Akt Rheumatol 2018; 43(01): 20-21
DOI: 10.1055/s-0043-122787
Für Sie notiert
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Fibromyalgie: was bringt die neue ACR-Klassifikation?

Ablin JN. et al.
A Comparative Evaluation of the 2011 and 2016 Criteria for Fibromyalgia.

J Rheumatol 1271-1276 2017;
44 (8) doi:10.3899/jrheum.170095
Further Information

Publication History

Publication Date:
05 March 2018 (online)

 

Die letzte Fassung der vom American College of Rheumatology (ACR) erstellten Fibromyalgie-Diagnosekriterien wurden im Jahr 2016 überarbeitet. Zwei Wissenschaftler aus Israel und den USA haben nun anhand eines großen Patientenkollektivs analysiert, in wiefern die beiden Klassifikationssysteme in diagnostischer Hinsicht übereinstimmen.


#

Die ersten, im Jahr 1990 vom ACR erstellten Kriterien zur Diagnose des Fibromyalgiesyndroms basierten allein auf der Definition sogenannter tender points. Diese Klassifikation wurde 2010 von der US-Fachgesellschaft zugunsten einer den Schweregrad der Beschwerden berücksichtigenden Einteilung verlassen. Da hierbei zur Diagnosesicherung allerdings die Mitwirkung eines Arztes erforderlich ist, was den Einsatz der Klassifikation im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen einschränkt, veröffentlichte das ACR 2011 eine revidierte Fassung, welche die vom Patienten beschriebene Symptomatik stärker berücksichtigt. Im Jahr 2016 folgte eine weitere Revision der Diagnosekriterien. Diese überarbeitete Fassung sollte unter anderem gewährleisten, dass Patienten mit regionalen Schmerzsyndromen - bspw. atypischen chronischen Extremitätenschmerzen, chronischen Störungen des Kiefergelenks oder chronischen Unterbauchschmerzen - nicht länger fälschlicherweise als Fibromyalgie-Patienten eingestuft werden. Die beiden Wissenschaftler haben nun die Fibromyalgie-Diagnosekriterien der Versionen von 2016 und von 2011 auf eine Kohorte von nahezu 17000 Patienten angewendet.

Ergebnisse

Mithilfe der US-amerikanischen „National Data Bank for Rheumatic Diseases“ wurden 16987 Patienten mit einer schmerzhaften rheumatischen Erkrankung identifiziert. 4731 Personen (27,9%) erfüllten gemäß der Klassifikation von 2011 die Fibromyalgie-Kriterien. Gemäß der aktuell gültigen Diagnosekriterien lag in 4077 Fällen (24,0%) eine Fibromyalgie vor. Dem entsprechend war in 96,2% der Fälle eine Übereinstimmung und in 3,9% der Fälle eine klassifikatorische Diskrepanz festzustellen. Der Grund: 654 der gemäß der ACR-Klassifikation von 2011 Fibromyalgie-positiven Personen (13,8%) erfüllten nicht das 2016 neu eingeführte Kriterium der „generalisierten Schmerzen“ (Schmerzen in mindestens vier von fünf verschiedenen Regionen). Wurde der „Polysymptomatic Distress“-Score (PSD) als diagnostisches Kriterium verwendet, variierte der Anteil der Fehldiagnosen zwischen 7 und 13%.

Zoom Image
Heftige Druckschmerzen an den Tender points sind charakteristisch für Fibromyalgie (Quelle: Andreae et al. Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen. 2. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2008).
Fazit

Aufgrund der höheren Anforderungen bezüglich der Ausdehnung der Schmerzempfindungen stellt die aktuell gültige Fibromyalgie-Klassifikation sicher, dass Individuen mit regionalen Schmerzsyndromen nicht mehr als Fibromyalgie-Patienten fehldiagnostiziert werden. Nach wie vor ist die Diagnose der Fibromyalgie jedoch eine Herausforderung, so die Autoren, da sie im Wesentlichen auf der Beurteilung subjektiver Beschwerden beruht und hierbei auch der soziale und kulturelle Kontext eine wichtige Rolle spielt.

Dr. med. Judith Lorenz, Künzell


#
#


Zoom Image
Heftige Druckschmerzen an den Tender points sind charakteristisch für Fibromyalgie (Quelle: Andreae et al. Lexikon der Krankheiten und Untersuchungen. 2. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2008).