Schlüsselwörter
Genetik - Retina - Optogenetik - Channelrhodopsin - retinale Dystrophien
Key words
genetics - retina - optogenetics - channelrhodopsin - retinal dystrophies
Anatomie der Retina
Die Retina besteht aus 5 neuronalen Zelltypen, die in 3 zellulären Schichten angeordnet
sind ([Abb. 1]) [1], [2]. Nach außen wird die Retina vom retinalen Pigmentepithel (RPE) auf der einen Seite
und vom Corpus vitreum auf der anderen Seite eingefasst. Das Epithel dient als Lichtfilter
und gleichzeitig als Barriere zwischen den Blutgefäßen der Choroidea und den Photorezeptoren.
In der Retina wechseln sich zellkernreiche und -arme Schichten ab. Die zellkernarmen
Schichten sind durch synaptische Verbindungen der Nervenzellen gekennzeichnet. Die
äußere, dem Licht am weitesten entfernte Schicht der Retina, die zellkernreiche Körnerschicht,
besteht aus den Zellkörpern der eigentlichen Lichtsensoren, den Stäbchen- und Zapfenphotorezeptoren.
Dem schließt sich die zellkernarme äußere plexiforme Schicht (englisch: OPL – outer
plexiform layer) an. Sie stellt die Verbindung zwischen Photorezeptoren und den nachgeschalteten
neuronalen Zellen der Retina her. In der sich anschließenden zellkernreichen inneren
Körnerschicht befinden sich die Zellkörper der exzitatorischen Bipolarzellen und der
inhibitorischen Horizontal- und Amakrinzellen. Die sich anfügende zellkernarme innere
plexiforme Schicht (englisch: IPL – inner plexiform layer) besteht aus einem dichten
Netzwerk, das von den Axonen der Bipolarzellen und den Dendriten der Amakrin- und
Ganglienzellen gebildet wird. Die IPL ist wiederum in 2 Schichten gegliedert. Diese
Strukturen resultieren aus der Verschaltung der verschiedenen Bipolarzellen. Die OFF-Bipolarzellen
bilden Synapsen in der 1. Schicht der IPL, wohingegen die ON-Bipolarzellen Verschaltungen
in der 2. Schicht bilden. Die Bipolarzellen unterscheiden sich in der Reaktion auf
die lichtabhängige Verringerung der von Photorezeptoren freigesetzten Glutamatmenge.
In OFF-Bipolarzellen führt die reduzierte Glutamatausschüttung nach einem Lichtreiz
aufgrund der Schließung der ionotropen Rezeptoren zu einer Hyperpolarisation und damit
zu einer inhibierenden Wirkung auf efferente Neurone (Ganglienzellen). Die ON-Bipolarzellen
verhalten sich genau gegenteilig. Sie depolarisieren bei reduzierter Glutamatausschüttung
aufgrund ihrer metabotropen Rezeptorkomposition und aktivieren demzufolge nachgeschaltete
Ganglienzellen. Diese Signale werden zusätzlich durch synaptische Interaktionen mit
Amakrinzellen moduliert und schließlich weitergeleitet. Die Axone der Ganglienzellen
bündeln sich zum N. opticus, der zunächst marklos ist. Dieser transportiert die Signale
schließlich an die visuellen Zentren im Gehirn. Jeder visuelle Eindruck wird als elektrisches
Signal in mehreren parallelen Kanälen durch die Retina geleitet, modifiziert und über
die verschiedenen Ganglienzellen in höhere Gehirnregionen gesandt. Bei der Maus sind
mindestens 30 verschiedene Kanäle bekannt [3], [4]. Die Retina ist damit nicht nur der lichtempfangende Teil des Gehirns, sondern ein
äußerst komplexer, biologischer Computer.
Abb. 1 Anatomie der Retina: Das Licht passiert nach dem Einfall in den Bulbus oculi zunächst
die Ganglienzellschicht (GCL), die von der Membrana limitans interna begrenzt ist.
Es folgen die innere plexiforme Schicht (IPL), die innere Körnerschicht (INL), die
äußere plexiforme Schicht (OPL) und die äußere Körnerschicht (ONL). Die lichtsensitiven
äußeren Segmente der Photorezeptoren (POS) befinden sich auf der dem Licht abgewandten
Seite der Retina und werden durch das retinale Pigmentepithel (RPE) von der Choroidea
abgegrenzt. Die Lichtdetektion, die neuronale Verarbeitung und Weiterleitung finden
dabei entgegengesetzt zum Lichteinfall, von außen nach innen, statt. Diese bereits
prozessierten Reize werden dann entlang der Ganglienzellaxone durch den N. opticus
zu höheren Hirnregionen gesandt.
Anordnung und Funktion von Photorezeptoren
Anordnung und Funktion von Photorezeptoren
Stäbchen und Zapfen sind nicht einheitlich über die Retina verteilt: Die Makula mit
der zentralen Fovea, der Stelle des schärfsten Sehens, weist die höchste Dichte an
Zapfen auf [5]. Die Photorezeptoren sind durch ihre markante Form einfach voneinander zu unterscheiden.
Sie besitzen ein membranreiches äußeres Segment (englisch: OS – outer segment), in
dem die Phototransduktion stattfindet. Dieses ist durch ein Verbindungscilium mit
dem stoffwechselaktiven, mitochondrienreichen inneren Segment verbunden. An dieses
schließt sich der eigentliche Zellkörper mit dem Zellkern an. Alle Photorezeptoren
formen am Axonterminal eine sog. Ribbon-Synapse, eine geschichtete Struktur, an die
die synaptischen Vesikel gekoppelt sind.
Das Sehpigment Rhodopsin im OS der Stäbchen ist auf die Detektion von geringen Lichtintensitäten
spezialisiert, wohingegen das Opsin der Zapfen für das Sehen unter Tageslichtbedingungen
verantwortlich ist. Menschen sind i. d. R. Trichromaten. Sie haben 3 Arten von Zapfen,
die unterschiedliche spektrale Maxima haben und damit das Farbsehen ermöglichen [6]. Der Sehprozess beginnt in den OS der Photorezeptoren, wo Licht, in der Form von
Photonen, in elektrische Signale umgewandelt wird. Dabei wird 11-cis-Retinal, das
an das Glykoprotein Opsin gebunden ist, zu all-trans-Retinal isomerisiert. Das dadurch
aktivierte Opsin bindet an Transducin, eine GTPase, was zur Spaltung des Transducins
führt. Die α-Untereinheit des Transducins aktiviert daraufhin die Phosphodiesterase
(PDE). Dadurch wird cGMP in GMP umgewandelt. Die sinkende intrazelluläre cGMP-Konzentration
führt zum Schließen von cGMP-gesteuerten Na+-/Ca2+-Kanälen in der Zellmembran der Photorezeptoren. Das stoppt den Einstrom von Na+ aber auch von Ca2+ (Dunkelstrom). In der Folge sinken die intrazellulären Ca2+- und Na+-Konzentrationen. Die Zelle hyperpolarisiert daraufhin, wodurch am synaptischen Ende
der Photorezeptoren die Ausschüttung des Neurotransmitters Glutamat verringert wird.
Dadurch werden an den postsynaptischen Membranen der efferenten Nervenzellen Ionenkanäle
geschlossen bzw. geöffnet. Die Folge ist die Generierung von Aktionspotenzialen in
bestimmten Ganglienzellen und das nun erzeugte elektrische Signal wird moduliert an
das Gehirn weitergeleitet. Am Ende dieses Phototransduktionszyklus löst sich all-trans-Retinal
vom Opsin und wird im RPE zu 11-cis-Retinal recycelt.
Degenerative Erkrankungen der Retina
Degenerative Erkrankungen der Retina
Degenerative Erkrankungen, die die Retina betreffen, sind meist durch das Absterben
von Photorezeptoren charakterisiert [7]. Die Retinitis pigmentosa (RP) und die altersabhängige Makuladegeneration (AMD)
gehören zu den Vertretern degenerativer retinaler Dystrophien. Die AMD tritt meist
im höheren Lebensalter auf und ist durch ein Absterben der Zapfen vorwiegend im Bereich
der Makula gekennzeichnet. Die primäre Ursache des Absterbens der Photorezeptoren
liegt allerdings nicht in Mutationen von in Zapfen aktiven Genen, sondern an pathologischen
Akkumulationen von Stoffwechselprodukten in dem versorgenden RPE, in der Bruch-Membran
und in der Aderhaut. Durch den Funktionsverlust der Zapfen kommt es zunächst zu einem
Nachlassen der Sehschärfe im zentralen Gesichtsfeld, das sich bis zur Blindheit ausweiten
kann [8].
Als RP wird eine Gruppe von erblichen Erkrankungen bezeichnet, die durch dominante
oder rezessive Mutationen in Genen mit essenzieller Funktion in Stäbchen oder im RPE
gekennzeichnet sind. Der Verlauf der Erkrankung variiert von Patient zu Patient und
ist abhängig von der Art der Mutation. Bis heute sind mehr als 50 Gene bekannt, in
denen Mutationen eine RP auslösen können (https://sph.uth.edu/retnet/home.htm). Zunächst
führt die Erkrankung zum Absterben von Stäbchen. Patienten bemerken das zunächst als
Nachtblindheit [9]. Im Verlauf der Erkrankung werden jedoch auch die im Tageslicht aktiven Zapfen dezimiert.
Die Zapfen verlieren dabei zuerst ihre äußeren Segmente, werden damit lichtunempfindlich
und degenerieren bis zu einem gewissen Grad. Erst spät im Krankheitsverlauf sterben
die Zapfen im Bereich der Makula und der Fovea ab, was zu einem vollständigen Verlust
des Sehsinns führt.
Es gibt eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten, um diese degenerativen Erkrankungen
zu therapieren, wobei die meisten jedoch noch im vorklinischen Stadium in Tiermodellen
sind. Die meisten Therapien erfordern eine sehr frühe Intervention. Oft ist weit vor
dem eigentlichen Absterben der Photorezeptoren ein Beginn der Behandlung erforderlich.
Eine Möglichkeit der Behandlung ist die Gensupplementierungstherapie, die allerdings
bei der Behandlung von degenerativen retinalen Dystrophien noch in den Kinderschuhen
steckt. Bei dieser Form der Therapie wird ein funktionsfähiges Gen exogen exprimiert
und kann damit die Funktion des defekten Gens ersetzen. Für eine erfolgreiche Gentherapie
müssen jedoch einige Bedingungen gegeben sein. Es ist dabei entscheidend, ob man dominant
oder rezessiv vererbbare Erkrankungen behandeln will. Bei rezessiven Formen reicht
es meistens aus, die defekte Kopie eines Gens zu ersetzen. Bei autosomal-dominanten
Formen gestaltet sich dies schwieriger. Neben der Gensupplementierung ist es außerdem
nötig, die endogene mutierte Kopie zu inaktivieren. Weiterhin darf das zu korrigierende
Gen eine gewisse Größe nicht überschreiten. Von adenoassoziierten Viren (AAV) abstammende
Vektoren, die aktuell zum okularen Gentransfer genutzt werden, haben eine Verpackungskapazität
von ca. 4,7 Kilobasen (kb) [10]. AAV sind relativ klein, 20 nm im Durchmesser, und ihr einzelsträngiges DNA-Genom
ist in ikosaedrische Kapside verpackt. Es gibt verschiedene Kapside, auch Serotypen
genannt. Zurzeit werden verschiedene Serotypen auf die Erkennung unterschiedlicher
zellulärer Oberflächenrezeptoren, und demzufolge unterschiedliche Zellen, getestet
[11], [12].
Trotz des Immunprivilegs des Auges müssen mögliche humorale aber auch zelluläre Immunreaktionen
bei der AAV-Administration berücksichtigt werden [13]. Während bei der subretinalen Administration von auf AAV basierenden Gen-Shuttles
die Gefahr der Bildung von neutralisierenden Antikörpern (nAK) sehr gering ist, können
nAK spezifisch für das Vektorvehikel, wie auch für die entsprechenden Transgene, nachgewiesen
werden, wenn via intravitrealer Route transduziert wurde [14], [15]. Das erschwert eine mögliche Readministration in dasselbe Auge mit dem gleichen
bzw. einer ähnlichen AAV-Serotypvariante. In Affen konnte außerdem gezeigt werden,
dass nAK die Expression des Transgens reduzieren bzw. verhindern [16]. Deshalb werden bis heute in klinischen Versuchen nur Subjekte eingeschlossen die
kein immunologisches Gedächtnis für AAV aufweisen [17], [18], [19], [20], [21]. Außerdem gibt es noch keine verlässlichen Daten über die AAV-Neutralisation und
Transduktionseffizienz in Patienten mit fortgeschrittener Degeneration der Retina.
Es gibt bereits große Fortschritte auf dem Gebiet der Behandlung der autosomal-rezessiven
Form der Leberʼschen kongenitalen Amaurose (LCA) vom Typ 2. Dabei wird das defekte
RPE65-Gen, verantwortlich für die Synthese von 11-cis-Retinal, in den Zellen des RPE
durch eine korrekte Version supplementiert [22], [23]. Eine wichtige Voraussetzung für die Gentherapie der LCA vom Typ 2 ist das Vorhandensein
von Photorezeptoren. Das ist i. d. R. gegeben, da die Beeinträchtigung des Sehens
bei LCA primär auf eine Einschränkung der Funktion der Photorezeptoren durch das fehlende
11-cis-Retinal im Opsin und nicht auf Zelltod zurückzuführen ist [24], [25].
Eine weitere Möglichkeit, um degenerative retinale Dystrophien zu behandeln, sind
Strategien, die sich auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs durch den Einsatz
von neuroprotektiven Faktoren konzentrieren [26], [27], [28]. Neben diesen wird auch an Methoden gearbeitet, um degenerierte Photorezeptoren
durch Transplantationen entweder von Vorläuferzellen oder bereits differenzierten
Photorezeptoren zu ersetzen [29], [30].
Elektronische photosensible Implantate, die in die Retina integriert werden, bieten
eine weitere Behandlungsstrategie für die Therapie von retinalen Dystrophien. Die
elektrische Stimulation der Retina führt zu speziellen Lichtwahrnehmungen, den Phosphenen.
Multiarray-Elektroden, die sekundäre und tertiäre Neurone in der Retina anregen, wurden
bereits erfolgreich getestet [31]. Die erzeugten Phosphene konnten im Gehirn zu niedrig aufgelösten pixeligen Bildern
verrechnet werden. Dadurch waren die Patienten in der Lage, Lichtquellen und einfache
Objektformen zu erkennen [32], [33].
Wiederherstellung des Sehens durch optogenetische Strategien
Wiederherstellung des Sehens durch optogenetische Strategien
In dieser Übersichtsarbeit soll verstärkt auf eine Alternative, die Optogenetik, als
Methode zur Wiederherstellung der Sehfähigkeit bei fortschreitenden degenerativen
retinalen Dystrophien eingegangen werden. Die Optogenetik bietet die Möglichkeit,
erhaltene, aber lichtunempfindliche Zellen der Retina genetisch so zu modifizieren,
dass sie mikrobielle Proteine exprimieren, die durch Licht erregt werden können. Dadurch
werden die entsprechenden Zellen zu künstlichen Photorezeptoren. Man bezeichnet mikrobielle
lichtgetriebene Ionenpumpen wie Bacteriorhodopsin, Proteorhodopsin und Halorhodopsin
[34] oder mikrobielle lichtabhängige Ionenkanäle, wie Channelrhodopsin [35], die ohne G-Protein-Signalkaskaden auskommen, als Optogene. Nach der bahnbrechenden
Publikation zur Optogenetik 2005 [36], in der Channelrhodopsin-2 erstmals erfolgreich in Nervenzellen getestet wurde,
wurden rasch aufeinander folgend verschiedene Strategien zur Wiederherstellung des
Sehens propagiert ([Tab. 1]). Eine davon verfolgte das Ziel, zelltypunspezifisch – also so viele Zellen der
Retina wie möglich, hauptsächlich Ganglien- und Amakrinzellen – optogenetisch zu manipulieren
[37]. In einem 2. Ansatz wurden zelltypspezifisch nur ON-Bipolarzellen transduziert,
um spezifisch die ON-Signalverarbeitung in der Retina zu erhalten [38]. Des Weiteren wurden in einem Ansatz verbleibende Zapfen, welche bereits die OS
verloren hatten und somit funktionslos waren, reaktiviert [39]. Folgend wurden die Lichtsignale durch OFF- und ON-Kanäle verarbeitet und weitergeleitet.
Im Folgenden werden die verschiedenen Ansätze im Detail vorgestellt.
Tab. 1 Optogenetische Strategien: Übersicht über eingesetzte Optogene und Zielzellen in
verschiedenen Tiermodellen retinaler Dystrophien.
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Optogen
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Art
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Photorezeptoren
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Bipolarzellen
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Amakrinzellen
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Ganglienzellen
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Referenz
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Jahr
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PMID
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ChR2
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Mus musculus
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x
|
x
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Bi et al. [37]
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2006
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16600853
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ChR2
|
Mus musculus
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|
x
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|
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Lagali et al. [38]
|
2008
|
18432197
|
|
Melanopsin
|
Mus musculus
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|
|
x
|
Lin et al. [48]
|
2008
|
18836071
|
|
ChR2
|
Rattus norvegicus
|
|
|
|
x
|
Tomita et al.
|
2009
|
19893752
|
|
ChR2
|
Rattus norvegicus
|
|
|
|
x
|
Tomita et al.
|
2009
|
20036655
|
|
ChR2
|
Rattus norvegicus
|
|
|
|
x
|
Tomita et al. [43]
|
2010
|
20036655
|
|
ChR2
|
Callithrix jacchus
|
|
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|
x
|
Ivanova et al. [47]
|
2010
|
20484599
|
|
eNpHR
|
Mus musculus, Homo sapiens (post mortem)
|
x
|
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|
|
Busskamp et al. [39]
|
2010
|
20576849
|
|
ChR2
|
Mus musculus
|
|
|
|
x
|
Thyagarajan et al.
|
2010
|
20592196
|
|
ChR2 and NpHR
|
Oryctolagus cuniculus
|
|
|
|
x
|
Greenberg et al.
|
2011
|
21338881
|
|
ChR2
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
Doroudchi et al. [57]
|
2011
|
21505421
|
|
ChR2
|
Rattus norvegicus
|
|
|
|
x
|
Isago et al. [44]
|
2012
|
21792608
|
|
VChR1
|
Rattus norvegicus
|
|
|
|
x
|
Tomita et al. [45]
|
2014
|
24821344
|
|
ChR2 derivates
|
Mus musculus
|
|
|
|
x
|
Pan et al. [42]
|
2014
|
24901492
|
|
ChR2
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
Macé et al. [58]
|
2015
|
25095892
|
|
ChR2 derivates
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
Cronin et al. [56]
|
2014
|
25092770
|
|
Jaws, Halo57, ArchT, Mac
|
Mus musculus
|
x
|
|
|
|
Chuong et al. [71]
|
2014
|
24997763
|
|
humanes Rhodopsin
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
Cehajic-Kapetanovic et al. [61]
|
2015
|
26234216
|
|
humanes Rhodopsin
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
Gaub et al. [62]
|
2015
|
26137852
|
|
Opto-mGluR6
|
Mus musculus
|
|
x
|
|
|
van Wyk et al. [60]
|
2015
|
25950461
|
|
ReaChR
|
Mus musculus, Macaca fasicularis, Homo sapiens (retinal explants)
|
|
|
x
|
Sengupta et al. [50]
|
2016
|
27679671
|
Expression von Optogenen in Ganglienzellen
Expression von Optogenen in Ganglienzellen
Ganglienzellen senden prozessierte Signale der Retina über ihre Axone zu höheren Gehirnregionen.
Bei retinalen Dystrophien bleiben Ganglienzellen weitestgehend erhalten [40], [41]. Dadurch sind sie auch in späten Stadien der Erkrankungen geeignete Ziele für optogenetische
Therapien. Um Gene zu exprimieren, bedarf es Promotersequenzen auf DNA-Ebene, welche
die Transkription initiieren. Promotersequenzen unterscheiden sich in ihrer Aktivität.
Es gibt ubiquitär, also in allen Zellen und zellspezifisch aktive Promotoren. Für
Ganglienzellen wurden bisher keine spezifischen Promotorelemente beschrieben, die
durch AAV-Gentransfer übertragbar wären. Daher werden ubiquitäre Promotoren verwendet,
die zur Genexpression in OFF- und ON-Zellen führen.
Bereits 2006 wurde im Pan Labor gezeigt, dass ein Fusionsprotein bestehend aus ChR2
und dem grün fluoreszierenden Protein (GFP) nach AAV-Gentransfer in inneren Zellen
der Retina – vorwiegend Ganglienzellen – von blinden Mäusen exprimiert werden kann.
Das Optogen wurde dabei durch einen ubiquitären Promotor exprimiert [37]. Robuste ON-Antworten in ON- und OFF-Ganglienzellen wurden erzielt und damit auch
zu höheren Gehirnregionen gesandt. Selbst bei 18 Monate alten Mäusen (rd-Modell) mit
fortgeschrittener Degeneration konnte eine ChR2-Expression und Aktivität gezeigt werden.
Inzwischen werden sensitivere ChR2-Varianten in Mausganglienzellen getestet [42].
ChR2 wurde ebenfalls erfolgreich in Ganglienzellen von blinden Ratten exprimiert.
Die Ganglienzellen zeigten nach Lichtstimulation Erregungsmuster, und die Ratten erzielten
in visuellen Verhaltenstests bessere Resultate als die unbehandelten Kontrolltiere
[43]. Jüngere Tiere zeigten generell eine höhere Expression des ChR2 nach AAV-Transduktion
als ältere Tiere [44]. Eine modifizierte Variante des Channelrhodopsins-1 von Volvox wurde ebenfalls erfolgreich
in Ganglienzellen von blinden Ratten exprimiert [45]. Die Langzeitexpression von ChR2 in Ratten führte nur zu milden Immunreaktionen
gegen das virale Kapsidprotein.
Allerdings wurde ChR2 auch im Herz, der Lunge und dem Darm nachgewiesen [46]. Dies zeigt, dass AAVs das Auge verlassen und in andere Organe einwandern können
und dort zu ungewollter Expression des ChR2 führen.
Ein weiterer wichtiger Schritt hin zur klinischen Anwendung von ChR2 als lichtdetektierendem
Photorezeptorersatz ist der effiziente Transfer und eine optimale Expression in nicht
humanen Primaten. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die optogenetischen Werkzeuge
im Menschen keine immunologischen Reaktionen hervorrufen. Erste Ergebnisse zeigen,
dass ChR2 in Ganglienzellen von Seidenaffen (engl.: Marmorsets) erfolgreich exprimiert
werden kann. Es konnte eine hohe ChR2-Expression festgestellt werden. Allerdings zeigten
nur Zellen in der Peripherie (perifoveal ringförmig) und nicht im Zentrum der Fovea
signifikante ChR2-Expression. Die Funktion von ChR2 wurde nach entsprechender Lichtstimulation
durch elektrophysiologische Tests nachgewiesen. In dieser Studie wurden allerdings
nur wenige Tiere getestet, und Aussagen zu immunologischen Reaktionen auf das Fremdprotein
wurden nicht getroffen [47].
Weiterentwickelte ChR-Derivate, z. B. die durch rotes Licht aktivierbaren Volvox-Channelrhodopsin-1
(mVChR1) [45] und ReaChR [48], aber auch endogene Photopigmente wie Melanopsin [49], wurden bereits in Tieren getestet. ReaChR führt zu lichtabhängigen Antworten sowohl
in Ganglienzellen von blinden Mäusen (rd1) wie auch im Kortex der Tiere. Weiterhin
konnten sowohl in Makaken wie auch in menschlichen Retinaexplantaten Aktionspotenzialantworten
in Ganglienzellen auf Stimuli mit orangefarbigem Licht (600 nm) gezeigt werden [50]. Durch die Verschiebung der aktivierenden Lichtstimuli hin zu längerwelligen Bereichen
(von 470 zu 560 nm) vermindert sich die Gefahr der Phototoxizität deutlich [48], [50], [51]. Jedoch muss bedacht werden, dass das Optogen ReaChR sehr langsam ist und nur Aktionspotenziale
mit geringer Frequenz bewirkt. Dieser Nachteil kann durch andere ChR-Derivate wie
ChRimson umgangen werden [52].
Expression von Optogenen in inneren Zellen der Retina
Expression von Optogenen in inneren Zellen der Retina
Es gibt mehrere Gründe, vorzugsweise innere Zellen der Retina, wie Amakrinzellen oder
Bipolarzellen, mit optogenetischen Werkzeugen auszustatten: Zum einen erhält man wichtige
Signalverarbeitungsschritte durch die Interaktion von hemmenden Horizontal- und Amakrinzellen.
Zum anderen kann man die Expression von ChR2 wirklich auf die innere immunkompetente
Retina beschränken.
Es hat sich gezeigt, dass die Injektion von AAV-ChR2-Partikeln mit ubiquitären Promotorelementen
in den Bulbus oculi, nach intravitrealer Applikation, zu einer hohen Expression von
ChR2 in Ganglienzellen, aber zu einer nur äußerst schwachen Expression in inneren
Zellen der Retina, wie den Amakrin- und Bipolarzellen, führt. Damit verhält sich die
Ganglienzellschicht wie ein Schwamm und verhindert, dass genügend Viruspartikel die
inneren Retinazellen infizieren. Durch eine andere Injektionstechnik können die viralen
Partikel unter die Retina gelangen, also zwischen Photorezeptoren und RPE-Zellen.
Rekombinante Viruskapside, die nicht mit Oberflächenrezeptoren der Ganglienzellen
interagieren, werden auch bereits eingesetzt [53].
Es konnte gezeigt werden, dass das Einfügen einer kurzen Sequenz der mGLUR6-Promotorregion
ausreicht, um die ChR2-Expression auf ON-Bipolarzellen von blinden rd-Mäusen zu beschränken
[38]. Die spezifische Reaktivierung des ON-Signalwegs in Abwesenheit von aktiven Photorezeptoren
führte zur Aktivierung von ON-Ganglienzellen und zu Signalen in höheren kortikalen
Regionen. Die so behandelten Mäuse erzielten signifikant bessere Resultate in visuellen
Verhaltenstests als nicht behandelte Mäuse. Es konnte gezeigt werden, dass die Signalverarbeitung
innerhalb der Retina, wie laterale Inhibition, erhalten bleibt. Diese ersten Ergebnisse
deuten darauf hin, dass eine Wiederherstellung der Lichtwahrnehmung über die inneren
Schichten der Retina möglich ist. Allerdings konnte die zellspezifische Expression
von ChR2 in den ON-Bipolarzellen nur durch In-vivo-Elektroporation erreicht werden
[54]. Dieses Verfahren eignet sich allerdings nicht zur klinischen Anwendung am Menschen.
Zu dieser Zeit gab es noch keine AAV-Kapside, die effizient und spezifisch Bipolarzellen
transduzieren konnten. Erst intensive Studien mit modifizierten AAV-Kapsiden führten
zu einer neuen Generation von AAVs, die effizient Maus-ON-Bipolarzellen transduzieren
können [55]. Die effiziente Expression von ChR2 nach intravitrealer Applikation konnte erreicht
werden und wurde durch die Verwendung von mGLUR6-Tandempromotorelementen noch verstärkt
[56], [57], [58]. Außerdem wurden verbesserte Varianten des ChR2 durch AAV-Transduktion von ON-Bipolarzellen
getestet [59].
Um die Sensitivität zu erhöhen und gleichzeitig die möglichen immunologischen Reaktionen
auf die mikrobiellen Opsine zu verringern, wurden bereits Vertebratenopsine in ON-Bipolarzellen
getestet. Dabei zeigte eine modifizierte Variante des Melanopsins, ein Fusionsprotein
bestehend aus Melanopsin und der intrazellulären Domäne des mGluR6, das sog. Opto-mGluR6,
eine deutlich höhere Sensitivität als das Wildtypprotein ChR2 [60]. Auch humanes Rhodopsin, das Photopigment der Stäbchen, wurde mithilfe von AAV-Transduktion
ektopisch und spezifisch in Maus-ON-Bipolarzellen exprimiert. Die behandelten Netzhäute
der RP-Mausmodelle zeigten ähnliche Aktivität wie Netzhäute mit ektopischer ChR2-Expression,
allerdings schon bei einer 200-fach niedrigeren Lichtintensität. ChR2 ist nur über
einen Bereich von 2 log-Einheiten Lichtintensität aktiv, wohingegen Rhodopsin über
5 log-Einheiten reagiert. Diese Mäuse zeigten Reaktionen auf Beleuchtungsstärken wie
sie in ihrer natürlichen Umgebung vorkommen (≈ 50–100 lx). Diese behandelten Mäuse
schnitten ebenfalls besser in Verhaltenstests ab. Es konnten alle Arten von Ganglienzellantworten,
wie ON, OFF, langanhaltend und transient, beobachtet und damit wiederhergestellt werden
[61], [62].
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Einführung von optogenetischen Werkzeugen
in innere Zellen der Retina, wie ON-Bipolarzellen, zu einer Wiederherstellung zumindest
des ON-Signalwegs führt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis spezifische Promotorregionen
für OFF-Bipolarzellen zur Verfügung stehen und damit beide wichtigen Signalwege, der
ON- und der OFF-Signalweg, rekonstruiert werden können.
Expression von Optogenen in Photorezeptoren
Expression von Optogenen in Photorezeptoren
Retinale Degenerationserkrankungen sind durch den Verlust von Photorezeptorzellen
gekennzeichnet, wobei die Stäbchen relativ schnell degenerieren. Bei der RP verlieren
die Zapfen meistens zuerst die OS, verweilen jedoch und deren Zellkörper verschmelzen
mit der inneren Körnerschicht (INL) [39], [63]. Untersuchungen zeigten, dass das Absterben der Zapfen nicht ultimativ, sondern
von Patient zu Patient variabel ist [64]. Dies erschwert das Entwickeln einer allgemeinen Therapie, ermöglicht aber eine
Erweiterung des therapeutischen Fensters und damit den Einsatz von optogenetischen
Strategien.
Photorezeptoren können sehr einfach mit AAVs infiziert werden. Dafür werden diese
unter die Retina injiziert. Das führt zu einem kurzzeitigen, unproblematischen Ablösen
der Retina von dem RPE [65]. Diese Injektionen sind zurzeit Standardmethode in vielen Versuchstieranordnungen,
bspw. bei Maus, Ratte, Hund, Katze, Schwein und nicht humanen Primaten [66], [67], [68], [69]. Auch in klinischen Tests, bspw. bei der Behandlung von LCA Typ 2, die durch die
Mutation von RPE65 bedingt ist, wird unter die Retina appliziert [65]. Es gibt zudem sehr viele geeignete photorezeptorspezifische Promotorelemente für
die gerichtete Expression von Optogenen in Zapfen.
Falls man degenerierte Photorezeptoren wieder aktivieren könnte, wäre man in der Lage
die beiden Hauptsignalwege, ON und OFF, wiederzubeleben. Erste Experimente an 2 RP-Mausmodellen
zeigten, dass die Expression der lichtgesteuerten hyperpolarisierenden Cl−-Pumpe eNpHR [70] in funktionslosen Zapfen zur Wiederherstellung sowohl des ON- als auch des OFF-Signalwegs
führt [39], [70]. Gleichzeitig zeigten die Mäuse richtungsselektive Reaktionen. Das heißt, dass dort
auch die inneren neuronalen Netzwerke aktiv gewesen sein mussten. Die Mäuse waren
in der Lage, die prozessierte Lichtinformation an höhere kortikale Gebiete zu senden.
Sie zeigten ein deutlich besseres Ergebnis in visuellen Verhaltenstests als unbehandelte
Mäuse. Durch zapfenspezifische Promotorelemente war die Expression nur auf Zapfen
beschränkt.
Das ist wichtig, da eNpHR die Zellen bei Lichteinfall hyperpolarisiert, was in Zapfen
zu einer Aktivierung führt, in Interneuronen der Retina allerdings zur Inhibierung
und somit zum Ausscheiden aus dem visuellen Verarbeitungspfad. Die Expression von
eNpHR in Zapfen von Wildtypmäusen führte zur Erweiterung des dichromatischen Sehens.
Diese Mäuse reagierten nun sensibler auf längerwelliges Licht. Daraus kann man schließen,
dass sowohl die intrinsische Phototransduktionskaskade als auch das ektopisch exprimierte
Optogen gleichzeitig aktiv waren. Es wurden keine weiteren Nebenwirkungen durch die
ektopische Expression von eNpHR in den Retinae von Mäusen festgestellt. Eine weitere
wichtige Untersuchung zeigte, dass die Expression von eNpHR in humanen Post-mortem-Retinaexplantaten
die Funktion von Photorezeptoren wiederherstellen kann [39]. Ein großer Vorteil von eNpHR ist sein Absorptionsmaximum bei 580 nm, denn Photonen
mit dieser Wellenlänge sind wenig phototoxisch. Zudem ist laut europäischen Richtlinien
die Menge an Licht, die zu einer vollständigen Sättigung von eNpHR führt, sicher,
und eNpHR ist über 2,3 log-Einheiten aktiv. Des Weiteren wurden bereits sensitivere
hyperpolarisierende Optogene erfolgreich in Retinae von Mäusen getestet, sodass potenzielle
Phototoxizität so gut wie ausgeschlossen werden kann [71]. Durch die Reaktivierung der funktionsunfähigen Zapfen erhofft man sich eine hohe
Auflösung und Sehschärfe. Normalerweise sind die Zapfen im Bereich der Fovea in Schichten
angeordnet. Die maximale Auflösung des Bildes wird daher durch die Größe des äußeren
Segments bestimmt [72]. Dieser Umstand führt jedoch zu einer Einschränkung des Auflösungsvermögens durch
optogenetische Intervention, denn in RP verlieren die Zapfen ihre OS und damit den
lichtempfindlichen Teil. Das Optogen eNpHR wird dann in der Membran des ganzen Zellkörpers
exprimiert, wodurch die maximal mögliche Auflösung dann jenem Durchmesser entspricht.
Schlussfolgerung
Es gibt verschiedene therapeutische Strategien, die man bei degenerativen retinalen
Dystrophien einsetzen kann. Diese hängen u. a. vom Verlauf und dem Schweregrad der
Erkrankung ab. Die Optogenetik als mutationsunabhängige Methode für die Wiederherstellung
der Sehfähigkeit ist eine vielversprechende Alternative zu anderen gentechnischen
therapeutischen Ansätzen. Durch die fehlende signalverstärkende Amplifikation der
mikrobiellen Opsine kann jedoch niemals eine so hohe Lichtempfindlichkeit wie bei
den intrinsischen Opsinen erreicht werden. Allerdings kann an einer verbesserten Verknüpfung
von durch Optogenen ausgelösten Signalen mit den signalverstärkenden zelleigenen G-Protein-Kaskaden
gearbeitet werden. Auch neue optogenetische Werkzeuge wie hyperpolarisierende Anionenkanäle
[73], die in Photorezeptoren, OFF-Bipolar- oder OFF-Ganglienzellen exprimiert werden
könnten, sind vielversprechende Entdeckungen. Der wichtigste Schritt, die Translation
der Optogenetik hin zur klinischen Anwendung, wurde durch Experten kritisch diskutiert
und positiv beurteilt [74]. Die ersten klinischen Versuche mit Wildtyp-ChR2 wurden bereits Ende 2015 begonnen
(NCT02556736). Zurzeit werden die ersten Patienten der Niedrigdosisgruppe im Rahmen
der Phase-I-/-II-Studie der Firma RetroSense (Allergan) behandelt. Auch Gensight,
ein europäisches Biotech-Unternehmen, befindet sich mit seinem Produkt GS030 in der
Endphase der präklinischen Tests und wird voraussichtlich Ende 2017 erste klinische
Studien in Menschen initiieren können. GS030 besteht aus einer ChR-Variante verpackt
in rekombinanten AAV2-Kapsiden und einer biometrischen Brille zur Signalverstärkung
(http://www.gensight-biologics.com). Damit soll eine optimale Stimulation der transduzierten Zellen der Retina mit Licht
erreicht werden.
Mit den heutigen optogenetischen Werkzeugen ist es möglich, die Sehfähigkeit auf monochromatischer
Ebene wiederherzustellen. Dafür sind aber weitere Hilfsmittel nötig, bspw. technische
lichtverstärkende Sehhilfen, die das Licht selbst bei natürlichem Raumlicht so verstärken,
dass mikrobielle Optogene effizient aktiviert werden [75]. Wichtig dabei ist, dass die Sehhilfe keine weiteren Schäden durch hohe Lichtintensitäten
verursacht [51]. Die geringere Lichtempfindlichkeit der mikrobiellen Optogene und damit die Notwendigkeit
der Verstärkung des Lichtsignals durch exogene Hilfsmittel kann für erste klinische
Tests an Menschen auch ein Vorteil sein. Kommt es zu unerwarteten Nebenwirkungen wie
Kopfschmerzen oder Schwindel nach Lichtreizen, kann rasch die Intensität des einfallenden
Lichtes durch das Abnehmen der Sehhilfe vermindert werden. Das größte Ziel jedoch
– das Farbsehen durch Optogenetik zu regenerieren – liegt in weiter Ferne. Es ist
technisch äußerst anspruchsvoll, denn es werden mehrere spektral verschobene Optogene,
die zelltypspezifisch optimal exprimiert werden müssen und immunologisch unbedenklich
sind, benötigt. Die Probleme für ein Optogen potenzieren sich somit mit der Anzahl
der gewünschten Farbkanäle.
Vielleicht reichen optogenetische Interventionen allein nicht aus, um trotz der reaktivierten
Photorezeptoren die Degeneration der Retina zu stoppen. Dies wurde bei Forschungen
an LCA vom Typ 2 in einem Hundemodell deutlich [24]. Zusätzliche neuroprotektive Interventionen könnten allerdings helfen, um einen
nachhaltigen Therapieeffekt zu erhalten [76].