In der Rehabilitation neurologischer Patienten spielen nicht aphasische Kommunikationsstörungen
eine große Rolle. Was versteht man darunter?
Der Begriff stammt ursprünglich von Prigatano (1985, Language Sciences), der mit einer
nicht aphasischen Sprachstörung nach Schädel-Hirn-Trauma eine auffällige Kommunikation
trotz weitgehender Rückbildung von linguistischen und kognitiven Defiziten beschrieb.
Diese Patienten sind oft in herkömmlichen Tests unauffällig, sodass auch die Gefahr
besteht, dass diese Schwierigkeiten in der Klinik nicht diagnostiziert bzw. zwischen
Sprachtherapie und Neuropsychologie hin- und her geschoben werden.Um Auffälligkeiten
der Kommunikation, wie z. B. Abdriften oder Haften an Themen, thematische Inkohärenz,
mangelnde Perspektivübernahme, unzureichende Berücksichtigung der Gesprächssituation
oder des Gesprächspartners sowie Schwierigkeiten in der Textverarbeitung, zusammenzufassen,
hilft das Konzept der Kognitiven Kommunikationsstörungen (z. B. Regenbrecht & Guthke,
2017, Aphasie und verwandte Gebiete) weiter, welches sehr unterschiedliche Störungsprofile
umfasst, aber herausstellt, dass die Kommunikationsschwierigkeiten durch ein Wechselspiel
linguistischer, kognitiver und behavioraler Prozesse bestimmt sind.
Welchen Stellenwert haben dabei Exekutivfunktionen? Wie können darauf zurückzuführende
Kommunikationsstörungen erkannt werden?
Eine zentrale Rolle für das Verständnis Kognitiver Kommunikationsstörungen spielen
hierbei Störungen exekutiver Funktionen. Exekutive Funktionen werden in der Regel
mit Steuerungs- oder Leitungsfunktionen übersetzt. Als exekutive Funktionen werden
metakognitive Prozesse bezeichnet, die zum Erreichen eines definierten Zieles die
flexible Koordination mehrerer Subprozesse steuern bzw. ohne Vorliegen eines definierten
Zieles bei der Zielerarbeitung beteiligt sind. Insofern stellt eine erfolgreiche
Kommunikation hohe Ansprüche an das Funktionieren dieser exekutiven Prozesse. Für
Kommunikationsstörungen spielen außerdem noch Beeinträchtigungen der Fähigkeit der
Theory of Mind eine relevante Rolle, also die Fähigkeit, bei anderen Personen z. B.
deren Ideen, Absichten, Gefühle und Meinungen zu erkennen.
Was muss bei der neuropsychologischen und logopädischen Behandlung von Patienten mit
kognitiver Kommunikationsstörung berücksichtigt werden?
Im klinischen Umgang erfordern die Störungsbilder der Kognitiven Kommunikationsstörungen
eine interdisziplinäre Vorgehensweise der Neuropsychologie und Sprachtherapie, um
die Kernsymptomatik zu beschreiben, relevante funktionelle Ursachen zu erfassen sowie
angemessene Therapieziele und Therapiemethoden festzulegen. Ohne eine entsprechende
neuropsychologische Diagnostik sind die Symptome der Kognitiven Kommunikationsstörung
nicht sicher interpretierbar. Ebenso obligatorisch ist eine Diagnostik sprachsystematischer
und sprechmotorischer Leistungen, weil Patienten mit Kognitiven Kommunikationsstörungen
auch akute oder anhaltende Beeinträchtigungen vor allem auf lexikalisch-semantischer
Ebene zeigen können.
Welche Erfahrungen liegen bei Patienten Kognitiven Kommunikationsstörungen im Hinblick
auf Prognose und berufliche Wiedereingliederung vor?
Entsprechende Auffälligkeiten in der Kommunikation können sich gravierend auf die
berufliche Wiedereingliederung auswirken. Zum einen spielen kommunikative Anforderungen
bei
vielen Tätigkeiten eine zentrale Rolle, zum anderen sind sie bedeutsam für Absprachen
mit
Kollegen und Vorgesetzten. Positive Erfahrungen haben wir in der Therapie damit gemacht,
in
Vorbereitung und bei der Begleitung der beruflichen Reintegration berufsrelevante
Kommunikationsübungen in Form von Rollenspielen zu solchen Themengebieten wie die
Annahme von
Hilfe, das Anerkennen von Leistungsgrenzen, das Informieren über berufsrelevante
Erkrankungsfolgen und Funktionseinschränkungen sowie vorhandenen beruflichen Ressourcen
mit
einzubeziehen.
Das Interview führte Dr. Bruno Fimm, RWTH Aachen.