Einleitung
Abkürzungen
ASD:
Anschlusssegmentdegeneration
DDD:
degenerative disc disease
IPD:
interspinous process device
ODI:
Oswestry Disability Index
PDN:
prosthetic disc nucleus
PDS:
Pedikelschrauben-basierte dynamische Systeme
PLIF:
posteriore lumbale interkorporelle Fusion
RCT:
randomized controlled trial
ROM:
range of motion
TDR:
total disc replacement
VAS:
visuell-analoge Schmerzskala
ZCQ:
Zürich Claudicatio Questionnaire
Ein spinales Bewegungssegment ist die kleinste funktionelle Einheit an der Wirbelsäule.
Es besteht aus:
Ein entscheidender Vorgang bei der Degeneration an der Wirbelsäule ist die Degeneration
und zunehmende Höhenminderung der Bandscheibe. Dadurch ändert sich die Biomechanik
im Bewegungssegment dergestalt, dass der Bewegungsumfang bei Krafteinwirkung zunimmt
und eine abnormale Bewegungsqualität mit abnormaler Kraftverteilung zwischen Bandscheibenraum
und Facettengelenken entsteht [1]. Wenn dieser pathologisch erhöhte Bewegungsumfang in einem Bewegungssegment zu Beschwerden
führt (belastungsabhängiger Rückenschmerz und/oder pseudoradikulär ausstrahlender
Schmerz), spricht man von klinisch relevanter Instabilität.
Ein spinales Bewegungssegment ist die kleinste funktionelle Einheit an der Wirbelsäule.
Es besteht aus 2 angrenzenden Wirbeln, der dazwischen liegenden Bandscheibe, den Facettengelenken
und den umliegenden Bändern und Muskeln.
Neben degenerativen Veränderungen kann auch die operative Dekompression (mediale Facettektomie,
Laminektomie usw.), z. B. zur Behandlung eines Bandscheibenvorfalls oder einer Spinalkanalstenose,
zur Zunahme des Bewegungsumfangs und zur klinischen Instabilität führen. Dies betrifft
grundsätzlich alle Bewegungsrichtungen (Flexion/Extension, Seitwärtsbeugen, Rotation),
ist aber für die Rotation am stärksten ausgeprägt [2].
Klinisch relevante Instabilität kann durch Degeneration der Bandscheibe mit Höhenminderung
oder durch operative Verfahren mit Gelenkbeteiligung verursacht oder begünstigt werden.
Da bei der klinischen Instabilität die pathologische Zunahme der Beweglichkeit zu
Schmerzen führt, hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Spondylodese (Synonyme:
rigide Stabilisierung, Fusion, Versteifung) als Standardtherapie etabliert. Hier existieren
inzwischen verschiedene Techniken mit akzeptablen klinischen Ergebnissen (siehe Hintergrundbox).
Die Nachteile der Fusion ergeben sich aus dem recht hohen operativen Aufwand, bei
dem die Inzidenz und Schwere der Komplikationen mit zunehmender Komplexität steigen,
dem Pseudarthroserisiko und aus dem Transfer von Stress auf die benachbarten Bewegungssegmente,
deren Degeneration dadurch beschleunigt wird (Anschlusssegmentdegeneration). Mehr
als ⅓ der Patienten leidet 10 Jahre nach lumbaler Spondylodese unter einer symptomatischen
Anschlusssegmentdegeneration (ASD) [3]
[4].
Merkmale der lumbalen Spondylodese
-
Vielzahl chirurgischer Techniken (dorsolaterale Fusion, ALIF, XLIF, TLIF usw.)
-
akzeptable Ergebnisse (mean ∆ODI: ~20)
-
keine spezielle Technik allgemein überlegen
-
Inzidenz/Schweregrad von Komplikationen ↑ mit zunehmender Komplexität
-
Fusionsraten ( > 90 %) ≠ erfolgreiches klinisches Ergebnis (~70 %)
Da andererseits die Fusionsrate (ca. 90 %) nicht mit der Rate an klinisch erfolgreicher
Schmerzlinderung (ca. 70 %) bei Patienten nach Spondylodese korreliert, scheint das
komplette Stilllegen eines Bewegungssegments nicht zwingende Voraussetzung für die
Beschwerdelinderung zu sein. Aus diesen Überlegungen heraus haben sich die dynamischen
Verfahren (Synonym: Non-Fusion-Techniken) an der Wirbelsäule etabliert mit folgenden
Zielen:
-
Beheben von Schmerz, verursacht durch geschädigtes Bewegungssegment,
-
Erhalt oder Wiedererlangen von Stabilität,
-
Erhalt von Mobilität und Funktion der Wirbelsäule,
-
Langzeitziel: Stressminimierung auf Anschlusssegment durch Bewegungserhalt im Indexsegment.
Die dynamischen Verfahren können unterteilt werden in:
-
Gelenkersatzverfahren (Synonyme: Arthroplastie, Prothetik), bei denen entweder nur der Nucleus pulposus
(nucleus replacement) oder die ganze Bandscheibe (total disc replacement, TDR) entfernt
und ersetzt werden,
-
dynamische Stabilisierungsverfahren, bei denen von dorsal eingebrachte Implantate den Bewegungsumfang des Bewegungssegments
reduzieren und zu einer Umverteilung der Krafteinwirkung zwischen Bandscheibe und
Facettengelenken führen (load sharing). Hier werden die Pedikelschrauben-basierten
dynamischen Systeme (PDS) von den interspinösen Spreizern (interspinous process devices,
IPDs) unterschieden.
Inzwischen findet sich noch eine dritte Gruppe – die Facettengelenkersatzverfahren – in der frühen Phase der Entwicklung und ersten Anwendung. Diese Verfahren können
sowohl als Gelenkersatzverfahren als auch als Pedikelschrauben-basierte dynamische
Systeme gesehen werden und unter beiden Verfahrensgruppen abgehandelt werden.
Dynamische Verfahren
Nucleus-pulposus-Ersatz (nucleus replacement)
Prinzip, Historie und Indikation
Das Behandlungsprinzip der Nukleusersatzverfahren besteht aus dem:
-
Wiederherstellen der Bandscheibenhöhe und der Anulus-fibrosus-Spannung,
-
Erhalt der Segmentflexibilität unter physiologischer Krafteinwirkung.
Der Nucleus pulposus wird ersetzt über einen „minimalinvasiven“ Zugang, bei dem der
Anulus fibrosus größtenteils intakt gelassen wird. Damit sollten diskogene Pathologien
adressiert werden und die therapeutische Lücke zwischen ausschließlicher Diskektomie
und Stabilisierung geschlossen werden.
Nucleus-pulposus-Ersatz
Ziel ist die Reduktion von diskogenem Schmerz, der fortschreitenden Progression der
Segmentdegeneration und das Wiedererlangen „nicht degenerativer“ spinaler Mobilität.
Nach Vorläufern, wie der Metallkugel, die von Fernström zum Ersatz der degenerierten
Bandscheibe eingesetzt worden ist, waren Bao u. Mitarb. die ersten, die ein Hygrogelmaterial
benutzten und damit erstmals eine „echte“ Nukleusprothese geschaffen haben [5]
[6].
Als Indikation wurde die monosegmentale, lumbale, symptomatische Bandscheibendegeneration in noch
recht frühem Stadium (Pfirrmann 2, 3, Bandscheibenhöhe > 5 mm) bei intakten Facettengelenken
und konservativer Therapierefraktärität (> 6 Monate) beschrieben [7].
Kontraindikationen sind:
-
Body Mass Index > 30,
-
Bandscheibenhöhenverlust von mehr als 50 %,
-
Schmorl-Knötchen der Endplatten,
-
Infektionen,
-
Osteoporose,
-
Spondylolisthesen (> Grad I nach Meyerding).
Klinische Ergebnisse
Der Prosthetic Disc Nucleus (PDN, Raymedica, Minneapolis, MN) ist das weltweit am
meisten eingesetzte und untersuchte Implantat. Ähnlich wie der Nucleus pulposus selbst
absorbiert der PDN Wasser bis zu 90 % seines Trockengewichts nach Implantation und
dehnt sich somit aus. Da es, wie alle späteren Nukleusimplantate auch, nicht verankert
wird, waren Materialdislokation und Einbruch in Grund- und Deckplatten (subsidence)
die Hauptprobleme. Durch einige Änderungen in der Implantatgeometrie konnten die klinischen
Erfolgsraten zwischen der ersten Phase-I-Studie und einer Phase-IV-Studie von 62 %
auf 91 % – jeweils in kleinen Patientenkohorten – verbessert werden [8].
2002 erschienen von Klara u. Ray und von Bertagnoli u. Schönmayr Ergebnisse mit bis
zu 4 Jahren Nachbeobachtung, die einen signifikanten und anhaltenden Effekt von PDN
auf Oswestry Disability Index (ODI), visuell-analoge Schmerzskala (VAS), Prolo-Score
und Bandscheibenhöhe zeigen konnten [9]
[10]. Nichtsdestotrotz haben sich diese Implantate nie in Deutschland als wesentlicher
Bestandteil des Prozedurenarmamentariums bei der DDD durchgesetzt.
Arthroplastie
Prinzip, Historie und Indikation
Bandscheibenarthroplastie
Ziel der Bandscheibenarthroplastie (Synonyme: Bandscheibenprothetik, total disc replacement,
TDR) ist das Entfernen der schmerzgenerierenden Strukturen der Bandscheibe und das
Wiederherstellen der ehemaligen Bandscheibenhöhe, deren Winkel und Funktion.
Die Anfänge des beweglichen Bandscheibenersatzes liegen in den 1950er-Jahren und waren
von frustranen Ergebnissen geprägt. Einen ganz entscheidenden Entwicklungsschritt
stellt die SB-Charité-Prothese dar, die von Schellnac u. Büttner-Janz 1982 entwickelt
und von Zippel 1984 erstmals implantiert wurde. Sie bestand aus einem beweglichen
Kern aus Polyethylen (UHMWPE = ultra-high-molecular weight polyethylene) zwischen
metallenen Endplatten. Anfängliche Probleme durch Materialmigration und -ermüdung
haben zu Weiterentwicklungen und seit 1987 zur SB Charité III geführt [11], die inzwischen über 7000 Mal weltweit implantiert und in vielen Studien evaluiert
worden ist.
Inzwischen stehen Prothesen mit 3 verschiedenen Designs zur Verfügung ([Tab. 1]):
Tab. 1
Auswahl verschiedener lumbaler Prothesen.
|
Produkt
|
Hersteller
|
Kinematik
|
Biomechanik
|
Biomaterialien
|
|
Charité
|
DePuy Spine, Rahnham, MA
|
unconstrained
|
Metall/Polymer
|
CoCrMo-Endplatten, UHMWPE-Kern
|
|
M6-L
|
Spinal Kinetics, Sunnyvale, CA
|
unconstrained
|
Metall/Polymer
|
Titan-Hülle, Polycarbonaturethan und Polyethylen-Anulus (gewebt)
|
|
Acroflex
|
DePuy Spine, Rahnham, MA
|
unconstrained
|
Metall/Polymer
|
Titan-Endplatten, Polyolefin-Kern
|
|
Mobidisc
|
Mobidisc Lumbar Disc, LDR USA, Austin, Tx
|
unconstrained
|
Metall/Polymer
|
CoCrMo-Endplatten, UHMWPE-Kern
|
|
Prodisc-L
|
DePuySynthes Spine, West Chester, PA
|
semiconstrained
|
Metall/Polymer
|
CoCrMo-Endplatten, UHMWPE-Kern
|
|
Maverick
|
Medtronic, Memphis, TN
|
semiconstrained
|
Metal-on-Metal
|
CoCrMo
|
|
Flexicore
|
Stryker Spine, Allendale, NJ
|
constrained
|
Metal-on-Metal
|
CoCrMo
|
CoCrMo: Cobalt-Chrom-Molybden
UHMWPE: ultra-high-molecular weight polyethylen
-
Modulare 3-Komponenten-Prothesen (Metallendplatten/Kunststoffkern),
-
Metal-on-Metal-Prothesen (Ball-and-Socket-Prinzip),
-
Compressible-Core-Prothesen.
Sie werden kinematisch kategorisiert als constrained, semiconstrained oder unconstrained
entsprechend ihrer Fähigkeit, segmentale Bewegung zu begrenzen oder zuzulassen verglichen
mit normalen physiologischen Parametern ([Tab. 1]).
Einzige Indikation zur Implantation einer lumbalen Bandscheibenprothese ist der therapierefraktäre diskogene
Kreuzschmerz, bei dem die degenerativen Veränderungen in der Bandscheibe (degenerative
disc disease, DDD) zur intradiskalen Entstehung von Schmerzen führen. Der intradiskale
Schmerz ist abzugrenzen von einem Schmerz, der im Facettengelenk entsteht und durch
Facettengelenkinfiltration transient gelindert oder aufgehoben werden kann.
Ein im Vordergrund stehender „Facettengelenk“schmerz stellt eine Kontraindikation für eine Bandscheibenprothese dar.
Die degenerative Bandscheibenerkrankung (DDD) mit therapierefraktärem diskogenen Kreuzschmerz
ist die einzige Indikation zur lumbalen Bandscheibenprothese. Signifikanter „Facettengelenk“schmerz
stellt eine Kontraindikation dar.
Der „typische“ Patient
Für eine Bandscheibenprothese kommen nur Patienten infrage mit „diskogenem“ Rückenschmerz,
also einem Schmerz, der in der Bandscheibe entsteht. Dieser ist häufig durch Rumpfrotation
und Flexion zu provozieren und muss abgegrenzt werden von dem Schmerz, der vornehmlich
in den Facettengelenken entsteht. Eine Facettengelenkinfiltration oder auch eine Diskografie
können die Differenzierung erleichtern [12]
[13].
Die DDD sollte mono- oder bisegmental sein mit eindeutigen radiologischen Veränderungen
der Bandscheibe (Höhenminderung, Abflachung des Lordosewinkels, intradiskale Signalveränderungen
nach Pfirrmann, Grund- und Deckplattenosteochondrose nach Modic). High Intensity Zones – also
dorsal im Faserring gelegene Aufhellungen in T2 – werden ebenso mit intradiskalem
Schmerz in Verbindung gebracht. Die Patienten sollten schlank, jünger als 50 – 55
Jahre alt mit noch suffizienter autochthoner Muskulatur und normaler Knochendichte
sein und konservativ therapierefraktär ([Abb. 1]).
Abb. 1 a – c TDR – der typische Patient. Alter < 55 Jahre. Lumbaler Kreuzschmerz als Hauptsymptom. DDD: Bandscheiben-Höhenminderung
> 40 %, Bandscheibendegeneration Pfirrmann 3 oder 4, Grund-/Deckplattenveränderungen
Modic Typ I, II, dorsale High Intensity Zone, ODI > 20 (30). Konservativ therapierefraktär.
Klinische Ergebnisse
Bandscheibenarthroplastie versus Reha
In einer prospektiv randomisierten Multicenterstudie der Norwegian Spine Study Group
zeigten Patienten (Kreuzschmerz > 1 Jahr, ODI ≥ 30, DDD mono-/bisegmental) 2 Jahre
nach ProDisc-II-Implantation eine signifikant geringere rückenschmerzassoziierte Behinderung
(primärer Endpunkt, gemessen mit dem ODI) im Vergleich zur Kontrollgruppe (12 – bis
15-tägige multidisziplinäre Rehabilitation). Allerdings wurde die vorab spezifizierte
Grenze von 10 Punkten Unterschied im ODI als „minimally important clinical difference“
nicht erreicht.
Folgende sekundäre Endpunkte zeigten zusätzlich einen signifikanten Unterschied zugunsten der TDR:
Keine signifikanten Unterschiede ergaben sich bei:
In der Prothesengruppe führte eine schwere Komplikation bei einem Revisionseingriff
wegen einer Polyethylenkern-Dislokation zu einer Beinamputation [14].
Die Patienten beider Behandlungsgruppen (operativ vs. konservativ) zeigten 2 Jahre
nach Studieneinschluss Anschlusssegmentdegeneration mit gleicher Häufigkeit [15].
Bandscheibenarthroplastie versus Fusion
Ein Cochrane Review (2012) fasst die Ergebnisse von 6 prospektiv randomisierten Multicenterstudien
zusammen [16]. Dabei zeigt sich nach 2 Jahren ein signifikant besseres Ergebnis des Rückenschmerzes
(nach VAS), des ODI und der Patientenzufriedenheit, allerdings unterhalb des klinisch
relevanten Unterschieds (clinically relevant difference). Trotz Sponsoring und fehlender
Verblindung wird das Bias-Risiko der Studien als gering eingeschätzt.
Eine Metaanalyse von 2013 bestätigt die Überlegenheit der Bandscheibenprothese zur
Behandlung des Rückenschmerzes (VAS). Die Rate an Komplikationen war mit 5,8 % niedriger
als nach Fusion (10,8 %). Reoperationen waren mit 5,2 % (TDR) bzw. 6 % (Fusion) vergleichbar
häufig notwendig. Das Bewegungsausmaß (range of motion, ROM) war nach TDR im normalen
Bereich geblieben [17].
Prothesendesign hat laut Studienlage keinen Einfluss auf das klinische Ergebnis.
Bandscheibenarthroplastie: mittel- bis langfristige Ergebnisse
Die meisten prospektiven, randomisierten Studien umfassen einen Nachbeobachtungszeitraum
von 2 Jahren, was u. a. an den Forderungen der US-amerikanischen Zulassungsbehörde
FDA liegt. Siepe u. Mitarb. haben prospektiv die Ergebnisse von 181 Patienten nach
Prodisc-II-Implantation gesammelt (Nachbeobachtung: 5 – 10,8 Jahre). Dabei zeigt sich,
dass die signifikante Verbesserung des Rückenschmerzes (VAS) und des ODI postoperativ
über die gesamte Nachbeobachtung erhalten bleibt, ebenso wie die Patientenzufriedenheit
(86,3 % zufrieden/hoch zufrieden) bei einer Komplikationsrate von 14,4 % und einer
Revisionsrate von 7,2 % im gesamten Nachbeobachtungszeitraum [18].
Zusammenfassend zeigt sich eine Überlegenheit der bewegungserhaltenden Bandscheibenprothetik
im kurzfristigen Vergleich (2 Jahre) zur konservativen Therapie mit Rehabilitation
und zur Spondylodese (Level-I-Evidenz). Die klinischen Ergebnisse zeigen sich mittelfristig
(5 – 10 Jahre) stabil (Level-II-2-Evidenz).
Evidenzqualität entsprechend der U.S. Preventive Services Task Force
-
Level I: Evidenz aus mindestens einer gut gestalteten randomisierten, kontrollierten Studie
-
Level II-1: Evidenz aus gut gestalteten kontrollierten Studien ohne Randomisierung
-
Level II-2: Evidenz aus gut gestalteten Kohorten- oder Fallkontrollstudien, vorzugsweise aus mehr als einem Zentrum oder Forschungsgruppe
-
Level II-3: Evidenz aus mehreren Zeitreihenanalysen mit oder ohne Intervention. Tiefgreifende
Ergebnisse aus unkontrollierten Studien können auch als Level II-3 angesehen werden
-
Level III: Meinungen respektierter Persönlichkeiten, basierend auf klinische Erfahrung,
beschreibende Studien oder Berichte von Expertenkomitees
Dynamische Stabilisierung
Dynamische Stabilisierung
Ziel der dynamischen Stabilisierungstechniken ist, durch von dorsal eingebrachte Implantate
die abnormale Kraftverteilung auf Bandscheibe und Facettengelenke infolge der Segmentdegeneration
zu reduzieren („load sharing”) unter Erhalt einer Restbeweglichkeit. Die Bandscheibe
wird intakt gelassen.
Man unterscheidet:
Da der operative Schritt des Ausräumens der Bandscheibe und des Füllens mit Fusionsmaterial
fehlt, hat man sich eine Verringerung der operativen Komplikationen erhofft. Eine
Pseudarthrose kann, da es sich um keine fusionierende Technik handelt, nicht entstehen.
Durch Erhalt einer Restbeweglichkeit im Indexsegment – also dem operierten Segment – soll
Stress auf die angrenzenden Bewegungssegmente verringert werden und so die Anschlusssegmentdegeneration
im Vergleich zur Spondylodese minimiert werden.
Von der dynamischen Stabilisierung erhofft man sich eine Verringerung des OP-Risikos
und der Anschlusssegmentdegeneration.
Kontraindikation für alle Arten von dynamischen Stabilisierungsverfahren sind strukturelle
Insuffizienzen, wie knöcherne Tumoren, Frakturen oder Osteoporose.
Pedikelschrauben-basierte dynamische Stabilisierung
Prinzip, Historie und Indikation
Das erste bekannte dynamische Stabilisierungsverfahren wurde von Henry Graf entwickelt
(1992), ist als Graf-Ligamentoplastie bekannt geworden, stellt die erste PDS-Generation
dar und die Basis für viele spätere Konstrukte. Über Pedikelschrauben und geflochtene
Polypropylen-Bänder werden die Facettengelenke des Indexsegments in Kompression „verriegelt“
mit dem Ziel, dadurch eine abnormale vertikale Translation zu verhindern. Trotz einiger
positiver Berichte führten die kompressionsbedingte Einengung der Neuroforamina und
die zu geringe Rotationsstabilität zu unbefriedigenden Ergebnissen und erhöhten Reoperationsraten
[19]
[20]
[21]. Eine Weiterentwicklung, das FASS-System (fulcrum-assisted soft stabilization) wurde
nie klinisch eingesetzt.
Inzwischen existiert eine Vielzahl von PDS-Systemen, bei denen auf unterschiedlichste
Weise eine Dynamik zwischen den Pedikelschrauben technisch umgesetzt ist ([Tab. 2]).
Tab. 2
Auswahl verschiedener PDS-Systeme.
|
Produkt
|
Hersteller
|
Mechanismus der „Dynamik“
|
|
Graf Ligament
|
Neoligaments, Leeds, UK
|
geflochtene Polyethylen-Bänder
|
|
Dynesis
|
Zimmer Spine, Minneapolis, MN
|
Polyester-Bänder, Polycarbonaturethan-Spacer
|
|
Transition Stabilisation System
|
Globus Medical, Inc. Audubon, PA
|
geflochtene Bänder, Stoßdämpfer kranial der obersten Schraube, flexible Spacer
|
|
DSS
|
Paradigm Spine, New York, NY
|
dehn- und biegbare Titanwendeln
|
|
Cosmic
|
Ulrich Medical, Ulm
|
Scharniergelenke am Schraubenkopf
|
|
NFlex
|
Synthes, West Chester, PA
|
flexible Kordel und Dämpfer im Titanstab
|
Degenerativ bedingte Instabilität mono- oder bisegmental, meist in Kombination mit
Spinalkanalstenosen oder Bandscheibenvorfällen, stellt die Hauptindikation dar. Höhergradige
Spondylolisthesen (> Meyerding Grad I), Spondylolysen und längerstreckige Prozesse
sollten nicht mit dem PDS versorgt werden, da diese biomechanisch dazu nicht konzipiert
sind.
Der „typische“ Patient
Meist kommen ältere Patienten infrage, bei denen eine Kombination aus Stenose/Bandscheibenvorfall
und segmentaler Instabilität eine Beschwerdekombination aus belastungsabhängigem Kreuzschmerz
und Ischialgien (häufig pseudoradikulär) verursacht.
Typische Zeichen der Instabilität sind:
-
Olisthese,
-
Facettengelenkerguss,
-
intradiskales Vakuumphänomen,
-
Grund-/Deckplattenosteochondrose,
-
provozierbarer Facettendruckschmerz,
-
temporäres Ansprechen auf Facettengelenkinfiltration oder Thermokoagulation,
-
Makroinstabilität in Funktionsaufnahmen ([Abb. 2].
Abb. 2 a – d PDS – der typische Patient. Alter > 45 Jahre. Rückenschmerz > Beinschmerz. Radiologische/klinische „Instabilitäts“zeichen
(mono-/bisegmental). Temporäres Ansprechen auf Facettengelenkinfiltration/Thermokoagulation.
Konservativ therapierefraktär.
Spondylolysen und behandlungsbedürftige Befunde über mehr als 2 Bewegungssegmente
stellen Kontraindikationen zur PDS dar ([Abb. 3]).
Abb. 3 Kontraindikationen zur PDS. a Lyse → rigide Stabilisierung. b Zwei Bewegungssegmente → rigide Stabilisierung.
Klinische Ergebnisse
Die meisten klinischen Ergebnisse – durchweg Kohortenstudien – liegen zum Dynesis Dynamischen Neutralisations-System (Fa. Zimmer), entwickelt 1994, vor. Es besteht aus konventionellen Titan-Pedikelschrauben.
Die Längsverbindung wird mit Polyethylen-Bändern hergestellt. Zwischen den Schraubenköpfen
sitzen Distanzringe (Spacer) aus Polycarbonaturethan. Mithilfe der Bänder und Spacer
lässt sich das operierte Bewegungssegment wahlweise leicht lordosieren und entlordosieren.
Das Bewegungsausmaß im Indexsegment wird dadurch signifikant reduziert, tatsächlich
fast so stark wie durch einen rigiden Fixateur interne [22].
Bothmann u. Mitarb. berichten in einer prospektiven Studie über 54 Patienten (Follow-up
16 Monate), denen wegen Spinalkanalstenose (41 %), DDD (28 %), Spondylolisthese Grad
I (26 %) oder segmentaler Instabilität (6 %) Dynesis implantiert worden ist. Bei 81 %
erfolgte zusätzlich eine Nervendekompression, bei 15 % eine posteriore lumbale interkorporelle
Fusion (PLIF). Schmerzen konnten signifikant reduziert werden, 72,5 % beurteilten
ihr Ergebnis als gut oder exzellent. Allerdings mussten 27,5 % operativ revidiert
werden wegen postoperativen Komplikationen (Schraubenbruch/-lockerung, Anschlusssegmentdegeneration)
[23].
Ähnliche Revisionsraten (19 %) wurden von Grob u. Mitarb. (50 Patienten, retrospektiv,
2 Jahre Follow-up, Indikationen: DDD- und stenoseassoziierte Instabilität) berichtet.
Während 67 % der Patienten einen verringerten Rückenschmerz und 64 % einen verringerten
Beinschmerz angaben, berichteten 33 % über unverändert starke oder stärkere Rückenschmerzen
oder ausstrahlende Schmerzen [24]. Mögliche Erklärung dafür ist die Zunahme des Bewegungsausmaßes (ROM) im kranialen
Anschlusssegment bei Krafteinwirkung nach rigidem Fixateur oder Dynesis [25]. Dynesis additiv zur Routinesequesterektomie erbrachte keinen klinischen Benefit
im Langzeitverlauf von 10 Jahren [26].
Neuere Studien zeigen hingegen tendenziell bessere Ergebnisse. So erzielten Hoppe
u. Mitarb. (39 Patienten, 7,2 Jahre Follow-up) nach monosegmentaler Stabilisierung
L4 /5 und bilateraler Dekompression bei symptomatischer degenerativer Olisthese eine
recht profunde Schmerzbesserung (Rückenschmerz: 89 %, Beinschmerz: 86 %). 21 % der
Patienten brauchten eine weitere Operation, was bei dieser langen Nachbeobachtungszeit
auch im publizierten Rahmen nach Fusion liegt [27].
Ebenso erzielten Payer u. Mitarb. bei 30 Patienten nach monosegmentaler Dynesis-Implantation
(degenerative Olisthesis und Stenose) eine profunde Verbesserung von Bein-/Rückenschmerz
und ODI bis 2 Jahre nach Operation. Dabei fand sich bei 2 Patienten eine Schraubenlockerung
und bei 3 Patienten eine symptomatische Anschlussdegeneration. Allerdings beobachteten
die Autoren auch eine Fusionierung der Facettengelenke des Indexsegments, was einer
dauerhaften Mobilität ein Ende setzt [28].
Zusammenfassend zeigen mehrere Dynesis-Publikationen eine hohe Rate an Schraubenlockerung
oder -bruch, manche sogar eine Zunahme der präoperativen Beschwerden. Mögliche Ursachen
sind die hohe Steifigkeit des Systems und die daraus resultierende Zunahme des Bewegungsumfangs
im Anschlusssegment. Mittelfristig kommt es zur Facettengelenkfusion im Indexsegment.
Patientenselektion scheint von großer Bedeutung zu sein.
Beim Cosmic posterioren dynamischen System (Fa. Ulrich Medical) sind die Pedikelschrauben mit einer Kalziumphosphatschicht (Bonit)
beschichtet, die das Einwachsen in den Knochen fördern soll. Die Schraube ist mit
dem Schraubenkopf über ein Scharniergelenk verbunden, was eine Restbeweglichkeit in
Flexion und Extension ermöglicht. Biomechanische Untersuchungen haben gezeigt, dass
das Bewegungsausmaß in Flexion/Extension und Rotation dem Normalzustand ähnelt, anders
als nach rigider Fixierung. Die Rotationsachse wandert im Vergleich zum Normalzustand
nach dorsal [29].
Eine monozentrische, prospektive Beobachtungsstudie (100 Patienten, Follow-up 15 Monate)
bei Patienten mit schmerzhafter degenerativer Segmentinstabilität (1 – 3 Höhen) mit
und ohne Spinalkanalstenose berichtet über ein Patientengut, bei dem in 60 % die Cosmic-Implantation
nach bereits stattgehabter Voroperation erfolgt ist. Zusätzliche Dekompression erfolgte
in 83 %. Die Verbesserung im ODI lag bei 30 (präoperativ 51, postoperativ 21), die
im VAS bei 44 (präoperativ 65, postoperativ 21). Außerdem konnte die Lebensqualität
(SF-36) und die Mobilität (Karnofski Performance Score) signifikant verbessert werden.
Reoperationen im Follow-up mussten bei 10 Patienten wegen Schraubenlockerung (n = 2),
persistierender Stenose/Protrusion im Indexsegment (n = 3), symptomatischer Anschlussdegeneration
(n = 6) und/oder osteoporotischer Fraktur im Anschlusswirbel (n = 1) erfolgen. 91 %
der Patienten waren zufrieden/sehr zufrieden. Patienten mit dynamischer Stabilisierung
von mehr als 2 Segmenten mussten überproportional häufig reoperiert werden, was der
zunehmenden Rigidität bei längerem Konstrukt zugeschrieben wird [30]
[31].
Maleci u. Mitarb. berichten über eine prospektive, multizentrische Kohorte von 139
Patienten, operiert wegen Kreuzschmerz, Ischialgie oder neurogener Klaudikation (Follow-up
2 Jahre). 70 Patienten wurden zusätzlich dekomprimiert. Sie erreichten eine Verbesserung
im ODI von 48,9 % auf 22,5 % und im VAS von 7,3 auf 2,5. Keine Änderung ergab sich
für die lumbale Lordose und die angrenzende Bandscheibenhöhe. 11 Patienten mussten
im Verlauf revidiert werden, 4 davon wegen Materialversagen. 79 % werteten das Ergebnis
als exzellent/sehr gut/gut, 4 % als schlecht [32].
Zusammenfassend existieren bisher 2 größere Kohortenstudien zur dynamischen posterioren
Stabilisierung mit Cosmic. Im Vergleich zu Dynesis scheint die Rate an Materialversagen
deutlich niedriger zu liegen. Es eignet sich nur für mono- und bisegmentalen Einsatz.
Außerdem existieren kleinere Kohortenstudien zu folgenden Systemen:
-
DSS,
-
NFlex,
-
Accuflex,
-
Bioflex Spring Rods,
-
Isobar TTL.
Neben den rein dynamischen Systemen, die in jedem stabilisierten Bewegungssegment
eine Restbeweglichkeit zulassen, gibt es inzwischen auch Hybridsysteme, bei denen
dynamische und rigide Segmentstabilisierungen in einem Konstrukt kombiniert werden
können.
Wie das Cosmic-System im direkten Vergleich zur Spondylodese bei mono- oder bisegmentaler
Degeneration abschneidet, wird derzeit in einer prospektiven, randomisierten Multicenterstudie
erhoben.
Bisher existiert nur Level-II-2-Evidenz zum Einsatz von Pedikelschrauben-basierten
dynamischen Systemen. Bisherige Studien konnten zeigen, dass das Prinzip des Load-Sharing
zwischen Bandscheibe und Facettengelenken grundsätzlich funktioniert (mono- und bisegmental),
Patientenselektion aber eine wesentliche Rolle spielt. Bisher existieren nur Kurzzeitergebnisse.
Verwendete Systeme sollten auch die rotatorische Instabilität reduzieren.
Interspinöse Verfahren
Prinzip, Historie und Indikation
Interspinöse Spreizer (interspinous process devices, IPD) werden über einen offenen
oder perkutanen Zugang in den interspinösen Raum unter das supraspinöse Band implantiert.
Dabei muss die Größe so gewählt werden, dass:
-
eine Distraktion der Processus spinosi,
-
eine Entlastung der Facettengelenke und des hinteren Faserrings,
-
eine Straffung des gelben Bandes und einer ggf. Faserringprotrusion
erfolgt.
Das führt zusätzlich zur leichten Kyphosierung des Indexsegments und zur Erweiterung
der Neuroforamina.
Seit Entwicklung des ersten IPD, dem Wallis (Fa. Zimmer) 1986, ist eine Vielzahl dieser
Implantate mit unterschiedlichem Design, Materialfestigkeit und Anwendungszielen auf
den Markt gebracht worden. Man unterscheidet:
-
flexible IPD (z. B. DIAM, Fa. Medtronic),
-
semiflexible IPD (z. B. Coflex, Fa. Paradigm Spine),
-
nicht flexible IPD (z. B. X-Stop, Fa. Medtronic, Wallis, Fa. Zimmer, In-Space, Fa.
Synthes).
Sie wurden zur „Dekompression“ infolge oben genannter Wirkprinzipien bei ligamentär
führender Spinalkanalstenose (z. B. X-Stop), zur Stabilisierung einer degenerativen
Instabilität (z. B. Coflex), eines vermeintlich instabil werdenden OP-Situs nach Stenosendekompression
oder Bandscheibenoperation (z. B. Wallis, DIAM) und zur Behandlung des Rückenschmerzes
bei vermeintlichem Facettengelenksyndrom eingesetzt.
Klinische Ergebnisse
-
Neurogene Klaudikation: Hierzu existieren 2 prospektive randomisierte kontrollierte Multicenterstudien (randomized
controlled trial, RCT) und einige Kohortenstudien. Dabei fand sich in dem RCT von
Zucherman eine signifikante Verbesserung der neurogenen Klaudikation (nach Zürich
Claudicatio Questionnaire, ZCQ) im Vergleich zur konservativen Therapie bei Patienten
(n = 100, Durchschnittsalter 70 Jahre) mit mono- oder bisegmentaler Stenose 2 Jahre
nach Studieneinschluss [33]. In dem RCT von Anderson u. Mitarb. wurden 75 Patienten mit degenerativer Olisthesis
und Klaudikation eingeschlossen, davon wurden 42 mit X-Stop behandelt, der Rest konservativ.
Auch hier zeigte sich nach 2 Jahren eine signifikante Verbesserung der ZCQ-Werte nach
X-Stop, nicht aber nach konservativer Therapie. Ein klinischer Erfolg (overall clinical
success) trat nur bei 63 % der X-Stop-Patienten und 13 % der konservativ therapierten
Patienten auf [34].
Jenseits der Tatsache, dass bei klinisch signifikanter Klaudikation die konservative
Therapie keine adäquate Vergleichsgruppe darstellt (Equipoise-Prinzip: Gleichwertigkeit
aller Studienarme mit dem Therapiestandard), zeigen die Studien wesentliche Limitationen.
So ist die angewendete Blockrandomisation selektionsanfällig, das Outcome beider Studiengruppen
signifikant schlechter als erwartet und die Ergebnisse eines Zentrums signifikant
besser als die aller anderen.
Björn u. Mitarb. haben einen RCT (n = 100) zu X-Stop bei Klaudikation, die durch Flexion
regredient ist, im Vergleich zur operativen Dekompression veröffentlicht (Follow-up
2 Jahre) [35]. Beide Behandlungsarme profitierten signifikant von der Therapie und zeigten keine
statistischen Unterschiede nach 2 Jahren (ZCQ, VAS, SF-36). Allerdings mussten sich
26 % der X-Stop-Patienten, aber nur 6 % der Dekompressionspatienten einer weiteren
Operation unterziehen, was signifikant war.
-
Stabilisierung nach Dekompression: Hierzu gibt es eine FDA-Zulassungsstudie (IDE) mit 322 Patienten, bei der Patienten
mit Stenose und degenerativer Olisthese nach Laminektomie entweder mit Coflex interspinös
stabilisiert wurden (n = 215) oder durch dorsolaterale Fusion und Instrumentation
(n = 107). Beide Gruppen zeigten eine signifikante Besserung im ODI, VAS, ZCQ. Die
Coflex-Gruppe schnitt signifikant besser bez. OP-Zeit, Blutverlust, Dauer des Krankenhausaufenthalts
und der ZCQ-Zufriedenheit ab. Die Fusionsgruppe musste sich seltener einer Reoperation
unterziehen (14,1 % vs. 5,9 %, nicht signifikant) [36].
Zu der Arbeitshypothese, dass das Einbringen von IPDs während einer Dekompression
oder Bandscheibenoperation das klinische Ergebnis verbessert, gibt es mehrere monozentrische
Kohortenstudien mit geringer Patientenzahl, die keinen Vorteil durch die IPDs zeigen
konnten.
Kantelhardt u. Mitarb. untersuchten 2010 die Nachhaltigkeit des IPD-Effekts und fanden,
dass bereits 6 Monate nach Einbringen eines In-Space 50 % der Patienten wieder an
den präoperativen Symptomen litten [37].
Zusammenfassend existiert Level-I-Evidenz, dass X-Stop bei Claudicatio spinalis im
kurzfristigen Verlauf zu einer besseren Beschwerdelinderung führt als die konservative
Therapie, und dass eine Stabilisierung mit Coflex vergleichbar effektiv bei Stenose
und Olisthesis ist wie die dorsolaterale Fusion, allerdings mit höherer Reoperationsrate.
Zu den sonstigen Indikationen gibt es bisher keine klaren Hinweise in der Literatur,
die den Nutzen der IPD beweisen. IPD sind kein nachhaltiges Verfahren.
Facettengelenkersatz
Die Rationale dieser Konstrukte entspricht im Wesentlichen der Pedikelschrauben-basierter
dynamischer Systeme, der Mechanismus der „Dynamik” ahmt anatomisch die Facettengelenke
nach.
Es existieren derzeit 2 Systeme:
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TOPS (total posterior solution system, Fa. Premia Spine, Israel),
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TFAS (total facet arthroplasty system, Fa. Archus Orthopaedics, Redmond, MA).
Zu TOPS wurde eine Phase-III-Studie durchgeführt, deren endgültigen Ergebnisse bisher
nicht veröffentlicht wurden. Eine IDE-Studie zu TFAS wurde 2009 aus finanziellen Gründen
gestoppt, hierzu existieren nur präliminäre Subgruppenergebnisse.
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Seit das Prinzip der kompletten Stilllegung (Fusion, Spondylodese) eines degenerierten
Bewegungssegments infrage gestellt worden ist, konnte die Idee der bewegungserhaltenden
operativen Behandlung (Non-Fusion-Techniken) immer weiterentwickelt werden.
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Dabei stellt insbesondere die Bandscheibenprothetik (total disc replacement) eine
Erfolgsgeschichte der Non-Fusions-Techniken dar – wenn auch nur für ein sehr schmales
Indikationsspektrum.
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Sie ist inzwischen eines der am besten untersuchten operativen Verfahren an der Wirbelsäule,
deren Überlegenheit zur konservativen Therapie und zur Spondylodese in RCTs gezeigt
werden konnte (Level-I-Evidenz) und das die Erwartung des nachhaltigen Bewegungserhalts
erfüllen konnte.
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Der Nukleusersatz (nucleus replacement) konnte bisher trotz pathophysiologisch interessantem
Konzept und einigen recht vielversprechenden Ergebnissen in klinischen Kohortenstudien
(Level-II-2-Evidenz) [38] im klinischen Alltag nicht Fuß fassen.
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Bei den Pedikelschrauben-basierten dynamischen Systemen befindet man sich derzeit
noch in einem präliminären Evidenzlevel. In mehreren Kohortenstudien (Level II-2)
konnte nachgewiesen werden, dass das Prinzip des „load sharings” klinisch funktioniert,
es allerdings teilweise auch bei dynamischen Systemen zu Fusionen im Indexsegment
kommt (z. B. Dynesis).
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Das optimale Implantat und das passende Indikationsspektrum müssen noch genauer definiert
werden. Außerdem steht noch der direkte Vergleich mit der Spondylodese aus.
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Hauptproblem der interspinösen Spreizer scheint die Kurzlebigkeit des klinischen Effekts
zu sein
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Welche der dynamischen lumbalen Techniken die Erwartungen in Bezug auf Nachhaltigkeit
und Minimierung der Anschlusssegmentdegeneration erfüllen können, wird in zukünftigen
Studien zu erarbeiten sein.