Journal Club AINS 2016; 5(03): 113
DOI: 10.1055/s-0042-116664
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Beeinflusst Narkose bei Säuglingen die neurokognitive Entwicklung?

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Publication Date:
15 September 2016 (online)

 

    Tierexperimente lassen daran denken, dass eine Allgemeinanästhesie im frühen Leben die weitere anatomische und funktionelle Gehirnreifung ebenso beeinträchtigen könnte wie die kognitive und Verhaltensentwicklung. Beim Menschen sind die vorliegenden Daten bisher widersprüchlich und stammen aus kleinen Beobachtungsstudien. Eine große randomisierte Studie zu der Frage legt nun eine Zwischenauswertung vor.


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    Nach einer Allgemeinanästhesie im 1. Lebensjahr gibt es im Alter von 2 Jahren keine Anhaltspunkte für eine damit zusammenhängende Störung der neurokognitiven Entwicklung. Zu diesem Schluss kommt die randomisierte, internationale multizentrische Studie General Anesthesia compared to Spinal Anesthesia (GAS).

    GAS hat zwischen Februar 2007 und Januar 2009 in 28 Kliniken insgesamt 719 Kinder im Alter bis zu 60 Wochen p. m. aufgenommen, bei denen eine Leistenhernioplastik notwendig war. Die Kinder wurden nach dem Zufallsprinzip einer von zwei Gruppen zugewiesen:

    • Eingriff in Sevofluran-Allgemeinanästhesie (n = 358) oder

    • Eingriff in rückenmarknaher Regionalanästhesie (Spinalanästhesie und/oder Kaudalblock; n = 361)

    Opioide und Lachgas wurden in keinem Fall eingesetzt. Als primärer Endpunkt der Studie wurde das Ergebnis im Wechsler Preschool and Primary Scale of Intelligence im Alter von 5 Jahren festlegt. Sekundärer Endpunkt sind die hier vorgestellten Gesamtpunktwerte auf der kognitiven Subskala laut Bayley Scales of Infant and Toddler Development III (Bayley III), mit der u. a. Aufmerksamkeit, Gedächtnis, sensomotorische Entwicklung und einfaches Problemlöseverhalten bestimmt werden.

    Daten von 238 Kindern der Regionalanästhesiegruppe und 294 Kindern der Allgemeinanästhesiegruppe (mittlere Dauer der Anästhesie 54 min) konnten ausgewertet werden. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unterschiede im kognitiven Bayley-III-Wert zwischen den beiden Gruppen. Ähnliche Resultate lieferten die motorischen und verbalen Subskalen des Bayley II sowie der MacArthur-Bates-Test, in dem Eltern die sprachliche Kommunikationsfähigkeit ihrer Kinder beurteilen.

    Infantile Zerebralparese, schwere Seh- oder Hörstörungen und spezifische Verhaltensstörungen wie Erkrankungen aus dem Autismusspektrum waren insgesamt so selten, dass keine sinnvollen Vergleiche zwischen den Gruppen möglich waren.

    Fazit Nach diesen Daten gibt es keine Anhaltspunkte für eine Beeinträchtigung der neurokognitiven Entwicklung bis zum 2. Lebensjahr, wenn im 1. Lebensjahr eine Allgemeinanästhesie durchgeführt wurde, fassen Davidson et al. zusammen. Anderslautende Ergebnisse aus Observationsstudien könnten u. a. dadurch zustande kommen, dass die Grunderkrankungen, die die Anästhesie überhaupt notwendig machen, zu Verzerrungseffekten beim Outcome führen. Einschränkend ist zu sagen, dass die Resultate für kürzere Narkosen (< 1 h) mit Sevofluran gelten – über länger dauernde und/oder häufigere Anästhesien und andere Anästhetika lassen sich keine Aussagen treffen. Daten zum primären Endpunkt werden ca. 2018 verfügbar werden.

    Dr. med. Elke Ruchalla, Bad Dürrheim

    Kommentar

    Prof. Dr. med. Robert Sümpelmann

    Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, MHH Hannover

    Frühere Berichte aus tierexperimentellen und klinischen Beobachtungsstudien über ungünstige Auswirkungen von Anästhesien im Neugeborenen- und Säuglingsalter auf Gehirnfunktionen in späteren Lebensphasen haben zu einer erheblichen Verunsicherung von Ärzten und Patienten geführt. Viele Familien sind gut informiert und machen sich seitdem mehr Sorgen, wenn ihr Kind eine Narkose bekommen soll. Die Aussagefähigkeit der bisher vorliegenden Studien ist jedoch sehr begrenzt, weil tierexperimentelle Befunde nicht ohne weiteres auf kleine Kinder übertragbar sind und neurokognitive Entwicklungsstörungen z. B. auch Folge der Grundkrankheit, der durchgeführten Operationen und von anderen Therapie- und Umgebungseinflüssen sein können. Die Zwischenauswertung von Davidson et al. ist in diesem Zusammenhang ein Meilenstein, weil durch das (erstmalig) prospektive randomisierte Studiendesign, die grosse Fallzahl und die Fokussierung auf eine Operation (Leistenherniotomie) und ein Anäs-thetikum (Sevoflurane) eine Beeinflussung durch Anästhesie-unabhängige Faktoren wenig wahrscheinlich ist. Das Ergebnis ist auf den 1. Blick erfreulich: kein messbarer Unterschied in der neurokognitiven Entwicklung 2 Jahre nach einer Allgemein- bzw. wachen Regionalanästhesie in früher Kindheit. Auf den 2. Blick bleiben aber offene Fragen: die Abschlussuntersuchung nach 5 Jahren steht noch aus, die neurokognitive Entwicklung ist nach 2 bzw. 5 Jahren noch nicht abgeschlossen, die mittlere Anästhesiedauer war mit 54 min sehr kurz und es ist gut möglich, dass längere Anästhesien, zusätzliche Anästhetika oder mehrfache Anästhesien trotzdem einen ungünstigen Einfluss haben. Für eine Entwarnung ist es also noch zu früh! Außerdem sind respiratorische und kardiovaskuläre Komplikationen die Hauptrisiken bei Anästhesien in früher Kindheit. Dennoch: die Studienergebnisse sind ein Lichtblick, den man besorgten Eltern durchaus mitteilen kann.


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