Dtsch med Wochenschr 2018; 143(04): 279-286
DOI: 10.1055/s-0043-119864
Übersicht
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Vegetarische Kostformen in der Kinderernährung?

Eine Bewertung aus Pädiatrie und ErnährungswissenschaftVegetarian Diets in Children?An Assessment from Pediatrics and Nutrition Science
Mathilde Kersting
,
Hermann Kalhoff
,
Michael Melter
,
Thomas Lücke
Further Information

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Mathilde Kersting
Forschungsdepartment Kinderernährung
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum
Alexandrinenstraße 5
44791 Bochum
Phone: ++ 49/2 34/5 09 26 15   
Fax: ++ 49/2 34/5 09 26 97   

Publication History

Publication Date:
22 February 2018 (online)

 

Abstract

In Germany, the “Dietary Schedule for the 1st year of life” and the “Optimised Mixed Diet” for children and adolescents serve as scientifically based and generally applicable dietary concepts throughout the period of growth and development. Vegetarian diets as the lacto-ovo-vegetarian diet (exclusion of meat, fish) and the vegan diet (exclusion of all food groups of animal origin) need to be evaluated for their potential to safely meet the high and specific requirements for growth and development. In this regard, high-quality studies are needed. In individuals on lacto-ovo-vegetarian diets, the safe supply with critical nutrients should be checked by thorough dietary history, possibly additional laboratory tests in risk situations like pregnancy, infancy and toddlerhood. Children on pure vegan diet need ongoing elaborate dietary strategies and continuous supplementation at any age, similar to nutritional management in children with metabolic disorders. A vegan diet is disadvised during all periods with intense growth and development.


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Sich vegetarisch zu ernähren liegt im Trend. Und viele sich vegetarisch ernährende Eltern wünschen eine entsprechende Kost auch für ihre Kinder. Doch sind alle vegetarischen Kostformen für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche gleichermaßen geeignet? Auf welche kritischen Nährstoffe sollen Eltern, Kinder- und Jugendärzte und Ernährungsfachkräfte achten? Auf diese Fragen und andere Aspekte wie wissenschaftlich basierte Ernährungskonzepte geht dieser Beitrag ein.


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Trend zu vegetarischer Ernährung

Vegetarische Kostformen finden sich verbreitet in armen Ländern, in denen Fleisch (und Fisch) knapp und nur für wenige Familien regelmäßig verfügbar sind. Seit Jahren zeigt sich auch in wohlhabenden Ländern ein Trend zu vegetarischer Ernährung. Dieser Trend ist meist auf ethische und weltanschauliche Einstellungen zurückzuführen; oft wird er aber auch gesundheitlich begründet.

2007 waren in Deutschland nach der Nationalen Verzehrstudie II 1,6 % der Bevölkerung Vegetarier, vegan ernährten sich danach etwa 0,1 % der Bevölkerung [1]. Bei Selbstangaben sind die Prozentzahlen deutlich höher. Etwa 7 – 10 % der deutschen Bevölkerung geben in Umfragen an, dass sie sich – in nicht näher definierter Art – vegetarisch ernähren. Und etwa 1 % der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre bezeichnete sich 2015 selbst als Veganer oder als jemand, der weitgehend auf tierische Produkte verzichtet [2]. In dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS 2003 – 2006 definierten sich 5 – 6 % der Kinder und Jugendlichen als Vegetarier. Bei genauerer Abfrage des Lebensmittelverzehrs waren es nur 1 – 2 % [3].

Viele sich vegetarisch ernährende Eltern wünschen eine entsprechende Kost auch für ihre Kinder. Aus pädiatrisch-ernährungswissenschaftlicher Sicht müssen diese Kostformen genau angeschaut werden. Es muss geprüft werden, ob durch sie alle wachstums- und entwicklungsbedingten hohen und spezifischen Nährstoffbedürfnisse des Kindes- und Jugendalters ausreichend und sicher gedeckt werden können.


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Ernährungskonzepte des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE)

In Deutschland hat das FKE wissenschaftlich basierte Ernährungskonzepte für das gesamte Wachstumsalter entwickelt, die am neuen Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) der Universitäts-Kinderklinik Bochum weitergeführt werden. An den „Ernährungsplan für das erste Lebensjahr“ schließt sich nahtlos das Konzept der „Optimierten Mischkost für Kinder und Jugendliche“ an. Dieses kann gleichzeitig Basis für die Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sein ([Abb. 1], [2]).

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Abb. 1 Der Ernährungsplan für das erste Lebensjahr. Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE). Vit.: Vitamin.
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Abb. 2 „Optimierte Mischkost“ für Kinder und Jugendliche. Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE).

Beiden Konzepten liegen wissenschaftliche Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr zugrunde. Unter Berücksichtigung bestehender Ernährungsgewohnheiten werden diese in praktische Richtlinien für die Lebensmittelauswahl in der Familie umgesetzt [4] [5]. Dabei werden auch Gesichtspunkte zur Prävention ernährungs(mit)bedingter Krankheiten wie Adipositas, Herzkreislaufkrankheiten und Diabetes berücksichtigt. Dies geschieht z. B. über die Qualität der Fett- und Kohlenhydratzufuhr und die Betonung auf pflanzliche Lebensmittel [6].

Grundlage für Ernährungsberatung

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat diese lebensmittelbasierten Konzepte mit durchkalkulierter Nährstoffzufuhr als vorbildlich für die Kinderernährung in Europa herausgestellt [7]. Der „Ernährungsplan für das erste Lebensjahr“ und die „Optimierte Mischkost“ sind wissenschaftliche Referenzinstrumente für die Kinderernährung in Deutschland [8] [9]. Durch die praktische und lebensnahe Formulierung sind sie Grundlage für die tagtägliche Ernährungsberatung durch Kinder- und Jugendärzte und für Ernährungsfachkräfte auf dem Gebiet der Kinderernährung [6].


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Ernährung im ersten Lebensjahr

In der Säuglingsernährung wird zwischen dem 5.–7. Lebensmonat als erste Beikost ein Gemüse-Kartoffel-Brei eingeführt. Wichtig ist, dass über einen Fleischzusatz Eisen mit hoher Bioverfügbarkeit zugeführt wird, da in diesem Alter die Eisenvorräte der Säuglinge erschöpft sind.


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Standard für Kinder und Jugendliche: ausgewogene Mischkost

In der Ernährung von Kindern und Jugendlichen stehen pflanzliche Lebensmittel im Vordergrund. Sie sollen reichlich verzehrt werden. Tierische Lebensmittel werden in moderaten Mengen als Träger spezifischer Nährstoffe empfohlen. Das sind z. B. Kalzium und Jod in Milch(-produkten), Eisen und Zink in Fleisch, Jod und langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren in Seefisch. Das Konzept dieser „Optimierten Mischkost“ vereint das präventive Potenzial einer pflanzenbetonten Kost mit der Sicherheit einer ausreichenden Nährstoffversorgung.

Merke

Die durchkalkulierten und bewährten Konzepte für die Ernährung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen in Deutschland gewährleisten mit hoher Sicherheit eine adäquate Zufuhr von Nährstoffen. Dies gilt für alle pädiatrischen Altersgruppen.


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Mögliche Vorteile einer „restriktiven“ Ernährung (in der Überflussgesellschaft)

In der Ernährungsepidemiologie gilt die Relation von pflanzlichen zu tierischen Lebensmitteln ebenso wie der Verarbeitungsgrad der Lebensmittel als Einflussfaktor für ernährungs(mit)bedingte sog. Zivilisationskrankheiten. So haben epidemiologische Studien gezeigt, dass ein hoher Verzehr von Fleischerzeugnissen das Risiko für einzelne Krebsarten erhöhen kann [10]. Demgegenüber können hohe Anteile an ballaststoffreichen Getreideprodukten sowie Gemüse und Obst einzelne Krankheitsrisiken senken, z. B. bei Herz-Kreislauf-Krankheiten [11] oder bei Diabetes mellitus Typ 2 [12]. Vegetarische Ernährungsformen sind unter diesen präventivmedizinischen Gesichtspunkten häufig günstiger zusammengesetzt als die übliche Kost in vielen westlichen Ländern [13].

Aktuelle Metaanalyse

Dazu passend zeigt auf den ersten Blick eine aktuelle Metaanalyse verschiedener Beobachtungsstudien folgendes: Personen unter vegetarischer Ernährung hatten gegenüber Personen ohne vegetarische Ernährung ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten und Krebs [14]. Und bei Kindern wird unter vegetarischer Kost ein präventiver Effekt auf die Adipositas diskutiert [15].

Auf den zweiten Blick lassen sich bei diesen epidemiologischen Studien verschiedene Punkte kritisch festhalten. Personengruppen mit vegetarischer Kost unterscheiden sich in typischen gesundheitsrelevanten Risikofaktoren systematisch von der Durchschnittsbevölkerung. Sie unterscheiden sich z. B. durch ein jüngeres Alter oder einen niedrigeren Body-Mass-Index.

Außerdem ist der Lebensstil von Vegetariern oft gesünder, z. B. mit weniger Alkohol, weniger Rauchen und mehr körperlicher Bewegung. So ist der typische Vegetarier in westlichen Ländern

  • weiblich,

  • jung,

  • gebildet und vermögend,

  • lebt in Städten und

  • pflegt einen gesunden Lebensstil [16].


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Analyse zweier prospektiver Studien

Die Schwierigkeit, separate gesundheitsfördernde Eigenschaften vegetarischer Kostformen jenseits von Lebensstilfaktoren definitiv nachzuweisen, zeigt unter anderem die Analyse zweier prospektiver Studien. Darin wurde die Sterblichkeit zwischen Personen mit vegetarischer Ernährung und Personen mit einer ebenfalls pflanzenbetonten Mischkost, die geringe Mengen an Fleisch- und Fleischerzeugnissen enthält, untersucht. Die Analyse fand keinen Unterschied zwischen diesen zwei Gruppen [17]. Zum aktuellen Stand der Diskussion liegen mehrere neue Übersichten vor [13] [18] [19].

Merke

Die Abschätzung gesundheitsfördernder Aspekte wird erschwert durch: Varianten in den Kostformen und die systematisch unterschiedliche Verteilung gesundheitsrelevanter körperlicher Merkmale und Verhaltensweisen bei Vegetariern gegenüber der Durchschnittsbevölkerung.


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Risiken „restriktiver Diäten“ für Kinder

Wenn eine Kostform von bewährten und sicheren Standards für die Kinderernährung abweicht, dann muss – ehe sie als populationsbezogene Empfehlung gelten kann – nachgewiesen sein, dass die Kostform eine ausreichende Deckung der wachstums- und entwicklungsbedingt hohen und spezifischen Nährstoffbedürfnisse in allen Altersgruppen gewährleistet. Bei Ausschluss ganzer Lebensmittelgruppen in der Kinder- und Jugendernährung besteht aber ein erhebliches Risiko, dass einzelne Nährstoffe nur in kritisch knapper Menge oder sogar unzureichend zugeführt werden [20]. Das Risiko einer Mangelversorgung wird umso größer, je einseitiger die Ernährung unter der Diät wird und je jünger die betreffenden Kinder sind.

Theoretisch können für einzelne „Ausschlusskostformen“ im Kindesalter kritisch reduzierte Nährstoffe benannt werden [21]. Ebenso können theoretisch Möglichkeiten einer ergänzenden Zufuhr aufgezeigt werden, um die durch einen Lebensmittelausschluss induzierte Minderversorgung zu kompensieren. Der praktischen Umsetzung steht allerdings entgegen, dass die bloße Angabe einer vegetarischen Ernährung durch die Eltern keine sicheren Rückschlüsse auf die individuelle Ernährungspraxis zulässt. Hinzu kommt, dass die derzeitige Studienlage in Europa und den USA mit nur wenigen, meist kleinen und mehrheitlich in den 1980er–90er Jahren durchgeführten Studien, unbefriedigend ist. Sie erlaubt keine validen Rückschlüsse auf die heutige Ernährungspraxis und den Gesundheitsstatus bei vegetarisch ernährten Kindern in Deutschland [22] ([Tab. 1]).

Tab. 1

Studienlage zur vegetarischen Ernährung bei Kindern [23].

Land

Studienjahr

Studiengruppen Anzahl

Studienteilnehmer Anzahl

Alter der Kinder Jahre

Großbritannien

1980 – 1990

3

20 – 50

 0 – 11

Niederlande

1980 – 1990

1

50 – 209

 0 – 17

Deutschland

1991[1]

1

13

 0 – 1

USA

19911

3

39 – 404

 0 – 12

Slowakei

19971

11

26 – 32

11 – 15

Belgien

19991

1

38

 6 – 17

Polen

2003 – 2011

5

 2 – 50

 2 – 18

1 Aus den Publikationen nicht eindeutig zu entnehmen.


Cave

Kostformen, die dauerhaft eine differenzierte Substitution von Nährstoffen einfordern, führen im Hinblick auf die bekanntermaßen ungenügende Therapieadhärenz in der Umsetzung von Ernährungsempfehlungen [24] zu Besorgnis.


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Kategorien vegetarischer Kostformen

Dem Oberbegriff Vegetarier oder Vegetarische Kost/Vegetarismus lassen sich verschiedene Ausprägungen unterordnen ([Tab. 2]).

Tab. 2

Vegetarische Kostformen und reduzierte Nährstoffe bei Kindern [25].

Kostform

Ausgeschlossene Lebensmittel

Reduzierte Nährstoffe

Lacto-ovo-vegetarisch

Fleisch, Fisch

Fleisch: tierisches Protein, Fe, Zn (hohe Bioverfügbarkeit), Vit. B12;

Fisch: Jod, n-3-LC-PUFA, Vit. D

Lacto-vegetarisch

Fleisch, Fisch und Eier

wie oben;

zusätzlich: tierisches Protein, Vit. D, A

Vegan

Fleisch, Fisch, Eier und Milch

wie oben;

zusätzlich: tierisches Protein, Vit. B12, Ca, Jod, Vit. B2, A

Makrobiotisch

Fleisch, (Fisch), Eier, Milch und Einschränkung pflanzlicher LM

wie oben;

zusätzlich: Energie, Fett

Fe: Eisen, Zn: Zink, Vit.: Vitamin, n-3-LC-PUFA: langkettige, mehrfach ungesättigte omega-3-Fettsäuren, Ca: Kalzium, LM: Lebensmittel.

Entsprechend dem Ausschluss von Lebensmittelgruppen kann man folgende Formen des Vegetarismus unterscheiden:

  • Lacto-Ovo-Vegetarier lehnen den Verzehr von Fleisch und Fisch (getötete Tiere) ab, akzeptieren aber Eier und Milch.

  • Lacto-Vegetarier lehnen den Verzehr von Fleisch, Fisch und Eiern ab, verzehren aber Milch.

  • Veganer ernähren sich ausschließlich von pflanzlicher Kost. Sie lehnen neben Fisch und Fleisch auch Eier, Milch, Milchprodukte und Honig ab. Als eine Untergruppe kann man Makrobioten betrachten, die Fisch zulassen, aber alle anderen tierischen Nahrungsmittel ablehnen. Und von den pflanzlichen bevorzugen sie hauptsächlich Getreide und bestimmte Gemüsesorten, sowie Algen und Sojaprodukte [25].

  • Semi-Vegetarier bzw. Flexitarier essen gelegentlich Fleisch oder Fisch, ähnlich wie Sieben-Tage-Adventisten, die allerdings häufig als „Vegetarier“ eingeordnet werden.

In der Lebenswirklichkeit finden sich meist fließende Übergänge zwischen den vegetarischen Kostformen.

Merke

Für die Ernährungsberatung unter einer „vegetarischen“ Kost ist immer eine sorgfältige und individuelle Ernährungsanamnese notwendig. Stichwortartige Selbstangaben zu einer einzelnen Kostform erlauben keine sicheren Rückschlüsse auf die konkrete Ernährung im Einzelfall.

Lacto-ovo-vegetarische Kost

Diese Kostform wird unter Vegetariern am häufigsten praktiziert. Neben tierischem Protein sind auch Nährstoffe wie Eisen, Zink, Vitamin B12 (in Fleisch) sowie Jod und langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren (in Fisch) bei dieser Kost reduziert. Bei summarischer Betrachtung besteht für Kinder und Jugendliche kein erhöhtes Risiko hinsichtlich Wachstum und Entwicklung [26] [27].

Cave

Für einzelne Personengruppen, die bereits unter empfohlener Mischkost das Risiko für einen Nährstoffmangel wie Eisen aufweisen, muss die Situation differenzierter betrachtet werden. Das gilt z. B. für weibliche Jugendliche und Säuglinge im zweiten Lebenshalbjahr [28].

Eisenstatus bei Säuglingen

So zeigen neue Daten, dass sich der Eisenstatus bei Säuglingen in Deutschland trotz Beratung anhand des „Ernährungsplans“ in den letzten Jahren verschlechtert hat. Die Gründe sind unter anderem die Abnahme des Eisengehalts in Formulanahrungen und des Fleischgehalts in Gläschenkost. Bei etwa 30 % der Säuglinge waren im Alter von 10 Monaten die Eisenspeicher erschöpft, aber noch ohne Entwicklung einer Anämie oder klinischen Auffälligkeiten [29] [30]. Das zunehmende Risiko für einen Eisenmangel bei Säuglingen mit alimentär niedriger Eisenzufuhr ist über europäische Daten gut belegt [31].

Unter einer lacto-ovo-vegetarischen Kost wird mit dem Verzicht auf Fleisch das zweiwertige Eisen in besonders gut bioverfügbarer Form (ca. 20 %) aus der Ernährung ausgeschlossen. Als ersatzweiser Kompromiss kann in der Säuglingsernährung anstatt Fleisch Vollkorngetreide mit (schlechter resorbierbarem) dreiwertigem Eisen (ca. 3 %) empfohlen werden. Die Kombination mit Vitamin C-reichen Zutaten verbessert die Resorption ([Tab. 3]). Für diese ernährungsphysiologisch zwar plausible Empfehlung liegen in Deutschland aber keine Daten zur tatsächlichen Umsetzung und zum darunter erzielten Eisenstatus vor.

Tab. 3

Standardrezept zur Selbstherstellung eines fleischhaltigen Beikost-Breis im „Ernährungsplan für das erste Lebensjahr“ ([Abb. 1]) und Abwandlung zu einem vegetarischen Brei.

Standardrezept

Vegetarisches Rezept

Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Mahlzeit

Gemüse-Kartoffel- Getreide-Mahlzeit

Zutaten

Menge (g)

Gemüse

90 – 100

90 – 100

Kartoffeln

50 – 60

50 – 60

Fleisch

20 – 30

Getreide (Vollkorn)

10

Wasser

20

Obstsaft, -püree

15 – 20

30

Rapsöl

 8 – 10

 8 – 10


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Weitere potentiell „kritische“ Nährstoffe in Risikophasen

Über die Zufuhr in Risikophasen wie Säuglingszeit oder auch Schwangerschaft liegen für folgende Nährstoffe nur unzureichende Erhebungen vor [23] [32]: Vitamin B12, Zink, Jod, langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3 Fettsäuren: Sie haben unter einer lacto-ovo-vegetarischen Kost eine potenziell reduzierte Zufuhr.

Merke

Bereits bei lacto-ovo-vegetarischer Kost sollte in Risikophasen die sichere Versorgung mit kritischen Nährstoffen durch individuelle Ernährungsanamnese geklärt werden. Im Einzelfall können ergänzende Labordaten, z. B. Eisenstatus, notwendig sein.


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Vegane Kost

Bei veganer Ernährung drohen multiple Nährstoffdefizite und auch ein Energiemangel. So kommt es über die Einschränkungen unter der lacto-ovo-vegetarischen Kost hinaus zur Reduktion von Kalzium, Jod, Vitamin B2 und Vitamin D (Milch). Vitamin B12 und tierisches Protein mit hoher biologischer Wertigkeit (gemessen am Aminosäuremuster) fehlen [23] [33].

Die alimentär induzierten Defizite gegenüber dem altersentsprechenden Nährstoffbedarf können allein durch die in der veganen Kost zulässigen Lebensmittel nicht oder nur teilweise kompensiert werden. Ein vollständiger Ausgleich der Defizite ist sehr aufwändig und erfordert spezielle Kenntnisse über die Zusammensetzung der Lebensmittel und den Einsatz von nährstoffangereicherten Lebensmitteln und Supplementen. Bei dem heterogenen Marktangebot von Lebensmitteln und Präparaten ist dies selbst für versierte Ernährungsfachkräfte und Ärzte extrem schwierig. Entsprechend zeigten Studien in Deutschland Tendenzen zur Unterversorgung mit Protein und vielen Mikronährstoffen bei erwachsenen Veganern [34]. Und bei Kindern in Osteuropa zeigten sich unter veganer Ernährung erniedrigte Spiegel von Vitamin D und eine verminderte Knochenmasse gegenüber omnivor ernährten Kindern [35].

Mangelzustände von Vitamin B12

Zahlreiche Fallberichte, auch aus Deutschland, beschreiben bei gestillten Säuglingen veganer Mütter ausgeprägte Mangelzustände von Vitamin B12 mit Anämie und zusätzlich, teilweise irreversiblen, neurologischen Störungen [36] [37]. Unter veganer Ernährung müssen aber nicht nur Säuglinge, sondern auch Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen regelmäßig mit Vitamin B12 supplementiert werden [38].

Cave

Ein besonderes medizinisches Problem ist die unzureichende Versorgung von gestillten Säuglingen veganer Mütter mit Vitamin B12.


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Indikation für industriell hergestellte Nahrungen

In der Säuglingsernährung ist eine tierisch eiweißfreie Ernährung eine Indikation für den Einsatz industriell hergestellter Sojanahrung für Säuglinge. Diese Indikation ist in der Gesetzgebung der Europäischen Union (EU) für Säuglingsanfangsnahrung und Folgenahrung eingeschlossen. Diese angereicherten Nahrungen können außer für Protein auch für andere Nährstoffe eine Quelle sein. Bei veganer Ernährung können sie auch über das Säuglingsalter hinaus eingesetzt werden. Die Sicherheit von Milch-Ersatznahrungen für Kinder ist allerdings in der Diskussion [39].


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Ernährungsstrategien unter veganer Kost

Merke

Eine vegane Kost erhöht bei Kindern das Risiko für eine unzureichende Versorgung mit multiplen Nährstoffen. Damit einher geht ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Schädigungen bzw. Entwicklungsstörungen.

Anhaltend differenzierte Ernährungsstrategien und kontinuierliche differenzierte Substitution müssen deshalb sichergestellt werden. Der Aufwand zur Deckung der Ernährungsdefizite unter veganer Kost ist durchaus vergleichbar mit komplexen Ernährungsplänen zur Risikovermeidung bei medizinisch notwendigen Diäten (komplexe Nahrungsmittelallergien, angeborene Stoffwechselerkrankungen). Ernährungsprotokolle geben Hinweise auf mögliche Risikonährstoffe und die Notwendigkeit evtl. ergänzender Diagnostik unter der individuellen Kostform. Der Wachstums- und Entwicklungsverlauf ist unter veganer Diät regelmäßig zu protokollieren.

Merke

Unter veganer Kost für Kinder und Jugendliche sind Beratung und Begleitung der Familie in Kooperation von Kinder- und Jugendarzt und Ernährungsfachkräften notwendig. Eine gute Compliance ist zwingend erforderlich.


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Stellungnahmen zur vegetarischen Ernährung bei Kindern

Die Positionen renommierter Institutionen zur vegetarischen Ernährung bei Kindern sind unterschiedlich akzentuiert; vermutlich auch als Folge der unzureichenden Studienlage [22].

American Dietetic Association und American Academy of Pediatrics

Die American Dietetic Association hält ebenso wie die American Academy of Pediatrics vegetarische Kostformen, einschließlich veganer Kost, unter der Voraussetzung für alle Lebenszyklen geeignet, dass für die gesamte Dauer der vegetarischen Ernährung mit einer hohen Anzahl von Maßnahmen die sonst eintretende Mangelversorgung vermieden wird [26] [40].


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Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)

Die DGE hält bei einer lacto-ovo-vegetarischen Ernährung für Schwangere, Stillende, Säuglinge und Kleinkinder besondere Sorgfalt für geboten. Eine rein pflanzliche, vegane Ernährung wird in Schwangerschaft und Stillzeit sowie im gesamten Kindes- und Jugendalter nicht empfohlen [19].


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Wissenschaftlicher Beirat des Netzwerks Junge Familie

Der Wissenschaftliche Beirat des Netzwerks Junge Familie rät unter Bezug auf die DGE und pädiatrische Gremien von einer ausschließlich veganen Säuglingsernährung ab. Das Risiko für einen Nährstoffmangel ist zu groß und die Gesundheit des Säuglings wird gefährdet [9].


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Schlussfolgerungen

In der Diskussion zwischen Anhängern vegetarischer Kostformen und ernährungsmedizinischen Ansätzen sind ideologische Argumente und gegenseitige Vorwürfe nicht zielführend. Vielmehr sind methodisch hochwertige Studien zur Nährstoffversorgung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen notwendig. Mit diesen Studien sollen gesundheitliche Risiken und ernährungsbedingte Präventionsmöglichkeiten der verschiedenen vegetarischen Kostformen, aber auch der Standard-Ernährungskonzepte, evidenzbasiert beurteilt werden.

Kernaussagen
  • Die bewährten Konzepte für die Kinderernährung in Deutschland gewährleisten mit hoher Sicherheit eine adäquate Nährstoffversorgung in allen Wachstums- und Entwicklungsphasen.

  • Die derzeitige Studienlage erlaubt keine validen Rückschlüsse auf die heutige Ernährungspraxis und den Gesundheitsstatus bei vegetarisch ernährten Kindern in Deutschland.

  • Es fehlen bisher überzeugende Argumente für gesundheitliche Vorteile vegetarischer Kostformen gegenüber den bewährten Standards.

  • Mit zunehmendem Ausschluss von Lebensmittelgruppen steigt im Kindesalter das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung. Damit sind auch Risiken für Wachstum und Entwicklung verbunden.

  • „Restriktive Ernährungsformen“ im Kindesalter erfordern je nach Strenge der Kost entsprechende „Sicherheitsvorkehrungen“. Und dies unabhängig davon, ob sie aufgrund medizinischer Erfordernisse indiziert sind (bei angeborenen Stoffwechselerkrankungen oder Nahrungsmittelallergien) oder von Eltern bzw. Jugendlichen selbst gewählt werden.

  • Bereits bei lacto-ovo-vegetarischer Kost sollte die sichere Versorgung mit kritischen Nährstoffen in Risikophasen wie Schwangerschaft und Säuglings- und Kleinkindalter, aber auch der Pubertät geklärt werden. Eine individuelle Ernährungsanamnese soll dazu die Grundlage sein, ggf. mit Unterstützung von Labordiagnostik. Im Einzelfall sind Ernährungsberatungen und spezielle Supplementation von Nährstoffen indiziert.

  • Bei veganer Kost besteht das Risiko für multiple Nährstoffdefizite mit erhöhten Risiken für gesundheitliche Gefährdungen und Entwicklungsstörungen. Von einer rein pflanzlichen veganen Ernährung wird im gesamten Wachstumsalter abgeraten.


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Prof. Dr. troph. Mathilde Kersting

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Leiterin des Forschungsdepartments Kinderernährung (FKE) der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum.
mathilde.kersting@ruhr-uni-bochum.de

Priv.-Doz. Dr. med. Hermann Kalhoff

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Stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund.
hermann.kalhoff@klinikumdo.de

Univ.-Prof. Dr. med. Michael Melter

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Direktor der KUNO (Kinder Uni Klinik Ostbayern) -Kliniken, der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Regensburg am Uniklinikum Regensburg und der Klinik St. Hedwig der Barmherzigen Brüder Regensburg. Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Regensburg.
michael.melter@ukr.de

Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Lücke.

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Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum.
luecke.thomas@ruhr-uni-bochum.de

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Korrespondenzadresse

Prof. Dr. Mathilde Kersting
Forschungsdepartment Kinderernährung
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Ruhr-Universität Bochum
Alexandrinenstraße 5
44791 Bochum
Phone: ++ 49/2 34/5 09 26 15   
Fax: ++ 49/2 34/5 09 26 97   


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Abb. 1 Der Ernährungsplan für das erste Lebensjahr. Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE). Vit.: Vitamin.
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Abb. 2 „Optimierte Mischkost“ für Kinder und Jugendliche. Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE).