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DOI: 10.1055/s-0042-115526
Journal Clubs – Clubbing unter Kollegen
Subject Editor:
Publication History
Publication Date:
07 October 2016 (online)
- Jede Menge Gestaltungsmöglichkeiten
- Auf geeignete Artikel kommt es an
- Präsentieren in unter zehn Minuten
- Diskutieren inspiriert
Gemeinsam funktioniert vieles leichter. Auch die Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur. Journal Clubs bilden einen geeigneten Rahmen, um Forschungen systematisch zu bewerten und zu verstehen. Damit inspirieren sie unsere Praxis und professionelle Entwicklung. Und machen obendrein noch Spaß.
Zu zeitaufwendig, schwer umsetzbar, zu kompliziert. Ergotherapeuten schätzen zwar die Evidenzbasierte Praxis. Sie erleben aber auch viele Barrieren, wenn es um die Umsetzung geht. Vielen fällt es schwer, relevantes Material zu recherchieren und zu bewerten. Vor allem, wenn sie selbst keine Erfahrungen mit Forschungsprojekten haben. Häufig fehlt ihnen im Praxisalltag auch einfach die Zeit, sich mit wissenschaftlicher Literatur zu beschäftigen [1]. Hier sind Journal Clubs gefragt – also Treffen von Fachleuten, die Studien oder Leitlinien kritisch beurteilen und diskutieren [2].
Solche Sitzungen können Ergotherapeuten dabei helfen, ihre Scheu gegenüber Forschung zu überwinden und sich auf dem Laufenden zu halten. Im Austausch mit anderen teilen sie Informationen über neue und bereits existierende Forschung und beleuchten gemeinsam deren Nutzen für die Praxis. So erleben sie eine Kombination aus Lernen und Zusammenarbeiten, die als wahre Inspirationsquelle gilt: Journal Clubs können das Clinical Reasoning ankurbeln, die praktische Arbeit verändern und die professionelle Entwicklung vorantreiben [1, 3]. Immer mit dem Ziel, bessere Outcomes für die Klienten zu erreichen [1].
Journal Clubs treiben die professionelle Entwicklung voran.
Jede Menge Gestaltungsmöglichkeiten
Journal Clubs gibt es in vielen Variationen und Settings. Sie können während der Arbeitszeit oder Freizeit stattfinden, im Rahmen von Ausbildung oder Studium, in einem spezifischen oder interdisziplinären Team, einrichtungsbezogen oder -übergreifend. Fehlt die Zeit für persönliche Treffen, kommen außerdem webbasierte Journal Clubs infrage, wie sie zum Beispiel internationale Unis anbieten [4, 5].
Findet der Journal Club im persönlichen Treffen statt, bedarf es einer guten Vorbereitung. Zunächst wählt man einen geeigneten Ort und zeitlichen Rahmen für das Treffen aus [4, 5]. Außerdem sollten ausreichend interessante Forschungsartikel vorhanden sein, welche die Teilnehmer häufig im Vorfeld erhalten oder in einer kurzen Präsentation vorgestellt bekommen [6, 7]. Fingerfood und erfrischende Getränke dürfen auch nicht fehlen. Damit die Treffen strukturiert verlaufen, können vorab konkrete Rollen und Aufgaben verteilt werden wie das Präsentieren der Studie [7]. Als Erfolgsfaktor gilt dabei, wenn eine erfahrene Person die Sitzung leitet, die besondere Kompetenzen im Moderieren und Interpretieren von Studien mitbringt [2, 4]. Alternativ können die Mitglieder auch abwechselnd die Leitung übernehmen. Bei der inhaltlichen Gestaltung besteht ebenso großer Spielraum: Eine Sitzung kann sich auf einen konkreten Artikel konzentrieren, auf die Forschung zu einem bestimmten Thema oder auf die komplette Ausgabe einer Zeitschrift [4, 7].


Auf geeignete Artikel kommt es an
Journal Clubs leben von den Artikeln, die besprochen werden. Sind die Forschungen aussagekräftig und relevant, können sie interessante Diskussionen entfachen und dazu beitragen, die eigene Praxis zu reflektieren und zu optimieren [8, 9]. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Zusammenkünfte schnell langweilig werden. Vor allem, wenn die Clubmitglieder immer wieder die schlechte Qualität der Artikel entlarven und eine Veränderung der Praxis ausbleibt.
Daher empfiehlt es sich, die Qualität eines Artikels bereits VOR der Sitzung zu screenen [6]. Zum Beispiel mithilfe von Checklisten oder Bewertungen, wie sie etwa die EBP-Datenbank des DVE bereithält (www.dve.info/ergotherapie/ebp-datenbank.html).
Es sei denn, die Mitglieder des Journal Clubs möchten sich in erster Linie im Bewerten von Artikeln üben. Dann ist es natürlich sinnvoll, auch Artikel mit schlechter Qualität einzubeziehen [6, 8]. Für die Bewertung stehen verschiedene Appraisal-Tools und Checklisten zur Verfügung, für randomisierte kontrollierte Studien zum Beispiel die PEDro-Skala (ERGOPRAXIS 11-12/13, S. 12). Weitere Bewertungstools auf Deutsch stellt das Centre for Evidence Based Medicine auf seiner Homepage zur Verfügung (www.cebm.net/critical-appraisal).


Abb.: Viacheslav Iakobchuk/fotolia.com
Präsentieren in unter zehn Minuten
Eine kurze und knackige Präsentation ist nicht zwingend notwendig, hilft aber den Mitgliedern des Journal Clubs dabei, sich einen Überblick über Gegenstand, Methodik, Ergebnisse und Nutzen einer Studie zu verschaffen. Folgender Leitfaden kann dabei helfen, effektiv und zielgruppengerecht zu präsentieren [6]:
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Fälle oder Fragen aufzeigen, für die der Artikel relevant ist, zum Beispiel welche Wirksamkeitsnachweise es für die Spiegeltherapie nach Schlaganfall gibt
-
Recherchestrategie kurz beschreiben: Wo hat man den Artikel gefunden, wie hat man danach gesucht?
-
Forschungsgegenstand, -design und -frage erläutern
-
die Bedeutung und Relevanz dieser Forschungsfrage aufzeigen
-
die Forschungsmethode beschreiben
-
die eigene Einschätzung zur methodischen Qualität der Studie darstellen, die man anhand einer Checkliste oder eines Bewertungstools gewonnen hat
-
die wichtigsten Ergebnisse aus der Studie zusammenfassen
-
einschätzen, inwieweit die Ergebnisse auf reale Klienten bzw. Situationen aus dem Praxisalltag übertragbar sind
-
den klinischen Nutzen der Studie aufzeigen, auch mit Bezug zu den eingangs genannten Fällen oder Fragestellungen
-
ein einseitiges Handout bereitstellen, das die wesentlichen Punkte zusammenfasst
Diskutieren inspiriert
Die Diskussion gilt als Kernstück der Journal Clubs und schließt sich beispielsweise der Präsentation an. Sie eröffnet den Beteiligten die Möglichkeit, relevante Forschungsergebnisse aus verschiedenen Perspektiven heraus zu betrachten, in ihre Reasoning-Prozesse zu integrieren und für die eigene Praxis nutzbar zu machen [1, 2, 8]. Verschiedene Fragen können den Diskussionsmitgliedern dabei als Orientierung dienen, zum Beispiel [9]:
-
Was kann man aus der Studie lernen?
-
Was sind ihre Stärken und Schwächen?
-
Inwieweit sind die Teilnehmer, Interventionen oder Settings mit der eigenen Praxis vergleichbar?
-
Welche Schlüsse lassen sich aus den Studienergebnissen für die eigene Praxis ziehen?
Auch wenn es in den ersten Sitzungen etwas mühsam erscheinen mag, das gemeinsame Studieren und Diskutieren von Forschung wird von Mal zu Mal leichter [5]. Und zieht nachweislich positive Effekte nach sich. Denn Journal Clubs können die Auseinandersetzung mit Forschung erleichtern, die EBP-Kompetenzen steigern und die professionelle Weiterentwicklung vorantreiben [3, 4, 10, 11]. Ganz im Sinne einer modernen Ergotherapie.
Florence Kranz
Welche Erfahrungen haben Sie mit Journal Clubs gemacht? Wir freuen uns über Ihre Nachrichten, Beweisfotos etc. unter ergopraxis@thieme.de!




Abb.: Viacheslav Iakobchuk/fotolia.com