Einleitung
Im Jahre 1972 fanden Sporttaucher im Meer bei Riace in Kalabrien die Statuen zweier
Männer, schon auf den ersten Blick aus dem klassischen Altertum stammend. Umfangreiche
Untersuchungen und stilistische Überlegungen ergaben, dass es sich um zwei Krieger
handelt, jetzt Riace A und B genannt, entstanden etwa um das Jahr 440 v. Chr., also
zu Athens glanzvoller Hegemonialzeit. Die ursprünglich getragenen Waffen und Kopfbedeckungen
waren nicht mehr vorhanden und von der einstigen Bemalung fanden sich nur noch spärliche
Reste. Alles wurde aber nach sorgfältiger Überlegung und Beachtung der gefundenen
Spuren in der Folgezeit in mühevoller Kleinarbeit restauriert, sodass wir die Figuren,
heute im Besitz des archäologischen Museums von Reggio di Calabria und seit 2016 als
Dauerleihgabe im Frankfurter Liebieghaus, wieder in ursprünglichem, vollem und üppigem,
polychromem Glanze und in „heroischer Nacktheit“ ([1 ], S. 114) bewundern können ([Abb. 1 ] und [Abb. 2 ]). Waffen und Kopfbedeckungen „sind in der Antike bereits die wichtigsten Verständnisstützen
für die Identität der dargestellten Personen, die sicher aus dem griechischen Mythos
stammen, gewesen“ ([1 ], S. 115). Man glaubt heute zu wissen, dass es sich um die einst vor dem Erechtheion
auf der Athener Akropolis aufgestellten und vom Reiseschriftsteller Pausanias erwähnten
Statuen der mythologischen Figuren des Erechtheus (Riace A) und des Eumolpos (Riace
B) handelt.
Abb. 1 Krieger Riace A, restauriert, soll den mythologischen Athener König Erechtheus darstellen,
Bronze, Höhe 198 cm, Museo Reggio di Calabria, Original um 440 v. Chr. Er ist nicht
kleiner als Statue Riace B, der Größenunterschied ist fotografisch bedingt (Bild:
© Liebieghaus Skulpturensammlung – ARTOTHEK).
Abb. 2 Krieger Riace B, restauriert, soll den mythologischen Thrakerkönig Eumolpos darstellen,
Bronze, Höhe 197 cm, Museo Reggio di Calabria, Original um 440 v. Chr. (Bild: © Liebieghaus
Skulpturensammlung – ARTOTHEK).
Erechtheus und Eumolpos
Die mythologischen Personen von Erechtheus dem Älteren und seinem Enkel Erechtheus
dem Jüngeren sind für die Geschichte Athens und Attikas von großer Bedeutung gewesen,
das wunderschöne Erechtheion auf der Athener Akropolis mit den Korensäulen zeugt bis
heute davon. Der Ältere war ein Sohn der Erde, wurde von der Göttin Athene gepflegt
und in ihren Tempel auf der Akropolis versetzt, wo er zum „Urheros“ wurde ([2 ], S. 307). Unter dem Jüngeren, sagenhaften König von Athen, den Statue A darstellt,
fand der Krieg mit Eumolpos, dem König der Thraker, Sohn des Poseidon und der Chione
(Statue B) statt. Als Gründer der Mysterien von Eleusis und verbündet mit seinen Einwohnern,
führte er den Krieg gegen Erechtheus den Jüngeren um den Besitz dieser Stadt ([2 ], S. 324). Beide Heroen fanden hierbei den Tod. Sie leben in glanzvoller Apotheose
in Form ihrer prachtvoll restaurierten Statuen bis heute fort.
Die Alopekis des Eumolpos (Figur B)
Die Alopekis des Eumolpos (Figur B)
Was hat das alles mit der Trichologie, der Haarkunde des Dermatologen zu tun? In erweitertem
Sinne bei beiden Statuen sehr viel, wie wir sehen werden.
Wie z. B. in der Heraldik (ungezählte Wappen mit Löwen und Adlern), der Literatur
(Märchen und Tierfabeln) und Religion (ägyptische Tiergottheiten) versteckt sich der
Mensch offenbar gerne hinter dem Tier, oder will sogar, wie im Falle des Tieres in
der Religion, etwas Metaphysisches ausdrücken. Auch an die Redewendung „jemand ist
ein hohes Tier“ (z. B. in Politik, Verwaltung oder öffentlichem Leben) sei erinnert.
So wundert es nicht, dass auch die medizinische Terminologie diesem merkwürdigen Phänomen
der Tiervergleiche unterliegt. Begriffe wie Ichthyosis, Leontiasis, Ornithose sind
sachlich noch nachvollziehbar, bei den so wichtigen Lupuserkrankungen (Lupus, der
Wolf) ist das schon sehr viel weniger der Fall. In der Trichologie werden gleich zwei
Tiere bemüht, nämlich die symbolistisch überfrachtete Schlange (gr. ophis), davon
abgeleitet die Ophiasis, womit eine besonders schwere Verlaufsform des kreisrunden
Haarausfalls gemeint ist, und sehr viel häufiger und wichtiger der Fuchs (gr. Alopex),
wovon sich die Alopekia (latinisiert Alopecia, eingedeutscht Alopezie) als Oberbegriff
für sämtliche Formen auch des menschlichen Haarausfalls ableitet. Hiermit sind wir
dann sprachlich-assoziativ sofort bei der von Eumolpos getragenen thrakischen Fuchsfellmütze
Alopekis angekommen. Wir wissen zwar, dass sich der Begriff der Alopezie auf die verheerende
und sehr oft mit dem Tode endende Fuchsräude bezieht, wir wissen aber bis heute nicht,
wann, wo und von wem er in die medizinische Fachsprache eingeführt wurde.
Fuchs und Wolf im thrakischen Bergland
Fuchs und Wolf im thrakischen Bergland
So mag denn das wald- und wildtierreiche thrakische Bergland mit einem wahrscheinlich
großen, aber auch durch die Seuche oft erheblich dezimierten Bestand an Füchsen vielleicht
einen wichtigen Hinweis zur Herkunft des Begriffes Alopezie geben. Für die damaligen
Einwohner Thrakiens kann man sich denken, dass ein Mangel an dem wärmenden Kleidungsstück
Alopekis gerade in kalten Wintern bei stark reduziertem Bestand gesunder Felle zum
Problemfall wurde. Vielleicht gab es auch einen Pelzhandel, der darunter erheblich
gelitten hat. Diese schwierigen Situationen sind wahrscheinlich im Dunkel der Vergangenheit
in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingegangen und haben möglicherweise
nicht nur zu einem medizinischen „terminus technicus“ beigetragen, sondern auch zu
einer fast kultischen Verehrung des so wichtigen Tieres geführt. Die von der täglichen
Realität gelöste Darstellung einer bedeutenden mythologischen Figur, deren wärmende
Fuchsfellmütze Alopekis als reinem Gebrauchsgegenstand bei sonstiger „heroischer Nacktheit“
keinen praktischen Sinn ergibt, weist auf eine abstrahierende, zumindest heraldische,
wenn nicht fast sakrale Sichtweise auf das nunmehr gleichsam geadelte Tier hin, gerade
auch weil der besonders kostbare und seltenere Silberfuchs abgebildet ist
Übrigens scheint auch der Wolf in Thrakien eine besondere Rolle gespielt zu haben,
worauf der Name des sagenhaften thrakischen Königs Lykurgos (lykos = der Wolf), nicht
zu verwechseln u. a. mit dem berühmten spartanischen Gesetzgeber, hinweist. Ähnlich
wie die Alopekis ist die Wolfsfellmütze aus der germanischen Mythologie und Geschichte
bekannt. Ihre Träger machten einen bedeutsamen, furchterregenden Eindruck. Im Vergleich
zur germanischen Wolfsfellmütze wirkt die Alopekis aber weniger archaisch-wild. Der
Fuchs, vielleicht auch schon im griechischen Altertum wegen seiner Schlauheit bekannt,
steht in der Rangordnung der Tiere deutlich höher als der Wolf, dennoch wird die animalisch
„dunkle“ Seite ihres Trägers betont
Synesios von Kyrene – ein begeisterter Adept des klassischen Altertums
Synesios von Kyrene – ein begeisterter Adept des klassischen Altertums
Auch der Helm des Erechtheus muss eine die Realität einer kriegerischen Kopfbedeckung
übersteigende Bedeutung gehabt haben. Eine Brücke dazu bietet uns ein späthellenistischer
Schriftsteller und dessen trichologische, halbmetaphysische Schrift „Das Lob der Kahlheit“
[3 ], die uns hier weiterbringen kann.
Synesios lebte etwa von 370 – 412 n. Chr. und war, noch immer griechisch schreibend,
ein Schüler der berühmten Philosophieprofessorin Hypatia in Alexandria, bei der er
auch die platonische Philosophie studierte. Obwohl später als eher widerwilliger Christ
sogar Bischof von Ptolemais, blieb er doch zeitlebens den Traditionen des klassischen
Altertums verbunden. Seine Ausführungen zu berühmten historischen und mythologischen
Personen der griechischen Geschichte im „Lob der Kahlheit“ wie Homer, Herodot, Xenophon,
Sokrates, Dionysos,Silen u. v. a. sind, obwohl bereits mehr als 800 Jahre nach der
großen Zeit Athens entstanden, von unmittelbarer Frische, Begeisterung für die Antike
und voller überraschender Ergebnisse, wenn auch aus heutiger Sicht oft nur noch wenig
nachvollziehbar. Seine Hauptargumente für das Lob der Kahlheit waren anthropologische
(der Mensch ist die Krone der Schöpfung und von allen Lebewesen am wenigsten behaart,
umgekehrt ist das dümmste aller Tiere das Schaf mit seiner Wolle), kosmologische (in
der Natur sind die nackten, reifen Früchte wie Nüsse, Getreidekörner, Hülsenfrüchte
das wichtigste, nicht die vergänglichen Blüten, die gleich dem Haar nur überflüssiger
Zierrat sind), astrale (der Kahlkopf wird mit ebenso „kahlköpfigen“ bedeutenden Himmelskörpern
verglichen), das homerische Leuchten der Kahlköpfigen und viele trichologische Beispiele
aus der griechischen Geschichte, vor allem die Kahlköpfigkeit des Sokrates. Unter
anderem dessen unzweifelhafte Intelligenz lässt ihn endlich zu dem wahrhaft gewaltsamen
Schluss kommen: „Von den Haaren konnte gezeigt werden, dass sie Ausdruck von Unvernunft,
tierischer Natur und Teil der Front gegen das Göttliche sind“ ([3 ], S. 81).
Der ungeschmückte Helm – eine künstliche Glatze
Der ungeschmückte Helm – eine künstliche Glatze
Unter allen Ausführungen des Synesios verdienen seine Bemerkungen zum Helm für unser
Thema besondere Beachtung. Wir können sein Eintreten für die Kahlköpfigkeit anhand
dieses militärischen Gegenstands am besten nachvollziehen. Bereits bei den alten Ägyptern
(Beispiel der berühmte Arzt, Staatsmann und Schriftsteller Imhotep) war die künstliche
Glatze als Ausdruck von Klugheit und weiser Autorität verbreitet. Viele altägyptische
Statuen zeigen Imhotep mit einer turbanartigen, künstlichen Glatze gleichsam ex cathedra
zu uns sprechend. Synesios sieht jetzt eine Parallele im Helm des klassischen griechischen
Altertums. Er macht zwar keine direkten Angaben zur Art und Herkunft dessen, was ihm
vorgeschwebt hat, aber bei seiner Vorliebe für Athens große Zeit kann m. E. kein Zweifel
daran bestehen, dass es sich um einen Helm vom Typ der Erechtheusfigur ([Abb. 1 ]) handelt, wie er ganz ähnlich auch von Perikles und der Göttin Athene ([Abb. 3 ]) getragen wurde. „Wir sehen ja, dass die Soldaten, wenn sie ihren Gegnern Furcht
einjagen wollen, einen Helm auf dem Kopf tragen. Der Helm aber ist der Sache nach
nichts anderes als ein Schädel aus Bronze … In der Urform liefert der Helm das genaueste
Abbild der Glatze und ist der Ausrüstungsgegenstand des Soldaten, der den meisten
Schrecken einflößt … Die glatte und glänzende Oberfläche des Helms ist es wohl, die
wie eine Glatze wirkt und Schrecken einflößt“ ([3 ], S. 67 – 69).
Abb. 3 Dieselbe Art des Helmes wie in [Abb. 1 ] bei der athenischen Schutzpatronin, der Göttin Athene, sog. Athena des Myron, Liebieghaus
Frankfurt. Kopie aus den Gärten des Lukullus, Rom, augusteische Zeit. Auch hier der
Eindruck von Weisheit und Klugheit (bei mädchenhafter, gänzlich unmilitärischer Schönheit.
Schönste Darstellung der Athena nach Ansicht des Frankfurter Liebieghauses) (Bild:
© Liebieghaus Skulpturensammlung – ARTOTHEK).
Hierzu einige sprachliche Bemerkungen, wie ich sie schon in meiner Arbeit „Über das
Lob der Kahlheit“ des Synesios von Kyrene mit trichologischem Rückblick in die Antike
sowie Ausblick in Gegenwart und Zukunft ([4 ], S. 468) gemacht habe. Synesios nennt die Glatze nicht „Alopekia“, sondern spricht
von „phalakra“, wobei „phalos“ ein bügelartiger, den Helm dorsal umfassender Wulst
bedeutet, der die eigentliche (kahle und ungeschmückte) Spitze „akra“ umgibt. Der
Vergleich mit einer typischen androgenetischen Alopezie bei stark erhaltenem bügelartigem
Haarkranz dorsal und Kahlheit nur auf der Kopfmitte ist sehr einleuchtend und wird
noch untermauert durch ein weiteres Detail, nämlich dass „die Helme hinten zwischen
Filz und Metall mit in Reihen angeordneten Tierhaaren besetzt werden“ ([3 ], S. 67). Diese fungieren für den Glatzenhelm also gleichsam als bügelartiger erhaltener
Haarkranz. Schamhaft verborgen unter einem Efeukränzchen ist diese Glatzenform ganz
typisch z. B. bei der mythologischen Figur des Silenos auf Vasenbildern zu sehen.
Weiter liegt im Griechischen bei Helm und Schädel ein Wortspiel vor, denn der Helm
heißt „kranos“ und der Schädel „kranion“, also eigentlich das Helmchen. So wird klar,
dass Helm und (kahler) Schädel zu einer nahezu untrennbaren Einheit verschmelzen.
Dem Helm des Erechtheus sind bei Riace A sogar farbig markierte Nasen- und Augenpartien
angefügt, die hier aber erst über der Stirn getragen werden, sodass das Ganze wie
ein zweites nach oben verlagertes Gesicht wirkt. Im Kampfe wurde der Helm, bei Spielraum
zwischen ihm und dem Schädel, zum Schutz zentraler Gesichtspartien wahrscheinlich
heruntergezogen, sodass dann der Eindruck eines „korinthischen Helms“ ([1 ], S. 115) entstehen konnte. Wichtig ist aber, dass seitliche Extraflügel zum Schutz
lateraler Gesichtspartien, oder gar permanente Gesamtverhüllung des Gesichtes sowie
jeglicher Schmuck und Zierrat fehlen. Das wirkte weit weniger martialisch oder prächtig
(man vergleiche dazu eine ganze Galerie korinthischer Helme bei Wikipedia), macht
den Helm mit seiner Leuchtkraft bei unverhülltem Gesicht aber besonders geeignet zum
Tragen auch außerhalb des Kampfes, etwa zu Zwecken der Repräsentation und zur Hervorhebung
einer wichtigen Persönlichkeit.
Der Glatzenhelm wird zum Symbol für Weisheit und Klugheit
Der Glatzenhelm wird zum Symbol für Weisheit und Klugheit
Wenn man also den typischerweise ungeschmückten griechischen Helm als „genauestes
Abbild“ der Glatze bezeichnet, die wiederum ein Attribut „sokratischer“ Weisheit und
Klugheit ist, kann nur gefolgert werden, dass bei der Darstellung des Erechtheus neben
militärischer Stärke eben auch diese „hellen“, geistigen Eigenschaften zum Ausdruck
gebracht werden. Der Helm leuchtete im Gegensatz zur stumpfen Tierfellmütze weithin,
wobei man annehmen darf, dass die Sensibilität der Menschen auf Lichtabstufungen in
der Antike mangels künstlicher Dauerbeleuchtung und bei dunklen Nächten sehr viel
größer war und, wie von Synesios zitiert, das „homerische“ Leuchten einer Glatze angeblich
bereits genügte, um einen Raum zu erhellen. Das Leuchten von Speer und Helm (hier
allerdings mit Helmbusch) der Athena Promachos auf der Athener Akropolis soll so stark
empfunden worden sein, dass man es noch auf dem 65 km entfernten Kap Sounion gesehen
haben will.
Für die historische Person des Perikles, der nicht nur ein großer Feldherr, sondern
auch ein kluger und bedeutender Staatsmann war, ist der hell leuchtende Glatzenhelm
ja auch durch Skulpturen in verschiedenen Museen historisch bezeugt (dass er vielleicht
auch eine Kopfdeformität verbergen sollte, ist hier nicht entscheidend), für die mythologische
Person der Athene als Schutzpatronin und als Göttin auch der Klugheit ohne weiteres
ein verständliches Symbol, und für den mythologischen König Erechtheus, Enkel des
„Urheros“ Attikas, gleichsam ein Programm und Ausdruck eines hegemonialen Anspruchs
Athens in militärischer, politischer und kultureller Sicht.
Zusammenfassender Vergleich der Figuren des Erechtheus und des Eumolpos
Zusammenfassender Vergleich der Figuren des Erechtheus und des Eumolpos
Die Kopfbedeckung des Eumolpos mit der Alopekis steht im Gegensatz zur helmartigen
„sokratischen“ Kahlheit des Erechtheus. Dichte Behaarung und/oder Gebrauch von Tierfellen,
wie bei Eumolpos, weisen in der griechischen Mythologie immer auch auf den „dunklen“
Kult des Dionysos hin, wie es bei Vasenbildern, auf denen Dionysos immer mit guter
Kopfbehaarung und häufig mit Tierfellen bekleidet im Gegensatz zu seinem immer glatzköpfigen
Zuchtmeister Silenos dargestellt wird, sehr gut zu erkennen ist. Man könnte also beim
Vergleich beider Figuren von einem trichologisch ausgedrückten Hell-Dunkel oder dionysisch-sokratischen
Gegensatz sprechen. Nähere Ausführungen dazu habe ich in meiner schon genannten Arbeit
gemacht ([4 ], S. 469).
Wem das im wahrsten Sinne des Wortes vielleicht ein wenig an den Haaren herbeigezogen
ist, dem werden vielleicht andere, nicht trichologische Gegensätze beider Figuren,
die aber in verblüffender Weise in dieselbe Richtung weisen, plausibler erscheinen.
Da ist zunächst die Namensgebung. Nach Benseler ([2 ], S. 307) bedeutet Erechtheus, oder Erichthonios, der Erderschütterer (Chthon = die
Erde). Eine Beziehung zum Gewaltigen, Mächtigen kann vermutet werden. Nach Pape ([5 ], S. 972) heißt Eumolpos der Schönsänger , sprachverwandt Melpomene, eine der neun Musen. Wie bei seinem berühmten thrakischen
Landsmann, dem Sänger Orpheus, wird also eine musische Begabung deutlich. Musik wirkt von außen nach innen in tiefere, „dunkle“ seelische Schichten
hinein. Der Name der späteren Schutzpatronin der Musik, der heiligen Cäcilie, weist
auf Blindheit und Dunkelheit hin (caecus = lat. blind, dunkel). Eumolpos gründete
auch die eleusinischen Mysterien, oder war zumindest einer ihrer wichtigsten Protagonisten,
was noch mehr auf eine in tieferen, dunklen seelischen Schichten lokalisierte mystisch-religiöse Veranlagung und eine stark introvertierte Persönlichkeit hindeutet, die Meerestiefen seines im
„Dunklen“ wohnenden Vaters Poseidon runden dieses Bild ab.
Bei der Bewaffnung deutet der hell leuchtende Glatzenhelm des extrovertierten Erechtheus,
wie schon oben angeführt, auf Besonnenheit , leuchtende Klarheit, Klugheit und Logik des Geistes hin, ganz wie bei der ebenfalls helmtragenden Lichtgestalt der Athene. Der Speer
des Erechtheus ist zwar eine gefährliche Waffe, er besitzt aber einen gewissen paramilitärischen
(der Speerwurf ist auch Disziplin des olympischen klassischen Fünfkampfes) und militärischen
„ Adel“. Man denkt unwillkürlich an einen gerechten, ritterlichen Kampf, wie er auch
ohne Krieg z. B. auf mittelalterlichen Turnieren ausgetragen wurde. Auf die sich später
entwickelnde Symbolik des Speeres (heilige Lanze der Christenheit, Bedeutung des Speeres
in der germanischen Mythologie u. v. a.) sei hingewiesen. Nach Primavesi ([6 ], S. 101) träumt Erechtheus davon, ihn in einem späteren Ruhestand gar nicht mehr
benutzen zu müssen, sondern ihn mit Spinnenweben umflort an der Wand stehen zu sehen.
Er zeichnet ihn jedenfalls als zwar mächtigen , aber maßvollen, gerechten und ritterlichen Kämpfer aus. Demgegenüber ist die vulgäre Streitaxt in der Hand des Eumolpos nur ein barbarisches,
nicht kodifiziertes und symbolistisch kaum hinterfragbares Mordinstrument, und man
wird ihm ein tief im „Dunklen“ seiner Persönlichkeit schlummerndes grausames Wesen unterstellen müssen. Primavesi ([6 ], S. 101) spricht ihm ebenfalls barbarische Qualitäten zu, ein scheinbar unüberbrückbarer
Kontrast zu seiner religiösen Veranlagung (nicht alle bedeutenden Persönlichkeiten
der Religionsgeschichte waren friedlich!) und seiner Musikalität. Es gibt viele historische
Persönlichkeiten, die gerade in dieser Hinsicht ein ähnlich gegensätzliches Muster
zeigen. Der Bekannteste ist vielleicht der wegen seiner außergewöhnlichen (neuerdings
allerdings etwas angezweifelten) Grausamkeit bekannte Kaiser Nero, der sich immer
wieder auch musischer Auftritte befleißigte. Auch der blutige König Heinrich VIII.
von England und der kriegerische Friedrich der Große waren Musikliebhaber und haben
sogar komponiert.
Endlich noch der Schild: Bei Erechtheus ist es der hell leuchtende Rundschild aus
Bronze, bei Eumolpos dagegen ein leichter, geflochtener, eingekerbter und nicht leuchtender
Schild, die sog. Peltra. Alle drei getragenen Waffen im Vergleich zeigen einen Hell-Dunkel-Kontrast
ihrer Träger. Diese ordnen sich damit in die später in der Kunstgeschichte so wichtigen
Tag-Nacht-Allegorien ein (z. B. Medici-Gräber Michelangelos in Florenz).
Rasterartiges Charakterprofil des Erechtheus und des Eumolpos
Rasterartiges Charakterprofil des Erechtheus und des Eumolpos
Gegenüberstellend haben wir ein recht gutes rasterartiges Charakterprofil beider mythologischer
Figuren, zu dem, wie wir hoffen, die trichologische Betrachtung einen erheblichen
Beitrag leisten konnte ([Tab. 1 ]).
Tabelle 1
Charakterprofil beider Krieger.
Erechtheus
Eumolpos
trichologisch
leuchtender Glatzenhelm symbolisiert Humanismus, Weisheit und Klugheit
Alopekis symbolisiert niedere animalische Wildheit
Name
Deutet Macht und Stärke an
weist auf musikalische Begabung hin
Religion
Anhänger der klugen Helmträgerin Athene
Sohn des Poseidon, ihres kultischen Konkurrenten in Attika, Vertreter der dunklen
eleusinischen Mysterien
Bewaffnung
Speer, Helm und Bronzeschild leuchten reflektierend und deuten auf Helligkeit hin
Streitaxt und geflochtener Schild leuchten nicht, die Alopekis nur beschränkt und
nicht reflektierend, dunkles Erscheinungsbild
Wesen
maßvoller, ritterlicher Kämpfer extrovertiert, großer Geist sachlich, intellektuell
barbarische Grausamkeit, Unbeherrschtheit dunkel introvertiert , große Seele spontan-emotional