 30 % von ihnen waren dadurch schon in ihrem Sehen eingeschränkt.
Die Prävalenz einer diabetischen Retino- bzw. Makulopathie ist damit in Malawi fünfmal
so hoch wie in europäischen Studien gezeigt werden konnte, das Risiko einer Sehbehinderung
durch dieselbe ist dreimal so hoch. Diese hohe Prävalenz wird mit der unterdurchschnittlich
schlechten Kontrolle des Blutglukosespiegels und des Blutdrucks begründet. Auch fehlt
es an Programmen, eine diabetische Retinopathie zu diagnostizieren bzw. zu behandeln.
Screeninguntersuchungen, frühes Diagnostizieren und Behandeln der diabetischen Retinopathie
sind die Eckpfeiler, um einen Sehverlust zu vermeiden. In einigen asiatischen (Nepal,
Indien) und afrikanischen Ländern wie Botswana, Sambia, Tansania und Ghana sind dementsprechende
Programme initiiert worden. Sie stecken jedoch noch in den Kinderschuhen und haben
mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, denn die Gesundheitssysteme in Afrika sind
häufig als „On-off-Treatment“ (einmal kommen, einmal ambulant behandeln, nach Hause
gehen) konzipiert. Um Katarakte zu operieren oder eine Brille anzupassen ist dies
hilfreich, jedoch nicht bei der Behandlung chronischer Krankheiten.
In vielen Ländern gibt es finanzielle Verteilungsprobleme hinsichtlich sog. übertragbarer
Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose im Wettstreit mit den NCDs. Es fehlt zudem
an Unterstützungssystemen wie Computern mit entsprechender Software, um effiziente
Strukturen zur Behandlung chronischer Krankheiten aufzubauen.
Kinderblindheit (Childhood blindness, CHB)
Kinderblindheit (Childhood blindness, CHB)
Als VISION 2020 im Jahr 1999 als weltweite Initiative ausgerufen wurde, ging man von
1,4 Millionen erblindeten Kindern aus. Die Annahme war, dass es bis 2020 2 Millionen
werden könnten. 40 % der Erblindungen im Kindesalter galten als vermeidbar. Als Hauptursachen
einer Erblindung galten:
Ursachen der kornealen Erblindung waren:
-
Vitamin-A-Mangel (engl. Vitamin A Deficiency, VAD),
-
Masern,
-
Ophthalmia neonatorum,
-
schädliche Infektionen durch traditionelle Medizin, die oft Pflanzensäfte verwendet,
-
andere korneale Infektionen.
Die Verantwortlichen von WHO und IAPB entwickelten eine integrierte Strategie zur
Verhütung der CHB auf allen drei Ebenen der Augenheilkunde (Tab. [5]).
Tabelle 5 Integrierte Strategie der drei Gesundheitssektoren, um Kinderblindheit zu verhüten.
Ebene
|
Behandlungsstrategie
|
tertiärer Sektor
|
Chirurgie und Behandlung der kongenitalen Katarakt, ROP, kornealen Trübung, Glaukom
usw.
Ausbildung von Pflegern, HCW usw.
Bereitstellung von vergrößernden Sehhilfen
Forschung
|
sekundärer Sektor
|
Identifikation und Behandlung von Refraktionsfehlern, Erkrankungen des äußeren Auges,
Überweisung komplexerer Pathologien
|
primärer Sektor
|
Prävention kornealer Vernarbung durch Masernimpfung; Ernährungslehre zur Verhinderung
VAD usw.
frühe Behandlung einfacher Augenprobleme
Prävention von Röteln durch Impfung
frühe Identifikation und Überweisung von Kindern mit Krankheiten, die zu einer Sehbehinderung
führen können
|
Da viele Erblindungsursachen eng mit der Sterblichkeit von Kindern korrelieren, war
es offenkundig, dass, wenn die Unter–5-Jahre-Sterblichkeitsrate (Under-5-Mortality
Rates, U5MRs) gesenkt werden könnte, auch die Kindererblindung sinken würde. Ursachen
dieser Sterblichkeit können u. a. Masern, Vitamin-A-Mangel und kongenitale Röteln
sein, die ihrerseits auch für eine hohe Prävalenz der Kinderblindheit verantwortlich
sind. 2010 konnten Chandna u. Gilbert aufzeigen, dass die Kinderblindheit weltweit
um 10 % abgenommen hat [14]. Zum gleichen Zeitpunkt war sie aber in SSA um 30 % gestiegen, denn auch die U5MR
war wegen der HIV-Epidemie und opportunistischer Infektionen deutlich gestiegen, was
zu mehr Erblindung führte.
Um die Sterblichkeit durch Masern zu bekämpfen, initiierte die WHO 1974 ein ausgedehntes
Impfprogramm (Expanded Programme of Immunization, EPI). Trotz dieser Maßnahme und
einer Impfrate von 80 % im Jahre 1992 starb immer noch 1 Million Kinder (2,4 %) pro
Jahr von 41 Millionen an Masern erkrankten Kindern. Es ist so, dass bei Masern, die
hoch infektiös sind, erst eine Durchimpfungsrate von > 90 % zu einer schützenden Herdenimmunität
führt. Zudem bietet die aktuell von der WHO empfohlene einmalige Masernimpfung im
1. Lebensjahr keinen anhaltenden Schutz bis ins Erwachsenenalter.
Fast 20 Jahre später untersuchte Sudfeld die Effektivität von Masernimpfung und gleichzeitiger
Vitamin-A- Gabe. Vitamin-A-Mangel ist ein bekannter Risikofaktor für eine schwere
Maserninfektion, weshalb die WHO seit 1987 die Masernimpfung mit einer gleichzeitigen
Vitamin-A-Gabe empfahl. Sudfeld konnte erschließen, dass seine Ergebnisse die neue
Strategie von WHO/UNICEF rechtfertigen [15]. Das Ziel der GIVS (Global Immunization Vision and Strategy) ist es, durch eine
zweifache Masernimpfung in Südostasien die Mortalität durch Masern um bis zu 90 %
zu senken.
Die kindliche Katarakt
Heutzutage ist der häufigste Grund einer Erblindung im Kindesalter in SSA die kindliche
Katarakt, denn das Auftreten kornealer Erblindung sank merklich nach Einführung der
zuvor genannten Programme.
Mittlerweile gibt es im tertiären Sektor auch Subspezialisierungen für Kinderaugenheilkunde,
sodass zumindest ein Kinderophthalmologe einer Bevölkerung von 50 Millionen bis 2010
zur Verfügung stehen sollte, bis 2020 sollte es einer für 10 Millionen sein. Doch
allein eine Operation des kindlichen grauen Stars ist nicht ausreichend. Es bedarf
der Nachsorge, der wiederholten Refraktion und Brillenanpassung über Jahre. Um möglichst
gute postoperative Ergebnisse zu erzielen, wäre eine genauere Formel zur Kalkulation
der präoperativ zu wählenden intraokularen Linse wünschenswert, wie Medsinge u. Nischal
betonen [16]. Bisher erfolgt die IOL-Wahl entsprechend dem Lebensalter des Patienten und der
zu erwartenden Myopisierung. Die meisten postoperativen Komplikationen entstehen durch
den Nachstar oder das Sekundärglaukom.
In einer eigenen Studie in Malawi konnten wir herausarbeiten, dass, obwohl die kindliche
Kataraktchirurgie kostenfrei angeboten wird, dieser Service nur zu einem Drittel von
den Eltern und ihren Kindern nach ausführlicher Erstuntersuchung von Ärzten, Eltern
und Kind wahrgenommen wird [17]. Der harte Arbeitsalltag und der lange Weg zu einem großen Krankenhaus verringern
die Akzeptanz des Angebotes, d. h. dass ein allein kostenloses Angebot immer noch
nicht ausreichend ist, um Kinder und deren Eltern im ländlichen Afrika von der Notwendigkeit
einer oder mehrerer Interventionen zu überzeugen.
Merke: Deshalb ist die Bekämpfung von Blindheit nicht allein ein augenärztliches Problem.
Es geht darum, bereits entstandene und neu entstehende Programme zur Augengesundheit
in die allgemeine Gesundheitsversorgung zu integrieren.
Clare Gilbert, Beraterin von Sight Savers International (SSI), erwähnte schon 2001
wesentliche Elemente des primären Gesundheitswesens (Primary Health Care, PHC) in
Entwicklungsländern [18]:
-
Gesundheitserziehung,
-
gute Ernährung,
-
Vorhaltung der wichtigsten Medikamente,
-
frisches Wasser,
-
gute Sanitäranlagen,
-
Kontrolle endemischer Krankheiten,
-
die Behandlung der einschlägigen Krankheiten.
Es ist ein kontinuierlicher Kampf, um geringere Inzidenzen zu erzielen. Die derzeitige
Prävalenz der CHB liegt bei 0,4/1000 Lebendgeburten in Industrieländern und bis zu
1,5/1000 in armen Ländern. Bis heute werden Impfprogramme für Röteln und Masern benötigt,
um die Inzidenz der CHB weltweit zu reduzieren.
Frühgeborenenretinopathie (ROP)
Nach ICD-Klassifikation (International Classification of Diseases) kann die Frühgeborenenretinopathie
(ROP) eine potenziell das Sehen bedrohende Erkrankung sein, die zur Amblyopie, zu
Strabismus, Refraktionsfehlern oder Sehbehinderung führt. Die ROP ist ein multifaktorielles
Geschehen. Wichtige pathogenetische Faktoren sind das Gestationsalter bei Geburt sowie
das Geburtsgewicht, postnatale Faktoren wie Sauerstoffexposition, Gewichtszunahme
und die Expression angiogener Wachstumsfaktoren. Am Auge kann es zu visusbedrohenden
retinalen Neovaskularisationen kommen, im ungünstigsten Fall zu einer Netzhautablösung.
Die allermeisten Fälle sind jedoch mild und bilden sich von selbst zurück. Eine fortgeschrittene
ROP kann jedoch zu einer Netzhautablösung oder gar zum völligen Visusverlust führen.
Viele betroffene Kinder leiden gleichzeitig an neurologischen Defiziten.
Blencowe u. Kollegen haben einmal regional und weltweit die Sehbehinderung frühgeborener
Kinder 2010 untersucht [19]. Die wissenschaftliche Basis dazu war ein systematisches weltweites Literaturreview:
Sie fanden heraus, dass 2010 13 Millionen (87 %) von 15 Millionen Frühgeborenen überlebten.
1,4 % von ihnen hatten eine milde ROP, 0,4 % eine fortgeschrittene ROP, die als potenziell
visusbedrohend eingestuft wurde. Die Autoren schätzen, dass 2010 ca. 30 000 (0,2 %)
Frühgeborene weltweit durch die ROP sehbehindert wurden. Präventionsmaßnahmen müssen
deshalb gelehrt werden, besonders die postpartal richtig dosierte Sauerstoffgabe.
Screening und Behandlung der ROP bedürfen einer guten Zusammenarbeit zwischen Ophthalmologen,
Neonatologen und Pädiatern.
Hornhautentzündung
In Entwicklungsländern galt die Hornhautentzündung lange Zeit als eine Epidemie, die
zur Erblindung führt. Jährlich sind weltweit mindestens 1,5 Millionen Menschen davon
betroffen. Die tatsächliche Inzidenz der Erkrankung wurde 1993 in Südindien als zehnmal
höher eingeschätzt als die in den USA. In Malawi erforschte Prof. Chirambo, dass sie
bis zu 55 % aller Fälle monokularer Erblindung verursacht. In den 1980er-Jahren des
vergangenen Jahrhunderts war monokulare Blindheit in Malawi zweimal häufiger anzutreffen
als die Erblindung durch den grauen Star.
Die mikrobielle Keratitis kann durch Bakterien, Pilze, Viren oder Protozoen verursacht
werden. Die Keime sind regional in unterschiedlicher Häufigkeit anzutreffen. Viren
sind als Auslöser einer Keratitis eher in gemäßigten Klimazonen anzutreffen, wohingegen
Hornhautulzera in tropischen Ländern meist durch Bakterien oder Pilze hervorgerufen
werden, speziell Aspergillus und Fusarium. Die oberflächliche Hornhautverletzung als
Folge eines pflanzlich induzierten Mikrotraumas ist oft bei Kleinbauern anzutreffen.
Sie ist für bis zu 50 % aller Ulzera in Entwicklungsländern verantwortlich.
Das Ziel der Therapie ist, die Erreger zu eliminieren und den Schaden für die Hornhaut
zu begrenzen. Dies ist jedoch eine große Herausforderung.
Burton berichtet, dass 41 % der Patienten zum Zeitpunkt der Erstvorstellung in einem
tansanischen Krankenhaus bereits einen Durchmesser von 5 mm des Hornhautulkus vorwiesen
[20]. An Zentren tertiärer Versorgung kommen Patienten zumeist auch mit deutlich fortgeschrittenem
Befund. Die lange Anreise, eine zeitweilig falsche Behandlung mit oft pflanzlicher
traditioneller Medizin oder eine falsche antiinflammatorische Medikation mit Steroiden
haben dazu beigetragen.
HIV und das Auge
2013 waren weltweit 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert. 70 % von ihnen leben
in SSA. Die HIV-Infektion samt assoziierten Erkrankungen stellt die Gesundheitssysteme
vor große Probleme, und auch die assoziierten Augenerkrankungen können nicht immer
adäquat behandelt werden. Es ist ja neben den Patienten oft auch das Gesundheitspersonal
betroffen. Beide Gruppen sterben an der Erkrankung und dadurch verschlimmert sich
der Personalmangel im Gesundheitswesen noch einmal.
Sobald die Immunitätslage schwächer wird, können opportunistische Augenkrankheiten
auftreten.
Tab. [6] zeigt HIV-assoziierte Erkrankungen in Relation zum Immunstatus. In diesem Artikel
werden wir uns auf die Zytomegalovirus-Retinitis (CMV) und das Bindehautkarzinom (Ocular
Surface squamous Neoplasia, OSSN) als okuläre Erkrankungen konzentrieren.
Tabelle 6 HIV-assoziierte Erkrankungen in Relation zum Immunstatus (Daten aus [21]).
HIV-Status
|
CD4-Zellen/mm3
|
assoziierte Erkrankung
|
Serokonversion
|
1000
|
Bindehautentzündung, Trockenes Auge, retroorbitaler Schmerz
|
frühe HIV-Infektion
|
500–1000
|
allergische Konjunktivitis, Reiter-Syndrom, Uveitis intermedia, retinale Vaskulitis,
HIV-Retinopathie, Neuritis nervi optici (NNO)
|
fortgeschrittene HIV-Infektion
|
200–500
|
Trockenes Auge, Blepharitis, bakterielle und folliluläre Konjunktivitis, Kaposi-Sarkom,
Molluscum contagiosum, Herpes zoster, Herpes simplex, HIV-Retinopathie, Uveitis granulomatosa
(Tbc), Aspergillose
|
späte HIV-Infektion
|
0–200
|
opportunistische Infektionen und Tumoren, die alle okulären Strukturen betreffen können
|
Zytomegalovirus-Retinitis
Das Zytomegalovirus ist ein Herpesvirus. Die primäre Infektion oder Reaktivierung
einer latenten CMV- Infektion im Rahmen einer Immunschwächekrankheit wie z. B. Aids
führt zu Krankheiten an verschiedenen Organen:
-
Gehirn (Meningoenzephalitis),
-
Lunge (interstitielle Pneumonie),
-
Gastrointestinaltrakt (Ösophagitis),
-
Haut,
-
periphere Nerven,
-
Augen (CMV-Retinitis).
Die CMV-Retinitis führt zur progressiven retinalen Nekrose. Die Retina erscheint dunkler,
die entzündeten Gefäße zeigen Einscheidungen, es kommt zu intraretinalen Blutungen
und einer milden Vitritis. Unbehandelt resultiert Blindheit. Die CMV-Retinitis war
in industrialisierten Ländern die häufigste opportunistische Infektion, die zur Blindheit
führte (25–40 % aller Aids-Patienten). Dies war in der Zeit, bevor die antiretrovirale
Therapie (ART) zur Verfügung stand. In Entwicklungsländern war die CMV-Retinitis-Prävalenz
regional sehr unterschiedlich.
In einer Multicenterstudie von HIV-Patienten aus Südafrika und Indien waren vitreoretinale
opportunistische Infektionen (zumeist CMV) in Südafrika seltener als in Indien (2,6 %
vs. 11,4 %) [22]. Die Autoren der Studie meinten dafür genetische Faktoren als eine mögliche Erklärung
verantwortlich machen zu können.
Die Behandlung der CMV-Retinitis besteht aus einer Aufdosierungs- und einer Aufrechterhaltungsphase.
Letztere wird so lange durchgeführt, bis sich das Immunsystem durch die ART erholt
hat. Bevorzugte Medikamente sind Ganciclovir (i. v. oder intravitreal) oder Valganciclovir
als orale Gabe. Die vitreoretinale Chirurgie mag indiziert sein, sobald die CMV-Retinitis
zu einer Netzhautablösung führt.
In einigen Entwicklungsländern, wie z. B. Myanmar, wo die CMV-Retinitis unter Aids-Patienten
besonders hoch ist, hat man Internisten dazu ausgebildet, die Erkrankung mittels direkter
Ophthalmoskopie bzw. anschließender intravitrealer Injektionen zu diagnostizieren
und zu behandeln. Die Kollegen machen regelmäßig Funduskopien bei allen fortgeschrittenen
Fällen einer Immunsuppression (CD4-Zellen < 100 Zellen/mm3). Diese Intervention hat sich als besonders effektiv hinsichtlich der Diagnosestellung
und auch der Behandlung gezeigt.
Das Bindehautkarzinom
Die Bindehautdysplasie (Ocular Surface squamous Neoplasia, OSSN) gehört zum Spektrum
präkanzeröser und kanzeröser Läsionen der Bindehaut. Dies reicht von konjunktivaler
intraepithelialer Neoplasie (CIN) bis zu einem invasiven Tumor, der durch die Orbita
bis in den Schädel dringen kann.
In Industrieländern ist es selten, in Entwicklungsländern und speziell im SSA häufig
bei jungen Patienten anzutreffen. Die Prävalenz des OSSN wird auf 35 Personen/Millionen
Bevölkerung pro Jahr im SSA geschätzt. Das mittlere Alter von Patienten mit OSSN in
Simbabwe lag bei 35 Jahren.
OSSN-Risikofaktoren sind HIV-Infektion, Exposition gegenüber ultravioletter Strahlung
und das Humane Papillomavirus (HPV).
In einer Studie in Malawi waren 79 % der OSSN-Patienten HIV-positiv, und die meisten
dieser Patienten waren sich dessen nicht bewusst [23]. Mittlerweile gehört es in Malawi zur klinischen Routine, jedem OSSN-Patienten einen
HIV-Test und eine anschließende Beratung bezüglich einer antiretroviralen Therapie
anzubieten.
Die Patienten beklagen zunächst nur ein Fremdkörpergefühl, das Auge ist rot und man
sieht ein wenig der CIN auf der Bindehaut (Abb. [9]). Einzige Therapie, neben der systemischen ART, ist die chirurgische Exzision mit
oder ohne Antimetaboliten (MMC oder 5-FU). Die größte Herausforderung besteht darin,
dass die Patienten meist erst im weit fortgeschrittenen Stadium ärztliche Hilfe suchen.
Wenn die Orbita wesentlich befallen ist (Abb. [10]), bleibt oft nur die Enukleation des Bulbus, zusammen mit einer Exenteration des
orbitalen Gewebes. Laut einer Studie von Nutt in Angola soll eine topische Behandlung
mit 5-FU eine Alternative zur chirurgischen Entfernung einiger Fälle von CIN bei OSSN
sein [24].
Abb. 9 OSSN – CIN.
Abb. 10 OSSN – Orbita mit befallen.
Ausblick
In diesem Beitrag haben wir Sie sowohl mit der Initiative VISION 2020 und dem Gobal
Action Plan als auch mit speziellen Erkrankungen des Auges vertraut gemacht. Die Elimination
vermeidbarer Blindheit ist möglich, allerdings braucht es dazu weitere länderspezifische
Programme, die möglichst gut und schnell umgesetzt werden, um den Lichtlosen, wie
Pastor Ernst Jakob Christoffel, der Gründer der Christoffel Blindenmission, die Blinden
nannte, helfen zu können. VISION 2020 ist eine Initiative und kein starr vorgegebenes
Programm, d. h.es kommt auf die Initiative jedes Einzelnen an – vielleicht auch auf
Ihre?
Dein Auge gibt dem Körper Licht (Lukas 11, 34). Viele Augenärzte und alle in der Augenmedizin Tätigen sind von diesem
Gedanken fasziniert und arbeiten mit Freude daran, immer wieder ein bisschen mehr
Licht schenken zu können.