Zeitschrift für Klassische Homöopathie 2017; 61(02): 108-109
DOI: 10.1055/s-0043-111253
Buchbesprechung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Buchbesprechung

Meyer U, Friedrich C.
„Rastlos vorwärts allezeit“. 150 Jahre Dr. Willmar Schwabe. 1866 – 2016.

Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag; 2016. geb., 296 S.
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Publication Date:
28 June 2017 (online)

 
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    Der vorliegende, aufwändig gestaltete und reich bebilderte Band erschien 2016 zum 150. Geburtstag der Firma Dr. Willmar Schwabe. Die Firmenleitung hatte zwei Pharmaziehistoriker beauftragt, die Geschichte der Firma samt ausführlicher Biographien der jeweiligen Geschäftsführer aufzuarbeiten. Somit handelt es sich um ein hervorragendes, historisch-kritisch aufbereitetes Werk, das auch um schwierige Phasen, wie beispielsweise die Zeit des „Dritten Reichs“, keinen Bogen macht. Ein Blick in das umfangreiche Quellenverzeichnis zeigt, dass reichlich Archivrecherche betrieben werden musste.

    Das Buch beginnt mit Willmar Schwabe I (1839 – 1917), der über die Chinarinde promoviert hatte und als gut ausgebildeter Apotheker 1865 sein erstes eigenes „Grosso- und Exportgeschäft“ in Leipzig gründete. 1870 konnte er gegen verschiedene Widerstände außerdem eine eigene Apotheke in Leipzig eröffnen, was eine neue Konkurrenz für homöopathische Präparate vor Ort bedeutete. Schwabe war zum einen eine sorgfältige Herstellung seiner Präparate wichtig, zum anderen war er von Anfang an darauf bedacht, die Herstellung im großen Stil und ein Exportgeschäft in die ganze Welt zu betreiben. Geschäftstüchtig wie er war, gründete er einen eigenen Verlag und gab die Leipziger Populäre Zeitschrift für Homöopathie heraus. Willmar Schwabe II (1878 – 1935) sollte die literarische Sparte später noch ausbauen.

    Bereits 1872 publizierte Schwabe I die damals schon dreisprachige Pharmacopoea homoeopathica polyglottica – bemerkenswerterweise mit der Genehmigung Otto von Bismarcks, mit dem er in persönlichem Briefwechsel stand. Diese Pharmakopöe ist letztlich die Grundlage des heutigen HAB (Homöopathisches Arzneibuch). Weitere Meilensteine waren die Entwicklung der Tablettenherstellung und die zunehmende Erschließung der Auslandsmärkte (daher der Titel des Buchs: „Rastlos vorwärts allezeit“). Wichtige Präparate der Firma werden erläutert, darunter nicht nur das Homöopathie-Sortiment, sondern viele, teilweise bis heute hergestellte Pharmazeutika wie beispielsweise die Hamamelis-Salbe und „viele andere.

    Der 1907 geborene Willmar Schwabe III trat besonders durch seine Reisetätigkeit hervor: Ausführlich beschrieben wird seine Orinoco-Expedition 1964/65. Auf seinen Reisen entdeckte er als Pionier der Ethnopharmakologie zahlreiche Pflanzen, darunter Haronga, Cardiospermum, Galphimia, Haplopappus, Harpagophytum, Luffa und Okoubaka. Als „genialster Griff“ wird die Erschließung von Ginkgo-Extrakt bezeichnet (heute noch als Tebonin® im Handel).

    Im „Dritten Reich“ waren Mitglieder der Familie Schwabe zwar Mitglieder der NSDAP und sogar der SS, insgesamt sei die Firma aber kein „besonderer Profiteur der NS-Gesundheitspolitik“ gewesen (eine ausführliche Darstellung findet sich in MedGG 34, 2016).

    Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es 1946 zu einem Neubeginn in Karlsruhe. 1961 gründeten Schwabe und Madaus – das 1919 in Dresden gegründete Konkurrenzunternehmen – gemeinsam die Deutsche Homöopathie-Union (DHU). Wenige Jahre später, 1969, ging die DHU dann zu 100 % an die Schwabe-Gruppe. In den folgenden Jahrzehnten kaufte Schwabe diverse Unternehmen hinzu, darunter Spitzner 1985 (Pinimenthol®), ISO-Arzneimittel Regensburg 1987 (Umckaloabo®), Peithner 2009, Loacker Remedia und DHU Iberica 2015. Somit sind viele große Homöopathie- und Phytotherapiehersteller in ganz Europa unter einem Konzerndach gebündelt worden.

    Weitere Kapitel des Buchs widmen sich der Entwicklung verschiedener Phytotherapeutika, darunter Crataegus (Crataegutt®), Ginkgo (Tebonin®), Pinimenthol®, Pelargonium (Umckaloabo®) und Lavendel (Lasea®), technischen Weiterentwicklungen wie speziellen Extraktionstechnologien und der internationalen Aufstellung der Schwabe-Gruppe. Die jüngste Firmengeschichte wird mit einem Ausblick in die Zukunft beleuchtet.

    Fazit:

    Für homöopathiehistorisch Interessierte ist insbesondere die erste Hälfte des Buchs sehr lesenswert, welche mit der Geschichte von Willmar Schwabe I beginnt. Es ist bemerkenswert, dass das bis heute familiengeführte Unternehmen eine Kontinuität bei der Herstellung homöopathischer und phytotherapeutischer Präparate über 150 Jahre vorweisen kann, schon früh an der Standardisierung der Zubereitungen maßgeblich beteiligt war und zahlreiche homöopathische Arzneien, darunter beispielsweise Galphimia und Okoubaka, dem Arzneischatz hinzufügen konnte.

    Christian Lucae


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