Testverfahren sind hilfreich und wichtig. Jedoch ist es schwer, aus der Vielzahl von
Skalen,
Fragebögen und Scores den idealen Test für den Patienten und für die eigene Arbeitssituation
herauszufiltern. Vor allem für Patienten nach Schlaganfall existiert eine Vielzahl
an
Testverfahren.
Die American Heart Association hat dazu einen interessanten Artikel zu den wichtigsten
Assessments bei Schlaganfallpatienten verfasst [45]. Einige dieser
dort genannten Assessments benötigen allerdings sehr viel Zeit, Materialien und Aufwand,
wie
z. B. der Action-Research-Arm-Test oder der Fugl-Meyer-Test. Daher werden diese Verfahren
häufig
in Studien verwendet. Für den klinischen Alltag bleibt beim Testen meist wenig Zeit,
weshalb
hier gern schnelle und einfache Assessments verwendet werden sollten (hohe Praktikabilität).
Diese Tests können nach der Einteilung der International Classification of Functioning,
Disability and Health (ICF) Folgendes messen:
In diesem Artikel werden für jede Ebene mögliche Assessments ausführlich vorgestellt.
Mögliche Assessments in der Neurorehabilitation
Mögliche Assessments in der Neurorehabilitation
Im klinischen Alltag der Neurorehabilitation ist eine ganze Reihe von Assessments
bekannt.
Aber welche sind zuverlässig und für welche klinischen Situationen geeignet?
Um das richtige Assessment zu finden, bietet es sich an, dieses nach der individuellen
Ziel-
bzw. Problemstellung zu wählen:
-
Ist es das Ziel, sicher und ohne Störung des Gleichgewichts gehen zu können, eignet
sich
z. B. der Dynamic Gait Index
[53].
-
Treten Probleme mit der Balance bereits im Stand auf, können die Berg Balance Scale
oder der Functional-Reach-Test den Verlauf objektiv darstellen [6], [16].
-
Um das feinmotorische Greifen zu beurteilen, kann der Nine-Hole-Peg-Test und für
grobmotorische Aktivitäten der Box-and-Block-Test verwendet werden [36], [37].
Neben diesen spezifischen Tests existieren weiterhin komplette Mobilitätsindexe, wie
z. B. die
Motor Assessment Scale
[9]. Damit können spezifische Defizite und Ressourcen des
Patienten ermittelt und Verbesserungen bei globaler Betrachtung des Patienten festgehalten
werden.
Schädigungsparameter. Ein Überblick über die bedeutendsten Schädigungsparameter von
Patienten in der Physio- und Ergotherapie innerhalb der Neurorehabilitation wurde
von Langhorne
und Kollegen [31] für Patienten nach Schlaganfall beschrieben
([Tab. 1]). Für diese unterschiedlichen Schädigungsparameter
existieren auch verschiedene Assessments in der Neurorehabilitation ([Tab. 2]; [31]).
Tab. 1
Die relevantesten Schädigungsparameter nach einem Schlaganfall (nach [31])
|
ICF-Ebene
|
Schädigungsparameter
|
|
Körperstruktur und Funktion
|
Gehirn
|
|
kardiovaskuläres System
|
|
Störungen des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit
|
|
Arm, Schulter und Bein
|
|
einzelne Gehbewegungen
|
|
Mobilität und Stabilität der Gelenke
|
|
Muskelkraft, Muskelspannung, Reflexe
|
|
Kraftausdauer
|
|
Bewegungskontrolle/Koordination
|
|
Aktivität
|
Positionen ändern
|
|
gehen
|
|
Toilettengang
|
|
anziehen
|
|
umhergehen und -fahren
|
|
Körper waschen
|
|
Hand- und Armgebrauch
|
|
essen und trinken
|
|
Nahrung zubereiten
|
|
Transportmittel nutzen
|
|
entspannen
|
|
Hausarbeiten durchführen
|
|
Teilhabe
|
einkaufen
|
|
arbeiten
|
|
aufräumen
|
|
kochen
|
|
Hobbys nachgehen
|
|
Familie/Freunde treffen
|
Tab. 2
Häufige Assessments in der Neurorehabilitation
|
ICF-Ebene
|
Messung
|
Test
|
|
Körperstruktur und Funktion
|
Bewegungsausmaß
|
Goniometer, digitales Inklinometer
|
|
Kraft
|
manueller Krafttest, Kraftdynamometrie
|
|
Bewusstsein
|
Glasgow Coma Scale
|
|
Aufmerksamkeit/Neglect
|
Bells-and-Star-Cancellation-Tests
|
|
Spastik
|
Modified Ashworth Scale, Modified Tardieu Scale
|
|
Sensorik
|
Nottingham Sensory Assessment
|
|
Schmerz
|
Visuelle Analogskala, Ritchie Articular Index
|
|
Ausdauer
|
6-Minuten-Gehtest, Five Times Sit-to-Stand Test
|
|
Ataxie
|
Scale for the Assessment and Rating of Ataxia
|
|
Apraxie
|
Test for Upper Limb Apraxia
|
|
Aktivität
|
Gehfähigkeit
|
Functional Ambulation Categories
|
|
Aufstehen und Gehen
|
Timed-up-and-go-Test
|
|
Sitzen, Aufstehen, Stehen
|
Berg Balance Scale
|
|
Gangstörung/sicheres Gehen
|
Dynamic Gait Index
|
|
sicheres Stehen
|
Functional-Reach-Test
|
|
Fähigkeit, sich aufzusetzen und zu sitzen
|
Trunk-Control-Test
|
|
allgemeine Aktivitäten
|
Functional Independent Measure
|
|
allgemeine Mobilität und Armaktivitäten
|
Motor Assessment Scale
|
|
allgemeine Mobilität
|
Rivermead Mobility Index
|
|
grobmotorisches Greifen
|
Box-and-Block-Test
|
|
feinmotorisches Greifen
|
Nine-Hole-Peg-Test
|
|
allgemeine Armaktivitäten
|
Wolf-Motor-Function-Test, Jebsen-Taylor-Hand-Test
|
|
Schrittlänge und Gehgeschwindigkeit
|
10-Meter-Gehtest
|
|
Gehleistung
|
6-Minuten-Gehtest
|
|
Teilhabe
|
Integration in das soziale Umfeld
|
Reintegration to Normal Living Index
|
|
Lebensqualität
|
EuroQuol-5 Dimensions
|
|
Nutzung der oberen Extremität im Alltag
|
Motor Activity Log
|
|
Mobilität, Lebensqualität, Ressourcen im Alltag
|
Stroke Impact Scale
|
|
Alltag, Mobilität und Hausarbeit
|
Frenchay Activities Index
|
Körperfunktion
Das Bewegungsausmaß
Goniometer. Die Messung der Gelenkwinkel wird sehr häufig mit einem Goniometer
durchgeführt. Vor allem an mittleren und kleinen Gelenken weist das Goniometer eine
gute
Reliabilität und Validität auf [3], [18], [47]. An großen Gelenken, wie Schulter oder
Hüftgelenk, ist die Messung mit dem Goniometer hinsichtlich der Zuverlässigkeit zwischen
mehreren Messungen des gleichen Untersuchers (Intrarater-Reliabilität) häufig gut,
jedoch bei unterschiedlichen Testern (Interrater-Reliabilität) ungenügend [13], [24], [23]. Beispielsweise treten am Schultergelenk Unterschiede von 20° bis 25° pro Messung
durch einen Wechsel des Testers auf [13]. Gleiches gilt auch für
die Messung am Hüftgelenk [24]. Bei der Messung der
Hüftabduktion und -innenrotation treten sogar bedeutende Unterschiede beim gleichen
Untersucher auf [24].
Im Therapiealltag kann die Messung der Gelenkwinkel mit dem Goniometer an kleinen
und
mittleren Gelenken zuverlässig durchgeführt werden. Für Schulter und Hüftgelenk kann
dieses
Messverfahren ebenfalls verwendet werden, wenn der gleiche Tester die Untersuchung
z. B. vor
und direkt nach der Behandlung durchführt. Dies gilt jedoch nicht für Hüftabduktion
und
-innenrotation.
Inklinometer. Ein Beispiel dafür ist die Therapie und Messung der Schulterabduktion
und -außenrotation bei eingeschränkter Beweglichkeit der paretischen Seite nach Schlaganfall.
Hier kann mit dem Goniometer zuverlässig die Beweglichkeit der Schulter vor und direkt
nach
der Behandlung, z. B. nach einer Dehnlagerung, vom gleichen Therapeuten gemessen werden,
um
den Erfolg der Therapie objektiv abzubilden.
Die Goniometermessung an Schulter- und Hüftgelenk eignet sich nicht, wenn innerhalb
der
Rehabilitation oder im Praxisalltag mehrere unterschiedliche Tester die Messung durchführen
müssen. Dieser Fall kann durch Urlaub, Krankheit oder Stationsverlegungen jedoch eintreten.
Daher sollte für die Gelenkmessung an Schulter und Hüfte ein Inklinometer verwendet
werden.
Dieses weist laut der Untersuchung von Herrero und Kollegen bei der Messung des Hüftgelenks
an
Patienten mit spastischer Tetraparese eine sehr gute Intra- und Interrater-Reliabilität
auf
[24]. Auch an kleinen Gelenken misst das Inklinometer
Veränderungen genauso zuverlässig wie ein Goniometer.
Ein Wechsel des Testinstrumentes bei der Untersuchung des gleichen Gelenks ist nicht
zu
empfehlen, da Goniometer und Inklinometer Messunterschiede von 2 ° bis 20 ° aufweisen
[30]. Die Therapeuten müssen sich daher vor der Messung entscheiden,
welche Messvariante sie bevorzugen, und diese dann kontinuierlich beibehalten.
Die Kraft
Medical Research Council. Um den Kraftgrad einzelner Muskeln zu überprüfen, eignet
sich die Medical Research Council (MRC). Diese Skala teilt die Kraft von null Punkte
bis fünf
Punkte ein ([Tab. 3]).
Tab. 3
Krafteinteilung nach der Medical Research Council (MRC)
|
Kraftstufe
|
Definition
|
|
0
|
Der Muskel ist absolut inaktiv.
|
|
1
|
Eine Kontraktion der Muskulatur oder ein Anspannen der Sehne wird deutlich vom Tester
vernommen.
|
|
2
|
Die Bewegung wird vollständig ohne Schwerkrafteinfluss geführt.
|
|
3
|
Die Bewegung wird vollständig gegen die Schwerkraft geführt.
|
|
4
|
Die Bewegung wird vollständig gegen die Schwerkraft mit einem starken Widerstand
geführt.
|
|
5
|
Die Bewegung wird vollständig gegen die Schwerkraft mit maximalem Widerstand
geführt.
|
Die Testung erfolgt hierbei manuell [50]. In einer
Untersuchung von Kleyweg und Kollegen [29] konnte bei beatmeten
Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom eine sehr hohe Zuverlässigkeit für die manuelle
Krafttestung mit der MRC an sechs verschiedenen Muskelgruppen im Sitz ermittelt werden
(κ =
0,85, r² = 0,96). Hierbei wurden die Muskelgruppen für die Dorsalextension der Hand,
die
Ellenbogenflexion und die Schulterabduktion sowie die Hüftflexion, Knieextension und
Dorsalextension des oberen Sprunggelenks im Sitz getestet ([Abb.
1] u. [Abb. 2]) [29].
Abb. 1 MRC Stufe 5 für Hüftflexion (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 2 MRC Stufe 5 Dorsalextension Fuß (Abb.: Simone Thomas)
Um den Widerstand für Stufe 4 und 5 zu objektivieren, bietet es sich an, diesen mit
gleicher
Kraft, aber an unterschiedlichen Punkten zu setzen. Für Kraftstufe 4 kann die Hand
des
Untersuchers zwei Finger breit unter dem zu testenden Gelenk und für Stufe 5 über
dem distal
angrenzenden Gelenk platziert werden ([Abb. 3] u. [Abb. 4]).
Abb. 3 MRC Stufe 4 für Schulterabduktion (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 4 MRC Stufe 5 für Schulterabduktion (Abb.: Simone Thomas)
Weiterhin ist es möglich, diverse Dynamometer zur Erfassung der Kraft einzusetzen
[45]. Diese können sehr einfach vom Therapeuten bedient werden und
zeigen die Kraft in Kilogramm oder Pfund analog oder digital an. Zu nennen sind hierbei
das
Griffkraft-Dynamometer für Hand- und Fingerflexoren ([Abb. 5])
und das Handheld-Dynamometer für die obere und untere Extremität.
Abb. 5 Griffkraft-Dynamometrie (Abb.: Simone Thomas)
Motricity Index. Bei Patienten nach einem Schlaganfall eignet sich besonders der
Motricity Index, um die Kraft zu testen ([Tab. 4]) [11]. Die Kraftmessung für die Schulterabduktion wird hier mit der
Hand auf der Brust und für Ellenbogenbeugung aus einer 90 ° flektierten Position durchgeführt,
wodurch vorhandene Beugekontraktoren oder Spastik an Schulter und Ellenbogen berücksichtigt
werden ([Abb. 6]).
Abb. 6 Motricity Index Schulterabduktion Stufe 5 (Abb.: Simone Thomas)
Weiterhin wird statt der Kraft der Dorsalextensoren des Handgelenks wie bei der MRC
die
feinmotorische Greiffunktion überprüft. Es soll dafür ein 2,5 cm großer Würfel zwischen
Daumen
und Zeigefinger angehoben und festgehalten werden ([Abb. 7]).
Die Untersuchung der unteren und oberen Extremität wird, wie auch bei der MRC, komplett
im
Sitz mit Fußbodenkontakt durchgeführt. Die Skalierung des Tests ist in [Tab. 4] dargestellt. Dieser Test kann v. a. bei sehr schweren
Paresen der oberen Extremität, wo Messungen von Greif- oder Halteaktivitäten nicht
möglich
sind, Aufschluss über den motorischen Verlauf geben.
Abb. 7 Motricity Index Würfel anheben (Abb.: Simone Thomas)
Tab. 4
Bewertungsskala des Motricity Index (freie deutsche Übersetzung nach [11])
|
Punkte
|
Pinzettengriff (Würfel ca. 2,5 cm)
|
|
0
|
keine Aktivität
|
|
11
|
jegliche Bewegung, die einem Greifen nahekommt
|
|
19
|
kann Würfel ergreifen, aber nicht gegen die Schwerkraft halten
|
|
22
|
kann Würfel gegen die Schwerkraft halten, aber nicht gegen leichten Zug
|
|
26
|
kann Würfel gegen leichten Zug halten, aber nicht gegen starken Zug
|
|
33
|
kann Würfel gegen starken Zug halten
|
|
Arm und Bein
|
|
0
|
absolut inaktiv
|
|
9
|
Kontraktion der Muskulatur sichtbar
|
|
14
|
Bewegung möglich, aber ohne vollständiges Bewegen gegen Schwerkrafteinfluss
|
|
19
|
vollständige Bewegung gegen die Schwerkraft möglich
|
|
25
|
Bewegung gegen die Schwerkraft mit Widerstand möglich, aber weniger als auf der anderen
Seite
|
|
33
|
normale Muskelkraft
|
Das Bewusstsein einschätzen
Das Bewusstsein von Patienten nach Schädel-Hirn-Verletzungen wird international mit
der
Glasgow Coma Scale (GCS) beurteilt [56]. Diese Skala
prüft Augenöffnung, Motorik und Sprache des Patienten ([Tab.
5]).
Tab. 5
Glasgow-Koma-Skala (freie deutsche Übersetzung nach [56])
|
Augen öffnen
|
spontan
|
4
|
|
nach Aufforderung
|
3
|
|
nach Schmerzreiz
|
2
|
|
keine Reaktion
|
1
|
|
Bewegung
|
normal
|
6
|
|
gezielte Abwehrreaktion
|
5
|
|
ungezielte Abwehrreaktion
|
4
|
|
Beugebewegungen
|
3
|
|
Streckbewegungen
|
2
|
|
keine Reaktion
|
1
|
|
Sprache
|
orientiert
|
5
|
|
verwirrt
|
4
|
|
einzelne Worte
|
3
|
|
Laute
|
2
|
|
keine Reaktion
|
1
|
Ein niedriger Punktwert auf der GCS zu Beginn der Erkrankung korreliert laut einer
Untersuchung von Balestreri und Kollegen mit einem niedrigen Wert auf der Glasgow Outcome
Scale, einer Skala zur Beurteilung der Selbstständigkeit außerhalb der Klinik [4]. Bei einer Gesamtpunktzahl von 8 oder weniger liegt ein schweres
Schädel-Hirn-Trauma mit deutlich negativen Auswirkungen auf die Selbstständigkeit
und
Selbstversorgung in den nächsten fünf Jahren vor [4].
Spastik eindeutig feststellen
Ein häufig eingesetztes Verfahren zur Bestimmung der Spastik ist die Messung des
Muskelwiderstands während passiver Bewegung mit der Ashworth-Skala bzw. mit der
modifizierten Ashworth-Skala. Jedoch ist nicht jeder Muskelwiderstand gleich eine
Spastik.
Weiterhin beeinflussen Kontrakturen die Messungen mit der Ashworth-Skala deutlich
[39]. Die Interrater- und auch die Intrarater-Reliabilität bei
Patienten mit spastischer Lähmung ist moderat [2], [21], [40], [46].
Eine Alternative zur Ashworth-Skala stellt die modifizierte Tardieu-Skala dar [21], [55]. Sie kann im Gegensatz zur
Ashworth-Skala eine Spastik von z. B. einer reinen Kontraktur oder Muskelverspannung
zuverlässig unterscheiden [21], [55]. Außerdem weist sie im Vergleich zur Ashworth-Skala eine etwas höhere Reliabilität
auf [40]. Die modifizierte Tardieu-Skala misst zwei verschiedene
Parameter:
-
Bewegungsausmaß
-
Bewegungsqualität
Die Durchführung der rein passiven Testbewegungen erfolgt in der modifizierten Version
mit
zwei statt mit ursprünglich drei verschiedenen Bewegungsgeschwindigkeiten, immer zum
gleichen Tageszeitpunkt in Rückenlage mit, wenn möglich, ausgestreckten Extremitäten
[34], [40].
Die Bewegungsgeschwindigkeiten werden wie folgend definiert:
Um das Bewegungsausmaß einzuschätzen, wird der Gelenkwinkel nach V1 und nochmals
direkt nach V3 gemessen. Die Differenz der Gelenkwinkel (V1–V3) wird notiert. Zusätzlich
erfolgt die Beurteilung der Bewegungsqualität für V3 in Punkten ([Tab.
6].)
Tab. 6
Punkte Tardieu-Skala nach [42]
|
Stufe
|
Beschreibung
|
|
0
|
kein Widerstand während der passiven Bewegung durch das volle Bewegungsausmaß
|
|
1
|
leichter Widerstand während der passiven Bewegung ohne klaren Stopp in einer bestimmten
Winkelstellung
|
|
2
|
klarer Stopp in einer bestimmten Winkelstellung, der die passive Bewegung unterbricht,
aber dann nachlässt
|
|
3
|
erschöpflicher Klonus in einer bestimmten Winkelstellung kürzer als 10 Sekunden, wenn
die
Position gehalten wird
|
|
4
|
unerschöpflicher Klonus in einer bestimmten Winkelstellung länger als 10 Sekunden,
wenn
die Position gehalten wird
|
Aktivität
Das Gehen bewerten
Die Fähigkeit, zu gehen, kann sehr zuverlässig mithilfe der Functional Ambulation
Categories (FAC) ermittelt werden ([Tab. 7]) [26].
Tab. 7
Functional Ambulation Categories (Übersetzung nach [41])
|
FAC
|
Definition
|
|
0
|
Der Patient läuft im oder am Barren oder benötigt zwei Personen zur physischen
Unterstützung beim Gehen auf ebenem Untergrund.
|
|
1
|
Der Patient benötigt eine Person zur physischen Unterstützung auf ebenem Untergrund.
|
|
2
|
Der Patient benötigt eine Person zur kontinuierlichen oder diskontinuierlichen Sicherung
des Gleichgewichts oder der Koordination.
|
|
3
|
Der Patient benötigt eine Person zur Begleitung auf ebenem Untergrund.
|
|
4
|
Der Patient benötigt eine Person zur Sicherung des Ganges bei Unebenheiten oder an
der
Treppe.
|
|
5
|
Der Patient ist vollständig selbstständig gehfähig.
|
Gehfähigkeit. Um diese einschätzen zu können, muss der Patient auf einer Gehstrecke
mit einer Länge von 10 oder 15 m unabhängig vom Hilfsmittel bei größtmöglicher
Selbstständigkeit gehen [1], [41]].
Die Länge der Gehstrecke ist bei jeder Messung gleich zu wählen und sollte auf dem
Dokumentationsblatt vermerkt werden. Hilfsmittel können vom Patienten verwendet werden
[1], [41].
Schlüsselfragen. Weiterhin beschreiben Mehrholz und Arbeitsgruppe Schlüsselfragen, die
hilfreich sind, um die FAC sicher einschätzen zu können [41].
Gerade die Unterscheidung von FAC1 oder FAC2 ([Tab. 7]) fällt
nach eigener Erfahrung schwer. Folgende Fragen in dem Artikel von Mehrholz und Arbeitsgruppe
sind zur Unterscheidung von FAC1 und FAC2 aufgeführt:
-
Ist es deutlich sichtbar, dass der Tester dem Patienten Gewicht abnimmt?
-
War es mindestens ein Mal notwendig, dass der Tester das Bein des Patienten bewegt?
-
Ist es deutlich sichtbar, dass der Tester den Patienten am Brustkorb unterstützt?
Werden mindestens zwei Fragen mit „Ja“ beantwortet, liegt FAC 1 vor. Ist die Antwort
auf
mindestens zwei Fragen „Nein“, liegt mindestens FAC2 vor [41].
Gleichgewicht. Neben der Gehfähigkeit kann auch das Gleichgewicht im Gang mit dem
Dynamic Gait Index (DGI) bewertet werden [53]. Es hat
sich in der klinischen Praxis bewährt, diesen Test ab FAC2 bei diskontinuierlicher
Gleichgewichtssicherung im Gang durchzuführen. Hierbei wird auf einer Ebene von ca.
6 m (20
Fuß) das Gehen in acht verschiedenen Varianten mit jeweils 0 bis 3 Punkten bewertet
([Abb. 8], [Abb. 9], [Abb. 10], [Abb. 11] u. [Abb. 12]) [51], [52].
Abb. 8 Gehen mit normaler Geschwindigkeit (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 9 Gehen mit horizontalen Kopfbewegungen (rechts) (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 10 Gehen mit horizontalen Kopfbewegungen (links) (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 11 Gehen mit vertikalen Kopfbewegungen (oben) (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 12 Gehen mit vertikalen Kopfbewegungen (unten) (Abb.: Simone Thomas)
In einigen deutschen Übersetzungen soll für die Beurteilung des Gleichgewichts im
Gang eine
Gehstrecke von 20 m absolviert werden. Der englische DGI sieht für die Länge der Testbahn
jedoch nur 20 Fuß (rund 6 m) vor. Für die lange Gehstrecke von 20 m liegen, im Gegensatz
zur
6-m-Gehstrecke, bislang jedoch noch keine Daten zu den psychometrischen Eigenschaften
des Tests
vor. Daher wird aus eigenem Ermessen empfohlen, den Test mit der originalen Gehstrecke
von rund
6 m durchzuführen. Vor allem in Praxisräumen oder Stationsgängen ist die 6-m-Gehstrecke
im
Gegensatz zu der Variante mit 20 m besser implementierbar.
Weiterhin existiert eine sehr zuverlässige Kurzversion des DGI mit vier statt acht
Gangvariationen. Dadurch wird der Test noch praktikabler und lässt sich schnell im
Therapiealltag durchführen ([Tab. 8]) [33].
Tab. 8
4-Item Dynamic Gait Index (Übersetzung frei nach [33])
|
Aufgabe / Punkte
|
Inhalt
|
|
1. Geradeaus gehen
|
Gehen Sie in normalem Tempo bis zur markierten Stelle (20 Fuß/6 m).
|
|
3
|
normale Geschwindigkeit, keine Hilfsmittel, normales Gangbild, kein Schwanken
|
|
2
|
benutzt Hilfsmittel, Geschwindigkeit verlangsamt, leichtes Schwanken
|
|
1
|
Geschwindigkeit sehr langsam, deutliche Abweichungen vom normalen Gangmuster, deutliches
Schwanken
|
|
0
|
20 Fuß/6 m Gehen nur mit Hilfe möglich
|
|
2. Gehen mit wechselnder Geschwindigkeit
|
Gehen Sie in normalem Tempo.
Wenn ich sage „schnell“, gehen Sie sofort schnell (5 Fuß/1,5 m).
Wenn ich sage „ruhig“, gehen Sie sofort langsam (5 Fuß/1,5 m).
|
|
3
|
Änderung der Geschwindigkeit deutlich erkennbar, kein Schwanken
|
|
2
|
benutzt Hilfsmittel, nur leichte Änderung der Geschwindigkeit erkennbar, leichtes
Schwanken, Gangabweichungen
|
|
1
|
kaum Änderung der Geschwindigkeit erkennbar, starke Gangabweichung, Stolpern, ohne
zu
fallen
|
|
0
|
keine Veränderung der Gehgeschwindigkeit sichtbar, Stolpern mit Fallneigung, greift
nach
der Wand
|
|
3. Gehen mit horizontalen Kopfbewegungen
|
Laufen Sie geradeaus bis zur Markierung (20 Fuß/6m).
Wenn ich sage „links“, dann drehen Sie den Kopf so zügig wie möglich während des Gehens
nach links, halten Sie ihn dort (5 Fuß/1,5 m nach Start).
Wenn ich sage „rechts“, tun Sie dasselbe zur rechten Seite (10 Fuß/3 m nach Start).
Wenn ich sage „vor“, blicken Sie nach vorn (15 Fuß/4,5 m nach Start).
Gehen Sie während der Aufgaben immer geradeaus weiter, ohne anzuhalten.
|
|
3
|
flüssige Kopfbewegung, kein Schwanken
|
|
2
|
leichtes Schwanken, Veränderung der Spurbreite, Nutzen eines Hilfsmittels
|
|
1
|
verlangsamte Bewegungen, Stolpern, ohne zu fallen
|
|
0
|
starkes Stolpern, Stehenbleiben, Festhalten an der Wand
|
|
4. Gehen mit vertikalen Kopfbewegungen
|
Laufen Sie geradeaus bis zur Markierung (6 m).
Wenn ich sage „oben“, heben Sie den Kopf so zügig wie möglich während des Gehens nach
oben, halten Sie ihn dort (ab 1,5 m nach Start).
Wenn ich sage „unten“, tun Sie dasselbe nach unten (ab 3 m nach Start).
Wenn ich sage „vor“, blicken Sie nach vorn (ab 4,5 m).
Gehen Sie während der Aufgaben immer geradeaus weiter, ohne anzuhalten.
|
|
3
|
flüssige Kopfbewegung, kein Schwanken
|
|
2
|
leichtes Schwanken, Veränderung der Spurbreite, Nutzen eines Hilfsmittels
|
|
1
|
verlangsamte Bewegungen, Stolpern, ohne zu fallen
|
|
0
|
starkes Stolpern, Stehenbleiben, Festhalten an der Wand
|
Um das normale Gangtempo während Aufgabe 1 einschätzen zu können, empfiehlt es sich,
mit
einer Stoppuhr die benötigte Zeit für das Gehen von 6 m zu messen. Der Normwert für
die
Gehgeschwindigkeit von älteren gesunden Probanden beträgt 0,9 m/s [48]. Die normale Gehdauer für 6 m liegt demnach bei rund 7 s.
Armfunktionen einschätzen
Wolf-Motor-Function-Test und Jebsen-Taylor-Hand-Test. Beide sind sehr bekannte und
beliebte Messinstrumente für die obere Extremität [45]. Mit
diesen Tests können eine Reihe von grob- und feinmotorischen Armaktivitäten gemessen
werden.
Jedoch benötigt man für diese Tests Zeit (mindestens 30 min) und z. T. Videoaufnahmen
oder
mehrtägige Schulungen der Untersucher. Außerdem sind Fähigkeiten und Aktivitäten des
Patienten
wie Lesen/Schreiben oder Stehen notwendig. Daher sind diese Tests bei einer sehr ausgewählten
Patientenklientel, z. B. innerhalb einer Interventionsstudie, zuverlässig anwendbar
[8], [15], [28], [32]].
Wesentlich einfacher und schnell in der klinischen Praxis einsetzbar sind der
Box-and-Block-Test für moderate Einschränkungen der Grobmotorik und der
Nine-Hole-Peg-Test bei Feinmotorikstörungen.
Nine-Hole-Peg-Test. Der Nine-Hole-Peg-Test (NHP) kann bei mittleren bis leichten
Armfunktionsstörungen verwendet werden. Bei diesem Test sollen 9 Stäbchen so schnell
wie
möglich aus einem Behälter in 9 Löcher gesteckt und anschließend wieder nacheinander
in den
Behälter zurückgelegt werden ([Abb. 13], [Abb. 14] u. [Abb. 15]).
Abb. 13 Ausgangsposition (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 14 Durchführung 1 (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 15 Durchführung 2 (Abb.: Simone Thomas)
Laut den Normwerten von Mathiowetz und Arbeitsgruppe [36] sowie
Earhart [17] sind durchschnittlich 19 s für die rechte und 21 s
für die linke Hand normal [17], [37].
Ein Probedurchgang für jede Hand ist direkt vor dem jeweiligen Test erlaubt. Sollte
ein
Stäbchen nach unten fallen, kann der Tester nach eigener Erfahrung dieses aufheben,
es wieder
in den Behälter zurücklegen oder bei der Rückrunde in ein Loch stecken. Die Dauer
des gesamten
Durchlaufs wird mit einer Stoppuhr gemessen. Die Zeitmessung beginnt, sobald der Patient
das
erste Stäbchen berührt.
Eine Reduktion der Zeit um ca. 54 % bei Schlaganfallpatienten und nur 4 % bei
Parkinson-Patienten ohne Freezing und starken Tremor, die nicht auf Zufall beruhen
kann, gilt
als minimal messbare Veränderung in diesem Test [10], [17]. Die Empfindlichkeit des Tests scheint somit abhängig von der
Diagnose bzw. auch von der Schwere der Erkrankung zu sein.
In der Untersuchung von Chen [10] zur Ermittlung der minimal
messbaren Veränderung nach Schlaganfall wurden Patienten mit schweren Armparesen untersucht.
Der Test ist jedoch eher für Patienten mit Koordinationsstörungen der Feinmotorik
entwickelt
worden, wie z. B. in der Analyse zur minimal messbaren Veränderung bei Parkinson-Patienten
von
Earhart [17].
Die Messfehlerrate des NHP ist bei Patienten mit erheblichen Störungen der Hand- und
Armmotorik (> als 60 s Testzeit) sehr hoch [10]. Hier sollte der
Test abgebrochen und ein angepasstes Messverfahren, wie z. B. der Box-and-Block-Test
oder der Motricity Index, gewählt werden.
Die Interrater-Reliabilität des NHP ist sehr gut (r = 0,984 rechte Hand; r = 0,993
linke
Hand) [49]. Hingegen ist die Intrarater-Reliabilität eher gering
(r = 0,459 rechts; r = 0,442 links) [49]. Zu beachten ist dabei,
dass diese Ergebnisse nur für gesunde Probanden gelten. Die geringe Zuverlässigkeit
bei
Testwiederholung könnte daher durch einen schnellen Lerneffekt der gesunden Probanden
erklärt
werden.
Box-and-Block-Test. Ein schnelles Assessment zur Beurteilung der Grobmotorik ist der
Box-and-Block-Test [36]. Dieser kann bei Patienten mit bereits
vorhandenen Greiffunktionen und deutlicher Einschränkung der Feinmotorik eingesetzt
werden. Der
Patient sitzt laut Mathiowetz [36] wäh rend der Untersuchung vor
einer Box (H/B/T 8,5/53,7/25,4 cm) mit einer Trennwand in der Mitte (H/B/T 15,2/25,4/1 cm).
Die
Box schließt mit der vorderen Tischkante ab. In der einen Hälfte der Box befinden
sich 150
Holzwürfel (Kantenlänge: 2,5 cm). Die kompletten Maße der Box wurden laut Mathiowetz
und
Arbeitsgruppe erstmals von Patricia Holser Buehler und Elizabeth Fuchs beschrieben
[36]. Weiterhin beschreibt die Gruppe um Mathiowetz, dass der
Untersucher dem Patienten gegenübersitzen sollte, um die Transportbewegung und die
Anzahl der
Steine fehlerfrei erkennen zu können.
Der Test beginnt mit der nicht betroffenen oder dominanten Hand. Die Steine befinden
sich auf
der Testseite. Anschließend erklärt der Untersucher dem Patienten die Durchführung
des Tests
[36]. Die Übersetzung der englischen Instruktion:
„Ich möchte beobachten, wie schnell Sie einen Würfel in diese Hand nehmen können (Tester
zeigt auf die Testhand des Patienten) und über die Trennwand auf die andere Seite
der Box
befördern und fallen lassen können. Wichtig ist, dass die Fingerspitzen die Trennwand
überqueren. Ich zeige es Ihnen.“
Der Untersucher zeigt spiegelverkehrt das Greifen und Befördern sowie Loslassen des
Würfels.
„Wenn Sie zwei oder mehrere Würfel gleichzeitig nehmen, wird nur einer gezählt. Sollte
ein
Würfel neben die Box fallen, nachdem Sie die Trennwand überquert haben, gilt dieser
trotzdem.
Versuchen Sie nicht, ihn aufzuheben. Wenn Sie den Würfel über die Wand werfen, das
heißt die
Wand nicht mit den Fingerspitzen überqueren, wird er nicht gezählt. Sie haben nun
15 s Zeit zu
üben. Legen Sie beide Hände links und rechts neben die Box. Haben Sie Fragen? Wenn
es losgeht,
sage ich erst ‚Fertig?‘ und dann ‚Los!‘.“
Nach dem kurzen Üben sollte der Untersucher den richtigen Test ankündigen:
„Jetzt kommt der richtige Test. Sie haben eine Minute Zeit. Danach zählen wir die
Würfel.
Legen Sie beide Hände links und rechts neben die Box. Fertig? [Untersucher soll 3 s
warten]
Los!“ ([Abb. 16], [Abb. 17] u.
[Abb. 18]).
Abb. 16 Ausgangsposition (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 17 Durchführung 1 (Abb.: Simone Thomas)
Abb. 18 Durchführung 2 (Abb.: Simone Thomas)
Anschließend erfolgen die gleichen Anweisungen für die andere Seite [36]. Der Untersucher sollte während des Tests die ungültige Anzahl an transportierten
Würfeln per Strichliste vermerken [36].
Die durchschnittliche Anzahl an Würfeln liegt, wenn der Patient unter 50 Jahre alt
ist, bei
ca. 80–90. Ab 50 Jahre sind zwischen 60 und 70 Würfel pro Minute unabhängig vom Geschlecht
normal [5]. Die minimal bedeutende Veränderung der Würfelanzahl
pro Minute liegt für Schlaganfallpatienten bei 6 Würfeln [10].
Teilhabe
Reintegration to Normal Living Index (RNL-I). Er kann die mögliche Wiedereingliederung
in das häusliche und soziale Umfeld erfassen [35], [59], [60]. Per Interview werden
insgesamt 11 Items mithilfe einer Skala von null bis zehn Punkten aus den vier folgenden
Kategorien bewertet:
Es können aus statistischer Sicht 100 Punkte erreicht werden. Die Formel zur Berechnung
der
Punktzahl des RNL-I ist sehr einfach. Die Summe des RNL-I wird durch 110 dividiert
und
anschließend mit 100 multipliziert.
Die Interpretation des RNL-I gestaltet sich etwas schwieriger. Einfach zu sehen ist,
dass eine
niedrige Punktzahl auch für eine niedrige Teilhabe und Integration steht ([Tab. 9]). Jedoch lässt sich nur sehr undeutlich daraus ablesen, ab
welcher Punktzahl die Integration sehr gut oder deutlich schlecht ist. Hier hilft
es manchmal,
Vergleiche mit bereits untersuchten Krankheitsbildern anzustellen. Zum Beispiel weisen
Patienten
nach einem Schlaganfall eine durchschnittliche Punktzahl von 84,3 Punkten im RNL-I
auf [57]. Patienten mit peripheren Lähmungen, z. B. mit auf Intensivstation
erworbenem Schwächesyndrom, liegen laut den ersten vorläufigen, noch nicht veröffentlichten
Ergebnissen einer laufenden Studie deutlich unterhalb der Punktzahl von Schlaganfallpatienten
[43].
Tab. 9
Deutsche Übersetzung des RNL-I (in Anlehnung an [42])
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Item
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0
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1
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2
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3
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4
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5
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6
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7
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8
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9
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10
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1. Ich bewege mich, wenn ich es für notwendig erachte, innerhalb meines Wohnviertels.
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2. Ich bewege mich bei Bedarf innerhalb meiner Stadt.
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3. Ich bin imstande, bei Bedarf die Stadt zu verlassen.
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4. Ich bin zufrieden mit meiner Selbstversorgung wie z. B.: Anziehen, Essen,
Auf-Toilette-Gehen, Waschen/Duschen/Baden.
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5. Ich verbringe die meiste Zeit des Tages bei einer Arbeit, die notwendig oder wichtig
für mich ist.
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6. Ich bin imstande, an Erholungsaktivitäten (Hobbys, Sport, Lesen, Computer etc.)
teilzuhaben, wenn ich das möchte.
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7. Ich nehme an sozialen Aktivitäten mit der Familie, Freunden und/oder Kollegen teil,
wenn ich es für mich als notwendig oder wünschenswert erachte.
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8. In meiner Familie nehme ich eine Rolle ein, die auf meine Bedürfnisse und auf die
der
Familienmitglieder abgestimmt ist.
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9. Generell bin ich mit meinen persönlichen Beziehungen zufrieden.
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10. Generell bin ich mit mir zufrieden, wenn ich in der Gesellschaft anderer bin.
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11. Ich denke, ich kann mit Lebensereignissen/Schicksalsschlägen umgehen, wenn diese
eintreten.
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Die Intrarater- und Interrater-Reliabilität des RNL-I ist moderat [57]. Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass die Befragung mit dem RNL-I teilweise
an den Angehörigen der Patienten und nicht an den Patienten selbst durchgeführt wurde
[57]. Die Validität und die interne Konsistenz sind hingegen sehr gut
[7], [25], [38]. Die Untersuchung der Reintegration mit dem RNL-I kann auch
zuverlässig postalisch mittels Fragebogen durchgeführt werden [12]
EQ-5D-3L. Ein Assessment zur Beurteilung der Lebensqualität ist der EQ-5D-3L. Dieser
besteht aus den Punkten:
-
Schmerzen und körperliche Beschwerden
-
Angst und Niedergeschlagenheit
-
Beweglichkeit und Mobilität
-
alltägliche Tätigkeiten
-
Selbstversorgung
Der Patient kann pro Kategorie eine von drei Antwortmöglichkeiten ankreuzen, welche
fünf, zehn
oder 15 Punkten entsprechen [19]. Anschließend wird der
Gesundheitszustand mittels einer numerischen Skala von 0 bis 100 erfasst. Der EQ-5D-3L
ist
moderat valide und sehr zuverlässig [14], [20], [54].
Dieser Test kann auch mit fünf statt drei Einschätzungsmöglichkeiten durchgeführt
werden. Die
Langversion ist hinsichtlich der Rücklaufquote für die postalische Befragung der Kurzversion
überlegen, jedoch fehlen noch Untersuchungen zu den psychometrischen Eigenschaften
des Tests.
Daher scheint die Kurzversion derzeitig zuverlässiger und sollte der Langversion vorgezogen
werden [27]. Der Test ist lizenziert und damit bedingt
gebührenpflichtig. Für den Gebrauch bedarf es einer Registrierung auf der Webseite
der
EuroQol-Gruppe.
Upper Extremity Motor Activity Log. Wie häufig und wie gut ein Patient z. B. nach einem
Schlaganfall seine Arme im Alltag benutzt, misst der Upper Extremity Motor Activity
Log (UE MAL)
[5], [22], [44]. Es existieren mehrere Versionen des UE MAL, die sich hinsichtlich der Anzahl der
Fragen und demnach auch bezüglich der Durchführungsdauer unterscheiden.
Im Praxisalltag ist der UE MAL 14 mit 14 Fragen im Vergleich zum Originaltest mit
30 bis 45
einzuschätzenden Bewegungen am praktikabelsten und ist mit der guten bis sehr guten
Reliabilität
und Validität der Langversion vergleichbar (Tab. 13) [58]. In
diesem Interview soll der Patient in 15 bis 20 min Alltagsbewegungen des Armes hinsichtlich
Bewegungshäufigkeit und Bewegungsqualität mit zwei unterschiedlichen Skalen von jeweils
von 0
bis 5 einschätzen ([Tab. 10] u. [Tab.
11]). Die Anleitung des Testverfahrens gliedert sich in vier Schritte:
-
Schritt 1: Die Skalen und der Test müssen dem Patienten vor der Untersuchung
ausführlich erklärt werden.
-
Schritt 2: Der Patient soll bestimmte Fragen mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten, die
die Nutzung des Armes im Alltag widerspiegeln ([Tab. 13]).
Wichtig ist laut Taub, dass es sich um tatsächliche Armbewegungen und nicht um die
mögliche
Nutzung des Armes im Alltag handelt. Beantwortet der Patient eine Frage des Tests
mit „Nein“,
so muss mit einem Kodex abgelesen werden, ob die Frage für die Skalenbewertung berücksichtigt
und mit 0 Punkten bewertet oder aus dem Interview gestrichen wird ([Tab. 12]).
-
Schritt 3: Der Patient soll nun mit der Skala für Bewegungshäufigkeit einschätzen,
wie oft er seinen Arm bei den genannten Aufgaben, die zuvor mit Ja beantwortet wurden,
benutzt. Anschließend beantwortet der Patient die Fragen nach der bestmöglichen Ausführung
der
Bewegung. Dafür wird die Skala für Bewegungsqualität verwendet. Der Patient hat die
Möglichkeit, zwischen zwei Punktwerten, mit einem Unterschied von jeweils 0,5 Punkten,
pro
Beschreibung die Bewegung zu beurteilen. Die Fragestellung sollte nach Taub und Kollegen
hinsichtlich des Zeitpunkts der Testung variieren. So sollte zum ersten Messzeitpunkt
vor
einer Therapie die Formulierung „in der letzten Woche“ genutzt werden, z. B.: „Haben
Sie in
der letzten Woche mit dem betroffenen Arm ein Buch gehalten?“ Bei der Re-Untersuchung
nach dem
Training ist die Formulierung „seit der letzten Befragung mit diesem Test“ zu nutzen,
z. B.:
„Wie gut haben Sie, seit der letzten Befragung mit diesem Test, ein Buch gehalten?“
-
Schritt 4: Bei jeder Antwort zu Schritt 3 soll der Untersucher den gewählten
Punktwert durch die Beschreibung noch einmal wiederholen, um dem Patienten die Antwort
zu
spiegeln. Sollte sich der Patient darauf für eine andere Antwort entscheiden, wird
der
vorherige Punktwert ignoriert. Außerdem kann sich der Tester die Bewegungen vom Patienten
demonstrieren lassen und zusammen mit dem Patienten einen Punktwert ermitteln, wenn
dieser es
wünscht. Ist der Patient auch bei Diskrepanzen von seiner eigenen Bewertung überzeugt,
gilt
diese als Maßstab.
Tab. 10
Skala für Bewegungshäufigkeit
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Skala
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Bewegungshäufigkeit
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0 oder 0,5
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Der Arm wird nie benutzt.
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1 oder 1,5
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Der Arm wird sehr selten benutzt.
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2 oder 2,5
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Der Arm wird manchmal benutzt.
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3 oder 3,5
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Der Arm wird ungefähr halb so häufig wie vor dem Schlaganfall benutzt.
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4 oder 4,5
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Der Arm wird fast so häufig benutzt wie vor dem Schlaganfall.
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5 oder 5,5
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Der Arm wird genauso häufig benutzt wie vor dem Schlaganfall.
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Tab. 11
Skala für die Bewegungsqualität
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Skala
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Bewegungsqualität
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0 oder 0,5
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Der Arm kann überhaupt nicht benutzt werden.
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1 oder 1,5
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Der Arm wird zwar bewegt, ist aber kaum von Nutzen.
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2 oder 2,5
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Der Arm ist von gewissem Nutzen, benötigt aber Hilfe vom gesunden Arm, oder er kann
nur
sehr langsam bzw. mit Schwierigkeiten benutzt werden.
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3 oder 3,5
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Der Arm wird benutzt, aber die Bewegungen sind langsam oder können nur mit einiger
Anstrengung ausgeführt werden.
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4 oder 4,5
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Die Bewegungen sind fast normal, aber nicht ganz so schnell und genau.
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5 oder 5,5
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Der Arm kann so gut benutzt werden wie vor dem Schlaganfall.
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Tab. 12
Kodierung des Grundes für die Antwort „Nein“ in der ersten Fragerunde
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Kodierung für Antwort „Nein“
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Punkte Häufigkeit/Qualität
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Ich nutzte ausschließlich den nicht betroffenen Arm für diese Bewegung
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0 Punkte/0 Punkte
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Das macht immer jemand anderes für mich.
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0 Punkte/0 Punkte
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Ich führe diese Bewegung niemals durch. Auch wenn ich es könnte (z. B. Haare kämmen
bei
sehr kurzem Haar).
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Frage streichen
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Ich habe diese Bewegung das letzte Mal vor über einer Woche durchgeführt. Seitdem
aber
nicht mehr.
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Bewertung mit Ja, Beurteilung der letzten Bewegung
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Ich schreibe/esse etc. schon immer mit der nicht betroffenen Hand
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Frage streichen
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Tab. 13
Aufgaben- und Bewertungstabelle UE MAL 14 (nach freier deutscher Übersetzung)
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Aufgabe: Schritt 1) Erklärung der Testbedingungen Schritt 2) Ja/Nein:
Haben Sie …? Schritt 3) Häufigkeit: Schätzen Sie mit der Häufigkeitsskala folgende
Bewegung ein. Wie häufig haben Sie mit dem betroffenen Arm …? Schritt 4)
Qualität: Schätzen Sie mit der Qualitätsskala folgende Bewegung ein. Wie gut
haben Sie mit dem betroffenen Arm …?
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Schritt 2) Ja/Nein
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Grund
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Schritt 3) Häufigkeit
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Schritt 4) Qualität
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1. … ein Buch gehalten?
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2. … ein Handtuch benutzt?
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3. … ein Glas angehoben?
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4. … die Zähne geputzt?
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5. … sich rasiert/geschminkt?
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6. … die Tür mit dem Schlüssel geöffnet?
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7. … geschrieben/getippt?
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8. … generell selbstständig bewegt?
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9. … den Arm durch ein Kleidungsstück geführt?
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10. … etwas getragen?
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11. … Besteck gehalten?
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12. … Haare gekämmt?
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13. … eine Tasse am Henkel angehoben?
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14. … Kleidung zugeknöpft?
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Weiterhin empfehlen Taub und Kollegen bei längeren Zeitabständen, z. B. bei einer
Nachuntersuchung nach sechs Monaten, ein Video (im Original UE MAL How Well Rating
Scale Video)
mit typischen Armbewegungen zu zeigen, um die Patienten auf die Bewertung der Bewegungsqualität
zu sensibilisieren.
Die Summe des Tests ergibt sich aus der addierten Gesamtpunktzahl dividiert durch
die Anzahl
der Fragen. Je höher die Punktzahl, desto häufiger wird der Arm mit entsprechender
Bewegungsqualität eingesetzt.
Fazit
Alle aufgeführten Assessments weisen deutliche Stärken, aber auch Schwächen auf. Es
liegt am
Therapeuten, den passenden Test für die richtigen Umstände zu finden. Aus eigener
Erfahrung
können folgende fünf Fragestellungen bei der Wahl des richtigen Tests helfen:
-
Welches Assessment testet vollständig die Symptomatik, die ich behandeln oder evaluieren
möchte?
-
Kann der Test nach wiederholter Untersuchung Veränderungen objektiv sichtbar machen?
-
Ist der Test vollständig vom Patienten durchführbar?
-
Habe ich die Mittel, Zeit, Raum und genaues Wissen, um den Test anzuwenden?
-
Könnte ein anderer Therapeut die Messung definitiv mit dem gleichen Ergebnis ohne
bedeutende
Abweichungen ausführen?