Zeitschrift für Klassische Homöopathie 2017; 61(02): 91-94
DOI: 10.1055/s-0043-111029
Praxis
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hyoscyamus in der Pädiatrie

Michael M. Hadulla
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Michael M. Hadulla
Heiliggeiststr. 9
69117 Heidelberg

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Publication Date:
28 June 2017 (online)

 

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit zeigt die Behandlung einer Empfindungsstörung bei einer 4-jährigen Patientin mit Hyoscyamus niger. In der anschließenden Diskussion wird auf die Bedeutung gut geprüfter und in der Praxis bewährter Arzneimittel eingegangen, ergänzt durch 2 weitere exemplarische Hyoscyamus-Kasuistiken aus der Pädiatrie.


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Abstract

The present study shows the treatment of a sensory disturbance in a 4-year-old female patient with Hyoscyamus niger. In the subsequent discussion the importance of well-tested and tried-and-tested remedies is presented, supplemented by 2 other exemplary Hyoscyamus cases from pediatrics.


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Kasuistik: Empfindungsstörung

Anamnese

Zur Vorstellung gelangt Luisa, ein 4-jähriges Mädchen, prima vista völlig unauffällig. Ich notiere den ersten Eindruck: schönes Kind, feines Gesicht, quasi „Silicea-mäßig“. Die Mutter ist Krankenschwester, die Ehe intakt, Luisa hat noch zwei Geschwisterkinder, sie ist die Mittlere.

Im Spontanbericht ist das Folgende zu erfahren:

„Das Kind bekommt alles mit … will nicht berührt werden … meint, dass es heiß wird durch Berührung und es juckt. Man darf auch ihre Spielsachen nicht anfassen, andernfalls müssen sie in den Kühlschrank … Luisa beschwert sich dann, dass man ihre Sachen ‚heiß gemacht‘ habe.“

Weiterhin berichtet die Mutter über Tobsuchtsanfälle des Kindes. Es wird leicht panisch, wütend und schlägt dann.

Im gelenkten Bericht kommt die ausgeprägte Eifersucht auf die beiden Geschwisterkinder zur Sprache. Eine Art dummes, unmotiviertes Schwätzen fällt auf, ängstliches Träumen mit Aufschreien. Sie sei gerne nackt, und die Mutter ergänzt nochmals (Originalzitat) als ein ungewöhnliches, quasi „eigenheitliches Symptom“:

„Mama, du hast mich heiß gemacht! … meine Jacke heiß gemacht!“

Anmerkung: Kinder mit Belladonna-, Hyoscyamus- oder Stramonium-Konstitution erschienen mir prima vista als schöne, unauffällige Kinder mit feinen Gesichtszügen. Nach den ersten Berichten – Kratzen am Äußeren – wird dann sofort die schwere Psychopathologie deutlich, zum Teil mit psychiatrischer Ausgestaltung.

Noch zu erwähnen ist, dass in der Kinderklinik eine neurologische Untersuchung stattgefunden hat und die kleine Patientin sogar kinderpsychiatrisch vorgestellt wurde.

Die schriftlichen Aufzeichnungen der Mutter zu dieser „scurillen Symptomatik“ seien wörtlich zitiert:

… fühlt sich durch Berührung heiß gemacht oder ich habe sie durch Berührung gejuckt. Auch durch Berührung empfindet sie Druck. Wenn Luisa das empfindet wird sie total wütend, fängt an zu schreien und beginnt sich auszuziehen. Die Anziehsachen werden dann in den Kühlschrank gelegt oder, als es sehr kalt war, auf den Balkon geschmissen. Auch Spielsachen darf ich oft nicht anlangen, weil sie dann heiß sind. Die Spielsachen landen dann auch im Kühlschrank oder werden abgewaschen. Diese Sensibilitätsstörungen werden nur durch Mama, Papa, Schwester und Bruder ausgelöst, im Kindergarten kommt das nicht vor.

Ich frage Luisa immer, ob ich sie berühren darf, ihr einen Kuss geben darf oder sie umarmen darf. Ihre Spielsachen wie ihren Roller darf ich nur an der Lenkstange anfassen, da wird der Roller nicht heiß, aber an den Griffen. Wenn Luisa sich heiß gemacht, gejuckt oder Druck spürt und sie dann völlig wütend ist, ist sie schwer zu beruhigen. Oft fängt sie in dem Zustand auch an zu hauen, zu schlagen und zwar die Person, die das Empfinden ausgelöst hat.“


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Therapie und Verlauf

Noch während der ersten Konsultation blättere ich beiläufig in meinem guten, alten, englischen Kent – Indische Ausgabe mit Golddruck [2] [1] –, und die folgenden Rubriken springen mir ins Auge:

  • Mind jealousy (Gemüt, Eifersucht): u. a. Hyos. (3)

  • Mind naked, wants to be (Gemüt, möchte nackt sein): u. a. Hyos. (3)

  • Mind striking (Gemüt, schlägt): u. a. Hyos. (3)

  • Mind shrieking: u. a. Hyos. (3)

  • General touch agg. (Allgemeines, Berührung verschlimmert): u. a. Hyos. (3)

Noch während der Erstkonsultation erfolgt die unmittelbare Gabe von Hyoscyamus D 200 (DHU), 5 Globuli alle 3 Tage.

Nach ca. einem Monat kommt der Rückruf der Mutter: „50 % besser, man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat“ (Originalzitat der Mutter). Auch die Außenstehenden bemerken die Veränderung im positiven Sinne. Nach weiteren 4 Wochen telefonieren wir erneut: Die Mutter ist total zufrieden.

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Abb. 1: Hyoscyamus niger, das Schwarze Bilsenkraut, wird auch Hexenkraut genannt. © Juulijs/Fotolia.

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Diskussion

Statt einer eigentlichen Diskussion möchte ich 3 Anekdoten sowie 2 weitere Fälle anführen.

Amsel, nicht Kolibri

Als junger Arzt in der Kinderklinik regte ich meinen Oberarzt furchtbar auf: Selbst bei einer Otitis media, Bronchitis oder Angina tonsillaris, Infektneigung etc. veranlasste ich ausgedehnte laborchemische Abklärungen, um mein Wissen zu dokumentieren: spezielle Antikörper, ausgefeilte Virologie bis hin zur HLA-Typisierung – dafür würde man mich heute entlassen. Aber mein damaliger, benevolenter Oberarzt nahm mich zur Seite, trat mit mir ans Fenster und fragte mich: „Was sehen Sie da, Herr Kollege?“ Ich war verwundert und antwortete: „Einen Baum!“ „Und was sitzt dort auf dem Baum?“ Ich antwortete: „Eine Amsel.“ Seine Antwort: „Eben, es ist eine Amsel und kein Kolibri!“

Seitdem habe ich mir gemerkt: Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten.


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„80 % Belladonna“

Ich war als homöopathischer Anfänger in Freudenstadt und stellte mich dort dem damaligen Dozenten Jürgen Becker im A-Kurs vor (ein hochbegabter, lebendiger und tiefgründiger Homöopath, um den es leider in letzter Zeit stiller geworden ist, in seiner echten Art meinem Lehrer Willibald Gawlik vergleichbar), der mir die Hand gab und meinte: „Ach, ein Pädiater! – 80 % Belladonna!“

Ich war damals etwas verschnupft, weil ich dachte, so einfach sei das doch nicht mit und in der Pädiatrie. Heute weiß ich aber sehr wohl, dass die Nachtschattengewächse eine überaus große Rolle in der Kinderheilkunde spielen und man hierbei etliche Kinder sogar häufig vor der Kinderpsychiatrie bewahren kann!!!


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Der exotische Kartoffelkäfer

Auf dem Weltkongress in Graz 2003 sprach ein Kollege 2 quälende Stunden lang über den Kartoffelkäfer und das aus ihm gewonnene Arzneimittel Doriphora decemlineata. Ich saß damals neben 2 berühmten österreichischen Homöopathen und meinte zu ihnen lakonisch: „Ich glaube, der Dozent könnte auch über die Reblaus im Grappa berichten!“ Grinsen und Spott. In solch einem Moment kein Satiriker zu sein, fällt schwer, „difficile est satiram non scribere (Juvenal 1,30)“. Bis heute habe ich noch keine gut belegte und/oder gut elaborierte Kartoffelkäfer-Kasuistik in Händen gehalten (= „Kolibri“).

Was will ich mit diesen Anekdoten sagen? Beschäftigen wir uns bitte mehr mit dem, was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden bewährt, erprobt und tradiert ist. So hat ja unser Altmeister Samuel Hahnemann die Homöopathie nicht er-funden, sondern ge-funden: eben aus den lauteren Quellen der Alten! Er kannte die Nachtschattengewächse aus der griechischen, römischen und arabischen Medizin und war selbstverständlich in der Lage, all das in der Originalsprache nachzulesen. Tradiertes, Bewährtes und tausendfach Nachvollzogenes: Hiermit haben wir in unserer täglichen Praxis die schönsten Erfolge.

In diesem Sinne sind die beiden nachfolgenden Hyoscyamus-Kasuistiken aus unserem mittlerweile vergriffenem Buch [2] zu verstehen.


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Kasuistik: Chronischer Husten – obszönes Verhalten

Der selbstbewusst wirkende Junge Bruno, annähernd 10 Jahre, mit lustig funkelnden Augen, kommt wegen eines anfallsweise auftretenden, trockenen, heftigen Hustens.

Spontanbericht

Brunos Mutter ergänzt relativ verzweifelt:

„Der Husten nervt zunehmend alle – insbesondere Eltern, Bruder, Lehrerin –, schon seit Wochen geht es so. Nichts, aber auch gar nichts hat geholfen. Er tritt tags, aber insbesondere nachts verstärkt auf.“

Bruno kann sich in „keiner Weise“ selbst beschäftigen.


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Gelenkter Bericht

Der Junge fasse sich gern obszön an das Genitale und spiele damit: „sexuelles Positionieren“. Er sei diesbezüglich ausgesprochen verbal kreativ und gebrauche gern eine vulgäre Sprache. Und verstehe es damit auf sehr drastische Art und Weise, seinen Bruder zu necken. Den Ärger und die Wut der anderen hierüber genieße er geradezu und schlage sich auch mit dem gereizten Bruder. Eifersucht sei ihm nicht fremd.


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Repertorisation im Synthesis

  • Gemüt, Eifersucht: u. a. Hyos. (4)

  • Gemüt, Schlagen, Verlangen zu: u. a. Hyos. (3)

  • Gemüt, Spaßen, erotisch: u. a. Hyos. (1)

  • Gemüt, Unzüchtig, obszön: u. a. Hyos. (2)

  • Gemüt, Unzüchtig, sprechen: u. a. Hyos. (2)

  • Männliche Genitale, Fasst sich an die: u. a. Hyos. (2)

  • Husten, Anfallsweise: u. a. Hyos. (3)

  • Husten, heftig: u. a. Hyos. (3)

  • Husten, trocken: u. a. Hyos. (3)


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Therapie und Verlauf

Nach einmaliger Gabe von Hyoscyamus D 200 (Staufen) 3 Globuli sagt die Mutter:

„Völlig überraschend ist der Husten wie weggeblasen. Das obszöne Verhalten ist zunächst kurzzeitig schlimmer geworden; nun ist es auch weg.“


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Materia medica

Hyoscyamus niger (= Bilsenkraut) gehört neben Atropa belladonna (= Tollkirsche) und Datura stramonium (= Stechapfel) zu den sogenannten Hexenkräutern. Unser hochverehrter Lehrer Willibald Gawlik wies immer darauf hin, auf die Namen zu schauen:

„Die Namen, sie sagen euch alles.“

So auch hier: Hexenkräuter deshalb, weil aus einem Gemisch aus Belladonna, Hyoscyamus und Stramonium – meist in Salbenform verarbeitet und appliziert, z. B. an den axillären oder genitalen Hautarealen, – bei den auf diese Art und Weise schändlich traktierten jungen Frauen gerade diejenigen toxikologischen Symptome entwickelt wurden, derentwegen man sie dann als Hexen überführen und verurteilen konnte:

  • Belladonna führt u. a. eher zu deliranten Zuständen mit akustischen, taktilen und visuellen Wahnvorstellungen.

  • Hyoscyamus steigert u. a. sexuell-obszöne Phantasien und Halluzinationen des Fliegens (Besenstiel als Imaginationsvehikel zum Flug auf den Blocksberg).

  • Stramonium steigert u. a. die Gewaltbereitschaft und die nächtliche Angst vor Dunkelheit (= Pavor nocturnus).

Erfahrene, heilkundige weise Frauen und Hebammen setzten diese uralten Heilmittel oder sogenannten „Hexenkräuter“ über Jahrtausende hinweg erfolgreich ein. Natürlich entstand durch den Zauber der Heilung bei Erfolg und Entsetzen bei Misserfolg Angst vor den Hexen.[2]


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Kasuistik: Sexuelles Fehlverhalten, Aggression und Enuresis (= Einnässen)

Nils, 6 Jahre, drittes und jüngstes Kind, wird wegen sexuellen Fehlverhaltens mit aggressiver Ausprägung vorgestellt.

Spontanbericht

Die Mutter berichtet wörtlich:

„Sein sexuelles Verhalten hat sich mir gegenüber nicht wesentlich verändert. Beim Kuscheln oder im Bad lässt er keine Gelegenheit aus, mich an meinem Busen zu berühren und zieht mir hierbei auch das T-Shirt hoch. Wie er sich außerhalb unserer vier Wände verhält, kann ich zurzeit weniger beurteilen. Da ich im Kindergarten jedoch auf keine weiteren Vorfälle aufmerksam gemacht wurde, denke ich, dass er dort nicht mehr auffällig ist.“


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Gelenkter Bericht

Die Mutter ergänzt, dass das Kind sehr laut und hastig spreche und sich gegenüber den beiden Geschwistern sehr eifersüchtig verhalte.


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Repertorisation im Synthesis

  • Gemüt, Eifersucht: u. a. Hyos. (4)

  • Gemüt, Sprache, hastig: u. a. Hyos. (3)

  • Gemüt, unzüchtig, obszön: u. a. Hyos. (2)


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Therapie und Verlauf

Nach einer Gabe von Hyoscyamus D 200 (Staufen), 3 Kügelchen, tritt eine Wandlung ein. Der kleine „Busengrapscher“ wird weniger laut, und auch das sexuelle Fehlverhalten lässt deutlich nach. Die Therapie wird mit Hyoscyamus LM VI (Staufen) 2 × 3 Globuli pro Woche fortgesetzt.[3]

Wegen zwischenzeitlich aufgetretener Varizellen wird die homöopathische Therapie nach ca. 2 Monaten von der Mutter abgesetzt. Jetzt tritt ein nächtliches und zum Teil auch während des Spielens unwillkürliches Einnässen auf, das Mutter und auch den kleinen Patienten sehr beeinträchtigt.


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Repertorisation im Synthesis

  • Blase, urinieren, unwillkürlich: u. a. Hyos. (2)


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Therapie

Unter der Therapie mit Hyoscyamus LM XII, 2 × 3 Globuli pro Woche, promptes Sistieren des Einnässens.


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Über den Autor

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Jg. 1949, Studium der Medizin und Psychologie in Heidelberg. Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin/Psychotherapie/Homöopathie. Autor zahlreicher Publikationen. Dozententätigkeit an der Universität Heidelberg. Privatpraxis in Heidelberg.

Anmerkungen

1 Diese alte, gute Ausgabe wird mir immer lieber, weil ich von all den modernen, z. Z. inflationären Nachträgen verschont bleibe – oder wie ein bekannter homöopathischer Arzt aus Graz feststellte: „Warts noch a Weil, dann stehts jedes Mitteln in jeder Rubrik!“


2 Interessant, wenn auch nicht unumstritten, ist in diesem Zusammenhang eine Herleitung des Biernamens „Pils“, das in der alten böhmischen Stadt Pilsen zur Steigerung der aphrodisierenden, enthemmenden und berauschenden Wirkung mit Pilsenkraut (= Bilsenkraut) gebraut wurde.


3 Hyoscyamus, vom griechischen Wort hyos = Schwein, gehört, wie erwähnt, zu den „Hexenkräutern“. Ein deftiger alter Tierarzt erwähnte es uns gegenüber vor 20 Jahren mit folgendem Satz, der im Gedächtnis bleibt: „lässt unter sich und führt gotteslästerliche Reden.“



Korrespondenzadresse

Michael M. Hadulla
Heiliggeiststr. 9
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Abb. 1: Hyoscyamus niger, das Schwarze Bilsenkraut, wird auch Hexenkraut genannt. © Juulijs/Fotolia.